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Wenn mir vor einem Jahr jemand gesagt hätte, dass ich an ein und demselben Tag sowohl Luzifer als auch den Todesengel kennenlernen würde, hätte ich laut aufgelacht.

Aber hier war ich und starrte auf den Sensenmann, auch bekannt als Azreal.

Und ich habe nicht gelacht. Nicht im Geringsten. Denn dieser Engel gehorchte weder Himmel noch Hölle. Oder vielleicht gehörte er auch zu beiden. Keine Ahnung, aber mit einem Fingerschnippen konnte er unser aller Leben beenden, und gemeint war der finale Tod, der die Zerstörung der Seele nach sich zog.

»Wie süß«, entgegnete der Sensenmann. »Meinst du vielleicht, ich möchte hier sein?«

»Ich tippe mal auf ein Nein.« Träge verschränkte Roth die Arme vor der Brust.

Ich runzelte die Stirn. Ging es nur mir so, oder hatte der Sensenmann einen … britischen Akzent?

Der Kopf des Todesengels neigte sich in Laylas Richtung. »Schön, dich wiederzusehen.«

Layla winkte unbeholfen, eine Geste, die ich mit jeder Faser nachvollziehen konnte.

»Was, auf Gottes grüner Erde, habt ihr getan?«, fragte er, während ich Cayman aus dem Raum schleichen sah. »Ihr habt Luzifer an die Oberfläche gebracht?«

»Du musst wissen, warum«, erklärte Roth. »Außerdem, willst du nicht wissen, wo er ist?«

Ich hielt es echt nicht für klug, Luzifers Abwesenheit zu erwähnen, aber was wusste ich schon?

Hinter dem gestutzten Bart bewegten sich die Lippen des Sensenmanns. »Ich weiß, dass er nicht hier ist, was ihr von dem Moment an, als er nach oben gekommen war, hättet bedenken sollen.«

»Wir werden ihn schon finden«, antwortete Roth.

»Verdammt richtig, das werdet ihr«, feuerte der Sensenmann zurück. »Denn jeder, der etwas auf sich hält, weiß mittlerweile, dass Luzifer auf dem Spielfeld ist. Und hast du eine Ahnung, was das bedeutet?«

»Das Ende der Welt. Witzigerweise sprachen wir gerade erst davon – und sind zu dem Schluss gekommen, dass Gott hoffentlich merkt, was wir vorhaben, und nicht für alle das Ende einläutet«, erklärte Roth. »Und übrigens, Luzifer zu finden war das, was wir eben tun wollten, bevor du uns unterbrochen hast.« Roth grinste, und das sogar noch, als der Sensenmann die Augen zusammenkniff. »Wollte ich bloß gesagt haben, aber da du ja nun hier bist, kannst du uns sicher verraten, wo er ist.«

»Ich weiß genau, wo diese Primadonna ist, und du weißt auch, dass ich nichts sagen darf.«

»Warum nicht?«, platzte ich heraus, und plötzlich war dieser kalte, kalt glitzernde Blick auf Zayne und mich gerichtet. Huch! Ich widerstand dem Drang, einen Schritt zurückzutreten. »Ich meine, das wäre wirklich hilfreich, äh, Mr. Sensenmann … äh, Mr. Azreal.«

»Mr. Sensenmann?«, flüsterte Zayne.

»Du kannst mich einfach Sensenmann nennen«, erklärte er. »Und um deine Frage zu beantworten: Als Luzifer diese Gefilde hier erreichte, geriet die gute alte Apokalypse in den Bereich des Möglichen. Das heißt, ich darf mich nicht einmischen, auch wenn seine Anwesenheit hier nichts mit dem zu tun hat, was passieren wird.«

Das … klang genauso bescheuert wie jede andere Engelsregel, also nicht völlig schockierend. Dennoch kam mir noch etwas anderes in den Sinn. »Gilt die Regel, keine Waffen gegen einen anderen Engel zu erheben, auch für dich?«

»Ja.« Er starrte Zayne an, und ich verkrampfte mich innerlich. »Du bist mir durch die Lappen gegangen, stimmt’s?«

»Richtig.« Zayne klang nicht im Entferntesten besorgt, dass der Todesengel versuchen könnte, ihm seine Gnade und seine Flügel zu nehmen.

»Und du wirst nicht der Einzige sein, wie es scheint«, erwiderte der Sensenmann, und ich hatte keinen Schimmer, was er damit meinte. »Unnatürliche Dinge entstehen aus unnatürlichen Abmachungen.« Nun wandte er sich an Layla. »Sie hier kann euch alles darüber verraten.«

Laylas Gesichtsausdruck war nicht exakt zu erkennen, aber sie schien über seine Aussage ein wenig beleidigt.

Dann war sein eisiger Blick wieder auf mich gerichtet. »Nur damit du’s weißt, ich hätte ihn nicht zurückgebracht, wenn du mich herbeigerufen hättest.«

Erneut prickelte meine Haut. »Du wusstest, dass ich das vorhatte?«

»Selbstverständlich.« Der Sensenmann lächelte angespannt. »Ich weiß immer alles. Ich bin wie der Weihnachtsmann, nur eben mit mehr Tod.«

»Wow«, murmelte ich. »Der Vergleich hat mir Weihnachten für alle Zeiten versaut.«

»Kein Leben ist es wert, zurückgeholt zu werden«, sagte er. »Nicht einmal seins.«

Sein Kommentar verärgerte mich. »Ich will ja nicht unhöflich sein, aber warum bist du eigentlich hier? Nur um uns zu belehren?«

Stille erfüllte die Küche, Zayne rückte näher zu mir.

Der Sensenmann grinste schief. »Ziemlich genau, ja.« Er hielt inne. »Und ich glaube, du warst absichtlich unhöflich.«

Ich verschränkte die Arme vor der Brust. »Richtig. Ist aber nichts Persönliches«, sagte ich und benutzte Luzifers Formulierung. »Es ist nur so, dass ich es ein bisschen satthabe, dass Engel nichts weiter tun, als zu reden und sich zu beschweren, während alle anderen die Drecksarbeit erledigen müssen.«

»He«, sagte Zayne. »Ich mache mehr als nur reden.«

»Du bist ein Gefallener. Du zählst in meiner pauschalen und meist zutreffenden Verallgemeinerung nicht«, erklärte ich. »Und übrigens, warum klingt es, als hättest du einen britischen Akzent?«

Der Sensenmann beäugte mich. »Warum fragst du?«

»Bin nur neugierig.«

»Du solltest fragen, was du unmöglich verstehen kannst.«

Ich rollte mit den Augen. »Das ergibt keinen Sinn.«

»Immerhin klinge ich nicht wie ein Amerikaner. Y’all comin’ down to the crick to catch some catfish for a fish-and-fry«, machte er sich lustig. »So klingt ihr nämlich.«

»Tun wir nicht.«

»Doch, irgendwie schon«, sagte Roth.

»Was?«, fragte Layla. »Sogar ich?«

Roth zuckte mit den Schultern. »Ja, aber nicht so schlimm wie Trinity. Daran ist sicher West Virginia schuld.«

Ich kniff die Augen zusammen. »Jetzt bin ich beleidigt.«

»Dein Akzent ist niedlich«, versicherte mir Zayne.

»Ich wusste gar nicht, dass ich einen Akzent habe«, hielt ich dagegen.

»Und mir war nicht klar, dass ich hier bin, um über Akzente zu reden«, erwiderte der Sensenmann.

»Mir war auch nicht klar, dass es überhaupt einen Grund dafür gibt«, murmelte ich.

Der Sensenmann hob eine dunkle Augenbraue. »Weißt du, an wen du mich erinnerst?«

»Wahrscheinlich an jemanden, den du umgebracht hast, weil er dich genervt hat?«, vermutete ich gähnend.

Er grinste. »Du erinnerst mich an deinen Vater.«

Ich schürzte die Lippen. »Ich glaube, ich hätte dich lieber an jemanden erinnert, den du ermordet hast.«

»Ihr habt beide ein loses Mundwerk und wenig Taktgefühl«, fuhr er fort. »Du und dein Vater habt Glück, dass ich das amüsant finde.«

Ich öffnete den Mund, aber Zayne legte schnell den Arm um meine Schultern und sagte: »Gab es noch einen weiteren Grund?«

»Ja. Ich bin hier, um euch klarzumachen, wie wichtig es ist, Luzifer so schnell wie möglich zu finden.«

»Das ist der Plan«, antwortete Zayne und drückte meine Schultern, bevor ich etwas … na ja, mit mangelndem Taktgefühl sagen konnte.

»Er wird keine bedeutenden Regeln brechen«, mischte sich Roth ein. »Er wird nicht preisgeben, wer er ist, um sich nicht mit Leuten anzulegen.«

»Wenn du das glaubst, habe ich deine Intelligenz überschätzt«, schnauzte der Sensenmann.

Roth hob die Augenbrauen. »Autsch.«

»Luzifer ist höchstwahrscheinlich im Moment da draußen und versucht, einen echten, lebendigen Sohn zu erschaffen, der ihn nicht enttäuschen wird.«

Mir fiel die Kinnlade herunter.

»Du machst Witze, oder?«, fragte Layla. »Bitte sag, dass er nicht da draußen ist und versucht …«

»Den Antichristen zu zeugen?«, vollendete der Sensenmann den Satz für sie. »Doch, das ist genau, was ich meine, und er ist wahrscheinlich schon auf dem besten Weg dazu.«

»Und inwiefern ist das Zeugen des Antichristen kein Regelbruch?«, wollte Zayne wissen.

»Weil es Teil des großen Plans ist.« Der Sensenmann hielt inne, weil Robin ins Zimmer trabte, den quietschenden Schokoriegel im Maul. »Ein Plan, der eigentlich nicht so bald in die Tat umgesetzt werden sollte, aber andererseits war auch nicht zu erwarten, dass Luzifer so bald frei unter den Sterblichen herumstreifen würde. Doch da sind wir nun.«

»Wir haben ja erst über die Siegel gesprochen.« Roth sah mich an. »Einige Theorien besagen, dass der Antichrist das erste Siegel ist.«

»Juhu.« Ich ließ den Kopf in den Nacken fallen. Gab es nicht schon genug verrückte Dinge?

»Moment mal. Korrigier mich, falls ich falschliege, aber damit Luzifer das schlimmste nur mögliche Kind zeugen kann, darf er auf keine Weise manipulieren, richtig?«, sagte Layla, und der Sensenmann nickte. »Wie kann er da dann auf dem besten Weg sein, das zu erreichen?«

Der Sensenmann verzog den Mund. »Ich werde dir jetzt nicht erklären, wie das möglich ist.«

»Was?« Layla warf die Hände in die Luft. »Ich finde, das ist eine berechtigte Frage.«

Cayman steckte den Kopf ins Zimmer, die Gesichtsmaske war inzwischen abgewaschen. »Du hast doch unseren dunkelsten der dunklen Herrscher gesehen, Layla. Er ist ein gutaussehender Mann. Und er kann charmant sein … wenn er will. Alles, was er tun muss, ist, sich mit jemandem einzulassen. Er muss ja nicht sagen: Hi, ich bin Luzifer, und ich werde dich mit dem Antichristen schwängern. Gratuliere! Es ist ein Junge

»Das klingt unglaublich problematisch«, bemerkte Zayne, als Cayman wieder im Wohnzimmer verschwand.

»Er ist Luzifer.« Der Sensenmann beugte sich herunter und kraulte Robins Kopf, ohne gebissen zu werden. »Problematisch ist sein zweiter Vorname.«

»Mein Gott.« Ich fuhr mir mit der Hand übers Gesicht. »Ich möchte wirklich nicht noch mehr über Fortpflanzung nachdenken, als ich es ohnehin schon muss.«

»Was soll das denn heißen?«, fragte Roth stirnrunzelnd.

»Fortpflanzung im Allgemeinen«, kam Zayne mir zu Hilfe und lenkte das Gespräch schnell wieder auf Luzifer. »Gibt es irgendeine Möglichkeit, uns einen guten Ausgangspunkt zu nennen, wo wir Luzifer suchen könnten? Eigentlich verrätst du ja nicht zu viel, wenn du bloß eine Vermutung äußerst.«

»Da hat er recht.« Roth stieß sich von der Arbeitsfläche ab.

Der Sensenmann schnaubte, während Robin mit großen gelben Augen auf mich zutrottete. Das Spielzeug quietschte in seinem Maul. »Ich kann nur sagen, wenn ich Luzifer wäre und auf einen One-Night-Stand aus wäre, der sich in ein Leben in der Hölle verwandelt, würde ich dorthin gehen, wo die Menschen eher dazu neigen, schlechte Lebensentscheidungen zu treffen.«

»Bars«, antworteten Zayne und Roth gleichzeitig.

»Wir werden uns aufteilen müssen.« Layla seufzte, als sie an ihrem Kleid hinunterblickte. »Ich muss mich umziehen.«

»Ich auch. Ich stinke wie die Hölle«, sagte Roth, als ich gerade nach Robin greifen wollte. »Wenn dir deine Finger lieb sind, würde ich das nicht tun, Trinity.«

Ich erstarrte. »Aber der Sensenmann hat ihn auch gestreichelt.«

Robins Zähne steckten in dem Spielzeug, und es quietschte.

»Weil ich der Sensenmann bin«, entgegnete der Todesengel, als Roth Layla aus der Küche folgte.

Robin spuckte das Spielzeug aus, setzte sich und wedelte mit dem buschigen Schwanz. »Du beißt mich, wenn ich dich streichle, aber du möchtest, dass ich dein Spielzeug werfe?«

Er kläffte kurz.

»Das scheint mir unfair.« Ich schnappte mir das Spielzeug und warf es in Richtung Wohnzimmer. Als der Fuchs losraste, grinste ich. »Er sieht so weich aus. Ich möchte ihn einfach nur streicheln. Nur einmal.«

»Er ist sehr weich.« Der Sensenmann zog alle Aufmerksamkeit auf sich, weil er sich Zayne und mir weiter genähert hatte. »Du solltest netter zu mir sein.«

»Vermutlich«, gab ich zu. »Aber hinter mir liegen ein paar harte Tage, und mir sind die Nett-sein-zu-Gruseltypen-Karten ausgegangen, als Luzifer auftauchte und den Mund aufgemacht hat.«

»Diese Wirkung hat er oft auf Menschen.« Der Sensenmann lächelte schwach. »Aber ich kann euch eine Frage beantworten, die ihr beide gern geklärt hättet.«

Ich erstarrte, während sich mein Herz überschlug.

»Ich weiß nicht, ob es mich beunruhigen sollte, dass du weißt, inwieweit wir Antworten auf bestimmte Fragen benötigen«, sagte Zayne, und ich war ganz seiner Meinung.

»Ich bin der Tod. Wie ich schon sagte, ich kriege alles mit, und es gibt nur sehr wenig, das ich nicht weiß.«

Ich hob die Hand. »Bitte keine Anspielungen auf den Weihnachtsmann mehr. Ich glaube nicht, dass ich an einem Abend mehr als eine davon ertragen kann.«

Das schwache Lächeln verwandelte sich in ein schiefes Grinsen. »Ich werde euch beiden einen echten Gefallen tun und etwas für euch aufklären, und ich tue das nur, weil ihr euch beide auf das Chaos konzentrieren müsst, das ihr angerichtet habt …«

»Ich möchte zu Protokoll geben, dass ich an der Diskussion, Luzifer nach oben zu holen, nicht beteiligt war«, stellte Zayne klar.

Ich warf ihm einen finsteren Blick zu, und er zog einen Mundwinkel nach oben.

»Denn ihr beide müsst euch auf die Aufgabe konzentrieren, die vor euch liegt«, fuhr der Sensenmann fort und ignorierte unsere Kommentare. »Es gibt einen Grund, warum es keine Aufzeichnungen über die Fortpflanzung von Trueborns gibt.«

Mir stockte der Atem, und Zayne nahm meine Hand, aber meine Finger fühlten sich seltsam taub an. Ich war zu überrumpelt, um mich darüber aufzuregen, dass der Sensenmann überhaupt etwas davon mitbekommen hatte.

»Ihr wisst, warum es Beschützern und Trueborns verboten ist, sich ineinander zu verlieben. Das beeinträchtigt ihre Pflichterfüllung, die Menschheit zu schützen, schwächt sie geistig und körperlich. Zumindest sagt man das so. Ich bin der Meinung, dass es nur wenige Dinge gibt, die stärker sind als die Liebe. Bloß ohnehin Schwache werden durch sie noch mehr geschwächt. Aber die Alphas vertraten eine andere Einstellung. Sie haben diese Regel aufgestellt. Und die gleiche Gesinnung herrschte hinsichtlich der Nachkommenschaft. Die meisten Trueborns wurden sterilisiert, sobald sie das Erwachsenenalter erreichten. Das Alter dazu variierte allerdings stark, während Trueborns nach wie vor an der Seite von Wächtern kämpften«, erklärte er. »So herrschte sowohl bei den Trueborns als auch bei den Wächtern die tief verwurzelte Vorstellung, dass eine Schwangerschaft einem Tabu, fast schon einem Sakrileg gleichkäme. Doch dann verliebte sich eine Trueborn, die noch nicht sterilisiert war, in ihren Beschützer, und aus der verbotenen Verbindung ging ein Kind hervor, was nicht gut ankam.«

»Das hat das Ende von Trueborns und Beschützern herbeigeführt.« Zaynes Hand schloss sich fester um meine. »Nicht wahr?«

Der Sensenmann nickte. »Die Wächter verlangten, dass die Schwangerschaft beendet wurde, bevor die Alphas davon erfahren konnten. Einige Trueborns stimmten zu, aber es gab auch andere, die das ablehnten. Solche, die sich hinter das junge Paar stellten und forderten, dass ihr Kind leben durfte. Der Beschützer war sowieso schon körperlich geschwächt durch ihre Liebe. Die göttliche Strafe war verhängt.«

»Aber das reichte noch nicht«, flüsterte ich und räusperte mich. »Den beiden ist etwas zugestoßen – ihrem Kind, stimmt’s?«

Der knallharte Blick des Sensenmanns begegnete meinem. »Ihrem Kind wurde nie die Chance gegeben, seinen ersten Atemzug zu tun. Beide, der Beschützer und die Trueborn, wurden im Schlaf von jenen abgeschlachtet, die glaubten, sie würden Gottes Willen erfüllen.«

Entsetzt presste ich mir die Hand aufs Herz.

»Das erzürnte diejenigen, die das Paar unterstützt hatten – es erzürnte sogar viele Gegner. Die Trueborns und ihre Beschützer lehnten sich nicht nur gegen die Wächter auf, sondern auch gegen die Alphas, die schließlich eingriffen. Es folgte ein Blutbad, das später aus den Geschichtsbüchern gelöscht wurde.« Der Sensenmann senkte das Kinn. »Wie das meiste derer, die sich nicht zu ihren dunklen Taten bekennen wollten. Das ist der Grund, warum Trueborns ausgestorben sind. Und deshalb gibt es keine Aufzeichnungen über ihre Fortpflanzung.«

Mein Herz pumpte schneller, als ich zu dem Todesengel aufblickte.

»Wie bei jedem Wesen, das das himmlische Feuer im Blut hat, ist die Fortpflanzung extrem schwierig, schwer zu bestimmen und unvorhersehbar«, fuhr er fort, während ich das Gefühl bekam, vor Angst zur Salzsäule zu erstarren. »Manche mögen es unfair oder seltsam finden, wie leicht sich zwei Sterbliche fortpflanzen können, aber eigentlich ist es gar nicht so einfach. Sondern eine Frage des Timings und Glücks – gut oder schlecht, je nachdem, aus welcher Perspektive man es betrachtet –, aber für das Kind wäre es ehrlich gesagt schockierend, aus einem einzigen hitzigen Moment ungeplanter Leidenschaft zwischen einer Trueborn und einem Gefallenen entstanden zu sein.«

Im Geiste wiederholte ich diese Worte und war dennoch nicht sicher, ob er damit meinte, dass ich schwanger war oder nicht.

Anscheinend war sich Zayne genauso unsicher. »Also ist sie nicht schwanger?«

»Ihr zwei müsst euch schon sehr viel mehr Mühe geben, wenn ihr das erreichen wollt«, antwortete der Sensenmann und schaute mich erneut an. »Richtig, du bist nicht schwanger.«

»Was?«, rief Roth vom Türrahmen her und jagte mir einen riesigen Schreck ein. Mein Blick schoss zu ihm, und ich sah sowohl ihn als auch Layla in der Tür stehen.

Beiden schien die Kinnlade heruntergefallen zu sein.

Zayne verlagerte das Gewicht so, dass er mir teilweise die Sicht versperrte. »Können wir nicht mal einen Moment allein sein?«

Ich sah, wie sich das, was ich für Roths Arm hielt, hob, als er sagte: »Weißt du, eigentlich möchte ich von diesem Gespräch auch gar nichts wissen.«

»Aber warum ist das überhaupt ein Thema?«, meinte Layla.

»Komm mit, Shortie, und ich erkläre dir, was passieren kann, wenn zwei Menschen Sex haben – besser noch, ich zeig’s dir.«

»Ich weiß, was dann passiert«, schnauzte Layla ihn an, und was immer sie sonst noch sagte, ging verloren, als Roth sie aus dem Raum zerrte.

Ich wartete, bis sie weg waren. »Woher willst du überhaupt wissen, dass ich nicht schwanger bin? Kannst du etwa in meine Gebärmutter sehen?«

Zayne sah mich an. »Ich kann nicht glauben, dass diese Frage gerade aus deinem Mund gekommen ist.«

»Ich kann nicht glauben, dass diese Frage aus meinem Mund gekommen ist, aber so ist es nun mal.«

»Das gehört zu den beunruhigendsten Dingen, die ich je gehört habe, und ich habe schon viel gehört«, murmelte der Sensenmann hinter seinem Bart. »Leben und Tod sind zwei Seiten der gleichen Medaille. Ich spüre, wann das jüngste Leben Wurzeln geschlagen hat, und weiß, wann der Prozess des Todes begonnen hat, lange bevor der Körper zu verrotten beginnt.«

»Ich wette, du bist ein gern gesehener Gast auf Dinnerpartys«, flüsterte ich, während ich langsam ausatmete.

Ich war nicht schwanger.

Danke, ihr Baby-Gargoyles allüberall.

Erleichterung durchströmte mich, sodass mir etwas schwindelig wurde und ein schlechtes Gewissen zurückblieb. Warum war ich nur so erleichtert, kein Kind zu erwarten?

Ich überlegte, dass ich den Todesengel angeschnauzt hatte.

Ja, ich sollte wirklich sehr erleichtert sein.

Aber da war auch dieses klitzekleine, saatkorngroße Gefühl der Enttäuschung. Obwohl ich ernsthafte Zweifel an meinen elterlichen Fähigkeiten hegte, wäre Zayne sicher ein toller Vater. Und es wäre irgendwie fantastisch gewesen, das mitzuerleben.

Dennoch eine Sorge weniger – weniger Stress und die ständige Angst, jemanden beschützen zu müssen.

»Ihr beide könnt Kinder haben«, sagte der Sensenmann und zog meine Aufmerksamkeit wieder auf sich. »Vielleicht eines Tages, wenn es das ist, was ihr wollt. Es wird schwer, aber es ist nicht unmöglich. Wie euer Kind sein wird, nun, das wird interessant. Eine möglicherweise ganz neue Linie von Engelsblut. Das ist Evolution. Großartig, oder?«

In diesem Moment zerbrach ich mir über eine ganze Menge den Kopf. »Wäre unser Kind nicht einfach ein … Trueborn, weil wir beide viel Gnade in uns haben? Oder würde es uns ergehen wie denen mit verwässerter Gnade

»Dein Kind wäre eigentlich gewesen wie du«, antwortete er. »Aber das galt für vorher.«

»Vor was?«, wollte Zayne wissen.

Das Lächeln des Sensenmanns wurde breiter. »Findet Luzifer. Kümmert euch um Gabriel, und dann macht ihr euch Gedanken um das Thema. In der Zwischenzeit würde ich für Verhütung sorgen.« Langsam ließ er seinen steinalten Blick von Zayne zu mir wandern. »Wir werden uns wiedersehen.«

Und mit den vielleicht nervtötendsten Worten, die der Todesengel überhaupt nur hätte sagen können, verschwand er aus der Küche.

»Er ist …« Bedächtig schüttelte ich den Kopf. »Er ist weg.«

»Ja.« Zayne drehte sich zu mir um.

Noch immer verwirrt, sah ich zu ihm auf. »Der echte Todesengel ist einfach reingekommen, um uns anzuschreien und mir zu sagen, dass ich nicht schwanger bin. Unser Leben ist sehr merkwürdig.«

Ein Lächeln umspielte seine Lippen, als er die Hände auf meine Oberarme legte. »Definitiv merkwürdig. Wie geht’s dir mit dem, was er gesagt hat?«

»Ich …« In meinem Kopf wirbelten unzählige Gedanken durcheinander, aber die Spannung in meiner Brust ließ nach. »Ich … bin erleichtert. Macht mich das zu einem schlechten Menschen?«

»Nein. Ich bin auch erleichtert.« Er schlang die Arme um meine Schultern und trat näher. »Versteh mich nicht falsch. Wenn du schwanger wärst, wäre alles in Ordnung. Wir hätten das alles hingekriegt, aber momentan …«

»Momentan ist kein guter Zeitpunkt für so was.« Ich stützte das Kinn gegen seine Brust. »Wenigstens wissen wir jetzt, dass es möglich ist.«

»Und er hat uns den guten Ratschlag mit der Verhütung gegeben.« Zayne grinste.

»Ein Rat, den ich nicht vom Todesengel hätte hören müssen«, entgegnete ich. »Genau wie seine Abschiedsworte, aber ich schätze, wir alle – oder zumindest die meisten von uns – werden ihn eines Tages wiedersehen.«

»Das wird nicht geschehen.«

Lächelnd legte ich die Wange an seine Brust. Das klang so, als könnte er auf irgendeine Weise verhindern, dass mich der Tod holte. Doch das konnte er nicht. Auf die eine oder andere Art würde ich dem Tod begegnen. Hoffentlich dauerte das noch lange.

»Aber gut zu wissen, dass es möglich ist, oder?« Er strich durch mein Haar. »Wenn wir uns irgendwann entscheiden, es zu wollen.«

»Was? Ein Kind verziehen?«

Er lachte. »Ja, genau das.«

Ich lächelte. Zwar fühlte ich mich immer noch ein wenig schuldig, weil ich so verdammt erleichtert war, aber ich war eben so was von nicht bereit. Nicht bei all dem, was momentan los war. Vielleicht niemals, aber zumindest wäre das eine Entscheidung, die wir treffen könnten.

»Was glaubst du, hat er mit vorher gemeint?«, fragte Zayne. »Was unser Kind hätte sein können?«

»Oh Gott, da kann man nur raten. Darüber müssen wir später nachdenken.« Ich wollte mich von ihm lösen.

Doch er hielt mich fest und senkte das Kinn, sodass seine Lippen meine Wange berührten, als er sagte: »Was dem Beschützer und der Trueborn zugestoßen ist? Das gilt nicht für uns. Wird es niemals.«

»Ja.« Ich stellte mich auf die Zehenspitzen, und er neigte den Kopf. Dann küsste ich ihn. »Wer auch immer so dumm wäre, das zu versuchen, würde nicht mehr aus unserem Schlafzimmer kommen.«

»Stimmt.« Der Kuss, den er mir dann gab, war intensiv, und als er zu Ende ging, wünschte ich, wir hätten mehr Zeit. »Wir müssen los und Luzifer finden.«

»Ja, richtig.« Ich löste mich aus seiner Umarmung. »Immerhin müssen wir nicht mehr in die Apotheke.«

»Aber wir müssen dir noch eine neue Sonnenbrille besorgen«, erinnerte er mich, als wir die Küche verließen.

Da es im Wohnzimmer dunkel war, ging Zayne einen Schritt vor mir und führte mich um die Möbel herum. Gott, das hatte ich so vermisst. Ich streckte die Hand aus und klammerte mich an den Saum seines Shirts.

Roth wartete in der Diele auf uns, allein. »Wo ist Layla?«, fragte Zayne.

»Auf der Jagd nach Robin. Er denkt, es ist Spielzeit, also ist er nach oben gerannt.«

Ich trat um Zayne herum. »Wo ist denn dein Trick-Strick?«

»Trick-Strick?« Roth gluckste. »Meine Gefahrennudel hängt an meinem Arm. Sie ist nicht so ungezogen wie Robin. Layla wird ein Weilchen brauchen, um Robin zu fangen, also dachte ich mir, ihr könnt schon mal losfahren. Wenn ihr zum Dupont Circle wollt, checken wir die H Street.«

»Hört sich gut an«, sagte Zayne, und wir begaben uns zur Haustür.

Ich war überzeugt, es würde eine lange Nacht, als wir in die schwüle Juliluft traten.

»Übrigens«, sagte Roth in der Haustür stehend.

Zayne drehte sich zu ihm um. »Ich hoffe echt, du sprichst jetzt nicht an, was du eben vom Sensenmann mitbekommen hast.«

»Nope. Zu wissen, dass ihr beide nicht Eltern werdet, geht mich nichts an«, sagte Roth, und ich runzelte die Stirn. »Es gibt da bloß etwas, das ich noch sagen muss.«

»Kann’s kaum erwarten«, antwortete Zayne.

»Ich weiß, dass du mir jetzt ordentlich den Arsch versohlen kannst.« Roth lehnte sich gegen den Türrahmen. »Du bist ein Gefallener mit Gnade. Und ich bin Dämon genug, um zu erkennen, wann ich unterlegen bin, aber wenn du dich mit Luzifer anlegst, wirst du verlieren.«

»Und obwohl du weißt, dass du gegen mich nicht gewinnen kannst, würde es dich nicht davon abhalten, auf mich loszugehen, wenn du Layla bedroht sähest?«, wollte Zayne wissen.

»Nicht eine verdammte Sekunde.«

»Dann verstehst du ja, warum mich die Aussicht zu sterben auch nicht aufhält«, erklärte er, und ich verdrehte die Augen. »Aber es wärmt mir das Herz, zu erfahren, dass du dich um mich sorgst.«

Roth grinste. »Genau, Stony.«

»Du hast mich vermisst.« Zayne grinste. »Gib’s zu.«

Das Grinsen auf Roths Gesicht währte nur kurz. »Seid einfach vorsichtig. Das ist alles, was ich sagen will. Wenn ihr Luzifer vor uns findet, drängt ihn nicht. Er ist impulsiv und hat die Tendenz, Dinge zu zerstören, bevor er sein Handeln bedenkt. Um sein Gesicht zu wahren, würde er sich glatt die eigene Nase abschneiden. Wenn ihr ihn reizt, tötet er euch. Euch beide.«