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Als sich unsere Blicke trafen, schien die Zeit stehen zu bleiben. Zaynes Augen waren weit aufgerissen, was total schockiert wirkte, und in dem Durcheinander meiner taumelnden Gedanken wurde mir eines klar: Er hatte nicht geglaubt, dass ich das tun würde. Rührte der Schock, der diese atemberaubend blauen Augen erfüllte, von dem Teil, der verloren gegangen war, als er zum Gefallenen wurde, oder von dem Teil von Zayne, der geblieben war?

Keine Ahnung, aber ich spürte diese glühende Klinge, als ob sie tief in meine eigene Brust gestoßen worden wäre und sich durch mein Herz und meine Seele gebohrt hätte. Panik erfasste mich, vermischt mit seelentiefem Kummer. Ich wollte die Zeit zurückdrehen. Ich wollte zurück und das nie getan haben, denn wenn das hier nicht funktionierte, war ich mir nicht sicher … Ich war mir nicht sicher, ob ich das überleben würde, selbst wenn es das Richtige war. Es war dumm von mir zu glauben, dass ich das überstehen könnte – dass ich stark genug dafür wäre, mutig genug. Denn das war ich nicht. Ich war eben nicht unmenschlich, und, sicher, mein Vater wäre bestimmt enttäuscht, das zu erkennen, aber das war die Wahrheit. Wenn es nicht klappte, würden mich sein Blick, der Schock und seine Fassungslosigkeit noch lange verfolgen, auch wenn mein Körper schon längst zu Staub zerfallen wäre. Es würde mich umbringen. Vielleicht nicht im rein körperlichen Sinne, aber es würde jeden Teil von mir zerstören, der mich zu der machte, die ich war. Ich würde nicht mehr dieselbe sein, und in einem Moment verblüffender Gewissheit wurde mir klar, dass es das war, was Gabriel damit gemeint hatte, dass meine Wut mein Verderben sei. Ich würde etwas so Kaltes und Fürchterliches wie Sulien werden.

Und auf einmal … auf einmal stand die Zeit nicht mehr still.

Zayne schloss die Augen, warf die Arme zurück, und ein schrecklicher Schrei zerteilte die Nachtluft. Die Flügel hoben sich, beide wunderschön, und breiteten sich weit aus. Der Kopf flog geradezu in den Nacken, wodurch sich die Sehnen an seinem Hals noch deutlicher abzeichneten.

Aus der Mitte seiner Brust, in der tief mein Schwert steckte, strömte ein Energieimpuls, der seine Schultern und Arme mit rollendem goldenen Licht überflutete. Eine kurze Sekunde war er in das himmlische Feuer getaucht, sein Körper und seine Gesichtszüge verloren sich völlig in der Flamme. Ich konnte ihn nicht mehr sehen.

Entsetzen erfasste mich, und ein Schauder durchfuhr meinen Körper. Aus Angst, das Feuer würde ihn ganz verschlingen, versuchte ich, das Schwert zurückzureißen. Es rührte sich nicht, und das Geräusch – oh Gott, das Geräusch, das aus Zayne drang … Es war animalisch und wild und riss mich innerlich in Stücke. Mein Herz setzte einen Schlag aus, ich trat mit dem rechten Bein zurück, stützte mich ab und zerrte an dem Schwert. Es gab nicht nach. Das Schwert schien festzustecken, als wäre es mittlerweile ein Teil seines Körpers, so wie es eine Verlängerung meines Körpers war, und etwas Derartiges war noch nie zuvor passiert.

Das wirbelnde, tobende Feuer zog sich plötzlich zurück, verlor sich wieder dort, wo die Klinge tief eingegraben war.

Stille.

Keine Schreie.

Keine Laute von Vögeln oder Insekten in der Nähe.

Nichts.

An der Stelle, wo das Schwert in seiner Brust steckte, baute sich göttliche Energie auf und pulsierte. Zayne ließ Arme und Flügel sinken, und das massive golden-weiße Licht verteilte sich, wickelte sich um die gesamte Klinge und wirbelte dann zurück zu mir. Mein Instinkt brüllte geradezu, dass Schwert loszulassen, aber ich konnte nicht, denn die Gnade gehörte zu mir – war ein Teil von mir –, und sie würde das nicht zulassen. Aber da war noch etwas anderes, das nicht zu mir gehörte. Die ersten Ranken erreichten den Griff, und dann leckte das, was immer es war, über meine Finger und löschte jeden Gedanken aus.

Die himmlische Kraft traf mich mitten in die Brust, und es war, als würde eine Bombe explodieren. Mein gesamter Körper wurde davon erfasst, tränkte meine Haut und flutete meine Muskeln, grub sich tief in die Knochen und umschlang meine Organe. Die göttliche Energie verschlug mir den Atem, schlängelte sich um mein Herz, setzte sich dann in meinem Rücken fest und verwurzelte sich in den Schultern. Ich war nicht imstande, zu begreifen, ob das, was ich fühlte, Schmerz war oder ein Vergnügen, das so heftig war, dass es zum Schmerz wurde, oder beides, während es mich tatsächlich umhaute. Ich fiel zu Boden, bevor ich überhaupt realisieren konnte, was passiert war.

Den Aufprall spürte ich nicht. Ich bekam nicht mit, wann das Schwert des Michael zusammensackte, auch nicht den exakten Zeitpunkt, an dem sich meine Gnade zurückzog. Ich bemerkte nicht mal, dass meine Augen geschlossen waren oder dass ich mit hoher Wahrscheinlichkeit bewusstlos geschlagen worden war, und das musste geschehen sein, denn als ich es schaffte, die Augen wieder zu öffnen, war da ein Gefühl, dass einige Zeit vergangen war, begleitet von unermesslicher Verwirrung und Verlust.

Während meine Sinne langsam wieder funktionierten, sog ich jeden noch so kleinen Atemzug ein und blickte auf ein dunkles Meer von … von schillernden, glitzernden Lichtern. Und da waren so viele. Tausende. Millionen. Zahlreiche und unzählige Konstellationen von leuchtenden Himmelskörpern, und ich konnte sie sehen. Alle. Ich sah sie auf eine Weise, die ich längst vergessen hatte, mit einer Klarheit, die bewies, dass meine Erinnerungen ihnen nicht gerecht geworden waren. Sie waren so schön, so unendlich. Tränen füllten meine Augen, als ich dalag, überwältigt von der einfachen Herrlichkeit eines Nachthimmels voller Sterne, von denen jeder einzelne bedingungslose Wünsche und grenzenlose Träume repräsentierte. Ich wagte nicht zu blinzeln, auch nicht, als jedes einzelne der Lichter schwächer wurde, bis sie nur noch verschwommene Flecken in der Ferne waren und bis auch das aus meinem Sichtfeld verschwand. Daraufhin schloss ich die Augen, intuitiv wissend, dass mir ein größeres Geschenk gemacht worden war, als ich je würde verstehen können. Eine letzte klare Erinnerung, die nie verblassen würde, und ich vermutete, dass ich die Sterne nie wieder sehen würde.

Zayne.

Das war der erste vernünftige, zusammenhängende Gedanke, der Form annahm und einen Sinn für mich ergab.

Ich öffnete die Augen und schaute nicht in den Himmel, während ich meinen wunden Körper zwang, sich zu bewegen und auf die Befehle zu reagieren, die mein Gehirn abfeuerte. Die Muskeln und Nerven reagierten nur behäbig, aber sobald sie kapierten, was von ihnen verlangt wurde, krabbelte ich auf Knie und Hände. Mit jeder Faser meines Seins konzentrierte ich mich dann auf die schattenhafte Gestalt nicht weit von mir entfernt.

Zayne.

Auch er befand sich wie ich auf den Knien und hatte den Kopf gesenkt. Trotzdem konnte ich die Umrisse seiner Flügel entlang seiner Schultern erkennen und wie die Spitzen auf dem Boden auflagen.

Er war am Leben.

Zitternd brach ich in diesem Moment fast wieder zusammen, aber irgendwie schaffte ich es, mich zusammenzureißen. Er lebte noch und atmete, aber keinen Schimmer, in welchem Zustand er war.

Blinzelnd bewegte ich mich sachte vorwärts. Das Haar war ihm ins Gesicht gefallen und verdeckte es. Ich öffnete den Mund, um seinen Namen zu sagen, aber eine kindliche Angst brachte mich zum Schweigen.

Was, wenn es nicht geklappt hatte? Was, wenn irgendwie etwas Schlimmeres dabei rausgekommen war?

Dann bewegte er sich, sein großer Körper bebte. Langsam hob er den Kopf. Strähnen seines Haars rutschten nach hinten. Seine Augen waren geschlossen, und seine Züge erschienen mir immer noch deutlich, selbst bei dem wenigen Licht hier, aber dieses Mal wusste ich, dass es am leuchtenden Glühen seiner Haut lag, an der Gnade, die unter der Oberfläche surrte. Die Flügel zuckten und hoben sich dann. Noch immer durchzog die Gnade die Federn wie elektrische Drähte. Seine Augen öffneten sich, verschwommen und unscharf, aber sie besaßen dennoch diesen unwirklichen Blauton, als sie mich anschauten. Ganz klar. Ich konnte kaum atmen, spannte den Körper an und versuchte verzweifelt, mich auf … auf alles gefasst zu machen.

»Trin?«, wisperte er heiser, und ich stieß ein Röcheln aus. »Trin.«

Ich begann, mich zu rühren, vorwärts zu kriechen, aber irgendwie lief es darauf hinaus, dass ich einen halben Meter oder mehr zurückkrabbelte. »Bist du …?« Ich räusperte mich. »Bist du Zayne?«

Die wunderschönen Flügel hoben sich leicht und senkten sich dann, und die Augen schlossen sich kurz. »Ja, ich bin’s.«

Druck umklammerte meine Brust, drehte und drückte, während in mir hundert verschiedene Emotionen ausbrachen und mich durchströmten. Hoffnung und Sehnsucht mischten sich mit Unsicherheit und sogar Furcht. Was, wenn das so eine Art Trick war? So hatte er sich noch nie angehört, wenn er meinen Namen aussprach. Das hatte ich im Hinterkopf, aber dann wurde mir klar, ich hatte mich nicht wirklich darauf vorbereitet, dass der Zauber tatsächlich funktionieren würde. Ich hatte Angst, dass das hier nicht real war. Kummer mischte sich mit Freude, und mein Körper fühlte sich ganz schwach an.

»Ich bin …« Er richtete sich auf, als wolle er sich erheben.

Augenblicklich wich ich zurück und fiel auf meinen Hintern. Es schien, als hätte ich keine Kontrolle mehr über meine Bewegungen. Ein widersprüchliches Durcheinander von Gefühlen beherrschte mich, und ich hatte zu viel Angst vor der erdrückenden Enttäuschung, wenn ich zuließ zu hoffen.

Zayne hatte innegehalten, und trotz des Chaos’ in meinem Kopf wusste ich, dass das etwas bedeutete. »Ich werde dir nicht wehtun. Ich könnte dir niemals wehtun …« Er brach ab, und seine Schultern verspannten sich. »Aber ich hab’s getan. Ich habe dir wehgetan. Ich …« Er schaukelte leicht nach hinten, immer noch auf den Knien, während er auf seine Hände hinabblickte. »Ich habe dir wehgetan …«

»Nein. Du hast mir nicht wehgetan«, flüsterte ich und fand, dass es sich tatsächlich nach ihm anhörte. Da war eine Nuance in seinem Tonfall. Wärme.

»Hab ich nicht?« Er verschränkte die Hände. »Ich erinnere mich.« Die Flügel hoben sich wieder, und ich erschrak, als sie sich hoch und weit streckten. Daraufhin riss Zayne den Blick von den Händen und schaute über seine Schulter. Er fluchte leise, die abendliche Brise zerzauste ein paar der kleineren Federn seiner Flügel und legte die Spuren der Gnade frei. »Ich … ich vergesse immer wieder, dass sie da sind. Sie fühlen sich anders an als meine alten. Genauso geht es mir beim Verändern der Gestalt. Das meiste fühlt sich nicht mehr so an wie früher.«

Erneut blickte er zu mir, und das Glühen seiner Haut pulsierte so stark, dass ich zusammenzuckte. Die Flügel falteten sich nach hinten, klappten nach innen, und dann waren sie … sie waren einfach weg, als wären sie in seiner Haut verschwunden – in seinem Rücken. Der leuchtend goldene Glanz verblasste, und er sah jetzt eher aus wie … tja, eher wie Zayne und nicht wie der psychotische Gefallene.

»Ist das hier wahr?«, hörte ich mich fragen. Die verschwundenen Flügel ließen mich irgendwie annehmen, dass ich immer noch mit einer Kopfverletzung auf dem Rücken lag. »Hat es wirklich funktioniert? Bist das du, wirklich du? Du erinnerst dich an mich? Und du hast nicht vor, mich … na ja, ›kleines Nephilim‹ zu nennen?«

»Es ist real. Ich bin real.« Seine Stimme klang rau. »Ich hasse es, dass du fragen musst. Tut mir leid. Es tut mir so verdammt leid, Trin. Ich konnte mich nicht zurückhalten …« Sein Blick fiel wieder auf seine Hände, die mit den Handflächen nach außen seitlich an seinen Oberschenkeln baumelten. »Stimmt nicht. Ich konnte mich zurückhalten. Aber es war … es war zu spät.« Kopfschüttelnd betrachtete er weiterhin seine Hände. »Es war, als ob etwas in mir fehlte. Erinnerungen. Der Zugang zu ihnen – wie sie sich anfühlten und was sie bedeuteten. Ich war gewarnt, und ich dachte, ich könnte damit umgehen.« Langsam ließ er den Blick zu mir zurückwandern. »Aber ja, ich bin’s. Ich versprech’s dir, Trin. Ich bin es wirklich. Frag mich etwas, woran nur ich mich erinnern kann.«

Ich starrte ihn ausdruckslos an. »Momentan kann ich null denken. Mein Gehirn ist zu voll und gleichzeitig komplett leer.«

Dann lächelte er, und mein Herz machte einen Freudensprung. Das war sein Lächeln, warm und offenherzig, und ich hätte nie gedacht, dass ich dieses Lächeln noch einmal sehen würde. »Okay. Dann lass mich überlegen.« Er saugte die Unterlippe zwischen die Zähne, und hätte ich gestanden, hätte es mir die Beine weggerissen. Zayne … das machte er eigentlich ständig, hatte es aber nur einmal getan, seit er gefallen war. »Ich hab’s. An deiner Schlafzimmerdecke gibt es ein Sternenbild.«

Da stockte mir echt der Atem. Ehrlich gesagt krampfte sich meine Lunge richtig zusammen, und ich stolperte auf die Beine.

»Ich habe es dort angebracht«, fuhr er fort und stand ebenfalls auf. »Ich nannte es Zaynes Sternenbild, und was geschah, nachdem ich dir das Ergebnis an der Decke gezeigt hatte, gehört zu meinen allerschönsten Erinnerungen.« Seine Stimme wurde immer tiefer, und er biss sich wieder auf die Lippe. »Du hast mir gezeigt, wie sehr du mich liebst. Du hast mir alles geschenkt – deinen Körper, dein Herz, dein Vertrauen

Zum zweiten Mal am heutigen Abend blieb die Welt um mich herum stehen. Ich merkte nicht, dass ich mich bewegte. Der schmerzhafte Protest von Muskeln und Knochen hielt mich nicht auf, als ich mich in Zaynes Arme warf. Oder es zumindest versuchte. Mein Gleichgewichtssinn gestört, meine Bewegungen zu ruckartig und steif, fiel ich eher auf ihn drauf …

Vor lauter rasanter Reaktion war Zayne bloß ein verschwommener Fleck, als er nach vorn griff und sich dermaßen schnell bewegte, dass ich nicht mal die Chance hatte, mich zu erschrecken. Er fing mich auf, seine Arme legten sich um mich, und als meine Hände die nackte Haut seiner Brust berührten, wusste ich es.

Das war er. Das an meinen Handflächen war seine Haut, und sie war warm, nicht mehr kühl, sein Atem strich über meine Wange. Es war er, der mich da hielt.

Das war Zayne.