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»Kannst du dir vielleicht zuerst was anziehen?«, fragte Roth.

Dieser Bitte konnte ich mich nur anschließen.

»Ist dir meine Nacktheit unangenehm, Prinz?«

»Ja«, antwortete Roth. »Ist sie.«

»Was ist mit euch beiden …?« Luzifer schaute zu Zayne und mir und neigte den Kopf zur Seite. »Was, zur verbotenen Frucht, haben wir denn hier?«

Ich war mir nicht ganz sicher, wen von uns er meinte.

»Das Kind eines Engels …« Er legte den Kopf in den Nacken und atmete tief ein. »Aber nicht irgendein Engel.« Sein Kinn klappte herunter, und diese Augen waren nicht mehr blau. Sie loderten in einem tiefen Karmesinrot. »Michael«, spottete er. »Du stinkst nach Michael. Ich habe nach dir gesucht.«

Nur einen Sekundenbruchteil später war Zayne vor mir, und ich vernahm das Geräusch seines zerreißenden Shirts, als sich seine Flügel auf dem Rücken entfalteten, strahlend weiß und durchzogen von pulsierender Gnade. Ich hatte das Gefühl, ich hätte Layla nach Luft ringen hören.

»Und ein Gefallener? Ein Gefallener mit seiner Gnade? Was ist aus dieser Welt geworden, wenn das Erste, was ich sehe, ein Nephilim und ein Gefallener im Besitz seiner Gnade sind?« Luzifers Lachen klang wie herabfallende Eiszapfen, und wegen dieser Nephilim-Geschichte hielt ich diesmal besser den Mund. »Du glaubst, du kannst es mit mir aufnehmen, Gefallener? Ich habe bei anderen schon größere Flügel abgestreift als deine. Willst du wissen, wie sich das anfühlt?« Schwefelgeruch brannte mir in der Nase. »Ich bin gern bereit, dir diesen Gefallen zu tun.«

»Lieber nicht, aber wenn du auch nur einen Schritt auf sie zumachst, bin ich mehr als bereit, herauszufinden, wie es ist, dir die Flügel rauszureißen«, warnte Zayne.

Ich riss die Augen auf.

Luzifer stieß ein weiteres dunkles Glucksen aus. »Übermütig. Ich mag das irgendwie.«

»Das ist nicht wirklich gut«, kommentierte Roth von der Seitenlinie. »Denn er sammelt Dinge, die er gern mag.«

»Und ich sperre sie in Käfige«, bestätigte Luzifer, und was, zum Teufel, hatte es mit dieser ganzen Dinge-in-Käfige-sperren-Obsession eigentlich auf sich? »Du hast mir nicht gesagt, dass ein Gefallener in die Angelegenheit verwickelt ist, Prinz.«

»Ich wusste nicht, dass es ihn gibt«, antwortete Roth, während ich um einen von Zaynes Flügeln herumspähte. Luzifer beäugte Zayne immer noch, als wollte er ihn zum Abendessen verspeisen. »Das ist der Wächter, von dem wir dir erzählt haben. Der, den Gabriel getötet hat.«

»Aha, dir wurde also deine göttliche Herrlichkeit zurückgegeben. Wiederhergestellt in Rechtschaffenheit, aber du bist ein Gefallener. Ihretwegen.« Ruckartig drehte Luzifer den Kopf nach links, und sein Blick aus den glühend roten Augen traf meinen. »Kuckuck, ich seh dich.«

Ich erschauderte. »Hi …«

Lächelnd senkte er das Kinn. »Wie geht es deinem lieben alten Vater? Hab ihn eine ganze Weile nicht gesehen.«

»Ich weiß es wirklich nicht.« Ich trat zur Seite und unter Zaynes Flügel. Er fluchte, aber ich ignorierte das. »Er ist irgendwie abwesend.«

»Na, haben wir da nicht etwas gemeinsam?« Luzifer ließ den Blick zu Zayne wandern. »Und haben du und ich nicht auch Gemeinsamkeiten? Auch ich habe immer noch meine Herrlichkeit, Gefallener. Komm her, und ich lege dich in Ketten, die aus deinen eigenen Knochen gemacht sind, und dann werde ich dein Nephilim an meiner Seite und in meinem Bett haben.«

Zayne neben mir verspannte sich, während meine Gnade aufstieg und meinen ohnehin nur begrenzten gesunden Menschenverstand außer Kraft setzte. Ich machte einen Schritt nach vorn, die Ränder meines Sichtfelds wurden weiß. »Wenn du ihm auch nur ein Haar krümmst, schneide ich dir das ab, was du in diesem Bett zu benutzen gedenkst, und stopfe es dir in den Hals.«

Luzifers Augenbrauen schossen in die Höhe, und sein Lächeln wurde noch breiter. »Du solltest nicht so offensichtlich mit mir flirten, wenn dein Kleiner dabei ist. Das könnte seine Gefühle verletzen.«

»Kleiner?« Das Knurren, das Zayne daraufhin ausstieß, erinnerte mich an ein sehr großes Raubtier.

»Leute«, sagte Roth stöhnend. »Können wir das vielleicht lassen? Ihr habt beide große Flügel, und ihr habt alle drei eine Menge Gnade. Zayne wird dich nicht angreifen. Luzifer wird Zayne nicht wehtun, und du, Trinity, schneidest keine unaussprechlichen Körperteile ab«, sagte er. »Und darf ich bitte nicht die Stimme der Vernunft sein? Das gefällt mir nämlich nicht. Ganz und gar nicht.«

»Mir schon irgendwie«, sagte Layla. »Ist mal eine nette Abwechslung.«

»Ich wünschte so sehr, ich wäre jetzt bei euch, um das zu sehen«, war Caymans Stimme aus dem Handy zu vernehmen. »Das klingt alles sehr heiß, aber nun brauche ich Zeit für mich allein.«

»Was, zur Hölle, machst du dann noch am Handy?«, blaffte ich.

»Mein Leben genießen«, schoss Cayman zurück. »Verurteil mich nicht …«

Zayne beendete das Gespräch, und ich spürte, wie sich seine Flügel senkten. »Ich habe mit der Entscheidung, dich hierherzurufen, nichts zu tun. Bestimmt werden wir das alle bereuen.«

»Wahrscheinlich.« Luzifer grinste.

»Aber Roth scheint zu glauben, dass du uns helfen kannst, Gabriel zu besiegen«, fuhr Zayne fort, seine Stimme so dünn wie seine Geduld. »Falls du deshalb hier bist, habe ich kein Problem mit dir, aber bist du hinter ihr her …«

»Wirst du mir wehtun?« Luzifer schmollte. »Richtig doll? Mir ein Aua machen?«

»Wird sie dir richtig wehtun«, warnte Zayne. »Und ich werde zusehen und lachen, während sie das tut.«

»Nur damit du Bescheid weißt, Zayne«, sagte ich. »Wären wir jetzt allein und würden uns nicht mit dem nackten Luzifer anlegen, wäre ich total scharf auf dich.«

»Es gibt immer ein Später«, sagte Zayne. »Und es wird ein Später geben.«

Ich lächelte.

Eine Weile beäugte Luzifer uns, und dann hätte ich schwören können, dass er mit den Augen rollte. »Liebe«, spie er geradezu aus, und das Blau kehrte in seine Augen zurück. »Wie drollig. Ich hoffe, ihr seid wenigstens etwas weniger abscheulich als diese beiden.«

Als ich spürte, dass die unmittelbare Bedrohung Luzifers, uns die Haut von den Knochen zu ziehen, nachgelassen hatte, zügelte ich meine Gnade. Zaynes Flügel waren jedoch immer noch weit ausgebreitet. »Hast du Dämonen auf mich gehetzt?«

»Was?«, fragte Roth.

»Ghuls und ein Hohedämon waren hinter Trinity her«, antwortete Zayne. »Jetzt sind sie tot.«

»Was für eine Schande«, murmelte Luzifer in dem wohl unaufrichtigsten Tonfall, den man sich nur vorstellen konnte. »Ich habe von Gabriels Plänen erfahren, bevor meine neueste und größte Enttäuschung auftauchte.«

»Wow«, meinte Roth leise.

»Bael hat sich schon eine ganze Weile zwielichtig verhalten«, sagte Luzifer, und ich hob die Brauen. Zwielichtig? »Also wurde ich neugierig und streckte die Fühler aus. Es dauerte nicht lange, bis ich erfuhr, was der weinerlichste meiner Brüder vorhatte. Ich wusste, ich musste etwas unternehmen, um ihn aufzuhalten.«

Verblüffung machte sich in mir breit. »Du wolltest Gabriel sowieso aufhalten?« Ich blickte zu Roth und Layla. »Noch bevor die beiden mit dir gesprochen haben?«

»Überrascht dich das?« Luzifer schaute ebenfalls zu ihnen. »Sie glaubt, ich wollte der Menschheit helfen, nicht wahr?«

»Sie kennt dich eben nicht so gut wie ich«, antwortete Roth.

»Wie niedlich.« Luzifer lachte und wandte sich wieder mir zu. »Begeh keinen Denkfehler. Ich schere mich einen Dreck um die Menschheit oder den Himmel, aber es gibt Regeln. Abmachungen. Solche, die sogar ich befolge. Was Gabriel vorhat, stört das Gleichgewicht, und das ist eines von zwei Dingen, die ich nicht zulassen kann.«

»Und das andere?«, fragte ich, obwohl mir klar war, dass ich es besser gelassen hätte.

»Bael beziehungsweise Gabriel hat ihn verdrängt«, erklärte Layla.

»Stimmt«, bestätigte Luzifer, und ich zog die Augenbrauen hoch. »Ich bin der größte Bösewicht, daran muss Gabriel anscheinend erinnert werden. Nicht vor ihm muss man sich fürchten und um Schutz beten. Sondern vor mir. Das ist mein Job. Und genau wie in Highlander, der größten Fernsehserie aller Zeiten, kann es nur einen geben.«

Ich blinzelte einmal und dann noch einmal. »Du kennst Highlander

Luzifer sah mich an, als wäre ich dumm, und Roth erklärte: »Ab und zu verirrt sich ein Tablet mit Film- oder Fernsehserien-Downloads in die Hölle. Auf einem davon war mal Highlander

»Hast du auch den Film gesehen?«, fragte ich.

»Es gibt auch einen Film?« Luzifer riss interessiert die Augen auf.

»Sogar einige. Sechs oder sieben, glaube ich«, antwortete ich.

»Ich finde nicht, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist, über Highlander zu reden«, sagte Zayne, und der Blick, den Luzifer ihm daraufhin zuwarf, hätte die meisten in die Flucht geschlagen. Doch Zayne zog einfach bloß eine Augenbraue hoch. »Warum hast du diese Dämonen auf Trinity gehetzt?«

»Das war nur logisch, du Dummkopf!«

Der Teufel hatte nicht gerade Dummkopf gesagt. Ich weigerte mich, das zu akzeptieren.

»Ich dachte mir, dass ich helfen und den Himmel vor seinen eigenen Geschöpfen und seiner Ignoranz bewahren würde, indem ich die Schlüsselkomponente entferne, die Gabriel braucht, um seinen ziemlich cleveren Plan zu vollenden.«

»Bedauerlicherweise bin ich diese Schlüsselkomponente«, stellte ich fest.

»Bedauerlicherweise für dich, versteht sich.« Erneut neigte Luzifer den Kopf zur Seite. »Dich aus der Gleichung zu entfernen schien die einfachste und schnellste Methode zu sein, das Problem zu lösen. Dem ist nicht zu widersprechen. Alle sollten mir dankbar sein.«

»Ich kann hundertprozentig widersprechen«, stieß Zayne hervor.

Luzifers Augen wurden schmal. »Da du nicht mehr im Spiel bist, ist das Problem gelöst. Ist nichts Persönliches.«

»Sorry, aber fühlt sich doch irgendwie persönlich an.« Ich hielt den Blick auf Luzifer gerichtet.

»Es war nicht so, dass ich dich töten lassen wollte«, sagte Luzifer. »Sie sollten dich nur zu mir bringen.«

»Was er nicht erwähnt, ist, dass du ohne dämonisches Blut in dir nicht lange in der Hölle überlebt hättest«, stellte Roth klar.

Ich verschränkte die Arme vor der Brust und starrte Luzifer an.

Der rollte mit den Augen. »Du schubst mich also vor den Bus und fällst mir in den Rücken, mein Sohn

»Moment mal. Das ist dein Vater?«, fragte ich. Hieß das etwa, dass ich auch mit Roth verwandt war?

»Nicht so, wie du denkst«, antwortete Roth. »Er hat mich erschaffen.«

»Bin ich deshalb nicht dein Vater? So wie Gott meiner ist?«, hinterfragte Luzifer. »Ich bin eher der zupackende Elternteil. Im Gegensatz zu Du-weißt-schon-wem.«

Roth schüttelte den Kopf. »Nicht wieder dieses Thema. Bitte.«

»Jetzt, wo du hier bist: Hat sich dein Vorhaben, Trinity aus der Gleichung zu entfernen, geändert?« Zayne brachte uns alle wieder in die richtige Spur. Mal wieder. Und, oh Mann, es war toll, ihn in der Nähe zu haben. »Denn das Letzte, worüber wir uns Gedanken machen sollten, sind Dämonen, die hinter ihr her sind.«

»Ich werde keine weiteren schicken.« Luzifer drehte sich zu mir um. »Es sei denn, wir scheitern irgendwie dabei, Gabriel aufzuhalten. Dann sind alle Wetten ungültig.«

Zayne öffnete den Mund, aber ich hob sofort die Hand. »Einverstanden.«

Zayne funkelte mich an. »Damit sind wir nicht einverstanden.«

»Doch, das habe ich gerade gesagt.« Ich schenkte ihm nur einen kurzen Blick. »Schau, wenn wir alle zusammen Gabriel nicht aufhalten können, dann gibt es keine andere Möglichkeit. So einfach ist das. Wir können ihm nicht erlauben, das Portal zu öffnen. Hoffen wir einfach, dass es nicht dazu kommt.«

Zaynes Kiefer verkrampfte sich auf eine Weise, die mir zeigte, dass das nicht einfach sein würde.

»Sie ist schlau. Ich mag sie«, kommentierte Luzifer, und ich widerstand dem Drang, einen Schritt zurückzutreten. »Egal, ich bin jetzt hier, um zu helfen, also ist mein Versuch, dich zu entführen, Schnee von gestern. Nicht schlimm. Nix passiert.«

»So weit würde ich nicht gehen«, murmelte ich vor mich hin. »Aber ja, egal.«

Luzifer zog die Mundwinkel nach oben, während er zurücktrat, um unsere Gruppe zu betrachten. »Keine Sorge, meine neugewonnenen Freunde. Ich werde euch den Tag retten. Ich werde sogar den Himmel retten«, sagte er. »Tja, das Problem ist das Problem, das wir schaffen werden, wenn wir Gabriel töten, aber das wird nicht meine Sorge sein.«

»Warte mal«, sagte ich. »Welches Problem?«

»Kümmer dich später darum«, wischte Luzifer meine Frage von der Hand. »Da ist etwas, das ich schnell erledigen muss.«

Und Luzifer verschwand.

In einem Moment war er da, im nächsten einfach weg. Langsam drehte ich mich im Kreis, doch keine Spur mehr von ihm. Mein Herz hämmerte.

»Bitte sag«, begann Zayne, »dass er sich einfach nur gern unsichtbar macht, um sich mit Leuten anzulegen, und nicht einfach so verschwunden ist.«

Roth seufzte und legte den Kopf in den Nacken. »Ich hatte schon befürchtet, dass das passieren würde.«

In Roths und Laylas Küche bereitete ich mich auf das Letzte vor, das ich eigentlich tun wollte. Und das sollte schon was heißen, denn momentan gab es eine ganze Menge Dinge, die ich nicht tun wollte.

Doch Nicolai anzurufen und ihm mitzuteilen, dass Luzifer verschwunden war, stand ganz oben auf der Liste von Keinen Bock drauf.

Ich schaute über die Schulter und entdeckte Zayne und Layla. Sie befanden sich in dem abgedunkelten Wintergarten neben der Küche und unterhielten sich. Blinzelnd versuchte ich, ihren Gesichtsausdruck zu erkennen, aber es war sinnlos. Wenigstens sah es nicht mehr so aus, als würde Layla weinen, und das war hoffentlich ein gutes Zeichen. Ich richtete nun den Blick auf die kräftige dunkle Gestalt, die sich um Zaynes Bein gewickelt hatte.

Bambi.

In der Sekunde, als wir die McMansion betreten hatten, hatte sich Bambi von Roths Arm gelöst und sofort an Zayne geklammert. Als ich den Wintergarten verlassen hatte, damit Zayne und Layla allein miteinander sprechen konnten, hatte die Vertraute ihren rautenförmigen Kopf auf Zaynes Knie gelegt und voller Bewunderung zu ihm aufgeschaut.

Ich war wohl nicht länger ihr Kuschelkumpel, schätzte ich.

Nur einen Moment später huschte ein kleiner rötlicher Fleck durch die Küche und in den Wintergarten. Ein Fuchs. Laylas Vertrauter, um genau zu sein. Sein Name war Robin, und er war ein hyperaktives kleines Ding, das die ganze Zeit von einer Ecke des Hauses zur anderen raste. Laut Roth war es ein … Baby-Vertrauter.

Ich wollte ihn doch nur streicheln. Nur einmal. Den pelzigen kleinen Kopf.

Seufzend blickte ich wieder auf das unscharfe Display meines Handys.

»Du schaffst das.« Roth beugte sich vor und lehnte sich auf die Arbeitsfläche. »Ich glaub an dich.«

»Ach, halt die Klappe.«

Seine goldenen Augen funkelten amüsiert, während er zu mir aufsah. »Wie unhöflich.«

»Wenn du gewusst hättest, dass Luzifer möglicherweise wieder verschwindet, hättest du das sofort sagen müssen«, schoss ich zurück.

»Nicht, dass das etwas ändern würde. Niemand wäre imstande gewesen, ihn aufzuhalten. Hör auf zu zögern, und warn sie vor.«

Ich schluckte einen ganzen Mund voller Flüche hinunter und rief Nicolai an. Er meldete sich nach dem dritten Klingeln.

»Trinity? Wollte dich eben anrufen.«

»Ach ja?« Ich zuckte zusammen und hoffte, es lag nicht daran, dass Luzifer bereits etwas getan hatte, um auf sich aufmerksam zu machen.

»Ja, ich habe gute Nachrichten. Wir schaffen es, die Steine aus dem Yellowstone zu holen.«

»Steine?«, fragte Roth leise.

»Echt?« Das waren tolle Neuigkeiten. »Dann bleiben also nur noch …?«

»Der Onyx und der Turmalin. Hoffentlich hören wir da auch bald etwas«, sagte er. »Also, was gibt’s bei dir?«

»Tjaaaa«, sagte ich und zog das Wort in die Länge. »Hast du einen Moment?«

»Ich telefoniere gerade mit dir, also ja.«

»Wollte nur sichergehen, dass du nicht beschäftigt bist«, sagte ich. Roth sah in meine Richtung, und ich wandte mich von ihm ab. »Also, ich werde einfach sagen, wie es ist.« Ich räusperte mich. »Roth und Layla waren erfolgreich – na ja, ich schätze, erfolgreich ist subjektiv und hängt davon ab, ob man mit der Idee, Luzifer dazuzuholen, einverstanden ist oder nicht.«

»Was das angeht, habe ich mich noch nicht entschieden«, antwortete er knapp.

Ich bezweifelte, dass ihn das, was ich ihm als Nächstes mitteilen würde, für die Sache einnehmen würde. »Also, Luzifer kam nach oben, und die gute Nachricht ist, er hat zugestimmt, uns zu helfen. Er war sogar ziemlich begeistert von der Idee.«

Es entstand eine Pause, und dann sagte Nicolai: »Okay?«

»Aber wir, äh …« Ich zuckte zusammen. »Wir haben Luzifer sozusagen verloren.«

»Was?«

»Nicht ausflippen …«

»Nicht ausflippen? Willst du mich verarschen? Ihr habt Luzifer verloren, und du sagst mir, ich soll nicht ausflippen?«, schrie Nicolai ins Handy. »Wie, um alles in der Welt, kann man Luzifer überhaupt verlieren?«

»Tja, das ist einfacher, als du denkst. Er hat diese echt nervige Dämonen-Sache gemacht und ist einfach so verschwunden.«

»Nur kein Neid«, sagte Roth.

Nicolai klang, als würde er versuchen, mehrmals tief durchzuatmen. »Willst du mir allen Ernstes erzählen, dass Luzifer – der Luzifer – da draußen herumstreift, weil ihr ihn verloren habt?«

»Ich würde nicht sagen, dass wir ihn verloren haben …«

»Du hast doch gerade gesagt, dass ihr ihn verloren habt!«

»Okay. Schlechte Wortwahl. Wir haben ihn nur verlegt, aber wir werden ihn wiederfinden.« Das hoffte ich zumindest. »Und dafür, dass er Luzifer ist, schien er ziemlich ruhig, also glaube ich nicht, dass er viel Ärger machen wird.«

»Glaubst du ernsthaft, dass Luzifer, der seit wie vielen Jahren nicht mehr auf der Erde gewandelt ist, keinen Ärger machen wird?«, fragte Nicolai. »Bist du high? Oder bin ich high?«

Ich zog die Mundwinkel hinunter. »Nein, ich bin nicht high, und hey, wenigstens rufe ich nicht an, um dir zu sagen, dass wir spontan die biblische Apokalypse heraufbeschworen haben.«

»Noch nicht«, stieß Nicolai knurrend hervor. »Noch hast du deshalb nicht angerufen.«

Da hatte er irgendwie recht. »Hör mal, wir werden ihn finden. Ich wollte euch nur vorwarnen, dass ihr, falls ihr zufällig auf einen hoffentlich vollständig bekleideten Luzifer trefft, ihn nicht angreift. Okay? Also, ich muss jetzt los und ihn finden.«

»Trinity …«

»Muss los. Hab viel zu tun«, beeilte ich mich zu sagen. »Pass auf dich auf!« Schnell beendete ich den Anruf und konnte danach kaum dem Drang widerstehen, das Smartphone quer durch den Raum zu schleudern. Stattdessen legte ich es mit dem Display nach unten auf die Arbeitsfläche, bevor Nicolai zurückrief, denn wenn ich nicht sehen konnte, dass er mich anrief, konnte ich so tun, als wäre es nicht er.

»Lief gut«, kommentierte Roth.

Ich wandte mich ihm zu. »Wie lange würde es dauern, bis wir erfahren, ob wir die Apokalypse ausgelöst haben?«

Er hob die Augenbrauen und fuhr sich durchs Haar. »Schwer zu sagen. Ich bezweifle, dass es ein genaues Zeitlimit gibt, aber wir werden es schon merken, wenn’s passiert.«

»Will ich überhaupt wissen, woran wir das merken?«

Roth zuckte mit den Achseln. »Du weißt, dass du das willst.«

Ich seufzte. Ja, das wollte ich.

»Wenn wir die große Endzeit eingeläutet haben, wirst du es merken, weil sie sich blicken lassen.«

Ein Schauder lief mir über den Rücken. »Und wer genau sind sie

»Die Reiter.« Roth lächelte angespannt. »Sie werden reiten. Daran merkst du’s.«

»Oh.« Fast wäre ich umgekippt. »Okay. Ich halte die Augen offen nach einem Typen auf einem weißen Pferd.«

»Tatsächlich solltest du die Augen offen halten für die Offenbarung der Sieben Siegel. Krieg reitet nicht auf dem weißen Pferd. Er kommt mit dem zweiten Siegel. Dann Hungersnot mit dem dritten. Das vierte Siegel ist der eigentliche Spaß«, erklärte er. »Da kommen Pest und Tod. Ein Zwei-für-eins-Superangebot. Da wird’s dann richtig lustig.«

Ich starrte Roth bloß an.

»Wir sprechen von Jüngsten Gerichten, dem Zeichen des Tiers, Drangsalen, Feuergruben und allgemeinem Chaos.«

Ich blinzelte langsam.

»Dann wird Gott sagen: ›Daddy ist zu Hause‹, und allen in den Arsch treten oder so.« Roth zuckte mit den Schultern. »So heißt’s jedenfalls.«

»Na, da fühle ich mich gleich viel besser. Danke dafür.«

»Gern geschehen.« Roth blickte über die Schulter zum Wintergarten. »Schön, dass wir geredet haben.«

»Geht mir auch so«, stimmte ich leise zu. »Als du vorhin aufgetaucht bist, dachte ich einen Moment, du würdest auf Zayne losgehen.«

»Ich wusste nicht, was aus ihm geworden ist. Er fühlte sich nicht richtig an.« Roth sah mich an. »Jetzt weiß ich Bescheid.«

»Und jetzt weiß ich, warum du immer diese abfälligen Bemerkungen über Wächter gemacht hast«, sagte ich.

Ein kurzes Grinsen erschien. »Ich habe noch nie einen Engel fallen sehen. Noch nie. Und die einzigen, die ich je kannte, waren die, die bereits ihre Flügel verloren hatten, und die hatten ganz sicher keine Gnade mehr.« Sein bernsteinfarbener Blick wirkte weise. »Wie war er, als er das erste Mal zurückkam?«

Ich atmete keuchend aus und schaute zum dunklen Wintergarten hinüber. »Nicht sonderlich toll.«

»Klingt nach einer guten Geschichte.«

»Ja. Vielleicht erzähle ich sie dir, wenn wir Luzifer gefunden haben«, antwortete ich. »Was glaubst du, was er da draußen macht?«

Roth bückte sich und hob etwas auf, das wie ein Hundespielzeug in Form eines Schokoriegels aussah. »So wie ich Luzifer kenne? Wahrscheinlich ist er auf der Suche nach der ältesten Kirche in der Nähe und jagt den Priestern in diesem Moment einen gehörigen Schrecken ein, während er gleichzeitig dafür sorgt, dass der da oben den Verstand verliert.«

Ich überlegte. »Tja, schätze, er könnte Schlimmeres anrichten, oder?«

»Stimmt.« Roth drückte auf die Mitte des Spielzeugs, und es quietschte.

»Wir müssen raus und ihn finden.« Ich fuhr mir mit der Hand übers Gesicht. »Vor allem, bevor er beschließt, kreativer mit seiner Zeit umzugehen.«

Ohne jede Vorwarnung schoss Laylas Fuchs über die Arbeitsfläche und schnappte Roth das Spielzeug aus den Händen. Robin sprang auf den Boden und raste los, das quietschende Spielzeug im Maul, in Richtung Wohnzimmer.

»Ich möchte ihn wirklich mal streicheln«, sagte ich.

»Das würde ich nicht empfehlen. Er ist ein bisschen bissig. Was hast du …?«

Da ich konzentriert zu Roth schaute, sah ich Layla nicht kommen, bis sie in mich hineinrannte. Jetzt quietschte ich und hörte mich an wie Robins Spielzeug, als sie die Arme um mich schlang.

»Danke«, sagte sie. »Ich danke dir.«

»Wofür?« Mit weit aufgerissenen Augen schaute ich mich um und begegnete Zaynes Blick.

Er lächelte.

»Du weißt schon, wofür.« Sie drückte mich noch fester.

»Ich nicht«, bemerkte Roth.

»Trinity hat Zayne zurückgeholt, nachdem er gefallen war. Sie setzte das Schwert des Michael gegen ihn ein und brachte ihn zurück«, sagte Layla, löste sich von mir, umklammerte jedoch meine Arme. »Es tut mir leid, dass ich zuerst so abweisend war. Ich war eine Bitch, aber Zayne ist wichtig für mich. War er schon immer, auch als er nichts mit mir zu tun haben wollte, und ich kannte dich ja nicht und …«

»Schon okay. Ich war ja auch nicht besonders freundlich«, gab ich zu.

»Und du musst dich echt nicht bedanken. Mit der ganzen Göttlichen-Herrlichkeit-zurückholen- und der Gefallenen-Nummer hatte er die ganze Arbeit erledigt.«

»Was du getan hast, war nicht einfach, das weiß ich.« Layla schüttelte mich. »Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, was ich in der Situation gemacht hätte. Du hattest doch bestimmt schreckliche Angst, und die Tatsache, dass du es trotzdem getan hast, sagt viel über dich aus.« Ihr hübsches Gesicht verzog sich wieder, und in der nächsten Sekunde hatte sie erneut die Arme um mich gelegt. »Ich danke dir.«

Zayne machte einen Schritt vorwärts und fing Roths Blick auf. Der Dämonen-Prinz grinste, als er um die Arbeitsfläche kam. »Komm schon, Shortie.« Er legte die Hände auf Laylas Schultern und zerrte sie zurück. »Ich denke, sie weiß, wie dankbar du bist, ohne dass du ihr die Innereien zerquetschen musst.«

Zayne trat an meine Seite, legte den Arm um meine Schulter, beugte sich vor und küsste meine Wange. »Bei Umarmungen siehst du immer so glücklich aus«, murmelte er.

»Halt die Klappe.«

Er gluckste und küsste meine Schläfe. »Hat sich angehört, als hättest du Nic angerufen. Wie hat er die Neuigkeit aufgenommen?«

»Oh, erstaunlich gut. Sehr ausgeglichene Reaktion …«

Da klopfte es plötzlich an der Haustür. Ich schaute zu Roth. »Haben wir Glück, und das ist Luzifer?«

Roth schüttelte den Kopf. »Das bezweifle ich.«

»Ich geh schon!« Caymans Stimme drang von irgendwoher aus dem Haus.

»Er war die ganze Zeit hier?«, fragte ich.

»Oben, er hat in der Wanne gelegen«, sagte Layla und lehnte sich an Roth. »Es ist Dienstag. Zeit für mich findet immer am Dienstagabend statt.«

Ich schüttelte den Kopf. »Man sollte doch meinen, er macht mal eine Ausnahme.«

Cayman erschien in der Tür, eine grünlich-blaue Tonerde-Maske im Gesicht. »Da ist jemand für euch – für euch alle«, sagte er. »Nicht für mich, denn ich habe nichts damit zu tun, dass ihr offenbar Luzifer verloren habt. Achtung, der Typ macht keinen sehr glücklichen Eindruck.«

Ich erstarrte. Wer wusste denn überhaupt, dass wir alle hier waren und dass wir Luzifer verloren hatten? Nicolai konnte es nicht sein. Ich bezweifelte, dass er wusste, wo Roth wohnte.

Ich spürte, wie sich Zayne neben mir anspannte, während gleichzeitig ein seltsames Prickeln über meine Haut fuhr.

Ein Mann betrat die Küche – ein Mann, fast so groß wie Luzifer. Dunkelhaarig und mit Bart, hatte er einen eisigen Blick, der mir einen kalten Schauer über den Rücken jagte. Genauso wie die Tatsache, dass seine Gesichtszüge für mich deutlich zu erkennen waren – wie bei Zayne und Luzifer. Er war kein Dämon, strahlte jedoch Macht aus – die endgültige Art von Macht –, und meine Gnade meldete sich sofort.

Roth trat vor. »Welchem Umstand verdanken wir die unerwartete und fragwürdige Ehre deiner Anwesenheit, Sensenmann?«

Sensenmann.

Sensenmann.

Mir fielen fast die Augen aus dem Kopf, als ich merkte, dass ich den Sensenmann anstarrte.

Den Todesengel.