»Ich weiß nicht, ob ich meinen Augen trauen kann oder nicht«, meinte Zayne.
»Doch, das ist er wirklich«, flüsterte ich, immer noch ein wenig schockiert, dass Zayne ihn tatsächlich auch sehen konnte.
»Sehen die immer so aus?«
»Einige schon, leider.« Ich ging um Zayne herum und rief: »Senator Fisher.«
Der Geist rührte sich nicht, erschien aber wie bei schlechtem Empfang auf einem alten Fernseher mal mehr und mal weniger klar. »Ich habe versucht, euch zu finden«, sagte er, und seine Stimme klang, als würde er am anderen Ende eines langen Tunnels stehen. »Aber ich lande immer wieder hier, immer und immer wieder.«
Zayne drehte sich und stieß einen leisen Pfiff aus. »Das Hotel ist gleich auf der anderen Straßenseite. Ist mir bisher gar nicht aufgefallen.«
»Zufall?« Ich überlegte und verschränkte die Arme, während ich mich ganz auf den Senator konzentrierte. »Sie landen immer wieder hier, weil Sie hier gestorben sind.«
Der Geist schwebte vorwärts. »Hier habe ich auch ihn zum ersten Mal getroffen.«
»Bael?«
Der Geist schüttelte den Kopf, und bei dem Anblick drehte sich mir der Magen um. »Nein. Ihn. Den Boten.«
»Hatten Sie nicht gesagt, dass Sie nur mit Bael gesprochen haben?«, fragte Zayne.
»Er meinte, er wäre zu ihm gekommen«, erinnerte ich Zayne.
»Ich habe den Boten nur einmal gesehen und danach nur Bael«, erklärte der Senator und kam noch näher. Irgendwie wünschte ich mir, er hätte es gelassen. »Ich dachte, er wäre ein Engel, der als Antwort auf meine Gebete erschienen war. Er ist ja auch ein Engel. Ich dachte, er würde mir helfen. Dass er Natashya zurückbringen würde.«
Zuvor hatte ich Mitleid für den Mann empfunden, trotz all der Wut. Aber jetzt? Jetzt, da ich wusste, was er mitmachte? War da mehr Mitleid als alles andere. »Tut mir leid«, sagte ich. »Tut mir leid, dass er Sie angelogen hat. Und dass Sie ihm geglaubt haben.«
Ein Auge war auf mich gerichtet. Das andere … na ja, ich wollte gar nicht wissen, wo das gelandet war. »Sie war mein Ein und Alles – meine Stärke, mein Mut. Mein Rückgrat und die Stimme der Vernunft. Ich hätte es nie dorthin geschafft, wo ich war, wenn sie sich nicht für mich entschieden hätte …«
Ein junger Mann lief durch den Senator hindurch, sodass der Geist kurzzeitig in viele Einzelteile zerfiel. Mit angehaltenem Atem wartete ich, bis sich der Senator wieder zusammengesetzt hatte.
Zayne blickte auf den Rücken des jungen Mannes. »Er hat das nicht mal gemerkt.« Er sah mich an. »Wie oft bin ich schon durch Geister hindurchgelaufen?«
»Die Antwort möchtest du vermutlich gar nicht hören«, sagte ich und schaute dann wieder zu Fisher.
»Ich werde sie nie wiedersehen, oder?«, fragte er und flackerte. »Das wurde mir klar, als ihr fort wart. Ich besaß nichts mehr.«
Mein Herz krampfte sich zusammen. »Haben Sie …«
»Es war der, der so ist wie du. Sulien. Er hat zugesehen. Er hat immer zugeschaut.« Fishers Stimme wurde leiser. »Ich wollte dich finden – euch beide finden und euch erzählen, was ich wusste, aber dann war Sulien da … und jetzt ist da diese Sache, die mich immer verfolgt. Ein Licht.«
»Und Sie wollen da nicht hin«, mutmaßte ich und war mir nicht sicher, ob ich erleichtert war oder nicht, als ich erfuhr, dass er aus dem Hotelfenster geworfen worden war. Ich konnte es ihm echt nicht verübeln, dass er das Licht mied. Der Senator wusste jetzt genug, um zu ahnen, was ihn erwartete, und es würde höchstwahrscheinlich nicht schön. Am liebsten hätte ich gelogen, und das nicht nur, weil es ihn vielleicht eher dazu bringen würde, uns hilfreiche Informationen zu geben, die er bisher zurückgehalten hatte, sondern weil Fisher auf die mieseste Art ausgetrickst worden war. Wenn man ihn nicht dermaßen ausgenutzt hätte, wäre er vielleicht nicht in der Lage gewesen, solch einen Schaden anzurichten. Dennoch war es seine Entscheidung gewesen, und mit ihm mitzufühlen hieß nicht, dass sein Verhalten in Ordnung gewesen war.
Doch wenn es um diese eine Sache ging, konnte ich nicht lügen. »Ich glaube nicht, dass Sie Ihre Frau wiedersehen werden«, sagte ich und atmete schwer aus. »Der Bote hat Ihren Kummer ausgenutzt und ihn gegen Sie verwendet, aber letztlich haben Sie die Entscheidungen getroffen, selbst als Sie schon bemerkt hatten, dass etwas nicht stimmt. Dafür werden Sie sich verantworten müssen, denn hier können Sie nicht bleiben. Sonst werden Sie noch schlimmer enden, als es bereits jetzt der Fall ist.«
»Aber … aber vergibt mir Gott?« Fisher hob die nur halb vorhandenen Finger. »Ich habe immer geglaubt, dass er das tut. So habe ich das gelernt, aber …«
Aber dann hatte er einen mörderischen Erzengel getroffen und stellte nun alles infrage, was er über Gott und all das wusste. Ich schaute zu Zayne, unsicher, was ich darauf antworten sollte.
»Das wissen wir nicht«, meinte Zayne an meiner Stelle. »Und ich glaube, niemand weiß wirklich, was verziehen werden kann und was nicht. Aber dem Ganzen aus dem Weg gehen? Wahrscheinlich tut man sich damit keinen Gefallen.«
Der Senator hielt inne und blickte zum Hotel auf der anderen Straßenseite.
Ich holte tief Luft. »Sie haben nach mir gesucht – nach uns? Um uns etwas mitzuteilen? Wenn ja, möchten Sie es vielleicht jetzt tun. Ich weiß, Ihnen bleibt vermutlich nicht viel Zeit, bis Sie völlig den Halt verlieren …«
»Und zerfließe«, sagte er. »Manchmal zerfließe ich einfach so.«
»Das klingt … beunruhigend«, murmelte Zayne.
»Ich hab gelogen. Ich habe die Leute, die ich vertreten habe, so oft belogen, zum Beispiel die Familien dieser Kinder, die so viel Hoffnung in mich gesetzt haben«, fuhr Fisher fort, und ich wurde langsam ungeduldig. »Ich habe Natashya angelogen. Habe ihr erzählt, dass ich weiterleben würde – dass ich nicht mich oder den Glauben verlieren würde. Ich habe euch beide belogen.« Er starrte weiter auf die andere Straßenseite. »Da ist es. Das Licht.«
Zayne drehte sich um, und ich schwor bei Gott, wenn er auch das jetzt sehen könnte, würde ich den Verstand verlieren. Zum Glück für ihn nahm ich an, dass es nicht so weit kam, denn als er sich wieder umdrehte, runzelte er die Stirn.
»Warum haben Sie uns gesucht? Sie meinten vorhin, Sie wollten zu uns kommen, bevor Sulien bei Ihnen aufgetaucht ist«, versuchte ich, Fisher wieder in die richtige Spur zu bringen. »Wenn Sie also etwas wissen, das uns helfen könnte, den Boten aufzuhalten …«
»Es wird nicht alles ungeschehen machen, was ich getan habe. Es wird die Dinge nicht geraderücken.«
»Nein«, sagte ich leise. »Vermutlich nicht, aber das hier ist wichtiger als Sie – wichtiger als wir alle. Was der Bote vorhat, wird diese Welt und Teile des Himmels zerstören. Es wird das Ende von allem bedeuten. Wir müssen ihn aufhalten.«
»Sie sind zusammen.« Senator Fishers Umrisse krümmten sich. »Der Bote und Bael. Ich habe gelogen, als ich sagte, ich wüsste nicht, wo. Ich hatte Angst. War ein Feigling. Ich darf mich nicht mehr fürchten.«
Ich glaubte, Zayne und ich hielten gleichzeitig den Atem an.
»Er wohnt auf einer Farm in Gaithersburg.« Schnell ratterte er eine unbekannte Adresse herunter. »Da solltet ihr die beiden finden.« Er zuckte wieder, erschien danach aber stabiler. »Was ich angerichtet habe, tut mir leid. Es ist an der Zeit, zu ernten, was ich gesät habe.«
Senator Fisher machte einen Schritt vorwärts und verschwand, noch bevor ich mich bedanken konnte.
»Er ist weg.« Zayne drehte sich langsam im Kreis. »Ist er …?«
»Er ist ins Licht gegangen.« Ich hatte einen Kloß in der Kehle und schluckte schwer. »Er ist vor seinen Richter getreten.«
Wir hielten die verdammt seltsamste Telefonkonferenz aller Zeiten ab. Roth, Layla und Luzifer an einem Ende und Nicolai und ein paar Wächter am anderen.
Ich war heilfroh, dass es kein Videocall war.
»Das ist etwa eine Stunde von hier, je nach Verkehr«, sagte Zayne, der die Adresse, die Senator Fisher genannt hatte, noch im selben Moment auf seinem Handy gecheckt hatte, als der ins Licht gegangen war. Jetzt lag der aufgeklappte Laptop auf Zaynes Schoß, während wir auf der Couch saßen. Wir hielten es für das Beste, beide Seiten gleichzeitig anzurufen. Bis jetzt hatten sich auch alle gut benommen.
Wahrscheinlich weil Luzifer offenbar parallel Supernatural schaute.
Schockierend.
»Das Haus stand wohl vor Kurzem zum Verkauf«, sagte Zayne. »Das Angebot ist immer noch auf einer Immobilien-Website zu finden.«
»Ich glaube nicht, dass irgendwer momentan an einem Hauskauf interessiert ist«, warf Roth ein.
»Verdammt, und ich dachte, du wolltest in was Größeres ziehen«, erwiderte Zayne, und grinsend schob ich mir die Brille auf der Nase zurecht. »Warum ich das erwähne: In der Beschreibung der Immobilie ist eine hochmoderne Videoüberwachungsanlage aufgeführt. Auf das Grundstück zu gelangen, ohne dass Gabriel etwas davon mitbekommt, wird schon schwer sein, aber anscheinend gibt’s da auch noch überall Kameras, selbst in der Scheune.«
»Und wie sicher sind wir, dass Gabriel überhaupt dort ist?«, erkundigte sich Nicolai.
»So sicher, wie man eben sein kann«, meldete ich mich zu Wort. »Ich glaube, Senator Fisher hat die Wahrheit gesagt. Das ist unsere beste Spur.«
Von Wächter-Seite drang daraufhin Gemurmel aus dem Handylautsprecher, und dann hörte ich Nicolai fragen: »Also, wie lautet der Plan?«
Zayne sah zu mir rüber.
Was? formte ich lautlos mit den Lippen.
Er hob die Brauen, deutete mit dem Kinn in Richtung Smartphone und gab mir damit wortlos zu verstehen, dass ich entscheiden sollte.
Wofür ich dankbar war.
Aber ich zierte mich ein bisschen, weil ich es nicht gewohnt war, über etwas so Großes zu entscheiden. »Ich finde, wir …« Ich räusperte mich und konzentrierte mich aufs Handy. »Wir müssen schnell gegen ihn vorgehen. Wir müssen das Überraschungsmoment nutzen, vor allem weil er bestimmt weiß, was mit Zayne geschehen ist und dass Luzifer hier oben ist. Je länger wir warten, desto mehr Zeit hat er, seine Kräfte zu bündeln und sich vorzubereiten.«
Ich schaute auf und begegnete Zaynes Blick. Er nickte und meinte: »Das meine ich auch. Wir müssen ihn schnell und hart treffen.«
»Klingt schmutzig, Stony«, schnurrte Roth.
Ich schüttelte den Kopf über ihn.
»Also, was meint ihr? Ziehen wir das morgen durch?«, fragte Nicolai.
Mein Magen rumorte ein wenig. Morgen. Weniger als vierundzwanzig Stunden, und das schien mir nicht annähernd genug Zeit, um mich darauf vorzubereiten, Gabriel erneut gegenüberzutreten.
Aber die Wahrheit lautete, dass ich mich mein ganzes Leben lang darauf vorbereitet hatte.
Meine Gedanken beruhigten sich, genauso wie mein Magen. »Morgen«, sagte ich nickend. »Kurz vor Einbruch der Dunkelheit. Dann ist es einfacher als tagsüber, näher ans Grundstück zu kommen. Die Bilder, die Zayne im Netz gefunden hat, zeigen, dass es von vielen Bäumen umgeben ist, das sollte also helfen.«
»Bis zu einem gewissen Grad«, meldete sich Zayne zu Wort. »Mit Sicherheit wird das Gelände kameraüberwacht, aber laut Immobilienbeschreibung liegt das Grundstück an einer Privatstraße in einer ziemlich bewaldeten Gegend.«
»Deshalb denke ich, wir sollten uns am nächstgelegenen, aber sichersten Punkt treffen«, sagte ich.
»Einverstanden.« Nicolai nickte. »Du hast den gesamten Clan hinter dir.«
»Und wir haben all die Dämonen, die hierhergekommen sind«, erklärte Roth. »Ist das ein Problem? Dass Wächter und Dämonen zusammenarbeiten?«
Zayne und ich tauschten einen Blick und warteten, was Nicolai antworten würde.
»Im Moment haben wir größere Probleme«, erklärte er. »Wir werden keine Dämonen angreifen, die auf dasselbe Ziel hinarbeiten, solange auch sie sich fair verhalten.«
»Sie werden fair sein«, versicherte Roth.
»Gut«, stieß Nicolai aus.
Ich lächelte. Dämonen und Wächter, die zusammenarbeiteten, um einen Erzengel aufzuhalten, der die Welt vernichten wollte. Wer hätte das jemals gedacht?
»Zunächst sollte nur ich in Erscheinung treten«, schlug ich vor. »Er wird wissen, dass ich nicht allein bin, aber hoffentlich nicht alle kennen, die auf unserer Seite sind. Wir brauchen das Überraschungsmoment.«
Als Zayne nicht widersprach, fuhr ich fort: »Von da an wird es an uns liegen, auf Gabriel achtzugeben.«
Das Telefonat ging danach noch eine Weile weiter, wir entschieden uns für eine Uhrzeit, und als das Gespräch mit allen beendet war, klappte Zayne den Laptop zu und sah zu mir herüber.
»Wie geht’s dir damit?«, wollte er wissen.
Ich überlegte. »Gut, glaub ich. Ich bin zuversichtlich. In vierundzwanzig Stunden könnte alles vorbei sein.«
Er sah mich an und nickte. »Es ist ein guter Plan. Wir werden Gabriel aufhalten.«
»Ja, werden wir.« Unsere Blicke trafen sich, und mein Herz setzte einen Schlag aus.
Morgen Abend würde alles zu Ende sein. Entweder waren wir erfolgreich, oder wir scheiterten, aber es würde enden, weil es keine zweite Chance geben würde.
Die Erkenntnis, dass das alles real war, traf mich wie ein Blitz, und ich schaute Zayne an. Sollten wir keinen Erfolg haben, würden wir keinen weiteren Angriff starten können, weil dabei Leute zu Schaden kommen würden. Zu scheitern bedeutete, dass Gabriel mich gefangen nehmen würde, und das durfte ich nicht zulassen. Also entweder starb Gabriel oder …
Ich dachte den Gedanken nicht zu Ende, aber er bedrückte mich. Die Last, was meinerseits zu tun war, wenn wir versagten, hatte sich bereits auf meine Schultern gelegt.
Mit pochendem Herzen nahm ich die Brille ab, klappte die Bügel sorgfältig zusammen und legte sie auf den Couchtisch.
Keine Ahnung, was Zayne dachte, als ich den Laptop auf ein Kissen in der Nähe warf und den Platz auf seinem Schoß einnahm. Doch da glühte ein Feuer in seinen Augen. Ein gold-weißes, hell brennendes Leuchten hinter den Pupillen.
Er strich über meine Wangenknochen und die Wölbung meines Kiefers, während ich über seine Unterlippe fuhr. »Ich liebe dich«, flüsterte er.
Ich beugte mich vor. Zunächst war der Kuss sanft, und wir ließen uns Zeit, als würden wir uns die Umrisse unserer Lippen einprägen wollen. Dann wurde der Kuss heftiger, leidenschaftlicher – mit einem Hauch von Verzweiflung, die uns beide verzehrte. Irgendwie schafften wir es ins Schlafzimmer, und mit einer Geschwindigkeit, die ziemlich beeindruckend war, rissen wir uns die Klamotten vom Körper, und dann … dann verschmolzen wir miteinander.
Hinter jeder Berührung und jedem Kuss steckte eine Erkenntnis, die ich nicht preisgeben wollte. Also benutzte ich meinen Mund, meine Hände und meinen Körper, um auszudrücken, was ich Zayne nicht sagen konnte.
Sollten wir Gabriel nicht aufhalten, käme ich nicht mehr mit Zayne nach Hause. Dann wäre das hier unser letztes Mal.
Der folgende Tag begann wie jeder andere normale gute Tag.
Gemeinsam mit Jada und Ty frühstückten Zayne und ich bis mittags. Sie wollten gern am Abend dabei sein, aber auch wenn Ty gut trainiert war und Jada sich zu verteidigen wusste, waren beide nicht imstande dazu. Obwohl sie darüber nicht glücklich waren, zeigten sie Verständnis.
Als wir uns voneinander verabschiedeten, fiel es mir schwer, Jada zu umarmen, denn die Worte, die ich gestern Nacht schon nicht hatte aussprechen wollen, verfolgten mich noch immer. Es konnte das letzte Mal sein, dass wir uns sahen.
Den Rest der Zeit verbrachten Zayne und ich allein. Wir schauten ein paar Folgen von Der Prinz von Bel-Air. Ich brachte Zayne dazu, eine Dose Cola zu trinken, während wir uns einen Becher superleckeres italienisches Eis mit Waldbeergeschmack teilten. Danach schliefen wir erneut miteinander.
Und als ich mich eine gute Stunde vor dem geplanten Treffen mit den anderen anzog, suchte ich mal wieder nach Peanut. Ich schnallte die Dolche um und flocht mir einen Zopf, parallel lauschte ich auf irgendeinen Hinweis von ihm. Als wir das Apartment verließen, blieb ich in der Tür stehen, um mich noch einmal nach ihm umzusehen … nur für den Fall.
Er war nicht da.
Die Fahrt zur Farm verlief ruhig, ebenso wie der kurze Fußmarsch zu der Stelle, an der wir die anderen treffen sollten. Die ganze Zeit über hielten Zayne und ich uns an den Händen. Als wir uns den anderen näherten, stoppte Zayne kurz und küsste mich.
Und das war die Art von Kuss, die einfach alles enthielt, was wir füreinander empfanden. Ein inniger und fordernder Kuss mit einem Hauch Verzweiflung. Ein Kuss, der mehr versprach – mehr verlangte. Ich war ein wenig aufgewühlt, als Zayne den Mund von meinem löste, und wir beide bewegten uns eine ganze Weile nicht. Ich glaubte, wir wollten einfach dort bleiben, genau dort, aber wir konnten nicht. Das war uns klar, darum gingen wir schließlich weiter.
Wir näherten uns dem Treffpunkt, und ich sah, dass Dez und Nic so weit wie möglich von den anderen dreien entfernt standen. Das konnte ich den Wächtern wirklich nicht verübeln, denn zu der Dreiergruppe gehörte Luzifer, der … Ich blinzelte. Der ganz offensichtlich etwas auf einem Tablet anschaute.
»Da seid ihr ja.« Nicolais erleichterter Tonfall war nicht zu überhören.
»Wo sind die anderen?«, fragte ich.
»Wir dachten, es wäre besser, wenn sie sich erst mal zurückhalten«, erklärte Nicolai und schaute zu dem umgestürzten Baumstamm, auf dem Luzifer hockte. »So besteht weniger Gefahr, dass etwas schiefgeht.«
»Gute Entscheidung«, sagte Layla. »Seine Legion unerwünschter Hausgäste hält sich auch zurück.«
»Ich glaube nicht, dass das wirklich nötig ist«, meinte Roth. »Denn Luzifer bekommt doch überhaupt nicht mit, was in diesem Moment um ihn los ist.«
Er schien uns nicht einmal zu hören.
»Er hat Earbuds drin«, erklärte Zayne. »Lasst mich raten – Supernatural?«
Layla nickte.
»Unglaublich, dass Luzifer da drüben mit einem Tablet sitzt«, bemerkte Dez. »Kommt mir vor wie ein luzider Traum.«
»Die ganzen letzten Tage meines Lebens haben sich wie ein luzider Traum angefühlt«, entgegnete Layla.
Roth grinste sie an und wandte sich dann mir zu. »Bist du bereit?«
Mein Herz setzte einen Schlag aus. »Ja. Er auch?«
»Ja. Er kennt den Plan. Unterstützung ist hier. Na ja, fast alle.« Roth strich sich über die Brust. »Zeit für ein Spielchen.«
Hauchdünner schwarzer Rauch waberte unter Roths Hemd hervor und strömte in die Luft. Die Schatten verwandelten sich in Tausende kleiner schwarzer Punkte, die wie Minizyklone herumwirbelten.
Bambi löste sich als Erste von Roths Haut und nahm Gestalt an. Die Riesenschlange glitt sofort zu Zayne und mir.
Drei Schatten entstanden aus den sich drehenden Perlen und fielen zu Boden – schwarz, weiß und eine Mischung aus beidem. Über ihnen sah ich schillernde blaue und goldene … Schuppen auf dem Bauch und Rücken des Drachens.
Heiliger Mist, das war der Drache, von dem ich gehört hatte. Aufregung erfasste mich.
Mit aufgerissenen Augen beobachtete ich, wie tiefrote Flügel sprossen, zusammen mit einer langen, stolzen Schnauze und krallenbewehrten Hinterbeinen. Seine Augen ähnelten denen von Roth, sie waren strahlend gelb.
Aber … aber er war nur ungefähr so groß wie ein kleiner Hund.
Ich schaute hinab. Drei Kätzchen wuselten um ihn herum, eines ganz weiß, eines ganz schwarz und ein drittes schwarz-weiß. Das weiße stürzte sich auf das schwarz-weiße Kätzchen, stieß es um und fiel dabei auf den Rücken. Das schwarze sprang und fegte nach dem Schwanz des Drachenbabys.
Langsam hob ich den Kopf in Richtung Roth. Noch nie in meinem Leben war ich so enttäuscht gewesen.
»Die kommen nicht viel raus«, sagte er achselzuckend.
»Kätzchen?«, flüsterte ich. »Und ein Babydrache? Ernsthaft? Du hast Kätzchen und einen Babydrachen zur Unterstützung mitgebracht? Als Snack für Bambi?«
Das schwarze Kätzchen fauchte mich an.
»Wart’s ab«, sagte Layla, während sich Bambi über meinen Fuß schlängelte und ihren rautenförmigen Kopf hob. Keine Ahnung, worauf ich warten sollte, als Bambi plötzlich meine Hand anstupste, offensichtlich wollte sie gestreichelt werden. Ich strich ihr über den Kopf und erstarrte, als das weiße Kätzchen seine klitzekleinen Pfoten ausstreckte und gähnte.
Es gähnte. Echt.
»Nitro macht sich eben warm«, sagte Roth, weil Dez und Nicolai ihn bloß sprachlos anstarrten.
»Meinst du, die können das vielleicht ein bisschen beschleunigen?«, fragte Zayne betont leise. »Denn das wird langsam peinlich.«
Das Kätzchen miaute, als sich das Fell entlang der Wirbelsäule aufrichtete. Wieder öffnete es das Maul, und ich schwor bei Gott, wenn es jetzt noch einmal gähnte, würde ich Roth treten.
Und zwar direkt ins Gesicht.
Und mir dann die kleinen Kerle schnappen und sie verstecken, damit sie nicht noch zu Tode getrampelt wurden.
Nur, was aus dem Kätzchen herausdrang, war ein sich steigerndes Miauen, das zu einem kehligen Knurren wurde, sodass mir am ganzen Körper die Haare zu Berge standen. Die schwarze Katze knurrte derart, dass es nicht zu ihrem kleinen Körper passte, und die schwarz-weiße fauchte wie ein sehr großes, sehr wütendes Raubtier.
Und dann nahmen sie eine andere Gestalt an.
Das weiße Fellknäuel wurde größer und dehnte sich aus, die Beine wurden länger und die Schultern breiter. Dicke Muskeln kamen zum Vorschein, und die zarten Krallen wurden zu kräftigen, scharfen Klauen. Das niedliche Miauen verwandelte sich in ein Brüllen, während Nitros Schnauze länger wurde und sein Maul sich öffnete, um haifischgroße Reißzähne zu offenbaren.
Nun reichten mir die ehemaligen Kätzchen bis zur Taille und waren groß genug, um mich zu fressen.
»Heiliger Mist«, flüsterte ich erneut.
Roth streichelte den Bauch der schwarz-weißen Katze, während der immer noch sehr kleine Drache auf Laylas Schulter kletterte. »Das hier ist Fury. Der schwarze heißt Thor«, erklärte Roth. »Und sie fressen gern Dinge, die sie für gewöhnlich nicht vertragen, nicht wahr? Beispielsweise Wächter?«
»Roth«, mahnte Layla und wandte sich dann rasch den Wächtern zu. »Er macht nur Witze.«
Die Art und Weise, wie der Kater namens Fury die beiden Wächter anstarrte, sagte mir, dass man sich da nicht so sicher sein konnte.
Zeit, sich wieder auf etwas anderes zu konzentrieren. »Was ist mit Robin?«, fragte ich. »Wird er auch größer?« Die Vorstellung eines Riesenfuchses machte mir Angst.
»Wenn er älter wird«, antwortete Layla und berührte ihren bedeckten Arm. »Noch ist er ein Baby. Wenn ich ihn losließe, würde er bloß seinem eigenen Schwanz nachjagen.«
Ich lachte.
»Seid ihr jetzt mal langsam fertig damit, herumzustehen und zu glauben, ich bekomme nichts mit?«, fragte Luzifer und erstaunte uns alle damit. Das Tablet an die Brust gedrückt, blickte er uns an. »Die Sonne geht unter. Es wird Zeit.«
Mein nächster Atemzug blieb mir in der Kehle stecken, während die Schatten im Wald größer wurden. Luzifer hatte recht.
Es war an der Zeit.