Die Fahrt zum Apartment war … interessant.
Der Fahrer, ein älterer Mann, schaute im Rückspiegel ständig zu uns, und ich glaube nicht, dass es viel damit zu tun hatte, dass Zayne kein Hemd trug oder dass ich an ihm klebte, als wären wir Klettverschlüsse. In den Bewegungen und dem Geplapper des älteren Mannes war eine Nervosität zu erkennen, die genauso abrupt endete, wie sie begonnen hatte.
Waren die Augen des Fahrers mal nicht auf die Straße gerichtet oder huschten nicht zum Rücksitz, fixierten sie das sanft hin und her pendelnde Kreuz, das an seinem Rückspiegel hing.
Ob der Mann wohl etwas … an Zayne spürte, das nicht von dieser Welt war? Ich wusste, es lag nicht an mir. Ich besaß keinen Einfluss auf Menschen. Darüber hinaus schienen die Leute nie zu merken, wenn sie Wächtern in ihrer menschlichen Gestalt begegneten, aber da war definitiv eine … Energie um Zayne, die zuvor nicht da gewesen war.
Schwer zu beschreiben, aber sie erinnerte mich daran, wie sich die Luft kurz vor einem fürchterlichen Sturm oder im Auge eines Wirbelsturms auflud und unheimlich ruhig wurde. Genau so fühlte sich das hier an. Selbst während Zayne unablässig mit den Fingerspitzen meinen Arm auf und ab strich, herrschte eine solche Ruhe, dass mir die Atmosphäre um ihn herum vorkam, als würde sie jede Sekunde explosionsartig in gewalttägige Energie umschlagen können. Als würde selbst die Luft den Atem anhalten und darauf warten, was er als Nächstes vorhatte.
Das war irgendwie cool.
Und ein bisschen beängstigend.
Unterwegs schickte ich Dez eine kurze Nachricht, um ihm mitzuteilen, dass es Zayne gut ging und wir ihn bald anrufen würden. Auf der Stelle leuchteten ungefähr ein Dutzend stummer Nachrichten auf meinem Display auf, die ich nicht beantworten konnte, weil Zayne seinen Kopf gesenkt und seine Lippen auf meine Schläfe gedrückt hatte, und der süße Kuss ließ mich beinahe komplett dahinschmelzen.
Ich glaube, der Fahrer holte zum ersten Mal richtig Luft, als wir vor unserem Haus anhielten und Zayne die Wagentür öffnete. Als ich ausstieg, sah ich, wie der Fahrer Zayne hinterherschaute, der nun unter einer Straßenlaterne stand. Seine Flügel zeichneten sich zwar nur schwach ab, waren aber sogar für mich sichtbar, sodass ich keinen Zweifel hatte, dass der ältere Mann sie auch gesehen hatte.
Ich schloss die Autotür, als der Fahrer das Kreuz vom Rückspiegel nahm und an die Lippen führte.
»Wir müssen auf jeden Fall dafür sorgen, dass du künftig ein Shirt trägst, wenn du in der Öffentlichkeit unterwegs bist«, sagte ich und trat neben Zayne auf den Gehweg.
Er grinste schief, als wir die Lobby unseres Apartmentgebäudes betraten. »Findest du?« Er blickte über seine Schulter. »Wie auffällig ist es denn?«
»Tja, ich kann es sehen, also …«, antwortete ich. Zum Glück war die Lobby menschenleer, und da sie hell erleuchtet war, konnte ich alles besser erkennen. »Sieht aus wie Engelsflügel aus weißer Tattoo-Tinte. Es bedeckt den ganzen Rücken und wirkt leicht erhaben.« Jede einzelne der geschwungenen Federn machte den Eindruck, als wäre sie mühsam in seine Haut geätzt, kein Detail fehlte. Das etwas Erhabene sorgte für Schattierungen einer normalen Tätowierung. Als wir uns auf den Weg zum Aufzug machten, überkam mich wieder der Drang, diese Federn zu berühren. Doch da fiel mir ein, wie Zayne im Schwimmbad darauf reagiert hatte, also widerstand ich der Versuchung. »Das ist wirklich wunderschön, Zayne.«
»Du bist wunderschön.«
Mein Kopf schnellte ruckartig hoch, und ich sah, wie er mich mit einem weichen, zärtlichen Zug um die Lippen anblickte. Ich spürte, wie mir die Wärme in die Wangen stieg, selbst als ich auf die unattraktivste Art und Weise, die überhaupt möglich war, hervorstieß: »Ich weiß, wie ich momentan aussehe, und …«
»Und du bist sogar noch schöner als je zuvor.« Behutsam berührte er mein Gesicht. Sein Daumen strich über die Wölbung meines Kinns. »Jeder einzelne blaue Fleck ist ein Orden deiner Stärke.«
»Schon wieder sagst du genau das Richtige«, murmelte ich.
»Warum auch nicht?« Mit einem Finger fuhr er die Linie meiner Wange entlang und hielt an der Stelle, von der ich wusste, dass die Haut noch einen hübschen bläulich-violetten Farbton hatte. »Ich werde Gabriel wehtun. Jeden blauen Fleck, jede Verletzung, die er dir zugefügt hat, werde ich zehnfach vergelten. Ich will, dass er noch lebt und atmet, wenn ich ihm das Fleisch von den Knochen reiße und die Organe aus dem Körper, und dann, bevor er seinen letzten Atemzug tut, will ich, dass das Letzte, was er sieht, du bist, bevor du ihn tötest.«
Oh.
Wow.
Mein Herz setzte einen Schlag aus. Nicht wegen Zaynes kaltblütigem Versprechen, das deutlich machte, dass er genau das zu tun vorhatte, sondern weil er Gabriel erneut gegenüberstehen würde. Gemeinsam würden wir dem Erzengel gegenüberstehen, aber was, wenn Zayne etwas zustieß? So wie beim letzten Mal? Ich fror innerlich, und Panik machte sich in mir breit. Könnte ich Zayne vielleicht überreden, kurzfristig zu verreisen? Und das Ganze verschieben …?
Ich blickte in seine Augen und verdrängte diese Gedanken schnell. Jeder Tag barg das Risiko, dass einer von uns ein vorzeitiges Ende fand. Das hatte sich nicht geändert. Wenn überhaupt, würde Zayne jetzt weniger leicht zu töten sein. Das war eine gute Nachricht, und daran sollte ich denken, und Zayne hatte mich nicht gebeten, das Ganze zu verschieben.
An sich war mir klar, dass er das nicht tun würde.
Ich wusste auch, dass ich Zayne an meiner Seite brauchte, wenn ich mich mit Gabriel anlegte, selbst wenn Roth und Layla erfolgreich Luzifer rekrutierten. Und es war schließlich nicht so, dass Zayne auf eine solche Bitte eingehen würde. Das hatte er auch nicht, als ich schon mal darum gebeten hatte, und vielleicht hatte sein Eingreifen, als er es dann doch tat, angezogen von dem Schmerz, den ihm die Bindung zufügte, eine entscheidende Rolle gespielt und letztendlich zu seinem Tod geführt.
Unmöglich, Zayne zu bitten, dass uns sein schlechtes Gewissen nicht in die Quere kommen durfte. Und das Gleiche galt für die Angst. Das konnte ich nicht zulassen.
Und ich würde es nicht zulassen.
Ich atmete flach. »Außerdem war es auch das Richtige, was du gesagt hast.«
Fragend hob Zayne eine Augenbraue.
Ich zuckte mit den Schultern. »Ich meine, wahrscheinlich nicht für die meisten, aber ich habe absolut kein Problem damit, wenn du genau das machst.«
Ein schwaches Grinsen erschien auf seinem Gesicht. »Es sollte mich nicht überraschen, dass du das sagst. Du warst schon immer blutrünstig.«
»Stimmt«, pflichtete ich ihm bei und betrat den Aufzug. Obwohl ich zugeben musste, nicht gedacht zu haben, dass der frühere Zayne all das gesagt hätte. Ja, er hätte Gabriel verletzen und töten wollen, aber die ganze Sache mit dem Abziehen der Haut und dem Herausreißen von Organen? Das war neu.
Während uns der Fahrstuhl nach oben brachte, schaute ich Zayne an. Dank des besseren Lichts hier konnte ich erkennen, dass er unverändert aussah.
Und irgendwie auch nicht.
»Deine Gesichtszüge sind jetzt für mich schärfer zu erkennen, deutlicher definiert. Wie bei einem Foto mit hoher Auflösung«, erklärte ich. »Das ist so, seit du zurück bist.«
Er wollte schon etwas antworten, da spürte ich das typische Kribbeln im Nacken. Zayne ließ den Blick zu den Aufzugtüren wandern, trat einen Schritt vor und schirmte mich ein wenig ab. »Hier ist ein Dämon in der Nähe.«
»Vermutlich Cayman. Er wollte hier abhängen, bis er von mir hört«, erklärte ich. »Du bist hell.«
»Was?« Zayne blickte zu mir, als der Aufzug langsam zum Stehen kam.
»Deine Haut ist heller.« Ich stupste seinen Arm an. »Als wäre da ein schwaches Licht unter deiner Haut, und ich glaube, deshalb kann ich dich auch besser sehen als früher.«
»Ich sehe aus wie eine wandelnde Glühbirne?«, fragte er stirnrunzelnd.
Ich grinste. »Ich finde nicht, dass es dermaßen auffällt. Ich meine, wenn ich es sehen kann, können das bestimmt auch andere, aber ich glaube nicht, dass sie klar sagen können, was es ist. Die Leute nehmen wahrscheinlich an, dass du schön bist und gesund von innen strahlst.«
Er öffnete den Mund und wandte sich wieder der Vorderseite des Fahrstuhls zu, doch als sich die Aufzugtür aufschob, galt seine ganze Aufmerksamkeit dem Inneren der Wohnung. Was auch immer er sagen wollte, war vergessen, als der dunkelhaarige Dämon in unser Sichtfeld tänzelte. Cayman hatte uns den Rücken zugewandt, sein Kopf wippte, und die Hüften schaukelten. In der einen Hand hielt er eine Tüte Chips, in der anderen eine Getränkedose. Aus den Kopfhörern dröhnte Musik mit einem wohlbekannten Beat.
War das … Hey Mama?
Plötzlich beugte sich Cayman nach vorn. Sein Hintern stand in der Luft, und er schüttelte ihn, als würde er dafür bezahlt. Und zwar gut.
Mir klappte die Kinnlade herunter.
»Das habe ich nicht erwartet«, murmelte Zayne.
»Ich glaube, niemand würde so etwas erwarten.«
Nun richtete Cayman sich mit einer geschmeidigen Bewegung wieder auf und steckte sich einen Chip in den Mund.
Der Dämon konnte tanzen.
Unsicher, ob wir ihn dabei stören sollten oder nicht, trat ich aus dem Fahrstuhl. Cayman schien sehr viel Spaß zu haben, auch beim Rückwärtstanzen …
Er drehte sich um, stieß einen spitzen Schrei aus, und ich zuckte zusammen. Die Tüte Chips rutschte ihm aus den Fingern, und die frittierten Kartoffelscheiben verteilten sich auf dem Boden.
»Ich wünschte, wir hätten so viel Weitsicht besessen, das hier aufzunehmen«, kommentierte Zayne.
Ich grinste.
»Oh Mann.« Cayman griff in seine Hosentasche, und die Musik verstummte. Während er langsam die Earbuds aus den Ohren zerrte, starrte er Zayne an. »Sollte ich lieber sofort um mein Leben rennen?«
»Statt um dein Leben zu tanzen?«, fragte ich ironisch.
»Das ist nicht der richtige Zeitpunkt für Witze«, antwortete der Dämon.
»Aber ich habe einen riesigen Witze-Vorrat.«
Cayman ignorierte mich und senkte die Stimme, als ob Zayne ihn dann nicht hören könnte. »Ich möchte wirklich keine Wiederholung von Samstagnacht.«
»Ja, das tut mir leid«, meinte Zayne. »Da war ich nicht ganz bei mir.«
»Ohne Scheiß«, flüsterte Cayman. »Du verspürst also nicht den unkontrollierbaren Drang, mich zu jagen und mich wie ein kleines Kind kreischen zu lassen?«
Zayne bückte sich und hob die heruntergefallenen Chips auf. »Nein, dazu habe ich keine Lust.« Er warf einen kurzen Blick in die Küche und musste zweimal hinschauen, als er das Chaos sah. »Aber wenn ich’s mir so recht überlege …«
Ich biss mir auf die Innenseite meiner Wange.
»Ich räume alles wieder auf.« Cayman hob entschuldigend die Hände. »Sogar die Sauerei, die Trinity gemacht hat.«
Böse funkelte ich den Dämon an.
Er zwinkerte mir zu, dann wandte er sich an Zayne. »Verdammt, Engelsjunge, sieh dir an, wie tief du gefallen bist. Buchstäblich.« Er klang, als hätte er Zayne eines der größten Komplimente gemacht. »Ich bin froh, dass du wieder da bist.«
»Danke«, antwortete Zayne.
»Ich hatte Angst, dass ich bei Trinity einziehen muss, wenn das nicht klappt. Du weißt schon, um sie bei Verstand zu halten.« Er hielt kurz inne. »Mit Beruhigungsmitteln.«
Meine Augen wurden zu schmalen Schlitzen. »Möchtest du vielleicht doch noch mal kreischen wie ein kleines Kind?«
»Vielleicht später. Ich sag dir Bescheid.« Cayman nahm einen Schluck von seinem Getränk.
Zayne warf die Tüte mit den Chips auf den Tresen. »Sehe ich für dich wie eine wandelnde Glühbirne aus?«
Ich rollte mit den Augen und drehte mich zu ihm. »Ich sagte doch schon, dass du das nicht tust.«
»Ich wollte nur sichergehen.« Er schenkte mir ein Grinsen, das mein Herz nicht zum Klopfen bringen sollte, es aber trotzdem tat.
Cayman schüttelte den Kopf. »Nein, aber du hast so einen leuchtenden … Unterton, jetzt, wo du es erwähnst.«
»Siehste?«
Zaynes Grinsen wurde noch breiter. »Ich habe eine Frage an dich, Cayman. Spürst du etwas, wenn du in meiner Nähe bist?«
Cayman ließ die Getränkedose sinken. »Kommt drauf an, was du meinst.«
Wenn ich daran dachte, wie Purson auf Zayne reagiert hatte, verstand ich, worauf er mit dieser Frage hinauswollte. »Ich glaube, er meint, ob du spüren kannst, was er ist?«
»Abgesehen von den Flügeln, die ja ein eindeutiges Indiz sind?« Caymans dunkle Brauen zogen sich zusammen. »Wo sind die überhaupt?«
»Hier.« Zayne drehte sich um und gewährte Cayman einen Blick auf seinen Rücken.
Der Dämon stieß einen leisen Pfiff aus, als er die Umrisse sah. »Inkognito. Schön. Das habe ich nicht mehr gesehen, seit damals Engel Seite an Seite mit den Menschen gearbeitet haben.«
Meine Brauen schossen in die Höhe. »Wie alt bist du denn?«
»Alt genug, dass ich gesehen habe, wie ganze Zivilisationen untergegangen sind, nur um wiedergeboren zu werden«, antwortete Cayman.
»Na dann«, nuschelte ich.
»Aber um deine Frage zu beantworten: Du fühlst dich definitiv nicht wie ein Wächter an.« Cayman runzelte die Stirn, während er Zayne studierte. »Du fühlst dich anders an.« Er neigte den Kopf zur Seite, sodass sein schwarzes Haar über die Schulter fiel. »Aber wenn ich die Flügel nicht gesehen hätte, wüsste ich nicht, was du bist.«
»Wie findest du das?«, fragte ich und trat unruhig von einem Fuß auf den anderen. Müdigkeit kroch in meine Muskeln. Es waren lange Tage gewesen, und der Schlaf einer Nacht hatte nicht so viel gebracht, wie ich gedacht hatte.
»Ich vermute, es ist das Gleiche, das die meisten Dämonen daran hindert, zu spüren, dass man ein Trueborn ist. Eine Art himmlischer Schild, der mit der Gnade verbunden ist, nehm ich an.«
»Könntest du einen normalen Gefallenen spüren – einen ohne Gnade?«, wollte ich von Cayman wissen und fragte mich dasselbe.
Cayman nickte. »Die fühlen sich an wie … wie ein sehr mächtiger Dämon. Nicht genau so, aber ähnlich.« Er lehnte sich an die Rückenlehne der Couch. »Jeder Dämon, der seinen Namen wert ist, wird die Aura der Macht um dich herum wahrnehmen, aber der Verstand würde niemals Heilige und Scheiße zusammenzählen und in der Summe auf Gefallener kommen. Es hat einfach keinen mehr gegeben, seit, na ja, seit die Wächter ihre Eierschalen abgestreift haben. Offenbar.«
»Interessant.« Zayne blickte zu mir. »Das ist eine Sache, die von Nutzen sein könnte.«
»Ja, nur dass dein kleiner Targaryen-Ich-brenn-hier-alles-nieder-Moment am Samstag deutlich gemacht hat, dass es einen Gefallenen gibt – einen mit Flügeln und der Gnade. Ich bin sicher, das hat sich schneller herumgesprochen als irgendwelche Fake News in den sozialen Netzwerken«, sagte Cayman. Ich vermutete allerdings, Purson war nicht in der DC-Dämonen-Facebook-Gruppe oder so. »Vor allem wenn man in Betracht zieht, wie du dich fühlst, denke ich dabei nur an ein anderes Wesen.«
Mir wurde ganz flau. Ich wusste, wen er meinte. Luzifer.
»Aber wie fühlt sich das an?«, fragte Cayman. »Zu wissen, wo man wirklich herkommt?«
»Ehrlich? Es fühlt sich weder gut noch schlecht an. Es ergibt nur einfach … Sinn.« Zayne warf dem Dämon einen kurzen Blick zu. »Wer ich bin oder sogar wer ich war, hat nichts mit Vorfahren zu tun, die vor einigen Tausend Jahren gelebt haben.«
»Du bist eine solche Enttäuschung«, murmelte Cayman.
»Wirklich?«, entgegnete Zayne.
»Ja, weil du so verdammt gut angepasst bist.« Cayman schmollte. »Es macht nämlich keinen Spaß, sich mit dir über deine nicht ganz so heilige Herkunft zu streiten, wenn es dich nicht stört.«
»Sorry.« Zayne kam auf mich zu, nahm meine Hand und zog mich zur Couch. »Setzt du dich zu mir?«
»Natürlich«, meinte ich und war vom ersten Moment an, in dem mein Hintern die Polster berührte, dankbar, nicht mehr zu stehen.
»Aber jetzt verstehe ich, warum Roth manche Dinge gesagt hat, die er gesagt hat«, fügte Zayne hinzu, als er sich neben mich setzte. »Und ich bin auch überrascht, dass er es geschafft hat, das für sich zu behalten.«
»Stimmt. Ich auch.«
»Sogar Roth hält sich an gewisse Regeln«, sagte Cayman.
Da kam mir etwas in den Sinn. »Weißt du, was ich nicht verstehe?«
»Warum die Menschen immer noch denken, dass der Klimawandel gar nicht existiert?«, fragte Cayman zurück.
»Ja, das auch, aber …«
»Bitcoins?«, bot er als Nächstes an. »Denn selbst ich kapiere nicht, was Bitcoins sind, und dabei habe ich schon alle Arten von Geld gesehen.«
Finster sah ich ihn an. »Nein. Ich rede nicht von Bitcoins. Sondern davon, wie zukünftige Wächter erschaffen wurden? Es gab ja keine weiblichen Gefallenen, richtig? Es gibt keine weiblichen Engel.«
»Wer sagt denn, dass es keine weiblichen Engel gibt?«, fragte Cayman und drehte sich um, sodass er uns gegenüberstand.
Ich blinzelte schnell. »Ich habe noch nie einen gesehen oder davon gehört.«
»Es gibt weibliche Engel«, bestätigte Zayne. »Ich habe schon ein paar wenige gesehen.«
»Moment mal. Im Ernst? Wie sahen sie aus?«
»Sie sahen aus wie … weibliche Engel«, antwortete er.
»Wirklich sehr hilfreich.« Ich wandte mich an Cayman. »Warum höre ich zum ersten Mal davon? Warum wurde nie ein weiblicher Engel in irgendeinem … warte mal.« Ich hob die Hand. »Ehrlich gesagt muss ich das gar nicht weiter beantworten. Das Patriarchat.«
»Yep.« Cayman nickte. »Und das ist ein menschliches Konstrukt. Das kann man also nicht mal uns Dämonen vorwerfen.«
»Okay. Also gab es weibliche Engel, die gefallen sind?«
»Ich wette, es wird dich nicht überraschen, zu hören, dass kein weiblicher Engel je aus dem Himmel rausgeworfen wurde«, sagte Cayman. »Nicht weil sie nie etwas infrage gestellt hätten. Es ist nur so, dass sie die Dinge auf eine logische, durchdachte Art hinterfragt haben, statt sich ganz und gar wie Dummköpfe zu verhalten.«
»Ja«, sagte ich leise. »Das überrascht mich überhaupt nicht.«
»Erinnerst du dich an die Geschichte, als Gott die Erde geflutet hat, um die Welt von den Nachkommen der Nephilim zu befreien, die aus den unanständig spaßigen Zeiten resultierten, bevor die Gefallenen in Stein verwandelt wurden? Tja, Gott hat nicht alle erwischt.«
Zayne legte mir meinen Zopf über die Schulter. »Es gab nur wenige Frauen unter den Menschen, deren Genetik mit der von Wächtern übereinstimmte und es ermöglichte, von einem Wächter schwanger zu werden. Wie sich herausstellte, waren diese Frauen alle Nachfahren der Kinder derer, die gefallen sind.«
»Verwässerte Nephilim«, sagte Cayman.
»Verwässerte Trueborns«, murmelte ich und dachte bei mir, dass das alles potenziell inzestuös klang. Hoffentlich hatte sich die erste Generation Wächter nicht mit Frauen eingelassen, die aus ihrer direkten Linie stammten, und es dabei belassen.
Mal abgesehen davon musste ich mir mehr Gedanken um die Funktionstüchtigkeit meiner eigenen Gebärmutter machen.
»Also, wie war’s?«, fragte Cayman und schnappte sich eine kleine Schachtel mit Crackern in Tierform, bevor er sich über die Rückenlehne der Couch in eine Ecke fallen ließ. »Die ganze Angelegenheit mit dem Sterben? Ich bin neugierig. Weißt du – weil ich noch nie gestorben bin.«
»Eine ziemlich unhöfliche Frage«, bemerkte ich.
Cayman zuckte mit den Schultern.
Zayne grinste. »Als ob du das nicht auch wissen willst.«
Ich öffnete den Mund, um sofort zu widersprechen, aber dann gab ich seufzend zu: »Ja, Ich kann nicht mal lügen. Ich bin auch neugierig.«
»Wusste ich’s doch.« Er fuhr sich mit der Hand über den Kopf und strich sich die Haare aus dem Gesicht. »Ich erinnere mich ans Sterben. Irgendwie.«
»Irgendwie?«, fragte Cayman, den Mund voller Cracker.
Zayne nickte. »Ich erinnere mich, unter der Schule gewesen zu sein, in dieser Höhle, und zu wissen, dass ich sterbe und … Angst um dich gehabt zu haben – was passieren würde, wenn ich weg bin. Ich konnte deinen Schmerz spüren, und ich wollte dir nur versichern, dass alles gut wird.«
Oh Gott.
Ich musste mich echt beherrschen, um mich nicht wieder auf ihn zu stürzen.
»Und dann war da ein lautes, schnappendes Geräusch, fast wie ein Donner, und dieser Blitz intensiven Lichts. Ich habe noch nie etwas so Helles gesehen.« Sein Blick wirkte irgendwie entrückt, aber er wandte ihn nicht von mir ab. Eigentlich hatte er das sowieso die ganze Zeit bloß für ein paar Sekunden, und ich fragte mich, ob es daran lag, dass er dasselbe fühlte wie ich. Als könnte er noch immer nicht glauben, dass wir hier waren. Zusammen. »Das Licht verschwand ziemlich schnell, und als es fort war, befand ich mich in einer Art Gebäude.«
»Ein Gebäude? Statt Wolken?« Ich seufzte. »Da bin ich aber enttäuscht.«
Erneut grinste er. »Schließlich habe ich Wolken gesehen.«
Ich verschränkte die Hände unterm Kinn. »Mit Engeln, die darauf ruhten?«
Cayman schnaubte.
»Es wird dich wirklich enttäuschen, aber es sind ganz normale Wolken am Himmel«, gab Zayne lachend zurück.
Er hatte recht, aber ich war dennoch neugierig. »Der Himmel hat einen Himmel voller Wolken?« Als er nickte, rümpfte ich die Nase. »Bist du sicher, dass du echt im Himmel warst?«
»Ich bin wirklich neugierig, wie deiner Meinung nach der Himmel aussieht«, warf Cayman ein.
Bevor ich mit meiner anschaulichen und übermäßig detaillierten Beschreibung der Wolkenstädte beginnen konnte, schaltete sich Zayne ein. »Ich war definitiv im Himmel.«
Ich musterte ihn. »Wie kannst du dir da so sicher sein?«
»Das klingt vielleicht verrückt, aber so fühlte sich die Luft an – die perfekte Temperatur. Nicht heiß. Nicht kalt. Das richtige Maß an Luftfeuchtigkeit. Die Geräusche, es war wie ein Frühlingsmorgen. Es war der Geruch. Alles roch nach …«
Ich fragte mich, wie der Himmel für ihn roch, und beugte mich vor.
Zayne räusperte sich und senkte die Lider. »Es roch unglaublich«, sagte er, und ich lehnte mich wieder zurück, enttäuscht darüber, dass er nichts weiter dazu sagte. »Und das Gebäude, in dem ich mich befand, war wie ein Kolosseum, und ich bin mir ziemlich sicher, dass es aus Gold war.«
»Das ganze Ding?«
»Yep.«
»Verflucht«, nuschelte Cayman und schob sich eine weitere Handvoll kohlenhydratreicher Köstlichkeiten in den Mund. »Gott scheut keine Kosten.«
Ich fragte mich, ob ein Dämon überhaupt irgendwelche Details über den Himmel erfahren sollte, aber wäre das problematisch, würde Zayne sicher nicht so offen darüber sprechen.
»Übrigens konnte ich die Wolken durch eine Öffnung im Dach sehen«, fügte Zayne hinzu. »Falls es dir damit besser geht: Der Himmel hatte einen unglaublichen Blauton, und die Wolken wirkten flauschig.«
»Wie deine Augen«, sagte ich. »Die Farbe des Himmels meine ich.«
Erneut tauchte das Grinsen auf. »Zuerst war ich verwirrt. Ich wusste, dass ich im Himmel war. Ich spürte es in den Knochen, aber ich war … überrascht, mich dort wiederzufinden.«
Zayne dachte offensichtlich so, weil ihm dank Layla ein Teil seiner Seele fehlte. Das war zwar Schnee von gestern, aber trotzdem ein immerwährender Quell für Wutausbrüche, die auf den Gedanken folgten, wie sehr Zayne von Layla verletzt worden war, obwohl das geschehen war, lange bevor wir uns überhaupt kennengelernt hatten. Ich hielt ihr das nicht vor oder so.
Okay. Irgendwie schon, aber ich hatte bereits daran gearbeitet, darüber hinwegzukommen und ein insgesamt gelassenerer Mensch zu werden.
An den beiden Fronten musste ich eben noch sehr viel besser werden.
»Ich war nicht allein. Ich brauchte eine Weile, um zu begreifen, dass jemand bei mir war – hinter mir.« Zayne lehnte sich zurück, den Kopf zu mir geneigt. »Es war dein Vater.«