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Ich starrte die Alte bloß an, während sich eine klitzekleine Gänsehaut auf mir ausbreitete.

»Danke hierfür«, sagte sie und nickte zuerst mir und dann Zayne zu. Daraufhin erschien der Mann, der wie beim letzten Mal, als ich hier war, einen Anzug trug. Er brachte ein Champagnerglas an den Tisch und stellte es vor die Alte. Die Flüssigkeit war roséfarben und sprudelte leicht.

»Ich hab dir ja gesagt, dass man mit der Feder eines Gefallenen alles Mögliche machen kann.« Die Alte holte sie aus dem Frischhaltebeutel. »Besonders von einem, der noch die Gnade in sich trägt. Es gibt nur einen weiteren in dieser Welt und darüber hinaus, aber seine … na ja, ich bin mir nicht sicher, ob mit einer Feder von ihm irgendetwas Schönes angestellt werden kann.«

»Redest du von Luzifer?« Ich beobachtete, wie sie die Feder in der Hand drehte.

»Von wem sonst?« Sie hielt die Hand über das Champagnerglas. Ihre Lippen bewegten sich, doch ihre Stimme war zu leise, als dass ich sie hätte verstehen können, aber was auch immer sie sagte, klang für mich wie ein Gebet.

Zayne, auf der anderen Seite der Alten, rutschte nervös hin und her, runzelte die Stirn und beobachtete sie aufmerksam.

»Ich verlasse noch heute die Stadt«, fuhr sie fort und öffnete die Handfläche. Stücke der zermahlenen Feder, in goldenes Licht getaucht, sanken in das Glas. »Richtung Süden, um meine Enkelkinder zu besuchen.«

»Klingt nach einem guten Zeitpunkt, um aus der Stadt zu verschwinden«, kommentierte ich, als sie die Reste der armen Feder auf den Tisch rieseln ließ.

Jetzt hob die Alte das Champagnerglas. »Aber ich bezweifle, dass sie mich noch erkennen werden.«

Mein Herz pochte gegen den Brustkorb, während sie das Glas an die Lippen setzte. Ich begann, mich nach vorn zu beugen …

»Ist okay«, sagte Zayne leise. »Was auch immer sie damit tut, es ist okay.«

Er spürte ihre Absichten – ihre Seele – und was immer er fühlte, bereitete ihm keine Sorge. Ich schätzte, das war gut, denn sie nahm einen Schluck von dem, was auch immer sie da zusammengebraut hatte … und trank dann mehr.

Immer mehr.

Meine Augen wurden größer und größer, weil sie den gesamten Inhalt des Glases in einem Zug hinunterschluckte – wie ein Profi im Shotskippen.

»Meine Güte«, raunte sie heiser, presste den Handrücken vor den Mund und stieß einen kleinen Rülpser aus. »Wow, das hat Biss. Würzig.«

Langsam drehte ich den Kopf zu Zayne. Er blinzelte und ließ den Kopf ruckartig in den Nacken fallen. »Heiliger …«

Mein Blick flog zurück zur Alten, und mir knallte die Kinnlade auf den Boden. »Mist.«

Keine Ahnung, was ich erwartet hatte, als ich sie anschaute, aber was ich sah, stand nicht auf der potenziellen WTF-Liste.

Es war, als würde man jemandem beim Altern zusehen … nur genau andersherum.

Ihr schneeweißes Haar wurde dichter und dunkler, bis es einen Farbton schwarz wie die Nacht angenommen hatte, und die federnden Locken wurden länger und runder. Die Haut an ihrer Stirn glättete sich, und die tiefen Falten um die Augen und den Mund verschwanden. Ihre Wangen und Lippen wurden voller und die Kieferpartie kantiger. Ihr Körper erschauerte, ihr Rücken wurde kerzengerade, und die Schultern hoben sich. Die Brust in dem grellpinken Shirt straffte sich, und die dunklen Flecken auf dem Rücken der Hand, die immer noch die Champagnerflöte hielt, verschwanden, als hätte jemand einen Radiergummi benutzt.

Vor Staunen stand mir nach wie vor der Mund offen, als sie ihren Kopf nach hinten kippte und die Falten an ihrem Hals verblassten. Sie schluckte und neigte den Kopf wieder nach vorn.

Die Augenbrauen veränderten sich zuletzt. Sie wurden dünner und dunkler, folgten dem anmutigen Bogen ihrer Stirn, und nun schaute ich jemanden an, der nicht älter zu sein schien als Ende zwanzig oder Anfang dreißig.

Jemanden, der umwerfend schön war.

Die Alte stellte das leere Glas auf den Tisch. »Warum in Würde altern, wenn man die Jahre mit einem Drink und einem Zauberspruch auslöschen kann?«

Ich klappte den Mund zu, denn mir fehlten echt die Worte angesichts dessen, was ich da soeben erlebt hatte.

Sie lächelte, und ihr Blick huschte zwischen Zayne und mir hin und her, als sie sich vom Stuhl erhob, und das mit der Geschmeidigkeit einer Person, die nicht so wirkte, als würde sie sich dabei fast die Hüfte brechen. »Es ist an der Zeit für mich zu gehen.«

»Okay«, murmelte ich.

»Ich wünsche euch beiden viel Glück für die bevorstehenden Kämpfe«, sagte sie.

Kurz danach stand ich neben Zayne, der mich herumdrehte. Kämpfe? Plural?

»Trueborn?«, rief die Alte auf einmal, und ich sah über die Schulter zu ihr. »Er mag nicht dein Beschützer sein, aber er ist trotzdem eine Quelle deiner Stärke. Vergiss das nicht, wenn der Schnee fällt.«

»Tja, das war interessant«, sagte Zayne, als wir zum Impala zurückkehrten. »Und ganz und gar unerwartet.«

Ich stieß ein unsicheres Lachen aus. »Ja. Wow. Deine Federn wirken wie ein … ein Mami-Jungbrunnen.«

»Ich glaube nicht, dass das nur an meiner Feder lag«, bemerkte er und sah mich an. Im dunklen Innenraum des Autos waren seine Gesichtszüge kaum zu erkennen. »Ich bin nur froh, dass sie meine Feder dafür benutzt hat.«

»Geht mir genauso«, stimmte ich zu. »Ich kann immer noch nicht fassen, dass ich das eben gesehen habe. Zuerst dachte ich, es läge an meinen Augen.«

»Dachte ich auch.« Er griff hinüber und zog den verdrehten Saum meines Shirts gerade. »Ich hatte das Gefühl, dass sie uns etwas Wichtiges mitteilen wollte, ich aber zu blöd bin, um zu kapieren, was.«

»Sie erhebt es zu einer Kunstform, sich unklar auszudrücken. Die bevorstehenden Kämpfe? Also mehr als einer? Ich hoffe echt, dass das bloß ein dramatischer Effekt sein sollte, denn ich möchte wirklich Urlaub machen, wenn wir Gabriel besiegt haben.«

»Wo möchtest du denn hin?«

»Keine Ahnung.«

»Ach, komm schon.« Er zupfte leicht an meinem Shirt. »Bestimmt gibt es Leute und Orte, die du sehen willst.«

»Ich …« Ich spitzte die Lippen. »Ich würde gern Jada besuchen und Thierry.«

»Das können wir doch machen. Was noch? Irgendwohin, wo du noch nie warst.«

Ich lehnte den Kopf an den Sitz. »Vielleicht an einen … Strand? Wo es nicht so voll ist. Ich hab noch nie im Meer gebadet und würde gern mal den Ozean sehen, bevor, du weißt schon, also würde ich das sehr gern machen. Und ich wollte schon immer mal den Hollywood-Schriftzug in echt sehen. Okay, ich weiß, das klingt kitschig.«

»Tut es nicht«, sagte er. »Was noch?«

»Du meinst, wohin?«

»Egal wohin.«

Ein Grinsen umspielte meine Lippen. »Ich würde gern Edinburgh besuchen und Rom mit eigenen Augen sehen und die Gebäude anfassen. Oh – und Sizilien. Ich würde gern dorthin reisen, wo meine Familie herkommt – na ja, wo meine Familie mütterlicherseits herstammt. Was ist mit dir?«

»Egal, wohin du willst, bin ich dabei.«

Ich sah zu ihm hinüber. »Aber es muss doch auch einen Ort geben, an den du möchtest.«

»Ich möchte dorthin, wo du bist.« Er hob die Hand und vergewisserte sich, dass ich sie zuerst sah, bevor er meine Wange berührte. »Im Ernst. Wenn du deine Siedlung besuchen willst, können wir das machen. Du möchtest an einen fernen Privatstrand, können wir machen. Du willst eine Hütte in den Bergen mieten, dann wird das mein neuer Lieblingsplatz. Rom? Sizilien? Würde ich alles gern mit dir erkunden.« Mit dem Daumen strich er über meine Unterlippe. »Noch besser wäre es, wenn wir die Liste der Orte, die du sehen willst, immer weiter verlängern und das wirklich machen. Wir werden all die Orte sehen. Es spielt keine Rolle, ob es Monate oder ein ganzes Jahr dauert. Wir werden es tun und viele gemeinsame Erinnerungen schaffen.«

Vor lauter Rührung schnürte sich mir die Kehle zu. Ich wusste, was er vorhatte. Viele Erinnerungen schaffen, damit ich, wenn mein Sehvermögen endgültig weg war, dennoch auf etwas zurückblicken konnte. »Du machst es schon wieder.«

»Was?«

»Perfekt sein.« Ich beugte mich vor, verfehlte seinen Mund zunächst, traf ihn aber danach sofort. Ich küsste ihn. »Ich liebe dich.«

Er erwiderte meinen Kuss, die Berührung seiner Lippen süß und sanft. »Ich liebe dich, Trinity.«

Um den Ansturm dummer Tränen zu stoppen, kniff ich die Augen zusammen und lehnte die Stirn gegen seine. »Dieser Plan gefällt mir.«

»Mir auch.« Er küsste meinen Mundwinkel. »Aber zuerst …«

»Zuerst müssen wir in die Apotheke«, sagte ich, woraufhin mein Herz heftig zu klopfen begann.

»Wird erledigt.«

»Und dann zur Siedlung, um dein Handy zu holen.«

»Vielleicht können wir die anderen überreden, uns zum Abendessen einzuladen«, schlug er vor.

Ich lächelte. »Und danach irgendeinen Dämon aufspüren.«

»Vergiss nicht, Zeit einzuplanen, damit ich dir zeigen kann, wie glücklich ich war, mein Auto wiederzusehen.«

Lachend legte ich die Hand in seinen Nacken und fuhr ihm durchs Haar. »Das habe ich nicht vergessen. Dafür können wir uns jederzeit Zeit nehmen.« Ich küsste ihn schnell. »Und danach müssen wir nur kurz die Portale abschalten und Gabriel töten.«

»Ich möchte mir aber irgendwann wieder richtig Zeit dafür nehmen.« Er streichelte meine Wange und ließ die Hand dann an meinem Körper hinabgleiten.

Sofort schoss mein Puls in ungeahnte Höhen. »Jederzeit«, wisperte ich.

»Dann komm her«, sagte er, die Stimme tief und rau, während er mir den Arm um die Taille schlang.

Und ich kam her.

Na ja, Zayne zog mich eher zu sich rüber, denn dazu waren eine ganze Menge Manöver nötig, die mir im dunklen Inneren des Autos unmöglich waren, aber in einer gefühlten Nanosekunde saß ich auf seinem Schoß, und unsere Körper trafen auf alle spaßigen und sehr unpassenden Arten aufeinander. Ich legte ihm die Hände auf die Brust.

»Vorsicht«, sagte er ganz dicht an meinem Mund. »Du machst sonst noch die Sonnenbrille kaputt.«

Ich zog sie aus dem Halsausschnitt seines Shirts und warf sie auf den Rücksitz. »Jetzt ist sie in Sicherheit.«

Zayne lachte, während er die Hände auf meine Hüften stützte. »Das werden wir noch sehen.«

»Später«, meinte ich und strich mit der Nase an seiner Nase entlang.

»Ja.« Er küsste mich. »Später.«

Als ich mich enger an ihn schmiegte, nahm der Druck seiner Lippen zu, und ich genoss das Gefühl seiner Nähe. Davon würde ich niemals genug kriegen …

Mein Handy klingelte, vibrierte und klapperte im Becherhalter, in dem ich es verstaut hatte. »Wir können das ignorieren.«

Langsam ließ er die Finger nach oben wandern, streichelte meine Brust. Seine Berührung versengte mich durch den dünnen Stoff meines Shirts. »Ja, das sollten wir.«

Keine Ahnung, wer dann wen geküsst hat, aber das spielte auch keine Rolle. Der wilde Kuss ließ mich atemlos zurück, während mich Verlangen und Liebe und tausend andere verrückte, wunderbare Empfindungen durchströmten. Meine Haut stand in Flammen, als sein Daumen über die Mitte meiner Brust strich und ein Feuer in mir entfachte.

Mein Handy meldete den Eingang einer Nachricht. Dann noch eine, und ich drängte mich noch dichter an Zayne und wollte, dass das Smartphone endlich still war. Ich wollte verantwortungslos sein …

»Wir sollten mal nachsehen, wer’s ist.« Zayne drehte den Kopf, und ich stöhnte, während ich die Stirn an seine Wange lehnte. Er holte mein Handy aus dem Becherhalter.

Ich küsste die Unterseite seines Kiefers. »Und? Wer ist es?«

»Na ja, die Nachricht lautet: ›Geh ans Telefon, du unbedeutende Trueborn.‹« Zayne hielt inne. »Muss ich jemanden umbringen, weil er dir so eine Nachricht schickt?«

Ich lehnte mich zurück. »Nein. Das kann nur Cayman sein. Gib her.« Ich sah aufs helle Display und musste blinzeln. Dann drückte ich auf Rückruf und schaute zu Zayne. »Und wenn es nicht Cayman wäre, würdest du wirklich jemanden umbringen, weil er mich unbedeutende Trueborn genannt hat?«

Er neigte den Kopf zur Seite. »Ehrliche Antwort?«

Ich nickte.

»Ja, wahrscheinlich.«

»Ähm.« Die Lippen aufeinandergepresst, blies ich die Wangen auf. »Vielleicht eine etwas übertriebene Reaktion.«

»Ich weiß.« Erneut legte er mir die Hand auf die Hüfte.

»Und ich spüre, dass es dir egal ist.«

»Korrekt.«

»Darüber müssen wir später reden«, erwiderte ich kopfschüttelnd.

So nah, wie wir uns waren, sah ich sein Lächeln und kniff die Augen zusammen. Dann stellte ich auf Lautsprecher.

Es läutete zweimal, dann nahm Cayman ab. »Ich kann nicht glauben, dass du nicht gleich rangegangen bist …«

»Vorsichtig. Zayne wollte dich schon umbringen, weil du mich unbedeutende Trueborn genannt hast.«

»Zayne hat wohl Probleme mit seiner Impulskontrolle«, entgegnete Cayman. »Aber dafür haben wir jetzt keine Zeit. Roth und Layla kommen zurück, und ihr müsst sie treffen.«

Ich sah Zayne an, als Cayman fortfuhr: »Na ja, sie glauben, sie treffen sich nur mit dir, Trinity. Ich hatte nicht wirklich die Gelegenheit, ihnen von dir zu erzählen, Engelsjunge. Der Handyempfang in der Hölle ist fürchterlich.«

Ehrlich gesagt wunderte mich allein schon die Tatsache, dass es in der Hölle überhaupt Handyempfang gab, während das im Badezimmer des Apartments unmöglich war.

»Wo treffen wir uns?«, fragte Zayne, der seine Multitasking-Fähigkeiten erneut unter Beweis stellte, weil er währenddessen meinen Oberschenkel streichelte.

»Fahrt zu Roth und Layla nach Hause, aber statt anzuhalten, fahrt ihr die Straße weiter. Dann kommt ihr an ein Stoppschild. Dort trefft ihr euch. Ruft mich an, wenn ihr dort seid.«

»Und wo bist du dann?«, fragte ich.

»Na, Sachen erledigen«, antwortete er. »Und so.«

Stirnrunzelnd blickte ich aufs Smartphone.

»Ruft an«, wiederholte er, und dann war das Gespräch beendet. »Ich frage mich, ob er überhaupt schon herausgefunden hat, dass Luzifer tatsächlich Leute nach mir suchen lässt«, sagte ich, schob mich von Zaynes Schoß und rutschte zurück auf den Beifahrersitz.

Dabei hätte ich mir beinahe einen Muskel am Po gezerrt.

»Ob Roth und Layla erfolgreich waren und Luzifer dazu bringen konnten, an die Oberfläche zu kommen?«

»Schätze, wir werden’s rausfinden.« Da fiel mir wieder ein, dass die Sonnenbrille auf dem Rücksitz lag. Stöhnend kletterte ich halb zwischen die Sitze und schnappte sie mir.

»Bist du jetzt fertig da drüben?«, fragte Zayne, während der Motor schon wieder lief.

»Ja.« Ich setzte die Brille auf. »Wie weit sind wir von Roths und Laylas Zuhause entfernt? Ich kann mich nicht mehr erinnern.«

»Sobald wir die Brücke überquert haben, noch etwa eine halbe Stunde«, antwortete er, eine Hand auf meinem Knie, während er mit der anderen lenkte. »Mehr als genug Zeit.«

»Mehr als genug Zeit wofür?«

Sanft drückte er mein Knie. »Du wirst schon sehen.«

Ich sah auf seine Hand, und mir gefiel, wie sehr er den Körperkontakt zu mir suchte. Er war schon wieder ganz der Alte.

Doch jemanden umbringen zu wollen, weil der mich als unbedeutend bezeichnet hatte, war neu.

Zumindest dachte ich das, während ich die Finger auf seine legte und aus dem Seitenfenster schaute. Als wir aus dem Parkhaus fuhren, merkte ich, dass es schon fast dämmerte.

Ich betrachtete die verschwommenen Umrisse von Leuten und Ladenfronten, während sich Zaynes Daumen langsam kreisend bewegte, und ich versuchte, mir keine Gedanken zu machen, ob Roth und Layla erfolgreich gewesen waren oder nicht. Ich wusste ja nicht mal, ob ich besorgt oder dankbar sein sollte, wenn sie Erfolg gehabt hätten.

Die Gedanken an Luzifer verdrängte ich und konzentrierte mich stattdessen erneut auf Zayne – auf seine Hand und seine Finger. Sie waren weiter mein Bein hinaufgewandert, und obwohl sie nur in ruhigen Kreisen an der Innenseite meines Oberschenkels entlangfuhren, war ich mit jeder Faser hellwach. Ich errötete heiß, meine Brust hob sich zu einem tiefen Atemzug, und ich schaute nach unten. Noch immer ruhte meine Hand auf seiner. Er hatte nichts getan. Nicht wirklich. Ich musste unbedingt meine Hormone in den Griff kriegen …

Ich biss mir auf die Innenseite der Lippe, während er meinen sensibelsten Punkt zu streicheln begann. Mein Blick schoss zu ihm, mein Mund wurde ganz trocken, und mein gesamter Körper kribbelte.

Ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen. »Mehr als genug Zeit«, wiederholte er.

»Wofür?« Mir stockte der Atem, als er die Finger weiter kreisen ließ.

»Um dir zu zeigen, wie glücklich ich war.« Er schaute geradeaus auf die Straße. »Möchtest du wissen, wie sehr?«

»Oh«, flüsterte ich, und mein Herz schlug so schnell, dass ich befürchtete, einen Herzinfarkt zu kriegen. »Ja, will ich.«

Ich hätte Nein sagen sollen. Keine Ahnung, ob die Leute in den Autos, an denen wir vorbeifuhren, zu uns hineinsehen konnten, aber ich sagte nicht Nein, während ich den Blick von der Windschutzscheibe zum Beifahrerfenster wandern ließ und wir die Brücke überquerten und Zayne …

… mich verrückt machte.

Denn so fühlte es sich an – mit jeder kreisenden Bewegung, den federleichten Berührungen und den festeren. Die Leggings und meine Unterwäsche stellten kein großes Hindernis dar, aber dann ließ er die Hand unter den Bund der Leggings gleiten. Kurz hielt er inne, wartete auf … auf die weitere Erlaubnis, und während ich ziemlich blind aus dem Fenster starrte, schlang ich die Finger um seinen Unterarm und drängte ihn weiterzumachen.

Und das tat er.

Ich weiß nicht, was es war: die Berührung seiner Finger auf meiner nackten Haut oder die Tatsache, wie herrlich verrucht es sich anfühlte, was wir da trieben. Oder der Umstand, dass er verknallt war, oder alles zusammen, aber ich schloss die Augen und lebte schlicht in diesem Moment mit ihm und dem, was er mit seinen Fingern tat, erst neckisch und sanft und dann unerbittlich und fordernd. Ich ließ den Kopf zurücksinken und stöhnte, während mein Becken den Bewegungen seiner Hand folgte. Ich war außer Kontrolle, presste meine Schenkel gegen sein Handgelenk und grub die Finger in die Haut an seinem Unterarm. Mein ganzer Körper bäumte sich auf, als Zayne mich tief erforschte.

»Zayne«, stieß ich hervor und erkannte meine Stimme kaum wieder, während sich jeder Muskel in mir anspannte und immer fester zusammenzog. Von den Fingerspitzen bis zu den Zehen glich das dem Augenblick vor einem gefährlichen Sprung, wenn meine Füße den Boden verließen und es diesen schwerelosen Moment gab, in dem das Herz aussetzte – genau die Sekunde, in der es sich anfühlte, wie zu fliegen. Selbstvergessen schrie ich auf, da ich endgültig die Kontrolle über meinen Körper verlor und kam. Ich rang nach Atem, als die Erlösung mich pochend und pulsierend durchströmte, und krallte mich an Zaynes Hand fest. Der Wiederklang der leisen Geräusche, die von mir ausgingen, erhitzte meine Wangen, während die heftigen Empfindungen langsam abebbten.

Vage merkte ich, wie Zayne die Hand wegzog, da öffnete ich die Augen und sah nach unten. Behutsam hob ich die Finger. An der Stelle, an die ich mich geklammert hatte, war die Haut rosiger, aber nicht verletzt. Ich erschauerte.

»Du …« Ich brauchte eine Weile, um wieder sprechen zu können. »Wow. Du warst wirklich sehr glücklich.«

Er gluckste amüsiert. »Nicht wegen des Autos. Obwohl es schön war, wieder mit ihm vereint zu sein«, antwortete er, und ich sah zu ihm hinüber. »Du bist wunderschön, Trin.« Er schaute mich an. »Gott, wie schön du bist.«

Ich wurde rot. »Danke für das Kompliment.« Ich errötete noch heftiger. »Und für das davor.«

»War mir ein Vergnügen. Eine Ehre.« Er saugte die Unterlippe zwischen die Zähne. »Wir sind fast da.«

Träge wandte ich den Kopf gerade noch rechtzeitig zur Seite, um zu erkennen, wie wir die Straße passierten, von der ich dachte, dass sie zu Roths und Laylas Haus führte, das eine richtige Villa war.

Noch immer hielt ich mich an Zaynes Arm fest, die Bäume in der Nähe wurden dichter, und die Straße mündete schließlich in einer Sackgasse.

»Schätze, wir sind da«, meinte Zayne und stellte den Motor ab, während ich mich umschaute und … nichts als Bäume sah. »Bereit, dir das hier genauer anzusehen?«

»Oh-oh.« Ich nahm die Sonnenbrille ab und legte sie aufs Armaturenbrett. »Kommst du an mein Handy?«

»Hab’s schon.«

»Super.«

»Du musst dazu allerdings meinen Arm loslassen.«

»Oh.« Ich ließ los. Tief entspannt öffnete ich daraufhin die Wagentür und kletterte aus dem Auto. Kies knirschte unter meinen Boots, als ich zur Vorderseite des Impala ging. »Ich könnte jetzt ein Nickerchen gebrauchen.«

»Ich glaube, damit musst du noch warten.« Zayne gesellte sich zu mir, neigte den Kopf und küsste mich zärtlich.

»Buh.« Für ein paar Sekunden schmiegte ich mich an ihn und atmete seinen winterlichen, minzigen Duft ein, bis ich mich wieder von ihm löste. Es war an der Zeit, erwachsen und verantwortungsbewusst zu sein oder was auch immer. »Ich finde, wir sollten Cayman anrufen.«

Das Display meines Handys flackerte auf, als Zayne den Dämon anrief. Ich schaute auf die rasch dunkler werdende Landschaft. Abgesehen von ein paar riesigen Eichen erstreckte sich ein offenes Gelände vor uns. Das einzige Geräusch außer dem am anderen Ende der Leitung läutenden Telefon war das Surren von Heuschrecken oder Zikaden. Für mich waren alles riesige, fliegende Käfer, sodass ich die Insekten nicht auseinanderhalten konnte.

»Wir sind da«, sagte Zayne, sowie sich Cayman meldete.

»Hat ja auch lang genug gedauert«, drang seine Reaktion aus dem Lautsprecher.

Errötend blickte ich zu Zayne. Bei dem geringen Mondlicht konnte ich seine Gesichtszüge kaum erkennen, aber ich entdeckte die Andeutung eines Grinsens. »Ich hab die landschaftlich reizvollere Strecke genommen«, sagte er, und mein Gesicht brannte immer heißer. »Wir sind jetzt jedenfalls hier, und wenn Roth und Layla nicht unsichtbar sind, fehlt von ihnen jede Spur.«

»Sie sollten jeden Moment eintrudeln. Sie kommen durch ein Portal irgendwo auf dem Feld.«

Ich hob eine Augenbraue und trat vorsichtig in das wadenhohe Gras. »Hoffentlich brauchen sie nicht mehr lange, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass ich sonst am Ende des Abends übersät mit Zecken bin.«

»Ich helfe dir später gern beim Nachsehen«, bot Zayne ein paar Schritte hinter mir an.

Ich grinste, als Cayman sagte: »Sicher, dass du ihr später genau dabei helfen wirst?«

»Bist du etwa eifersüchtig?«, gab Zayne zurück, während er zu mir aufschloss, meine Hand fand und seine Finger mit meinen verschränkte. Mein Grinsen wurde noch breiter.

»Irgendwie schon«, antwortete Cayman, und ich konnte geradezu vor mir sehen, wie er schmollte.

»Wem gehört dieses Land?«, fragte ich und betrachtete das Feld und die Bäume, die bereits im Dunkeln lagen. »Warn uns bitte, falls jemand mit einer Schrotflinte auftauchen sollte.«

»Es gehört Roth, weil er keine Nachbarn wollte«, erklärte Cayman. »Also hat er etwa hundert Hektar rund um sein Haus gekauft.«

Ich blinzelte. »Dämon zu sein scheint sich zu lohnen.«

»Dämonen-Prinz auf jeden Fall«, sagte Cayman. »Mit anderen Worten: Es ist niemand da, der dich schreien hört.«

Stirnrunzelnd blieb ich stehen und schaute auf das Smartphone, das Zayne immer noch in der Handfläche hielt. »Wie gruselig.«

»Ich weiß.« Cayman kicherte, und das war sogar noch gruseliger.

Kopfschüttelnd löste Zayne seine Hand aus meiner und ging ein paar Schritte voraus. »Weißt du, ob sie einen ganz besonderen Freund mitbringen?«

»Keine Ahnung«, antwortete Cayman. »Wie gesagt, der Handyempfang war fürchterlich.«

Ich verschränkte die Arme vor der Brust. »Und hast du zufällig etwas darüber herausgefunden, ob Luzifer möglicherweise Dämonen auf mich hetzt?«

»Da die, die es wissen müssten, nicht leicht zu finden sind, lautet die Antwort Nein«, sagte Cayman. »Und ich weiß, ich bin derzeit ach-so-hilfreich.«

»Richtig.« Zayne verzog das Gesicht, als das Geräusch von … fließendem Wasser aus dem Handylautsprecher drang. »Was machst du da?«

»Ich nehme ein Bad.«

»Du badest?«, fragte ich. »Während du mit uns telefonierst? Während Roth und Layla möglicherweise gleich mit Luzifer auftauchen?«

»Hey, es kommt nicht oft vor, dass ich etwas Zeit für mich habe«, entgegnete er. »Also nutze ich sie. Außerdem ist es ein Schaumbad.«

»Du bist ein Chaot«, schalt ich ihn.

»Ich weiß – oh, ich hab eine Nachricht bekommen. Lasst sie mich mal kurz checken.« Es folgten einige Sekunden, in denen es sich anhörte wie … Plätschern, und dann sagte Cayman: »Captain? Zu Ihrer Linken.«

Zayne schaute mich an. »Hat er gerade Falcon aus Avengers: Endgame zitiert?«

»Irgendwie schon.« Schielend blickte ich über Zaynes Schulter. Die Welt schien auf einmal stillzustehen, alles wirkte irgendwie grau, nicht die angenehmste Zeit für meine Augen, aber der Raum hinter Zayne schien sich zu kräuseln. »Vielleicht liegt es nur an meinen Augen, aber es könnte auch sein, dass sich hinter dir ein Portal öffnet.«

Zayne drehte sich um. »Definitiv ein Portal, aber ich bezweifle, dass gleich der König von Wakanda auftaucht.«

»Das wäre aber cool«, murmelte ich.

In der flirrenden Luft funkelte es rot, und Schwefelgeruch drang zu uns. Als Reaktion pulsierte meine Gnade, und meine Muskeln spannten sich an. Einen Moment später kribbelte es in meinem Nacken.

Der Kronprinz der Hölle und die Tochter der Lilith traten aus dem Portal.

Wie immer war ich ein wenig sprachlos über ihre so gegensätzlichen Erscheinungen. Roth mit seinem dunklen, unordentlichen Haar und seinem Hang zu Schwarz und Layla mit ihrem langen platinblonden Haar und ihrer Vorliebe für Pastellfarben bildeten einen auffallenden Kontrast, und doch schienen sie perfekt zusammenzupassen. Wie Tag und Nacht.

Roth war unmenschlich schön, als wäre er von einem geschickten Künstler aus Ton geformt worden, aber da war auch eine gewisse Kälte, die seine Schönheit fast brutal wirken ließ. Seine Attraktivität war keine Überraschung. Hohedämonen waren allgemein anziehend, unabhängig von ihrem Geschlecht oder dem des Betrachters. Sie waren die Verkörperung der Versuchung, und Layla war genauso hinreißend, aber auf eine ätherische Art. Sie sah engelhafter aus als ich, dabei trug sie kein Engelsblut in sich … Na ja, außer dem Gefallenen-Blut, das sie offenbar getrunken hatte.

Die beiden hielten sich an den Händen und traten vor. Ich war mir nicht sicher, wer von ihnen Zayne zuerst sah, aber sie blieben beide gleichzeitig stehen. Zwar waren sie zu weit weg, als dass ich ihre Gesichter hätte lesen können, aber ich wette, dass Schock und Ehrfurcht in ihre Züge geätzt waren, während sie Zayne einfach nur anstarrten.

Beide bewegten sich nicht, während ich nach dem sehr unheimlichen dritten Ankömmling Ausschau hielt, aber sie waren allein, als sich das Portal wieder hinter ihnen schloss. Hieß das, sie hatten nichts erreicht?

»Heilige Scheiße«, flüsterte Roth, vollkommen auf Zayne fixiert.

Layla trat vor und zog die Hand zurück. »Zayne?«, wisperte sie und kam nicht sehr weit, denn Roth ergriff erneut ihre Hand und hielt sie zurück, während er Zayne anstarrte. »Ist das …?« Ihre Stimme brach. »Bist du das wirklich? Wie?« Ruckartig wandte sie mir den Kopf zu. »Hat dir der Sensenmann geholfen?«

»Nicht der Sensenmann«, antwortete Zayne mit belegter Stimme. »Aber ich bin’s wirklich, Layla-Biene.«

»Layla-Biene?«, flüsterte sie, während ich den ziemlich niedlichen Spitznamen im Kopf wiederholte, und dann schien es, als würde ihr Gesicht zerknittert. Ein mitfühlender Knoten schwoll in meiner Kehle, als sie sich gegen Roths Griff wehrte und den Arm nach Zayne ausstreckte.

»Er fühlt sich nicht richtig an.« Roth hielt sie auf. »Was siehst du um ihn herum, Layla?«

»Ich …« Das weißblonde Haar bewegte sich, als sie den Kopf schüttelte. Ihr Stöhnen drang bis zu mir. »Ich kann nichts sehen.«

»Das ist auch nicht möglich, denn ich bin kein Wächter mehr«, erklärte Zayne und blieb stehen. »Roth weiß, was ich bin. Offenbar hat er schon immer gewusst, was wir früher einmal waren.«

Laylas Kopf schnellte zurück zu Roth und schwenkte dann wieder zu Zayne. »Wächter waren einst Engel, die gefallen sind, aber du bist kein Engel. Du hast keine Aura …«

»Das liegt daran, dass er ein gottverdammter Gefallener ist.« Roth zerrte Layla zurück und trat vor sie. »Mit seiner Gnade

»Was?«, fragte Layla und trat um Roth herum.

»Ja, er ist ein Gefallener«, mischte ich mich ein. »Und ja, er trägt noch eine ganze Menge himmlisches Feuer in sich, aber er ist trotzdem Zayne.«

»Unmöglich«, spie Roth geradezu aus.

»Ich stehe vor dir, also weiß ich nicht, wie du das für unmöglich halten kannst«, antwortete Zayne. »Doch um’s kurz zu machen, ich wurde wiederhergestellt, mir wurde meine Herrlichkeit zurückgegeben. Sie ließen mich fallen und ließen mir meine Gnade, damit ich im Kampf gegen Gabriel bestehen kann.«

»Sie haben sie dir gelassen?«, fragte Roth ungläubig. »Ein wiederhergestellter Engel fällt und behält die Gnade, wenn das einzige andere Wesen, das dieser monumental schlechten Lebensentscheidung gleichkommt …«

Ein intensiver weißer Blitz schoss über den Nachthimmel und erschreckte mich. Ich blickte auf und zuckte zusammen, als ein weiterer Lichtblitz die Dunkelheit durchbrach und nicht allzu weit von uns entfernt auf den Boden traf. Ein Donnergrollen fuhr in meine Knochen, und Blitze zuckten über den Himmel. Ich wich zurück, mein Herz machte einen Sprung.

»Wir werden dieses Gespräch später zu Ende führen müssen«, erklärte Roth.

Dutzende von Blitzen schlugen in den Boden ein, auf jeden Einschlag folgte ein ununterbrochenes Donnergrollen. Die Luft war elektrostatisch aufgeladen, sodass sich die winzigen Härchen an meinem ganzen Körper aufrichteten.

Plötzlich war Zayne neben mir, während ein weiterer breiter Blitz in einen nahen Baum einschlug. Die Eiche wurde genau in der Mitte gespalten und ging dann in Flammen auf.

Donner dröhnte über dem Himmel, und der Boden … der Boden rollte, sodass ich das Gleichgewicht verlor. Zayne fing mich an der Taille auf und hielt mich, so gut er konnte, während die Erde bis in ihren Kern zu beben schien. Ich hatte nicht mal Zeit, wirklich Angst zu empfinden oder mich zu fragen, ob es eine gute Idee war, bei einem Erdbeben mitten auf einem von Bäumen gesäumten Feld zu stehen. Alles hörte so schnell auf, wie es angefangen hatte. Die Blitze. Das Donnern. Das Erdbeben.

Mit klopfendem Herzen blickte ich zu Zayne auf. »Ähm …«

Hinter uns tauchten zwei helle Lichter auf, die sich durch die Dunkelheit schlängelten. Ein unheimliches Krabbeln auf der Haut, drehten sich Zayne und ich zu der Stelle um, wo sein Impala geparkt war. Die Scheinwerfer waren jetzt an. Ebenso die Innenbeleuchtung.

»Merkwürdig«, kommentierte Zayne.

Eine Sekunde später spielte das Autoradio in einer Lautstärke, dass einem fast das Trommelfell platzte, während schnell die Radiosender gewechselt wurden, als würde jemand einen neuen Sender suchen.

Nur dass niemand, nicht einmal ein wirklich gelangweilter Geist, in diesem Auto saß. Keine Lebenden und keine Toten.

»Echt merkwürdig«, sagte ich.

»Was, zur Hölle …?«, murmelte Zayne.

Das Radio hörte auf, die Sender zu wechseln, und der Klang … der Klang eines Gitarrenriffs drang aus dem Inneren des Impala. Es handelte sich um ein Lied. Ein vage vertrautes Lied. Eine kratzige Männerstimme ertönte: I’m on my way to the promised land …

Ich runzelte die Stirn und begann, den Text mitzusprechen. Der Refrain war sehr bekannt. »Ist das etwa …?«

»Highway to Hell?«, beendete Zayne für mich, während er über die Schulter schaute. »Bitte sag, dass er keinen eigenen Einlaufsong hat!«

Bevor Zayne eine Antwort erhielt, brach der Boden neben dem brennenden Baum auf, und ein Geysir schleuderte Dreck und Flammen vielleicht hundert Meter in die Luft.

Ich drehte mich langsam um, neigte den Kopf zur Seite und starrte in die brodelnde Mixtur aus Flammen und Schmutz. Da waren Schatten, etwas Dunkles, das Gestalt annahm, und trotz meiner schlechten Sehfähigkeit konnte ich gigantische Flügel und Hörner ausmachen – Flügel, zweimal so lang wie der Impala, und Hörner, fast so groß wie ein Mensch.

»Er ist da-haaaaaaaa«, hallte Caymans Stimme unheimlich aus dem Handy, das Zayne immer noch in den Händen hielt, während weiterhin AC/DCs Highway to Hell ertönte.

Ich bekam einen ganz trockenen Mund.

Das Ding im Inneren des Feuers streckte sich uns entgegen. Es war ein Monster aus wogenden Flammen – eine Dämonen-Art, die ich noch nie gesehen hatte. Mit ohrenbetäubendem Gebrüll klaffte plötzlich sein Maul auf, spuckte Feuer in den Himmel und über den Boden. Von der entstehenden Hitze wehten unsere Kleidung und Haare zurück.

Lieber Gott, war Luzifer etwa ein Riese?

Wahrscheinlich sollte ich nicht ausgerechnet Gott diese Frage stellen, aber wie, zur Hölle, sollten wir mit so einem Ding arbeiten und es irgendwo verstecken?

Oh Mann, eine schlechte Idee.

Das Feuermonster streckte die Arme aus, während es den Kopf mit einem hitzigen Lachen in den Nacken warf.

Eine ganz schlechte Idee.

Die Flammen loderten hell auf und verpufften dann. Ein kleiner Atemzug löste sich von meinen Lippen, während das Feuermonster-Ding schrumpfte, bis es nur noch knapp zwei Meter groß war.

Definitiv eine handlichere Größe, aber immer noch ein Feuermonster.

Das Gras glühte und glomm mit jedem Schritt auf, den die Kreatur vorwärts machte.

»Ähm«, wiederholte ich und zwang mich, stillzustehen und meine Gnade unter Kontrolle zu halten.

»Ist schon gut«, versicherte Roth. »Er liebt einfach den großen Auftritt.«

»Untertreibung des Jahres«, murmelte Zayne.

Ich wollte eben fragen, ob das mit dem Feuer dauerhaft so wäre, da verblassten die Flammen und gaben den Blick auf die Haut frei – eine Haut, die überraschenderweise genauso leuchtete wie Zaynes, nur heller. Sie tat das Gleiche wie die meines Vaters, ein sich ständig wechselndes Kaleidoskop aus Pink- und Brauntönen, bevor sich ein Ockerton einstellte, der weder weiß noch braun zu sein schien. Als das Leuchten nachließ, fiel mir als Erstes auf, dass seine Gesichtszüge klar zu erkennen waren – na ja, so klar, wie sie im Mondlicht eben sein konnten, aber auf jeden Fall deutlicher als die von Roth und Layla. Das Zweite, das mir auffiel, war, wie sehr er meinem Vater ähnelte, sogar die Augen glichen sich. Sie hatten einen kräftigen, unnatürlichen Blauton, und die Flügel waren die gleichen – auch etwas, das mich überraschte, obwohl ich wusste, dass Luzifer seine Flügel und seine Gnade behalten hatte, nachdem er gefallen war. Ich hatte nur nicht erwartet, dass sie so weiß und makellos sein würden, denn er war ja schließlich der irre Luzifer. Die Flügel waren genauso groß wie die meines Vaters und mindestens drei Meter breit. Der ausgeprägte Kiefer und die Wangenknochen waren ebenfalls wie bei meinem Vater. Die markante Stirn und die gerade Nase schienen fast identisch. Auch das helle schulterlange Haar war ähnlich. Sie konnten Brüder sein, und erst da wurde mir klar, dass Michael und Luzifer Brüder waren, genauso wie Raphael, Gabriel und die anderen.

Oh Mann, war das nicht eine verdammt dysfunktionale Familie?!

Und ich gehörte dazu.

Aber Moment mal. Bedeutete das, dass Luzifer … mein Onkel war? Ich rümpfte die Nase. Bei uns in der Familie musste es ein paar echt skurrile DNA-Verbindungen geben.

Aber Ahnenforschung war gerade nicht so wichtig, denn schließlich fiel mir als Drittes leider auf, dass er nackt war.

Warum waren sie immer nackt?

Allerdings stellte es kein Problem dar, meine Augen von einer gewissen Stelle abgewandt zu halten. Ich wollte nichts von dem sehen, was da unten los war oder auch nicht.

Kurz vor Roth und Layla blieb er stehen, seine Flügel bewegten sich lautlos hinter ihm. Kühle Luft tränkte meine Haut und meine Knochen, während diese ultrahellen Augen zu uns schwebten, und als er sprach, umhüllte Eis meine Seele. Seine Stimme war … wie eine Melodie – eine Hymne. Die Art von Stimme, die einen überzeugen konnte, bei jeder noch so unvorstellbaren Sünde mitzumachen.

»Verbeug dich«, befahl Luzifer. »Verbeugt euch vor eurem wahren Herrn und Retter.«

Niemand von uns rührte sich.

Oder verbeugte sich.

Wir starrten ihn alle nur an, was vermutlich hieß, dass wir bloß Sekunden davon entfernt waren, auf wirklich schreckliche Weise ermordet zu werden.

Luzifer klatschte in die Hände, sodass ich vor lauter Schreck einen Hopser machte. »War nur ein Scherz.« Er lachte, und das klang wie dunkle Schokolade, samtig und sündhaft. »Also, mir wurde gesagt, ich werde gebraucht, um die Welt zu retten.«

»Ja«, antwortete ich heiser.

Luzifer lächelte, und ich hatte noch nie etwas so Schönes und gleichzeitig so Beängstigendes gesehen. Sofort bekam ich am ganzen Körper eine Gänsehaut. »Na, dann lasst uns mal eine Hölle auf Erden erschaffen.«