Die Ereignisse in Silvina, der Provinz des Waldes, hatten das Land Sirion und seine Herrscherinnen und Herrscher, die Gotteskinder, daran erinnert, dass die Gefahr noch nicht vorüber war. Die Atheos waren zurückgekehrt. Eine alte Macht, bestehend aus Abtrünnigen und Verbrechern, die die geltende Weltordnung Sirions und seine Herrscher nicht anerkannten, war bereit, sich zu erheben und gegen die Gotteskinder in den Krieg zu ziehen. Doch das war nicht das einzige Sonderbare, was in Sirion, dem Land der Götter, vor sich ging.
Der Blutmond brachte etwas Unglaubliches mit sich. Viele Meilen entfernt von dem heruntergekommenen Gutshof, auf dem Celeste und Nathaniel gegen die Atheos gekämpft hatten, erwachte eine Insel, die dem Glauben nach verflucht war, wieder zum Leben. Zwischen weiß gekleideten Frauen, die einen mysteriösen Tanz vollführten, und einer Ordensschwester, die kniend den Mond anbetete, saß eine junge Frau in einer aus Holz gefertigten Wanne. Sie sah verträumt dem vollen Mond entgegen.
»Wie es wohl sein wird, ihn nach all den Jahren wiederzusehen? Ob er sich noch an mich erinnert?« Vergnügt plantschte sie im Wasser herum und strich sich eine ihrer langen schwarzen Strähnen hinters Ohr. Ihr Herz schlug bei dem Gedanken an ihn schneller. Sie konnte es kaum erwarten, endlich wieder sein Gesicht zu sehen.
»Wie könnte er dich vergessen? Du warst seine erste Liebe«, sagte ihre Schwester und blickte dann Richtung Himmel.
Die junge Frau lächelte. Ja, das war sie. Sie waren Kinder gewesen, aber das, was sie für ihn empfunden hatte, war aufrichtige Liebe gewesen. Und er hatte dasselbe gefühlt.
»Und hoffentlich auch seine letzte«, es war nur ein leises Flüstern, voller Hoffnung, doch ihre Schwester hörte sie und nickte.
»So wird es sein.« Sie sah dem Mond entgegen, anschließend fiel der Blick aus ihren blauen Augen auf das Mädchen im Wasser.
»Es ist so weit.«
Der Vollmond am Himmel färbte sich rot, ebenso wie das Wasser in der Wanne. Die Kerzen, die auf dem Wasser schwammen, flackerten hell auf und brachten die schneeweiße Haut des Mädchens zum Leuchten. Eine Macht erfasste die im Wasser Sitzende, wie sie sie noch nie zuvor verspürte hatte. Das Blut in ihren Adern pulsierte, ihr Herz schlug in einem viel zu schnellen Takt und ihre Augen funkelten wie die Sterne am Himmel. Zwischen ihren Schulterblättern durchfuhr sie ein gleißender Schmerz, aber sie schwieg. Sie war bereit, allen Schmerz der Welt zu ertragen. Für ihre Bestimmung. Für ihre Göttin. Für ihn.
Als das Kribbeln nachließ, strich sie ihre Haare über die Schulter nach vorn und entblößte damit ihren nackten Rücken. Eine geschwungene Triskele zierte die schneeweiße Haut zwischen den Schulterblättern. Das Zeichen der Götter.
»Glückwunsch, Schwester. Es ist vollbracht. Bist du bereit, an die Seite deines Liebsten zurückzukehren?« Sie bedachte das Mädchen mit einem wissenden Lächeln.
»Der Mond gehört nun einmal an die Seite der Sonne.«
Diese Worte waren wie flüssiges Glück, das durch ihre Adern floss. Sie erhob sich aus der Wanne. Wasser lief ihren nackten Körper hinab und das Mondlicht schimmerte auf ihrer Haut.
»Bald gibt es im ganzen Land etwas zu feiern. Die Geburt der neuen Tochter des Mondes«, verkündete ihre Schwester.
In diesem Moment, in einem anderen Teil des Landes, keimte ein Baum und eine blutrote Blüte kam zum Vorschein. Adela, der Baum der Stille, begann zum ersten Mal seit 250 Jahren wieder zu blühen.