Das leicht ansteigende, üppig grüne Gras wirkte in der Dämmerung so malerisch wie ein Ansichtskartenmotiv, doch in dem Moment, als ich aus der dichten Baumreihe heraustrat, arbeitete mein Dämonen-Erfassungssystem auf Hochtouren.
Und das hatte nichts damit zu tun, dass sich Luzifer überraschenderweise nicht weit hinter mir befand.
Ich spürte Zaynes Blick auf mir, während ich vorwärts ging und das nur unscharf zu erkennende Haus vor mir scannte. Dort schien sich nichts zu rühren, trotzdem breitete sich eine Gänsehaut auf meinen Armen aus. Ungefähr fünfzig Meter von dem weitläufigen Farmhaus im Kolonialstil blieb ich stehen. Ich blinzelte, die letzten Sonnenstrahlen versickerten, die Schatten entlang der vorderen Veranda wurden rasch größer und zeichneten sich an den weißen Säulen und Außenwänden im Erdgeschoss ab.
Allerdings handelte es sich nicht um normale Schatten. Sie bewegten sich zu schnell, hüpften wie Ping-Pong-Bälle von einer Säule zur nächsten.
Schattenwesen.
»Hey«, rief ich, und das heiße Kribbeln im Nacken nahm zu.
Die Schatten erstarrten.
Das Ganze war ein bisschen nervtötend. »Ist der Bote der überlangen Monologe zu Hause?«
Ein Flüstern wurde vom Wind zu mir herübergetragen, aber die Schattenwesen sprachen zu leise, als dass ich sie hätte verstehen können. »Falls er da ist«, rief ich weiter, »sagt ihm, es ist unhöflich, Besucher warten zu lassen, auch wenn sie überraschend erschienen sind.«
»Überraschend?« Gabriels Stimme hallte um mich herum, aber ich konnte ihn nicht entdecken. »Dummes Nephilim.«
Sofort spannte ich den Körper an, mein Blick huschte vom Haus zu den dünnen Bäumen, die die Auffahrt säumten. Er konnte überall sein, und dank meiner eingeschränkten Sehfähigkeit würde ich es wohl nie herausfinden, aber ich hatte ja Augen, die viel besser sahen und mich unterstützten.
Ohne Vorwarnung flackerten daraufhin Dutzende von Flutlichtern aus Richtung des Hauses und den Nebengebäuden auf. Grellweißes Licht schoss durch die zunehmende Dunkelheit. Geblendet versuchte ich schnell, meine Augen zu schützen. Ich hob die Hand, meine Augen tränten wegen des intensiven Lichts. Trübe Flecken sammelten sich in meinem Sichtfeld, während sich meine Gnade auf der Haut ausbreitete. Meine Augen würden sich schon anpassen – hoffentlich –, aber es würde ein paar Minuten dauern.
Eine Gestalt erschien hinter dem Haus und schwang sich in die Luft. Ich konnte breite Flügel ausmachen. Mein Herz setzte einen Schlag aus. Da war er. Ich atmete tief ein und erstickte fast an dem süßlichen Geruch von … Fäulnis.
Woher kam das? Rasch blickte ich mich um, konnte jedoch nichts entdecken. Und hätte ich etwas übersehen, wäre Zayne in einer Nanosekunde bei mir gewesen. Konnte dieser Geruch von Gabriel stammen?
Ich senkte die Hand und wünschte, ich hätte ihn sehen können. Doch alles, was ich erkennen konnte, war, dass er wie ein altersschwacher Schutzengel über dem Haus schwebte.
Ich ignorierte seine Beleidigung, während ich mich zwang, die Arme lässig hängen zu lassen. »Du hast mich gesucht, also habe ich beschlossen, zu dir zu kommen.«
»Das freut mich.« Gabriels Flügel bewegten sich lautlos in der Luft. »Das macht mein Leben so viel einfacher.«
»Sicher?«
Sein Lachen trug einen Schwall Kälte zu mir herüber. »Oh ja, ganz sicher.« Er schwebte über dem Haus und hielt vor der Veranda an. »Genauso wie ich mir sicher bin, dass du nicht allein gekommen bist.«
Jetzt war ich gewarnt, obwohl es mich nicht erstaunte, dass er Bescheid wusste. »Wäre ja auch bescheuert von mir, allein hierherzukommen, und ich bin nicht bescheuert.«
»Da bin ich anderer Meinung, Kind des Michael.«
Ich formte die Augen zu Schlitzen. »Wie geht es eigentlich deinen Einschusswunden, Gabriel?«
Sofort hörte er auf, mit den Flügeln zu schlagen. »Das werde ich dir später in allen Einzelheiten zeigen.«
»Ich glaube, ich verzichte«, sagte ich. »Aber ich habe dir ein Geschenk mitgebracht. Spoiler-Alarm: Ich bin’s nicht.«
»Spoiler-Alarm?«, fragte er verwirrt.
Ich seufzte. »Du weißt nicht mal, was Spoiler-Alarm bedeutet? Ach komm, so langsam wird’s peinlich.«
Plötzlich flog Gabriel vorwärts, und beim nächsten Herzschlag spürte ich Zaynes Körperwärme im Rücken. Das golden-weiße Leuchten seiner Flügel hüllte mich ein.
Kurz vor mir hielt Gabriel an. »Ist das das Geschenk?«, wollte er wissen. »Ein Gefallener, dem die Flügel und die Gnade entrissen werden müssen? Es wird mich mehr als glücklich machen, ihn zu töten.« Es folgte eine kurze Pause. »Noch mal.«
Wut durchströmte mich, aber ich war schlauer, als ihr nachzugeben. Das hatte ich ja auf die harte Tour gelernt. »Ja, er ist ein Geschenk«, erklärte ich, und es gelang mir, einen ruhigen Tonfall beizubehalten. »Aber nicht für dich.«
Zaynes rechter Flügel strich über meinen Rücken, als er sich neben mich stellte. »Du siehst nicht gut aus, Gabriel«, sagte Zayne voller Abscheu. Er hatte recht. Der Erzengel war nun so nah, dass ich sehen konnte, dass seine Flügel und seine Haut eher einen öligen Schimmer besaßen als ein leuchtendes Glühen. »Und bist du das, der nach Verwesung stinkt?«
»Du riechst das auch?«, fragte ich. »Denn ich hab mich schon gewundert, ob sich Gabriel in die Hose gemacht hat oder so.«
»Mein Bruder hat sich nicht in die Hose gemacht«, schaltete sich Luzifer ein, und meine Hände ballten sich zu Fäusten. Natürlich hatte er mir nicht zugehört. Er stellte sich links von mir auf. »Noch nicht.«
»Das ist dein Überraschungsgeschenk«, sagte ich, und es fühlte sich echt enttäuschend an. »Überraschung!«, rief ich und warf in einer übertriebenen Geste die Hände in die Luft.
»Das Geschenk nehme ich nicht an«, meinte Gabriel knurrend.
»Zu schade«, erwiderte ich. »Rückgabe und Umtausch ausgeschlossen.«
Eingehend betrachtete Gabriel seinen Bruder. »Hab’s ja geahnt, ich hab die Schande deiner Gegenwart gespürt.«
»Die Schande meiner Gegenwart? Hast du dich unlängst mal gerochen?« Luzifer schaute hoch zu Gabriel. »Dein Wesenskern – deine Herrlichkeit verrottet.«
»Meine Herrlichkeit verrottet nicht«, schnauzte der Erzengel.
»Äääähm«, zog ich das Wort in die Länge. »Irgendetwas an dir fault definitiv vor sich hin.«
»Sogar meiner hat noch nie so übel gerochen.« Ein Anflug von Ehrfurcht erfüllte Luzifers Ton, während er weiterhin zu Gabriel hinaufstarrte. »Du weißt, was das bedeutet.«
»Du hast ja keine Ahnung, wovon du sprichst«, blaffte Gabriel zurück.
»Was soll das bedeuten?«, fragte ich und blickte zu Luzifer.
Der Teufel lächelte. »Ich hab das Gefühl, wir werden es noch herausfinden.«
Gabriel wich weiter zurück. »Du weißt, was ich vorhabe, Bruder. Besonders du solltest feiern, was getan werden muss. Ich werde das beenden – das Verderben beenden, das in diesen Gefilden herrscht. Ich werde tun, was getan werden muss. Und doch stehst du vor mir statt hinter mir?«
»Ja, na ja, weil das, was du da planst, ist meine Art von Party«, sagte Luzifer. »Und doch ist es nicht meine Party. Verstehst du?«
»Wahrscheinlich versteht er die Analogie nicht«, sagte ich.
»Doch, verstehe ich sehr gut«, schnauzte Gabriel. »Ich gebe dir diese eine Gelegenheit, Luzifer. Mehr als unser Vater dir je gegeben hat. Schließ dich mir an, und gemeinsam werden wir das hier beenden.«
Luzifer neigte den Kopf zur Seite. »Tja, du weißt verdammt gut, dass der Vater mir so viele Chancen gegeben hat, dass es fast absurd war. Selbst ich kann das zugeben, aber du? Oh Gabrielchen, was hast du dir bloß angetan?«
Ein Anflug echter Traurigkeit in Luzifers Stimme erregte meine Aufmerksamkeit.
Dann schüttelte er den Kopf. »Du solltest immer nur die Stimme Gottes sein. Nicht mehr. Nicht weniger. Und doch war das nicht genug. Du wurdest verbittert. Eifersüchtig. Hochmütig.«
»Ausgerechnet du redest mit mir über das Streben nach mehr? Über Hochmut?«, donnerte Gabriel, und ehrlich gesagt hatte er schon irgendwie guten Grund, erstaunt zu sein. »Du? Du, der Seite an Seite mit Gott herrschen wollte?«
»Und? Ich sehe immer noch nichts Falsches daran. Was ich wollte, war die Macht, die mir zustand, und dafür wurde ich auf die Erde verbannt.« Ein Glühen sickerte durch seine Haut. »Aber ich wurde nie aus dem Himmel vertrieben. Doch sag mal, Bruder, wann hast du das letzte Mal den Himmel betreten dürfen? Wann hast du das letzte Mal mit Gott gesprochen? Die göttliche Stimme gehört? Ich höre sie jetzt. Was ist mit dir?«
Moment mal. Was?
»Alles Lügen«, fauchte Gabriel. »Du hörst die göttliche Stimme nicht.«
»Glaub, was du willst, aber ich werde dich heute Nacht töten.« Luzifer schloss kurz die Augen. »Sei dir gewiss, dass ich aufrichtig um dich trauern werde, wenn auch nur für ein paar Momente.«
Ich hob die Augenbrauen. Momente? Er würde ein paar Momente um ihn trauern? Autsch.
Gabriel wich zurück, als wäre er geohrfeigt worden. »So sei es, Satan.«
Karmesinrot leuchteten Luzifers Augen auf. »Oh nein, so hast du mich nicht genannt.«
Der Erzengel flog nach hinten und hob die Arme. »Ich wusste, du würdest zu mir kommen, Kind des Michael, noch heute Abend.«
Ruckartig drehte ich den Kopf in seine Richtung, und meine Muskeln spannten sich an.
»Also habe auch ich ein Geschenk für dich vorbereitet«, fuhr er fort. »Allerdings bedauerlich, dass du mit ansehen musst, wie so viele von denen, die dir am Herzen liegen, zugrunde gehen.«
Bewegungen entlang des Bodens lenkten meinen Blick neben das Haus. Aus dieser Entfernung nahm ich nichts als Kleckse unterschiedlicher Farben und Formen wahr, sah aber genug, um zu wissen, dass es Dämonen waren, und es waren viele.
»Wie viele?«, fragte ich Zayne.
»Hunderte«, antwortete er und sah zu Luzifer. »Eine Menge Dämonen, die sauer auf dich sind.«
»Es wird immer Dämonen geben, die nicht glücklich über die Regeln sind«, erwiderte er. Die immer größer werdende Masse von Dämonen drang weiter aus dem Haus heraus. »Gabriel wusste, dass ihr Zeit haben würdet, euch vorzubereiten«, erklärte Luzifer. »Er wusste tatsächlich, dass wir heute Abend kommen würden. Jemand hat euch verraten.«
Ein unglaublicher Druck lastete auf meiner Brust. Ganz sicher hatte uns jemand verraten.
»Ich kann nicht anders, als an die Engelsklingen zu denken«, meinte Zayne.
»Geht mir auch so«, flüsterte ich, holte tief Luft und atmete langsam aus. »Wie viele deiner Legionen sind imstande zu kämpfen?«
»Genug«, antwortete Luzifer.
»Und wann kommen sie?«, fragte Zayne.
»Hoffentlich bald.«
»Tötet den Gefallenen«, befahl Gabriel. »Das Nephilim muss am Leben bleiben.«
»Ich bin irgendwie enttäuscht.« Luzifer schmollte. »Was ist mit mir?«
Er bekam keine Antwort, aber eine Welle von Dämonen stürmte nach vorn, die meisten auf dem Boden, aber einige auch in der Luft. Ein paar sahen aus wie Trolle, andere jedoch … Ihre Flügel schimmerten weiß im Mondlicht.
»Und was ist mit uns?«, wollte Roth wissen und trat zwischen den Bäumen hervor. Layla war neben ihm, und wie immer schockierten ihre schwarz gefiederten Flügel im ersten Moment, aber nicht annähernd so sehr wie der Babydrache auf Roths Schulter. Die riesigen Katzen konnte ich nicht sehen.
Hoffentlich fraßen sie nicht die Wächter.
»Das sind eine Menge Dämonen«, sagte Layla, Eisendolche in der Hand.
»Wir schaffen das schon«, machte Zayne uns Mut und sah mich an. »Nicht wahr?«
Ich nickte, obwohl mein Herz aufgeregt pochte. »Stimmt.«
Die geschlossene Linie der Dämonen rückte vor, und ich weckte meine Gnade, während sich Klopfer von Roths Schulter löste und ein warnendes Quietschen von sich gab – ein Quietschen, das sich in ein dermaßen lautes Brüllen verwandelte, dass ich das Gefühl hatte, meine Knochen würden rasseln.
Mir stockte der Atem, als ich sah, wie Klopfer wuchs. Am Ende hatte er Beine, so lang wie Baumstämme, und Krallen, größer als meine Hände.
Zayne griff nach mir und zog mich aus dem Weg, als sich purpurne Flügel entfalteten und auf die dreifache Größe von Zaynes Flügeln anwuchsen. Der Schwanz schlug auf den Boden und riss die oberste Schicht des Grases und der Erde auf.
Staunend beobachtete ich, wie der Drache, der mittlerweile so groß wie zwei Lastwagen war, den Hals streckte und das Maul zu einem weiteren Brüllen aufriss. Funken stoben aus seinen Nasenlöchern, während der Geruch von Schwefel die Luft erfüllte.
Hellions und Nachtkriecher stürzten sich auf uns. Sie wurden nicht langsamer, als sie Klopfer entdeckten. Stattdessen teilten sie sich auf und scherten in zwei Richtungen aus.
Roths Vertraute wollten nichts davon wissen.
Klopfers Kopf flog nach rechts, das Maul schnappte auf. Feuer strömte aus, traf die Gruppe der Dämonen und verbrannte sie.
Ich stolperte nach hinten und stieß mit Zayne zusammen. »Das ist mal ein Drache.«
Zayne hielt mich fest, und Roth lachte amüsiert. Klopfer erwischte einen weiteren Dämon mit dem Maul. Die Knochen knackten. »Und er ist hungrig«, kommentierte Zayne.
»Sehr«, stimmte Roth zu.
»Achtung!« Laylas Flügel hoben sich. »Da drüben.«
Das weiße Kätzchen, das jetzt so groß wie ein kleines Pferd war, schoss aus dem Wald und sprang in die Luft. Als es auf einem Hellion landete, versenkte es die Zähne in seinem Hals, sodass er zu Boden ging. Klopfer hob ab und riss einen Dämon mit sich.
»Die Trolle«, rief Roth, während er vorwärts ging und seine Haut dünner wurde, ihm Flügel aus dem Rücken wuchsen und Hörner aus dem Scheitel ragten. »Friss die leckeren Trolle, Klopfer.«
Ich hatte nicht mal Zeit, über all das nachzudenken. Goldenes Weiß ergoss sich über Zaynes Arme, und die beiden Sichelklingen erschienen, als eine Menge Dämonen vor uns auftauchten.
»Denkt an den Plan«, rief Luzifer. »Wir müssen Gabriel schwächen.«
»Verstanden«, sagte Zayne, und ich nickte.
Ich hakte einen meiner Dolche aus und beschwor meine Gnade. Das schwere Schwert des Michael formte sich in meiner Handfläche, während Zayne einem Raver den Kopf abschlug.
Ein Hellion raste an den Kätzchen und dem Drachen vorbei und griff nach mir, aber ich tauchte unter seinen Arm hindurch und wirbelte herum, wobei ich das Feuerschwert durch seinen Rücken zog. Ich drehte mich um, als Luzifer die Hand durch die Brust des Nachtkriechers stieß.
»Du hast’s vermasselt«, stieß Luzifer knurrend hervor und riss ihm das Herz heraus. Flammen loderten aus seiner Handfläche und dann aus dem Nachtkriecher.
Plötzlich schoss Bambi aus dem Nebel, der sich im Gras gesammelt hatte, erwischte einen Troll und zerrte ihn zurück auf den Boden.
Ich stürmte vorwärts, trat aus und traf einen Raver im Bauch. Er taumelte nach hinten, das Maul offen, und die Zähne bissen in die Luft. Erneut flog ich nach vorn und stieß den Dolch in seine haarlose Brust. Heißes Blut spritzte mir ins Gesicht, als ich den Dolch wieder herauszog. Ich bewegte mich immer weiter vorwärts, verlor mich ein wenig im Kampf und dem pulsierenden Adrenalin. Überall um uns herum fielen Dämonen, während Klopfer durch den Himmel über uns stürmte und sich links und rechts Trolle reinzog.
»Er wird Bauchweh bekommen«, sagte ich.
Roth schnitt in diesem Moment einem Nachtkriecher die Kehle durch. »Dafür gibt’s ja Magentabletten.«
Ich stieß einen belustigten Laut aus. »Da wirst du aber eine große Packung für ihn brauchen …«
Roth torkelte in meine Richtung, als sich Finger in meinem Zopf verhedderten und meinen Kopf ruckartig zurückrissen. Keuchend blickte ich in das junge Gesicht irgendeines Dämons.
»Hab ich dich!«, grunzte er, schwang die Flügel und wollte aufsteigen …
Ohne Vorwarnung fiel ihm jedoch einfach der Kopf ab. Der Griff um mein Haar lockerte sich, als der Dämon zu Boden krachte.
»Hab ich dich«, meinte Zayne knurrend von oben.
»Das war heiß«, flüsterte ich, und Roth fasste mich am Arm und zog mich beiseite. »Danke.«
Zayne landete neben mir. »Du kannst dich später bedanken.«
Ich lächelte. »Hab ich auch vor.«
»Igitt, Leute.« Roth erhob sich in die Luft und schloss sich Layla an.
Die Blätter der Bäume raschelten so laut, als würden Hunderte Vögel gleichzeitig in die Luft steigen. Ich drehte mich um und sah die dunklen Umrisse von Wächtern, die sich aufmachten, während auch Luzifers Legion zwischen den Bäumen hervorkam und vorwärts rannte.
Zayne grinste, sein Blick traf meinen. Mein Lächeln wurde noch breiter, als einer der Wächter in der Nähe landete.
Doch auf einmal stieg eine Flammenwand auf, die so hoch reichte, dass ich die Bäume nicht mehr erkennen konnte. Die Hitze wehte alles zurück und versengte beinahe die Haut. Zuerst dachte ich, das sei Luzifer, aber er befand sich vor uns.
Dann hörte ich die Rufe – die Schreie –, und mir wurde ganz weh ums Herz. Die Wächter. Dez. Nic. Jordan.
Schnell verdrängte ich den Gedanken, bevor er sich festsetzen konnte. Ich hatte jetzt andere Sorgen.
»Bael!«, brüllte Luzifer und wirbelte herum. »Wo bist du, du hinterhältiger, verräterischer …?«
Ein Flammenball rotierte aus einer Ecke und erwischte fast die Hinterbeine des schwarzen Kätzchens. Ein weiterer Flammenball züngelte über den Himmel. Klopfer tauchte ab, war aber nicht schnell genug. Der Drache kreischte, als die Flammen seine Flügel versengten.
Roth drehte sich um die eigene Achse. »Vertraute!«, rief er. »Her zu mir. Sofort!«
Die Vertrauten verwandelten sich in Schatten, als sie zu Roth zurückflogen und erneut Perlen bildeten, die sich mit seiner nackten Haut verbanden. Brüllend wirbelte Roth herum und stieß die Fäuste durch die Brust eines nahen Dämons.
Zayne drehte sich um und scannte den Hof. »Wo ist Teller?«
»Das war er?« Ich tauchte ab, sprang hinter einem Raver hervor und hackte ihm den Kopf ab.
»Er war eben hier.« Zayne suchte weiter. »Aber ich sehe ihn nicht mehr.«
»Haben ihn die Flammen erwischt?«, fragte ich und stieß dabei den Dolch in die Brust eines Trolls.
Kopfschüttelnd schaute Zayne in meine Richtung. »Zügel deine Gnade«, befahl er. »Du wirst schwächer.« Er kam zu mir gelaufen und strich mit den Fingern unter meiner Nase entlang. »Zieh sie zurück, Trin.«
Ich wischte mir übers Gesicht, aber Zayne hatte das Blut schon entdeckt. Ich hätte es gern geleugnet, aber er hatte recht. Die Gnade bewusst heraufzubeschwören hatte mich geschwächt. Ich ließ davon ab und fluchte, als das Schwert des Michael in heiße Glut zerfiel.
Layla ging auf dem Boden in die Hocke und streckte dann langsam den Rücken wieder durch. »Lieber Gott«, brachte sie keuchend hervor. Öliges Blut hatte auf ihrem Gesicht und Haar Flecken hinterlassen. »Es ist, als hätten wir nicht einmal eine Kerbe geschlagen.« Sie blickte über die Schulter. »Wir haben sie gebraucht.« Sie drehte sich zu der Stelle, wo Luzifer stand. »Wir brauchen deine Hilfe.«
Knurrend riss er einem Troll, den er erwischt hatte, die Flügel aus. »Die kommen da nicht durch.«
Mit rasendem Herzen spähte ich in den Nebel und das helle Licht der Feuerwand und erkannte vor mir deutlichere, dunklere Umrisse.
Das war nicht gut.
Das war verdammt schlecht.
Änderte aber nichts daran, was wir zu tun hatten.
Schwer schluckend wandte ich mich zu Zayne um, stellte mich auf die Zehenspitzen und legte die Hand um seinen Nacken. Ich zog seinen Kopf zu mir und küsste ihn. Und das war kein keuscher Kuss. Oder ein sanfter. Wir pressten unsere Lippen aufeinander. Unsere Körper verschmolzen miteinander. Ich sog ihn in diesem Kuss auf, genauso wie er mich.
Als wir uns wieder trennten, atmete er schwer und lehnte die Stirn an meine. »Wir müssen bloß an Gabriel rankommen.« Er griff nach unten und hakte meinen zweiten Dolch aus. »Das ist alles. Wir gehen jetzt zu ihm und beenden das hier.«
Ich nickte. »Lass es uns tun.«
»Wir geben euch Rückendeckung«, sagte Layla, als wir losliefen. »Wir halten sie euch vom Leib.«
»Danke.« Ich nahm den Dolch, den Zayne mir reichte.
Dann wandte er sich Layla zu und berührte liebevoll ihre Wange. »Pass auf dich auf.«
»Du auch.« Sie schwang sich in die Lüfte.
Daraufhin bahnten wir uns unseren Weg durch die Dämonen und holten Luzifer ein. Als er zu uns zurückblickte, überzog Karmesinrot seinen gesamten Körper. »Wir brauchen nur einen Schuss, aber dafür müssen wir verdammt viele Dämonen überwinden.« Er hatte die Flügel ausgefahren, allerdings eng an den Rücken und nach hinten gestreckt. »Egal, was passiert, Bael gehört mir.«
»Du kannst ihn haben.« Zayne fegte eine Klinge durch die Luft und schnitt durch einen Nachtkriecher.
Ich stieß den Dolch in die Brust eines Hellions, und dann ließ ich meiner Wut freien Lauf, die mir die Kraft gab, während mein Dolch den Hals eines weiteren durchtrennte. Ich zögerte nicht und wich nicht zurück, als die Spitzen der Krallen über meine Arme glitten und eine Woge des Schmerzes auslösten. Ich blieb nicht stehen oder schaute zurück, als ich Roth laut fluchen hörte. Immer weiter bewegten wir drei uns vorwärts. Ich stieß mich vom Boden ab und rammte meinen Dolch in das Bein eines geflügelten Dämons, der sich auf Zayne stürzte und ihn packte. Er fiel auf den Rücken und landete dann unter Luzifers Stiefel. Ich beschleunigte das Tempo, sprang über einen Körper, als er auseinanderbrach, und schnappte mir eine Handvoll Raver-Fell. Ich riss seinen Kopf nach hinten und stieß ihm den Dolch in den Rücken. Der Raver kreischte, als ich losließ und sein Körper Feuer fing.
Eine weitere Flammenwand stieg auf, sehr nah an Zayne, was äußerst beunruhigend war. Die Flammen trafen Luzifer, und mein Herz setzte gleich mehrere Schläge aus, als er aufbrüllte.
Er taumelte nach hinten, als das Feuer über seinen Körper fegte und Muskeln und Gewebe vernichtete. »Das kotzt mich jetzt wirklich an«, schrie er. Sein Körper schien sich bereits wieder selbst zu reparieren, aber seine Flügel …
Die Hälfte war verbrannt …
Panik brodelte in meiner Kehle, aber ich kämpfte sie nieder, weil die Feuerwand sich ausbreitete. Ich folgte dem Weg und wusste, was ich gleich sehen würde.
Layla und Roth waren nun von uns getrennt, wir waren nur noch zu dritt.
»Gebt auf«, rief Gabriel. »Ihr werdet nicht siegen. Ihr habt am ersten Tag verloren, als der Mensch sündigte. Es ist zu spät. Es war schon immer zu spät.«
Ich hasste es – ich hasste es so sehr, weil Gabriel … er konnte damit richtigliegen. Ich schaute mich um, der Boden war mit Nebel und Rauch bedeckt, und ich erkannte eine große Menge Dämonen, die vorwärts stürmten. Praktisch eine Armee, und wir waren nur noch zu dritt.
Zayne landete neben mir, als mich eine schreckliche, niederschmetternde Erkenntnis traf. Ich blickte auf meinen Dolch hinunter, und mir wurde ganz flau. Dann drehte ich mich zu Zayne und suchte diese schönen blauen Augen.
Zayne senkte den Blick und hob ihn dann wieder. Unverständnis huschte über sein Gesicht. »Nein.«
»Ich muss.« Es brannte hinten in meinem Hals.
»Nein, Trin. Kommt nicht infrage …«
»Er kann mich nicht benutzen, um das Portal zu öffnen, Zayne. Das kann er nicht. Ich muss das beenden, und nur ich kann das. Wenn er mich aber nicht benutzen kann, um das Portal zu öffnen …«
»Das Portal ist mir scheißegal.« Er schoss nach vorn und erwischte meine Handgelenke. »Ich werde nicht zulassen, dass du das tust.«
In meiner Brust zerbrach etwas. »Ich will ja auch nicht, aber es ist der einzige Weg.«
»Wenn wir jetzt abhauen – wenn wir fliehen –, gewinnen wir die zweite Runde nicht«, warnte Luzifer. »Das heißt: jetzt oder nie. So oder so.«
»Halt die Klappe«, schnauzte Zayne, und ich war überrascht, dass Luzifer nichts erwiderte. »Vergiss es. Vergiss all das hier. Wir hauen ab. Wir verziehen uns und verstecken uns, bis die ganze verdammte Welt auseinanderbricht.«
»Hörst du dir eigentlich selbst zu?« Ich machte große Augen.
»Ist mir egal«, fluchte Zayne. »Das alles ist mir egal. Alles, was mich interessiert, bist du.«
»Das ist nicht dein …«
»Und ob das mein Ernst ist, verflucht!«, polterte Zayne.
Ich drehte mich weg, kam aber nicht sehr weit, weil er mich an den Handgelenken festhielt. Erneut begegnete mein Blick dem von Luzifer, und sein Gesichtsausdruck sagte alles. Es musste genau jetzt passieren. Es würde kein Später geben. Gabriel würde mich gefangen nehmen. Er würde Zayne töten. Er würde Roth und Layla töten und jeden anderen, der noch am Leben war. Das konnte ich nicht zulassen.
»Ich liebe dich, Zayne. Ich liebe dich mit jeder Faser meines Herzens«, sagte ich und nickte dann Luzifer zu.
Er stürmte nach vorn und schlug Zayne in die Seite, während ich mit aller Kraft zog und mich von ihm löste. Zayne und Luzifer schlugen gleichzeitig auf dem Boden auf, und es war …
Es war surreal, wie eine außerkörperliche Erfahrung. Als wäre das nicht ich, die da stand, die rechte Hand unbewegt, während Zayne schrie, Luzifer ihn festhielt und seinen Kopf zur Seite drehte, weg von der Stelle, wo ich mich befand – eine mitfühlende Geste, die ich von Satan nicht erwartet hätte. Ich empfand nichts, als ich den Dolch anhob. Oder vielleicht fühlte ich auch alles, und es war zu viel und überforderte meine Sinne. Ich hob den Blick, wollte nichts verpassen, aber alles, was ich sah, war grauer Rauch, als ich …
Eine Trompete schmetterte, der Ton erklang plötzlich und laut und schien von überallher zu kommen. Der Boden und die Luft um uns herum bebten und schmissen Luzifer auf die Seite. Zayne sprang auf, und nur eine Millisekunde später legte er die Arme um mich und umklammerte mich, doch ich wehrte mich nicht, sondern schaute in den Himmel.
Zu den Sternen.