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Alle erstarrten. Ich glaubte, dass sie nicht mal mehr atmeten. Auf jeden Fall schwiegen sie so lange, dass ich den Satz schon fast wiederholen wollte, da meldete sich Dez zu Wort.

»Trinity, das ist unmöglich«, sagte er leise und etwas zu sanft.

»Glaub mir, ich weiß, wie sich das anhört, aber er lebt. Ich hab ihn gesehen und mit ihm gesprochen. Ich hab ihn gespürt. Er ist aus Fleisch und Blut und besitzt Flügel«, erklärte ich. »Er lebt, allerdings ist er nicht mehr ganz der Alte. Er ist ein gefallener Engel, doch trotzdem im Besitz seiner Flügel und einer ganzen Menge himmlischen Feuers. Der Gnade.«

Verständnislos starrten Nicolai und Danika mich an, und ich ging davon aus, dass Dez und Gideon das ebenfalls taten.

»Und teilweise hat er das hier zu verantworten.« Ich zeigte auf mich. »Und der Thronende, mit dem ich schließlich gesprochen habe, nachdem ich Zayne begegnet war, ist verantwortlich für die blutenden Ohren.«

Gideon rutschte das Handy aus der Hand, und es krachte mit einem dumpfen Geräusch zu Boden.

»Vielleicht möchtest du es lieber liegen lassen, weil ich noch nicht fertig bin«, sagte ich zu ihm.

»Okay«, flüsterte Gideon.

»Zayne hat mich im Rock Creek Park gefunden, aber er hat mich nicht wirklich erkannt. Zunächst wirkte es zwar so, aber dann wieder nicht, und er hat sich benommen wie in Fight Club. Ich hab’s geschafft, da wegzukommen – na ja, irgendwie hab ich ihm einen Hieb mit dem Dolch verpasst und bin davongerannt, und während ich lief, hörte ich diese Stimme im Kopf, die meinte, ich sollte in diese Kirche gehen.«

Nicolai saß mir gegenüber und blinzelte bedächtig.

Mir war bewusst, wie absurd das alles klang, trotzdem fuhr ich fort: »Da bin ich dann dem Thronenden und einem Haufen gruseliger Steinengel begegnet, aber die sind unwichtig, obwohl mich der Anblick ihrer Bewegungen wohl für den Rest meines Lebens verfolgen wird. Der Thronende erklärte mir, was geschehen war.« Ich erzählte alles, was der Thronende mir anvertraut hatte und was ich zu tun hatte. Dass Zayne die Wahl gehabt hatte. Die Verbrennung beim Wiedereintritt. Und dass er in seinem jetzigen Zustand Wächter und all jene, die die Gnade in sich trugen, als Feinde betrachtete. Ich berichtete, dass der Thronende davor gewarnt hatte, Zayne … könnte zu einem Risiko für unschuldige Menschen werden. Als ich fertig war, wollte ich sofort zurück und ihn suchen.

Ihn finden, bevor er zu dem wurde, vor dem der Thronende gewarnt hatte – bevor er etwas tat, das er sich niemals würde verzeihen können.

»Er … er hat sich seine göttliche Herrlichkeit zurückverdient, aber … ich bin mir nicht ganz sicher, was das eigentlich bedeutet, und er ist nun ein Gefallener, also könnte er …« Meine Stimme wurde brüchig, und alles in mir verkrampfte sich. Ich atmete langsam durch die Nase, während mir die Augen brannten. »Um zurückzukommen und an meiner Seite zu kämpfen, wurde er zum Gefallenen – für mich.«

»Die Seele«, sagte Gideon heiser und zog die Aufmerksamkeit auf sich. »Die Herrlichkeit ist für Engel eigentlich das Gegenstück zur menschlichen Seele.«

Oh.

Klang logisch.

Und gleichzeitig machte es alles so viel schlimmer, denn bedeutete das, dass Zayne seine Seele verloren hatte?

»Die göttliche Herrlichkeit ist der Grund, warum wir – warum Wächter – eine reine Seele besitzen«, fuhr Gideon fort und wirkte, als müsste er sich setzen. »Ohne wäre er nur …«

Ich dachte daran, was der Thronende gemeint hatte, und hätte mich am liebsten übergeben. »Nur ein Gespenst?«

Gideon nickte, und hätte ich nicht gesessen, wäre ich vermutlich umgekippt. Gespenster waren Leute, denen nach dem Tod die Seele genommen wurde. Manche Dämonen waren dazu in der Lage. Das passierte manchmal, wenn ein Geist zu lange blieb und sich weigerte, ins Jenseits überzugehen. Im Grunde gab es keine zeitliche Begrenzung dafür. Für jeden Geist galt etwas anderes. Es konnte einfach so passieren. Wie auch immer, Gespenster waren unglaublich gefährlich, nachtragend und boshaft. Die personifizierte Gehässigkeit und Verbitterung. Die reine Missgunst.

»Aber das kann doch nicht das Einzige sein, was einen Gefallenen erwartet«, widersprach ich. »Der Thronende sagte, man hätte gehofft, dass Zayne den Fall unversehrt überstehen würde. Dass man gehofft hätte, er würde im Kampf gegen Gabriel noch von Nutzen sein, auch wenn er sich dafür entschieden hatte, ein Gefallener zu sein. Die fehlende Herrlichkeit oder Seele oder was auch immer darf doch nicht entscheidend für das Verhalten eines Gefallenen sein.« Alle starrten mich an. »Ich hoffe echt, ihr glaubt mir.«

»Was du sagst, muss einfach stimmen. Die einzige Möglichkeit, wie du wissen kannst, woher wir stammen.« Gideon wandte sich Nicolai zu. »Die einzige Möglichkeit.«

Nicolai nickte langsam, lehnte sich dann im Stuhl zurück, strich sich über den Kopf und griff sich in den Nacken. »Er ist tatsächlich zurück.«

»Ja. Tatsächlich.« Nachdenklich runzelte ich die Stirn. »Wusstet ihr, dass Wächter ursprünglich gefallene Engel sind?«

»Ich hab’s erfahren, als ich diese Position hier übernommen habe. Die Alphas haben es mir erzählt«, antwortete Nicolai und bezog sich auf die Klasse von Engeln, die mit den Wächtern redeten.

»Was?« Danika wandte sich Nicolai zu. »Du wusstest davon?« Sie sah aus, als wollte sie ihn gleich boxen. »Und du hast es mir nicht erzählt?«

»Es gibt eine Menge Dinge, die ich dir nicht gesagt habe.« Danikas Gesichtsausdruck veranlasste ihn dazu, sich erneut zurückzulehnen. »Dinge, die ich dir nicht sagen kann.«

Sie verschränkte die Arme vor der Brust. »Echt jetzt?«

»Warum bist du denn nicht wütend auf ihn?« Nicolai deutete auf Gideon.

»Weil er nicht im gleichen Bett schläft wie ich«, schoss sie zurück.

Treffer – versenkt.

Höchste Zeit, ein weniger unangenehmes Gesprächsthema anzuschneiden.

»Woher wusstest du’s?«, fragte ich Gideon. »Eigentlich gehe ich davon aus, dass es etwas ist, was Clanführer mit ins Grab nehmen.«

»Richtig, aber ich … ich habe Zugang zu vielen alten Büchern – zu Briefen und Aufzeichnungen von, na ja, von vor sehr langer Zeit. Ich bin über die Tagebücher eines Wächters der zweiten oder dritten Generation gestolpert. Dort habe ich davon gelesen und bin deshalb zu Abbot gegangen«, erklärte er und meinte damit Zaynes Vater. »Der hat das dann bestätigt.«

»Also ist Zayne …« Danika schlug die Hand vor den Mund, und das war vermutlich genau der Augenblick, in dem sie wirklich begriff, dass Zayne lebte. »Wie sieht er … wie sieht er aus?«

»Wie Zayne – bis auf die Flügel. Die sind weiß und von Gnade durchzogen. Auch seine Augen haben das tiefe, tiefe Blau. Eine fast künstliche Farbe.« Ich schaute auf meine beschmutzten Hände. »Er sah gut aus. Tatsächlich perfekt.« Ich schluckte schwer. »Und er ist sehr stark – sogar stärker als ich.«

»Weil er ein gefallener Engel ist, der trotzdem seine Gnade besitzt«, warf Dez ein, und seine rotbraunen Locken sahen mittlerweile aus, als wäre er das ganze Gespräch über nervös mit den Fingern hindurchgefahren. »Eigentlich ist er ein Engel.«

»Nicht irgendein Engel.« Gideon starrte mich an. »Soweit ich das beurteilen kann, stammen die meisten Gefallenen aus der zweiten Sphäre. Sie waren Mächtige – die erste von Gott geschaffene Abfolge von Engeln. Eine Art Elite-Krieger-Truppe zum Schutz menschlicher und himmlischer Gefilde. Davon stammen wir ab. Zayne ist ein Mächtiger, und darum war auch die Gnade in seinen Flügeln sichtbar. Er trägt genauso viel Energie in sich wie ein Erzengel.«

Na toll.

Warum konnten sie denn nicht von – ach, keine Ahnung –, von Schutzengeln abstammen oder von denen, die nur von Gott sangen oder so? Aber nein, es mussten Elite-Krieger sein.

»Ein gefallener Mächtiger also«, meinte Nicolai leise, der sich mit der Hand übers Gesicht fuhr. »Herrje. Damit wäre er praktisch nicht aufzuhalten. Der Clan ist sowieso schon in höchster Alarmbereitschaft wegen des ganzen Der-Bote-Slash-Gabriel-Chaos, doch nun müssen wir klarstellen, dass alle über Zayne Bescheid wissen und sich bewusst sind, dass er … momentan unberechenbar ist.«

»Ich werde dafür sorgen, dass alle Bescheid wissen«, sagte Gideon.

Der Gedanke, dass die Wächter gewarnt werden mussten, sich von Zayne fernzuhalten, wühlte mich auf. Das war zwar der Grund, weshalb ich hergekommen war, aber … »Noch ist er nicht gänzlich böse. Teilweise hat er mich auch erkannt. Das war kein Wunschdenken, denn er hätte mir ernsthaft Schaden zufügen können. Er hätte mich umbringen können, hat er aber nicht. Er ist immer noch da, und der Thronende erklärte mir, was ich zu tun hätte, um ihn ganz zurückzuholen, bevor es zu spät ist. Ich muss nur …«

»Was?«, fragte Dez.

»Ich muss bloß … Ich weiß nur nicht, wie das, was ich zu tun habe, ihn nicht doch umbringen wird.«

»Einzelheiten, Trinity«, forderte Nicolai.

Ich rieb mir die Handflächen an den Knien. »Der Thronende sagte, meine Gnade würde niemals jemanden verletzen, der mir etwas bedeutet. Dass ich sie einsetzen musste, um ein Herz zu treffen, das im Chaos gefangen ist.«

»Das Schwert des Michael.« Nicolai hob die Augenbrauen. »Ich nehme an, das heißt, du sollst ihn mit dem Schwert des Michael mitten ins Herz treffen.«

»So in etwa.«

»Und warum sollte ihn das nicht umbringen?« Danika riss die Augen auf.

»Das frage ich mich auch, aber der Thronende hat mir signalisiert, dass ich nur fest daran glauben muss«, erklärte ich.

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Thronende dich angelogen hat«, sagte Gideon.

»Ach ja?«, reagierte Dez. »Engel lügen meist nicht offensichtlich, aber sie lassen verdammt viel Wahres weg.«

»Thronende sind aber anders. Sie sind die Verkünder der Wahrheit und Weissager der Lüge«, argumentierte Gideon, und mir fielen wieder all diese gruseligen Augen ein. »Wenn der Thronende ihr das gesagt hat, muss es auch stimmen.«

»Wahr oder nicht, ich muss es tun«, erklärte ich ruhig. »Zayne ist im Augenblick da draußen, und ich habe keinen Schimmer, was er tut. Ich hoffe, er macht ein Nickerchen oder er isst ungesundes Zeug. Wahrscheinlich aber nicht, und der Thronende … er hat gewarnt, dass es schon zu spät sein könnte. Dass all das, was Zayne fühlte, als er zum Gefallenen wurde, und das, was er jetzt spürt, ihn bereits … infiziert haben könnte.«

Danika wandte den Kopf ab, und mir war klar, dass sie, genau wie ich, den Gedanken daran einfach nicht ertragen konnte.

Stockend atmete ich ein. »Wenn ich das Risiko nicht eingehe und nicht versuche, ihn zurückzubringen, wird Zayne böse. Und dann wird er Dinge tun, die er zuvor niemals gemacht hätte.«

»Hat er schon, so wie’s aussieht«, meinte Nicolai leise, blickte mich eingehend an, und ich wusste, was er sah. Neue Wunden.

Die Wahrheit tat eben weh. »Ich darf nicht zulassen, dass er zu einem Monster wird. Das werde ich ihm nicht antun. Das werde ich nicht zulassen. Niemals.«

»Einverstanden«, sagte Dez, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern.

»Und wie lautet der Plan?« Nicolai legte die Hände auf den Schreibtisch. »Was passiert als Nächstes?«

Dusche? Schlamm und Dreck klebte an mir. Und Blut. Doch ich bezweifelte, dass Nicolai das meinte, genauso wie ich bezweifelte, dass dafür Zeit war. »Ich zieh gleich los und suche Zayne. Er hat mich einmal gefunden, und ich schätze, er findet mich auch ein zweites Mal. Der Thronende drückte es in etwa so aus, dass Zayne von meiner Gnade angezogen würde. Dann werde ich … ich werde ihn zurückbringen.«

»Okay, gut.« Nicolai wandte sich an Dez. »Lass uns ausschwärmen.«

Ich brauchte einen Moment, um zu begreifen, was das hieß. »Leute, ihr könnt da nicht raus und nach ihm suchen. Ich hab doch erklärt, dass er zurück ist und ihr euch alle von ihm fernhalten sollt.«

Nicolai blickte mich an. »Wir stehen dir bei. Du gehst los und suchst Zayne, und wir sind an deiner Seite.«

»Danke, aber ich glaube nicht, dass das schlau ist. Er ist sehr …«

»Verwirrt. Möglicherweise sogar gefährlich für uns. Ja, ich weiß. Wir alle wissen das, deshalb solltest du auch nicht allein unterwegs sein.«

»Du bist eine Trueborn«, sagte Gideon. »Das ist ziemlich cool. Und das hätte mir auffallen sollen, besonders weil Zayne dein Beschützer war. Du bist stark und zu allem bereit, doch er ist ein gefallener Engel, Trinity. Zwar mag er noch nicht gänzlich gefallen sein, also in dem Sinne, dass er für uns vollkommen verloren ist, aber du nimmst es hier mit einem Vertreter der sehr mächtigen Ebene von Engeln auf, der nicht unbedingt in der Lage ist, sich zu bremsen, und großen Schaden anrichten kann. Das schaffst du nicht allein, und ich bezweifle, dass er dir gestattet, einfach auf ihn zuzugehen und ihm ins Herz zu stechen. Du wirst uns brauchen, um ihn abzulenken.«

Ich verkrampfte innerlich, fühlte mich irgendwie gedemütigt durch Nicolais Bereitschaft, nicht tatenlos zuzusehen, war aber auch regelrecht verschreckt davon. »Vielen Dank für das Angebot, aber ich bin nicht hergekommen, um euch um Hilfe zu bitten …«

»Ich weiß. Das ist uns allen klar«, stellte Nicolai fest. »Du bist hergekommen, um uns zu warnen, und ich bin dir dafür dankbar, aber ich biete dir unsere Hilfe nicht an. Du bekommst sie einfach.«

Ich beugte mich nach vorn und spürte einen Stich ins Herz. »Und was, wenn Zayne einen von euch ausschaltet?«

»Das Risiko gehen wir ein«, antwortete Nicolai.

»Ja, das gehen wir gern ein«, ergänzte Dez, und als ich zu ihm hinüberblickte, sah ich, wie Gideon nickte. »Wir riskieren gern unser Leben, um zu helfen, ihn zurückzubringen.«

»Schön zu hören. Ihr seid alle großartig. Wirklich. Aber was, wenn das tatsächlich passiert? Und es mir gelingt, ihn zurückzuholen?«, fragte ich und blickte mich im Zimmer um. »Was, glaubt ihr, macht das wohl mit Zayne?«

Alle schwiegen.

»Er muss sich doch schon mit genug Mist herumschlagen.« Ich hoffte inständig, dass besagter Mist minimal und begrenzt war und sich darauf beschränkte, mich rumzuschleudern, aber so wie ich ihn kannte, würde ihm allein das schon sehr zusetzen. »Da wollen wir doch nicht noch was hinzufügen.«

»Stimmt«, kam es von Danika. »Wir wollen es nicht noch schlimmer machen, aber wir werden uns auch nicht zurückhalten und nichts tun.« Sie trat vor und setzte sich neben mich. »Ich denke, ich kenne Zayne ziemlich gut.« Okay, damit hatte sie wohl recht. Sie waren Freunde, und es hatte mal eine Zeit gegeben, da hätten sie auch mehr als das werden können. Zaynes Vater hatte es so gewollt. »Sollte das irgendeinem anderen Wächter zustoßen, würde Zayne es auch nicht aussitzen. Und das weißt du. Er wäre sofort zur Stelle und würde verdammt noch mal dafür sorgen, dass der Wächter wieder nach Hause kommt, und den ganzen Schlamassel, in dem sich der andere befindet, nicht verschlimmern, und genauso würde jeder Einzelne von uns handeln.«

»Aber das kann man doch nicht garantieren. Nicht mal ich kann das zusagen«, warf ich ein.

»Und du kannst nicht garantieren, dass es überhaupt klappt«, entgegnete sie. »Dass Zayne das Ganze überhaupt überleben wird.«

Meine Brust füllte sich mit eiskaltem Atem. »Du hast recht. Und für den Fall wollt ihr alle dabei sein?«

»Nein«, antwortete Nicolai. »Wenn es nicht klappt, wollen wir für dich da sein.«