Der Raum schien sich zu drehen, während ich langsam begriff, was der Thronende gesagt hatte. Es ergab zwar keinen Sinn, aber ich wusste, was der Engel mit »Zayne sei gefallen« gemeint hatte. Ich wusste, was Zayne gemeint hatte, als er sagte, er sei der Gefallene.
Was ich nicht verstand, war: Wie war das bloß möglich?
Ich musste mehrmals tief durchatmen, um mich zu beruhigen, bevor ich etwas erwiderte. »Zayne war Wächter und mein Beschützer. Wie konnte er fallen, obwohl er kein Engel war?«
Die Flügel des Thronenden hoben und neigten sich dann wieder. »Was glaubst du, was Wächter waren, bevor sie in Stein verwandelt wurden? Hast du geglaubt, der Schöpfer habe sie aus Langeweile in diese Existenzform verwandelt?«
Ich runzelte die Stirn. Ja, genau das hatte ich bisher angenommen.
»Nein. Gott war nicht einfach gelangweilt. Die, die du Wächter nennst, waren einst Hüter der Menschheit, bedeutende Persönlichkeiten, aber haben versagt. Sie erlagen den Verlockungen von Sünde und Laster. Sie fielen in Ungnade.«
»Das verstehe ich nicht. Ich habe gelernt …«
»Dass die Wächter die Gefallenen von der Erde getilgt haben?« Er lächelte schwach. »Man hat die Geschichte neu geschrieben. Kannst du’s ihnen verübeln, dass sie ihre Schande verbergen wollten?« Er trat die Stufen vom Altar herunter, sodass ich mich erneut verspannte. »Sie haben ihre Taten so tief vergraben, dass viele Generationen geboren wurden und in den Himmel fuhren, ohne die wahre Geschichte zu kennen. Manche Gefallene wurden von Erzengeln und Alphas ihrer Flügel und ihrer Gnade beraubt. Andere entkamen in die Hölle. Doch jene, die nicht flohen und ihre Sünde anerkannten, nahmen die Strafe auf sich. Sie wurden in Stein begraben.«
»Lebendig?«, wisperte ich.
»Zur Warnung, dass das Böse allgegenwärtig und niemand, nicht einmal Gottes Engel, davor gefeit war.«
»Das waren die ersten steinernen Gargoyles.« Ich nahm nur einen kurzen Atemzug, denn der Gedanke, dass jemand in Stein gefangen war, entsetzte mich. »Wie lange?«
»Jahrhunderte«, antwortete der Thronende schulterzuckend.
Mir fiel die Kinnlade herunter. Jahrhunderte in Stein gefangen? Wie konnte man da mit gesundem Verstand wieder herauskommen?
»Doch als die Dämonen-Population zunahm, griff Gott ein, und die Alphas stellten einige der Eingeschlossenen vor die Wahl: entweder freikommen, um die Dämonen zu bekämpfen und die Menschen zu beschützen, oder eingeschlossen bleiben.«
Das klang für mich nicht nach Freiheit oder einer echten Option, aber was wusste ich schon?
»Die, die sich für die Freiheit entschieden, wurden die ersten Wächter, deren Ur-Steinform als warnende Erinnerung dienen sollte und denen die menschliche Gestalt zurückgegeben wurde, damit sie sich unter die Menschen mischen konnten. Ihre Gnade blieb ihnen dennoch verwehrt, sodass keine Rebellion drohte und sie imstande waren, eine Abstammungslinie zu erschaffen, die weiterhin dazu diente, Menschen zu beschützen und dem Willen Gottes zu gehorchen«, erklärte er. »Das ist die Wahrheit über die Wächter.«
Plötzlich schoss mir in den Sinn, was der Dämonen-Prinz damals zu mir gesagt hatte, als wir zum Hexenzirkel gegangen waren, um Bambi, seine Vertraute, zurückzuholen. Gut, dass die Wächter die Gefallenen vor Äonen ausgelöscht haben, was? Daraufhin hatte Roth gelacht, als hätte er etwas gewusst, von dem ich keine Ahnung hatte. Roth wusste Bescheid! Das war auch der Grund, warum er ständig abfällige Bemerkungen über Wächter machte.
»Moment mal. Und diejenigen, die die Wahl nicht akzeptiert haben? Oder die keine hatten?«, fragte ich. »Was geschah mit denen?«
»Du kennst die Antwort.«
Scharf atmete ich ein. Ja, ich kannte die Antwort. Ich wollte bloß nicht, dass es stimmte. »Sie sind also immer noch begraben.«
»So ist es.«
Du lieber Gott.
Der Thronende beobachtete mich aufmerksam. »Wenn ein Wächter stirbt, tritt er oder sie vor Gericht. Sie werden entweder in den ewigen Frieden geführt oder erhalten die versprochene göttliche Herrlichkeit zurück. Um wiedergeboren zu werden, wie sie einst waren.«
Zu erfahren, wie die Wächter zu dem geworden waren, was sie waren, überwältigte mich, und ich hatte Fragen. Zum Beispiel wie, in aller Welt, es den Dämonen gelungen war, das geheim zu halten. Wenn Roth die Wahrheit kannte, und ich wette, das tat er, dann mussten noch mehr Dämonen Bescheid wissen. Doch im Moment zählte nur Zayne. »Du sagst, er wurde wiederhergestellt – wurde er zu einem … einem Engel?«
Er nickte.
»Zayne hatte Flügel – große, flauschige Engelsflügel –, und er besaß die Gnade. Eine Menge davon. Ich wusste nicht, dass Gefallene Flügel oder die Gnade besitzen.« So hatte man mir das immer erklärt, und sogar Roth hatte das gesagt. Nur Luzifer hatte seine Flügel und seine Gnade behalten, weil er rausgeschmissen worden war, bevor Gott erkannt hatte, dass das nötig war.
»Nicht allen wird die Erlösung zuteil. Nur diejenigen, die es wirklich verdienen oder die als nützlich befunden werden, bekommen ihre göttliche Herrlichkeit zurück, erhalten ihre Gnade und Flügel. Er wurde auserwählt«, wiederholte der Thronende. »Er wurde wiederhergestellt.«
Ich öffnete den Mund, aber als ich schließlich richtig verstand, was er da sagte, fehlten mir die Worte. Zayne war ein Engel, ein echter Engel, und nun ein Gefallener …
Wie hatte das geschehen können?
Ich wollte hier raus, ihn finden und ihm eine reinhauen. Nicht weil ich undankbar war. Ich wollte Zayne zurück. Ich war bereit gewesen, zum Sensenmann zu gehen, um zu sehen, was ich erreichen konnte, aber er war in der Zwischenzeit ein verdammter Engel im Himmel geworden. Engel waren häufig ziemlich nutzlos im großen Plan der Dinge, dennoch waren sie Engel. Keinen Schimmer, wie sich das anfühlte, ein Vollblut-Engel zu sein, doch es musste unglaublich sein. Wie … wieder nach Hause zu kommen.
Ich hätte Zayne dieses Gefühl niemals nehmen wollen. Meine Emotionen schnürten mir die Kehle zu, und Tränen brannten in meinen Augen. Ich schaute weg und presste die Lippen aufeinander. Wie konnten überhaupt noch Tränen da sein, obwohl ich schon so viel geweint hatte? Warum machte er das? Ihn heute zu sehen war wie ein wahr gewordener Traum, aber zu welchem Preis? Er … er war meinetwegen zum Gefallenen geworden, allerdings schien er nicht zu wissen, wer ich war.
»Du solltest weinen wollen«, sagte der Engel leise.
Ruckartig wandte ich mich in seine Richtung. Sein Tonfall und sein Lächeln wirkten so traurig, dass ich schockiert war. Bisher hatte ich immer geglaubt, dass Engel keine Gefühle besaßen, doch was ich seinen Worten entnahm, war echt.
»Zayne hat vollendet, was nur wenige jemals geschafft haben«, erklärte er. »An seiner Stelle wäre ich im Himmel geblieben. Ich hätte dazu beigetragen, dass der Himmel nicht mehr betreten werden kann und die Tore verriegelt werden, bevor auch nur eine verdorbene Seele eintritt.«
»Die Tore verriegeln?« Ich blinzelte die Tränen fort.
Wieder nickte der Thronende. »Viele von uns haben das Gefühl«, erklärte er und breitete die Arme aus, »dass diese Welt hoffnungslos geworden ist. Dass Gabriel nicht aufzuhalten ist und wir nur noch verhindern können, dass uns sein Fluch erreicht.«
Fassungslos starrte ich ihn an. »Du willst im Grunde den Himmel von der Erde trennen und ihn so was wie unter Quarantäne stellen?«
»Doch stattdessen bin ich hier«, erwiderte er, als ob das tatsächlich entschuldigte, dass es Engel namens Gabriel gab, die trotz allem ihre Hände in Unschuld waschen wollten.
Das Einzige, was mich davon ablenken konnte, wie sehr mich Engel doch auf die Palme brachten, war, was er als Nächstes sagte.
»Zayne wurden viele Möglichkeiten eröffnet. Er hätte den ewigen Frieden erlangen können. Wiedergeboren hätte er im Himmel bleiben und die Pforten bewachen können. Er hätte sich entscheiden können, mit unseren Heeren für das letzte Gefecht zu trainieren, das kommen wird, egal, was Gabriel zustande bringt. Er hätte sich entscheiden können, im rechten Moment auf die Erde zurückzukehren, zu dem Zeitpunkt, an dem er am meisten gebraucht wird. Aber er ist zu dir zurückgekehrt, um jetzt und für immer an deiner Seite zu kämpfen, obwohl wir ihn gewarnt haben, dass er ein Gefallener wäre, wenn er sofort zurückkehren würde.« Ein kurzes Lachen ertönte, das wie der Wind in den Bergen klang. »Selbst wenn er nicht so lautstark gestanden hätte, was er wirklich wollte, oder wir ihn nicht vor eine solche Wahl gestellt hätten, war uns klar, dass er einen Weg gefunden hätte, zu dir zurückzukehren.«
Und hatte er mir nicht genau das versprochen? Dass er, egal, was passierte, einen Weg zu mir zurückfinden würde?
»Also ist er gefallen, und ein Gefallener kann nur seiner Flügel und seiner Gnade beraubt werden, sobald man irdisch ist«, erklärte der Thronende. »Doch kein machtvoller Engel wird so etwas in diesen Zeiten versuchen.« Er hielt kurz inne. »Außerdem hatten wir gehofft, dass er selbst als Gefallener noch … nützlich für unsere Sache sein würde. Dass er tief im Herzen wissen würde, wer er war, und in der Lage wäre zu helfen, Gabriel zu besiegen. Wir haben ihn vor der Verbrennung beim Wiedereintritt gewarnt.«
»Was soll das heißen? Verbrennung beim Wiedereintritt?«
»Als er zurück auf die Erde fiel, verlor er seine göttliche Herrlichkeit und war dem Schlimmsten der menschlichen Seele ausgesetzt. Habgier. Wollust. Maßlosigkeit. Trägheit. Stolz …«
»Zorn. Neid. Ich hab’s kapiert«, schnitt ich dem Thronenden das Wort ab, und wenn ich nicht schon Gabriel gegenübergestanden hätte und mein Vater nicht der Erzengel Michael wäre, hätte mich der Blick, den mir der Thronende daraufhin zuwarf, vielleicht eingeschüchtert. »Er sagte etwas über zu viel Gefühl. So was wie – keine Ahnung. Er schien manches an mir vertraut zu finden, aber das, was er fühlte, hat ihn blockiert oder so ähnlich. Er schien die Gnade in mir zu spüren. Er griff mich an.«
»Das liegt daran, dass er, als er fiel, nicht nur Zeuge der Sünde der Menschheit war, sondern auch der Wut und Bitterkeit derer ausgesetzt war, die vor ihm fielen.«
Ich öffnete den Mund und schloss ihn gleich wieder. Ich … ich konnte das nicht nachvollziehen, nicht mal ansatzweise verstehen, was Zayne fühlen musste.
»Wir haben ihn gewarnt, dass der Sündenfall seine Sinne überfordern und ihn befallen könnte, was möglicherweise auslöschen würde, wer er war, aber für dich war er bereit, zu riskieren, etwas so Abscheuliches und Böses zu werden wie ein gewöhnlicher Dämon.«
Seine Worte wirkten wie ein Stich ins Herz.
»Bei eurer Begegnung heute hat er deine Gnade gespürt. Selbst dein schmutziges Blut rief ihn«, erklärte der Thronende, und ich konnte nicht mal die Energie aufbringen, mich über das mit dem schmutzigen Blut aufzuregen. »In seinem zwiespältigen Zustand und mit der Wut und der Bitterkeit all derer, die vor ihm gefallen sind, hat er dich höchstwahrscheinlich als einen der Glaubensbrüder angesehen, die ihn aus dem Himmel vertrieben haben. Wächter wird er ebenfalls so betrachten. Je länger er in diesem Zustand bleibt, desto wahrscheinlicher wird er die Gewalt, die ihm aus jeder Pore dringt, ausleben wollen. Er wird zu einer Gefahr nicht nur für dich oder Wächter werden, sondern auch für die Menschen – für unschuldige Leute.« Der Thronende seufzte. »Ein Gefallener im Besitz seiner Gnade ist ein sehr gefährlicher Feind, egal, wie klar sein Herz und sein Verstand funktionieren. Wir hatten gehofft, er würde unversehrt wiederkommen. Wir haben uns geirrt. Das ist die Lage.«
Diese vier Wörter klangen sehr endgültig.
Eine unerträgliche Last drückte auf meine Brust. Wie dumm von mir, geglaubt zu haben, dass mein Herz mit all dem Schmerz fertig geworden war. Auch ich hatte mich geirrt. Er war immer noch da und brach von Neuem auf. Zayne hatte alles aufgegeben, um mit mir zusammen zu sein, und als schreckliche Wendung des Schicksals wirkte es fast so, als wäre er zu etwas geworden, das er selbst verabscheut hätte.
»Gibt es denn keine Hoffnung?«, fragte ich leise und müde. »Wird er nicht wieder der werden, der er mal war? Aus der Sache rauskommen?«
Der Thronende wich zurück, und das Licht um ihn herum verblasste nach und nach. »Für den, der glaubt, gibt es immer Hoffnung.«
Glaube. Beinahe hätte ich aufgelacht, aber wenn ich erst mal lachen würde, könnte ich vermutlich nie mehr aufhören. Und der junge Geistliche würde jemanden zu Hilfe rufen müssen.
Wenn der junge Priester überhaupt noch hier war. Er schien sich in Luft aufgelöst zu haben.
Der Thronende begann zu flackern, erstarrte dann aber irgendwie. »Du hast dich trotz deiner Unzulänglichkeiten gut geschlagen. Nicht wenige haben angenommen, dass du deinen ersten Kampf mit Gabriel nicht überleben würdest.«
Wow. Jetzt fühlte ich mich gleich viel besser.
»Aber dein Vater hat an dich geglaubt.«
»Ach, echt?« Skepsis schwang wie eine Kirchenglocke in meiner Stimme mit.
Ich meinte, den Thronenden wieder lächeln zu sehen, da aber sein Glanz verblasste, waren seine Gesichtszüge nur noch verschwommen zu erkennen. »Deshalb hat er dir ein Geschenk gemacht.«
»Ein Geschenk?«, fragte ich argwöhnisch. Ich wollte kein Geschenk. Ich wollte Zayne zurück – den Zayne, den ich kannte und liebte. Nicht den gestörten Psycho da draußen, der weiß Gott was anstellte.
Dinge, die jeden Bereich von Zayne zerstören würden, weil er durch und durch gut war.
»Du hast das Geschenk bereits erhalten.« Der Engel streckte die Hand aus und strich über meine Wange. Eine Art Stromschlag durchfuhr mich, weckte meine Gnade und ließ die Ränder meines Sichtfelds weiß erscheinen. »Das in dir ist das Geschenk. Es ist sowohl Gnade als auch Herrlichkeit, eine Macht, die jenseits dessen liegt, was dein Verstand begreifen kann, und dennoch eine Macht, die nur dir gehört. Nutze sie, um das von Chaos umgebene Herz zu durchstoßen.«
Ich starrte ihn an, und so langsam dämmerte es mir. »Das Schwert des Michael.«
Der Thronende trat zurück, die Augen auf seinen Flügeln blinzelten alle gleichzeitig.
»Du meinst, ich soll das Schwert des Michael gegen Zayne einsetzen?« Meine Stimme war ganz schrill. »Ihm damit ins Herz stoßen? Das würde ihn umbringen!«
»Deine Gnade kann niemals dem schaden, den du liebst. Sie kann nur wiederherstellen.«
Das klang jetzt aber echt nach irgendwelchem Jedi-Blödsinn. »Und das soll ich dir einfach so glauben?«, wollte ich wissen. Sobald die Gnade ans Licht trat, zerstörte sie. Dämonen. Menschen. Wächter. Sogar Engel. Weil ich Zayne liebte, sollte ich glauben, dass das Schwert des Michael ihn nicht verletzen würde, obwohl es durch die Haut eines Wächters schneiden konnte, als wäre sie aus Butter? Mein Herz schlug auch für Misha, doch meine Gnade hatte sein Leben beendet.
»Besitzt du keinen Glauben?«
Ich öffnete den Mund, um zu antworten.
»Die Antwort ist mir schon bekannt.« Die Flügel breiteten sich aus, und diese Augen starrten direkt in mich hinein. »Das war bloß eine rhetorische Frage, Trueborn. Dir, dem Kind eines der mächtigsten Erzengel, hat es immer an Glauben gemangelt.« Der Thronende lächelte mich an. »Gut, dass es weder Gott noch deinem Vater jemals an Vertrauen in dich gefehlt hat.«
Ich zuckte zusammen, war komplett sprachlos.
»Enttäusch ihn nicht, Trueborn. Du wirst ihn brauchen, um Gabriel zu besiegen. Du wirst alles brauchen, um den Boten zu besiegen«, sagte der Thronende, und ich fragte mich, ob er wohl wusste, wo Roth und Layla waren. Klugerweise beschloss ich, das gar nicht erst anzusprechen, während der intensive goldene Strahl über ihn hinwegzog. Meine Augen tränten und taten weh. »Es könnte bereits zu spät für ihn sein. Viele Gefallene waren nach ihrer Versteinerung viel zu verstört, als dass ihnen die Wahl der Erlösung geblieben wäre. Ich hoffe um deinetwillen, dass das hier nicht der Fall ist. Gabriel wird sonst die kleinste deiner Sorgen sein. Denn in seinem jetzigen Zustand wird dich dein Gefallener töten. Sei also vorsichtig. Es wäre höchst unangenehm, durch die Hand desjenigen zu sterben, der gefallen ist, um bei dir zu sein.«
Unangenehm?
Mir kamen da noch viel anschaulichere Begriffe in den Sinn. Verheerend. Herzzerreißend. Vernichtend. Qualvoll. Tragisch.
Stockend atmete ich aus. »Und wenn es funktioniert hat«, begann ich und korrigierte mich dann selbst. »Wenn ich erfolgreich bin, wird Zayne dann wieder ein Engel?«, fragte ich, wobei sich mein Herz aus einem ganz anderen Grund zusammenzog.
Engel empfanden keine Emotionen. Zumindest hatte ich das immer angenommen, und Gabriel hat das so ziemlich bestätigt. Wenn Zayne wiederhergestellt wurde, würde ich ihn nicht zurückbekommen. Nicht so, wie er früher war. Aber es würde ihm gut gehen. Er würde leben, und das … das musste eben reichen.
Schweigend betrachtete der Thronende mich ein paar Sekunden lang. »Viele meinen, dass Dämonen unfähig zur Liebe sind, nicht wahr? Weil sie keine menschliche Seele haben.«
Ein unbehaglicher Schauer durchfuhr mich. Konnte er meine Gedanken gelesen?
Oh Gott, hoffentlich nicht.
Allerdings konnten Dämonen lieben. Roth liebte Layla, und er war schließlich der Kronprinz der Hölle.
Der Engel neigte den Kopf zur Seite. »Im Gegensatz zu dem, was allgemein bekannt ist und was einige unserer Glaubensbrüder sogar behaupten, sind Engel nicht unfähig, Gefühle zu empfinden, Trueborn. Wir fühlen die Dinge nur … anders. Für die Ältesten unter uns ist es schwierig, aber wir sind nicht unfähig zur Liebe oder zu Lust oder Hass«, fuhr er fort. »Die Gefallenen sind der beste Beweis dafür. Gabriel ist ein Beweis dafür.«
Während ich ihn anstarrte, wurde mir klar, dass er recht hatte. Die Gefallenen hatten einer ganzen Reihe menschlicher Regungen nachgegeben und Gabriel … einem verrückten Umstand von Eifersucht und Verbitterung. Erleichterung machte sich in mir breit …
»Aber Zayne wird kein Engel werden. Und auch kein Wächter. Er wird bleiben, was er ist«, fuhr der Thronende fort. »Ein Gefallener, der irdisch ist. Mit einem Fuß im Himmel und dem anderen in der Hölle. Es gibt nur einen anderen, der vom Himmel verstoßen wurde und seine Gnade behalten hat.«
Mir stockte der Atem. »Luzifer.«
»Und man sieht ja, worauf das für ihn hinausgelaufen ist.«
Mit dieser kleinen, äußerst beunruhigenden Nachricht und der wahrscheinlich demotivierendsten Aufmunterungsrede verschwand der Thronende und nahm die kühle Luft sowie den Sandelholzduft mit.
Keine Ahnung, wie lange ich dort noch stand und auf das Heilige Sakrament blickte, schwankend zwischen dem Unglauben an das, was der Thronende gesagt hatte, dass ich tun sollte, und der Erkenntnis, dass ich gar keine andere Wahl hatte.
Letzteres stimmte einfach, ob der Thronende nun recht hatte oder nicht.
Langsam drehte ich mich um. Die steinernen Engel beugten sich wieder über ihre Becken. Ich ließ den Blick zu den Kirchenbänken wandern. Auf keinen Fall durfte ich zulassen, dass Zayne zu etwas wurde, das ihn entsetzt hätte: ein Monster, das schließlich alles Gute seines bisherigen Charakters trüben und zerstören würde. Das konnte ich unter keinen Umständen erlauben, denn das war ein Schicksal, das für Zayne schlimmer wäre als der Tod.
Es gab wirklich gar keine andere Wahl.
Ich seufzte schwer, aber mit dem nächsten Atemzug erfüllte mich eine stählerne Entschlossenheit, die den Schmerz dämpfte und die markerschütternde Erschöpfung ersetzte. Ein winziger Funke Hoffnung, der die Energie nährte, die mich nun erfüllte. Dennoch wusste ich, was mir bevorstand.
Entweder rettete ich Zayne, oder ich tötete ihn.
Oder … er tötete mich.