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Die Suche nach Luzifer hätte einer Partie Cluedo geglichen, wenn es bei dem Spiel um einen attraktiven, halb nackten Satan gegangen wäre, der nach etlichen Wodka-Shots auf der Toilette eines verdammt zwielichtigen Clubs gefunden wurde.

Zayne und ich hatten bereits den größten Teil von Dupont Circle abgelatscht und unterwegs in jede Bar und jeden Club geschaut, und nur Gott allein wusste, warum es überhaupt so viele Bars gab.

Seltsamerweise fragte niemand nach unseren Ausweisen. Ich hatte das Gefühl, dass war Zayne zu verdanken. Immer wieder sagte ein Türsteher oder Kellner, unsere Beschreibung käme ihm bekannt vor, und berichtete, dass ein Mann mit nacktem Oberkörper, der dem Gesuchten sehr ähnelte, da gewesen sei. Und das wurde uns oft direkt neben dem »Keine-Schuhe-kein-Shirt-kein Einlass«-Schild an einem Fenster oder einer Tür erklärt. Dann verwiesen sie uns an einen Barkeeper, der schwor, dass ein Mann, der auf unsere Beschreibung passte, da gewesen war, teuren Wodka bestellt, die anderen Gäste wie ein totaler Widerling beobachtet und dann um Empfehlungen für andere Bars gebeten hatte, die er sich ansehen sollte. Der erste Club, den wir checkten, kam mir eher exotisch vor, da eine ganze Menge halb nackter Leute auf der Tanzfläche war, aber dass es erotische Unisex-Clubs gab, glaubte ich nicht so recht. Beim dritten Etablissement, das gut nach Sodom und Gomorrha gepasst hätte, wurde uns schnell klar, dass Luzifer, wo immer er aufgetaucht war, aufgefallen war und eine Aura der Versuchung hinterlassen hatte, die die sündige Atmosphäre verstärkte.

Den Eindruck hatte ich immer und immer wieder und hörte bei zehn auf zu zählen.

»Meinst du, er wird sich einfach volllaufen lassen und irgendwo einschlafen?«, fragte ich. »Denn wie viele Wodka-Shots verträgt er wohl?«

»Dämonen reagieren anders auf Alkohol als Menschen. Ich nehme an, bei Engeln ist es genauso«, erklärte Zayne oberschlau.

Einige Stunden später hatte ich eine Menge Leute gesehen, die sich in unterschiedlichem Maße öffentlich berauschten, mehr Haut und Körperteile, als ich jemals im Leben zu sehen brauchte, und außerdem ein paar sich anbahnender, wirklich brutaler Kater.

Luzifer hatten wir trotzdem nicht gefunden.

Layla und Roth auch nicht. Auch Cayman hatte seine me time geopfert und sich der Suche angeschlossen, doch auch er erreichte nichts. Offensichtlich war Luzifer wählerisch, und ich konnte gut nachvollziehen, dass er gewisse Standards hatte und so, aber ich war müde und völlig ausgehungert.

Und so landeten wir auf dem Dach eines Gebäudes in der Nähe. Ich saß auf der Kante und ließ die Füße im Nichts baumeln, während ich glücklich einen Cheeseburger mit Pommes mampfte. Zayne hatte sich ein Sandwich mit gegrilltem Hühnchen geholt – hmpf –, von dem er sofort das Brot entsorgt und nur die Hühnerbrust gegessen hatte, noch bevor wir unser Versteck auf dem Dach erreicht hatten.

»Gibt es einen wichtigen Grund, warum du auf dem Rand eines Dachs essen musst?«, fragte er mich, als er auf den Sims hüpfte. Ich steckte mir zwei Pommes in den Mund. »Ich genieße den Blick auf die Stadt von hier oben.«

Er kniete sich neben mich, die Flügel auf dem Rücken verborgen. »Und was siehst du von hier oben von der Stadt?«

Blinzelnd griff ich nach meinem Getränk. »Zahlreiche … deutlich erkennbare Kleckse.« Ich nahm einen Schluck, während ich zu Zayne hinüberblickte. Das Mondlicht schien auf sein Gesicht. Vorhin schon hatte er sein Haar zu einem glatten Knoten zurückgebunden. »Aber ich wette, du erkennst alles perfekt.«

Grinsend schüttelte er den Kopf. »Ich glaube, du wolltest nur hierher, damit ich jedes Mal, wenn du dich bewegst, kurz vor einem Herzinfarkt stehe.«

Ich lächelte. »Kann sein. Möchtest du auch ein paar Pommes?«

»Nein.«

»Ach, komm schon. Sind doch bloß dünn geschnittene Kohlenhydratstäbchen.«

»Nein, danke.«

Ich hielt ihm die Pommes dennoch hin und zielte blinzelnd auf seinen Mund. »Eine leckere, salzige Köstlichkeit, die von dir verspeist werden will.«

»Die frittierten Dinger sind nicht das Einzige, das von mir verspeist werden will.«

Mein Gesicht lief rot an. »Was für ein unanständiger Vorschlag!«

»Aha.« Zayne schnappte mein Handgelenk und drehte seinen Kopf nur ein winziges Stück. Mit den Lippen nahm er die Pommes und kaute langsam. »Jetzt zufrieden?«

Ich nickte.

Sein Blick begegnete meinem, ein leuchtendes Blau im Mondlicht, während er mit der Zunge über meine Fingerspitzen strich und die zurückgebliebenen Salzkristalle naschte. »Lecker.«

»Ja«, flüsterte ich, und mein Bauch zog sich köstlich zusammen.

Er küsste die Fingerkuppe, während er noch immer meinen Blick festhielt. »Ich liebe dich, Trinity.«

Mir stockte der Atem, und mein Herz setzte einen Schlag aus. Ich konnte nie genug davon bekommen, ihn das sagen zu hören. Niemals. Jedes Mal, wenn er das sagte, kam es mir vor, als hörte ich es zum ersten Mal. Wie wundervoll, so tief zu empfinden und zu wissen, dass diese Art von Liebe erwidert wird. Und ich wusste, ich würde einfach alles tun, um das zu bewahren.

»Ich liebe dich«, flüsterte ich.

Er legte den Kopf in den Nacken, und ich glaubte, ein Lächeln zu sehen, als er in den Himmel schaute. Ich folgte seinem Blick und verschlang eine weitere Handvoll Pommes. Alles, was ich erkennen konnte, waren der Mond und unterschiedliche Schattierungen von Schwarz.

»Sind die Sterne ausgeschaltet?«, fragte ich und hoffte, dass er Nein sagen würde, aber irgendwie ahnte ich schon, wie seine Antwort ausfallen würde.

»Da sind ein paar. Sie leuchten hell.« Er senkte das Kinn, sah zu mir herüber. »Kannst du keinen sehen?«

Kopfschüttelnd schaufelte ich die restlichen Pommes in meinen Mund.

»Hast du sie seit jener Nacht mal gesehen?« Zayne zog eine Serviette aus der Fast-Food-Tüte, während ich die Pommes aufaß. »Tauschen?«

»Danke.« Ich gab ihm die leere Pommes-Schachtel und nahm die Serviette. »Nein, hab ich nicht.«

Zayne schwieg eine Weile und nahm mir dann die zusammengeknüllte Serviette ab. »Wie gut kannst du ansonsten sehen?«

»Ziemlich unverändert, schätze ich.« Ich hielt mich an der Kante des warmen Steinsims’ fest und wippte mit den Füßen. »Ich meine, ich merke nie genau, wann sich meine Sehkraft verschlechtert. Normalerweise geht es so langsam, dass ich die Veränderung nicht wirklich bemerke.«

»Aber es wurde schon früher schwieriger, die Sterne zu sehen?«

»Ja.« Ich schaute nach unten. Außer den Straßenlaternen und den Scheinwerferlichtern der Autos war da nichts als pure Dunkelheit. Es war trotzdem merkwürdig, dass ich alle Sterne so klar sehen konnte. Wenn das tatsächlich so war, dann frage ich mich, ob … na ja, ich weiß nicht, ob vielleicht mein Vater was damit zu tun hatte? Kaum hatten die Worte meinen Mund verlassen, kam ich mir dumm vor und konzentrierte mich deshalb wieder auf mein Getränk. »Ich weiß, das klingt bescheuert …«

»Nein, tut’s nicht.« Zayne berührte zuerst meinen Arm und dann meine Wange. »Ich glaube, das ist möglich. Dein Vater weiß ja von deiner eingeschränkten Sehfähigkeit. Wie ich schon sagte, glaube ich, dein Vater findet Wege, um dir zu zeigen, dass du ihm am Herzen liegst – Wege, die nicht immer allzu klar ersichtlich sind.«

Ich lächelte schwach und nahm die Hand mit dem Getränk wieder runter. »Es fühlte sich an wie … wie ein Geschenk.«

»Ja, klingt ganz so.« Mit dem Daumen strich er über mein Kinn. »Ich wünschte, du könntest sie jetzt sehen.«

»Das wünschte ich auch.« Ich schaute ihn an. »Aber dafür habe ich dein Sternenbild.«

Er lächelte, und ich war erstaunt, wie deutlich seine Gesichtszüge jetzt zu erkennen waren, trotz der Beleuchtung und meiner schlechten Augen. Zugegeben, jemand mit besser funktionierenden Augen hätte ihn wahrscheinlich noch deutlicher sehen können, doch normalerweise war sein Gesicht für mich nur ein unscharfer Fleck gewesen.

»Wir sollten uns auf den Weg machen«, sagte er. »Wir müssen …«

Ich wusste, dass er die Gegenwart von Dämonen spürte, weil ich gleichzeitig mit ihm den Druck in meinem Nacken fühlte. Ich setzte mein Getränk auf dem Sims ab. »Siehst du sie?«

»Ich suche.« Er ergriff meine Hand und half mir aufzustehen, während er sich umdrehte und über die Schulter blickte. »Im Anflug.«

Ich drehte mich auf dem Sims und blinzelte. Mehrere unscharfe Umrisse von männlichen Wesen zogen im Mondlicht vorbei, ihre Haut glänzte wie Onyx.

Vier Paar tiefrote Augen. Das war alles, was ich sehen musste, um zu wissen, womit ich es zu tun hatte.

»Hellions«, presste ich stöhnend hervor und hüpfte auf das glücklicherweise flache Dach. An der Erdoberfläche verboten, waren Hellions durch Schmerz und Elend erschaffen worden, und irgendwie hatte Gabriel viel zu viele von denen für seine Sache gewonnen. »Lass mich raten, sie sind nackt.«

»Leider.«

»Warum sind die immer nackt?«, fragte ich und beschwor gleich meine Gnade. Bei dem wenigen Licht wollte ich nicht mit den Dolchen herumhantieren. Die Ränder meines Sichtfelds wurden heller, als weißes Licht meinen Arm hinunterfuhr. Meine Finger krümmten sich um den Griff, als das Schwert zum Leben erwachte und vor Feuer und Energie knisterte.

»Versuch, einen am Leben zu lassen«, erinnerte mich Zayne.

Ich nickte, und Zaynes schwach glühende Haut pulsierte. Die Luft schien elektrostatisch aufgeladen. Der Rücken seines Hemdes zerfetzte, und seine Flügel rissen sich frei.

»Du solltest dir mal das Shirt anschauen, das Wächter Jordan getragen hat«, sagte ich ihm. »Da waren hinten zwei Schlitze für seine Flügel. Dann würdest du weniger Shirts verschleißen.«

Er streifte das kaputte Shirt ab. »Aber dann würdest du mich nicht mehr oben ohne sehen können.«

Ich grinste. »Gutes Argument.«

»Ich denke nur an dich«, antwortete er, während goldenes Feuer an beiden seiner Arme hinunterschoss und diese bösen Sichelklingen formte.

Sollte einer der Hellions beim Anblick von Zayne gezögert haben, weil der sich in einen vollständigen Gefallenen verwandelte, konnte ich das nicht erkennen. Sie stürmten auf uns zu, und da wurde mir klar, dass es mehr als vier waren.

Nie zuvor hatte ich so viele auf einem Fleck gesehen. Gütiger Himmel, das musste ja ein Dutzend sein.

Zayne schoss vorwärts und zog eine Klinge durch die Brust eines Hellions, während ihn seine Flügel in die Luft hoben. Er landete hinter dem Hellion, als der in Flammen aufging, seine Klingen schwangen in einem weiten Bogen um ihn herum.

Der Hellion vor mir verschwand. Fluchend wirbelte ich herum und stieß das Flammenschwert durch seinen Bauch, als er hinter mir erschien. Er brüllte auf, während ich zurücktänzelte. »Habt ihr in der Hölle wirklich keine Klamotten?«

»Willst du’s herausfinden?«, stieß einer der Hellions knurrend hervor, der von links zu mir schoss und versuchte, in mein eingeschränktes Sichtfeld zu kommen.

Jemand hatte was gesagt.

Oh, verdammt, nein, nicht dieses Spielchen.

Leise fluchend stürmte ich zurück ins Mondlicht und senkte das Schwert. Ich beruhigte mich und konzentrierte mich, wie Zayne es mir beigebracht hatte. Das krächzende Kichern des Hellions kam von rechts. Ich hörte seine Schritte und wandte mich abrupt um. Das Schwert des Michael erwischte den Hellion in der Brust.

»Netter Versuch«, murmelte ich, während der Hellion in Flammen aufging. Der Gestank von Schwefel hüllte das Dach ein.

»Der Bote wird mich gut belohnen.« Heißer, fauliger Atem traf auf meine Wange.

Mein Herz stolperte, ich spannte den Körper an, um zurückzuspringen. Ein weißer Blitz erschien vor meinen Augen. Zayne landete vor mir, und seine feurige Sichelklinge spaltete den Hals eines Hellions.

»Warum fasziniert dich fehlende Kleidung nur so sehr?«, fragte Zayne.

Stockend ausatmend drehte ich mich um. »Ich bin nicht per se fasziniert.« Ich stürzte vorwärts und stieß mein Schwert mitten in einen weiteren Hellion. »Mich interessiert nur, warum die immer so verdammt nackt sind.«

»Einfach nicht drüber nachdenken.« Zaynes Flügel wirbelten meine losen Haarsträhnen auf, während er sich mit schwindelerregender Geschwindigkeit bewegte.

»Einfach nicht drüber nachdenken?« Ich tauchte unter dem Arm eines Hellions hindurch und achtete auf sein dummes Maul. Denn der Biss war giftig, tötete Menschen innerhalb von Sekunden und lähmte Wächter tagelang. Keine Ahnung, was ihr Biss bei jemandem mit Engelsblut anrichten würde. Und ich hatte auch nicht vor, das herauszufinden. »Das ist schwer, wenn sie doch nackt sind.«

»Was Traumatisches, Trin?«, fragte Zayne.

Ich blinzelte nach rechts und drehte mich nach links. »Nein, aber ich ahne, dass man alles sehen kann.« Ich zielte auf besagte Stelle. Der Schmerzensschrei und das Aufflackern der Flammen zeigten mir, dass ich mitten ins Ziel getroffen hatte. »Das ist alles, was ich wissen muss.«

Ein Hellion stürzte sich ins helle Mondlicht, und ich stöhnte auf. »Jetzt kann ich’s sehen – ich kann alles sehen.«

»Ich wünschte wirklich, du würdest aufhören, das zu betonen.« Zayne landete ein paar Meter von mir entfernt, schnitt mit beiden Sichelklingen durch die Luft und schaltete zwei weitere Hellions aus.

Ich runzelte die Stirn. »Ich will zwei Schwerter.«

Zayne lachte, als er sich aufrichtete. »Man kriegt nicht immer, was man will.«

»Egal.« Ich rollte mit den Augen, während ein Hellion auf mich zuraste. »Ist das der letzte?«

»Ja.« Zaynes Flügel waren wie zwei weiße Leuchtfeuer.

Ich wich nach links aus und hielt mein Schwert weg. Der Hellion kam ins Schleudern und blieb stehen. Er wollte sich umdrehen, sah aber Zayne hinter sich, sank auf die Beine und stieß ein grollendes Knurren aus.

»Ich würd’s nicht versuchen«, warnte Zayne, während seine Sichelklingen golden weiße Glut entfachten.

»Heute ist dein Glückstag«, sagte ich und hielt das Schwert des Michael mit beiden Händen. »Du darfst weiterleben. Das heißt, wenn du schlau bist, und ich hoffe, du bist schlau. Denn wir haben eine Nachricht, die du Gabriel überbringen sollst.«

Rote Augen funkelten mich an. Einen Moment später stieß der Hellion ein tiefes, abgehacktes Lachen aus.

Ich hob eine Augenbraue, und Zayne murmelte: »Ich glaube, der hier ist nicht schlau.«

»Schlauer als ihr zwei allemal«, stieß der Hellion hervor.

Krallen schabten über Stein, und plötzlich ergoss sich eine Wand aus dunklen, massigen Gestalten über den Dachvorsprung. Ich erhaschte einen Blick auf mondsteinfarbene Haut und fangzahnartige Hörner.

»Äh«, sagte ich. »Da ist so eine Horde Nachtkriecher auf dem Dach aufgetaucht.«

»Wie viele sind eine Horde?«, fragte Zayne.

»Ähm …« Ich schluckte, als ich die Reihe scannte, die sich über die gesamte Länge des Daches erstreckte. Das mussten … Dutzende sein. »Eine metrische Mülltonne, um genau zu sein.«

Wieder lachte der Hellion auf.

»Schnauze!« Zayne schlug den Hellion nieder und drehte sich dann um, um die Neuankömmlinge zu mustern. »Ich hab so das Gefühl, Gabriel hat von meinem Upgrade erfahren.«

»Meinst du?« Mit rasendem Herzen checkte ich die Ansammlung von Nachtkriechern. Diesmal war keiner von denen angeleint – nicht, dass das einen großen Unterschied gemacht hätte. Ich hielt Zayne und mich für echt krasse Kämpfer, aber das waren eine ganze Menge Nachtkriecher.

»Tötet den Gefallenen«, befahl einer der Nachtkriecher. »Das Nephilim muss am Leben bleiben.«

Seufzend hob ich das Schwert. »Ich bin es so leid, immer wieder darauf hinzuweisen, dass Trueborn der passendere Begriff ist.«

»Irgendwie schade.« Zaynes Flügel hoben sich, die Gnade pulsierte und pochte in ihnen. »Ich mag deine Vorträge.«

Es blieb mir keine Gelegenheit zu antworten. Die Nachtkriecher schwärmten aus, und das Dach zitterte unter ihrem Gewicht. Vielleicht hatten wir Glück, und es würde einstürzen. Ich beschwor die Gnade weiter und bereitete mich auf die Möglichkeit vor, dass wir unsere Verluste begrenzen und fliehen mussten.

Plötzlich war ein Zischen in der Luft zu hören. Ein greller, orange-roter Lichtstrahl durchschnitt das Mondlicht, das auf das Dach fiel. Ich riss die Augen auf, während Flammen über den Sims schwappten und über den Beton leckten. Das Feuer breitete sich so schnell und unerwartet aus, dass ich mich nicht einmal bewegte, während es die Nachtkriecher verschluckte. Ich war wie erstarrt, als ihre Schreie um uns herumhallten.

Zaynes Sichelklingen brachen zusammen, er wirbelte herum und schlang den Arm um meine Taille. Mein Schwert flackerte intensiv auf und zerbarst dann in einem Schauer aus goldener Glut. In Zayne kochte alle Kraft, während er sich zum Flug bereitmachte. Hitze versengte meine Wangen, dann zog sich die Feuerwalze rückwärts zurück.

»Was, zur …?« Blinzelnd erkannte ich, wie mitten in den Flammen eine Figur Gestalt annahm. Ein Mann trat aus dem Feuer, sein lockiges goldenes Haar und seine nackte Brust waren von den Flammen unberührt. Das Feuer erlosch, während er weiterging, seine Füße wirbelten den Staub der getöteten Nachtkriecher auf.

Heiliger Bimbam.

Ich ahnte, dass mir der Mund offen stand. Aber das war mir egal. Diese Art von Macht war unvorstellbar.

»Ihr braucht euch nicht zu bedanken«, meinte er. »Ich konnte nicht zulassen, dass meinen neuen Freunden etwas zustößt.«

»Luzifer.« Zaynes Griff wurde nicht lockerer. »Wir haben dich gesucht.«

Ins Mondlicht tretend lächelte der Teufel. »Ich weiß.«

Luzifer hockte in Roths Wohnzimmer, ausgestreckt auf der Couch, und sah fern. Immerhin bekleidet. Na ja, um ehrlich zu sein: halbwegs bekleidet. Er hatte sich für eine schwarze Lederhose entschieden, und das war’s. Wir wussten nicht, ob es ihm gelungen war, Das Omen zu erschaffen. Wir hatten ihn gefragt, und er hatte uns daraufhin einen Blick zugeworfen, der sogar mir sagte: Kümmert euch um euren eigenen Kram.

Und genau das taten wir momentan alle. Wir kümmerten uns um unseren eigenen Kram.

Das, und gleichzeitig versuchten wir, Luzifer dazu zu bringen, irgendwie nützlich zu sein und uns zu verraten, wie er Gabriel töten konnte.

Er war nicht eben eine große Hilfe.

Zuerst war er hungrig. Also bestellte Cayman per Taxi ein paar spätabendliche Speisen. Während Luzifer aufs Essen wartete, entdeckte er den Fernseher, und ich hatte noch nie jemanden gesehen, der dermaßen davon begeistert war. Ununterbrochen zappte er durch die Programme und landete dann irgendwie bei einem der Streaming-Dienste. Ich war kurz auf die Toilette gegangen, und als ich zurückkam, hatte jemand – ich machte Cayman dafür verantwortlich – Supernatural eingeschaltet, und zwar die Luzifer-Staffel, und der echte Luzifer war total bei der Sache. Er hatte Layla dazu gebracht, irgendeine Website aufzurufen, um ihm eine ausführliche Beschreibung der ersten Staffel vorzutragen, und als das Essen kam, war er komplett im Bilde. Dann aß er. Danach sah er sich zwei weitere Folgen an, wobei wie aus dem Nichts eine Schachtel Pop-Tarts auftauchte. Zu dem Zeitpunkt musste es schon fast vier Uhr morgens sein. Layla war in der Couchecke eingeschlafen und nun wieder aufgewacht, und ich war kurz davor, den Fernseher gegen die Wand zu schleudern.

»Luzifer«, versuchte Roth es am Ende einer weiteren Folge erneut. »Du meintest, wenn du Gabriel tötest, würden wir ein ganz neues Problem schaffen. Kannst du uns sagen, worum es dabei geht?«

»Wenn du mich noch eine Folge in Ruhe anschauen lässt, werde ich’s dir verraten«, erwiderte Luzifer.

»Das hast du am Ende der letzten Folge auch schon gesagt«, entgegnete ich, setzte mich auf den Rand der Polster und kämpfte mit meiner Ungeduld.

»Aber Luzifer ist dabei, die Apokalypse hervorzurufen …«

»Das wird ihm nicht gelingen!«, rief ich, und ja, es war super-schräg, zu hören, dass der echte Luzifer sich auf die fiktive Ausgabe seiner selbst bezog. »Er landet im Käfig, gemeinsam mit Michael, der von dem einen Winchester-Bruder Besitz ergriffen hat, den alle vergessen haben!«, fügte ich hinzu. »Es wird noch ungefähr sieben weitere Staffeln dauern, bis er zurückkommt.«

Luzifer starrte mich an.

Und ich starrte zurück.

»Du hast eben alles verraten«, stieß er wütend hervor.

»Die Serie ist über zehn Jahre alt! Es gibt da eine Zeitgrenze. Sorry. Man kann nicht zehn Jahre später noch übers Spoilern meckern.«

»Aber in der Hölle gibt’s kein Fernsehen«, schoss er zurück.

»Da hat er recht«, murmelte Zayne hinter mir.

Ich warf ihm einen Blick zu, der ihn sofort zum Schweigen bringen sollte. »Schau, Luzifer kommt immer wieder zurück. Okay? Es gibt noch viele weitere Staffeln, die du dir ansehen kannst. Ich werde dir nicht sagen, was alles passiert, wenn du jetzt unsere Fragen beantwortest.« Ich holte tief Luft. »Bitte.«

»Ich fange an zu bereuen, dass ich dir vorhin das Leben gerettet habe.« Luzifer seufzte schwer. »Weiß einer von euch überhaupt, was passiert, wenn man einen Engel tötet?«

»Nein. Tut mir leid«, antwortete ich. »Wir haben nicht die Angewohnheit, Engel zu töten.«

»Na ja, mein Vertrauter hat mal zwei gefressen«, mischte sich Roth ein. »Eigentlich ist nichts passiert.«

»Nichts, von dem du wüsstest. Wenn ein Engel stirbt, kehrt seine göttliche Herrlichkeit zu ihrer Quelle zurück.«

»Zu Gott?«, überlegte ich laut.

Luzifer nickte. »Wie ein Kind, das zu seinem geliebten Daddy nach Hause kommt.«

Ich blinzelte.

»Okay. Und wo liegt das Problem?«, fragte Zayne.

»Wo das Problem liegt?« Luzifer gluckste. »Normalerweise gibt es keins, aber in Gabriel gärt eine vor sich hin faulende Stelle. Seine Herrlichkeit und seine Gnade sind angeschlagen. Wahrscheinlich sogar noch mehr als bei mir, und das wäre, als würde man Napalm über dem Himmel abwerfen. Gott wird nicht zulassen, dass so was nach Hause zurückkehrt.« Luzifer schaute zum Fernseher und war sogleich wieder völlig vom Geschehen gefesselt. Grinsend wickelte er noch ein Pop-Tart aus. »Mir gefällt diese Darstellung. Obwohl Sam und Dean wirklich mal besser kommunizieren müssen.«

Ich holte tief Luft und versuchte, im Geiste bis zehn zu zählen.

Roth beugte sich vor und machte ein ungeduldiges Gesicht. Ich rechnete beinahe damit, dass er mit den Fingern schnippen würde. »Und was heißt das jetzt genau?«

»Was das heißt?«, fragte Luzifer mit vollem Mund zurück.

»Ich glaube, er hat das Gleiche wie du. Du weißt schon, dass er nicht in der Lage ist, richtig zuzuhören«, flüsterte Cayman, der neben mir auf der Couch zusammengesunken war, und ich nickte zustimmend. Auf der gesamten Welt gab es wohl nicht genug Amphetamin, als dass man Luzifer hätte therapieren können.

Roth schloss kurz die Augen. »Was passiert, wenn Gott ihn nicht zurückkehren lässt?«

»Oh. Das.« Luzifer streckte sich nach hinten und wischte sich die Krümel von der Brust, während er die Füße auf den Couchtisch legte. »So wie ich Gott kenne? Wird er diesen Dreckklumpen zurück auf die Erde schleudern. All die Gehässigkeit wird unter seinen wertvollsten Schöpfungen explodieren … Wie viele Staffeln gibt’s davon?«

»Eine Menge«, antwortete ich. »Aber was soll das bringen? All diese … Gehässigkeit?«

»Was das bringt?« Ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht, und an meinem gesamten Körper stellten sich die Härchen auf. Er war wirklich unglaublich schön, vor allem wenn er lächelte, aber, lieber Gott und liebe Babyengel überall, er war genauso unglaublich unheimlich, vor allem wenn er auf diese Weise lächelte. Er schloss die Augen und gab einen Laut von sich, der meine Wangen heiß werden ließ. »Dann wird man nicht nur ein Problem mit der Luftqualität haben. Die Fäulnis wird sich über die ganze Welt ausbreiten, bis jedes Land, jedes Meer und alle Berge mit dem Verderben überzogen sind. All die Wut, der Hass, die Bitterkeit und das Böse werden in jeden eindringen.« Er stöhnte schwärmerisch. »Bruder wird sich gegen Bruder wenden, Mutter gegen Kind. Es wird eine nicht enden wollende Orgie der Gewalt und Verderbtheit. Nur die Frömmsten werden verschont bleiben, und selbst unter ihnen wird es große Verluste geben.«

»Das … ähm … klingt echt furchtbar«, nuschelte ich.

Luzifer biss noch mal von dem Pop-Tart ab und konzentrierte sich wieder auf den Fernsehbildschirm. »Für dich? Ja. Für mich nicht. Ich werde einen Zustrom von Dauergästen haben, mit denen ich meine Zeit verbringen kann.«

Roth lehnte sich zurück und fuhr sich durch die Haare, während Layla Luzifer sprachlos angaffte.

Ich blickte zu Zayne, der jetzt aussah, als wäre er kurz davor, den Fernseher gegen die Wand zu schleudern.

»Das dürfen wir nicht zulassen«, sagte ich. »Wir versuchen, die Welt zu retten, und nicht, sie zu zerstören.«

»Nein, ihr versucht nicht nur, die Welt zu retten.« Luzifers Aufmerksamkeit richtete sich nun auf mich, und es kostete mich meine ganz Kraft, nicht davor zurückzuschrecken. »Du versuchst, die Welt zu retten und das, was jenseits dieser Gefilde auf dich wartet. Es wird Opfer geben. Unzählige. Seelen werden verloren gehen. Du wirst eine ganze Menge opfern müssen, um alles zu retten.«

Seine Worte lasteten schwer auf meinen Schultern, und ich konnte erkennen, dass es Zayne nicht anders ging. Er starrte auf den Fernseher, aber ich ahnte, er registrierte gar nicht, was auf dem Bildschirm zu sehen war.

Würde Gott das wirklich tun? Zusehen, wie die Welt und der Himmel gerettet werden, nur um dann alles zu zerstören? Das klang noch übler als der Gott des Alten Testaments.

»Also …« Layla räusperte sich. »Das kommt also dabei raus, wenn wir Gabriel töten? Eine Welt, die im Chaos versinkt?«

»Ja, so ziemlich.« Luzifer aß das Pop-Tart auf. »Außer eine einzige Sache tritt ein.«

Alle im Raum saßen wie auf heißen Kohlen, während Luzifer in aller Ruhe die Verpackung seines Snacks zerknüllte und sie dann wegwarf. Das Pop-Tart-Papier landete auf dem kleinen Berg leerer Junkfood-Schachteln.

Nachdem sich Luzifer danach seelenruhig auf der Couch zurückgelehnt, die Beine neu ausgerichtet und die Hände hinter dem Kopf verschränkt hatte, sagte er: »Gott könnte jederzeit eingreifen.«

Wir alle starrten ihn fragend an.

Er hob eine Augenbraue.

Sein Kiefer mahlte, bevor Zayne herausbrachte: »Und wie könnte Gott eingreifen?«

»Das ist eine sehr gute Frage, Gefallener«, schnurrte Luzifer, und nun wirkte Zayne, als wollte er Luzifer am liebsten zusammen mit dem Fernseher gegen die Wand schleudern.

Die Vorstellung, wie Luzifer hinter einem Flachbildfernseher gegen die Wand donnerte, zauberte mir ein eher beunruhigendes Lächeln ins Gesicht.

»Gott könnte das ganze schlechte Zeug jederzeit beenden.« Luzifer wackelte mit den Zehen. »Es aufhalten, bevor all das Böse die kleinen, reinen und kostbaren menschlichen Seelen infiziert.«

»Und wie soll er das schaffen?«, fragte ich, fast zu ängstlich, um Hoffnung zu schöpfen.

Luzifer hob eine Schulter. »Gott könnte mit den Fingern schnippen und die Sache stoppen.«

»Das ist alles?«, fragte Roth vollkommen ungläubig.

»Gott ist Gott.« Luzifer schaute den Kronprinzen an. »Besonders du weißt doch genau, was er alles kann. Und besonders du solltest wissen, dass Gott, auch wenn er alles tun kann, nichts anderes macht, als sich zurückzulehnen und das Ganze auszusitzen. Freier Wille und so.«

Roth legte den Kopf in den Nacken und seufzte dann. »Ja, da hast du nicht ganz unrecht. Wie groß ist wohl die Wahrscheinlichkeit, dass Gott eingreift?«

»Ungefähr so groß, wie dass ich nicht mehr Barbie Girl singe, während ich meine Runden durch die Höllenkreise ziehe.«

Moment mal. Was?

»Ach, zur Hölle«, murmelte Roth.

»Willst du wirklich behaupten, dass Gott nichts dagegen unternehmen würde?«, fragte Layla.

»Ich behaupte nur, was ihr alle bereits wissen solltet«, antwortete er. »Ich sag’s ja nur ungern, aber Gabriel hat in einem Punkt recht. Die Menschheit ist nicht die tollste. Ich werde mich nicht selbst damit langweilen, all die offensichtlichen Gründe dafür aufzuzählen, aber ich weiß, dass ich mehr Neuankömmlinge bekomme als der Himmel. Vielleicht hat Gott ausgecheckt«, sagte er, und sein Tonfall war besorgniserregend sanft, weich wie Seide. »Vielleicht kümmert’s Gott einfach nicht mehr, und er lässt die wertvollsten Schöpfungen im Stich. Schaut euch doch die Geschichte an. Viele Male hätte Gott eingreifen und unzählige schreckliche und sinnlose Tragödien beenden können, aber er entschied sich dagegen. Gott tut so, als könnten die Regeln nicht gebrochen werden, obwohl er derjenige ist, der sie aufgestellt hat.«

Alle schwiegen. Sogar Cayman. Alle, auch Roth, hörten wie gebannt zu.

»Einige sagen, ich sei das Monster, der Albtraum in der Dunkelheit und das Böse, das sich im Verborgenen hält, aber wenn ein Kind sinnlos stirbt, dann ist das kein Leben, das ich genommen habe. Wenn eine Mutter wegen einer Krankheit ihren letzten Atemzug tut, ist es nicht mein Wille. Wenn ein Bruder unnötig stirbt, ist das nicht Teil meines Plans. Tod und Krieg und Krankheit sind nicht meine Schöpfung. Ich kann sie nicht aufhalten. Ich bin nicht der Schöpfer. Richtig oder falsch, letztlich bin ich nur ein Opportunist«, sagte Luzifer. »Aber Gott? Am Ende des Tages könnte Gott all den Schmerz nehmen. Also, sagt mir, wer ist hier das wahre Monster?«

»Der Vater aller Lügen«, meinte Zayne, und ich blinzelte, als würde ich irgendwie aus einer Ohnmacht erwachen. »Ja, klar, Gott ist an allem schuld – der wahre Wolf, der sich unter den Schafen und den anderen Wölfen versteckt. Natürlich. Dann bin ich aber die Zahnfee, und du bist nicht der große Manipulator.«

Luzifer lächelte träge. »Und bedenke, wie viele meine Worte gehört und mir geglaubt haben? Meinen Legionen geglaubt haben?«

»Wenn man sich allein schon anschaut, was die Leute bei Social Media so glauben?«, flüsterte Layla »Millionen von Menschen.«

Ich nickte bedächtig und war mir plötzlich wieder hyperbewusst, wer oder was hier auf der Couch saß und Supernatural schaute. Die Leute brauchten jemanden, dem sie die Schuld geben konnten, auch wenn es keinen Schuldigen gab oder die Schuld ganz allein bei ihnen selbst lag.

»Die Leute glauben dir bereits«, sagte ich.

»Richtig.« Luzifer konzentrierte sich nun wieder auf den Fernseher. »Tja, meine Freunde, müsst ihr da wirklich noch fragen, warum Gott nicht eingreift?«