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»Trinnie, wach auf.«

Ich drehte den Kopf von der Stimme weg, denn ich wollte weiterträumen. Oder zumindest dachte ich, dass ich träumte, weil ich in Zaynes Armen lag und er so warm war, als er mich an sich drückte. Und das musste ja wohl ein Traum sein, weil wir gegen Gabriel gekämpft hatten. Luzifer hatte ihn getötet, und Gott … Gott hatte etwas Glorreiches getan, und ich …

»Trinnie«, drang die Stimme erneut zu mir durch. Eine Stimme, die ich kannte, wie ich langsam begriff. »Ich starre dich an. Ich beobachte dich.«

Peanut.

Was hatte ich ihm zum Thema, mich beim Schlafen zu beobachten, gesagt?

Aber das war alles unlogisch. Peanut war nicht dabei gewesen, und ich konnte ja gar nicht schlafen. Also praktisch nicht. Vielleicht im übertragenen Sinne. Aber Metaphern waren im Moment nicht wirklich wichtig.

Denn ich war ja gestorben.

Ich war verdammt noch mal gestorben.

Wut pulsierte durch meinen Körper. Dieser verfluchte, psychotische Erzengel hatte es tatsächlich geschafft, mich zu töten. Ich war tot, und Zayne war am Leben – oh mein Gott, Zayne. Druck lastete auf meinem Herzen und schnürte mir die Luft ab. Er war da gewesen, hatte mich gehalten, damit ich nicht allein war, und jetzt war er da, und ich war … tja, ich war, wo auch immer ich war. Schließlich war ich tot.

»Trinity!«, rief Peanut.

Ich öffnete die Augen und stöhnte. Peanuts verdammtes durchsichtiges Gesicht war genau hier, nur Zentimeter von meinem entfernt.

»Was, zum Teufel …?«, rief ich, setzte mich auf und drückte meine Hände auf … etwas Weiches, Trockenes. Kein nebelfeuchtes Gras.

Ich blinzelte einige Male, als Peanut aus meinem Sichtfeld verschwand. Vollkommen verwirrt stellte ich fest, dass ich Zaynes Sternbild anschaute.

Ich lag in unserem Bett.

Ich verzog das Gesicht. »Peanut?«, fragte ich heiser.

»Ja«, antwortete er, wo auch immer er war.

»Bin ich in unserem Apartment?«

»Ja, bist du.«

Was …?

Vorsichtig sah ich mich in unserem Schlafzimmer um. Peanut schwebte nach links, die Beine verschränkt. Rechts von mir brannte die Nachttischlampe. Das abgenutzte, zerfledderte Exemplar des Lieblingsbuchs meiner Mutter lag auf dem Nachttisch. Ich griff hinüber und fuhr mit den Fingern über den weichen Einband. War ich … war ich ein Geist? War das der Grund, warum ich hier war? Das ergab irgendwie einen Sinn. Ich war noch nicht bereit weiterzuziehen, und die erst kürzlich Verstorbenen … kehrten oft an Orte zurück, an denen sie sich wohlgefühlt hatten. Mein Herz setzte einen Schlag aus …

Moment mal.

Ich drückte die Hand auf die Brust und fühlte, wie mein Herz unregelmäßig schlug. Wenn ich gestorben und nun ein Geist wäre, würde ich dann meinen Herzschlag spüren? Wäre ich imstande, überhaupt irgendetwas zu fühlen?

Ich drehte den Kopf in Peanuts Richtung.

Er winkte mir zu.

»Ich kann das Bett spüren. Ich habe das Buch gefühlt«, sagte ich, klopfte mir auf die Brust und zuckte zusammen. Das tat weh – das tat tatsächlich weh. Geister fühlten Schmerz? Oh Gott, wenn ja, wie, zum Teufel, konnte Peanut dann durch Deckenventilatoren und so schweben? »Ich kann mein Herz spüren.«

Peanut hob die Augenbrauen. »Das will ich hoffen.«

Ich starrte ihn an. »Kannst du dein Herz spüren?«

»Dumme Frage.«

»Warum?«, wollte ich wissen. »Ich bin tot. Ich bin gestorben, Peanut. Ich bin supertot, und wenn ich ein Geist bin, wie kann ich dann fühlen …«

»Du bist kein Geist«, unterbrach er mich. »Du bist nicht tot.«

Ich starrte ihn an.

Er starrte zurück.

Ich starrte ihn weiter an. Ungefähr eine ganze Minute lang, bevor ich auch nur ansatzweise verarbeiten konnte, was er eben gesagt hatte, und selbst dann hatte ich es noch nicht kapiert. Ganz und gar nicht. »Wie bitte?«, flüsterte ich. »Warum bin ich nicht tot?« Erneut sah ich mich im Zimmer um, nur um sicherzugehen, dass es immer noch unser Schlafzimmer war. War es. »Warum bin ich noch da?«

»Tja, das ist eine ziemlich verworrene Geschichte«, antwortete er.

Ich krabbelte auf die Knie. »Dann versuch, sie mir zu erklären.« Plötzlich tauchte Zaynes Gesicht vor meinem geistigen Auge auf, und ich rutschte zur Bettkante. »Weißt du, was? Ist nicht wichtig. Ich muss Zayne finden. Er muss ja …«

»Außer sich gewesen sein?«, schlug Peanut vor. »Sein Herz so gebrochen, dass er verlangt hat, dass Luzifer dich zurückholt?«

Ich erstarrte.

»Und als Luzifer ihm erklärt hat, dass es nicht in seiner Macht stünde, Leben zu spenden, dass er nicht der Hüter von Seelen sei, verlangte er, dass Azreal selbst sich vor ihm zu verantworten hätte«, fuhr Peanut fort, aber … aber irgendetwas stimmte ganz und gar nicht mit seiner Stimme, abgesehen davon, dass er den Sensenmann bei seinem Engelsnamen genannt hatte, was an sich schon seltsam genug war. Seine Stimme war … fester, weniger luftig. Vorbei der Singsang, indem er normalerweise sprach.

»Azreal reagierte nicht, weil er wusste, dass es dafür keinen Grund gab. Es gab nichts, was er tun konnte. Du warst jenseits von ihm.«

An meinem ganzen Körper standen die Härchen zu Berge. »Du fängst an, mir Angst zu machen, Peanut.«

Er neigte den Kopf zur Seite. »Ich glaube, du wirst dich noch viel mehr gruseln, wenn dieses Gespräch zu Ende ist.«

Immer noch mit einer Ganzkörpergänsehaut stand ich auf. »Was ist hier eigentlich los?«

Vielleicht lag es nur an meinen verrückten Augen, aber das Fenster hinter ihm schien durch seinen Kopf weniger sichtbar als zuvor. »Weißt du, was die Leute an Gott so falsch verstehen? Dass er ein abwesender Vater ist. Dass er sich nicht um seine Kinder kümmert, dass er nicht Tag für Tag akribisch über sie wacht. Dass er sich nicht in kleine Dinge einmischt – Dinge, die oft und leicht übersehen werden. Die zufällige Entscheidung, auf dem Weg zur Arbeit links statt rechts abzubiegen. Der unerwartete Entschluss, zu Hause zu bleiben oder länger auszugehen. Ungeplante Reise oder Telefonanruf, Kauf oder Geschenk. Nichts davon ist zufällig oder unentdeckt. Das ist Gott, der tut, was gute Eltern tun. Er greift ein, wenn er kann, und weiß, wann er nichts mehr ausrichten kann. Ich habe nie wirklich verstanden, wie Gott all das leisten kann – bereit sein, alles zu tun, um in der Nähe seiner Kinder zu sein, und dennoch auch imstande wegzugehen.« Peanuts Schultern schienen sich beim Seufzen zu heben. »Da sind immer so viele Regeln, Trinity, so viele Erwartungen, sogar an Gott und ganz sicher an einen führenden Prinzen.«

Ein Schauer lief mir über die Haut. Nein. Unmöglich …

Peanut schaute zu mir, und, ja, sein Gesicht war definitiv nicht mehr so durchsichtig. »Du hattest recht, weißt du? Als du sagtest, es hätte doch Anzeichen dafür geben müssen, dass mit Gabriel etwas furchtbar schieflief.«

Ich wich zurück und stieß mit dem Rücken gegen die Wand.

»Denn die gab es. Du lagst auch richtig, als du meintest, du wärst nur eine Hintertür. Eine Waffe, die man an dem Schwur vorbeischmuggeln könnte, ohne jemandem zu schaden. Zumindest zu Beginn warst du nicht mehr als das, aber dann habe ich erfahren, wie und warum Gott alles für seine Kinder tun konnte und tun würde.« Er lächelte. »Dass sogar Gott manchmal die Regeln beugt.«

Ich drückte mich völlig platt an die Wand, mein Herz schlug so schnell, dass fraglos war, dass ich noch lebte.

»Ein Erzengel kann nicht wirklich lange auf der Erde und unter Seelen weilen. Es gibt zu viele Verantwortlichkeiten und zu viele Konsequenzen. Die Anwesenheit eines Erzengels zieht überall zu viel Aufmerksamkeit auf sich«, sagte er, und mitten auf seiner Brust entstand ein schwaches weißes Leuchten. »Aber genau wie Gott konnte ich nicht von meiner Schöpfung lassen. Von meinem Fleisch und Blut.«

Das Glühen aus der Mitte seiner Brust strömte jetzt über seinen ganzen Körper. Das himmlische Licht pulsierte in einem intensiven Weiß – die Art von Licht, von der ich wusste, dass Seelen es sahen, wenn sie ins Jenseits übergingen. Ein warmes Licht, erträglich zu betrachten und zu erleben.

Peanut veränderte sich.

Sein Körper wurde länger, die Schultern wurden breiter. Der braune Haarschopf wurde heller und sonnenblond. Seine Gesichtszüge wurden härter und legten die jugendliche Straffheit ab, die ich so gut von ihm kannte. Das alte Whitesnake-T-Shirt verwandelte sich in eine weiße, ärmellose Tunika, und die zerfetzten Jeans wurden zu perlmuttfarbenen Leinenhosen. Und seine Haut … sie wechselte ständig zwischen den einzelnen Schattierungen menschlicher Haut, bevor sie sich irgendwo in der Mitte einpendelte.

»Also«, sagte er mit dieser Stimme, die nicht zu Peanut gehörte. »Ich habe getan, was ich konnte, um auf dich aufzupassen.«

Mein Vater, der Erzengel Michael, stand vor mir.

»Heiliger Mist«, flüsterte ich.

Er lachte – er lachte tatsächlich, und es war ein seltsamer Laut, vertraut und doch unbekannt. Es erinnerte mich an Peanut, als wäre sein Lachen erwachsen geworden.

»Deine Reaktion überrascht mich nicht.«

Meine Augen fühlten sich an, als würden sie mir gleich aus dem Kopf fallen. »Du … Es gibt …« Ich schüttelte den Kopf. »Ist das wahr?«

Er nickte.

»Aber wo ist Peanut?«

Die Farbe dieser strahlend weißen Augen wurde wärmer. Keine Ahnung, wie das möglich war, aber es war so. »Ich bin Peanut.«

»Das ist unmöglich. Peanut war ein Teenager. Er ist ein Teenager und starb in den 80ern …«

»Bei einem Whitesnake-Konzert, nachdem er hoch auf einen Lautsprecherturm geklettert und zu Tode gestürzt war?«, beendete er den Satz für mich. »Hast du jemals etwas Lächerlicheres gehört?«

Na ja, nein.

»Lass dir gesagt sein, Menschen haben unglaublich bizarre Wege gefunden, um zu sterben, und es gab tatsächlich einen, der so gestorben ist. Nur war der älter, und die Umstände seines Todes amüsierten mich. Die Geschichte blieb mir viele Jahre im Gedächtnis.«

»Die Story … seines Todes hat dich … amüsiert?«

»Ja, also hab ich mir seinen Tod geborgt.« Er neigte den Kopf zur Seite – ach du lieber Gott, so wie Peanut es oft tat, wenn er mich ansah. »Du solltest dich lieber setzen.«

Ich konnte mich aber nicht bewegen. »Peanut war nicht echt?«

»Peanut ist echt«, korrigierte er. »Er ist, na ja, ein Hirngespinst von mir. Eine Manifestation oder Projektion von mir, als ich ein noch … jüngerer, weitaus nervigerer Engel war, der zu allen möglichen Dingen geneigt hat.«

»Wie sich ins Bad zu schleichen, wenn Zayne geduscht hat?«, krächzte ich wie ein ausgewachsener Pterodaktylus.

»Wenn du es so ausdrückst, klingt es pervers.«

»Weil es pervers ist.« Oh mein Gott, warum musste ich das überhaupt erklären, geschweige denn einem Erzengel?

»Ich war eben neugierig auf den Mann, von dem ich wusste, dass ihm das Herz meiner Tochter gehörte. Es war schließlich nicht so, dass ich nachgeschaut hätte, wo ich nicht hinsehen sollte.« Er zuckte mit den Schultern. »Außerdem gibt es nichts auf dieser Welt, was wir nicht schon eine Million Mal gesehen hätten.«

»Irgendwie macht das alles nur noch schlimmer«, murmelte ich.

Einer seiner Mundwinkel zuckte amüsiert. »Es ist sehr menschlich von dir, zu unterstellen, dass hinter buchstäblich allem eine sexuelle Motivation steckt. Kurzmeldung, Trinnie«, sagte er, und jeder Muskel in meinem Körper verkrampfte sich. Er klang dermaßen nach Peanut. »Tut es nicht.«

»Ich glaube, ich muss mich wirklich hinsetzen.«

»Solltest du.«

Aber ich tat es nicht. »Du hast mich beim Schlafen beobachtet. Die Art, wie du geredet hast, die Dinge, die aus deinem Mund kamen …«

»Wie ich schon sagte, Peanut war ein Hirngespinst meiner Jugend«, erklärte er. »Als junger Engel war ich ziemlich unausstehlich. Frag Luzifer. Der kann das bestätigen.«

»Aber der ganze 80er-Jahre-Kram …«

»Die 80er-Jahre haben mich immer belustigt. Die Musik. Die Frisuren.« Er hielt inne. »Die hautengen Sportklamotten. Ein sehr interessantes Jahrzehnt, das bewiesen hat, tja, dass man noch nicht alles gesehen hat, auch wenn man denkt, es wäre so.«

Oh Gott.

Peanut war mein Vater.

Mein Vater war Peanut.

Da setzte ich mich doch, genau da, wo ich stand, auf den Boden. »Ist es möglich, dass ich, keine Ahnung, einen Schlaganfall hatte, der das alles erklärt?«

»Das ist doch unlogisch.« Einen Moment später spähte mein Vater um das Bett herum. »Wäre es einfacher für dich, mich als Peanut zu sehen? Ich kann mich wieder in ihn verwandeln. Ich kann die Projektion nur nicht mehr sehr lange aufrechterhalten.«

Auf einmal kapierte ich. »Deshalb warst du immer wieder verschwunden! Sogar früher in der Siedlung zu Hause. Und ich dachte, du wärst weg und würdest … Geistersachen machen.«

»Die Projektion erfordert meine Aufmerksamkeit. Nicht viel, aber genug, dass es ablenken kann. Willst du, dass ich mich wieder in ihn verwandle?«

»Nein. Das wäre … das wäre ja noch seltsamer, und ich glaube nicht, dass ich damit zurechtkäme.«

Er nickte, setzte sich ans Fußende des Bettes und schwieg.

Ich nicht. »Was ist mit der ganzen Fegefeuer-Geschichte? Als du sagtest, du wärst hineingesogen worden?«

»Das ist geschehen, als Zayne zum Gefallenen wurde. Nicht mit mir, aber mit denen, die nicht weitergekommen waren.« Er stützte die Hände auf die Knie. »Ich dachte, es wäre wichtig für dich, die Folgen seines Fallens zu kennen, auch wenn es nur vorübergehend war.«

Okay … Tja, Folgen bekannt. Ich bin mir nicht sicher, was das geändert hat, und aus irgendeinem Grund erschien mir das wie eine beliebige, unsinnige Sache, die Eltern eben so versuchten, um ihrem Kind etwas beizubringen.

»Du hast Zayne gemieden, nachdem er ein gefallener Engel war, denn er hätte es gemerkt, oder?«

»Er hätte nicht gemerkt, dass ich es war, aber er hätte gespürt, dass etwas nicht ganz so war, wie es schien. Das wäre eine unnötige Komplikation gewesen.«

»Und Gena? Sie ist kein Geist. Das war nur eine Ausrede, warum du nicht da sein konntest.« Jetzt war alles klar. »Weil Gabriel nah war? Warst du deshalb … mehr weg als hier?«

Er nickte.

Noch etwas kam mir in den Sinn. »Meine Mutter …«

»Sie hat ihren Frieden«, antwortete er schnell. »Glücklich und zufrieden.«

Wieder schlug mein Herz heftig, und ich wusste nicht mal, ob es sich wieder beruhigen würde. »Trefft ihr euch noch?«

»Ja«, antwortete er, und ich war erstaunt. »Ich mag sie. Sie war keine zufällige Wahl.«

»Nicht?«

Michael schüttelte den Kopf. »Nein.«

Ich wollte weitere Fragen zu dem Thema stellen und entschied dann doch, es nicht aushalten zu können, von der Liebesbeziehung meiner Mutter und meines Vaters zu hören.

Ich kam auch mit einer begrenzten Menge an Informationen zurecht.

Trotzdem gab es etwas, das ich einfach fragen musste. »Warum hat sie mich nie besucht?«

»Aus dem gleichen Grund, warum Zaynes Vater ihn nicht getroffen hat, als er im Himmel war«, erklärte er, und ich zuckte innerlich zusammen. »Weil sie wusste, dass du nicht in der Lage wärst, sie wieder gehen zu lassen. Du würdest feststecken, und dieser Schmerz, diese Trauer, diese Liebe und dieses Verlangen hätten sie in die Enge getrieben. Das wollte sie dir nicht antun.«

Es bildete sich ein Kloß in meiner Kehle. »Weiß sie, wie leid …«

»Was ihr zugestoßen ist, war nicht deine Schuld. Das hat sie nie gedacht. Nicht eine Sekunde lang, und sie wäre wütend, wenn sie wüsste, dass du das annimmst.«

Tränen trübten meinen Blick. Sie wäre total wütend.

»Das Handeln anderer hat zu ihrem Tod geführt. Du warst bloß ein Glied in dieser Kette, genau wie sie selbst. Die, die Macht über diese Kette besaßen, tragen die Schuld. Tief in deinem Inneren weißt du das auch.« Seine Stimme wurde weicher. »Aber manchmal ist es schlimmer, nichts für das Ergebnis zu können, als die Schuld auf sich zu nehmen, der Grund für das Geschehene zu sein.«

Puh.

Er klang so … so weise, und das war seltsam und wunderbar, aber hauptsächlich seltsam.

Ich wischte mir die Tränen aus dem Gesicht. »Warum?«

Er schien sofort zu wissen, worauf ich hinauswollte. »Weil es die einzige Möglichkeit war, eine Beziehung zu dir zu haben. Der einzige Weg, dich kennenzulernen.«

Der Kloß in meiner Kehle wurde größer. »Und Zayne?«, fragte ich heiser. »Du hast dafür gesorgt, dass er zum Gefallenen wurde, damit er bei mir sein kann.«

»Ein kleines Geschenk, das ich sicherstellen konnte.«

Ein kleines Geschenk? Ich lachte unter Tränen. »Und die Sterne? Das warst auch du.«

Er nickte.

»Und du … du bist der Grund, warum ich noch am Leben bin.«

»Unter anderem.«

Ich blinzelte. »Unter anderem?«

»Ich hatte die Hilfe eines gewissen Menschen mit einem neuen Lebensgefühl.«

»Die Alte«, wurde mir klar.

Michael neigte den Kopf zur Seite. »Der Trank, den sie dir gegeben hat, hat nicht nur Zayne zu dir zurückgebracht. Er hat dich an ihn gebunden. Ähnlich wie die Beschützerverbindung, aber stärker. Du trägst einen Teil seines Wesenskerns in dir. Solange er lebt, lebst auch du. Du bist gezeichnet.«

Ich drückte mir die kribbelnden Finger auf die Brust, dorthin, wo neulich die merkwürdige Narbe aufgetaucht war, genau dort, wo mich das Licht, das von Zayne ausgegangen war, getroffen hatte. Plötzlich erinnerte ich mich an den Blick, den Tony der Alten zugeworfen hatte, als sie mir mitteilte, ich müsse mein eigenes Blut anzapfen.

Ich riss die Augen auf und schaute zu Michael. »Ich … ich bin also nicht gestorben?«

Er schüttelte den Kopf. »Du warst geschwächt und wurdest bewusstlos, während die Bindung den angerichteten Schaden repariert hat.«

»Aber ich dachte, eine Engelsklinge kann alles töten?«

»Die Bindung zwischen dir und Zayne überdauert alles.« Er hielt inne. »Na ja, fast alles. Wenn du enthauptet werden würdest, dann …«

Ich blinzelte langsam.

»Du lebst so lange wie er, Trinity.« Der Blick aus diesen strahlend weißen Augen bohrte sich in meinen. »Du verstehst doch, was das bedeutet?«

Mein Herz setzte einen Schlag aus. »Ich bin … Ich bin unsterblich?«

Daraufhin lächelte er, und ich spürte einen Stich in der Brust. Der Ausdruck seines Mundes verriet eine gewisse familiäre Zuneigung. »Du bist so unsterblich wie jedes andere Engelswesen.«

»Ich werde also nicht … altern?«

Wieder schüttelte er den Kopf. »Wenn sie erwachsen sind, hören die meisten Engel auf, älter zu werden«, sagte er, was erklärte, warum viele so aussahen, als wären sie Ende zwanzig. »Du hast in dem Moment aufgehört zu altern, als das Band geschmiedet wurde.«

Mir fiel nichts anderes ein, als ihn anzustarren, und das tat ich vermutlich auch mehrere Minuten, während ich versuchte, mir klarzumachen, dass ich nicht altern und mir einen Hüftschaden zuziehen würde, während Zayne jung und herrlich frei von Knochenbrüchen bliebe. Nicht älter als neunzehn zu werden bedeutete, dass ich vermutlich bis in so was wie alle Ewigkeit …

Oh mein Gott, tatsächlich alle Ewigkeit. Oder bis mein Kopf im Stil von Highlander abgehackt würde oder bis Zayne … Aber das wollte ich mir gar nicht vorstellen. Es gab weitaus schlimmere Dinge, als nie mehr älter auszusehen, als ich jetzt war.

Sofort zu sterben oder steinalt in Zaynes Armen … »Moment mal«, rief ich und zog die Beine an die Brust, um aufzustehen. »Besitze ich jetzt zwei Körper? Der, der auf dem Feld war, und den hier?«

Völlig perplex blickte er mich an. »Du hast echt merkwürdige Ideen. Nein, du besitzt keine zwei Körper.«

»Weiß Zayne denn, dass ich hier bin?«, fragte ich. »Weil ich ja gestorben bin – beziehungsweise ohnmächtig wurde. Wie auch immer. Ich war mit Zayne zusammen.«

»Ja, du warst ohnmächtig, und ich habe dich einfach mit meinem Willen hierherbefördert.«

»Du hast mich einfach mit deinem Willen hierherbefördert?«, wiederholte ich stumpf seine Aussage. »So Simsalabim in Luft aufgelöst?«

Er hob eine Augenbraue. »Ja.«

»Oh mein Gott, Zayne wird echt ausrasten!«

»Wahrscheinlich.« Er sagte das, als wäre es keine große Sache. Als würde es jeden Tag passieren, Leute aus den Armen anderer Leute Simsalabim in Luft aufzulösen.

Und auch die Tatsache, dass er mich einfach von einem Ort zum anderen befördern konnte, war überaus verblüffend. »Ist das eine Fähigkeit, die alle Erzengel besitzen?«, wollte ich wissen und fragte mich, warum Gabriel mich dann nicht einfach zu sich befördert hatte, wenn dem so war.

»Du bist aus meinem Fleisch und Blut«, erklärte er, und ich wünschte, er würde aufhören, es so auszudrücken. »Deshalb.«

Das ergab ungefähr so viel Sinn wie alles andere hier auch. Ich fuhr mir mit der Hand übers Gesicht, über meine Augen. Meine Augen. Mir wurde ganz flau, als ich den Arm wieder senkte. Ich hatte fast Angst, zu fragen, aber ich musste es wissen. »Werden meine Augen noch schlimmer?«

»Würde es etwas ändern, wenn es so wäre?«, stellte er mir die Gegenfrage »Wenn du wüsstest, dass die Bindung ewige Dunkelheit für dich bedeutet?«

»Nein.« Darüber brauchte ich nicht einmal nachzudenken. »Blind zu sein ist nicht schlimmer als der Tod. Das Geschenk des Lebens – eines Lebens, das länger ist, als ich überhaupt begreifen kann – gemeinsam mit Zayne ist so viel mehr, als nur sehen zu können. Ich kann ja lernen, auch ohne mein Augenlicht zu leben.« Und Zayne würde da sein, um mir zu helfen. »Aber ich kann nicht lernen, wie ich von den Toten zurückkehre.«

»Kluges Mädchen.« Er schüttelte den Kopf und lachte leise. »Die Bindung hat deinen Alterungsprozess gestoppt. Ich kann es nicht hundertprozentig sicher sagen, da es so etwas noch nie zuvor gegeben hat, aber das könnte auch die Verschlechterung deiner Sehkraft aufgehalten haben.«

»Wirklich?«, flüsterte ich, und eine Woge prickelnden Schockgefühls erfasste mich.

»Das bedeutet keine magische Heilung. Deine Sehkraft wird sich nicht verbessern, aber nach dem, was ich über deine spezielle genetische Störung weiß, ist eine vollständige Erblindung keinesfalls sicher«, sagte er, und das stimmte. RP verlief bei jedem Menschen anders. Ich war etwas überrascht, dass er das wusste.

Dann fiel mir ein, dass das nur logisch war, denn Peanut hatte alles über meine Krankheit gewusst.

Und er war ja Peanut.

Ich wurde gleich erneut ohnmächtig.

»Oder es könnte auch schlimmer werden, Trinity. Dein Alterungsprozess ist gestoppt, aber was das genetisch bedeutet, übersteigt sogar meine Kenntnis. Das ist genauso wenig sicher wie die Frage, ob du ein Kind bekommen kannst …«

»Lass uns nicht darüber reden.«

Er runzelte die Stirn. »Empfängnis und Schwangerschaft sind ganz natürliche Dinge, Trinity. Nichts, wofür man sich schämen müsste. Glaubst du, ich wüsste nicht, was du kürzlich befürchtet hast?«

»Okay. Wow. Lass uns trotzdem nicht darüber reden. Ich glaube nicht, dass mein Gehirn in der Lage ist, das zu verarbeiten.« Ich erschauderte, dachte aber weiter darüber nach. Der Sensenmann wusste davon, als er mit Zayne und mir gesprochen hatte. Er hatte gesagt, dass ein Kind von uns ein Trueborn sein würde, aber das zuvor …? Zu dem Zeitpunkt hatte ich nicht verstanden, was er meinte, jetzt aber schon.

Zuvor bedeutete: bevor ich etwas von Zaynes Wesenskern aufgenommen hatte – vor der Bindung. »Und was bin ich jetzt?«, fragte ich. »Immer noch eine Trueborn?«

»Ja«, bestätigte er. »Aber auch etwas vollkommen anderes. Etwas Neues, ohne Etikett. Du bist, wie du schon gesagt hast, eine ganz einzigartige Schneeflocke.«

Ein zittriges Lachen drang aus meiner Kehle, während ich den Kopf an die Wand hinter mir lehnte. Das hatte ich … Peanut gegenüber häufiger gesagt. Das alles war viel – viel Gutes, aber auch eine Megatonne neuer Informationen. Ich schaute zu Michael, meine Kehle schien sich erneut zuzuschnüren. »Ich weiß nicht, was ich sagen soll, außer danke, und das scheint nicht genug.«

»Ein Dankeschön ist nicht nötig. Das ist nicht die Belohnung für die Erfüllung deiner Pflicht. Sondern einfach die einzige Möglichkeit, die mir einfiel, um dir zu zeigen, dass du nicht bloß eine Waffe bist. Du bist Trinity Marrow. Eine Kriegerin, sowohl geistig als auch körperlich, mit fragwürdigem Geschmack, was Essen anbelangt, aber genau richtig, wenn es um Fernsehsendungen geht. Außer bei Supernatural. Mir gefällt nicht, wie ich dargestellt werde. Du bist vieles. Und unter anderem meine Tochter.«

Oh Gott.

Tränen traten mir in die Augen. »Sei nicht so – nicht wie ein Vater.«

»Verstehe ich nicht«, entgegnete er verwirrt.

»Es ist einfacher, sich vorzustellen, dass du dich nicht kümmerst oder einfach generell mit allem unzufrieden bist«, platzte es aus mir heraus. »Weil es dann nicht so unfair erscheint, dass du nicht mein Vater sein kannst. Ich komme nicht zu kurz. Du verpasst nichts, verstehst du? Weil du sowieso weggehst, richtig? Du kannst ja nicht bleiben. Darum will ich dich nicht.«

»Stimmt, ich kann nicht bleiben.«

Tränen kullerten mir über die Wangen. »Und Peanut?«

Daraufhin bewegte er sich und kniete sich neben mich. Vorsichtig streckte er die Hand aus und wischte mir die Tränen weg. »Ich glaube, du brauchst Peanut nicht mehr.«

Doch.

Ich würde den lächerlichen Arsch vermissen, und in dem Augenblick war mir echt egal, dass Peanut Michael war.

»Das mag im Moment schwer zu akzeptieren sein, aber tief im Inneren hast du immer geahnt, dass der Tag kommen würde, an dem du dich verabschieden musst. Du wolltest doch, dass er ins Licht geht, oder?«

Ich nickte.

»Und das ist jetzt nichts anderes. Peanut hat nicht aufgehört zu existieren. Er wird immer da sein. Ich werde immer da sein«, sagte er, und mir stockte der Atem. »Das hier ist nicht das letzte Mal, dass du mich siehst. Das kann ich dir versprechen.«

Ich schluckte heftig und nickte erneut. Ich verstand, was er sagte. Peanut war nicht gestorben. Er war Peanut. Ich kapierte das. Es war einfach an der Zeit, ohne ihn weiterzuleben.

»Außerdem«, sagte er und legte seine warme Hand an meine Wange, »hast du ja noch etwas anderes vor. Sowohl du als auch Zayne. Und zwar früher, als du vermutlich denkst.«

Schniefend dachte ich darüber nach. »W…was meinst du?«

Er hob eine Augenbraue. »Mein Bruder hat sich während seines kurzen Aufenthaltes hier sehr, sehr schlecht benommen.«

»Oh«, flüsterte ich und verkrampfte mich sofort. »Oh nein.«

Michael nickte.

»Müssen wir etwa ein Antichrist-Baby aufspüren und töten?«

Michael stutzte. »Ich verstehe nicht, wie dein Gehirn Punkt A und Punkt B miteinander verbindet.«

»Aber …«

»Kein Kind, selbst das, das von Luzifer gezeugt wurde, ist hoffnungslos. Sondern ein Kind der Erde. Die Leute werden entscheiden, was aus ihm wird.«

Verdammt, das verhieß nichts Gutes.

»Es gibt immer Hoffnung«, wiederholte er.

»Hast du mal ein paar Leute kennengelernt?«, fragte ich. »Menschen sind generell schlimm.«

Er lächelte. »Sie besitzen die erstaunliche Fähigkeit, sich zu ändern. Einige schießen übers Ziel hinaus, ja, und sie werden sich vor dem Jüngsten Gericht für alles verantworten müssen, aber die meisten … die meisten können sich ändern. Die meisten sind bereits gut, aber wenn dieses Kind das Schicksal seines Vaters erfüllt, dann, tja, wird der große und endgültige Krieg folgen.«

»Oh Gott«, murmelte ich.

»So oder so, das dauert noch eine Weile. Jahrzehnte, bevor das Kind eine Entscheidung treffen muss. Bis dahin leb dein Leben so tapfer und beharrlich wie bisher. Gestalte dein Leben sinnvoll, meine Tochter.«