Ty war über Jadas Entscheidung ganz und gar nicht glücklich. Daher erinnerte er sie daran, dass ihr Vater durchdrehen würde, wenn er das herausfände, was auch stimmte. Ich konnte mir nicht mal ansatzweise vorstellen, welch ziemlich berechtigten Nervenzusammenbruch Thierry erleiden würde, aber Jada argumentierte dagegen, dass es ja gar keinen Grund gäbe, warum ihr Vater es herausfinden sollte. Und da stimmte ich ebenso zu. Ty versuchte zwar, sein typisches Machtwort zu sprechen, aber das endete nicht gut für ihn. Sie stritten sich. Unangenehm, aber letztlich gewann Jada, und Ty würde später wohl eine Menge wiedergutmachen müssen.
»Ich hab ein schlechtes Gewissen«, sagte ich und blickte über die Schulter zu Jada, während Zayne den Impala in Richtung Roths Haus lenkte. »Vermutlich hätte ich nicht anbieten sollen, dass du mitkommen kannst.«
Jada winkte ab. »Ty wird schon drüber hinwegkommen. Außerdem hatte er wirklich Lust, mit Dez die Stadt zu erkunden. Ich glaube, er hat sich freundschaftlich in ihn verknallt.«
Ich lachte, aber plötzlich spürte ich ein Kribbeln im Nacken, das mich zwang, wieder nach vorn zu schauen. Wir waren nicht annähernd nah genug an Roth Haus, als dass ich ihn hätte wahrnehmen können.
»Spürst du das auch?«, fragte Zayne, und ich nickte.
Jada lehnte sich zwischen die Vordersitze, während Zayne um eine Kurve lenkte. »Heiliger Mist«, hauchte sie. »Wie viele Dämonen, sagtest du, leben hier?«
Meine Augen wurden immer größer, als ich den Vorgarten der McMansion sah. Da waren überall Dämonen. Sie saßen auf der Treppe, lagen auf dem Rasen verstreut. Sie säumten die Einfahrt. Einige wirkten menschlich. Das konnten Chaos-Dämonen sein, dann waren da Dämonen wie Cayman, die eher der mittleren oder oberen Ebene angehörten. Andere besaßen definitiv keine menschliche Haut … oder menschliche Köpfe, ganz klar, denn einige hatten zwei Köpfe oder drei.
»Oh mein Gott«, stieß Jada keuchend hervor. »Was ist das?«
Ich schaute aus dem Beifahrerfenster und erspähte eine karmesinrote Kreatur, die nicht größer als einen Meter war. Ich sah Hörner und einen Schwanz. »Keine Ahnung«, flüsterte ich. Das Ding sah aus wie ein Comic-Dämon. »Als wir heute Morgen weggefahren sind, war das noch nicht so.«
Zayne fuhr langsamer, und ein paar der größeren Dämonen wurden auf uns aufmerksam. Er blickte in den Rückspiegel. Ich tat es ihm gleich und sah, dass mehrere menschlich aussehende Dämonen hinter uns aufgetaucht waren. »Jada«, sagte Zayne, »es ist wohl besser, wenn du im Auto bleibst.«
Ich lehnte mich zurück und griff nach meinen Dolchen, um sie Jada zu geben, als ich hörte: »Hey! Geht weg von dem Auto. Sofort! Husch!«
Als ich Laylas Stimme erkannte, beugte ich mich vor und versuchte blinzelnd, etwas zu erkennen. Ich erhaschte einen flüchtigen Blick auf platinblondes Haar, und dann teilte sich das Meer aus Dämonen, die auf zwei und vier … und acht Beinen von der Auffahrt zum Haus zurückschlurften.
»Ist das … eine Riesenspinne?«, wisperte Jada. »Falls ja, werde ich mich sofort von der Erde wegkatapultieren.«
Ich starrte auf das Ding, das aussah wie eine Spinne, halb so groß war wie unser Auto und um die Hauswand kroch. »Bin dabei.«
Layla kam zu uns gelaufen und hielt kurz inne, als der rothäutige, comichafte Dämon über die Einfahrt hüpfte. Offensichtlich frustriert warf sie die Hände in die Luft.
»Hab ich Halluzinationen?«, fragte Jada.
»Ehrlich gesagt gibt es keine andere Erklärung für all das.« Ich schüttelte den Kopf.
Zayne ließ das Seitenfenster runter, als Laylas Gesicht an der Beifahrerseite erschien. »Was, in aller Welt, ist hier los?«
»Das schlimmste Straßenfest aller Zeiten?«, meinte sie und strich sich die Haare aus dem Gesicht. »Die sind schon vor einer Stunde oder so aufgetaucht. Offenbar spüren sie Luzifers Anwesenheit, und jeder, der auf den Satan-Kult steht, kommt hierher.« Sie warf einen kurzen Blick auf den Rücksitz und überlegte. »Du bist Wächter.«
»Ja, bin ich«, antwortete Jada zaghaft.
»Layla, darf ich vorstellen, das ist Jada«, schaltete ich mich ein. »Sie kommt aus der Potomac-Highlands-Siedlung.«
»Und die haben dich einfach so gehen lassen?«, fragte Layla erstaunt.
»Tjaaa.« Jada zog das Wort in die Länge.
»Sind die gefährlich?«, warf Zayne ein. »Machen die irgendwelche Probleme?«
»Nicht wirklich.« Layla zog die Augenbrauen zusammen. »Aber ich würde das Auto unbedingt in der Garage parken, damit sich keiner der Dämonen draufsetzt. Oder es auffrisst.«
Entgeistert sah Zayne sie an. »Sollte einer von denen mein Auto fressen, bringe ich ihn um.«
Layla grinste. »Wir lassen sie nicht in die Garage oder ins Haus, also sollte sich dein Schatz in Sicherheit befinden. Ich öffne dir das Tor.«
Damit drehte Layla sich um und ging zurück zum Haus. »Ihr müsst euch von der Auffahrt fernhalten. Wenn nicht, werdet ihr angefahren, was niemanden kümmern würde«, rief sie den Dämonen zu.
Es erklang ein leiser Protest, aber die Dämonen verteilten sich, und Layla rannte weiter.
»Ich habe schon viele seltsame Dinge gesehen«, sagte ich, »aber das hier ist superschräg. Könnte sogar ganz oben auf der Liste stehen.«
»Immerhin sind sie alle angezogen.« Zayne grinste mich an.
»Diese kleinen roten Dinger nicht«, widersprach ich. »Ich weiß nicht mal, was für Dämonen das sind.«
»Könnten Kobolde sein«, sagte Zayne. »Ich hab noch nie welche gesehen.«
Ich beobachtete einen roten Dämon, wie er die Einfahrt entlanghopste. »Ist der vielleicht vier Jahre alt?«
»Ich … ich finde den irgendwie süß«, gestand Jada. »Auf merkwürdig dämonische Art.«
Quietschend öffnete sich eins der Garagentore, und Zayne lenkte den Impala vorsichtig vorwärts, wobei er die ganze Zeit die Dämonen im Auge behielt. Ich glaubte, er atmete nicht einmal, bis der Wagen sicher geparkt war.
Layla wartete an der Haustür auf uns. »Normalerweise ist es bei uns nicht so«, sagte sie. »Ich weiß, schwer zu glauben, aber für gewöhnlich sind hier nicht überall Dämonen.«
Jada nickte. Ich fand, sie kam mit alldem extrem gut zurecht, aber sie war schon immer neugierig gewesen. »Alles okay«, antwortete sie lächelnd. »Bis auf das Riesenspinnen-Ding da draußen. Das ist nicht in Ordnung.«
»Ja, oder?« Layla ließ den Blick zwischen Jada und mir hin und her wandern. »Ich hab Roth schon gefragt, was das ist, und wisst ihr, was er geantwortet hat? Er meinte, das sei nur eine Hausspinne.«
»Eine Hausspinne?«, rief ich. »Für wessen Haus? Das von Godzilla?«
»Genau.« Layla führte uns einen kurzen, engen Gang entlang. »Dann hat er erzählt, dass es sogar noch größere Spinnen gibt.«
»Ich würde mich buchstäblich selbst anzünden, sollte ich einer Spinne begegnen, die noch größer ist als die da draußen«, meinte Jada, und ich erschauderte.
»Aber was will die hier?«, fragte ich, als Zaynes Finger sich um meine schlossen. »Ist sie aus der Hölle raufgekommen?«
Layla schaute mich an. »Ich weiß nicht, ob du die Antwort wirklich wissen willst.«
»Eigentlich schon«, sagte Zayne.
»Angeblich lebt sie in den U-Bahn-Schächten«, erklärte sie. »Frisst die LUDs.«
»Ich werde nie wieder runter zur U-Bahn gehen«, sagte ich zu Zayne. »Niemals. Ist mir egal. Null Patrouillen da.«
»Ist notiert.« Er grinste. »Aber hey, immerhin frisst sie LUDs.«
»Das muss auch anders gehen«, murmelte ich. »Luzifer hat also jemanden gefunden? Hat er dafür aufgehört, Supernatural zu gucken?«
»Ja, und das hat ihn reizbar gemacht.« Layla führte uns durch die Küche und in einen weiteren schmalen Flur. »Deshalb sind wir jetzt im Spielzimmer. Da ist der Boden gefliest.«
Ich brauchte nicht zu fragen, warum Fliesen wichtig waren, denn ich sah bereits genug von dem, was in dem Zimmer vor sich ging. Ein Mann stand mitten im Raum und zitterte. Aus den Ärmeln seiner Anzugjacke liefen dünne Rinnsale aus Blut, die auf den Boden tropften. Die Rückseite seiner Hose sah feucht aus, und ich hatte das Gefühl, das war kein Blut.
Luzifer stand vor ihm, die Arme über der nackten Brust verschränkt. Als wir das Zimmer betraten, schien er uns nicht zu bemerken, sondern war ganz auf den Mann konzentriert. Ich warf einen kurzen Blick in den ovalen Raum. Roth und Cayman standen auf der gegenüberliegenden Seite, wobei Letzterer eben ein Stück Pizza verdrückte.
Jada blieb stehen und starrte Luzifer aus großen Augen an.
»Nun, Johnny-Boy, du warst selbst bei geringster Motivation schon so hilfsbereit«, sagte Luzifer, und seine Stimme schien den Raum in kühlende Seide zu hüllen. »Und ich möchte wirklich nicht, dass die Dinge vor meinen neuen Freunden hässlich werden. Johnny-Boy, sag Hallo zu meinen neuen Freunden.«
Der Mann warf uns einen ängstlichen Blick zu. »H…hallo.«
Zayne ließ meine Hand los. »Was hast du mit diesem Mann vor?«
»Ach, keine Sorge, Gefallener. Johnny-Boy hier war immer dazu bestimmt, mir von Angesicht zu Angesicht zu begegnen.« Luzifer lächelte, und mir stockte der Atem, weil dieses Lächeln dermaßen umwerfend war. »Es wird nur etwas früher als später passieren. Weißt du, Johnny hat sehr eng mit einem gewissen Senator Josh Fisher zusammengearbeitet.«
Schnell sah ich zu dem Mann. Ich hatte Fishers Geist seit dem Abend vor der Kirche nicht mehr gesehen.
»Johnny-Boy hat uns bereits die Namen aller lebenden Personen genannt, die mit Fisher zusammengearbeitet haben, um Gabriel zu helfen. Um die wird sich bereits gekümmert.« Luzifer hob den Zeigefinger und drückte ihn in die Wange des Mannes. »Du willst doch nicht, dass man sich auch um dich kümmert, nicht wahr, Johnny-Boy?«
Rauch waberte aus der Haut unter Luzifers Finger. Der Geruch von verkohltem Fleisch erfüllte die Luft, weil ein Stück Haut verbrannte. Der Mann zuckte zusammen und wimmerte leise.
»Oh mein Gott«, flüsterte Jada, und ich hätte wetten können, dass sie ihre Entscheidung, mitgekommen zu sein, in diesem Augenblick bereute.
Ich begann auf alle Fälle, diese Entscheidung zu bereuen.
»Aber«, entgegnete Luzifer und ließ sich auf den Stuhl in der Nähe des Fensters fallen, »ich bin nicht wie dieser weinerliche Goldjunge, der immer nur redet und wenig tut.«
Jada setzte sich auf eine Couch, vermutlich damit sie nicht umkippte.
Ich wandte mich an Luzifer. »Hast du Jesus gekannt?«
Dieser unergründliche Blick begegnete meinem. »Wer, glaubst du, hat Judas das ins Ohr geflüstert?«
Ich riss die Augen auf.
Seine Mundwinkel verzogen sich zu einem Lächeln.
»Oh Mann«, flüsterte ich und setzte mich neben Jada. »Du bist so gruselig.«
»Danke.«
»Das war kein Kompliment«, murmelte ich. »Aber egal.«
Luzifer konzentrierte sich wieder auf den Mann. »Was ich wissen will: Wo ist Gabriel?«
»W…weiß ich nicht.«
»Du weißt es nicht?« Luzifer neigte den Kopf zur Seite. »Und was ist mit Bael?«
»Ich w…weiß nicht, wo sich die beiden im Moment aufhalten. Sie waren in diesem Ho… Hotel. Das, in dem der Senator immer ü-übernachtet hat«, beeilte sich der Mann zu sagen. »Aber sie sind n…nicht mehr da.«
Ich schwieg schlauerweise, während Luzifer den Mann genau betrachtete. »Du willst damit also sagen, dass du für mich praktisch nutzlos bist?«
»N…nein! Das sage ich doch gar nicht«, antwortete der Mann rasch. »Ich weiß nicht, wo sie sich aufhalten, aber ich weiß, dass sie etwas vorhaben.«
»Ach, wirklich?«, entgegnete Luzifer trocken.
Der Mann nickte. »Ja. Sie haben da dieses Portal …«
»Du langweilst mich.« Luzifer schnippte mit den Fingern.
Die Haut des Mannes löste sich von seinem Körper und entblößte Muskeln und Knochen.
»Oh Gott!« Ich sprang auf und verlor wegen des Sitzpolsters das Gleichgewicht. Darum fiel ich über die Rückenlehne der Couch, während Jada wie erstarrt blieb. Zayne aber bewegte sich unglaublich schnell und fing mich auf, während der Mann zu einem zuckenden, seltsam blutleeren Haufen rohen … rohen Fleischs zusammensackte.
Layla würgte und presste sich die Hand vor den Mund.
»Nicht!« Cayman zeigte auf sie. »Mach nicht das Geräusch. Ich bin ein …« Seine Schultern hoben sich, als sie wieder würgte. Der Mann hatte aufgehört, sich zu bewegen. »Ich muss sonst mitkotzen.«
»Oh mein Gott«, meinte Jada stöhnend. »Der Geruch …«
»Stopp!«, jammerte Cayman.
Layla wirbelte herum und stürmte aus dem Zimmer.
»Tja, der ist supertot.« Roth fixierte Luzifer. »Gute Arbeit.«
»Was? Er kann nicht … oh ja. Er war noch nicht tot.« Luzifer zuckte mit den Schultern. »Mein Fehler.«
»Wie kannst du vergessen, dass er noch nicht tot war?« Zaynes Brust hob sich, weil er tief einatmete. »Ich meine, echt jetzt? Erklär mir das!«
»Na ja, war irgendwie gelogen. Ich hab’s nicht vergessen.« Luzifer griff zur Fernbedienung. »Er hat mich nur ernsthaft gelangweilt, und die letzte Folge von Supernatural hat mit einem gigantischen Cliffhanger geendet.«
Fassungslos starrte ich ihn an und sagte dann einen Satz, von dem ich nie gedacht hätte, ihn mal aussprechen zu müssen. »Du kannst einem Menschen doch nicht die Haut abziehen, nur weil er dich langweilt.«
»Nicht?«
»Nein!«
»Hab ich aber doch eben getan.« Luzifer sah zu Jada. »Oder?«
Ich löste mich aus meiner Erstarrung. Nachdem ich mich von Zayne losgerissen hatte, stellte ich mich zwischen Jada und Luzifer. Das Lächeln des Teufels wurde noch etwas breiter. »Was nützt er uns denn, wenn er tot ist?«
»Was hat er uns lebendig genutzt?« Mit der Anmut eines guttrainierten Tänzers erhob sich Luzifer vom Stuhl. »Er hat uns alles verraten, was er wusste, und das waren die Namen der anderen Menschen. Auch sie werden befragt.«
»Ebenfalls, indem man ihnen die Haut abzieht?«, erkundigte sich Roth.
»Wenn’s sein muss.«
Ich schüttelte den Kopf, als ein Dämon im Türrahmen erschien. Er verströmte deutliche Hohedämon-Vibes, als er den Raum betrat. Er sah uns nicht einmal an, während er das, was von Johnny-Boy übrig geblieben war, aufhob und aus dem Zimmer trug.
Der Geruch verzog sich nur zögerlich.
»Ich hole ein paar Lufterfrischer«, brummelte Roth und verschwand. »Und Desinfektionsmittel.«
»Meinst du, dass eine der Personen, die er genannt hat, weiß, wo Gabriel oder Bael ist?«
Luzifer schien nachzudenken. »Ich bin ehrlich zu euch. Wie immer«, antwortete er, und ich bemühte mich, nicht mit den Augen zu rollen. »Kann sein, dass ich bislang etwas zu zuversichtlich war, den Aufenthaltsort der beiden ausfindig zu machen. Ich hege ernsthafte Zweifel, dass irgendwer weiß, wo die beiden sind. Also, welchen Plan auch immer ihr habt, um ihn herauszulocken, besser, er funktioniert.«
Und damit schlenderte Luzifer aus dem Zimmer.
»Wie lautete noch mal der Plan?«, fragte Cayman.
»Ihn aus der Reserve zu locken, indem wir sein Ego reizen«, erklärte Zayne.
»Es gibt auch einen Plan B«, erinnerte ich ihn.
»Von Plan B ist jetzt nicht die Rede.«
»Und warum nicht?« Ich erhielt keine Antwort, riss den Blick endlich von der Stelle los, an der der Mann in sich zusammengesackt war, und wandte mich Jada zu. »Alles okay?«
Sie nickte.
»Wenn ich gewusst hätte, dass er so was macht, hätte ich dich nicht mitgebracht«, erklärte ich ihr.
Jada sah zu mir auf. »Na ja, du hast mich schließlich zu Luzifer gebracht. Dass er strickt, habe ich nicht erwartet.«
»Das macht er auch ganz gern, aber mit menschlicher Haut«, beschloss Cayman, sein Wissen mit uns zu teilen. »Ich bin übrigens Cayman. Deine Freunde haben vergessen, uns einander vorzustellen.«
»Jada«, erwiderte sie.
Roth kehrte mit Lufterfrischern zurück. An seiner Seite war Layla, die einen Wischmopp und Desinfektionstücher mitbrachte.
»Mal herhören«, sagte Zayne zu Roth, während Layla sich daranmachte, den Boden zu schrubben. »Die Engelsklingen? Sie sind verschwunden.«
Roth hielt mitten im Zerstäuben des Lufterfrischers inne. »Was?«
Zayne und Roth erörterten daraufhin, ob ein Wächter die Klingen gestohlen hatte oder nicht. Schließlich stand Jada auf und ging zu einem der Fenster. Mir war nicht mal aufgefallen, dass sie dem Gespräch gefolgt war, bis sie sagte: »Ich wäre nicht erstaunt, wenn einer der Wächter sie genommen hätte.«
Wir alle wandten uns ihr zu.
»Ich weiß nicht, wer du bist«, sagte Roth, »aber du gefällst mir.«
Jada schien sich ein wenig unbehaglich zu fühlen.
»Es würde mich nicht überraschen, wenn einer der Wächter sie an sich genommen und versteckt hätte. Ich meine, die meisten Wächter sind Dämonen gegenüber … nicht freundlich gestimmt, und auch wenn das hier … äh … anders zu sein scheint … Ohne vorschnell urteilen zu wollen«, fügte sie rasch hinzu. »Aber ich kann mir vorstellen, dass nicht alle Wächter hiermit einverstanden sind.«
»Stimmt«, bestätigte Layla und blickte zu Zayne. »Das weißt du doch.«
Er atmete schwer aus und nickte. »Ich könnte mir vorstellen, dass einer der Wächter der Meinung ist, die Klingen seien sicherer verstaut, wenn Gideon oder Nic nicht wüssten, wo sie sind.«
»Oder sie wollen sie gegen einen von uns einsetzen«, erklärte Roth. »Das heißt, diese Klingen müssen gefunden werden.«
»Wir fügen sie unserer ständig wachsenden Liste von Dingen hinzu, die gefunden werden müssen«, kommentierte Zayne.
Stirnrunzelnd sah Roth sich im Zimmer um. »Wo ist Luzifer?«
»Ich glaube, im Wohnzimmer.« Ich gähnte. »Zurück zu Supernatural, schätze ich.«
»Hm. Das gleicht der Erziehung eines wirklich nervigen Kleinkinds, könnte ich mir vorstellen«, erwiderte Roth.
Layla schloss die Augen und holte tief Luft. »Der heutige Tag kann nicht noch verrückter werden, glaub ich.«
»Ähm, Leute?« Jada schaute aus dem Fenster. »Ich glaube, da draußen ist eine Legion echter Dämonen, die … Badminton spielen? Mit einem …« Sie wich einen Schritt vom Fenster zurück. »Mit dem Kopf von diesem Kerl. Dem Kerl, den Luzifer gehäutet hat.« Sie schaute uns an. »Sie spielen tatsächlich Badminton und benutzen den Kopf von diesem Kerl als Federball.«
Wir alle drehten uns gleichzeitig zu Layla um.
»Sorry«, sagte sie und öffnete die Augen. »Ich sag nie wieder was.«
Schon seltsam, dass wir, nachdem wir mitbekommen hatten, was Luzifer getan hatte, trotzdem imstande waren, in einem der Restaurants in der Innenstadt ein frühes Abendessen zu uns zu nehmen.
Keine Ahnung, was das über uns drei aussagte, aber ich war froh, weil ich so mehr Zeit mit Jada verbringen konnte. Wir plauderten über Dinge, die nichts mit dem Boten zu tun hatten, und es war schön, zu sehen, wie gut sie und Zayne sich verstanden.
Das fühlte sich so … normal an.
Irgendwie nach einer Zukunft. Und obwohl Zaynes und meine Zukunft nicht einfach sein würde, allein wenn man die ganze Sache mit dem Altern bedachte, vermittelte mir das hier ein gutes Gefühl. Und daran hielt ich auch noch fest, nachdem Jada aufs Clan-Gelände zurückgekehrt war und während Zayne und ich wieder durch die Stadt streiften, in der Hoffnung, eine von Gabriels Schlägertruppen anzulocken.
»Was wünschst du dir zum Frühstück?«, fragte Zayne, während wir an mehreren Geschäften vorbeigingen, die bereits geschlossen hatten.
Ich wollte Jada und Ty zum Frühstück treffen. Das heißt, wenn sie nicht immer noch streiten würden. Aber das bezweifelte ich. Ich wusste, dass sie in den nächsten Tagen in unsere Siedlung zurückkehren mussten. Und insgeheim rechnete ich immer noch damit, dass Thierry oder Matthew hier auftauchten.
»Weiß nicht.« Ich suchte die dunklen Bäume ab, konnte aber keinen einzigen Dämon entdecken. Offenbar hatten sich alle entweder um Luzifer oder Gabriel versammelt. »Ich weiß, die beiden sind nicht wählerisch. Ich auch nicht, also wenn dir ein schönes Lokal einfällt, geht das sicher klar.«
»Was wäre, wenn ich einen Laden aussuchen würde, der nur Eiweiß und Spinat auf der Karte hat?«
»Dann würde ich nie wieder mit dir reden.«
»Aber du würdest mich trotzdem weiterhin lieben.«
»Nur widerwillig«, witzelte ich.
Lachend senkte Zayne den Kopf und gab mir einen Kuss auf die Wange. »Ich suche ein Lokal mit so viel gebratenem Speck, wie du nur essen kannst.«
»Und Waffeln.«
»Was ist mit Pancakes?«
»Igitt. Nein.«
»Was?« Er schaute zu mir herunter. »Wie kannst du Waffeln mögen, aber keine Pancakes?«
»Ist halt so.«
»Du bist merkwürdig.«
»Ich bin nicht diejenige, die freiwillig nur das Weiße vom Ei isst.«
»Was ist daran merkwürdig? Das ist gesund.«
»Mehr musst du nicht sagen, um meinen Standpunkt zu unterstreichen.« Wir näherten uns einer Straßenkreuzung. »Du wirst nicht an verstopften Arterien sterben, also leb ein bisschen, und iss auch das Eigelb.«
Zayne lachte, als er mir die Hand auf den Rücken legte und wir die Straße überquerten. Er wartete, bis zwischen uns und den anderen Passanten genug Platz war, damit unser Gespräch nicht belauscht werden konnte. »Ich habe mir überlegt, wie wir Gabriel hervorlocken können. Zuletzt hast du ihn an dieser Schule gesehen. Offensichtlich eine Falle, aber was, wenn die Falle in beide Richtungen funktioniert?«
Ich kapierte sofort, worauf er hinauswollte. »Du meinst, wir sollten zu dieser Schule gehen – zum Portal, um Gabriels Aufmerksamkeit zu erregen?«
»Er muss diesen Ort ja im Blick haben.«
»Da bin ich sicher. Daran hab ich auch schon gedacht.« Ich hielt abrupt an, weil Zayne mich am Arm fasste und festhielt, da jemand direkt vor mir in einen Lebensmittelladen stürmte. »Allerdings ist die Schule immer noch voll von Geistern, Gespenstern und Schattenwesen. Mittlerweile sind es vermutlich noch mehr als jemals zuvor.«
»Aber der Unterschied ist, dass ich sie jetzt sehen kann. Da bist nicht nur du, die alles im Auge behalten muss«, betonte er.
Ich überlegte, während wir unsere Schritte verlangsamten und uns abstrakten Steingebilden näherten, von denen ich annahm, dass es sich um Kunstwerke am Eingang zu einem Stadtpark handelte. »Diese Schule ist echt der letzte Ort, den ich aufsuchen möchte. Da bekomme selbst ich eine Gänsehaut«, gab ich zu. »Aber vielleicht haben wir dabei mehr Glück, als wenn wir ziellos durch die Straßen streifen.« Ich blieb bei einem Steinobjekt stehen, das wie ein Donut aussah, und schaute zu Zayne auf. »Vor allem da Gabriel ja wissen muss, dass du nicht tot bist.«
»Sondern in einer neuen und verbesserten Version zurückgekehrt bin«, fügte er hinzu.
Ich musste einfach grinsen. »Und sollten die Dämonen an Roths Haus Luzifer gespürt haben, dann nehme ich an, dass die, die mit Gabriel zusammenarbeiten, ebenfalls seine Ankunft gespürt haben.«
»Ganz zu schweigen von dem Feuerwerk gestern Abend.«
Ich nickte und war verblüfft, dass das erst gestern gewesen war. Es fühlte sich an, als wäre es schon eine Woche her. »Er wird wahrscheinlich vorsichtiger sein.«
»Immerhin ein Plan.« Zayne verschränkte die Arme vor der Brust. »Besser, als wenn du der Köder bist und dich erwischen lässt.«
»Aber auch keine schlechte Idee und durchaus noch nicht vom Tisch«, erwiderte ich und beobachtete, wie sich Zaynes Kiefer im Schein der Straßenlaterne anspannte. »Ja, ich weiß, dass dir das nicht gefällt, aber wenn wir Gabriel oder Bael nicht dazu bringen, sich zu zeigen, wenn wir in die Schule gehen, müssen wir eben diese Variante versuchen. Ich will nicht bis kurz vor der Verklärung warten, um ihn aufzuhalten. Das wäre zu kurzfristig und …« Ich schwieg, als eine kleine Gruppe von Leuten die Kreuzung überquerte. Sie waren zu weit weg, und das Licht war nicht hell genug, als dass ich ihre Gesichtszüge hätte erkennen können, aber als ich sie betrachtete, breitete sich eine Gänsehaut auf meinen Armen aus.
Drei aus der Gruppe unterhielten sich und lachten miteinander, doch hinter ihnen ging jemand – jemand, dessen Schatten mir nicht richtig erschien.
Zayne folgte meinem Blick. Die Gruppe schritt unter dem Licht durch, das aus dem Park drang. Die drei gingen weiter. Einer nicht.
Ich blinzelte, als die hintere Person stehen blieb und zu uns schaute.
»Heilige Scheiße«, flüsterte Zayne.
Ich trat einen Schritt vorwärts und dann noch einen, damit ich besser sehen konnte.
Und hätte mir umgehend gewünscht, es nicht getan zu haben.
Nur die Hälfte des Kopfes dieses Mannes schien intakt. Die andere Hälfte war verbeult, eingefallen und, soweit ich erkennen konnte, eine blutgetränkte Schweinerei.
Ich erkannte den Mann.
Es war Senator Fisher.