»Da steckt wohl jemand in Schwierigkeiten«, trällerte Luzifer auf dem Boden sitzend. »Und das bin nicht iii-hich!«
Zayne und ich schauten zu ihm hinüber, als er lachend den Kopf in den Nacken warf.
Gabriel flog in die Luft und über die sich bewegenden Horden von Dämonen und Engeln. »Nein! Nein!«, rief er. »Ihr wollt mich wohl verarschen.«
Die Trompete ertönte ein drittes Mal, und ich schaute wieder auf. Die hell schimmernden Lichter am Himmel kamen rasch näher.
»Siehst du das?«, hauchte ich.
»Ja.« Zayne drückte mich fest an sich.
Sterne fielen vom Himmel, einer nach dem anderen.
So sah es aus, als sie auf die Erde zurasten. Dutzende und Aberdutzende. Engel. Wahre Kampf-Engel.
Ich konnte nicht fassen, was ich da sah.
Ihre Flügel leuchteten vor Gnade, und ihre Waffen waren feuerspeiende goldene Flammen. Die Dämonen begannen sich umzudrehen, davonzurennen, aber es war zu spät. Sie konnten nicht schnell genug mit der ganzen Horde zwischen uns und Gabriel hindurchgelangen.
»Ihr wollt mich wohl verarschen!«, rief Gabriel erneut und schwang sich in die Luft. »Jetzt? Jetzt entschließt du dich, etwas zu tun?«
»Da bekommt gleich jemand einen Wutanfall«, bemerkte Zayne.
Gabriel riss mehrere Bäume heraus.
»Gleich?«, fragte ich.
Ein Baum fiel auf das Dach des Hauses, während der Boden vor uns von himmlischem Glanz erhellt wurde.
»Es ist nicht vorbei«, sagte Luzifer. »Noch nicht.«
Und er hatte recht.
»Wir müssen schnell sein«, fuhr Luzifer fort. »Ich bezweifle, dass die Kampf-Engel hier lange rumhängen werden. Und Gabriel auch nicht.«
Die Flecken aus hellem Licht, die die Engel umgaben, verschwanden bereits wieder und begaben sich zurück in den Himmel.
»Bereit, das hier zu beenden?« Sanft lehnte Zayne den Kopf an meinen. »Auf die richtige Art?«
»Was ich vorhatte, war für den Moment auch richtig«, bemerkte ich, und mein Herz hämmerte gegen meine Rippen. »Jetzt aber nicht mehr.«
»Darüber reden wir später«, versprach er, und als ich daraufhin mit den Augen rollte, fügte er hinzu: »Das habe ich gesehen.«
»Nein, hast du nicht.«
»Du hast mit den Augen gerollt.« Er ließ meine Arme los.
»Hab ich nicht.« Und ob.
»Auch über deine gewohnheitsmäßigen Lügen reden wir später noch.«
»Wenn ihr dann mit eurem Vorspiel fertig seid, lasst es mich wissen«, kommentierte Luzifer und schüttelte einen Flügel aus, der sich nach und nach selbst reparierte.
Ich machte mir nicht einmal die Mühe, etwas darauf zu entgegnen, sondern wir liefen los und immer schneller über das Feld vor uns.
Ich sah den Dämon nicht einmal kommen, bis Luzifer sich in die Luft erhob und neben einer schlanken Ulme landete. Dort zog er einen großen Dämon hervor.
»Hallo, Bael.« Luzifer stieß die Hand in seinen …
Ich taumelte. Luzifers Hand war durch Baels Kopf gedrungen. Seinen echten Kopf. Das Gesicht. Den Schädel. Oh mein Gott.
Die Flammenwand brach in sich zusammen, als Luzifer Bael fallen ließ. »Auf Wiedersehen, Bael.«
Zayne streckte die Hand aus und fing mich auf, als Gabriel schreiend und mit einer Feuerklinge in der Hand aus dem Rauch stürmte.
»Herrje.« Schliddernd blieb ich stehen und beschwor meine Gnade. Erst stotterte sie nur, dann flammte sie lodernd auf. Die Gnade pulsierte durch mich hindurch. Das Schwert des Michael explodierte in meiner Hand.
»Unglaublich!«, brüllte Gabriel und holte aus purer Wut nach Zayne aus, doch sein Schlag wurde von Zaynes Sicheln abgeblockt. »Meint ihr wirklich, ihr gewinnt, wenn ihr mich tötet? Die Menschheit ist so oder so dem Untergang geweiht …«
»Kannst du nicht mal die Klappe halten?«, sagte ich.
Gabriel wich zurück, sein Kopf schoss in meine Richtung. Kurze Zeit später fiel hinter ihm ein Wächter zu Boden. Ich brauchte einen Moment, um zu erkennen, wer es war.
Teller.
Und in seinen Händen hielt er eine Engelsklinge.
»Tötet sie«, befahl Gabriel. »Töte sie, aber lass das Nephilim am Leben.«
Zwei Dinge fielen mir sofort auf.
Dieser Teller hörte auf Gabriels Befehl. Er schoss so schnell vorwärts und schwang die Engelsklinge, dass zuerst keiner von uns reagierte.
Und da fiel mir dieser Tag in der Highschool ein – als das Schattenwesen in Teller hineingeknallt war und ihn umgehauen hatte. Es war in ihn eingedrungen und nie wieder herausgekommen.
Ich schlug als Erste zu und drehte den Dolch in meiner anderen Hand. Dann holte ich aus und warf ihn, so fest ich konnte. Er traf sein Ziel, den unteren Schädel. Teller ging zu Boden, bevor er Zayne erreichen konnte.
Doch keine Zeit, das zu feiern oder diese verdammte Engelsklinge auf dem nebelverhangenen Boden zu finden. Gabriel kam auf mich zu.
Ich duckte mich, als seine Feuerklinge durch die Luft schnitt. Daraufhin schoss ich vorwärts, tauchte ab und drehte mich, trat aus und erwischte ihn an der Kniescheibe. Er stolperte und holte mit der Faust aus, als ich hochschnellte. Zu knapp, um dem Schlag komplett auszuweichen. Ich versuchte es, sprang zurück, aber trotzdem entfuhr mir ein Schmerzensschrei. Scharf sog ich die Luft ein und biss die Zähne zusammen. »Ich finde, es wird Zeit, dass du das aufgibst. Es ist vorbei.«
»Ach ja?« Gabriel lachte, als Luzifer hinter ihm erschien. »Du bist so gut wie tot.«
»Nur ein blauer Fleck«, sagte ich und ignorierte das Brennen, das meinen Bauch und den Rücken hinaufwanderte. »Dasselbe kann ich aber nicht von dir sagen.«
Er runzelte die Stirn, und Luzifer sah seine Chance gekommen.
Und er nutzte sie.
Er schoss vorwärts, als Gabriel sich umdrehte. Ich sah den Hieb und fiel vor Erleichterung fast auf die Knie, nachdem Luzifer seine blutige Hand wieder zurückgezogen hatte. Sogar ich konnte die pochende, fleischige Masse in seiner Faust erkennen.
»Jetzt!«, brüllte Luzifer.
Zayne schoss nach unten, landete, und die beiden sichelförmigen Schwerter flammten auf, während ich vorwärts raste. Das Schwert des Michael fühlte sich schwerer an als zuvor, das Gewicht war nicht angenehm. Ich umklammerte den Griff mit beiden Händen und stieß schreiend zu, als Zayne seine Schwerter durch die Luft peitschte.
Das Schwert des Michael durchbohrte Gabriels Rücken und schnitt hindurch. Der Erzengel zuckte, schleuderte die Arme um sich, und das Schwert brach in sich zusammen. Nur einen Herzschlag später fuhren Zaynes Sichelschwerter durch Gabriels Hals und trennten seinen Kopf ab.
Oh mein Gott.
Ich wagte erst wieder zu atmen, als ich sah, wie der Kopf des Erzengels herabfiel.
Intensives Licht strömte aus dem Halsstumpf, so hell, dass es blendete und ich mit einer Hand die Augen schützen musste. Und sie tränten selbst dann noch, als ich bereits den Lichttrichter nach oben strömen sah. Das Licht … schwarze Brocken wirbelten darin herum. Das wirkte echt nicht richtig. Meine Gnade zog sich zurück, und das Schwert des Michael löste sich in Dunst auf. Gabriels Körper verbrannte, und es blieb nichts zurück, während das Licht in den Himmel schoss und sich immer weiter nach oben ausdehnte, weiter, als selbst Zayne sehen konnte, so viel war klar. Spuren des Mitternachtshimmels wirbelten und pulsierten in dem Lichtstrom.
Das war Gabriels Gnade, die zu ihrer Quelle zurückkehrte. Mein nächster Atemzug fühlte sich schwach an.
Das himmlische Feuer prallte auf etwas, das wohl keiner von uns sehen konnte. So etwas wie ein unsichtbares … Kraftfeld? Das klang dumm, aber traf es ungefähr. Das weißgoldene Feuer explodierte mit einem widerhallenden Donnerschlag. Die Gnade wendete sich nach außen.
Da war es.
Unsicher taumelte ich einen Schritt zurück. Gott hatte es getan. Obwohl Gott diese Engel geschickt hatte, um die Dämonen-Horde abzuwehren, hatte Gott es getan. Er hat die verdorbene Gnade zurück auf die Erde geworfen. Schwindelig vor Entsetzen sah ich zu, wie sie, soweit ich erkennen konnte, in einer endlosen Welle über den Himmel kroch.
Wie, um alles in der Welt, konnte man diesen Anblick erklären?
Ein hysterisches Kichern stieg in mir hoch, und nur durch reine Kraftanstrengung gelang es mir, es aufzuhalten, während sich die weit verschlungene Masse ausbreitete. Wir hatten es geschafft. Wir hatten Gabriel aufgehalten. Wir hatten den Himmel gerettet.
Und von nun an würde eine andere Art von Hölle auf Erden herrschen.
Ich wandte mich Zayne zu, mein Körper war unglaublich müde. Vage bewusst, dass andere sich uns näherten, hörte ich Zayne scharf einatmen.
»Oh Gott«, flüsterte er und blickte in den Himmel.
Ruckartig schaute auch ich hoch und blinzelte, weil ich nicht sicher war, ob ich wirklich sah, was ich glaubte, oder ob es eine Art Trugbild war.
Die Gnade hatte aufgehört, sich zu bewegen.
»Kannst du das sehen?«, fragte Zayne und trat an meine Seite. »Sie ist irgendwie … erstarrt.«
»Ja, ich seh’s.« Ich wagte nicht, die Augen abzuwenden. »Was ist das, Luzifer?«
Er antwortete nicht.
Oder vielleicht schon, aber seine Antwort wurde übertönt. Das Geräusch erinnerte mich an das Zischen und Knistern von Feuerwerksraketen, die in den Himmel schossen – wie bei Tausenden auf einmal. Mehr war eine Weile nicht zu hören, und dann zerplatzte die Masse der verdorbenen Gnade in Millionen von Lichterfunken.
Ich zuckte zusammen, streckte die Hand aus und krallte mich in Zaynes Arm. Seine Haut war fest und heiß, als sich meine Finger hineingruben.
»Trin?«, fragte Zayne.
War’s das? Das Ende der Welt, wie wir sie kannten, begann mit einem wunderschönen Schauspiel aus goldenem Licht? »Was?«, meinte ich, als die Funken nach unten schwebten.
»Deine Hand.« Zayne drehte sich zu mir, einer seiner Flügel strich über meinen Arm. Er schloss die Hände um meine. »Fühlt sich an wie ein Eisklotz.«
Wie sich meine Hand anfühlte, schien momentan keine Priorität zu haben. Mir war einigermaßen bewusst, dass er meine Finger rieb, und ich hatte Mühe, unter dem Eindruck dessen, was wir hier zu sehen bekamen, auf den Beinen zu bleiben. Die leuchtenden Fäden am Himmel waren wunderschön, sie erinnerten mich an Glühwürmchen, aber als sie landeten – in dem Moment, da ein Mensch von einem von ihnen berührt werden würde, verdarb er ihn mit dem, was in Gabriel gewesen war.
»Deine Hand wird gar nicht warm.« Zayne strich über meinen Arm. »Dein Arm …«
»Gott hat es getan«, sagte Luzifer und klang schockiert. »Gott hat es tatsächlich getan. Schaut nur.« Er streckte die Hand aus, als eine der Flocken, die jetzt größtenteils weiß waren, auf uns zutrieb. »Das ist … ist das Schnee?«
Ich wollte ihn schon fragen, warum er nicht wusste, wie Schnee aussah, aber dann begriff ich, dass er … wie lange schon in der Hölle lebte? Seit Tausenden von Jahren? Und ich bezweifelte, dass es in der Hölle schneite. Oder dass er sich daran erinnern konnte, wie Schnee aussah.
»Das ist … Schnee.« Zaynes Hände lagen immer noch auf meinem Arm. »Schau, Trin. Schnee.«
Ich wandte den Blick von dem Gestöber auf meinem Arm zu Zaynes Händen. Kleine weiße Flocken landeten auf seiner Haut, verdampften bei der Berührung und hinterließen einen glitzernden Fleck. »Ist er verunreinigt?«
»Fühlt sich nicht böse an.« Der Blick aus seinen ultrahellen Augen begegnete meinem. »Fühlt es sich für dich böse an?«
Ich schüttelte den Kopf, während der Schnee weiter auf meinen Armen landete. »Fühlt sich an wie Schnee.«
»Der ist nicht böse«, sagte Luzifer, und ich konnte hören, dass er lächelte. »Ich kenne das Böse gut. Es ist einfach Schnee, und er ist …« Angewidert stöhnte er auf. »Ach, verdammt.«
»Was ist denn?« Mein Herz setzte einen Schlag aus, als ich zu ihm hinübersah.
Luzifer hatte die Hände in die Hüften gestemmt. »Er ist nicht verunreinigt.«
»Warum klingt das so, als wäre es schlecht?«, wollte Zayne wissen.
Noch interessanter war allerdings die Frage, warum Zayne sich plötzlich anhörte, als wäre er in einem Tunnel, obwohl er neben mir stand. Ich sah zu ihm hinüber. Seine Gesichtszüge waren unscharf – na ja, auf alle Fälle unschärfer als sonst, und ich …
»Er ist voller Güte«, spie Luzifer geradezu aus. »Er ist rein und klebt überall an mir. Ich muss diesen Mist abduschen.«
Das war gut … Das war mehr als nur gut und mehr, als wir alle zu hoffen gewagt hatten. Gott hatte sich gezeigt. Er oder sie oder was auch immer zeigte sich. Meine Augen füllten sich mit Tränen, aber ich …
»Ich wette, du lachst dich da oben kaputt, oder?«, rief Luzifer. »Mich mit dem Gegenstück einer himmlischen Glitzerbombe bestäuben zu wollen? Echt jetzt?«
Ich betrachtete den Schnee, der sich auf meinem Arm sammelte. Er schmolz nicht.
»Nach allem, was ich für dich getan habe, ist das der Dank?«, wütete Luzifer weiter. »Ich werde fünfmal duschen müssen, und ich weiß, dass ich den Gestank von Menschlichkeit und Güte trotzdem nicht mehr loswerde.«
Zayne drehte sich zu mir, ein Lachen auf den Lippen, als er sagte: »Wir haben’s geschafft, Trin.«
Ja, hatten wir, aber …
Ich versuchte zu schlucken, doch meine Kehle fühlte sich merkwürdig an, als wäre sie zu eng. »Ich fühle mich nicht gut.«
Das Geräusch von Zaynes zurückschnappenden Flügeln endete in seinem Schrei. Ich wusste nicht, warum er meinen Namen schrie, aber dann lag ich plötzlich in seinen Armen, und er war über mir, sein Gesicht kam und verschwand aus meinem Sichtfeld.
»Trin! Was ist los?« Zayne wartete die Antwort nicht ab, strich über meine Brust und meinen Bauch hinunter. Er hielt inne und riss dann fluchend mein Shirt hoch. »Du bist verwundet.«
»Bloß … ein Schlag.«
Zaynes Hand zitterte auf meinem Bauch, als er den Kopf herumdrehte. »Luzifer! Hör auf zu meckern, und komm her!«
»Was ist?«, fragte ich beziehungsweise dachte ich, gefragt zu haben. Ich war mir nicht sicher, weil ich mich abmühte, meine Hand lange genug zu heben, um nach unten zu schauen. Ich sah meinen Bauch, aber er wirkte seltsam. Als wäre die Haut … als würde sie mehr und mehr grau werden.
»Was ist das?«, fragte Zayne Luzifer. »Was geschieht da?«
Das verschwommene Gesicht von Luzifer erschien über einem von Zaynes Flügeln. Er neigte den Kopf, dann wirbelte er herum und verschwand aus meinem Blickfeld.
Und mein … mein Kopf wurde sehr schwer. Er fiel zurück, und ich starrte über Zayne und die Spitzen seiner schönen Flügel auf den Schnee, der weiter vom Himmel fiel. Taubheit setzte sich in meinem Körper fest. Und mir kam eine sehr tiefe Erkenntnis.
»Was machst du da?«, brüllte ihn Zayne an, während Luzifer mich leicht zur Seite drehte. »Luzifer!«
»Ich habe sie gesucht – und gefunden.« Kurze Pause. »Verdammt.«
»Verdammt? Was verdammt?«, fragte Zayne panisch.
Luzifers Stimme kam näher. »Wurdest du damit gestochen? Mit einer dieser Engelsklingen?«, wollte er von mir wissen.
Ein schwach goldener Schein reflektierte von der Klinge, die er in der Hand hielt. »Teller hatte sie«, presste ich mühsam hervor. »Und Gabriel … er hat mich nur geschlagen.«
»Dieser Wächter muss Gabriel eine gegeben haben, oder er hatte von Anfang an eine«, sagte Luzifer. »Er hat dich nicht geschlagen. Er hat dich mit einer von diesen Engelsklingen geritzt.«
»Das …«, brach Zayne ab, und seine Flügel flatterten. »Nein. Nein.« Er sah mir in die Augen. »Trin. Du wirst wieder gesund.«
»Was ist passiert?«, fragte Layla keuchend.
»Es geht ihr gut. Ich werde dafür sorgen«, sagte Zayne. »Dir geht’s gut. Ich muss nur …«
»Da gibt’s nichts«, unterbrach ihn Luzifer. »Da kann man nichts mehr tun.«
»Doch, da muss es was geben«, schnauzte Roth, und ich war froh, zu hören, dass es dem bescheuerten Dämonen-Prinzen und Layla gut ging.
»Das war eine Engelsklinge«, erklärte Luzifer. »Das ist …«
»Sprich es nicht aus«, schnitt Zayne ihm das Wort ab. »Sprich es verdammt noch mal nicht aus.« Luzifer verstummte, aber er brauchte auch nicht zu sagen, was ich bereits wusste und was ich wegen der trägen Schläge meines Herzens spürte. Was hatte Roth gesagt? Engelsklingen waren tödlich. Sie konnten alles töten, auch einen Engel.
Und eine Trueborn.
Wir wussten das.
»Du kommst wieder in Ordnung.« Zayne streichelte meine Wange. Ich war mir seiner Hand dort bewusst, konnte sie aber nicht spüren. »Du musst. Okay? Du musst durchhalten. Für mich. Hörst du mich, Trin? Du musst nur durchhalten, und ich finde einen Weg.«
Du bist so gut wie tot.
Das hatte Gabriel gesagt, nachdem er mich geschlagen hatte. Nur dass es eben kein Schlag gewesen war. Er hatte es gewusst. Er hatte da schon gewusst, dass er verlieren würde, und er …
Und er hatte mich mitgenommen.
Dieser Dreckskerl.
Ich war bereit gewesen zu sterben, um ihn aufzuhalten. Das hatte ich vorgehabt, bevor die Engel kamen, aber jetzt, nachdem wir gewonnen hatten? War ich nicht mehr dazu bereit.
Aber mir war klar, es war zu spät. Alles in mir fühlte sich an, als würde es … als würde es aufgeben, sich abschalten und den Laden dichtmachen.
Ich lag im Sterben, und ich hatte immer angenommen, Sterben wäre schmerzhaft, doch das hier war … wie Einschlafen. Meine Augen flatterten.
»Nein!« Zayne schüttelte mich. »Nicht die Augen zumachen. Nicht einschlafen. Sieh mich an. Trinity, bitte. Sieh mich an. Halt die Augen offen. Trin, sieh mich an.«
Ich sah ihn an. Ich blinzelte, bis seine Gesichtszüge schmerzhaft scharf wurden, und ich saugte jede einzelne Linie dieses Anblicks auf, jede Fläche und jeden Winkel. Würde ich ihn wiedersehen? Panik explodierte wie ein Schuss, aber es war zu spät. »Ich … ich liebe dich.« Ich zwang die Wörter aus meinem Mund, jedes einzelne eine Qual. »Ich liebe dich.«
»Ja. Ich weiß, dass du das tust, Trin, und du weißt, dass ich dich liebe. Das werde ich dir noch ewig sagen. Du wirst es noch leid werden, das zu hören.« Seine Stimme brach. »Ich versprech’s dir. Du wirst mich nicht verlassen. Das werde ich nicht zulassen.«
Doch das tat ich, und ich konnte seine Arme um mich nicht mehr spüren. Und einen Herzschlag später konnte ich ihn nicht mehr sehen. Die Panik wich dem Schrecken. »Wo bist du?«
»Ich bin hier, Trin. Ich halte dich. Ich bin genau hier. Ich hab dich.«
Ja. Er hatte mich. Er hielt mich. Ich war nicht allein. Meine Angst ließ etwas nach. »Lass mich nicht … los.«
»Niemals«, schwor er.
»Bitte.«
»Immer.« Er klang so weit weg.
Ich spürte, wie sich mein Brustkorb hob, aber da war keine Luft. Kein Laut. Kein Licht.
Einfach nichts.
Und ich fiel hinein.
Es war vorbei.