Ich holte tief Luft und atmete dann langsam wieder aus. »Niemand benutzt mehr den Begriff Nephilim«, sagte ich zum gefühlt millionsten Mal in meinem Leben. »Das ist beleidigend und veraltet.«
»Sehe ich etwa aus wie jemand, den es kümmert, ob du das beleidigend oder veraltet findest?«, meinte Purson, und ich war kurz davor, mich weit aus dem Fenster zu lehnen und mit Nein zu antworten. »Tu ich nicht.«
»Schockierend«, nuschelte ich.
Er ignorierte das. »Ich möchte sehr deutlich machen, wer ich bin, damit kein unnötiges Drama entsteht.«
Dass er überhaupt etwas sagte, fühlte sich bereits wie eine Menge unnötiges Drama an.
»Ich bin der Aufspürer verborgener Schätze und ein Kenner von Geheimnissen. Es gibt kein Versteck, das ich nicht entdecken würde.«
»Ach so. Dann bist du also der Indiana Jones der Dämonen?«, fragte ich. »Cool.«
»Indiana Jones?«, hakte der Dämon nach. »Keine Ahnung, wer das ist.«
Ich hob die Augenbrauen. »Du weißt nicht, wer Indiana Jones ist, und da soll ich glauben, dass du ein Kenner von Geheimnissen und Aufspürer von Dingen bist?«
»Mir ist egal, was du glaubst. Wenn du vor mir wegläufst, wirst du nicht weit kommen«, warnte Purson. »Das verärgert mich bloß, und du …«
»Schnauze!«, schnitt Zayne ihm das Wort ab. »Für so was hab ich keine Zeit. Ich bin eben erst mit meiner Frau wiedervereint, und du verdirbst uns den Moment.«
Langsam wandte ich Zayne den Kopf zu.
Oh.
Oh, wow.
Zum ersten Mal sah ich seinen Rücken ohne Flügel. Im spärlichen Mondlicht konnte ich nur ein seltsames Muster entlang der Wirbelsäule erkennen, das vorher nicht da gewesen war. Es sah aus wie eine Tätowierung, die nur ungefähr eine Nuance dunkler als seine Haut war, und das Ganze … es schien erhaben wie eine Narbe.
»Ich weiß nicht, wer du bist.« Purson klang neugierig, und das war interessant. Er konnte nicht sagen, wer Zayne war, aber der Sucher-Dämon schon. Der war weggelaufen, aber Zayne hatte damals auch die Flügel ausgefahren. »Du kommst mir verändert vor … und doch vertraut. Sehr faszinierend, das zu erforschen, aber du stehst zwischen mir und dem, was ich brauche. Deshalb bist du nichts weiter als sein persönliches Kauspielzeug.«
Der Nachtkriecher stieß ein schallendes Gelächter aus. »Ich knabbere gern an Dingen, die ich nicht haben soll.«
»Sorry«, entgegnete Zayne. »Ich bin bereits das persönliche Kauspielzeug von jemandem, denn ich gehöre ihr, also muss ich das Angebot ablehnen. Trotzdem danke.«
»Ich habe nicht gesagt, dass du dir das aussuchen kannst«, blaffte Purson.
Ich hätte aufpassen sollen, aber das Muster auf Zaynes Rücken faszinierte mich einfach. Da ich absolut keine Kontrolle über mich und meinen gesunden Menschenverstand hatte, der mir besser befohlen hätte, dass jetzt keine Zeit für solchen Unsinn war, streckte ich die Hand aus, um ihn zu berühren.
»Ich schaff das schon«, sagte Zayne zu mir.
Ein goldenes Feuer entfachte sich in den Adern unter seiner Haut und raste über seinen Rücken. Verblüfft riss ich die Hand zurück, und mir klappte die Kinnlade herunter, als die Gnade seinen rechten und linken Arm hinunterlief, unter die Haut floss und dann in die Luft schoss.
Himmlisches Feuer strömte aus seinen Händen, kreisend und spiralförmig, nahm Form an und verdichtete sich schnell. Zwei brennende Hände. Zwei ein Meter lange, flammende Klingen, die einen Halbkreis bildeten.
Der Nachtkriecher wich einen Schritt zurück.
Ich auch.
Heilige Scheiße, das hatte er die ganze Zeit im Repertoire? Sogar als Gefallener, der mich dominieren wollte, hatte er seine Gnade nicht so ausgespielt.
»Was meintest du gerade?«, fragte Zayne beiläufig. »Ich habe keine Wahl? Wir alle haben die Wahl. Na ja, außer dir. Denn du hast definitiv keine, wenn es um Leben und Tod geht. Du wirst sterben.«
Dann geschah alles sehr schnell.
Purson ließ die Kette los, und der Nachtkriecher stürmte vorwärts, aber Zayne war … er war wie ein Blitz, und selbst mit hundertprozentiger Sehschärfe hätte ich seine Bewegungen nicht verfolgen können, glaubte ich. Zuerst war er vor mir, und dann zischte er unter dem ausgestreckten Arm des Nachtkriechers hindurch und tauchte hinter ihm wieder auf.
Etwas fiel von dem Nachtkriecher ab und knallte mit einem fleischigen Ploppen auf die Erde.
Ein Arm, ein echter ganzer Arm.
Okay.
Zayne schaffte das hier schon.
Er schaffte das so was von.
Der Nachtkriecher warf den Kopf zurück und heulte vor Schmerz auf wie ein Raubtier, eine Kreuzung aus Fuchs und Luchs. Zayne wirbelte herum und ließ eine der sichelförmigen Klingen durch die Luft fliegen, direkt durch den Hals des Nachtkriechers.
Die Kreatur stürzte nach vorn, ging in Flammen auf und zerfiel in einen Ascheregen, der zu Boden sank, während Purson sein wahres Aussehen annahm. Seine Haut wurde dünner und nahm einen sandfarbenen Ton an. Fell wuchs über sein ganzes Gesicht und verband sich mit der Mähne aus blondem Haar auf seinem Kopf. Lederne, grobe Flügel wuchsen aus dem Rücken. Die Nasenlöcher wurden länger und flacher, während sich sein Maul grotesk verzog. Scharfe Eckzähne wuchsen, die Augen des Dämons leuchteten schillernd, und die Pupillen weiteten sich vertikal.
Purson besaß den Kopf … den Kopf eines Löwen.
Das würde ich wohl nie wieder vergessen.
Aus meiner Benommenheit erwachend, begann ich, meine Gnade zu beschwören …
Zayne drehte sich in Richtung des Hohedämons und veränderte seine Gestalt, aber mit der eines Wächters hatte die nichts gemein. Das leuchtende Funkeln pulsierte über seinen Körper, während sich die erhabenen Zeichnungen ausdehnten, sich von seinem Rücken lösten und verfestigten
Flügel. Die Markierungen auf seinem Rücken waren dort, wo seine Flügel verschwunden waren, und wie verflucht crazy war das bitte?
Jetzt breiteten sie sich nach außen aus, entfalteten sich und stiegen auf beiden Seiten von ihm auf. Goldene Lichtspuren bewegten sich im Rhythmus seines Pulses durch die schneeweißen Federn.
»Oh Shit«, stieß Purson verzerrt hervor, und ich glaube, das war exakt der Moment, in dem er begriff, wer Zayne war. Purson hob die Hände. Es waren keine gemeinen Energiebälle, die Hohedämonen oft beschwören und kontrollieren konnten. Er hob die Handflächen als Zeichen seiner Kapitulation.
»Du kannst alles haben, was du willst. Alles. Meine Legionen, meine Loyalität. Meine Treue«, flehte der Hohedämon und riss die Kette zurück. »Alles. Ich schwöre. Alles.«
»Dein Schweigen wäre schön«, sagte Zayne, und dann schlug er zu.
Eine anmutige Bewegung, ein Drehen goldener Haut und von Feuer. Zaynes Flügel hoben ihn in die Luft und brachten ihn dann nach unten, wobei er sich zurücklehnte, als die flammengesäumte gebogene Klinge sauber durch die Luft schnitt.
Purson hatte nicht einmal die Chance, zu tun, was er mit der Kette vorhatte. Zaynes Schneide erwischte ihn an den Schultern und spaltete ihn.
»Verdammt«, murmelte Purson, ging in Flammen auf und verbrannte auf der Stelle.
Verdammt schien das beliebteste berühmte letzte Wort unter Dämonen zu sein.
Zayne richtete sich auf und schüttelte die Flügel aus, bevor er sie wieder zusammenfaltete. Sie legten sich auf seinen Rücken, und dann … schienen sie erneut in seiner Haut zu verschwinden und hinterließen das erhabene Muster, von dem ich jetzt wusste, dass es Flügel waren.
Die sichelartigen Klingen sackten zusammen und zerfielen zu goldenem Staub, der nur ein paar Sekunden auf dem dunklen Boden schimmerte und dann verschwand. Das Geflecht leuchtender Adern verblasste, während sich Zayne wieder zu mir umdrehte, die ich in der Zwischenzeit nichts anderes getan hatte, als zu versuchen, ihn zu berühren.
Endlich fand ich meine Stimme wieder. »Du kannst so was? Und auch als Gefallener hättest du all das gekonnt?«
»Ja«, antwortete er.
»Ist mir egal, was du denkst, aber ein großer Teil von Zayne musste noch da drin sein, als du Mr. Fallen warst, denn du hättest so etwas jederzeit tun können und hast es nicht getan.«
»Ich konnte. Und ich habe. Es gab Dämonen, die ich auf diese Weise ausgeschaltet habe.« Er sah auf seine Hände hinab, während ich an diesen Mistkerl dachte, den er getötet hatte. Waren da noch andere Menschen gewesen? »Aber du hast recht, was dich betraf, wollte ich nicht.«
»Gott sei Dank«, sagte ich. »Du bist … du bist echt krass drauf, Zayne.«
Er hob den Kopf. »Ich dachte, ich wäre auch früher schon krass gewesen.«
»Ja, warst du. Früher warst du krass, aber jetzt bist du krass-krass-basta«, erklärte ich. »Und ich habe momentan so was wie Schwert-Neid.«
»Es stört dich nicht wirklich, oder?«
»Was?«
»Was ich jetzt bin. Wozu ich fähig bin. Denn das bin ich.« Er legte die Hand aufs Herz, als er vor mir stehen blieb. »Aber ich bin jetzt anders. Das kann ich spüren. Da ist dieses … Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll, aber da ist diese Kälte in mir … und dieses Bedürfnis … dieses Bedürfnis, zu dominieren, ist immer noch da. Es ist nicht auf dich gerichtet. Das wird es nie wieder, aber ich weiß nicht, ob sich nicht noch mehr in mir verändert hat.«
Ich blickte zu ihm auf, und mir war klar, dass das kein Fall war, in dem er überdramatisierte. Er hatte sich tatsächlich verändert. Die Art, wie er mit dem Dämon gesprochen hatte, sah Zayne nicht ähnlich – dem alten Zayne. In seinen Worten hatte etwas Spöttisches gelegen, dem anzumerken war, er würde genießen, was er vorhatte. Die Art und Weise, wie er den Nachtkriecher ausgeschaltet hatte, war ein weiterer Beweis. Der alte Zayne hätte ihm keinen Arm abgehackt. Er hätte ihn ohne Umwege getötet, und der alte Zayne hätte Purson erledigt, egal, was der Dämon behauptete oder zu verhindern versuchte. Da waren Unterschiede, und es könnte noch mehr geben, aber ich wusste auch, dass ich bei Zayne immer sicher sein würde. Und, verflucht, so langsam begann ich zu begreifen, dass ich, als er noch ein Grusel-Gefallener war, bei ihm sicherer gewesen war, als ich überhaupt hatte kapieren können.
Und diese Kälte, die er spürte? Ich fragte mich, ob das am Verlust seiner göttlichen Herrlichkeit lag, was in etwa dem Verlust der menschlichen Seele entsprach. Keine Ahnung, was das auf lange Sicht für ihn bedeutete, und das beunruhigte mich, aber ich wusste, egal was, ich würde ihn dennoch lieben und dass ihn sein Mangel an Herrlichkeit nicht davon abhielt, mich zu lieben. Gemeinsam würden wir herausfinden, was sich vielleicht sonst noch verändert haben könnte.
Unsere Blicke begegneten sich. »Das Einzige, was mich stört, ist, dass du zwei Schwerter besitzt und ich nur eins. Das ist unfair, echter Bullshit.«
Ein breites, wunderschönes Lächeln erhellte Zaynes Gesicht. Er lachte, der Klang war tief und vertraut und warm wie der Sonnenschein und raubte mir den Atem. Eine weitere Sache, von der ich nicht geahnt hatte, sie jemals wieder zu hören. Sein Lachen, und es war wunderschön.
Meine Mundwinkel zuckten. »Ich hab das Gefühl, du lachst über mich.«
»Ich habe dir eben erklärt, dass ich weiß, dass ich mich verändert habe, nur nicht genau, wie sehr, und alles, worüber du nachdenkst, ist, dass ich zwei Schwerter habe und du nur eins.«
»Na ja, schon. Ist schließlich eine große Sache. Ich bin eben mehr so der neidische Typ Mensch.«
Erneut lachte er auf, und der Klang erhellte mein Herz. »Niemand außer dir würde so reagieren.«
Durchaus möglich.
Eine warme Brise erfasste Strähnen seines Haars und hob sie von den nackten Schultern, während er sich umsah. Wenn ich so recht darüber nachdachte, war die unnatürlich kalte Luft verschwunden. Es war auch nicht unerträglich heiß oder schwül, sondern viel angenehmer als sonst.
Ich beobachtete Zayne und fragte mich, ob er etwas mit dem Wetter zu tun hatte. Wie seltsam wäre das? Denn es konnte kein Zufall sein, dass es bis zu seiner Wiederherstellung – na ja, zumindest größtenteils – mehr als zehn Grad kühler als gewöhnlich gewesen war.
»Das ist der … ähm … dritte Dämon, der hinter dir her war? Gab’s noch mehr?«
»Da waren nur die Ghuls, die von gestern, und dann dieser Trottel«, antwortete ich und hielt es für das Beste, nicht zu erwähnen, dass ich in zwei von drei Fällen, in denen ich das Haus verlassen hatte, einen Zusammenstoß mit einem Dämon hatte, der auf der Suche nach mir gewesen war.
»Warum ist Dez nicht bei dir?«
»Die Alte meinte, dass die Energie eines Wächters oder Dämons den Zauber stören könnte.« Ich griff nach meinem Handy. »Aber ich sollte Dez anrufen. Ihm die guten Neuigkeiten erzählen.«
»Das können wir später machen. Jetzt will ich dich erst mal nach Hause bringen.«
Nach Hause.
Das neue Apartment, in dem Zayne kaum Zeit verbracht, in dem er für mich leuchtende Sterne an die Decke angebracht hatte. Zu Hause. Mein Herz zog sich zusammen. Zuerst waren es nur Wände und eine Decke, und meine Klamotten steckten immer noch zur Hälfte in meinen Reisetaschen. Durch die Sterne war es schon zu etwas mehr geworden, aber erst jetzt fühlte es sich nach einem Zuhause an.
Bevor ich mich wieder in ein weinendes Chaos verwandelte, brachte ich meine Gedanken wieder in die richtige Spur. »Gabriel weiß offensichtlich, wo ich bin. Er wird wiederkommen.«
»Aber dann wirst du nicht allein sein«, sagte er, und mein Herz wurde zu einem klebrigen Kuddelmuddel. »Sollte es zu einem etwas größeren Problem werden, müssen wir uns vielleicht nach einer anderen Wohnung umsehen.«
Ich nickte. »Die Verklärung – ah, Moment, du warst ja bei dem Teil von Gabriels extrem langatmiger Rede über seine Pläne, alles zu beenden, nicht dabei.«
»Ich weiß davon.« Er nahm meine Hand, und dass er sie fest umschloss, war ein wunderbares Gefühl. »Ich bin in ein paar Dinge eingeweiht worden, die Verklärung gehört dazu. Er plant, einen Spalt zwischen Himmel und Erde zu öffnen, damit der Dämon Bael zusammen mit Seelen, die in die Hölle gehören, in den Himmel gelangen kann.«
Ich hob die Augenbrauen. »Du bist ja wirklich auf den neuesten Stand gebracht worden. Von den Alphas? Oh Gott. Ich kann immer noch nicht glauben, dass du tatsächlich im Himmel warst – dem Himmel.« Ich blieb stehen und riss die Augen weit auf. »Wie war’s da so? Überall flauschige weiße Wolken und Engel, die chillen und nichts tun? Seelen, die herumwandern und alles haben, was sie sich je erträumt haben? Oder sieht es da aus wie hier? Aber mit Engeln und Seelen? Ich habe so viele Geister gefragt, aber keiner wollte es mir verraten …« Mein Herz setzte einen Schlag aus. »Oh mein Gott, hast du etwa deinen Vater gesehen?«
Ein Grinsen umspielte seine Lippen, während er zu mir herabschaute, und ich …
Ich wusste nicht einmal, was ich vorhatte, bis ich auf ihn zugesprungen war.
Zayne fing mich auf, als ich die Arme um seinen Hals schlang, aber dieses Mal blieb er mit den Füßen auf dem Boden. Meine Beine umklammerten seine Hüften, und er hatte keine Chance, mich irgendwie abzuschütteln. Nicht, dass er es versucht hätte. Sofort legte er die Arme um mich und hielt mich genauso fest, wie ich mich an ihn krallte.
Pure Emotionen durchfluteten mich, weil mir erneut bewusst wurde, dass Zayne lebte und es tatsächlich er war, zwar ein bisschen anders, aber doch er. Tränen brannten mir in den Augen. »Tut mir leid. Okay, es tut mir nicht leid. Ich brauchte nur eine Umarmung.«
Sein Kinn streifte meinen Scheitel. »Das ist meine Lieblingsumarmung.«
»Meine auch«, erwiderte ich gedämpfter. »Ich … ich kann einfach nicht fassen, dass du wirklich hier bist.« Mein Herz hämmerte, und mein Magen hüpfte auf und ab. Am liebsten hätte ich gelacht und gleichzeitig geweint und geschwiegen und wäre nachdenklich geworden und hätte doch so laut geschrien, wie ich nur konnte. Ich hatte das Gefühl, jeden Moment aus der Haut zu fahren.
»Wenn du dich vergewissern musst, dass ich wirklich hier bin, kannst du dich gern jederzeit auf mich stürzen. Macht mir nichts aus«, sagte er. »Ich werde dich auffangen.«
Ich kniff die Augen zu. »Warum musst du immer so perfekte Dinge sagen?«
»Tu ich doch gar nicht«, bestritt er. »Niemand weiß das besser als du.«
»Stimmt«, antwortete ich. »Darum weiß ich ja, dass das, was du sagst, normalerweise einfach perfekt ist. Ich bin Expertin in diesen Dingen.«
»Dann sollte ich das nicht abstreiten«, meinte er, und nun war seine Stimme kräftiger, rauer, besaß, was ihr zuvor gefehlt hatte. Gefühl.
»Ja.« Ich umklammerte ihn noch fester und ließ die Realität für eine Weile Gewissheit werden. Ich hatte ihm geholfen, den Weg zurück zu mir zu finden, genau wie er es versprochen hatte, und obwohl er verändert zurückgekommen war, war er noch immer Zayne. Es gab eine ganze Menge übles Zeug, dem wir uns noch stellen mussten, aber mit ihm an meiner Seite bestand mehr als eine Möglichkeit, Gabriel zur Strecke zu bringen. Es gab Hoffnung. Ein Licht am Ende des Tunnels. Zayne war der Silberstreif am Horizont, und dieser Moment hier war der beste Beweis dafür, dass Wunder möglich waren. Trotz allem gab es eine Zukunft.
Ich riss mich zusammen und löste mich langsam von ihm. Als ich wieder Boden unter den Füßen hatte und zu neunundneunzig Prozent sicher war, mich nicht gleich wieder auf ihn zu stürzen, sagte ich: »Okay. Ich muss mich konzentrieren. Ich bin konzentriert. Du kannst all die Fragen über den Himmel später beantworten, aber zurück zum Wichtigen. Was haben die Engel gesagt …?« Ich rannte los und zog Zayne mit mir, bis ich erneut stehen blieb. »Übrigens, wo laufe ich überhaupt hin?«
»Ich dachte, statt mich in die Lüfte zu schwingen, schnappen wir uns ein Taxi, um mit Nic zu sprechen«, meinte er, und ich stimmte dem voll und ganz zu. »Ich kann zwar hoch genug fliegen, dass die Menschen den Unterschied von meinen Flügeln zu denen von Wächtern nicht bemerken, aber ich will sichergehen, dass keiner der Wächter denkt, ich will sie umbringen.«
Die Wächter.
Er klang so, als wäre er kein Wächter mehr, und so war es ja auch. Natürlich. Ich wusste das bereits, aber es war trotzdem ein Schock.
»Gute Entscheidung«, murmelte ich und konnte wieder klar denken, als wir den Weg hinuntergingen. »Ist das möglich? Was Gabriel behauptet hat? Dass Bael und die Seelen den Himmel infizieren würden und Gott daraufhin die Pforten schließt?«
»Ja, was dann zur Folge hätte, dass jeder, der stirbt, nicht mehr in den Himmel kommen kann. Alle Seelen wären auf der Erde gefangen und würden entweder zu Gespenstern oder von Dämonen gequält«, erklärte Zayne seufzend. »Sollten die Himmelssphären geschlossen sein, hätten Dämonen keinen Grund mehr, sich zu verstecken. Die Erde würde zur Hölle, und Teile des Himmels wären verloren. Was Gabriel plant, ist möglich.«
»Irgendwie hatte ich gehofft, er hätte bloß Wahnvorstellungen.«
»Leider nicht«, sagte er. »Einige Alphas und Engel wollen den Laden schon schließen.«
»Ja, der Thronende hat so was erwähnt.« Ich fragte mich, ob mein Vater dazugehörte, während mein Blick über die dichte, unförmige Baumreihe schwebte. Wut durchzuckte mich. Was aus Gabriel geworden war, konnte doch für die anderen Erzengel nicht so völlig überraschend gekommen sein. Es musste Anzeichen gegeben haben, dass er außer Kontrolle geraten war – mit mörderischen, weltzerstörerischen Tendenzen. So etwas tauchte nicht einfach aus dem Nichts auf. Doch niemand hatte irgendetwas unternommen. Selbst mein eigener Vater hatte mir nicht verraten, dass Gabriel der Bote war, geschweige denn, dass er mich auch nur im Entferntesten darauf vorbereitet hätte, von Angesicht zu Angesicht einem Erzengel zu begegnen.
Engel waren praktisch nutzlos.
Nun, außer diesem Thronenden. Er war hilfreich gewesen. Verstohlen sah ich zu Zayne, der theoretisch betrachtet ein Engel war – und irgendwie auch nicht. Er war nicht nutzlos, aber jeder der Engel, von der niedrigsten Klasse bis hinauf zu den Erzengeln, hätte etwas anderes tun können, als bloß herumzustehen und Animal Crossing zu spielen oder was auch immer Engel so mit ihrer Freizeit anstellten.
»Du hast dein Handy dabei, oder?«, fragte Zayne, als wir den Ausgang des Parks erreichten. Ich nickte und holte es aus der Hosentasche. »Soll ich ein Taxi bestellen?«
»Yep.« Das Licht am Ausgang war nicht annähernd hell genug, um gegen das blendende Display anzukommen, also übergab ich das Smartphone bereitwillig an Zayne.
Während er die entsprechende App öffnete, betrachtete ich ihn von oben bis unten. Ich fragte mich, was der Fahrer wohl denken würde, wenn Zayne mit nacktem Oberkörper ins Auto kletterte. Mein Blick blieb kurz an seinen breiten Schultern hängen, an den klar umrissenen Linien seiner Brust und weiter unten an der Andeutung straffer, gewundener Muskeln, die meisten verborgen. Zayne war immer so fit gewesen, dass ich das Gefühl hatte, Cardio-Training oder Sit-ups zu meiner nicht vorhandenen täglichen Workout-Routine hinzufügen zu müssen. Ich trainierte, um zu kämpfen. Das war genug Training für mich, aber sein Körper war der Beweis, dass er in jeder Hinsicht hielt, was er versprach.
Ja, ich wusste, dass ich Zayne definitiv ein bisschen zu intensiv anstarrte, aber ich glotzte ihn nicht an, weil er hübsch war. Das hatte ich in der Vergangenheit unzählige Male getan, aber nun starrte ich ihn an, weil er hier war und es ihm gut ging. Dass das kaum zu glauben war, würde ich nicht so schnell abstellen können.
Ich lenkte den Blick zurück zu seinem Gesicht und dachte, seine Züge waren immer noch viel klarer als zuvor. In diesem schlechten Licht hätte ich sonst nie seine Augenbrauen oder den Rand seiner Lippen erkennen können. Das bildete ich mir nicht ein. Es musste an dem liegen, was er war, an der Gnade in ihm. Alles andere um mich herum schien nämlich nicht deutlicher. Ich konnte mich nicht erinnern, wie es war, wenn ich meinen Vater sah. Diese seltenen Besuche waren viel zu kurz gewesen, und bei dem Zusammentreffen mit Gabriel hatte ich andere Sorgen gehabt, wie zum Beispiel am Leben zu bleiben, und auch als ich dem Thronenden begegnete. Aber da ich so darüber nachdachte – ich hatte diese unheimlichen Augen in den Flügeln des Thronenden gesehen. Und ich hätte nicht gedacht, dass ich imstande wäre, etwas so Kleines auf diese Entfernung zu erkennen.
Gerade dabei, ein Uber zu bestellen, erstarrten Zaynes Finger über dem Display, und er sah zu mir herüber.
»Sorry.« Ich wurde rot. »Ich habe dich angestarrt wie eine Komplettirre.«
»Inzwischen solltest du wissen, dass ich kein Problem damit habe, wenn du mich anstarrst.« Er reichte mir mein Handy, und nachdem ich es wieder in die Gesäßtasche geschoben hatte, griff er meine Hand, zog mich an seine Brust, und ich hing an ihm wie eine Klette. »Tut mir leid.«
»Was?« Ich hob den Kopf.
»Was?«, wiederholte er leise lachend, legte die Hand an meinen Hinterkopf und zog meine Wange an sein Herz. »Dass ich dich verlassen habe.«
»Das war nicht deine Schuld, Zayne. Schließlich hast du dir das nicht ausgesucht.«
»Ja, aber das macht’s auch nicht leichter. Schließlich bist du körperlich und seelisch durch die Hölle gegangen, und ich konnte nicht für dich da sein.« Sein nächster Atemzug kam stockend. »Ich wollte zu dir, sobald ich gemerkt habe, dass das ging, aber als ich’s dann tat, tja, das hat ganz sicher nicht geholfen.«
Ich hatte Fragen, was genau er erlebt hatte, aber die mussten warten. »Jetzt bist du hier. Das ist alles, was zählt.«
»Stimmt.« Er strich mir durchs Haar. »Und ich werde dich nicht verlassen. Nie wieder, Trin. Niemals wieder.«