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Es gelang mir null, Nicolai oder die anderen davon zu überzeugen, dass es schlau und vernünftig war, nicht mitzukommen. Schließlich würde die Stadt dadurch nicht im Chaos versinken. Seit dem Auftauchen des Boten war die Dämonen-Aktivität stark zurückgegangen. Man könnte die kommenden Tage auch entspannt damit verbringen, Netflix zu schauen. Laut Cayman, dem Dämon, der so was wie das mittlere Management in der Dämonen-Welt darstellte, gab es bei diesem Streaming-Dienst echt interessanten Scheiß zu sehen. Als ich am Abend das Apartment verlassen hatte, war er vor dem Bildschirm bei einer Dokumentation über einen Mörder mit Vokuhila und Großkatzen eingeschlafen.

Doch Wächtern lag nichts an dieser Art von Freizeitbeschäftigung.

Nachdem ich mir also einen Moment Zeit genommen hatte, um das Blut vom Kinn und unter den Ohren abzuwaschen, lief ich ziellos durch den Rock Creek Park – mit Dez an der Seite und weiteren Wächtern in der Nähe. Gideon war in der Siedlung geblieben und hörte den Polizeifunk ab, falls Anrufe eingingen, die uns vielleicht einen Hinweis auf Zaynes Aufenthaltsort geben könnten. Nicolai war auch hier draußen, aber er hatte Dez und mich mittlerweile allein gelassen, um mit Danika zu »sprechen«. Auch sie wollte helfen. Nicolai war strikt dagegen. Keine Ahnung, wer den Kampf gewann, aber ich setzte auf Danika.

Bevor wir in den Park aufbrachen, schauten wir noch im Apartment vorbei, für den Fall, dass Zayne sich irgendwie an die Polizei erinnerte und damit ich Cayman und meinen geisterhaften Mitbewohner Peanut wissen lassen konnte, dass ich noch lebte.

Die Wohnung war leer, keiner der drei war da.

Peanut war wohl bei seiner neuen Freundin, die ihn ebenfalls sehen konnte – etwas, das ich immer noch überprüfen musste –, oder tat das, was Geister in ihrer freien, untoten Zeit eben so machten, also begaben Dez und ich uns auf den Weg zum Park. Cayman schickte mir tatsächlich eine Nachricht aufs Smartphone, kurz bevor wir dort ankamen. Keinen Schimmer, wie er an meine Handynummer gekommen war, aber er schrieb:

Lebst du noch?

Ich antwortete rasch Ja und erhielt daraufhin von ihm die Aufforderung, zu beweisen, dass wirklich ich und nicht ein »Arschloch-Erzengel« etwas in mein Handy tippte.

Also schrieb ich zurück: Du hast Angst vor mir.

Yep. Das bist du. Pass auf dich auf. Roth wäre sauer, wenn du unter meiner Aufsicht getötet würdest.

Ich wusste echt nicht, was ich darauf antworten sollte.

Aber mittlerweile kam mir das vor, als wäre es schon eine Ewigkeit her.

Frust machte sich in mir breit, als wir zum gefühlt einhundertsten Mal an der Parkbank vorbeikamen, auf der ich gesessen hatte, als Zayne angekommen war. Diesmal blieb ich stehen und scannte die dunkle Baumreihe. Immerhin hatte es aufgehört zu regnen. Die Luft war immer noch merkwürdig kalt für Juli.

Kurz vor mir drehte sich Dez um. In seiner Wächter-Gestalt war seine Haut dunkelgrau und hart wie Granit, und die beiden kräftigen Hörner, die sein Haar teilten, waren in der Lage, Stahl zu durchbohren. Er hielt seine großen ledernen Flügel nach hinten, damit ich nicht versehentlich in einen hineinlief und einen Augapfel verlor. Momentan verschmolz nämlich das meiste von ihm mit der Nacht. »Siehst du etwas?«

»Kaum. Godzilla könnte sich in den Bäumen verstecken, und ich würde ihn nicht sehen.«

»Sorry. Ich meinte, spürst du was?«

»Nein.« Ich stemmte die Hände in die Hüften. »Entweder ist er nicht mehr im Park, oder er versteckt sich.«

»Kam er dir vor wie der Typ, der sich versteckt?«, fragte Dez, und seine Stimme war in seiner wahren Gestalt etwas rauer.

»Nicht wirklich, aber was weiß ich schon? Schließlich bin ich noch nie zuvor einem gefallenen Engel begegnet.« Kopfschüttelnd fiel mein Blick auf die Umrisse der Parkbank. »Ich glaube, wir müssen woanders suchen.« Oder ich musste ohne meine Babysitter hierbleiben, denn es bestand ja auch die geringe Chance, dass Zayne wegen der Wächter nicht in meine Nähe kam. »Wo genau? Keine Ahnung.«

»Er könnte überall in der Stadt sein.«

»Das ist ja wohl offensichtlich und nicht besonders hilfreich«, erwiderte ich.

Dez gluckste amüsiert, als er auf mich zukam. Für jemanden, der dermaßen groß war, bewegte er sich leise wie ein Geist. Bei Zayne war es genauso gewesen.

Plötzlich durchbohrte ein heftiger Schmerz mein Herz.

Bei Zayne ist es genauso.

»Wir könnten versuchen, wie Zayne zu denken«, meinte Dez und blieb nahe genug bei mir stehen, dass er für meine Augen nicht nur ein Schattenklecks war. Jetzt war er eine dunkle Masse mit den Umrissen eines Wächters. Eine Verbesserung. »Und, ja, ich weiß – wir haben keine Ahnung, was ihm durch den Kopf geht, aber wir wissen, was ihm durch den Kopf gehen würde, wenn ein Teil von ihm noch aktiv wäre, und wir wissen, wo sich das Böse normalerweise trifft.«

Ich blickte ungefähr in Richtung von Dez’ Gesicht, während ich nachdachte. »Das ist schlau.« Ich atmete hörbar aus. »Okay. Wenn ein Teil von Zayne noch aktiv ist, denke ich, würde er … er würde ins Apartment gehen, aber da waren wir ja schon – kein Zeichen von ihm. Ich denke, er würde …« Ich rieb mir mit dem Handballen die schmerzende Hüfte. »Das Baumhaus! Das auf dem Gelände der Siedlung. Es war ihm wichtig.«

»Ich lasse Gideon nachsehen«, sagte Dez und zog sein Handy hinten aus der Camouflage-Hose, die irgendwie nicht zerfetzt wurde, wenn er sich verwandelte. »Noch eine Idee?«

»Ein Laden, der Sandwiches ohne Brot verkauft?«, sagte ich, und das schmerzhafte Zerren an meinem Herzen drohte, mich völlig umzuhauen. »Die Eisdiele! Aber die ist nicht geöffnet. Schätze, er könnte trotzdem einbrechen.« Ich zermarterte mir den Kopf. »Ich glaube, früher ist er gern durch die Parkanlagen rund um die National Mall spaziert.«

»Ich habe Gideon geschrieben, dass er sich das Baumhaus ansehen soll«, erklärte Dez. »Wir können ja die anderen Plätze abklappern.«

»Meinst du nicht, wir sollten uns auch um das Baumhaus kümmern?«

»Gideon ist so schlau, die Gegend abzuchecken. Er wird sich nicht erwischen lassen«, antwortete Dez. »Und wenn Zayne dort ist, wird er uns Bescheid geben.«

Wahrscheinlich musste ich mich darauf verlassen. Eine weitere Idee tauchte in meinem Kopf auf. »Mist. Was ist mit Stacey? Er ist wirklich eng mit ihr befreundet. Meinst du, er würde sie ausfindig machen?«

»Wenn er nicht mal dich wirklich erkannt hat, bezweifle ich, dass er sich auf den Weg zu ihr machen würde«, gab Dez zurück, und seine Antwort erleichterte mich. »Aber ich werde ihre Wohnung überwachen lassen.«

»Was ist mit den Orten, wo … wo sich das Böse aufhält?«, fragte ich, während wir in Richtung Ausgang des Parks gingen. »Nicht, dass Zayne böse ist«, fügte ich hinzu. »Er könnte nur … unbewusst böse sein.«

»Ich glaube nicht, dass Zayne böse ist. Und wenn doch, wüsste ich nicht, ob du dann noch hier wärst.«

Ich musste mich nicht besonders konzentrieren, um mich daran zu erinnern, wie sich Zaynes Hände um meinen Hals gelegt und sich immer fester eingegraben hatten – kalte Hände. Keine Ahnung, ob er mich getötet hätte, wenn ich ihn nicht berührt hätte, aber er hatte aufgehört zuzudrücken. Wäre er tatsächlich schon verloren, hätte meine Berührung ihm nichts mehr bedeutet.

»Sie gehen dorthin, wo was los ist. Um diese Zeit in Bars und Clubs«, fuhr Dez fort. »Da ist einer, in dem viele von denen abhängen. Roth gehörte oder gehört eine Wohnung über dem Club. Er könnte sich da mal umsehen, aber ich weiß nicht, ob ein Gefallener dort hingehen würde – ob Dämonen spüren können, was er ist oder was er ihnen antun könnte.«

Weil keiner der Wächter einen Schimmer hatte, wo sich Roth und Layla momentan aufhielten, murmelte ich etwas in der Art, dass ich Roth dazu bringen würde, den Club zu checken.

Während wir uns dem geparkten SUV näherten, verwandelte sich Dez zurück in seine menschliche Gestalt. Er zog ein schlichtes dunkles Shirt an, das er sich vom Rücksitz geschnappt hatte, und ich fragte mich, wie viele von den Dingern er da wohl verstaut hatte.

Dann fuhren wir los, und ich sagte mir, ich sollte mir keine großen Hoffnungen machen. Was ungefähr genauso hilfreich war, wie mir selbst zu sagen, nicht die ganze Tüte Chips auf einmal zu essen.

Obwohl schon weit nach der üblichen Schlafenszeit der meisten Leute herrschte unterwegs noch reger Verkehr, trotzdem erreichten wir die Eisdiele in Rekordzeit und verlangsamten dann das Tempo, damit Dez das Gebäude überprüfen konnte. Kein Licht. Keine Anzeichen für einen Einbruch. Meine Hoffnung erhielt einen Dämpfer, auch wenn das hier sowieso nur ein Schuss ins Blaue gewesen war. Zehn Minuten später erreichten wir unser zweites Ziel.

The National Mall.

Für die späte Abendzeit waren auch hier noch erstaunlich viele Menschen unterwegs. Als wir uns zu Fuß weiter aufmachten, blieb Dez in seiner menschlichen Gestalt, und es dauerte nicht lange, bis es deutlich in meinem Nacken kribbelte.

Meine Sinne schärften sich, und ich beobachtete eine Gruppe von Leuten unter einem Baum. Ihre Gesichter konnte ich nicht erkennen, aber ich wusste, was ich fühlte. »Hier sind Dämonen.«

Dez folgte meinem Blick. »Ja, ich sehe sie.«

Sie schienen uns nicht zu bemerken, als wir an ihnen vorbeigingen. »Ich glaube, das sind Chaos-Dämonen.«

Das waren Dämonen niederer Ordnung, praktisch die Scherzkekse der Dämonen-Welt, die lebendige Verkörperung von Murphys Gesetz. Sie liebten es, alles durcheinanderzubringen, besonders Elektronik. Auch wenn ich der Meinung war, dass man gern mal in einem Stau feststeckte, weil ein Chaos-Dämon sich langweilte und darum beschlossen hatte, ein paar Ampeln auszuschalten, vermutete ich, dass einige Menschen sie dennoch nicht als harmlose kleine Witzbolde betrachteten.

»Die behalte ich im Auge«, meinte Dez.

Ich blickte zu ihm auf. »Du willst sie nicht gleich ins Inferno der Hölle schicken?«

Er stieß einen missbilligenden Laut aus, während ihm der Wind die Haare aus der Stirn wehte. »Solange sie niemandem wehtun, habe ich kein Problem mit ihnen. Du vielleicht?«

Ich schaute zu den Chaos-Dämonen zurück, konnte sie kaum von den Schatten der Bäume unterscheiden. »Du weißt ja, dass ich in der Potomac-Highlands-Siedlung aufgewachsen bin. Natürlich weißt du das.« Er war damals gemeinsam mit Zayne und Nicolai vor der Akkolade zu Besuch gekommen, anlässlich derer die Wächter in Ausbildung zu Kriegern wurden, die dann die Städte beschützten. »Ich wurde in dem Glauben erzogen, dass alle Dämonen böse sind, aber Zayne … er hat mir irgendwie die Augen geöffnet, dass das nicht immer richtig ist. Seltsam, dass ausgerechnet ein Wächter Ausgangspunkt dieser Erleuchtung war, doch dann begegnete ich Roth und Cayman und …« Wie, um alles in der Welt, sollte ich den wahren Kronprinzen der Hölle und einen Dämonen-Makler beschreiben, der im Gegenzug für den Teilabtritt ihrer Seele die Sehnsüchte und Wünsche der Menschen erfüllte? Es war ja nicht so, als wären die beiden aufrechte Bürger oder so. »Sie sind nicht per se gut, aber sie sind … gewissenhaft böse.« Gewissenhaft böse? Ich verdrehte die Augen. »Vermutlich macht mich das zu einer wirklich üblen Trueborn.«

Dez lachte leise vor sich hin. »So wurden die beiden noch nie beschrieben, aber ich verstehe, was du meinst. Es herrschen notwendige Übel in der Welt, richtig? Um ein Gleichgewicht zwischen Gut und Böse zu schaffen, damit die Vereinbarung zwischen Gott und Luzifer eingehalten wird. Solange jeder in seiner Spur bleibt, ist alles in Ordnung.«

Dez hatte recht. Dämonen waren schlicht eine Notwendigkeit und erfüllten ihren Zweck. Sie verkörperten die verbotene Frucht. Ihre Einflüsterungen, Geschenke und Manipulationen waren die Prüfung, der sich jeder Mensch stellen musste. Dämonen veranlassten die Menschen dazu, ihren freien Willen auszuüben. Das Richtige zu tun – oder eben das Falsche. Aus Zitronen Limonade zu machen oder die Heilige Hölle heraufzubeschwören. Zu vergeben oder Rache zu üben. Eine helfende Hand zu reichen oder sie abzulehnen. Zu erziehen oder Falsches zu lehren. Zu lieben oder zu hassen. Teil der Lösung oder Teil des Problems zu sein. Auf dem Weg ewiger Rechtschaffenheit zu bleiben oder in die Irre geleitet zu werden, in die ewige Verdammnis.

Dazwischen existierte ein ganzer Kosmos von Grauzonen, und was die Leute in diesen Grauzonen taten, bestimmte, wo sie letztlich endeten.

Das Problem war, dass viele Dämonen nicht in ihren eigentlichen Bahnen blieben. Da waren die, die in der Hölle bleiben sollten, aber an die Oberfläche kamen, wie beispielsweise die Raver, Nachtkriecher und weitere, die kaum als Menschen durchgehen konnten. Und dann gab es noch Hohedämonen, die sich fast nie an das nötige Gleichgewicht hielten.

Ich bezweifelte auch, dass Roth oder Cayman in der Spur blieben.

Aber egal.

Ich war schließlich nicht wegen der beiden hier.

Eigentlich war ich wegen des Boten hier. Wegen des Erzengels Gabriel, der eine Atombombe auf das zerbrechliche Gleichgewicht geworfen hatte. Aber im Moment? War ich nur wegen Zayne hier.

Dez und ich wanderten eine ganze Weile in der National Mall herum, und es war kein erholsamer Spaziergang. Die Erinnerung daran, dass Zayne vor einiger Zeit geplant hatte, mir hier alles zu zeigen, mich in die Museen zu führen und so weiter, schmerzte, denn nun lernte ich die Mall auf diese Weise kennen.

Aber die Tour mit Zayne war ja immer noch möglich, und außerdem war es ja nicht so, dass ich mehr als einen Meter vor mir und mehr als grobe Formen erkennen konnte. Darum konnte ich immer noch vorgeben, gar nicht hier gewesen zu sein, denn mit jeder Minute, die verstrich, wurde klarer, dass Zayne nicht hier war.

Blieben noch die Bars und Clubs – wo sich Menschen trafen. Laut Dez hatten wir weniger als eine Stunde, bevor sie schlossen.

Ich wollte gar nicht wissen, warum Dez der Ansicht war, dass ein Gefallener Menschen aufsuchte, aber als wir am Dupont Circle ankamen, wo die Straßen von Straßenschildern und dem steten Strom von Autoscheinwerfern beleuchtet waren, musste ich einfach nachfragen.

»Warum glaubst du, dass es einen Gefallenen in dieselbe Gegend zieht wie Dämonen?« Ich blieb dicht an seiner Seite, während wir an mehreren überfüllten Bars vorbeikamen, und hielt die ganze Zeit Türen im Blick, die sich vielleicht zufällig öffneten, oder stolpernde Betrunkene, die mehr Mühe haben würden, sich auf dem Gehweg zu halten, als ich.

»Über Gefallene gibt es nicht viele Informationen«, sagte Dez, als ich eine Traube lachender Mädchen bemerkte, die uns auf dem Gehweg entgegenkam. »Doch ich weiß, was Gott dazu brachte, sie zu verfolgen.«

»Abgesehen davon, dass sie alle fünf Sekunden Nephilim-Nachkommen produzieren, und ich verstehe ehrlich gesagt nicht, warum das so ein Riesending war, denn hallo-ooo.«

»Ich dachte, du magst diesen Begriff nicht.«

»Ist auch so.«

Ich nahm an, Dez grinste, denn die kichernden Mädchen verstummten, als wir an ihnen vorbeigingen und sie ihn anstarrten. Ihm schien das nicht aufzufallen. »Die Antwort darauf kenne ich nicht, aber Gefallene wurden schon immer auf die gleiche Weise wie Dämonen von Menschen angezogen. Als sie noch vollständig zertifizierte himmlische Engel waren, arbeiteten sie mit den Menschen, um für eine bessere Lebensweise zu sorgen, aber sobald sie gefallen waren, benutzten sie ihr Charisma und ihren Charme, um … tja, in Sünde zu schwelgen.«

Mein Bauch rumorte. Ich wollte nicht mal daran denken, dass Zayne in Sünde schwelgte. »Haben gefallene Engel die gleichen Talente besessen wie einige Hohedämonen?«

Dez zögerte einen Moment, und ich wusste, das war die eigentliche Antwort. »Glaub schon.«

Oh Gott.

Hohedämonen konnten allein mit ihrer Wortgewalt Menschen dazu bringen, alle möglichen verstörenden Dinge zu tun.

Ich ließ den Blick in Richtung eines Coffee Shops schweifen, der die ganze Nacht geöffnet hatte. Drinnen saßen ein paar Leute an den Bistrotischen, und eine Handvoll stand an der Theke Schlange. Zwei junge Männer gingen auf den Ausgang zu, Pappbecher in der Hand. Hinter ihnen lief ein Kind, das eigentlich zu klein war, um zu dieser Zeit noch wach zu sein. Der Junge war zu weit weg von mir, als dass ich seine Gesichtszüge hätte erkennen können, aber ich wusste gleich, er war ein Geist. Vielleicht das Kind der beiden? Ein jüngerer Bruder? Alles, was ich wusste, war: Der Kleine war ins Jenseits übergegangen und nun zurück.

Ich verlangsamte meinen Schritt, als die jungen Männer aus dem Café in die feuchte Nachtluft traten. Der kleine Geist stürmte plötzlich vorwärts und streifte den Mann mit der dunkelbraunen Haut. Der Kerl stolperte und schaute zu Boden, während der Geist an ihm vorbeilief und nur einen Wimpernschlag später ganz verschwand.

»Alles klar bei dir, Drew?«, fragte sein Begleiter und berührte seinen Arm.

»Ja. Ich …« Drew starrte auf die Stelle, an der das Kind verschwunden war. »Ja. Alles gut.«

Die beiden beobachtend, fragte ich mich, wie viel Drew gespürt hatte oder sich möglicherweise bewusst war. Menschen konnten die Anwesenheit eines Geistes häufig fühlen, vor allem wenn die gruselige und nervige Dinge anstellten, wie zum Beispiel durch eine Person hindurchzugehen. Und je nachdem, wie aktiv und stark der Geist war, konnte man ihn sogar sehen. Seelen jedoch waren anders. Menschen nahmen oft den vertrauten Geruch wahr. Manchmal empfanden sie plötzlich ein warmes Gefühl oder wurden auf unerklärliche Weise an die betreffende Person erinnert, die gestorben war. Jemanden derart intensiv zu spüren, wie es der Mann namens Drew eben getan hatte, ließ vermuten, dass er ein wenig Engelsblut in sich trug.

Dez war stehen geblieben, doch jetzt setzte ich mich wieder in Bewegung. Mein leerer Magen knurrte, und mir wurde klar, dass ich überhaupt nicht wusste, wann ich zuletzt etwas gegessen hatte. Normalerweise hatte ich auf diesen Patrouillen schon Mahlzeiten für drei Tage verspeist und die Hälfte von dem, was … Zayne auch immer zu essen angeschleppt hätte.

Aber mein Appetit verflog sofort wieder.

Denn als die Bars so langsam schlossen, nahm der Fußgängerverkehr zu, was es mir viel schwerer machte, auf dem Gehweg zu laufen, darum hielt ich mich in der Nähe der Geschäfte. Ungefähr gleichzeitig spürte ich die Anwesenheit von Dämonen. Nichts Ernstes wie einen Hohedämon, und aus dem aufkommenden Frust wurde schnell Verzweiflung.

Wo könnte Zayne nur sein? Ich hob den Blick zum Himmel, sah aber nichts als Dunkelheit. Was machte er? Ich stapfte weiter und weigerte mich, die Schmerzen und körperlichen Qualen wahrzunehmen, die ich vorher nicht so gespürt hatte, die jetzt jedoch ihr hässliches Haupt erhoben. Was, wenn er die Stadt verlassen hatte? Panik keimte auf und wich der Hilflosigkeit. Oh Gott, das durfte ich nicht mal in Betracht ziehen. Unmöglich. Kam gar nicht infrage.

Aus Minuten wurde eine weitere Stunde. Die Straßen wurden stiller. Der Verkehr beruhigte sich. Jeder Schritt wurde träger.

Schließlich blieb Dez stehen. »Trinity«, sagte er müde. »Es ist Zeit.«

Ich wusste, was er meinte, trotzdem fragte ich: »Wofür?«

»Nach Hause zu gehen.« Er stellte sich neben mich. »Wir können morgen weitersuchen, aber wenn er hier sein sollte, will er nicht gefunden werden.« Er hielt kurz inne. »Du brauchst deine Pause, Trinity. Zayne zu suchen, obwohl du todmüde bist, nutzt uns allen nichts.«

Zwar hatte Dez recht, dennoch hätte ich am liebsten widersprochen. Ich wollte hierbleiben, bis ich Zayne gefunden hatte, aber ich nickte und folgte Dez zurück zum Auto. Dann kletterte ich auf den Beifahrersitz, schloss die Augen und betete zu wem auch immer, der zuhörte, dass Zayne bitte noch in der Stadt und in Sicherheit sein möge und dass es noch nicht zu spät wäre.