»Wow, toll!«, flüsterte ich und legte die Hände auf den kühlen Granit der Arbeitsfläche. »Verdammt toll.«
Danikas Lächeln war so breit, dass selbst ich es sehen konnte, und sie zuckte die Schultern. »Ich weiß nicht, ob es so toll ist oder nicht, da es nicht das ganze Gabriel-Problem aus der Welt schafft, aber es könnte ihn zumindest davon abhalten, seine Pläne durchzuziehen.«
»Allein seine Pläne zu durchkreuzen ist toll«, sagte ich und nickte aufmunternd, falls sie zusätzliche Bestätigung brauchte. »Du bist brillant.«
»Sag ich ihr auch immer«, meinte Nicolai voller Herzenswärme. »Mindestens zweimal am Tag. Und mittwochs dreimal.«
Ich hatte das Gefühl, Danika war ein wenig rot geworden. »Mittwochs musst du auf viermal gehen.«
»Kein Problem«, murmelte Nicolai.
Positive Energie schwirrte durch meine Adern und mischte sich mit der Gnade. Ich rutschte vom Hocker und lief auf und ab. »Wie viele brauchen wir? Von diesen Edelsteinen?«, fragte ich und hatte schon wieder zwei der Namen vergessen. »Onyx … und wie heißen noch mal die anderen beiden?«
»Schwarzer Turmalin und Hämatit«, antwortete Zayne, denn natürlich hatte er sich die Namen gemerkt.
»Eine Menge.« Danika drehte sich in der Taille. »Entweder mehrere Tonnen kleiner Stücke oder einen richtig großen Brocken von dem Zeug.«
Mehrere Tonnen? Ich legte einen Arm über den Bauch. »Woher bekommen wir das überhaupt?«, fragte Zayne.
»In einem Online-Shop bestimmt nicht«, nuschelte ich.
»Nicht wenn wir sichergehen wollen, dass es sich um echte Steine handelt«, antwortete Dez grinsend. »Schwarzer Turmalin wird in Brasilien und an einigen anderen Orten der Erde abgebaut, aber das meiste stammt aus Afrika. Und, nein, das habe ich bis gestern auch nicht gewusst.«
»Afrika?« Ich stutzte. »Brasilien? Wie sollen wir denn da hinkommen?«
»Ich habe mich an ein paar Clans in diesen Regionen gewandt, um zu erfahren, an was sie kommen könnten und wie lange es dauern würde, es zu uns zu bringen«, erklärte Nicolai.
»Wie sollten sie mehrere Tonnen oder einen großen Brocken zu uns befördern?« Erneut lief ich auf und ab. »Ich bezweifle, dass man das in ein Flugzeug packen kann.«
»Ich könnte mir vorstellen, dass es verschifft wird.« Zayne schaute zu Nicolai. »Stimmt’s?« Als der Clanführer nickte, grinste Zayne kurz in meine Richtung.
Ich rollte mit den Augen. »Was ist mit den anderen? Mit dem Onyx und …« Mist, den dritten Namen hatte ich schon wieder vergessen.
»Hämatit.« Zayne streckte die Hand aus, erwischte meinen Arm und zog meinen armen Daumennagel von meinem Mund weg.
»Da gibt es bessere Nachrichten. Hämatit ist in den USA zu finden. Im Yellowstone-Nationalpark, um genau zu sein.« Danika lehnte sich jetzt an die Kücheninsel. »Das sollten wir schaffen, genauso wie bei schwarzem Onyx, da auch er bei uns gefunden werden kann. Wie viel, ist noch nicht sicher. Hoffentlich erfahren wir bald etwas.«
»Gideon hat mit allen und jedem telefoniert, der hier Zugang zu Edelsteinen hat, während wir darauf gewartet haben, etwas über den Turmalin zu erfahren«, erklärte Nicolai. »Darum kümmert er sich im Moment. Er klebt praktisch am Handy.«
»Meinst du, wir können genug beschaffen?« Ich nahm die Hand vom Mund und drehte stattdessen wieder meine Runden in der Küche.
»Gideon hält das für möglich.« Dez stützte den Kopf an die Wand hinter ihm. »Die Frage wird sein, ob wir das, was wir brauchen, rechtzeitig beschaffen können.«
»Die Verklärung ist in ein paar Wochen. Am Sechsten.« Nun kaute ich doch wieder an meinem Daumennagel, hörte aber sofort auf. »Das ist ein Freitag.«
»Welches Datum ist heute?«, fragte Zayne.
»Der Zwanzigste«, antwortete Danika.
Zayne runzelte die Stirn, während er den Blick zu mir wandern ließ. »Also haben wir bloß etwas mehr als zwei Wochen und nicht ein paar.«
»Ein paar sind mindestens zwei«, entgegnete ich. »Wir haben mindestens zwei Wochen und ein bisschen Kleingeld.«
»Und das wird sehr knapp werden.« Nicolai verschränkte die Arme. »Machbar, aber knapp.«
Machbar war immerhin besser als LOL, ja, richtig.
»Wenn wir imstande sind, rechtzeitig genug von diesen Edelsteinen zu bekommen, was müssen wir dann damit machen?«
»Dann folgt der einfache Teil«, erklärte uns Danika. »Weil das Portal exakt in der Mitte der Ley-Linien liegt, müssen wir sie nur um das Portal herum platzieren, sodass sie die Linien unterbrechen.«
»Der einfache Teil?« Ich blieb stehen und schaute sie an. »Ich nehme an, du meinst, um das Portal herum und nicht nur um die Schule?«
Sie nickte.
»Daran ist nichts einfach.« Ich rückte mir die Brille zurecht, weil sie mir von der Nase rutschte. »Abgesehen davon, dass unser freundlicher mörderischer Erzengel von nebenan ein Auge auf diese Schule haben muss, ist der Ort wie ein Albtraum-Sandwich mit sehr wütenden Geistern und Gespenstern als Brot und Schattenwesen als ranzigem Schinken.«
»Abgesehen von der wirklich sonderbaren Beschreibung hat Trin recht«, bemerkte Zayne.
»Das wissen wir«, erwiderte Nicolai. »Und genau da kommen wir ins Spiel, um zu helfen. Unmöglich, dass ihr beide allein das ganze Gewicht bewegt.«
Da lag er richtig, und dagegen zu argumentieren war sinnlos. Wir brauchten jede Form von Unterstützung, die wir bekommen konnten.
»Trotzdem machbar«, erklärte Zayne.
Ich nickte. »Ja. Total machbar, denn ihr werdet danach wahrscheinlich eine intensive Psychotherapie brauchen, denn obwohl ihr die meisten in der Schule nicht sehen könnt, werden sie sich bemerkbar machen und noch einiges mehr.«
»Ich kann’s kaum erwarten«, sagte Dez ohne einen Hauch von Begeisterung. »Also, wenn es uns gelingt, das Portal zu schließen …«
»Das werden wir«, unterbrach ihn Danika.
»Okay. Wenn wir das Portal erfolgreich schließen«, begann Dez noch einmal, »müssen wir uns um Gabriel kümmern.«
»Das übernehme ich.« Ich hob die Hand. »Zusammen mit Zayne«, fügte ich rasch hinzu, bevor er es sagen konnte. »Ihr dürft nicht in seine Nähe kommen. Ich will kein Spielverderber sein, aber er bringt jeden Wächter in Sekundenschnelle um.«
»Da hat sie wieder mal recht.« Zayne erwischte erneut meinen Arm, aber dieses Mal hielt er mich fest und führte mich zu einem der Barhocker. »Du machst mich fix und fertig, dabei schaue ich dir nur zu.«
»Kein Zweifel an der Großartigkeit der Kombi Trueborn und Gefallener«, warf Nicolai ein, während ich mich setzte. »Aber schafft ihr das allein?«
»Offenbar sind wir …« Zaynes Hände landeten erneut auf meinen Schultern. »Moment mal. Sie ahnen nichts davon, oder?«
Ich schürzte die Lippen, während ich den Kopf in den Nacken legte.
»Was ahnen?«, fragte Dez.
Zayne begegnete meinem Blick. »Du hast es ihnen nicht erzählt?«
»Schien mir nicht so klug zu sein.« Ich kniff die Augen zu Schlitzen zusammen. »Und es ist wahrscheinlich immer noch nicht die allerbeste Idee, die Sache zu verbreiten, Zayne.«
»Was erzählt?«, wollte Nicolai wissen.
Zayne zog einen Mundwinkel nach oben und strahlte die gleiche böse Vorfreude aus wie Cayman, als der Dämon ihm von unseren Plänen erzählt hatte. Dann nahm er die Unterlippe zwischen die Zähne.
»Zayne«, warnte ich.
»Zu spät.« Er gab mir schnell einen Kuss, bevor ich auch nur ein weiteres Wort sagen konnte. »Zusammen mit Roth und Layla hatte Trin die spektakuläre Idee, Verstärkung zu organisieren.«
»Ein Backup hört sich nicht schlecht an.« Dez klang verwirrt.
»Oh, warte, bis du hörst, wer es ist«, antwortete Zayne. »Und nur damit ihr Bescheid wisst, ich hatte nichts damit zu tun. Das war zu der Zeit, als man mich für tot gehalten hat.«
Ich stieß den Ellbogen zurück, aber Zayne wich dem Hieb einfach und lachend aus. »Ich weiß nicht, was du daran so lustig findest.«
»Ich fange an, mir Sorgen zu machen«, bemerkte Nicolai.
Zayne drückte meine Schultern. »Sag’s ihnen.«
»Ich knall dir eine«, warnte ich. »Später, wenn wir allein sind, damit die anderen nicht denken, ich hätte ein Problem mit meiner Wut.«
»Ich freu mich jetzt schon«, antwortete er, die dichten Wimpern halb gesenkt. »Später, wenn wir allein sind, damit mich niemand für pervers hält, wenn mich dein Versuch, mir in den Hintern zu treten, total antörnen wird.«
Ich riss die Augen auf, während mich süße Hitze durchströmte – Moment mal. Der Versuch, ihm in den Hintern zu treten?
»Nur zu eurer Information«, unterbrach uns Nicolai. »Ihr seid nicht allein, also …«
Ich riss den Blick von Zayne los und atmete laut aus. »Roth und Layla probieren gerade, Luzifer zu rekrutieren, damit er uns im Kampf gegen Gabriel unterstützt.«
Vollkommen ausdruckslos und schweigend oder voller verächtlichem Entsetzen starrten die drei Wächter Zayne und mich an. Entweder das eine oder das andere.
Dann stieß sich Dez von der Wand ab. »Du meinst doch nicht den Luzifer. Oder?«
»Gibt es noch einen anderen Luzifer, den ich nicht kenne?«, fragte ich und schaute mich im Raum um. »Ja, der Luzifer.«
»Das kann nicht dein Ernst sein«, flüsterte Danika.
Dez hielt mitten in der Bewegung inne. »Du meinst das total ernst.«
»Ja, tut sie«, bestätigte Zayne.
»Zu meiner Verteidigung: Roth kam während der Zayne-ist-tot-Phase auf diese Idee. Ob das nun etwas damit zu tun hat, dass ich dieser potenziell sehr schlechten Idee zugestimmt habe, ist absolut diskussionswürdig.« Ich hob die Hand, als Nicolai auf der anderen Seite der Kücheninsel den Kopf senkte. »Und, sieh mal, es ist unmöglich, dass Zayne und ich allein einen Erzengel besiegen können …«
»Na ja, das wissen wir nicht mit Sicherheit«, schaltete sich Zayne ein. »Da sich noch nie ein Gefallener und eine Trueborn gegen einen Erzengel zusammengetan haben. Aber YOLO, richtig?«
Meine Lippen wurden schmaler.
»Ich bin … echt sprachlos«, meinte Dez kopfschüttelnd. »Ehrlich gesagt weiß ich nicht, was ich dazu sagen soll. Roth und Layla versuchen ernsthaft, Luzifer zu rekrutieren? Das Einzige, was mir einfällt, das noch schlimmer ist als ein Erzengel, der die Menschheit vernichten will.«
Für jemanden, der nicht wusste, was er sagen sollte, hatte er eine Menge zu sagen.
Danika schien zu blinzeln. »Ich glaube, ich muss mich hinsetzen.«
»Du sitzt doch schon.«
»Oh.« Sie schluckte hörbar. »Dann ist ja gut.«
Ich runzelte leicht die Stirn und fragte mich, ob es ihr wirklich gut ging.
Schließlich fand Nicolai seine Stimme wieder, was zu den gleichen Fragen führte, die Zayne gehabt hatte, als er zum ersten Mal von dem Plan erfahren hatte, Luzifer ins Spiel zu bringen. Hatten wir den Verstand verloren? Würde dies die biblische Apokalypse einleiten? Wie sollten wir ihn kontrollieren? Alles berechtigte Fragen.
»Was machen wir eigentlich mit ihm, wenn er oben ist?«, wollte Nicolai wissen.
»Äh«, meinte ich. »So weit sind wir noch nicht.«
Er starrte mich nur an.
»Hauptsächlich weil wir noch nicht mal sicher sind, dass er da mitspielt«, fügte ich hinzu. »Und weil ich ziemlich beschäftigt mit dem hier war.« Ich deutete in Zaynes Richtung. »Also hatte ich nicht viel Zeit, um richtig über die ganze Sache nachzudenken.«
Hinter mir stieß Zayne einen missbilligenden Laut aus. »Das wäre aber nützlich gewesen, vor allem weil Luzifer ja auch auf der Suche nach Trin ist. Er hat Ghuls und einen Hohedämon auf sie gehetzt.«
Dez trat vor. »Er hat die Ghuls geschickt?«
Ich nickte. »Was soll ich sagen? Ich bin eben sehr gefragt.«
Liebevoll zog Zayne an meinem Haarknoten. »Ja, das bist du.«
»Warum sucht Luzifer nach dir?«, wollte Nicolai wissen.
»Keine Ahnung«, antwortete ich. »Vielleicht möchte er einfach nur seinen Freundeskreis erweitern?«
»Ich weiß, ich bin im Umgang mit Dämonen nicht sehr erfahren«, warf Danika ein, »aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es gut ist, wenn Luzifer nach dir sucht.«
Ich seufzte. »Wahrscheinlich nicht, und ich weiß auch nicht, ob diese Befehle erst kürzlich kamen, also nachdem Roth und Layla mit ihm gesprochen hatten, oder ob sie schon vorher erteilt waren. Hoffentlich früher.«
»Aber selbst wenn sie erteilt worden wären, bevor Roth und Layla sich mit ihm getroffen haben, ist das immer noch ein Problem.« Erneut legte Zayne die Hände auf meine Schulter. »Darum muss man sich kümmern.«
»Wird zur immer länger werdenden Liste hinzugefügt«, murmelte ich.
Zayne drückte meine Schultern. »Ich nehme an, wir wissen nicht, wo sich Gabriel momentan versteckt?«
Nicolai schüttelte den Kopf. »Wir haben nach Bael oder einem Hinweis auf Gabriel Ausschau gehalten, aber seit der Nacht in der Schule ist nichts weiter passiert.«
»Keine weiteren Todesfälle unter Wächtern?«, fragte Zayne.
»Nein«, antwortete Dez. »Überhaupt sehr wenig Dämonen-Aktivität.«
Während der weiteren Unterhaltung schweiften wie so oft meine Gedanken ab und wechselten von einem Thema zum nächsten, angefangen bei dem schrecklichen Ende unter der Schule, als Zayne aufgetaucht war und Sulien getötet hatte. Meine Gedanken blieben bei dem anderen Trueborn hängen. Hatte er die Engelswaffe zurückgelassen? Oder Gabriel, da ja nur Erzengel sie trugen? So oder so hatten sich beide unglaublich leichtsinnig verhalten, mal abgesehen davon, dass es beide nicht so mit Verantwortung hatten. Die goldenen, leuchtenden Dornen waren Engelsklingen, die alles töten konnten, auch Engel …
Heiliger Mist.
Die verdammten Engelsklingen hatte ich ja völlig vergessen, genauso wie die Tatsache, dass wir die ganze Zeit einen Plan A und B in der Hinterhand hatten.
Und das war eins der seltsamen, wunderbaren Geheimnisse des ziellos arbeitenden Gehirns. Kein Scherz. Manchmal hatten all die wahllosen Gedanken einen Zweck und waren miteinander verbunden. Manchmal auch nicht, und dann brachten sie mich einfach dazu, Dinge zu tun, die viele für ziemlich impulsiv oder unsinnig hielten.
»Wir brauchen die Engelsklingen«, platzte ich heraus.
Nicolai neigte den Kopf zur Seite. »Engelsklingen?«
»Diese goldenen Dornen. « Ich wandte den Kopf zurück zu Zayne. »Weißt du noch, als Roth die Schriftzeichen in den Tunneln gesehen hat?«
Zayne verstand sofort, das sah ich, und schaute zu Nicolai. »Das sind Engelswaffen, die von Erzengeln benutzt werden, und die können alles mit Engelsblut töten, auch einen Engel. Wir brauchen sie.«
Dez stieß einen leisen Pfiff aus, Nicolai nickte. »Wir schaffen sie so schnell wie möglich zu euch.«
»Warum sollte Gabriel sie zurücklassen, wenn sie ihn töten können?« Danika fragte sich das Gleiche wie ich. »Beziehungsweise jeden, der mit ihm zusammenarbeitet?«
»Sie wurden bei Morgan gefunden«, meinte Zayne und bezog sich auf einen der getöteten Wächter. »Gabriel tötete Wächter, aber ich bezweifle ernsthaft, dass er sie zurückgelassen hätte.«
»Es sei denn, er ist dermaßen überheblich«, überlegte Dez. »Und hat geglaubt, wir würden nicht herausfinden, um was es sich dabei handelt.«
»Möglich.« Zaynes Daumen drückten in meine angespannten Nackenmuskeln.
Überheblichkeit konnte zu einigen ziemlich verblüffenden Entscheidungen führen, aber so was? »Vielleicht jemand anders? Erzengel sind schnell, und die Kameraeinstellung wurde ja manipuliert.«
»Du meinst, ein anderer Erzengel könnte die Klingen dort gelassen haben?« Danika beugte sich nach vorn. »Sie in den Wächter gespießt haben, nachdem Gabriel ihn getötet hatte?«
»Klingt wirklich beunruhigend, wenn du’s so ausdrückst.« Ich rümpfte die Nase. »Aber vielleicht die einzige Möglichkeit, das zu tun, ohne dass jemand weiß, wer es getan hat?«
»Warum sollten sie sich darum scheren, ob jemand weiß, dass sie das waren?«
»Vermutlich wegen irgendeiner dummen himmlischen Regel«, murmelte ich.
»Eigentlich würde das gegen eine Regel verstoßen«, sagte Zayne. »Die Engel haben vereinbart, die Waffen nicht gegeneinander zu erheben. Du warst eine Lücke im System«, erinnerte er mich. »Ich bilde auch eine Lücke im System. Und ein Erzengel, der Waffen zurücklässt, könnte theoretisch als eine weitere Lücke im System betrachtet werden.«
»Benötigen wir mit diesen Klingen überhaupt noch Luzifers Hilfe?«, fragte Danika.
»Schätze, wir brauchen jede Hilfe, die wir bekommen können«, erklärte ich.
»Um diese Klingen einzusetzen, müssen wir nah an ihn rankommen, und er ist … er ist stark und schnell.«
»Aber Luzifer?«, wiederholte Dez.
»Mit oder ohne Luzifer, erst mal müssen wir Gabriel finden …«
»Ich weiß, wie«, verkündete ich, während die Idee klarer wurde. »Alles, was wir brauchen, bin ich.«
»Etwas mehr Einzelheiten bitte«, forderte Zayne mich auf.
»Gabriel hat Dämonen nach mir geschickt. Die Trolle? Er hat sie schon mal geschickt, und ich wette, auch die Sucher-Dämonen waren von ihm«, sagte ich. »Er wird nicht zulassen, dass ich bis zur Verklärung nur rumsitze und chille. Also stellen wir ihm eine Falle …«
»Ich weiß, was du vorhast«, warf Zayne ein. »Und die Antwort lautet Nein.«
Ich zog die Mundwinkel nach unten. »Wie bitte?«
»Du schlägst vor, dich als Köder anzubieten, und das kann ich nicht gutheißen.«
»Ich wusste nicht, dass ich deine Zustimmung brauche …«, quietschte ich nur, während Zayne mich und den Barhocker herumwirbelte. Mit aufgerissenen Augen schaute ich ihn an. »Das war ja wie auf dem Rummelplatz. In einer der kleinen Teetassen, die sich unglaublich schnell drehen und …«
»Du bist kein Köder, Trin« Er blickte auf mich herunter, das Leuchten hinter seinen Augen wurde intensiver. »Auf keinen Fall. Das ist zu gefährlich.«
»Was wir vorhaben, ist alles zu gefährlich«, argumentierte ich. »Wir müssen Gabriel finden, und soweit ich weiß, gibt es keinen Privatdetektiv für Erzengel, den wir einfach anheuern könnten.«
»Du hast recht, dass alles, was wir tun müssen, gefährlich ist, also sollten wir nicht mit der Einstellung da rangehen, es noch gefährlicher zu machen.«
»Das wird mich schon nicht umbringen, Zayne. Spoiler-Alarm: Bis zur Verklärung braucht er mich lebendig.«
Weißes Licht flackerte hinter seinen Pupillen. »Der Tod ist nicht das Einzige, was mir Sorgen bereitet. Höchstwahrscheinlich ist Bael bei ihm, und das ist ein wahnsinniger, schmerzliebender Dämon.«
»Schließlich ist es nicht so, dass ich nicht weiß, wie ich mich verteidigen muss. Ich besitze meine Gnade und diese Engelsklingen.« Ich bemühte mich, nicht allzu sauer zu werden, da ich ja wusste, dass Zayne sich nur weigerte, sich das alles anzuhören, weil er mich liebte und Angst um mich hatte. »Ich könnte doch einfach mit einem Peilsender oder so versehen werden, und du könntest mir folgen, wo auch immer er ist …«
»Und was, wenn da was schiefgeht? Der Peilsender nicht funktioniert oder bei dir gefunden wird?«, schoss er zurück. Die Hände immer noch an der Sitzfläche des Barhockers, senkte er den Kopf, sodass wir fast auf Augenhöhe waren. »Was, wenn ich nicht rechtzeitig bei dir bin?«
Ich atmete tief ein und langsam wieder aus. »Nur zur Erinnerung – er braucht mich lebendig.«
»Und nur zur Erinnerung – er kann dir wehtun. Sehr schlimm sogar. Er könnte unserem …« Mitten im Satz brach er ab und holte scharf Luft. »Der Tod ist nicht das Einzige, worüber wir uns Sorgen machen müssen.«
Er musste diesen Satz auch gar nicht beenden, denn ich wusste, woran er dachte. An unser Kind. Unser mögliches Kind. Mir wurde ganz flau im Magen. Das hatte ich zunächst nicht bedacht.
Ein weiterer Hinweis darauf, dass Kinder aufzuziehen nicht zu meinen Stärken gehören würde.
Gar nicht.
Gott, ich wusste nicht mal, ob ich ein Kind wollte – früher oder später. Ich hatte keine Ahnung, ob Zayne wirklich mit der Möglichkeit eines Kindes einverstanden war oder ob er nur ein guter … gefallener Engel war, aber ich wollte … es auch keiner Gefahr aussetzen, bis ich mir sicher war.
Ein Kind als es zu bezeichnen war wahrscheinlich ein weiteres Indiz dafür, dass ich ein Kind gar nicht erst in Betracht ziehen sollte.
»Er hat recht«, mischte sich Dez in diesem bestimmten Tonfall ein – diesem zu weichen Tonfall. Mein Rücken verspannte sich, und ich bereute, mit Dez über das Baby-Thema gesprochen zu haben, weil ich nun diesen Tonfall wiedererkannte. »Das ist zu gefährlich, Trinity.«
Ich öffnete den Mund, klappte ihn aber gleich wieder zu, als mein Herz beschloss, mir nochmals in die Hose zu rutschen. Hatte Dez sich eingeschaltet, weil er etwas herausgefunden hatte? Panik erfasste mich, aber ich unterdrückte sie, bevor sie Wurzeln schlagen konnte. Selbst wenn Trueborns sich fortpflanzen konnten, bedeutete das ja nicht automatisch, dass ich schwanger war, nur weil ich einmal ungeschützten Sex gehabt hatte. Mein Fortpflanzungssystem war schließlich kein schlechtes Aufklärungsvideo. Ich musste mich beruhigen.
Denn schwanger oder nicht, ich hatte immer noch eine Pflicht zu erfüllen – eine gefährliche –, und Zayne musste das verstehen.
»Ich kenne die Risiken. Alle.« Ich legte die Hände auf seine. »Und du kennst die Gefahren, wenn wir versagen. Selbst wenn wir es schaffen, die Ley-Linien zu stören, müssen wir uns mit Gabriel auseinandersetzen. Er muss aufgehalten werden, denn er wird nicht aufhören. Er wird weiter morden und Pläne schmieden. Und das weißt du auch.«
Zaynes Kiefer verspannte sich. »Ja.«
»Wir müssen einfach vorsichtig sein.«
»Das meine ich ja.« Sein Blick suchte meinen. »Aber dass du von ihm geschnappt wirst, verstehe ich nicht unter vorsichtig sein.«
»Besser, als unvorbereitet gefangen zu werden«, hielt ich dagegen.
»Er wird dich nicht gefangen nehmen«, schwor er.
Ich beugte mich vor, sodass unsere Gesichter nur Millimeter voneinander entfernt waren. »Wir brauchen jeden Vorteil, den wir uns verschaffen können, Zayne. Ihm eine Falle zu stellen ist eine Möglichkeit.«
»Sie hat recht«, sagte Danika.
Ich warf ihr ein kurzes Lächeln zu. »Vielen Da…«
»Und irgendwie auch nicht«, fügte sie hinzu, und meine Augen wurden ganz schmal. »Wir können ihm ja eine Falle stellen, sodass er Trin nicht schnappen kann, sondern um ihn herauszulocken.« Zayne hielt meinen Blick noch einen Moment, dann richtete er sich auf und schaute zu Danika. »Das klingt schon besser, aber wie machen wir das? Ich bezweifle, dass er sich noch einmal höchstpersönlich zeigen wird. Er wird Dämonen schicken.«
»Du sagst, er ist sehr überheblich, richtig?«
»Und leicht verwirrt«, meinte ich, woraufhin Zayne eine Augenbraue hob. »Okay. Er ist sehr verwirrt.«
»Ich kenne eine Reihe überheblicher Männer.« Danika hielt kurz inne. »Man kann sie zu so ziemlich allem bringen, indem man sie schlicht reizt. Ich bezweifle, dass Gabriel da anders ist. Töte die Dämonen, die hinter dir her sind, und schick dann einen zurück mit einer Nachricht, dass Gabriel ein Feigling ist, weil er sich nicht selbst blicken lässt. Wir können immer noch einen Peilsender an ihr anbringen, für den Fall, dass die Sache schiefgeht.«
»Ich weiß nicht, ob ich mir Gedanken machen sollte, in diese Verallgemeinerungen hineingezogen zu werden«, sagte Nicolai. »Aber glauben wir wirklich, dass er dermaßen idiotisch ist?«
Ich drehte mich um und wandte mich Danika zu. »Wir reden hier von dem Erzengel, der Instagram als Bilderbuch bezeichnet hat, also, ja, ich glaube, er ist dermaßen idiotisch.«
Aber es war die Art von Plan, die möglicherweise mehrere Anläufe brauchte. Einer, bei dem es darauf ankam, einen Dämon leben zu lassen, was nicht so leicht war, wenn man ihn töten wollte.
Die drei blieben noch eine Weile und diskutierten, wie man die Edelsteine in die Schule bringen könnte, und natürlich darüber, dass Luzifer möglicherweise an die Erdoberfläche kam. Niemand schien zu wissen, wie man damit umgehen sollte, und ich konnte es ihnen nicht verübeln. Nachdem Zayne versprach, zum Abendessen auf dem Clan-Gelände vorbeizuschauen, was fern der restlichen Gesprächsthemen schien, machten sie sich langsam wieder auf den Heimweg.
Dez blieb noch ein wenig. »Ich komme gleich nach in die Parkgarage.«
Danikas Blick wirkte neugierig, als Nicolai sie zur Wohnungstür hinausführte. Ich saß immer noch auf dem Barhocker, während die Fahrstuhltüren hinter den beiden zuglitten. Ehrlich gesagt war ich wie erstarrt, denn ich wusste, warum Dez noch geblieben war.
»Alsoooo.« Dez zog das Wort künstlich in die Länge und schob die Hände in die Hosentaschen.
»Ich weiß Bescheid.« Zayne stand hinter mir und legte mir den Arm um die Schultern. »Was du von Gideon erfahren wolltest.«
Dez nickte und kam näher. Seine Gesichtszüge wurden für mich deutlicher. »Gideon war so sehr damit beschäftigt, die Ley-Linien zu stören, dass er nicht allzu viele Fragen gestellt hat, als ich ihn auf die Fortpflanzungsfähigkeit eines Trueborn ansprach.«
Mir wurde ganz anders, als ich nur so dasaß. Mein Herz klopfte normal. Mein Magen war ruhig. Ich war ausschließlich darauf vorbereitet, zumindest oberflächlich, zu hören, was auch immer er sagen würde. »Hat er dazu etwas herausfinden können?«
»Er zog ein paar verstaubte alte Bücher über Trueborns hervor. Es hat ihn ein paar Stunden gekostet, sie alle durchzugehen«, erklärte Dez. »Aber ich habe entweder eine Antwort oder keine Antwort, je nachdem, aus welcher Perspektive man es betrachtet. Er hat nichts gefunden, was darauf hindeutet, dass Trueborns Kinder haben können.«
Die Spannung löste sich nicht, wurde aber auch nicht schlimmer. »Das könnte entweder bedeuten, dass kein Trueborn jemals ein Kind bekommen hat, oder, dass dies nicht aufgezeichnet wurde.«
»Ja, aber es wäre doch seltsam, wenn es überhaupt keinen Hinweis gäbe«, sagte Dez. »Ich denke, du wirst es auf die altbewährte Art herausfinden müssen. Es gibt da jetzt Tests, die einem ungefähr schon einen Tag nach der Empfängnis sagen können, ob man schwanger ist oder nicht.«
Ich nickte bedächtig.
»Danke, dass du dich darum gekümmert hast«, sagte Zayne und presste seinen warmen Körper an meinen Rücken.
»Kein Problem. Ich wünschte nur, ich hätte eine klarere Antwort gefunden«, sagte Dez und lächelte leicht. »Und dass dies in einfacheren Zeiten geschehen würde.«
»Ich denke, da sind wir uns alle einig«, entgegnete Zayne.
»Je nachdem, was ihr herausfindet, sagt ihr mir Bescheid? Wenn ihr möchtet? Und wenn es ein Ja ist, ruf mich an, wenn du ausflippst, Zayne. Vertrau mir, denn das wird definitiv passieren.«
Zayne musste hinter mir genickt haben, denn Dez machte sich auf den Weg zur Fahrstuhltür, blieb dann aber stehen. »Oh, und, Trin, Gideon hat den Namen geprüft, nach dem du gefragt hast.«
Ich blinzelte und schien langsam aus meiner Benommenheit zu erwachen. »Irgendwas Neues in der Sache?«
»Ja, tatsächlich«, sagte Dez. »Glücklicherweise verlangt die Hausverwaltung, dass die Namen aller Bewohner in den Akten aufgeführt werden, einschließlich der Kinder. Gideon hat sich das aktuelle und das letzte Jahrzehnt oder so angesehen. Es gibt keine Gena oder irgendeine Abwandlung dieses Namens, die er in irgendeinem der hier verzeichneten Datensätze finden konnte.«