Die Angst versetzte mir einen Stich ins Herz, als Gabriel die Turnhalle betrat, und mein Instinkt schrie danach, meinen Hintern hier schleunigst rauszuschwingen, aber ich hielt durch – ich hielt zu meiner Gnade.
»Trinity«, sprach er mich an, und der Klang seiner Stimme glich rostigen Nägeln, die über meine Nerven kratzten. »Ich wusste, du würdest kommen.«
Nicolai würde sehr wütend sein, wenn er erfuhr, dass er recht gehabt hatte.
Das Ganze war eine Falle gewesen.
»Wow«, sagte ich und zwang mich zu einem ruhigen Tonfall. »Ein nicht besonders beeindruckender Auftritt.«
Gabriel blieb stehen und neigte den Kopf zur Seite. Er war mir jetzt sehr nahe, seine Gesichtszüge waren für mich klar zu erkennen, und so konnte ich auch sehen, dass sich das Schwarz seiner Adern über die sich ständig verändernden Schattierungen der Haut an seinem Hals ausbreitete.
Das konnte nicht gut sein.
»Was ist mit den Trompeten und den Erdbeben passiert? Hatten die Lampenfieber und konnten nicht performen?«, fragte ich missbilligend. »Ich hab gehört, dagegen gibt’s Tabletten.«
Er richtete den Kopf auf. »Ich merke, du hast immer noch keine Kontrolle über dein Mundwerk.«
»Und ich wette, du hast keine Ahnung, worauf ich mich beziehe, was meine unreife Schnoddrigkeit weniger unterhaltsam macht.« Das Schwert des Michael spuckte Feuer, und ich trat vorsichtig einen Schritt zurück. Hinter mir vernahm ich keine Bewegung, und mir war klar, dass ich den Blick nicht vom Boten abwenden durfte. Ich hoffte bloß, dass die Wächter am Boden lagen, aber nicht zu schwer verletzt waren.
»Mach dir keine Sorgen, Kind des Michael. Ich finde dich immer einnehmend.«
»Freut mich zu hören.« Ich zwang mein Herz, ruhiger zu schlagen. Ich musste meine Energie aufsparen. Ohne Beschützer würde ich müde werden, mich langsam bewegen und anfällig für Fehler sein. Es gab kein festes Zeitlimit, wann das passieren würde, aber wenn man bedachte, dass ich noch in der Heilungsphase war, vermutlich nicht allzu lange.
»Natürlich.« Er ließ die Flügel sinken. »Ich muss zugeben, ich bin überrascht, dich so streitlustig zu sehen. Vielleicht muss ich dir noch ein paar Knochen brechen und einen der Wächter hinter dir töten.«
Heftige Wut durchströmte mich, und das Schwert des Michael flackerte intensiv.
Gabriel lachte und warf den Kopf in den Nacken. »Du bist so wütend. Ich kann es schmecken. Tun meine Worte weh? Ist es, weil ich dir deinen Beschützer genommen habe? Du solltest nicht wütend auf mich sein. Wenn Gott sich kümmern würde, hätten sich deine Verluste nicht derart gehäuft. Du musst dich für den Tod derer, die du geliebt hast, rächen wollen.«
Gabriel hatte Zayne getötet, und er war mitverantwortlich für das, was mit Misha und meiner Mutter passiert war, und da wollte er, dass ich Gott die Schuld gab? Der tickte doch nicht mehr ganz richtig! Doch plötzlich kam mir in den Sinn, dass er vielleicht nichts von Zaynes Fall und seiner anschließenden Rückkehr ahnte. Das könnte noch von Vorteil sein.
Falls sich Zayne davon erholte.
Und ich überhaupt eine Gelegenheit bekäme, zu versuchen, ihn zurückzuholen.
»Das hier ist kein Spiel, Trueborn. Hier gibt’s nichts für dich zu gewinnen. Es ist bereits vorbei. Warum machst du’s dir da so schwer? Du konntest deinen Beschützer nicht retten«, sagte er, und ich zuckte innerlich zusammen. »Und niemand kann die menschliche Rasse retten, nicht wenn sie nicht bereit ist, sich selbst zu retten. Die Zeit ist abgelaufen. Nichts kann das mehr aufhalten.«
»Das Thema schon wieder«, erwiderte ich.
»Das ist die Wahrheit. Man muss nur einen Schritt nach draußen machen, um sie zu sehen. Sie haben sich gestattet, von Hass, Gier, Stolz und Völlerei verzehrt zu werden. Sie ernähren sich vom Schmerz anderer. Sie sind von Natur aus egoistisch. Das kann man nicht ändern, Trueborn. Sie können nicht gerettet werden.«
»Du tust so, als ob jeder Mensch so wäre, und ich werde nicht lügen. Es gibt eine Menge beschissener Menschen, aber weißt du, was?«, hielt ich dagegen. »Alle über einen Kamm zu scheren wäre so, als würde man sagen, dass alle Engel einfach zu groß geratene Kleinkinder sind, die einen Wutanfall bekommen, weil sie nicht mehr BFF von Gott sind.«
»BFF?«, wiederholte er.
»Herrje!«, murmelte ich. »BFF heißt best friends forever. Im Ernst, ich frage noch mal, wie soll ich eigentlich Angst vor dir haben, wenn du nicht mal weißt, was das bedeutet?«
Die dadurch beleidigte Gnade flackerte auf. »Aber du hast doch schon Angst – Angst vor mir und der Rolle, die du beim Tod so vieler Menschen gespielt hast. Angst, weil ich recht habe, was die Menschen betrifft.« Er grinste. »Die menschliche Rasse hat keine weitere Chance verdient. Sie ist ohne Glauben und verdammt, und Gott ist genauso verloren wie seine Schöpfungen. Gib deiner Wut nach, und schließ dich mir an.« Gabriel hob die Hände, die Handflächen geöffnet. »Ich werde der Vater sein, den du nie hattest, und bei mir wirst du dein Verderben finden.«
Ich brach spontan in Gelächter aus – ein lautes, fieses Gackern, das ich nicht unterdrücken konnte, während ich ihn weiter anstarrte.
Gabriel runzelte die Stirn.
»Tut mir leid. Ich weiß, dass du versuchst, furchterregend und bedrohlich zu sein«, sagte ich. »Aber alles, was du dem noch hinzufügen musst, ist: ›Ich bin dein Vater, Luke‹, und dann wäre die Sache einfach perfekt. «
»Verstehe ich nicht.«
»Natürlich nicht.« Ich schüttelte den Kopf. »Hat das eklige Zeug in deinen Flügeln dein Gehirn infiziert oder so ähnlich? Denn offensichtlich bist du nicht ganz bei Verstand.« Ich umklammerte den Griff meines Schwerts mit beiden Händen. »Du hast recht. Ich bin wütend, aber ich bin nicht so irrational oder dumm, jemand anderem als dir die Schuld zu geben. Du bist der Einzige, an dem ich mich rächen will. Du magst die Quelle meiner Wut sein, aber nicht mein Verderben.«
Er spitzte die Lippen und stieß ein wütendes Knurren aus. »Das ist unglaublich enttäuschend zu hören, vor allem weil ich so großzügig bin und dir nicht nur eine, sondern gleich zwei Chancen gebe, es dir leicht zu machen. Mehr Chancen wirst du nicht bekommen.«
Bevor ich etwas weniger Schlaues entgegnen konnte, kam Gabriel auf mich zu. Ein einziger Segen, dass er seine Gnade nicht beschworen hatte.
Ein kleiner Segen.
Ich schwang das Schwert des Michael, aber Gabriel schnappte sich sofort meine beiden Handgelenke.
»Ich kenne jemanden, der unbedingt Zeit mit dir verbringen möchte.« An den Armen hob er mich vom Boden. »Bael wird froh sein zu hören, dass du nicht sehr willig warst. Er hat sich schon so darauf gefreut, dich besser kennenzulernen.«
Als meine Füße in der Luft baumelten, drohte mich Panik zu ergreifen. Die Funken des himmlischen Feuers sprühten harmlos zwischen unseren Gesichtern.
»Dämonen lieben es, Münder und Zähne in alles zu schlagen, was Engelsblut enthält.« Dünne tiefschwarze Äderchen sickerten durch seine weißen Augen. »Ich brauche dich bloß lebendig, aber nicht unbedingt in einem Stück.«
Angst und Panik unterdrückend, spannte ich die Muskeln in Beinen und Bauch an. »Wie sollte ich am Leben sein, wenn ich nicht in einem Stück bin?«
»Du wärst überrascht, was ein Körper alles aushält«, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Aber das wirst du noch früh genug erfahren.«
»Klingt nach jeder Menge Spaß, doch ich muss leider passen.« Ich zog die Beine an, trat dann aus und knallte die Füße in seine Brust.
Der Tritt verursachte keine Verletzung, aber Gabriel war überrascht. Er taumelte nach hinten und löste seinen Griff. Im Fallen drehte ich mich und schlug deshalb mit der linken Hüfte auf dem Boden auf. Schmerz loderte auf, doch ich ignorierte ihn und trat erneut aus, zielte auf seine Füße, aber er kam mir zuvor. In meinem toten Winkel schnappte er sich meinen Zopf und riss meinen Kopf zurück.
»Kommt dir bekannt vor, nicht wahr?«, gurrte er. »Du musst doch wissen, dass du mich nicht besiegen kannst. Dass es sinnlos und schmerzhaft ist, sich zu wehren. Warum solltest du es da überhaupt versuchen?«
»Keine Ahnung«, antwortete ich keuchend, während ich die Muskeln in meinem Hals anspannte. »Ich bin eben stur.«
»Dickschädel hin oder her, ich kann ihn dennoch allein mit den Händen zerschmettern.«
»Gratuliere.« Ich stieß zu.
Gabriel wirbelte zur Seite, aber die Klinge des Schwerts glitt über seinen Oberschenkel und schlitzte die weiße Hose und die Haut darunter auf. Schwarze, ölige Flüssigkeit spritzte auf sein Bein, und er atmete scharf ein.
Mein Herz überschlug sich, und ich riss verblüfft die Augen auf. Ich hatte ihn mit der Klinge erwischt.
Holy Shit, ich hatte ihn tatsächlich erwischt.
Ich sah in sein schockiertes Gesicht. Gabriel war unglaublich schnell, aber ich hatte ihn erwischt. Bedeutete das, dass er geschwächt war? Vielleicht hatte das etwas mit dem klebrigen Zeug in seinen Flügeln und Adern zu tun …
Der darauffolgende Schlag an meiner Wange verblüffte mich. Ich kippte um wie ein Stapel Bauklötze. Mein Mund füllte sich mit Blut. Das Schwert des Michael sackte in einem Regen goldweißer Funken in sich zusammen, da sich meine Gnade zurückzog. Winzige schwarze Punkte trübten mein Sichtfeld, während ich mich auf den Rücken rollte.
»Autsch«, flüsterte ich und blinzelte die Flecken vor meinen Augen weg.
Nur wenige Zentimeter von meinem Gesicht entfernt sah ich einen nackten Fuß.
»Oh Gott«, rief ich und warf mich auf die Seite.
Der Boden vibrierte unter Gabriels Aufstampfen. Ich stieß mich von der Erde ab und zog die Dolche aus der Scheide. Gabriel umklammerte meine Kehle und drückte mir die Luft ab, während er mich erneut vom Boden hob. Ich schwang die Arme in weitem Bogen und rammte die Dolche rechts und links in seine Schultern. Die Klingen schnitten durch Muskeln und Gewebe und trafen auf Knochen.
Vor Schmerz heulte er laut auf. »Du dummer …«
Eine Serie von knallenden Geräuschen, die mich an Feuerwerkskörper erinnerten, unterbrach ihn. Gabriels ganzer Körper zuckte und krampfte. Er ließ mich fallen und löste sich dabei von meinen Dolchen. Ich landete auf den Füßen, verlor das Gleichgewicht, und Gabriel wirbelte herum. Seine Flügel trafen mich und warfen mich um. Würgend fiel ich auf die Seite, und die Knallgeräusche gingen erneut in schneller Folge los. Ich hob den Kopf.
Captain Washington stand in der Tür und richtete die Waffe auf Gabriel. Sie feuerte, ohne zu zögern, und traf den Erzengel mehrfach in die Brust.
Gabriels Gebrüll erschütterte den Boden, und irgendjemand packte mich an den Schultern. Ich änderte die Richtung, sah dann aber rötlich-braunes Haar und Hörner vor mir. Dez. Sein Gesicht war blutverschmiert. Er zerrte mich weg, während ich mich nach Gabriel umsah. Pistolenkugeln würden ihn nicht ausschalten und ihn vermutlich nur noch mehr verärgern.
Aber Gabriel … er war oben bei den Dachbalken der Turnhalle, wo die Geister übereinanderkletterten, um ihm zu entkommen. Er flog rückwärts durch die Tür, aus der er gekommen war.
Er zog sich zurück.
Ich atmete tief und unregelmäßig ein und konnte das alles nicht fassen.
»Geht es dir gut?« Dez hob mich auf die Füße, zog mich an seine Brust. »Trinity?«
Nickend blickte ich zu Captain Washington. Sie hielt immer noch ihre Waffe ausgestreckt. Hinter ihr kämpften sich Teller und Jordan auf die Beine.
»Ich glaube, ich habe eben einen echten Engel erschossen. Mehrmals«, sagte Captain Washington heiser. »Heißt das, ich komme in die Hölle?«
»Im Gegenteil«, sagte ich keuchend. »Ob Sie’s glauben oder nicht: im Gegenteil.«
Danach war keine Zeit, lange darüber nachzudenken, wie knapp ich einer Gefangenschaft entkommen war.
Die arme Polizeichefin schien in einem Schockzustand zu sein, und ihre vermissten Beamten an der Anzeigetafel baumeln zu sehen machte es auch nicht besser. Keine Ahnung, was Dez ihr erzählt hatte und wie sie das alles ihrer Behörde, der Öffentlichkeit oder den Familien der zum Opfer gefallenen Bauarbeiter und Polizisten erklären wollte. Ich beneidete sie nicht.
Oder Dez.
Kurz nachdem wir die Schule verlassen hatten, tauchte Nicolai auf, und als er mich sah, wirkte er, als wolle er Dez umbringen.
Das einzig Gute, das aus diesem kleinen Abenteuer resultierte, war, die Stilllegung aller Renovierungsarbeiten in der Schule und eine mögliche Schwäche an Gabriel entdeckt zu haben. Doch beides war vom sinnlosen Verlust von Leben überschattet. Die Bauarbeiter und Polizisten waren grundlos getötet worden, und zwölf Familien und Freundeskreise würden nie wieder dieselben sein.
Als Dez mich wieder am Apartment absetzte, klappte ich vor lauter Erschöpfung sofort zusammen. Ich wusste, dass die Wächter nach Zayne suchen und sich melden würden, wenn sie ihn entdeckten, aber mein Instinkt sagte mir, dass sie nicht einen Hauch von ihm erhaschen würden. Ich fiel in tiefen Schlaf, in dem mich die Schrecken der Turnhalle nicht verfolgen konnten, und schlief die ganze Nacht durch bis zum frühen Montagnachmittag. Als ich mich endlich aus dem Bett schleppte, bewegte ich mich mit der Geschwindigkeit einer dreibeinigen Schildkröte.
Mich anzuziehen und fertig zu machen nahm extrem viel Zeit in Anspruch. Meine Gedanken kreisten um alles, was in der Nacht zuvor passiert war, um meinen Plan, die Alte zu treffen, und um das Erlebnis mit Zayne. Jeder Muskel meines Körpers war irgendwie steif, als ich mir eine schwarze Hose anzog, die mehr eine Leggings als eine richtige Hose war, aber mit praktischen Taschen am Po. Mein Rücken protestierte, als ich mir eine ärmellose Tunika überwarf, die nicht nur sauber aussah, sondern auch die Dolche verbarg, die an meinen Oberschenkeln steckten. Ich verzichtete auf Sneakers und entschied mich stattdessen für ein Paar Schnürstiefel mit dicken Sohlen, die eine gute Bodenhaftung hatten. Ich dachte, das wäre vielleicht von Vorteil.
Dann strich ich mein Haar zu einem Zopf zurück und nutzte die Zeit vor dem Spiegel, um eine Art innere Mitte zu finden. All die Fortschritte in Sachen blauer Flecken waren zunichtegemacht. Ich sah wieder aus, als wäre ich mit dem Gesicht gegen eine Backsteinmauer geknallt. Ein schöner rötlich-blauer Bluterguss bedeckte meine rechte Wange und den Mundwinkel. In der Lippe war ein kleiner Riss, der die Minzzahnpasta nicht gut vertragen hatte, aber ich ging davon aus, dass das noch bei Weitem besser war, als das, was aus meinem Gesicht hätte werden können, wenn ich aus dem zwanzigsten Stockwerk in besagte Wand gekracht wäre.
Ich drehte den Kopf zur Seite und betrachtete den schönen Abdruck von Gabriels Fingern. Oh Mann, sein letzter Abdruck war eben erst verheilt …
Da bemerkte ich den schwach violetten Bluterguss im Übergang vom Hals zur Schulter. Ich zog den Kragen der Tunika etwas beiseite und beugte mich näher zum Spiegel. Als ich erkannte, was es war, wurde mir heiß, und ich errötete.
Ein Knutschfleck.
»Oh, um Gottes willen«, murmelte ich, während sich mein Magen zusammenzog. Schnell zerrte ich den Kragen der Tunika wieder an ihren Platz.
Daraufhin kehrte ich ins Schlafzimmer zurück und schaute mich um. Ich erwartete schon, Peanut aus der Wand schweben zu sehen, aber kein Zeichen von ihm. Seufzend nahm ich mein Handy vom Nachttisch. Da war eine Nachricht von Dez. Wie erwartet nichts Neues von Zayne, aber Gideon hatte etwas über den toten Kerl herausfinden können, den wir im Park gefunden hatten. Der, den Zayne … erledigt hatte. Anscheinend war er wirklich kein netter Kerl gewesen. Ein paar Anklagen, die vor Gericht fallen gelassen wurden, aber viele Beweise, die nahelegten, dass er eigentlich hätte inhaftiert werden und gleich auf mehreren Fahndungslisten stehen müssen.
Zayne hatte also nicht gelogen, und so verkorkst das auch war, war das eine gute Nachricht. Mir war klar, dass ich Dez wegen meiner Pläne für heute vorwarnen sollte, darum schrieb ich ihm, dass Cayman und ich einer Spur nachgehen würden.
Nicht mal eine Minute nachdem ich auf Senden gedrückt hatte, läutete mein Handy.
Dez war nicht allzu begeistert, dass ich nichts Genaueres sagen konnte, aber ich schaffte es, ihn zu überzeugen, weil ich nicht allein auf die Suche nach Zayne gehen würde.
Dann herrschte eine Weile Schweigen.
»Bist du vergangene Nacht wirklich zu Hause geblieben? Du bist nicht wieder rausgegangen?«, fragte er. »Ganz ehrlich?«
»Du hast doch gesehen, in was für einem Zustand ich war. Ich war fix und fertig. Ich hab die ganze Nacht geschlafen«, erklärte ich, während ich meine schmutzigen Klamotten aufhob und sie in einen kleinen Wäschekorb warf.
»Ja, du warst definitiv fertig.«
Daraufhin fragte ich mich, welchen Eindruck ich wohl auf andere gemacht hatte, und da fiel mir mein heutiges Spiegelbild ein, und ich runzelte die Stirn.
Dez war wieder einen Moment lang still, doch dann hörte ich einen schweren Seufzer, und ich ahnte, es würde etwas kommen, das ich wahrscheinlich nicht hören wollte. »Ich habe eine Menge über Zayne nachgedacht, Trinity. Eine Reihe von Gedanken, die ich lieber nicht angestellt hätte, aber es musste sein. Ich glaube, wir müssen uns darauf vorbereiten, dass er … dass er vielleicht nicht zu uns zurückkehrt.«
Ich unterdrückte einen spontanen Wutanfall und stellte den Wäschekorb neben die Waschmaschine und den Trockner. »Er ist da drin, Dez. Ich weiß, dass es so ist.«
»Ich möchte das ja auch glauben. Mehr, als du wahrscheinlich annimmst, aber der, den wir im Park gesehen haben, war nicht Zayne.«
»Er ist immer noch da drin«, wiederholte ich und warf eine Waschmittelkapsel zu den Klamotten, während ich überlegte, was Zayne gesagt hatte, bevor er gegangen war. Die Sache, die einen Teil von mir einnimmt, wird dich verletzen. »Glaub mir, ich weiß, dass er es ist. Ich werde ihn zurückholen.«
»Wir sollten bloß vorbereitet sein«, antwortete Dez. »Das ist alles, was ich damit sagen will.«
»Ja, ich weiß.« Ich knallte die Tür der Waschmaschine so fest zu, dass sich Peanut erschreckt hätte, wäre er in der Nähe gewesen. Peanut. Plötzlich kam mir etwas in den Sinn. »Kannst du Gideon bitten, etwas für mich zu checken?«
»Klar. Was brauchst du?«
»Keine Ahnung, ob er überhaupt helfen kann, aber in diesem Gebäude hier wohnt ein Mädchen. Sie heißt Gena«, sagte ich. »Ihren Nachnamen kenne ich nicht und weiß auch nicht, wer ihre Eltern sind. Ich weiß nur, dass sie in einem der unteren Stockwerke wohnt. Ich muss rauskriegen, in welchem Apartment.«
»Das wird schwierig, wenn du nur ihren Vornamen kennst, aber in manchen Wohnungen müssen alle Bewohner beim Verwalter eingetragen werden. Ich werde mal sehen, ob sich Gideon in den Rechner der Hausverwaltung hacken kann.«
»Perfekt«, sagte ich und wusste, dass meine Überlegungen vielleicht etwas weit hergeholt waren.
»Möchte ich wissen, warum du diese Information willst?«, fragte Dez wenig später.
»Es hat mit einem Geist zu tun, also wahrscheinlich nicht.«
»Stimmt. Möchte ich nicht wissen.«
Als ich zum Kühlschrank ging, schoss mir noch eine andere Sache durch den Kopf. »Da ist noch was, was ich mich frage. Gideon scheint eine Menge über die Geschichte der Wächter und sogar der Trueborns zu wissen, richtig?«
»Ja. Er weiß mehr als jeder andere von uns«, antwortete Dez.
Ich knabberte am Daumennagel und blickte auf die Kühlschranktür. »Ich habe mich gefragt, ob er herausfinden kann, ob … ob irgendwie dokumentiert ist, dass Trueborns jemals, du weißt schon, Kinder bekommen haben.« Innerlich zuckte ich zusammen. »Ich meine, ob es Aufzeichnungen darüber gibt, dass sie je schwanger wurden oder jemand geschwängert haben.«
Am anderen Ende der Leitung war es dermaßen still geworden, dass ich wahrscheinlich eine Grille hätte niesen hören können.
Dann räusperte sich Dez. »Das war eine sehr unerwartete Frage, Trinity.«
Ich verzog das Gesicht. Es war einfach nur eine Frage, eine, die ich wirklich nicht hatte stellen wollen, aber Dez zu fragen war viel besser, als Thierry oder Matthew anzurufen. »Ich bin nur neugierig.«
»Und du fragst für einen Freund, richtig?« Sein Ton war so trocken wie die Wüste.
»Ja. Definitiv frage ich für einen Freund.« Ich drehte mich um und beugte mich nach vorn, um mit der Stirn sanft gegen den kühlen Granit der Arbeitsfläche zu schlagen. »Also, meinst du, Gideon weiß das oder könnte es rausfinden?«
»Ich kann ihn fragen«, sagte Dez, und es entstand eine Pause, in der es sich anhörte, als würde bei ihm eine Tür geschlossen. »Hör mal … ähm … ich weiß nicht, wie ich es anders sagen soll, als es schlicht anzusprechen.«
Ich hörte auf, meinen Kopf auf den Granit zu schlagen, und ließ ihn auf der Arbeitsfläche liegen.
»Sollten Trueborns und Wächter biologisch kompatibel sein, glaube ich nicht, dass nach dem, was du mit Gabriel durchgemacht hast, irgendeine … äh … Schwangerschaft … positiv verlaufen würde«, erklärte Dez und klang, als wolle er sein Gehirn mit einer Drahtbürste schrubben. »Ich meine ja nur, falls du das denkst, aber wenn du dir Sorgen machst, es gibt da so etwas, das nennt sich Schwangerschaftstest. Den kann man in fast jeder …«
»Oh mein Gott, das weiß ich doch.« Ich hob den Kopf. »Und ich weiß auch, dass es nach dem, was mit Gabriel war, kein mögliches Thema mehr ist.«
»Warum willst du dann überhaupt …?« Dez atmete hörbar ein. »Trinity.«
Wieder zuckte ich innerlich zusammen. »Okay. Na ja, ich brauche …«
»Wage es ja nicht, aufzulegen«, unterbrach er mich. »Du hast Zayne wiedergesehen, oder? Was, zum Teufel, ist passiert? Was …?«, brach er fluchend ab, und als er wieder sprach, war seine Stimme unangenehm leise. »Ist etwas passiert? Hat er etwas getan?«
Oh mein Gott, ich wusste, was Dez meinte.
Erneut schlug ich mit der Stirn auf die Arbeitsplatte. »Nichts, an dem ich nicht aktiv und aus vollem Herzen teilgenommen hätte.«
Mehr Schweigen am anderen Ende.
»Komm, das ist mir peinlich«, sagte ich.
»Ach was«, schoss er zurück.
»Und ich würde gern einen auf Taylor Swift machen und mich selbst aus dieser Erzählung entfernen.«
»Es ist aber deine Erzählung, Trinity.«
»Ich weiß«, murmelte ich. »Kannst du Gideon einfach für mich fragen? Denn ehrlich gesagt habe ich keinen Schimmer, ob das bei Trueborns überhaupt möglich ist, und ich würde es einfach gern wissen.«
»Aus reiner Neugier.«
»Natürlich.«
Dez seufzte so schwer, dass ich mich wunderte, dass mein Handy nicht vibrierte. »Ja, ich frage nach, ob er’s weiß.«
»Danke.« Zu dem Zeitpunkt lag ich schon halb auf der Arbeitsfläche in der Küche. »Okay, jetzt werde ich Bleiche trinken. Ich sag dir Bescheid, was mit unserer Spur ist.«
»Trinity?«
»Ja?«, fragte ich jämmerlich.
»Sei vorsichtig«, antwortete Dez nun wieder sanft. »Sei einfach … sei einfach verdammt vorsichtig, okay? Zayne bedeutet dir eine Menge. Ich weiß, dass er das tut. Er bedeutet uns auch eine Menge. Aber allen anderen bedeutest du die Welt, und wenn dir etwas zustößt, wird es keine Welt mehr geben.«
Kurz nach dem peinlichsten Telefonat in der Geschichte der Menschheit tauchte Cayman auf. Ich erlaubte mir nicht, über die nächste Minute hinaus zu denken, als wir die Wohnung verließen. Zu viel war unbekannt, und zu viel hing davon ab, was noch ungewiss war. Die Alte konnte die Stadt bereits verlassen haben. Vielleicht war sie noch im Hotel, verlangte aber etwas, das ich ihr nicht geben konnte – schließlich erwartete ich nicht, dass sie mir aus reiner Herzensgüte half. Sie könnte sich möglicherweise weigern. Ich dachte also an nichts, als Cayman und ich mit dem Aufzug ins Erdgeschoss fuhren. Er hatte kein Auto, sondern bestellte ein Uber.
Kurze Zeit später hielt eine schwarze Limousine neben dem Gehweg, und wir stiegen ein.
Während der gesamten Fahrt zum Hotel wippte ich mit dem Fuß, weil sich nervöse Energie aufbaute und sich mit meiner Gnade vermischte. Ich fühlte mich wie ein frei liegender stromführender Draht, als wir an dem uns bereits bekannten Hotel ankamen.
»Ich warte im Apartment auf dich«, sagte Cayman. »Ruf mich an, wenn du kannst.«
»Gehst du diesmal ran?« Ich öffnete die Wagentür.
Er nickte. »Meine Gedanken und Gebete begleiten dich.«
Hinter meiner Sonnenbrille warf ich ihm einen finsteren Blick zu, sodass er immer noch grinste, als ich die Tür schloss. Ich drehte mich um und lief über den Gehweg, trat aus der immer noch seltsam kühlen Luft und hinein in die fast eisigen Temperaturen der Hotellobby. Dann machte ich mich auf den Weg zum Aufzug und drückte in der Kabine den Knopf für den dreizehnten Stock.
Ich trat einen Schritt zurück, um vor den Türen zu stehen, bewegte mich nicht weiter, die Sonnenbrille schützte noch immer meine Augen, die Hände ruhten an meinen Seiten. Als der Fahrstuhl sanft zum Stehen kam, beruhigte sich mein rasender Herzschlag endlich. Ich ging in den Flur, folgte ihm bis zu einer Kurve, und schließlich kam das Restaurant in Sicht. Ich sah die Lichter hinter den getönten Scheiben.
Irgendwie konnte ich nicht glauben, dass ich wieder hier war. Nach dem letzten Mal hatte ich das eigentlich nicht mehr vorgehabt. Meiner Meinung nach war das hier nichts weiter als ein Friedhof.
Ich nahm die Sonnenbrille ab, steckte einen der Bügel in den Ausschnitt meiner Tunika und blickte dann nach oben und nach links, wo eine Kamera gewesen war, die Roth zerstört hatte. Doch es war eine neue installiert worden. Ein weiteres gutes Zeichen. Ich öffnete die Tür. Es war keine fröhliche Jazzmusik zu hören. Kein Klirren und Scheppern von Geschirr und Besteck. Meine Augen hatten ein wenig Mühe, sich an den schwach beleuchteten Saal zu gewöhnen, aber ich erkannte die Frau hinter dem Empfangstisch, und der Art nach zu schließen, wie die dunkelhaarige Frau einen beeindruckenden Strom von leisen Flüchen ausstieß, erkannte sie mich auch.
»Rowena …«
»Nur damit du’s weißt«, unterbrach sie mich gleich. »Diesmal putze ich keine Schweinereien weg. Ich habe noch tagelang Asche an Stellen gefunden, an denen keine Asche sein sollte.«
In Anbetracht der Tatsache, dass die Asche, auf die sie sich da bezog, aus menschlichen Überresten ihrer Kollegen des Hexenzirkels bestanden hatte, fand ich, dass sie eigentlich nirgendwohin gehört hätte, aber egal. »Hoffentlich gibt es diesmal keinen Grund, eine Schweinerei zu hinterlassen. Ist die Alte da?«
Rowena antwortete eine ganze Weile nicht, dann aber nickte sie knapp und gab mir ein Zeichen, ihr zu folgen.
Danke, ihr Baby-Alpakas allüberall.
Wir gingen an der Wand entlang, die den Essbereich abgrenzte, und ich versuchte alles, um so viel wie möglich zu sehen. Das Restaurant sah ganz anders aus als vorher. Alle Sitzecken waren entfernt worden, genauso wie alle Tische und Stühle, bis auf einen runden Tisch. Der befand sich unter einem funkelnden Kronleuchter, und darum standen drei Stühle. Einer war besetzt.
»Da wären wir«, sagte Rowena, machte auf dem Absatz kehrt und schlenderte zurück zum vorderen Teil des Restaurants.
»Steh da nicht so rum, Mädchen«, rief die Alte mit dem Rücken zu mir. »Ich werde auch nicht jünger. Du kannst dich hier links hinsetzen.«
Ich bekam eine Gänsehaut, während ich vorwärts ging. Offensichtlich war mein Erscheinen keine Überraschung. Ich schluckte und ging zu dem Stuhl, den sie gemeint hatte, dann setzte ich mich und konnte sie schließlich besser sehen. Die Alte war so betagt, als hätte sie schon die vorletzte Jahrhundertwende miterlebt. Ihr Haar hatte die Farbe von Schnee, und ihre stark gebräunte Haut war voller Furchen und Falten, aber ihre Augen wirkten so wach und scharfsinnig wie immer. Mein Blick fiel auf ihr in Lila und Pink schimmerndes Shirt. Auf der Vorderseite stand: AN TAGEN, DIE MIT AG ENDEN, GIBT’S WEIN.
Unsere Blicke trafen sich. »Du hast mich erwartet?«
»Natürlich.« Die Alte lächelte, und ihre Falten wurden tiefer. »Weißt du nicht mehr? Als wir uns zuletzt begegnet sind, sagte ich zu dir, dass du mir etwas bringen würdest, das ich noch nie zuvor gesehen habe. Eine wahre Belohnung.«
Eine Welle kalter Schauer lief mir über die Haut. »Ja, das hast du gesagt, aber ich … ich habe dir nichts mitgebracht.«
»Noch nicht«, entgegnete sie und hob das, was ich für, na ja, für ein Glas Wein hielt. »Aber das wirst du, wenn du mir nämlich den Gefallenen bringst.«