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Irgendwie landeten wir wieder auf dem Boden, doch diesmal saß Zayne aufrecht und ich auf seinem Schoß. Ich verwandelte mich geradezu in einen totalen Oktopus, schlang die Beine um Zaynes Hüften und umklammerte seine Schultern.

»Du erinnerst dich wirklich«, flüsterte ich und vergrub mein Gesicht an seinem Hals. Mit jedem Atemzug atmete ich seinen Duft ein.

»Ich erinnere mich, wie ich dich das erste Mal gesehen habe«, sagte er, und ich erschauerte, als ich spürte, dass er die Hand an meinen Hinterkopf legte. »Du hast dich hinter einem Vorhang versteckt, wo du eigentlich nicht hingehörtest. Du hast gelauscht.«

»Ich habe nicht gelauscht«, widersprach ich, allerdings wurde das größtenteils von seiner Haut verschluckt.

Er gluckste amüsiert, und obwohl es etwas heiser und zittrig klang, tat es seltsame und wunderbare Dinge mit meinem Herzen. Denn das war nicht dieses kalte, apathische Lachen eines Gefallenen. »Natürlich hast du gelauscht.«

Okay, ja, hatte ich.

»Ich erinnere mich auch daran, dass du mir eine Ohrfeige verpasst hast, als ich mich vorstellen wollte.«

Ich runzelte die Stirn. »Nur weil du dich nachts an mich rangeschlichen hast, und das mitten im Wald.«

»Du wolltest wohl sagen, dass du damals nicht sehr aufmerksam gewesen bist, und korrigiere mich, wenn ich falschliege, ich war nicht derjenige, der da rumgeschlichen ist«, neckte er mich.

»Da liegst du falsch.« Ich drückte ihn fester.

Er reagierte, indem er mir einen Kuss auf den Kopf gab. »Ich erinnere mich an das erste Mal, als du dich offenbart hast. Wir waren in Thierrys Büro, und ich glaube, Nicolai wäre beinahe an seinem eigenen Atem erstickt. Ich erinnere mich an das erste Mal, als ich deinetwegen fast einen Herzinfarkt bekommen hätte. Das war, nachdem du mir von deiner Sehfähigkeit erzählt hattest.«

Ich lächelte. Nachdem ich damals die ganze Bombe mit dem Erblinden hatte platzen lassen, wollte ich nicht, dass er dachte, ich sei, na ja, zu nichts zu gebrauchen, also war ich abgehoben und von einem Dach zum nächsten gesprungen. Danach hatte Zayne sich benommen, als wäre er darüber nicht sehr glücklich gewesen, aber ich ahnte, dass er insgeheim erfreut war – begeistert und herausgefordert.

»Und ich erinnere mich an die Nacht, in der du mir geholfen hast, die Trollkralle aus meiner Haut zu entfernen.« Seine Stimme wurde tiefer, und nun hatte mein Erschauern mit der Erinnerung an ihn und mich zu tun, damals in seinem Badezimmer und in seinem Bett. »Ich erinnere mich jetzt an alles – diese Gefühle und Erinnerungen sind Teil von mir.«

Ich bekam kein Wort heraus, und weil die Emotionen mich zu überrollen drohten, kniff ich schnell die Augen zu. All meine Sinne konzentrierten sich darauf, wie es sich anfühlte, seine Haut unter meinen Fingern zu spüren. Seine Körpertemperatur war so warm wie früher, heißer als bei einem normalen Menschen. Mit zitternden Händen strich ich über seine Brust und hielt bei seinem Herzen an.

Stark schlug es gegen meine Handfläche.

Es hatte wirklich geklappt.

Der Thronende hatte nicht gelogen. Die Alte hatte mir keinen Blödsinns-Zauber gegeben. Ich hatte es nicht vermasselt. Es hatte wirklich funktioniert.

Tränen kullerten mir über die Wangen, und es gab kein Halten mehr. Erleichterung und unbändige Freude durchfluteten mich und wischten all die Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung, den Kummer und die Trauer einfach weg. Ich versuchte, meine Emotionen zu zügeln. Dies hier war ein glücklicher Moment, ein guter Moment, und ich sollte ihn nicht damit vergeuden, Zayne in meinen Tränen zu ertränken, aber es war mir unmöglich, mich zurückzuhalten.

Zayne drückte die Wange an meinen Kopf. Er sprach, während mein Körper bebte und all die aufgestauten Emotionen freisetzte, die ich, seit ich ihn verloren hatte, kaum im Zaum hatte halten können. Keine Ahnung, was er sagte. Er hätte in dem Augenblick erklären können, ein Schnabeltier zu sein, und es hätte mich nicht interessiert. Ich hob die Hände und grub die Finger in die weichen Strähnen seines Haares.

»Deine Tränen machen mich fertig«, sagte er, und das verstand ich voll und ganz. »Total fertig.«

Es war Zayne.

Es war Zayne.

Es war Zayne.

Mehr war ich nicht imstande zu denken, als ich ihn förmlich in mich aufsaugte. Zayne lebte, er war zurück, und er war es wirklich. Ich weiß nicht, wie viel Zeit verging, während er weiter auf mich einflüsterte, uns sanft wiegte und ich ausreichend weinte, um die gesamte Stadt Washington zu fluten. Schließlich, nach einer gefühlt absurd langen Zeit, ließen die Tränen und das Zittern, das mich alle paar Sekunden durchfuhr, nach. Ich konnte wieder atmen. Ich konnte endlich wieder atmen.

Behutsam hob Zayne mein Gesicht an. Ich blinzelte, bis ich seine Gesichtszüge klar erkennen konnte, und erschauerte, während ich nach oben griff und die Finger um seine Handgelenke schlang. »Tut mir leid. Ich … du lebst, und das bist du, und ich bin so glücklich, und ich kann nicht aufhören zu weinen, denn was, wenn das nur eine Art superdetaillierter Traum ist? Das scheint viel glaubwürdiger. Ich habe dich verloren, und als du zurückkamst, dachte ich …« So nah, wie wir uns waren, konnte ich seine Augen sehen – sie wirklich ansehen, da ich mir keine Sorgen machen musste, dass er mich jeden Moment irgendwohin schleudern würde. »Deine Augen.« Ich beugte mich vor, bis sich unsere Nasen fast berührten, und blinzelte. »Wow.«

Er ließ die Hände zu meinen Hüften gleiten. »Was ist? Ich habe sie noch nicht gesehen.«

Gab es im Himmel keine Spiegel? Oder hatte er vielmehr nicht mehr in den Spiegel geschaut, seit er … seit er ein Gefallener war? Ich berührte seine Wange. »Sie sind echt blau. Sehr, sehr blau«, erklärte ich, wie immer völlig ratlos, wenn es darum ging, etwas zu beschreiben. »Aber da ist ein … weiß schimmerndes Gold hinter deinen Pupillen. Ich kann nur die Ränder sehen. Das ist deine Gnade. Zwar ist mir das schon vorher aufgefallen, aber sie wirklich zu sehen? So was habe ich einfach noch nie gesehen.«

Dichte Wimpern senkten sich und schirmten die Augen ab, während er den Kopf wandte und seine Wange in meine Handfläche schmiegte. »Wie sehr fällt das auf?«

»Hast du dich in letzter Zeit wirklich nicht angeschaut?«

»Nein. Ich …«

»Was?« Als er nicht antwortete, schob ich sein Gesicht zu mir. »Was, Zayne?«

»Ich glaube, ich bin meinem Spiegelbild aus dem Weg gegangen.« Er öffnete die Augen, schaute aber nicht mich an. »Ich weiß nicht, warum. Ich weiß nicht einmal, ob es eine bewusste Entscheidung war oder ob ich sie überhaupt getroffen habe, aber der, zu dem ich geworden war … Ich wollte mich selbst nicht sehen. Das ergibt wahrscheinlich keinen Sinn.«

»Doch.« Ich verspürte einen Stich im Herzen und fuhr mit dem Daumen zärtlich über Zaynes Kinn. »Weißt du noch, wie die letzten paar Tage waren?«

Eine ganze Weile antwortete Zayne nicht. Dann sagte er: »Eine Menge Verwirrung. Eine Menge Gefühle und Gedanken, die ich nicht verstand, und alles war sehr anstrengend. Ich kann es nicht anders beschreiben, und was ich gefühlt habe …« Sein Kiefer spannte sich an, sodass ich es an meiner Handfläche spüren konnte. »Da war so viel Wut und Hochmut und dieses … keine Ahnung … Gefühl von verdrehter Rechtschaffenheit? Als hätte ich plötzlich Hass auf Engel und alles gehabt, was mit der Gnade zu tun hatte, aber ich hasste plötzlich auch Dämonen – alle Dämonen. Ich glaubte, besser zu sein als Dämonen und … Ach, keine Ahnung. Bewusster als diejenigen, die nicht gefallen sind? Ich habe einfach alles und jeden gehasst, und es war wie … wie wenn ich mir bewusst wäre, was ich tue und sage, aber entweder keine Verbindung dazu habe oder es selbst nicht verstehe.«

Zayne verkrampfte sich, als er fortfuhr: »Man hat mich gewarnt, dass das passieren könnte, aber ich dachte, ich könnte damit umgehen. Schätze, ich hab schon eine gesunde Portion Arroganz besessen, doch ich kann nicht mal beschreiben, wie es war, mit all diesen … kraftvollen, gewalttätigen Emotionen bombardiert zu werden, die sich plötzlich richtig anfühlten, als hätten sie schon immer zu mir gehört. Zu glauben, dass ich Richter und Geschworener gleichzeitig bin und tun kann, was ich will und wann ich es will.«

»Sehr viele Menschen sind so«, sagte ich.

Sein Lachen war trocken und kurz. »Aber ich … ich erinnere mich, was ich getan habe«, sagte er, und Schuldgefühle schwangen in seiner Stimme mit. »Als ich dich zum ersten Mal als Gefallener sah?« Erneut schloss er die Augen. »Ich hab dich erkannt. Als ich dich sah, kannte ich dich und deinen Namen, und dann waren diese Erinnerungen einfach weg. Der Grund, warum du für mich wichtig warst. Du warst ein Feind, den ich …« Tiefe Falten der Anspannung umgaben seinen Mund. »Den ich kontrollieren musste. Das war alles, was ich wusste, bis du mich im Park geküsst hast, und ich weiß nicht, wie ich es erklären soll, aber das wirkte wie ein Stromschlag. Plötzlich überkamen mich all diese anderen Gefühle, die nicht Hass waren, und als ich dich wiedertraf – an diesem Pool? Ich verstand immer noch nicht, was ich fühlte, doch was ich in diesem Moment erkannte, warst du. Alles, was ich wusste, war, dass ich dich wollte. Dass ich dich gewollt hatte und dass das ich war. Zayne.« Dann öffnete er die Augen, und unsere Blicke trafen sich. »Es tut mir einfach so verdammt leid, Trinity. Ich weiß, was ich getan habe. Ich weiß, wie du versucht hast, an mich ranzukommen, und ich …«

»Stopp!« Ich legte beide Hände um sein Gesicht. »Tu dir das nicht an. Das warst nicht du.«

»Doch«, widersprach er leise und strich sanft über meine Arme. »Das war ich, Trin. Ich war da drin …«

»Und deshalb hast du mir auch nie wirklich wehgetan.«

»Ich habe dir nie wehgetan?« Unglaube gesellte sich zu den Schuldgefühlen. »Ich habe dich doch rumgeschleudert wie eine Stoffpuppe.«

»Na ja, so weit würde ich jetzt nicht gehen«, murmelte ich, obwohl es natürlich stimmte.

Zayne achtete gar nicht darauf. »Ich habe dir gedroht – ich habe dir mehr als einmal gedroht.« Er senkte den Blick und sprach mit brüchiger Stimme weiter: »Ich hatte die Hände um deinen Hals gelegt. Das kann ich nicht ungeschehen machen.«

Traurig, dass er sich derart quälte, beugte ich mich vor und lehnte die Stirn an seine. »Du hast keine Schuld, Zayne. Das musst du verstehen, aber du musst erkennen, was du getan hast. Du hättest mich schwer verletzen können. Du hättest mich jederzeit umbringen können, doch du hast es nicht getan. Und das nur, weil du da drin warst, richtig? Du warst es selbst, der dich aufgehalten hat. Du warst es, der aufgetaucht ist und den Ghul getötet hat, und du warst es, der aufs Dach gekommen ist.«

»Ich habe dich in einen Pool fallen lassen.«

»Wahrscheinlich werde ich dir noch eine dafür verpassen, wenn du am wenigsten damit rechnest, aber du warst mit mir in diesem Pool. Da warst du und der, der du als Gefallener warst, und ich war auch da. Nicht du hast diese Dinge mit mir gemacht. Wir haben diese Dinge gemeinsam getan, weil ich wusste, dass du da drin warst«, erklärte ich. »Du hast zu dem Zeitpunkt vielleicht nicht gewusst, warum, aber du hast dafür gesorgt, dass weder du noch irgendetwas anderes mich verletzt. Du hast mich sogar gewarnt, mich von dir fernzuhalten. Du hast gesagt, dass …«

»Dass etwas in mir dich verletzen würde. Das hätte es. Eventuell hätte ich mich nicht zurückhalten können. Zum Teufel, als du mich in die Falle gelockt hast, wollte ich auf dich losgehen.« Sein Blick suchte meinen. »Und dieser Teil von mir wurde mit jeder Stunde stärker.«

»Und das war auch der Teil, der mich herumschleudern wollte?« Ich schob die Finger in sein Haar. »Ich meine, ich kann schon ziemlich nervig sein, also ist das wahrscheinlich nicht das erste Mal.«

»Doch.« Er erschauderte. »Selbst dann, wenn du besonders nervig warst.«

»Ja, ich weiß.« Natürlich wusste ich das. Ich könnte Zayne vermutlich ins Gesicht treten, und er würde nur enttäuscht seufzen. Warum? Weil er durch und durch gut war. Ich lehnte mich zurück, sodass ich sein Gesicht sehen konnte. »Aber der Teil von dir, der noch da drinsteckte, hat es verhindert. Das ist alles, was zählt. Das ist das Einzige, was zählen kann. Und weißt du, warum?«

»Warum?«

»Weil dir deine göttliche Herrlichkeit zurückgegeben wurde – die engelsgleiche Seele – und du dich in mich verliebt hast. Ich weiß nicht, ob ich dich schlagen oder küssen soll. Du hast darauf verzichtet, ein echter Engel zu sein, um mit mir zusammen zu sein. Du bist zum Gefallenen geworden und hast ein großes Risiko auf dich genommen, um bei mir zu sein, doch jetzt bist du hier. Du bist zu mir zurückgekehrt.«

»Deinetwegen. Du hast mich zurückgebracht.« Langsam ließ er die Hände an meinen Armen hinaufgleiten und hinterließ eine Spur wohliger Schauer. »Was hast du getan? Ich war da draußen und habe bloß über eine weitere Runde Brandstiftung in einem anderen Dämonen-Loch nachgedacht«, sagte er, und ich blinzelte nervös. »Und dann war da dieser unkontrollierbare Drang hierherzukommen. Woher wusstest du, was du zu tun hattest?«

»Nachdem du das erste Mal hier aufgetaucht warst, wurde ich von einer Stimme in meinem Kopf zu einer Kirche geführt, und ja, das war genauso unheimlich, wie es klingt. Ich dachte, ich würde den Verstand verlieren, aber das ist nicht geschehen. In der Kirche begegnete ich einem Thronenden. Er erklärte mir, was ich zu tun hatte.« Ich ließ sein Haar durch die Finger gleiten, während ich jeden einzelnen Zug seines Gesichts in mich aufnahm. »Er sagte, meine Gnade würde niemals verletzen, was mir lieb war, aber ich hatte trotzdem Angst. Ich wollte glauben, dass es klappt. Ich musste, und es gab auch Momente, in denen ich das tat, aber …« Ein wenig von der Panik schlich sich zurück. »Aber ich musste es versuchen. Ich habe mir immer wieder gesagt, falls es nicht klappt, ist es dennoch das Richtige. Dass du …«

»Dass ich nicht in diesem Zustand verharren wollte«, beendete er den Satz für mich. »Stimmt. Das hätte ich nicht gewollt.«

Seine Zustimmung dazu hätte mich eigentlich aufmuntern sollen, tat sie jedoch nicht. Bei der Vorstellung, dass ich ihn hätte töten können, drehte sich mir beinahe der Magen um. »Mir war klar, ich musste dich verleiten und in eine Falle locken, und da dachte ich an die Alte. Sie hat mir das gegeben – eigentlich hatte sie es schon für mich vorbereitet. Sie wusste Bescheid. Tja, und da war dieser Junge bei ihr. Ein Seher. Er wusste es und hat es ihr erzählt, und sie gab mir einen Zauber, der funktioniert hat.«

Verwundert hob Zayne die Augenbrauen. »Sie hat ihn dir einfach geschenkt? Versteh mich nicht falsch. Ich bin dir dankbar. Mehr als ich sagen kann. Aber eine Hexe verschenkt nie einfach so etwas.«

»Richtig.« Ich ließ die Hände auf seine Schultern sinken. »Sie hat mir den Zauber im Austausch für eine deiner Federn überlassen.«

Zayne starrte mich an.

»Sie hat mir den Eindruck vermittelt, dass sie die Feder für nichts Übles verwenden würde, und ich hab ihr geglaubt.« Ich hielt inne. »Irgendwie. Die Wahrheit lautet, ich wäre den Deal so oder so eingegangen, solange sie versprochen hätte, dass es dir nicht wehtun würde, und das hat sie. Und ich weiß, dass du vermutlich nicht damit einverstanden bist, und das verstehe ich. Echt, aber …«

»Schon okay.« Langsam hob er die Hand und vergewisserte sich, dass ich ihn ansah, bevor er meine Wange berührte, und beinahe hätte ich wieder angefangen zu weinen. Denn das war ein weiterer Beweis dafür, dass das mein Zayne war. »Ich hätte das Gleiche gemacht – ich hätte auch allem zugestimmt.« Sanft streichelte er mir die Wange. »Wie ich war, wird mir noch lange im Hinterkopf bleiben. Sicher werden manche Momente schlimmer sein als andere, aber ich werde mich damit auseinandersetzen. Ich werde dafür sorgen, denn es ist schon genug zwischen uns geraten.«

»Das ist so was von wahr«, flüsterte ich. Zwischen uns befanden sich so viele Hindernisse, dabei wollte ich unser ganz eigenes Happy End, so wie in den Liebesromanen, die meine Mutter geliebt hatte. Dazu durften wir uns nicht auch noch selbst im Weg stehen.

Seine Finger verweilten an der noch leicht geschwollenen und geprellten Stelle an meinem Kiefer. »Tut es weh, wenn ich dich berühre?«

»Nein. Momentan fühle ich gar nichts Negatives.«

»Du siehst … angeschlagener aus als bei unserer letzten Begegnung.«

»Na ja.« Ich zog meine Antwort künstlich in die Länge. »Ich hatte so eine Art Zusammenstoß mit Gabriel.«

Jede Faser von Zayne schien zu erstarren.

»Wann?«

»Gestern Abend.« Schnell erzählte ich ihm, was passiert war. »Die gute Nachricht ist, für eine ganze Weile darf niemand in die Schule, und ich glaube, er ist irgendwie geschwächt.«

»Ich hätte da sein sollen.«

»Du bist jetzt hier. Das ist alles, was zählt«, sagte ich. »Ich bin nicht verletzt. Ehrlich.«

Kurz den Kopf schüttelnd, betrachtete er mein Gesicht. »Das glaub ich nicht. Nicht wenn du …« Er sah rasch auf, seine Brust hob sich mit einem tiefen Atemzug, und als sein Blick sich wieder mit meinem verband, hätte ich schwören können, dass das Leuchten hinter seinen Pupillen nun heller war. »Wie ist es möglich, dass du wieder so schnell auf den Beinen bist?« Er ließ den Blick meinen Arm entlangwandern, zu den zahlreichen blauen Flecken, die aber mittlerweile kaum noch sichtbar waren. Dann wurden seine Augen ganz schmal. »Und noch viel wichtiger: Was, zum Teufel, hast du in der Nacht, als ich zurückkam, überhaupt allein hier gemacht? Genauso wie heute?«

Den Tonfall kannte ich schon. Er klang genau wie in der Nacht, als ich ohne Vorwarnung von Dach zu Dach gesprungen war.

»Du solltest wirklich nicht allein hier draußen rumlaufen. Nicht solange Gabriel noch da ist«, fuhr er fort. »Er hat diese Dämonen auf dich gehetzt. Verflucht. Sie waren im Apartment.«

Der gleiche Tonfall wie damals, als ich in einem unbekannten Gebiet vor ihm hergelaufen war.

»Immerhin war Dez gestern bei dir.« Ein etwas schräger Ausdruck umspielte seine Lippen. »Geht es Dez gut? Ich glaube, ich …«

»Du hast ihn in einen Brunnen geschubst? Ja. Es ist alles in Ordnung.«

Zayne seufzte. »Gut, aber wo, zur Hölle, sind Roth und Layla? Du solltest nicht hier draußen sein, Trin. Auf alle Fälle nicht allein, solange du nicht vollständig gesund bist, und ich weiß, dass es nicht so ist. Ich merke es. Ich spüre, dass deine Gnade geschwächt ist.«

Okay, seine Fähigkeit, das zu spüren, war total nervig, denn er hatte recht, doch er klang, als würde er sich auf einen Vortrag epischen Ausmaßes vorbereiten, und ich durfte darüber nicht mal sauer sein. Ich verzog den Mund, und es fühlte sich seltsam und richtig und wundervoll an – alles gleichzeitig.

»Und warum lächelst du?«, fragte er, erneut völlig ungläubig.

Unsicher lachte ich. »Ich hätte nie gedacht, dass ich mal wieder einen Vortrag von dir höre und es genieße.«

»Versuch dich bei meinem nächsten Vortrag dran zu erinnern.«

Wahrscheinlich nicht.

»Ich …« Ich atmete flach ein. »Als du gestorben bist, dachte ich, ich würde dich nie wiedersehen.«

Seine Gesichtszüge wurden weicher. »Was habe ich dir versprochen? Sollte etwas passieren, würde ich einen Weg zu dir zurückfinden.«

Sein Gesicht verschwamm wieder, weil sich meine Augen erneut mit Tränen füllten. »Ich kann immer noch nicht fassen, dass du meinetwegen zum Gefallenen geworden bist.«

»Die Herrlichkeit hat mir im Vergleich zu deiner Liebe nichts bedeutet.« Er beugte sich vor und lehnte seine Stirn an meine. Sein Atem strich über meine Lippen, während er mir die Haarsträhnen, die sich aus meinem Zopf gelöst hatten, aus dem Gesicht strich. »Ich habe alles getan, was in meiner Macht stand. Du hast alles getan, was du konntest. Ich liebe dich, Trinity, und nicht einmal der Tod kann unsere Bindung zerstören.«

Die Bindung.

Ich wich ein wenig zurück. »Ich spüre dich nicht«, sagte ich, und Zayne senkte die Brauen. »Ich meine, ich habe die Beschützer-Bindung nicht gespürt. Ich habe den kleinen flauschigen Ball der Wärme in meiner Brust nicht gespürt, seit du zurückgekommen bist.«

»Kleiner flauschiger Ball aus Wärme?«, wiederholte er leise.

»Und ich … ich habe keines deiner Gefühle gespürt.« Es war nicht so, dass mir das eben erst klar geworden wäre. Ich hatte nur noch keine Zeit gehabt, wirklich darüber nachzudenken. »Wir sind nicht mehr verbunden.«

»Nein, sind wir nicht.«

Ich starrte auf den überirdischen Lichtschein hinter seinen Pupillen. »Das ist eine gute Nachricht. Ich kann dich nicht mehr schwächen, und wir können zusammen sein.«

»Dein Beschützer zu sein hat uns nicht wirklich davon abgehalten, zusammen zu sein«, antwortete er trocken und hatte damit irgendwie recht. Es hatte das Unvermeidliche nur hinausgezögert, aber klug war es nicht gewesen. Sondern fast menschlich. »Doch es gibt keine Regeln. Definitiv keine von Engelsseite. Ich bin immer noch ein … ich bin trotzdem noch ein Gefallener. Nur nicht …«

»Psychotisch?«

»Richtig, nur eben das nicht.« Er ließ meinen Zopf durch seine Hand gleiten. »Wird eine Trueborn überhaupt einen Gefallenen wollen?«

»Ich will dich immer, egal, was du bist«, gab ich aufrichtig zurück, und sein Lächeln daraufhin erfüllte mein Herz mit einer süßen Wärme. »Aber irgendwie fehlt mir dieser kleine flauschige Ball …«

Schnell verringerte Zayne den Abstand zwischen uns, und einen gestolperten Herzschlag später trafen sich unsere Lippen. Er küsste mich, und es erstaunte mich immer wieder, was für ein Feuerwerk an Empfindungen eine einzige Berührung auslösen konnte. Sein Geschmack auf meinen Lippen, meiner Zunge war Balsam für all die rauen, zerklüfteten Stellen, die meine Seele vernarbt hatten, und wirkten wie ein Erwecken. Der Druck seines Mundes war sanft, aber da war nur ein schmaler Grat zwischen Lust und Zurückhaltung. Mir war klar, dass Zayne versuchte, vorsichtig zu sein, auch wenn er am Pool nicht daran gedacht hatte, aber zu dem Zeitpunkt war er ja noch mehr gewesen. Das jetzt war nur Zayne. Aber ich wollte nicht, dass er sich zurückhält. Ich wollte ihn, alles von ihm …

Ganz unvermittelt zog er sich jedoch zurück und erstarrte in der Sekunde, in der ein Kribbeln in meinem Nacken explodierte. Ich starrte ihn an, immer noch ein wenig benommen von seinem Kuss. »Du … du spürst es auch, oder?«

Er sah über mich hinweg. »Ein Dämon ist in der Nähe.«

Ich öffnete den Mund, und von all den Dingen, die ich hätte sagen können, kam das Dümmste heraus: »Dämonen kommen nicht in den Park, wegen des Zoos. Das hat Roth gesagt.«

»Roth weiß auch nicht alles.« Rasch erhob sich Zayne und zog mich mit hoch. Hinter sich stellte er mich sanft auf die Füße. Blinzelnd fragte ich mich, wie er das Manöver geschafft hatte, und war irgendwie neidisch, da meinte er: »Bleib hier.«

Ich wirbelte herum. »Aber …«

»Du bist verletzt. Ich nicht.«

»Ich bin nicht verletzt. Ich bin die Trueborn – oh Gott«, stieß ich stöhnend hervor, weil ich automatisch die Nase rümpfte, als uns der Gestank von Schwefel und Verwesung erreichte.

»Der Geruch«, bestätigte Zayne.

Ich kniff die Augen zusammen, als sich eine dunkle Gestalt aus der Baumreihe auf der anderen Seite des Weges schälte. Was auch immer es war, es war mindestens zwei Meter groß und roch wie die Eingeweide der Hölle an einem schlechten Tag. Sofort erwachte die Gnade in mir. Die einzigen mir bekannten Dämonen, die so groß waren und dermaßen schlecht rochen, waren die, die aus offensichtlichen Gründen nicht an die Erdoberfläche durften. Ich hoffte inständig, dass es nicht noch ein Ghul war.

Unter dem Laternenpfahl kreuzte dieses Wesen den Weg, und ich seufzte, als ich seine mondsteinfarbene Haut erkannte.

Ein Nachtkriecher.

Noch schlimmer als ein Ghul.

Mit dieser Sorte von Dämonen wollte man sich nicht anlegen. Sie waren außerordentlich stark und besaßen ein vernichtendes Gift in Maul und Klauen, das einen lähmen konnte, aber dieser hier war … in Ketten? Die um seinen Hals schepperte über den Boden, und am Ende der Kette … Der Druck in meinem Nacken verstärkte sich, und nur einen Herzschlag später konnte ich die Umrisse einer weiteren Gestalt ausmachen. Die war nicht so groß und breit, aber mein Instinkt sagte mir, dass sie deutlich gefährlicher war als der Nachtkriecher.

Wie bei einem Abendspaziergang kletterte die Gestalt langsam die Böschung hinauf und schritt unter der Laterne hindurch. Ihre Gesichtszüge waren verschwommen, aber ich wusste, sie musste fast schmerzhaft schön sein.

Denn das galt für alle Hohedämonen.

Ich runzelte die Stirn, als ich bemerkte, dass der Hohedämon das Ende der Kette hielt. »Gehst du tatsächlich mit einem Nachtkriecher Gassi?«, fragte Zayne, und ich hob die Augenbrauen. Das hatte ich mich auch schon gefragt und war froh, dass Zayne mir zuvorkam.

Der Hohedämon lachte, doch der Nachtkriecher fand die Bemerkung nicht amüsant. Ein tiefes, grollendes Knurren ging von der tollwütigen Kreatur aus, sodass sich mir am ganzen Körper die Härchen aufstellten.

»Mein Name ist Purson«, verkündete der Hohedämon mit einer Stimme voller Gift und Galle. »Ich bin der Großkönig der Hölle, Befehlshaber von zweiundzwanzig Legionen Schoßtier-Nachtkriechern, und ich bin wegen des Nephilim hier.«