Etwas später lagen wir uns gegenüber. Ich war in ein Laken gehüllt, und Zayne, na ja, war herrlich nackt und fühlte sich offenbar total wohl. Wahrscheinlich weil die Schatten der Nachttischlampe, die er angeschaltet hatte, all seine interessanten Stellen im Verborgenen ließen. Seine Hand umschloss meine – die, in die ich mir während des Zaubers geschnitten hatte. Ich war todmüde und hatte keinen Schimmer, wie spät es eigentlich war, doch Zaynes Flügel waren immer noch ausgebreitet, einer ruhte an seiner Seite und der andere hinter ihm, und ich wollte … ich wollte unbedingt einen der Flügel berühren.
Aber ich war erwachsen und hielt mich an die Nicht-anfassen-ohne-zu-fragen-Regel. Die Flügel von Wächtern konnten hin und wieder empfindlich sein, und man berührte sie nicht einfach so. Ich nahm an, dass es mit diesen Flügeln ähnlich war, weil er derart heftig reagiert hatte, als ich zuvor versucht hatte, sie anzufassen.
Oh Gott, Zayne war nun tatsächlich ein Engel. Na ja, ein gefallener Engel, um genau zu sein. Merkwürdig, wie mich die Realität gelegentlich genau dort traf, wo es am meisten wehtat.
»Die Flügel«, sagte ich und unterdrückte ein Gähnen. »Die sind anders.«
»Ich wusste nicht, dass es so kommen würde.« Nun zog er auch den seitlich liegenden Flügel nach hinten.
»Nein. Nimm ihn nicht weg. Die Flügel stören mich nicht. Dass das neu ist, ist mir bloß aufgefallen.«
Zayne drehte meine Hand um und küsste den bereits heilenden Schnitt. Das Glühen hinter seinen Pupillen wirkte erneut gedämpft. »Und anders.«
»Ja, aber ich mag sie.« Ich schob mich näher an ihn heran. »Sie sind wunderschön, Zayne.«
»Danke.« Er küsste eine meiner Fingerspitzen. »Lass mich raten … Du bist neidisch?«
Ich grinste. »Kann sein.«
Daraufhin gluckste er, und mein Grinsen vertiefte sich. »Schätze, ich gewöhne mich noch an sie«, sagte er.
»Fühlt es sich anders an als als Wächter?«
»Ja. Eigentlich fühlt sich alles anders an.« Ein weiterer Kuss, diesmal auf den nächsten Finger. »Meine menschliche oder Wächter-Gestalt fühlte sich natürlich an, außer ich war verwundet und musste in eine Phase tiefer Heilung übergehen«, erklärte er und bezog sich auf die Zeit, in der Wächter zu Stein geworden waren, um sich auszuruhen. So hatte ich ihn nie gesehen. »Die Flügel zu verstecken fühlt sich nicht natürlich an. Es kribbelt im Rücken. So ist es am besten zu beschreiben.«
»Dann versteck sie nicht, wenn du es nicht musst, vor allem nicht, wenn du mit mir zusammen bist.« Ich betrachtete sie erneut, und mir juckte es in den Fingern. »Sie sind fantastisch. Gern hätte ich solche Flügel und könnte fliegen.«
»Ich werde dafür sorgen, dass du fliegst, wann immer du willst.« Er küsste meinen Ringfinger. »Du möchtest sie berühren, nicht wahr?«
Ich lächelte verlegen, während sich meine Zehen krümmten. »Ja. Möchte ich. Sehr gern sogar.«
»Warum hast du’s dann noch nicht getan?«
»Ich habe wirklich schwer an der Nicht-ohne-Erlaubnis-anfassen-Sache gearbeitet, und es hat mich fast umgebracht.« Ich rückte noch ein Stückchen näher zu ihm. »Sie wirken so weich und flauschig.«
Er grinste, ließ meine Hand sinken und neigte den Kopf zu mir hinunter. Der dann folgende Kuss durchströmte mich mit pulsierender Wärme. »Na, wenn du so schwer an dir gearbeitet hast, denke ich, verdienst du eine Belohnung.«
Meine Gedanken gingen sofort über Bord und plantschten fröhlich vor sich hin, doch dann bemerkte ich eine Bewegung. Zayne hob einen Flügel und breitete ihn über uns, sodass er auf meiner Hüfte ruhte. Der Flügel war so lang, dass er über mich hinwegreichte, und das Gewicht erinnerte mich an eine dicke, schwere Decke. Die Flügelspitze war so nah, dass ich praktisch eine der Federn küssen konnte. Ich sog den Atem ein und machte große Augen.
»Das macht dir nichts aus?«, fragte ich, kurz davor, vor lauter Aufregung zu quietschen.
»Nein.« Er ließ meine Hand los. »Ist dir das nicht zu schwer?«
»Überhaupt nicht.« Ich biss mir auf die Lippe, streckte die Hand aus und fuhr mit den Fingerspitzen über den Bogen der Feder, die mir am nächsten war.
Sie war so weich, wie ich mir das vorgestellt hatte, wie Chenille, aber unter den flaumigen Federn befanden sich starke Muskeln. Der gesamte Flügel von Wächtern bestand aus Muskeln und Sehnen, aber Engel besaßen … oh Gott, sie mussten Hunderte von Muskeln haben, die unter dem herrlichen Flaum versteckt waren. Ich fuhr mit den Fingern weiter nach unten, und mir stockte der Atem. Muskeln waren nicht das Einzige, das sich unter den Federn verbarg.
Sondern auch die Gnade.
Sie pulsierte entlang der Mitte jeder Feder und funkelte innerhalb eines Netzes aus zarten Adern. Aufflackernd und dann nachlassend, schien Zayne meiner Berührung zu folgen, während ich meine Finger so dahinwandern ließ.
Ich blickte zu seinem Gesicht auf. Das Glühen hinter den Pupillen war nun heller. Schnell zog ich die Hand weg. »Stört es dich, wenn deine Flügel berührt werden? Wenn ja, sei ehrlich. Das verletzt meine Gefühle nicht.«
»Nein. Ganz im Gegenteil.« Er ergriff meine Hand und legte meine Finger wieder an die Unterseite seines Flügels. »Es gefällt mir.«
»Ist das entspannend?«, fragte ich. »So ähnlich wie wenn man einen Hund streichelt?«
»Sollte jemand anders diesen Vergleich ziehen, wäre ich vermutlich beleidigt.«
Ich lächelte.
»In gewisser Weise ist es entspannend«, erklärte er, griff zwischen uns und legte seine Hand auf die Kurve meiner Taille. »Sie sind sehr empfindlich.«
»Empfindlicher als Wächter-Flügel?«
Er ließ die Hand zu meinem Becken gleiten. »Sehr viel empfindlicher. Ich kann jede Berührung an meinem Rücken spüren … und an anderen Stellen.«
»Andere Stellen?« Ich grinste ihn an und fragte mich, ob es das war, was im Pool seine Reaktion ausgelöst hatte. »Interessant.«
Er stieß einen kehligen Laut aus, während er meinen Beckenknochen drückte. Ich speicherte mein neues Wissen und streichelte weiter seinen Flügel. Keine Ahnung, wie viel Zeit verging, als meine Gedanken abschweiften. Irgendwie landete ich gedanklich bei dem, was ich früher am Abend gesehen hatte.
»Ich habe heute die Sterne gesehen«, verkündete ich so beiläufig wie nur möglich. »Ich meine, ich habe sie wirklich gesehen.«
Träge hatte Zayne meine Taille und meine Hüfte gestreichelt, aber nun hielt er inne. »Was meinst du?«
»Gleich nachdem ich … na ja, nachdem ich dir ins Herz gestochen und dieser Lichtblitz mich umgeworfen hatte. Ich glaube, es war deine Gnade.« Ich blickte zu ihm. Er schaute mich konzentriert an, wie immer, wenn ich sprach. Als wäre ich die einzige Person in seiner Welt. »Als ich die Augen öffnete, konnte ich alle Sterne sehen, Zayne. Es waren dermaßen viele, und sie waren so klar, wie ich mir vorstelle, dass sie es für Leute mit gutem Sehvermögen immer sein müssen. Vielleicht habe ich mir das alles auch nur eingebildet, aber selbst wenn, es war wunderschön.«
»Warum solltest du dir das nur einbilden? Allerdings frage ich mich, was passiert sein könnte, um das auszulösen«, sagte er.
»Geht mir auch so. Deine Flügel erinnern mich irgendwie daran. Wie die Gnade zwischen den einzelnen Schichten von Federn hervorblitzt. Wie Sterne, die hinter Wolken hervorschauen.« Ich fuhr weiter an seinen Flügeln entlang, zu seinem Rücken. Die Federn dort waren dünner, die Muskeln darunter ausgeprägter. »Eine Weile danach war meine Sehfähigkeit wieder wie vorher, aber ich bin froh, die Sterne wenigstens einmal gesehen zu haben.«
»Freut mich für dich – dass du sie sehen konntest«, meinte Zayne mit etwas belegter Stimme.
Ich schaute ihn an, und seine Augen funkelten wieder lebendig. »Je näher an deinem Rücken, desto empfindlicher, nicht wahr?«
»Ja.« Es klang, als müsse er die Antwort zwischen zusammengebissenen Zähnen mühsam hervorstoßen.
Mir zog sich der wohlig warme Bauch zusammen. Ich stützte mich auf den Ellbogen, um an seine Schultern zu greifen. Das Laken verrutschte ein wenig, als sich meine Finger der zarten Haut des Bizeps näherten, und Zayne zuckte zusammen. »Interessant«, murmelte ich.
»Sehr«, japste er und legte den Kopf in den Nacken, während ich mit den Fingern über den Muskel streichelte. »Ich glaube, du machst dich über mich lustig.«
»Kann sein.« Ich zog die Hand zurück, aber Zayne war genauso schnell wie stark. Bevor ich überhaupt merkte, was geschah, drehte er sich auf den Rücken und zog mich auf sich. Irgendwie war er das Laken losgeworden. Als die nackte Haut seiner Brust meine berührte, erschauerte ich vor Wonne. »Du besitzt erstaunliche Multitasking-Fähigkeiten.«
»Richtig.« Ein Hauch Arroganz machte seinen Tonfall hart. Er legte die Hand an meinen Hinterkopf und zog mich zu sich heran. »Vergiss nur nicht, du hast damit angefangen.«
»Ich habe nicht vor, mich zu beschweren«, entgegnete ich.
Und das tat ich auch nicht.
Die Art, wie er mich küsste, offenbarte seinen Hunger auf mich, genauso wie seine Hand, mit der er meine Brüste streichelte. Er setzte sich aufrecht hin und zog mich mit hoch. Als er einen Pfad von Küssen auf meinen Hals hauchte, ließ ich genüsslich den Kopf nach hinten fallen. Er umklammerte meine Taille und hob mich ein paar Zentimeter an, sodass sich seine Lippen noch intensiver mit mir beschäftigen konnten. Ich stöhnte und zuckte, ließ die Hände zu seinem Rücken wandern und strich über den Ansatz seiner Flügel.
Sofort zog er mich an seine Brust. »Vermutlich wirst du das so oft wie möglich tun, oder?«
»Vermutlich«, gab ich zu.
»Gut.«
Daraufhin spürte ich den Luftzug der sich faltenden Flügel, und das Gefühl sanfter Kraft an meinen Rücken und die schwere Hitze seiner an mich gedrückten Brust waren ein Aphrodisiakum für sich. Wir küssten uns erneut, und die einzigen Geräusche im Zimmer waren die, wie wir zusammenkamen, uns gemeinsam bewegten. Nicht weniger intensiv als zuvor. Jeder meiner Gedanken wurde von Zayne beherrscht, wie er sich anfühlte und wie wir uns dem gemeinsamen Rausch hingaben.
Als wir schließlich wieder ruhiger atmeten, lagen wir uns erneut gegenüber. Diesmal war kein Platz zwischen uns. Erschöpfung machte sich nun breit, und ich konnte mir vorstellen, dass es Zayne genauso ging. Kurz bevor ich einschlief, spürte ich das sanfte Gewicht eines seiner Flügel, der sich über mich legte und mich in einen glückseligen, traumlosen Schlummer versetzte.
Ein in der Ferne hämmerndes Geräusch, das immer lauter wurde und näher zu kommen schien, war nicht das, was mich weckte. Sondern der Verlust von Zaynes wundervoller Körperwärme.
Blinzelnd öffnete ich die Augen und sah Zayne, der zur Zimmertür ging. Er trug bereits eine Jogginghose und war dabei, sich ein Shirt überzustreifen. Die Flügel waren bedeckt und die Markierungen auf seinem Rücken nur noch undeutlich zu erkennen.
»Was ist das?«, fragte ich, weil das Klopfen nicht aufhörte.
Zayne warf einen Blick über die Schulter. »Da ist jemand an der Tür.«
»Hört sich an, als würden wir gleich von einem Drogenspezialkommando oder so besucht werden«, nuschelte ich und schob mir die Haare aus dem Gesicht.
Amüsiert gluckste Zayne. »Woher weißt du denn, wie das klingt?«
»Fernsehen.«
Wahrscheinlich schüttelte er den Kopf über mich. »Schlaf weiter. Ich bin gleich wieder da. Wir machen heute gar nichts anderes als schlafen.«
»Und Hexen«, erinnerte ich ihn, während ich mich auf den Rücken rollte. »Wir müssen zur Alten und ihr eine deiner Federn geben.«
»Später«, entgegnete er, und bevor ich noch etwas erwidern konnte, war er schon aus dem Schlafzimmer geschlichen. Das Klopfen wurde erst lauter, und als er die Tür hinter sich schloss, war es nicht mehr zu hören.
Wie sollten wir eigentlich an eine seiner Federn kommen? Sie ihm ausreißen? Das klang schmerzhaft.
Ich sah zu den raumhohen Fenstern. Das helle Sonnenlicht, das durch die Jalousien sickerte, verriet mir, dass es später Vormittag oder sogar schon Nachmittag sein musste.
Obwohl es wunderbar klang, den ganzen Tag zu verschlafen, musste ich aufstehen. Es gab viel zu tun, angefangen bei der Alten bis zu Gabriel.
Gähnend streckte ich mich, und als Reaktion auf das dumpfe Stechen gewisser Körperpartien errötete ich. Die letzte Nacht war wunderschön und perfekt gewesen und …
Ein Schrei aus dem Wohnzimmer riss mich aus dem schläfrig schönen Nebel. Ruckartig richtete ich mich auf, drehte mich in der Taille und suchte mit verschwommenem Blick nach meinen Dolchen, während meine Gnade bereits in der Brust pulsierte.
»Oh mein Gott!«, folgte ein hoher Schrei einer Frau.
Als ich Danikas Stimme erkannte, beruhigte sich mein Herz wieder. Mist. Wir hatten vergessen, anzurufen und weitere Infos preiszugeben. Ein schlechtes Gewissen machte sich breit. Sie gehörten zu Zaynes Familie, und wir hätten uns die Zeit nehmen sollen. Wir waren nur so sehr ineinander und in der Wiedersehensfreude vertieft gewesen, dass wir an niemand anderen gedacht hatten.
Na ja, das stimmte nicht ganz. Wir hatten ja kurz über Gabriel und Luzifer gesprochen.
Ich rutschte an die Bettkante und schaute an mir hinunter. Das Laken war verrutscht und gab den Blick auf meine Brust frei. Ich erstarrte innerlich, während ich die Füße auf den kühlen Dielenboden setzte.
»Was, um alles in der Welt …?«, flüsterte ich.
Die Stelle, die ich beim Duschen auf meiner Brust entdeckt hatte, war nun blassrosa. Vorsichtig berührte ich die gerade Linie zwischen meinen Brüsten direkt über meinem Bauch. Sie war leicht erhaben wie eine Beule. An beiden Enden, wo sie gestern noch wie ein Fleck ausgesehen hatte, befand sich jetzt ein deutlich zu erkennender, schattierter Kreis.
Keine Ahnung, wie das gekommen war, aber die Haut tat nicht weh. Es musste sich um eine Art Kratzer handeln.
Aus dem Wohnzimmer ertönte lautes Gelächter, was meine Aufmerksamkeit erregte. In Gedanken schob ich das seltsame Zeichen beiseite und kletterte aus dem Bett, bevor noch jemand ins Zimmer kam. Obwohl ich bezweifelte, dass Zayne das zulassen würde. Ich schnappte mir ein frisches dunkles Tunika-Top, saubere Leggings und Unterwäsche und eilte ins Badezimmer. Allerdings machte ich mir nicht die Mühe zu duschen, sondern putzte mir nur die Zähne, schrubbte mir das Gesicht, bis es rosa war, und steckte mir das Haar, nachdem ich es rasch gebürstet hatte, zu einem lockeren Knoten zusammen, der sich sicher innerhalb einer Stunde wieder auflösen würde.
Barfuß öffnete ich die Schlafzimmertür und tapste hinaus in den Flur. Helles Sonnenlicht strömte in den Wohnbereich, und obwohl meine Augen eine Weile brauchten, um sich daran zu gewöhnen, sah ich Danika, ihr langes dunkles Haar glänzte im Sonnenlicht und … Wie ich aufgrund des rötlichen Schimmers vermutete, stand Dez neben Zayne. Ich wünschte, ich hätte Dez’ Gesichtsausdruck sehen können, denn er hatte eine Faust auf die Kücheninsel gestützt, als müsste er sich festhalten.
Nicolai war auch da, eine Hand von ihm lag auf Zaynes Schulter und die andere an seinem Kinn. Er sprach sehr leise, sodass ich ihn nicht verstehen konnte, aber der Anblick der beiden traf mich mitten ins Herz. Sie waren mehr als Freunde. In gewisser Weise waren sie Brüder, und selbst ich konnte erkennen, dass die Tatsache, dass Nicolai Zayne wiedersah, nachdem er befürchtet hatte, ihn für immer verloren zu haben, sehr bedeutungsvoll war, was die Atmosphäre im Raum erfüllte.
Ich kam mir ein wenig wie ein Eindringling vor und schlich mich deshalb leise ins Wohnzimmer. Ich schaffte in etwa zwei Schritte. Fast so, als ob Zayne mich spüren könnte, wandte er sich von Nicolai ab. Erneut fiel mir auf, wie viel deutlicher ich ihn im Vergleich zu anderen erkennen konnte. Zugegeben, ich sah seine Gesichtszüge wie durch beschlagenes Glas, trotzdem erkannte ich, wie sich seine Lippen zu einem Lächeln verzogen. Ich konnte sehen, wie sich seine Wimpern halb senkten, und ich konnte die Last seines Blicks spüren.
Das musste die Gnade in ihm sein. Sie war …
Eine unscharfe Bewegung ließ mich aufschrecken, und ich wirbelte herum, als Danika auf mich zustürzte. Keine Chance, mich irgendwie darauf vorzubereiten. Eine Sekunde später war ich in eine warme, feste Umarmung gehüllt, die nach Rosen roch. Danika hob mich von den Füßen.
Sie war stark.
»Du hast es geschafft«, brachte sie erstickt hervor. »Du hast ihn uns zurückgebracht. Du hast es geschafft.«
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Gern geschehen, schien mir zu seltsam, also konnte ich sie nur ebenfalls umarmen, und das … das fühlte sich gut an.
»Ich glaube, du zerquetschst sie«, sagte Nicolai mit belegter Stimme.
»Zerquetsche ich dich?«, fragte Danika.
»Nein.« Ein Lachen bahnte sich seinen Weg um den Knoten in meiner Kehle.
»Gut.« Sie drückte mich fester und ließ dann los.
Ich erhaschte einen kurzen Blick, wie sie sich über die Wangen wischte, bevor eine sanfte Berührung an meinem Arm mich dazu aufforderte, zu Nicolai zu schauen.
Ganz in meiner Nähe konnte ich erkennen, wie seine wächterblauen Augen glasig wurden und sich Emotionen in ihnen spiegelten.
»Danke«, sagte er heiser.
Oh Gott, der Knoten in meiner Kehle wurde größer, und ich nickte einfach nur. Auch Nicolai umarmte mich, nicht annähernd so fest wie Danika, und als er zurücktrat, war da Dez. Als er die Arme um mich schlang, spürte ich, wie er zitterte.
»Ich hatte echt Angst.« Auch seine Stimme war belegt, und mir brannten Augen und Kehle. Bäh. Emotionen waren ätzend. Ich wollte nicht schon wieder weinen. »Als wir nichts von dir gehört haben, dachte ich …«
»Tut mir leid«, flüsterte ich. »Wir haben bloß …«
»Nein. Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Ich versteh schon. Wenn es Jasmine und mich beträfe, wäre das Letzte, was wir tun würden, jemanden anzurufen«, sagte er heiser lachend, und ich errötete. »Ich weiß nicht, was wir erwartet haben, aber ich könnte nicht glücklicher sein, euch beide zu sehen.«
»Geht mir auch so«, murmelte ich und zuckte innerlich zusammen, als die Worte meinen Mund verließen, denn sie ergaben überhaupt keinen Sinn.
»Ich glaube, ihr habt Trin jetzt genug umarmt«, war Zayne plötzlich zur Stelle und löste mich aus Dez’ Umklammerung. Er zog mich zu sich und legte den Arm um meine Schulter. »Wir hätten anrufen sollen. Sorry dafür«, sagte er, und ich entdeckte einen kleinen Hauch Unaufrichtigkeit, der so gar nicht zu Zayne passte und mich dennoch dazu brachte, mich umzudrehen, um mein Grinsen zu verbergen. »Wir waren beschäftigt.«
»Zweifellos«, kommentierte Nicolai.
Oje.
Jetzt war ich knallrot, und Zayne schaute mich an.
»Willst du was trinken?«, fragte er. »Ich glaube, ich habe unter all den Kisten mit Softdrinks tatsächlich auch O-Saft und Wasser entdeckt.«
Ich löste mich etwas von ihm. »An der Sache mit dem Wasser hängst du immer noch?«
Er knabberte kurz an der Unterlippe, während er auf mich herabblickte. »Man kann immer etwas mehr Wasser zu sich nehmen.«
Ich verdrehte die Augen. »Du bist mittlerweile ein gefallener Engel. Trink kohlensäurehaltiges, leckeres Zeug. Leb mal ein bisschen.«
Zayne neigte den Kopf und strich mit den Lippen über meine. Dann nahm er meine Hand und drückte sie, während er mich in Richtung Küche führte. »Nimm Platz.«
Ich war immer noch ganz von dem Kuss erfüllt, also schnappte ich mir widerspruchlos einen Barhocker und setzte mich. Der alte Zayne konnte anhänglich sein und manchmal auch vor anderen flirten. Einmal hatte er sich sogar in die aufkeimende Spannung zwischen uns hineingesteigert und schien vergessen zu haben, dass wir nicht allein waren, aber so dreist? Das war eine neue Seite an ihm.
Doch ich mochte diese Seite.
Sein lodernder Blick war unmissverständlich. Unweigerlich fragte ich mich, ob er wusste, was ich dachte, als er seine verfluchte Lippe zwischen die Zähne zog und sich dann dem Kühlschrank zuwandte. »Braucht ihr irgendwas?«
Nein, hieß es im Chor, während ich mit einem Untersetzer spielte und mir klar war, dass mein Gesicht gerade tausend Shades of Red zeigte.
Und es hätte mich kaum weniger interessieren können.
»Gefallener Engel.« Danika und die anderen kamen zu uns an die Kücheninsel. »Unglaublich, dass du hier bist. Ich hab doch gesehen, wie du …« Sie brach ab, und ich wusste, woran sie dachte. Sie und die anderen hatten gesehen, wie sein Körper zu Staub zerfallen war, wie es für alle Wächter nach dem Tod galt. Hörbar holte sie Luft. »Ich war so sauer auf dich, obwohl ich ja wusste, dass es nicht deine Schuld war.«
»Dich hier stehen zu sehen … ist verrückt.« Dez verschränkte die Arme auf der Arbeitsfläche und beugte sich vor. »Also, wenn ich dich ein bisschen zu lange anstarre, liegt es daran.«
»Sicher, dass es nicht doch an meinen tollen Haaren liegt?«, fragte Zayne und schloss die Kühlschranktür. Natürlich hatte er sich für den O-Saft entschieden und nicht für eine Cola oder so. »Ich weiß ja, du warst schon immer eifersüchtig auf meine tollen Locken.«
»Geeenau«, zog Dez das Wort in die Länge. »Genauso ist es.«
Grinsend schenkte Zayne uns etwas Saft ein. »Ihr findet alle, es ist komisch, mich zu sehen? Dann stellt euch umgekehrt mal vor, wie es sich anfühlt zu sterben und dann wieder aufzuwachen.«
Auch wenn mich das Thema rund um Zaynes Tod aus der Fassung brachte, schien es die Wächter eher zu faszinieren. Zayne beantwortete alle Fragen, aber immer so vage wie nur möglich. Was er mit mir und sogar mit Cayman geteilt hatte, darüber wollte er jetzt nicht weiter reden. Während ich meinen O-Saft trank, hatte ich das Gefühl, dass er nicht alles ein drittes Mal durchleben wollte, und das hatte wenig mit mangelndem Vertrauen zu tun. Diese Wächter, die hier in der Küche standen, waren wie eine Familie für ihn. Das Gleiche galt für Gideon, auch wenn er nicht hier war.
»Nach allem, was Dez über dich berichtet hat, muss ich zugeben, dass ich jetzt, wo ich dich sehe«, begann Nicolai, »ein bisschen enttäuscht bin.«
»Wow.« Danika drehte sich um und schaute zu Nicolai.
»Sorry«, antwortete er, und ich blinzelte, weil ich das Gefühl hatte, dass er lächelte. »Denn wo sind diese Flügel, von denen Dez alle fünf Sekunden gesprochen hat?«
Nun grinste ich in mein Glas.
»Gar nicht alle fünf Sekunden«, murmelte Dez. »Eher alle zwanzig oder so.«
»Ich hab sie noch.« Zayne drehte sich um, überprüfte die Arbeitsplatte hinter sich und hob etwas auf.
»Sind sie vielleicht … unsichtbar?«, fragte Danika.
»Nur wenn’s sein muss.« Zayne beugte sich über die Kücheninsel, und ich schaute nach unten und sah meine Brille. Keine Ahnung, dass ich sie in der Küche vergessen hatte.
Lächelnd nahm ich sie in die Hand. »Danke.«
Zayne nickte, als ich sie aufsetzte. Die Gesichter der Wächter wurden ein wenig klarer, aber nicht viel. Eine Brille brachte eben nicht viel bei grauem Star und RP.
»Also Magie?«, fragte Danika.
»Irgendwie schon. Offenbar handelt es sich um eine Art Old-School-Engelsmagie, die früher verwendet wurde, als die Engel noch mit den Menschen zusammengearbeitet haben. Sie bleiben verborgen, bis ich sie brauche.«
»Sie wirken wie ein Tattoo auf seinem Rücken«, sagte ich und trank meinen O-Saft aus. »Wirklich cool, und, ja, die Flügel sind so umwerfend, wie Dez berichtet hat.«
»Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich das Wort umwerfend benutzt habe«, murmelte Dez.
»Vielleicht nicht genau diese Formulierung.« Nicolai lehnte sich mit der Hüfte an die Arbeitsfläche. »Aber ziemlich sicher hast du so etwas gesagt wie: Du warst dermaßen abgelenkt von den verdammt riesigen Flügeln, dass du gar nicht mitbekommen hast, wie er dich in den Brunnen geworfen hat, bis du schon im Wasser lagst.«
Dez atmete daraufhin derart laut aus, dass man es in der Wohnung nebenan hätte hören können.
»Tut mir leid«, sagte Zayne, während er um die Kücheninsel herumging und hinter mir stehen blieb. »Ich war wohl nicht in der richtigen Gemütsverfassung.«
»Darauf wäre ich nie gekommen«, stellte Dez trocken fest. »Aber nicht nötig, sich zu entschuldigen. Ich brauchte das Bad sowieso.«
Ich lachte, und Zayne legte mir die Hände auf die Schultern. »Um ehrlich zu sein, hat er sich noch zurückgehalten.«
»Oh ja, das ist mir klar. Er hätte auch echten Schaden anrichten können«, stimmte Dez zu.
»Dass Dez das kleine Meet and Greet überlebt hat, beweist, dass du trotz allem noch da drin warst«, meinte Nicolai.
»Stimmt.« Zayne neigte den Kopf und küsste meine Schläfe.
»Ich hatte so meine Zweifel«, gestand Dez zu meiner Überraschung. »Es hat mir nicht gefallen, aber ich habe versucht, mich vorzubereiten, falls … falls du nicht zu uns zurückkommst.«
»Das nehm ich dir nicht übel«, sagte Zayne, und ich wusste, er meinte es auch so.
»Gut.« Dez schien zu lächeln. »Versuch mich bitte beim nächsten Mal vorzuwarnen, bevor du mich in einen Brunnen wirfst.«
Zayne lachte. »Geht klar.«
Sie witzelten hin und her, bis sich Nicolai einmischte. »Wir sind auch wegen einer offiziellen Angelegenheit hinsichtlich des Boten hier. «
Ich spitzte die Ohren. »Ist was passiert?« Ich hoffte echt, dass dem nicht so war, aber weil ich so superfokussiert auf Zayne gewesen war, was mich wahrscheinlich zu einer sehr schlechten Trueborn machte, hatte ich keinen Schimmer.
Tja, na ja.
»Nicht dass wir wüssten, aber wir haben etwas entdeckt«, antwortete Nicolai.
»Eigentlich meine Idee«, fügte Danika grinsend hinzu. »Also, ich habe über diese ganze Ley-Linien-Geschichte nachgedacht und wie Gabriel sie benutzt, um dieses Portal zu öffnen. Das sind ja im Grunde Energielinien – richtig? –, und Energie kann gestört werden. Auf viele Arten.«
»Mir gefällt, worauf du hinauswillst«, kommentierte Zayne und drückte sanft meine Schultern. »Klingt so, als hätte jemand anderes das Rennen um die Führung des Clans machen sollen.«
Nicolai lächelte schief. »Da hätte ich mit Zur Hölle, ja gestimmt.«
Danika schnaubte. »Als ob das überhaupt infrage käme. Die Hälfte des Clans – nein, die Hälfte der verdammten Wächter-Population – würde sich bei der bloßen Vorstellung, dass eine Frau einen Clan leitet, in die Hose machen.«
Traurig, aber wahr.
Die Einstellung von Wächtern gegenüber Frauen verdeutlichte einerseits ihre archaische Sozialstruktur. Andererseits waren sehr viele Dämonen nicht so dumm.
Leider.
Dämonen wussten, dass der einzig todsichere Weg, den Wächtern den Handlungsraum zu nehmen, darin bestand, die junge Generation anzugreifen. Weibliche und junge Wächter waren das Ziel. Die Lage der Communitys, in denen sie lebten, waren gut gehütete Geheimnisse. Darum war erstaunlich, dass Danika so oft unterwegs war.
Aber wie gesagt, die Wächter waren super-archaisch in ihrer Haltung. Ja, für die Frauen und die kleinen Baby-Wächter unter ihnen war es weitaus gefährlicher, aber wenn sie angeleitet waren, zu kämpfen und sich zu verteidigen, so wie Danika und Jada, bildeten sie nicht so leichte Ziele.
Eines Tages, und zwar bald, würde sich das Verhältnis zu den Frauen ändern müssen.
»Ich weiß nicht, warum wir hier rumstehen und so tun, als ob Danika nicht schon lange das Sagen hätte«, kommentierte Dez.
Das brachte ihm ein weiteres breites Lächeln von Danika ein und von Nicolai ein stummes, zustimmendes Nicken. Ich mochte, wie sie zusammen funktionierten. Sehr sogar.
»Auf alle Fälle habe ich angefangen, etwas über Ley-Linien zu recherchieren und darüber, was sie möglicherweise stören könnte, denn wir können ja nicht einfach reingehen und die Schule und das Portal in die Luft jagen«, fuhr Danika fort, und damit hatte sie recht. Die Ley-Linien sind dermaßen stark mit himmlischer Energie aufgeladen, dass sie die halbe, wenn nicht sogar die ganze Stadt auslöschen und eine Menge Menschenleben kosten würden, sollten wir so etwas auch nur versuchen.
Und möglicherweise alles auffliegen lassen.
»Im Internet konnte ich nichts finden, außer ein paar wirklich merkwürdigen Sachen, die unlogisch sind«, sagte Danika, sodass ich sie wieder anschaute. »Also habe ich mich an unseren ganz persönlichen Internet-Service gewandt.«
»Gideon?«, vermutete Zayne.
Sie nickte. »Ich habe ihn gefragt, ob er etwas weiß, und zuerst war er sich nicht sicher, aber dann hat er sich für ein paar Stunden in der Bibliothek eingeschlossen und kam mit einer Antwort heraus.«
Während ich mich fragte, ob er auch eine Antwort auf meine ach so persönliche Frage bezüglich der Fortpflanzung gefunden hatte, keimte Hoffnung in mir auf. Ich versuchte, sie nicht auflodern zu lassen. »Hat er etwas rausgefunden?«
»Ja, hat er.« Danikas Blick huschte zwischen Zayne und mir hin und her. »Schwarzer Turmalin, Hämatit und schwarzer Onyx.«
»Hä?«, murmelte ich.
»Edelsteine.« Zaynes Hände rutschten von meinen Schultern. »Du sprichst von Edelsteinen?«
»Ja. Ich weiß, klingt wie Hokuspokus-Mist«, meinte Dez und sah mich an. »Doch bekanntlich ist Hokuspokus-Mist ja erlaubt, oder?«
Yep.
Ja, bekanntlich.
Nicolai stupste Danika an. »Los, erzähl den Rest.«
»Diese Edelsteine können Energie blockieren – alle Arten von Energie –, und Gideons Theorie lautet, dass ausreichend viele Edelsteine auch die Energie der Ley-Linien stören könnten«, erklärte sie. »Das würde uns nicht nur ermöglichen, die Sache außer Kraft zu setzen, ohne die Hauptstadt unserer Nation in die Luft zu jagen, sondern auch das Portal für den Boten unbrauchbar zu machen.«