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»Worum geht’s bei dieser Gena-Sache?«, fragte Zayne, nachdem Dez fort war.

»Um das Mädchen, mit dem Peanut angeblich immer rumgehangen hat.« Ich drehte mich zu Zayne um, der am Rückenteil der Couch lehnte. »Peanut hat gesagt, sie heißt Gena, und mal abgesehen davon, dass da mit ihren Eltern etwas seltsam zu sein scheint, hat er sich nur sehr vage über sie geäußert. Ich wollte mich erkundigen, ob mit ihr alles in Ordnung ist, aber offensichtlich gibt es sie gar nicht …«

»Oder Peanut hat dir einen falschen Namen genannt.« Lässig schlug Zayne die Beine übereinander. »Aber warum sollte er das tun?«

»Keine Ahnung.« Ich schüttelte den Kopf. »Normalerweise redet er über alles, doch seit wir hier sind, verhält er sich sonderbar. Er verschwindet immer öfter für längere Zeit.«

»Ist er denn in den Potomac Highlands nicht gekommen und gegangen, wie er wollte?«

»Doch, aber er war häufiger in meiner Nähe.« Ich überlegte, was Peanut gesagt hatte, als ich ihn das letzte Mal gesehen hatte. »Zuletzt meinte er, dass ihm etwas Seltsames passiert ist, ungefähr zu der Zeit, als du zum Gefallenen wurdest, glaube ich. Er sagte, er wurde für eine Weile in etwas hineingesaugt, das er für das Fegefeuer hielt.«

»Okay. Das kam jetzt unerwartet.«

»Für mich auch.« Ich rutschte von dem Barhocker. »Und ich habe keinen Schimmer, ob das, was mit ihm passiert ist, irgendwie mit deinem Fall zusammenhängt.«

»Ich auch nicht.« Zayne strich sich das Haar hinters Ohr. »Aber vielleicht hat mein Fall eine Art kurzzeitiger Anziehungskraft erzeugt?«

»Kann sein«, murmelte ich und hob den Blick. Zayne beobachtete mich genau, und ich atmete hörbar aus. »Wir müssen reden, oder?«

Er nickte. »Yep.«

»Darf ich so tun, als hätte ich keine Ahnung, über was du reden willst?«

Er zog einen Mundwinkel nach oben. »Ich bin überrascht, dass du mich nicht schon anschreist, weil ich dich nicht bei deinem schlecht durchdachten Plan unterstütze.«

Ausdruckslos blickte ich ihn an. »Ich wollte dich eigentlich nicht anschreien, aber jetzt überlege ich’s mir noch mal.«

»Das ist ein zu großes Risiko, Trin. Selbst wenn du nicht schwanger sein solltest.«

Ich spürte ein Ziehen in meinem Bauch. »Wie ich schon sagte, alles, was wir tun, ist riskant. Mich als Köder einzusetzen ist der schnellste Weg, an Gabriel ranzukommen.«

»Und der dümmste …«

»Willst du, dass ich dich doch anschreie? Denn ich bin ziemlich kurz davor.«

»Sorry.« Er klang überhaupt nicht schuldbewusst. »Aber dabei könnten zu viele Dinge schieflaufen.«

»Auch bei Danikas Idee könnten zu viele Dinge schiefgehen, angefangen damit, dass es möglicherweise überhaupt nicht funktioniert.«

Zayne hob die Augenbrauen. »Als sie davon sprach, sah es so aus, als würdest du ihre Idee unterstützen.«

»Ich bin nicht dagegen. Ich glaube nur nicht, dass das der schnellste Weg ist, an Gabriel ranzukommen. Wie viele Dämonen müssen wir töten, um den zu finden, der dann die Botschaft überbringt?« Ich verschränkte die Arme vor der Brust. »Und obwohl ich glaube, dass Gabriel überheblich genug ist, um die Herausforderung anzunehmen, weiß ich nicht, ob irgendein Dämon, den wir am Leben lassen, tatsächlich riskieren würde, von Gabriel getötet zu werden, nur um die Nachricht zu überbringen. Wahrscheinlich türmen die doch über alle Berge.«

»Könnte passieren, aber Gabriel muss dich noch vor der Verklärung holen kommen. Wenn wir alle Dämonen töten oder sie fliehen, wird er verzweifelt genug sein, um dich selbst zu holen«, überlegte Zayne laut.

»Und du machst dir keine Sorgen, dass das mit der Zeit bis zur Verklärung sehr knapp wird? Alles, was er braucht, ist mein Blut, Zayne. Was ist, wenn er es schafft, mich in die Nähe des Portals zu bringen und mein Blut abzuzapfen?« Ich zog eine Schulter nach oben. »Wir müssen ihn vor der Verklärung ausschalten.«

»Letzterem stimme ich zu, aber ich kann nicht zulassen, dass du gefangen genommen wirst.« Er setzte die Beine wieder auf und stieß sich von der Rückenlehne der Couch ab. »Und das hat nichts damit zu tun, dass du möglicherweise schwanger bist.«

»Ach, echt nicht?« Ich hob das Kinn, als er vor mir stehen blieb. »Bist du sicher, dass du auch gegen den Plan wärst, wenn nicht die Möglichkeit bestünde, dass ich schwanger bin?«

»Ja«, antwortete er ohne das geringste Zögern. »Allein der Gedanke, dass du in Gabriels Händen oder in der Nähe von Bael bist, lässt mich etwas zerstören wollen – etwas sehr Großes.« Langsam, sodass ich ihn sehen konnte, hob er die Hand und richtete meine schiefe Brille. »Und wenn du meinst, es liegt daran, dass ich glaube, du kommst nicht allein klar, liegst du falsch. Ich weiß, dass du das schaffst, aber …«

»Dir ist schon klar, dass damit alles vor dem Wort aber null und nichtig ist, oder?«

»Aber«, wiederholte er und ließ die Hand in meinen Nacken gleiten, »Gabriel weiß das auch. Er weiß, dass du imstande bist zu kämpfen. Darauf wird er vorbereitet sein.«

»Wird er auch auf eine Falle vorbereitet sein? Das bezweifle ich.«

»Wärst du einverstanden, wenn ich als Köder eingesetzt würde?«, antwortete er mit einer Gegenfrage. »Wenn ich mit einem Peilsender versehen würde, der versagen könnte, und Gott weiß wohin verschleppt würde?«

Ich öffnete den Mund, bekam jedoch kein Ja heraus.

Zaynes Blick suchte meinen. »Wärst du nicht. Nicht weil du denkst, dass ich mich nicht verteidigen kann, sondern aus denselben Gründen wie ich. Du könntest den Gedanken nicht ertragen, dass ich in den Händen eines Wesens bin, das mich töten könnte, weil du mich liebst, und deshalb würdest du erst alle anderen Möglichkeiten ausprobieren wollen, bevor du mein Leben in Gefahr bringst.«

Ich presste die Lippen aufeinander und schüttelte den Kopf. »Du hast recht, und das ärgert mich richtig«

»Ja, ich weiß.« Ein Grinsen erschien auf seinem Gesicht.

»Lächeln ist da auch nicht hilfreich.« Ich rückte näher und lehnte die Wange an seine Brust. Damit verrutschte meine Brille zwar erneut, aber das war mir egal. »Okay. Wir werden zuerst alle anderen Möglichkeiten ausprobieren, aber sollten die nicht funktionieren, müssen wir’s so machen.«

»Obwohl mir das nicht gefällt, kann ich damit leben.« Er legte die Arme um mich und stützte das Kinn auf meinen Kopf. »Manchmal wünschte ich, du wärst nicht so verdammt mutig.«

Ich lächelte. »Das beruht auf Gegenseitigkeit.«

Er schloss die Arme enger um mich. »Was denkst du darüber, dass Gideon nichts über die Fortpflanzung von Trueborns finden konnte, wie Dez gesagt hat?«, fragte Zayne nach einer Weile.

»Keine Ahnung«, gab ich zu und schloss die Augen. »Was ist mit dir?«

»Geht mir genauso.« Er streichelte meinen Rücken. »Ich glaube, wir müssen einen dieser Tests besorgen.«

»Ja, glaub ich auch.« Ich lehnte mich zurück und lächelte etwas, als er mir erneut die Brille zurechtrückte. »Doch da ist noch etwas, was wir vorher erledigen müssen. Wir müssen die Alte besuchen.«

Mit meinem Handy rief Zayne Stacey an, mit der er sich damals – nach dem Tod seines Vaters und der Trennung von Layla – angefreundet hatte. Wenn ich daran dachte, wie eifersüchtig ich gewesen war, als ich sie in der Eisdiele entdeckt hatte, wollte ich mir am liebsten eine runterhauen. Ich versuchte, ihm etwas Freiraum zu geben, weil ich mir sicher war, dass es ein emotionales Gespräch werden würde, aber er zog mich zu sich auf die Couch und hielt mich fest. Die ganze Zeit, während er mit ihr sprach, strich er mir übers Haar und den Rücken. Ab und zu hielt er inne und gab mir einen Kuss auf die Schläfe oder die Stirn, und ich … Ich saugte die Zuneigung geradezu auf wie ein glücklicher kleiner Schwamm. Er schien die Nähe zu mir zu brauchen, genauso wie ich die zu ihm, und erklärte es mir so, dass das Trauma der letzten Tage dieses Bedürfnis noch verstärkte. Stacey wollte Zayne sehen, und das konnte ich ihr nicht verdenken. Schon allein bei dem, was Zayne während des Gesprächs sagte, wurde klar, dass sie schockiert war, aber Zayne hielt ein Treffen für zu riskant. Und er hatte recht. Gabriel wusste vielleicht noch nicht, dass Zayne zurück war, aber bald würde er davon erfahren, und ich würde es dem Erzengel absolut zutrauen, auch jemanden zu verfolgen, der einem von uns nahestand.

Nach dem Anruf beschlossen wir, es wäre am besten, wenn wir noch im Apartment eine seiner Federn entfernen würden. Das verhinderte, dass Zayne seine Flügel vor der Alten und den anderen Hexen zeigen musste. Es war nicht unbedingt so, dass wir ihr nicht trauten …

Okay, wir trauten ihr überhaupt nicht.

Das war nichts Persönliches. Wir trauten nur überhaupt keiner Hexe. Als Zayne sein Shirt auszog und seine Flügel ausbreitete, konnte ich zunächst natürlich nicht anders, als sie fasziniert anzustarren. Doch ich riss den Blick von der anmutigen Wölbung und stellte mich der Sache. »Also, wie machen wir das jetzt?«

»Du kannst dir einfach eine nehmen«, schlug er vor.

»Moment mal. Was? Du willst, dass ich was tue?« Verwundert zog ich die Augenbrauen hoch. »Ich soll dir einfach eine ausreißen?«

Er zuckte mit den Schultern. »Oder ich mach’s.«

»Ja, du solltest das tun.« Ich rümpfte die Nase. »Denn ich kann das nicht.«

»Ich schlag ja schließlich nicht vor, dass du mir einen Zehennagel ausreißt.«

»Igitt«, sagte ich, während er den Flügel nach vorn schwang.

Leise lachend fuhr er mit den Fingern über die Unterseite »Nur eine?«

Ich nickte. »Nimm eine kleine.«

Einen Finger um eine Feder gekrallt, grinste er mich an.

Ich gab mir nicht mal die Mühe, so zu tun, als könnte ich den Anblick ertragen. Stattdessen konzentrierte ich mich auf die etwas aufgeräumtere Arbeitsfläche in der Küche. »Weißt du noch, im Pool, als ich deine Flügel anfassen wollte? Da schien dir das nicht zu gefallen.«

»Ist das jetzt wirklich die Frage?«

»Ja, also, ich versuche, mich abzulenken …« Ein leises Geräusch war zu hören, und ich zuckte zusammen. »Davon

»Tat kaum weh«, entgegnete er. »Du kannst jetzt wieder hingucken.«

Als ich zu ihm blickte, waren seine Flügel bereits wieder zurückgeklappt. Zayne hielt eine handtellergroße Feder in der Hand. Vielleicht lag es nur an meinen Augen, aber die Feder schien schwach zu leuchten.

»Der Grund, warum ich dich im Pool davon abgehalten habe, hatte nichts mit den Federn zu tun«, sagte er und sog meinen Blick förmlich auf. »Hol bitte einen Frischhaltebeutel für die Feder.«

»Irgendetwas ist extrem falsch daran, eine Feder in einen Frischhaltebeutel zu stecken.« Ich drehte mich um und ging zur kleinen Vorratskammer bei den Wandschränken. »Sondern weshalb?«

»Als ich mit dir im Pool war? Für ein paar Minuten habe ich mich nicht … all dem Hass und der Bitterkeit ausgesetzt gefühlt. Alles, was ich spürte, waren meine eigenen Gefühle. In mir war es still. Ruhig«, erklärte er. »Aber dann begann ich all diese Dinge wieder zu fühlen. Heimtückisch wie eine Schlange, die sich durch meine Adern schlängelte, und ich wollte dir nicht wehtun.«

Mein Herz überschlug sich, als ich die Vorratskammer öffnete und eine Tüte aus dem Karton zog. Ich drehte mich zu Zayne um. »Fühlst du’s jetzt? Hass und Bitterkeit?«

»Nicht mehr so, seit ich zu mir gekommen bin, nachdem du das Schwert des Michael benutzt hattest. Aber ich kann trotzdem die … Absichten der anderen spüren. Ihre dunkelsten Geheimnisse. Aber das ist kontrollierbar.«

»Was meinst du?« Ich brachte Zayne den Beutel.

»Schwer zu erklären.« Er nahm ihn mir ab. »Doch es erinnert mich irgendwie an das, was Layla mit dem Sehen von Auren macht – die Farbe der Seelen von Menschen. So ähnlich, aber ich fühle nur ihr Innenleben, wenn ich will.«

Ich hob die Augenbrauen. »Wie geht das? Du schaust sie einfach an, und bumm, weißt du, ob sie gut oder schlecht sind oder irgendwas dazwischen?«

»Ich muss mich bloß auf sie konzentrieren – ich muss es wissen wollen.« Er steckte die leuchtende Feder in die Tüte und verschloss sie. »Einer der Engel erklärte mir, dass ich imstande wäre, die wahren Absichten der Sterblichen zu spüren. Das können alle Engel. Ich schätze, das ist unter anderem der Grund, warum einen dieser Sinn als Gefallener überwältigt. Erst als wir bei dem Fahrer im Uber saßen, fiel es mir wieder ein. Und das lag daran, dass ich gemerkt habe, dass ich seine Absichten nicht spürte, während ich vorher alles gespürt hatte, ohne es überhaupt zu versuchen.«

»Das muss … oh Gott, das muss ja überwältigend gewesen sein.«

»Ja, aber bei dem Fahrer wurde ich nicht von Gefühlen bombardiert, und da erinnerte ich mich daran, was der Engel gesagt hatte«, erklärte er. »Also probierte ich es aus, und er hatte recht. Ich musste es nur wissen wollen und mich konzentrieren.«

»Und was hast du rausgefunden?« Ich war echt neugierig.

»Der Fahrer ist ein guter Mann.«

»Freut mich zu hören, denn er musste sich schnell bekreuzigen, als wir endlich sein Auto verließen.« Ich blickte auf Zaynes Flügel, widerstand aber dem Drang, ihn zu streicheln. »Also, was du wirklich meinst, wenn du sagst, du spürst ihre Absichten, ist, dass du ihre Seelen spürst.«

Die Flügel verschwanden nach hinten und dann ganz, und Zayne reichte mir den Beutel. »Es fühlt sich einfach … komisch an, das so zu sagen.«

Ich nahm die Tüte und versuchte, nicht zu erschaudern. »Du hast zwei Schwerter und kannst erkennen, ob jemand gut oder böse ist. Warum musst du derart besonders sein?«

Das entlockte ihm ein Lächeln, bevor er sich umdrehte, um das Shirt zu nehmen, das er über die Lehne der Couch gelegt hatte. Mein Blick blieb auf dem erhabenen Abdruck seiner Flügel hängen, und ich dachte daran, was Layla gesagt hatte, als sie meine Aura sah. Sie war sowohl rein weiß als auch rein schwarz.

Gut und … ja, was? Böse? Layla hatte gesagt, je dunkler der Farbton der Aura, desto mehr Sünde sei vorhanden, aber sie hatte noch nie einen Menschen mit einer schwarzen Aura gesehen.

Ich hielt die eingetütete Feder in der Hand, was sich ungefähr so anfühlte, als würde ich einen Finger oder so etwas halten, und beobachtete, wie Zayne das Shirt überstreifte und zurechtzupfte. Als er mir gegenüberstand, öffnete ich den Mund, und die Frage sprudelte geradezu aus mir heraus. »Was fühlst du, wenn du dich auf mich konzentrierst? Was ist meine Absicht

»Abgesehen davon, dass du mich in den Wahnsinn treibst?«, fragte er und strich sich die Haare zurück.

Ich nickte. »Abgesehen davon.«

»Weiß nicht. Ich habe nicht versucht, es rauszufinden. Weder bei dir noch bei den anderen, als sie eben hier waren. Es erscheint mir nicht richtig, das grundlos zu tun.«

Ich starrte ihn an und seufzte dann laut auf.

»Was denn?«

»Warum musst du so gut sein? Ich würde jede Gelegenheit nutzen, einen Blick auf die Seelen anderer zu werfen.«

Er gluckste amüsiert, senkte den Kopf und küsste mich. »Lass uns aufbrechen und vorsichtig bei dieser Feder-Sache sein.«

Allein von der kurzen Berührung prickelten meine Lippen, stellte ich fest, als ich Zayne folgte. Er nahm die Schlüssel von der Stelle der Arbeitsfläche, wo er sie zuletzt hatte fallen lassen, und blieb abrupt stehen. Seither hatte sie niemand mehr angefasst. Er hielt sie in der Handfläche und starrte darauf.

»Alles okay?« Ich berührte Zaynes Arm.

Er räusperte sich und schaute zu mir. »Ja. Alles okay.« Seine Finger legten sich um den Schlüsselbund. »Übrigens, hast du irgendwo mein Handy gesehen?«

Ich schüttelte den Kopf. »Du hattest es … du hattest es an dem Abend bei dir. Seitdem hab ich es nicht mehr gesehen.«

»Ich wette, Nic oder Dez haben es. Die beiden hätten sich sicher um meine … persönlichen Sachen gekümmert. Schätze, sie haben nicht daran gedacht, es vorhin mitzubringen. Wahrscheinlich weil sie …«

Ich wusste, worauf er hinauswollte. Die beiden befürchteten vermutlich, dass Zayne gar nicht zurückgekehrt war, und seine Habseligkeiten mitzubringen hätte irgendwie nur Unglück gebracht. Ich drückte den Beutel mit der Feder an meine Brust und fragte: »Fühlt es sich nicht seltsam an? Daran zu denken, tot gewesen zu sein? Okay. Das ist eine blöde Frage. Natürlich muss es sich seltsam anfühlen.«

»Ja, stimmt.« Er nahm meine Hand. »Vor allem wenn ich daran denke, dass mein Körper dieses Zu-Staub-zerfallen-Ding durchgezogen hat und ich jetzt trotzdem hier bin.«

Ich zitterte. »Geht mir genauso. Das verwirrt mich total.«

»Also, halten wir uns damit nicht weiter auf, okay?«

»Geht klar.« Ich drückte seine Hand, während wir in den Fahrstuhl stiegen.

In Rekordzeit erreichten wir die Tiefgarage, und als Zayne seinen Impala entdeckte, schaute er wie ich, wenn ich einen Cheeseburger sehe.

Er legte die Hand auf den Kofferraum und strich über das glatte Metall, während er mich zur Beifahrertür führte. Im schummrigen gelblichen Licht des Parkplatzes konnte ich sein Grinsen erkennen, etwas, das ich früher ganz sicher nicht hätte sehen können.

»Möchtest du ein bisschen Zeit für dich allein?«, fragte ich, als er die hintere Tür streichelte. »Du weißt schon, für den Fall, dass du unter vier Augen mit deinem Auto rummachen willst.«

Zayne lachte und öffnete die Beifahrertür. »Steig ein.«

»Bossy.« Ich blickte auf unsere verschränkten Hände. »Aber dazu wirst du loslassen müssen.«

»Ich weiß.«

Ich zuckte mit den Schultern. »Bevor wir einsteigen.«

»Ich weiß«, wiederholte er, aber diesmal neigte er den Kopf, bis sich unsere Lippen trafen, während sich seine andere Hand um meinen Nacken legte. Es war ein inniger und heftiger Kuss, und eine glühend heiße Welle durchströmte mich. Ich fragte mich, ob er mich mit nur einem Kuss verschlingen könnte. Um das herauszufinden, war ich äußerst bereit, mich auf eine kleine öffentliche Unanständigkeit einzulassen, sofort und genau hier, im Parkhaus. Aber Zayne hob den Kopf und knabberte an meiner Unterlippe, sodass mein Herz Purzelbäume schlug.

»Meine Güte«, flüsterte ich, als er meine Hand losließ. »Du bist ja wirklich glücklich, dein Auto wiederzusehen, nicht wahr?«

»Wie wär’s, das näher zu untersuchen, wenn wir bei der Alten fertig sind?«, schlug er vor.

Ich verspürte ein erwartungsvolles Prickeln. »Sehr gern.«

»Dann lass uns das mit der Alten so schnell wie möglich hinter uns bringen.«

Ich sprang geradezu auf den Beifahrersitz. Die eingetütete Feder lag auf meinem Schoß, und ich schnallte mich an, während Zayne hinters Steuer kletterte. Er nahm sich einen Moment Zeit, checkte die Einstellung des Rückspiegels, umschloss das Lenkrad und richtete die Sonnenblende aus, bevor er den Zündschlüssel umdrehte. Der Motor schnurrte sofort vor sich hin, und bei dem Lächeln, das sich auf Zaynes Gesicht ausbreitete, zog sich mir freudig das Herz zusammen.

Als er den Rückwärtsgang einlegte, sah er zu mir herüber. »Wo ist deine Sonnenbrille?«

»Hab ich verloren.«

»Schon wieder?«

»Schon wieder.«

»Oh Mann, wir werden sie in größeren Mengen bestellen müssen.«

»Damit ich sie in größeren Mengen verlieren kann?«

»Vielleicht müssen wir für dich ein Sonnenbrillen-Abo abschließen.« Er griff auf die Beifahrerseite und öffnete das Handschuhfach. Dann zog er eine Pilotenbrille mit silbernem Gestell heraus. »Die hat zwar nicht so dunkle Gläser, wird aber reichen, bis wir dir eine neue besorgen können.«

»Danke schön.« Ich nahm die Sonnenbrille und setzte sie auf. »Wie sehe ich aus? Krass?«

»Wunderschön.« Rückwärts parkte er den Impala aus. »Und krass.«

Daraufhin lächelte ich so breit, dass ich bestimmt wie der größte Trottel der Welt aussah, und als wir zum Hotel Witchy fuhren, lächelte ich noch immer. Wir unterhielten uns über Peanut und hatten vor, kurz auf dem Wächter-Gelände vorbeizufahren, um Zaynes Handy zu holen, nachdem wir einen Boxenstopp in einer Apotheke eingelegt hätten … um zum ersten Mal in meinem Leben einen Schwangerschaftstest zu besorgen.

Lustiges erstes Mal.

Dann kamen wir am Hotel an und parkten im nahegelegenen Parkhaus. Als wir das Hotel betraten und ich die Sonnenbrille hochschieben wollte, nahm Zayne sie mir ab.

»Ich denke, ich kann besser auf sie aufpassen«, sagte er und hakte einen Bügel in den Ausschnitt seines Shirts.

»Wahrscheinlich.«

Nachdem wir mit dem Aufzug in den dreizehnten Stock gefahren waren und durch den Flur zum Restaurant gingen, machte ich mir null Gedanken, ob die Alte überhaupt da sein würde. Ich hatte das Gefühl, sie wusste genau, an welchem Tag wir zurückkehren würden.

Und, siehe da, Rowena stand hinter dem Empfangstresen, und bevor Zayne oder ich etwas sagen konnten, trat sie dahinter hervor und meinte im genervtesten Tonfall der Welt: »Hier entlang, bitte.«

Ich hob eine Augenbraue und checkte das schwach beleuchtete Innere des Raums ab. »Du liebst diese kleinen Besuche, nicht wahr?«

»Ich erwarte sie mit angehaltenem Atem«, antwortete Rowena.

Ich grinste, während Zayne die Stirn runzelte. »Richtig. Du hattest ja noch nie das Vergnügen, von Rowena begrüßt zu werden. Sie ist immer ganz erpicht darauf, mich hier zu sehen.«

»Ja, das merke ich«, antwortete Zayne schlicht.

Rowena sagte nichts, als sie uns an der Trennwand vorbeiführte. Wie bei meinem letzten Besuch war alles bis auf den runden Tisch in der Mitte des Raums entfernt worden. Nur drei Stühle standen um den Tisch, und die Alte saß uns diesmal gegenüber. Auf dem Tisch befanden sich keine Teller und Gläser, und ich hatte plötzlich das Gefühl, dass nach diesem Treffen der Tisch und die Stühle verschwinden würden.

Und die Alte auch.

Ihr Shirt war so grellpink, wie ich es noch nie gesehen hatte, und auf der Vorderseite … glitzerte etwas.

»Wie alt ist sie?«, fragte mich Zayne leise.

»Älter, als du denkst, dass ich aussehe«, antwortete die Alte. Offenbar war ihr Gehör nicht vom Alter beeinträchtigt. »Komm. Setz dich zu mir«, rief sie, mit dem Kopf in Richtung Zayne deutend.

Als wir näher traten, war der ehrfürchtige Blick der Alten nicht zu übersehen, während sie zu Zayne hinaufstarrte.

Und es war auch nicht zu übersehen, was auf ihrem Shirt mit lila Kristallsteinchen geschrieben stand: DRÜCKEN SIE NICHT AUF MEINEN HEXENKNOPF!

Nett.

Zayne zog den Stuhl zu ihrer Linken heraus, damit ich mich setzen konnte. Leise bedankte ich mich.

Die Alte kicherte, während sie beobachtete, wie Zayne den Platz rechts von ihr einnahm. »Ein Gefallener mit Manieren?« Die Haut in ihren Augenwinkeln wurde noch faltiger. »Oder ein verliebter Gefallener?«

»Letzteres ist vermutlich die passendere Beobachtung«, antwortete Zayne, und mein Herz machte einen kleinen Hüpfer.

Der Mund der Alten formte ein Lächeln, und sie beugte sich zu Zayne. »So etwas wie dich habe ich noch nie zuvor gesehen, einzigartig, sogar jetzt noch. Ein Wächter, der sich mit Dämonen angefreundet hat, etwas, das dich schon immer über andere gestellt hat. Du hast die Wiederherstellung deiner göttlichen Herrlichkeit erreicht, ein beinahe unmögliches Kunststück, und du hast den Himmel für die Liebe geopfert. Jetzt bist du ein Gefallener, durch dessen Adern himmlisches Feuer fließt. Ich habe sehr lange darauf gewartet, dies zu sagen. Du wurdest immer unterschätzt und unterbewertet, aber das hat sich geändert.« Langsam ließ sie den Blick über Zayne schweifen. »Du bist großartig.«

»Ich mag sie wirklich«, sagte Zayne zu mir. »Ich hätte schon früher herkommen sollen.«

Die Alte klimperte mit ihren weißen Wimpern. »Du bist immer willkommen.« Sie hob die kleine Hand und hielt kurz inne, bevor sie seinen Arm berührte. »Darf ich?«

Die Muskeln spannten sich, als Zayne nickte, damit die Alte fortfahren konnte. Ich hätte nicht gedacht, dass sie so dumm sein würde, es bei ihm zu versuchen, andererseits waren die Leute ja generell dumm.

Die Alte legte die Hand auf seinen Arm und schloss für Sekundenbruchteile die Augen. »Ja«, sagte sie zärtlich. »Du bist absolut einzigartig.«

Ich rollte mit den Augen. »Er wird noch ein riesiges Ego kriegen, wenn du so weitermachst.«

»Ein wohlverdientes Ego«, erwiderte die Alte und zog die Hand zurück. »Findest du nicht auch?«

»Absolut«, murmelte ich.

Zayne warf mir ein halbes Grinsen zu. »Wir schulden dir ein Dankeschön, Alte.«

»Ist das so?« Buschige weiße Brauen hoben sich.

Zayne nickte. »Du hast ihr das Mittel gegeben, um mir zu helfen.«

»Doch nicht ohne Bedingung«, erinnerte uns die Alte.

»Ja.« Ich hob den Beutel. »Wir haben hier deine Feder.«

Während sie die Tüte betrachtete, nahm ihr Lächeln zu. »Ich wusste, du würdest nicht scheitern.« Diese Augen, so scharf wie die von jemandem, der halb so alt war wie sie – wie alt auch immer das sein mochte –, blickten mich an. »Du hast befürchtet, dass du scheitern würdest. Niemand hätte dir das verübelt. Entweder hättest du zurückgebracht oder umgebracht, keine Handlung, die man leichtfertig begeht.«

»Stimmt.« Ich legte den Beutel auf den Tisch. »Es war nicht leicht.«

»Ich mag dich«, sagte die Alte.

»So sehr, wie du ihn magst?«, konterte ich.

Ihr Lachen klang rau. »Ich mag euch beide. Zusammen. Ihr seid zwei Hälften eines Ganzen. Das war immer so. Und wird immer so bleiben.«

Wieder machte mein Herz einen Hüpfer, und die Alte blickte auf die Feder. »Traurig, nicht wahr? Was Gabriel mit dieser Welt und dem Himmel anstellen will.«

Ich erstarrte. Ich hatte ihr nie verraten, was Gabriel plante … oder dass er der Bote war, aber es erstaunte mich nicht besonders, dass sie es dennoch wusste. »Ich könnte mir ein deutlicheres Adjektiv vorstellen, um zu beschreiben, was er plant, aber ja.«

Sie nickte langsam. »Ich habe lange gelebt, aber ich hätte nie gedacht, dass ich das Ende der Tage erleben würde.«

Mir stockte der Atem.

»Das werden wir nicht zulassen«, meldete sich Zayne zu Wort.

»Nein, ich glaube nicht, dass ihr beiden das schafft«, sagte sie, und die Bestürzung wuchs, während sie die knorrigen Finger um den oberen Teil der Tüte legte. »Zumindest nicht jetzt.«

Ich schaute zu Zayne und sah, dass sein bestürzter Gesichtsausdruck höchstwahrscheinlich meinem entsprach. »Ich glaube, ich kann dir nicht wirklich folgen.«

»Das erwarte ich auch nicht. Auf alle Fälle eine lange Zeit lang nicht.«

Tja, diese Aussage der Alten erklärte auch nichts.

Sie hob den Beutel in die Luft und zeichnete mit den Fingern die Umrisse der Feder nach.

»Wirst du uns verraten, was du mit dieser Feder vorhast?«, fragte ich.

Sie sah zu mir und öffnete den Beutel. »Nicht so etwas Gefährliches wie du.«

»Und was glaubst du, was ich vorhabe?«, wollte ich wissen.

»Sie besitzt nämlich eine lange To-do-Liste gefährlicher Vorhaben«, meine Zayne, hilfreich wie immer.

Die Alte lächelte nur. »Manchmal muss man eben ein bisschen Krach schlagen, um etwas zu erreichen.«