Celeste
Es war nicht das erste Mal, dass sie neben dem Grabstein aufwachte. Die Sonne erschien hinter den Türmen des Palastes und tauchte die kleine Wiese der königlichen Gärten in warmes Licht. Celeste saß steif neben dem schlichten, weißen Stein. Kein Marmor, keine Verzierungen, nicht einmal Blumen verrieten die Bedeutung des Steins. Nur ein Name war hineingeritzt worden. Estelle.
Für ihren Vater, ein Anführer der Atheos und der Mann, der hinter dem Überfall auf den Palast von Silvina steckte, hatte Celeste keine Gedenkstätte errichten wollen. Wenn es nach ihr ginge, konnte dieser Mann in der Hölle verrotten. Bis zum Schluss hatte er auf Seiten der Atheos gestanden, während Estelle versucht hatte, Celeste zu retten. Und dafür hatte sie mit ihrem Leben bezahlt.
Die Erinnerungen an jene Ereignisse hinderten Celeste nachts am Schlafen. Zu oft erwachte sie schweißgebadet und mit einem Schrei auf den Lippen. Der Anblick ihrer sterbenden Mutter hatte sich in ihren Kopf eingebrannt, sie war nicht fähig, ihn zu vergessen. Doch innerhalb der Mauern des Palastes konnte sie nicht trauern. Zu tief saßen die Scham und das schlechte Gewissen, dass sie Tränen um eine Atheos vergoss.
Die anderen beiden Priesterinnen, Malia aus Sirena und Linnéa aus Silvina, König Miro und ihr Vormund Simea hatten ihr versichert, dass es jedem Kind gestattet war, um den Verlust der Eltern zu trauern. Aber das stimmte nicht. Celeste sah die Wahrheit in den Auren der Bediensteten und der Adelsleute. Ihre Gabe als Gotteskind des Himmels verriet ihr die Wesenszüge und Absichten der Menschen. Und die verurteilten sie. Sie war die Brut von Verrätern und das säte Zweifel in den Herzen der Menschen. Einen Zweifel, den Celeste nachvollziehen konnte. Auch sie selbst wusste nicht, wie sie mit diesem Wissen umgehen sollte. Warum hatten die Götter die Tochter von Verrätern berufen? Warum hatten sie ihr eine solche Bürde auflasten müssen?
»Vielleicht solltest du das nächste Mal eine Decke mitbringen«, Celeste hörte deutlich die Belustigung in der tiefen Stimme. Jedes Mal, wenn sie die Nacht in den Gärten verbrachte, kam er am nächsten Morgen, um sie abzuholen. Und jedes Mal maßregelte er sie.
»Du bist schon wieder allein hergekommen. Ich dachte, wir hätten vereinbart, dass du mich weckst?«
Celeste sah zu ihm auf. Er lehnte mit verschränkten Armen an einem Baumstamm. Die dunkelblonden Haare fielen ihm ins Gesicht und die aufgehende Sonne ließ seine grünen Augen strahlen. Er sah perfekt aus, wie immer.
»Nein, du hattest beschlossen, dass ich dich wecke. Ich habe dem niemals zugestimmt. Und ich brauche keine Decke. Es ist Sommer und die Nächte sind mild«, Celeste wandte sich ab, damit er ihr zartes Lächeln nicht sah.
Nathaniel schüttelte grinsend den Kopf, bevor er sich vom Baum abstieß und auf sie zukam. Er blieb direkt hinter ihr stehen und legte ihr die Hände auf die Schultern.
»Alles in Ordnung?«, es war immer dieselbe Frage und Celeste gab ihm jedes Mal dieselbe Antwort.
»Mir geht es gut.«
Sein Daumen strich über die nackte Haut ihres Halses und ein Schauer lief über ihren Rücken.
»Ich weiß, dass es dir nicht gut geht.«
»Ich werde wohl nie schaffen, dich hinters Licht zu führen, oder?«
»So ist es.«
Wieso hatte Ilias, der Gott der Sonne, ihn ausgerechnet mit der Gabe segnen müssen, eine Lüge zu erkennen? Celeste war nie eine gute Lügnerin gewesen, auch wenn sie in den vergangenen Wochen besser geworden war. Doch in Gegenwart von Nathaniel war sie machtlos. Er spürte jede ihrer Unwahrheiten sofort.
»Willst du darüber reden?«, er ging hinter ihr in die Hocke und Celeste lehnte sich an ihn. Sie hatte gedacht, dass sich ihre Beziehung nach der Rückkehr in die Hauptstadt ändern würde. Dass sie zu dem Davor zurückkehren würden. Keine Berührungen, keine Küsse. Stattdessen Streitereien und Gestichel. Aber dem war nicht so. Seit ihrer Gefangenschaft hatte sich die Beziehung zwischen ihnen verändert.
Celeste schüttelte den Kopf und ergriff seine Hände. Sie ließ ihre Finger sanfte Kreise auf seinem Handrücken ziehen. Nathaniel seufzte.
»Irgendwann musst du darüber reden. Wenn nicht mit mir, dann mit jemand anderem.«
»Worüber beschwerst du dich? Normalerweise bist du froh, wenn ich mal nichts zu sagen habe.« Er konnte ihr Gesicht nicht sehen, in dem sich die Mundwinkel wieder hoben. Es war leicht, mit ihm zu reden, mit ihm zu lachen. Niemals hätte Celeste sich vorstellen können, dass es einmal so zwischen ihnen sein würde.
Nathaniel stieß sie an und instinktiv ergriff sie seine Hände wieder fester.
»Das stimmt nicht. Ich bin froh, wenn du nichts zu meckern hast. Also, genug geschwiegen. Rede mit mir.«
Dieses Mal war es Celeste, die seufzte. Sie wusste nicht, ob sie bereit war, über ihre Gefühle zu sprechen. In ihrem Inneren herrschte Chaos, das sie nicht ordnen konnte.
»Was willst du hören? Ich habe herausgefunden, wer meine Eltern sind. Und jetzt sind sie beide tot.«
Auch wenn die Geschehnisse drei Wochen zurücklagen und jeder der Beteiligten allmählich zu seinem normalen Alltag zurückkehrte, konnte Celeste sie noch nicht verarbeiten. Zu unwirklich war die Tatsache, dass sie das größte Geheimnis in ihrem Leben gelüftet hatte. Ob zu ihrer Zufriedenheit oder nicht, spielte dabei keine Rolle.
»Estelle ist für dich gestorben«, seine Stimme war sanft und seine Arme schlossen sich um sie. Celeste blickte auf den weißen Stein mit dem Namen ihrer Mutter.
»Das ändert nichts. Sie stand auf der falschen Seite und hätte sie mich nicht davor bewahrt, getötet zu werden, dann wäre sie mit ihnen mitgegangen. Wer kann schon sagen, welche Rolle sie wirklich in ihren Reihen gespielt hat?«
Celeste vermutete, dass ihre Mutter tiefere Verbindungen zu den Anführern der Atheos gepflegt hatte, als ihnen bewusst war. Doch sie würden es niemals herausfinden.
»Natürlich ändert das etwas. Glaubst du wirklich, sie hätte den Pfeil abgefangen, wenn sie überzeugt auf der Seite der Atheos gestanden hätte? Oder dass sie dafür gesorgt hätte, dass die Armee des Königs uns findet?«
Celeste schüttelte den Kopf.
»Das hat sie nicht für mich oder für die Gotteskinder getan. Ich habe ihre Aura gesehen. Sie bereute gar nichts. Ich glaube vielmehr, dass sie den eigentlichen Plan der Atheos nicht gefährden wollte.«
Estelle hatte ihren eigenen Mann verraten. Für die Atheos. Da war sich Celeste sicher. Diese Frau hatte es nicht gekümmert, dass die Atheos Menschen gefangen nahmen und töteten. Warum sollte es sie also tangieren, wenn eines der Gotteskinder starb? War es nicht ohnehin genau das, was die Atheos wollten? Den Untergang aller Gotteskinder. Auf welche Weise auch immer.
»Hör auf, dir das einzureden. So schwarz-weiß ist die Welt nicht. Immerhin rettete sie dir zweimal das Leben.« Seine Lippen lagen direkt über ihrem Ohr und Celeste schloss die Augen. Wenn er so nah bei ihr war, gab es vieles, was sie tun wollte. Über ihre Mutter zu sprechen, gehörte nicht dazu. Sie hatte sich an seine Nähe gewöhnt, an seinen Geruch und seine Wärme.
»Das sagst du nur, weil du dich selbst in Grautönen siehst.«
»Exakt. Ich war auch mal auf der falschen Seite, erinnerst du dich?«
Celeste drehte sich in seinen Armen, sodass sie sein Gesicht sehen konnte. Ein Funkeln lag in seinen grünen Augen und sie musste lachen.
»Wie könnte ich das vergessen? Du hast mich von einem Dach gestoßen.«
»Aber nur, um dir das Leben zu retten. Du könntest ruhig etwas Dankbarkeit zeigen.«
Sie zog eine Augenbraue hoch und sah ihn stirnrunzelnd an. Dankbarkeit? War das ein Scherz? Wenn sie an jenen Tag zurückdachte, war Dankbarkeit das Letzte, was ihr in den Sinn kam. Aber das Leuchten seiner Augen und das Grinsen, das seinen Mundwinkel umspielte, weckten ganz andere Gefühle in ihr. Celeste lehnte sich vor und presste ihre Lippen auf Nates Mund. Er schmeckte nach Kaffee und erwiderte den Kuss mit einer Heftigkeit, die ihr den Atem raubte.
Hier in den Gärten des Palastes konnten sie die Nähe zulassen. Doch sobald sie in die Öffentlichkeit traten, mussten sie ihre Rollen spielen. Nate war der zukünftige König und sie als Priesterin eine seiner potenziellen Bräute. Auch wenn Celeste seit den Geschehnissen in Silvina als Nathaniels Favoritin betrachtet wurde, wollten sie ihre Zuneigung nicht öffentlich zur Schau stellen. Es war eine Regel, die Celeste selbst aufgestellt hatte.
Und sie brach sie nur zu gern. Hielt sie sich sonst an jede Anweisung und ging ihren Pflichten nach, war ihr das Gefühl von Nathaniels Lippen auf ihren jeden Verstoß wert.
Viel zu schnell löste er sich von ihr und lächelte sie entschuldigend an.
»Wir müssen vorsichtiger sein.«
Nathaniel stand auf und zog sie zu sich hoch. Er überragte sie um einen Kopf, sodass Celeste zu ihm hochschauen musste. Mit gerunzelter Stirn sah er zu ihr hinab und strich ihr dann eine rote Strähne hinters Ohr.
»Du solltest wirklich mit jemandem darüber reden.« Er räusperte sich und zog sie in seine Arme.
»Ich finde unsere Regel übrigens sinnlos. Warum soll ich dich nicht in der Öffentlichkeit küssen? ES ist ja nicht so, als wären wir uns nicht bereits versprochen.«
Lachend sah sie ihn an und betrachtete dann stirnrunzelnd ihre ringlosen Finger.
»Das sind wir doch gar nicht oder ich habe den Teil mit dem Antrag nicht mitbekommen? Es gibt noch zwei weitere Frauen, die als deine potenziellen Bräute infrage kommen. Und darum gehört es sich für uns nicht, uns in der Öffentlichkeit zu küssen.«
Als zukünftiger König musste Nathaniel unter einer der Priesterinnen seine Braut auserwählen. Und diese Entscheidung musste binnen eines Jahres getroffen werden. Es waren erst wenige Monate vergangen, seit er berufen worden war. Die Zeit, in der er eine Entscheidung treffen musste, würde erst kommen.
»Erzähl mir nicht, dass sich jeder König an diese bescheuerte Regel gehalten hat. Als ob auch nur einer von ihnen ein Jahr gewartet hätte, bevor er eine der Priesterinnen geküsst hat. Falls es nur beim Küssen geblieben ist.«
Celeste wandte den Blick ab. Sie spürte, wie ihr die Hitze in die Wangen schoss. Für Nathaniel war dieses Thema vollkommen normal und wenn es nach ihm ginge, wären sie schon wesentlich weiter gegangen. Aber Celeste war eine Priesterin. Man erwartete von ihr, keusch in die Ehe zu gehen.
»Du könntest dich umentscheiden«, sagte sie leise und hielt ihren Blick auf Nathaniels Brust gerichtet. Das machte ihr am meisten Angst. Auch wenn einige sie bereits als Nathaniels Verlobte betrachteten und sie heimliche Küsse tauschten, konnte Nathaniel es sich noch immer anders überlegen. Er konnte sie jederzeit fallenlassen. Und bis heute war sie sich nicht sicher, ob sie nicht vielleicht genau das sogar wollte. Sie selbst war auch noch nicht bereit, sich ganz auf Nate einzulassen.
»Ebenso wie du. Vielleicht entscheidest du dich am Ende für Kiah oder Elio. Dann muss ich schauen, wo ich bleibe.«
Entsetzt sah Celeste zu ihm auf, doch Nathaniel lachte bereits.
»Kiah? Ist das dein Ernst?« Allein der Gedanke, sich an Kiah binden zu wollen, war absurd. Und ihr Kopf sagte ihr noch etwas, nämlich, dass sie eigentlich nie vorgehabt hatte, sich überhaupt zu binden. Auch nicht an den zukünftigen König.
»Glaubst du etwa nicht, dass ihr gut zusammenpassen würdet?« Er grinste. Celeste widerstand dem Drang, ihn vor die Brust zu stoßen. Wenn sie allein waren, wollte sie die Zeit genießen. Die Kabbeleien konnten sie auch in der Öffentlichkeit austragen.
»Das ist nicht witzig. Aber wenn ich Elio nehme, wen nimmst du dann? Linnéa?« Eigentlich wollte Celeste sich nicht vorstellen, wie er eine andere erwählte. Aber seine Augen und seine Stimme verrieten ihr, dass er es nicht eine Sekunde lang ernst meinte, sodass sie sich wagte, auf seinen Scherz einzugehen.
»Dann müsste ich ja bei Lyndon um ihre Hand anhalten. Lieber nicht. Dieser Mann beschützt seine Kinder viel zu sehr.«
»Das könntest du dir bei mir sparen.« Über den Tod von Manuel, ihrem Vater, zu sprechen, machte ihr nicht im Geringsten etwas aus. Manchmal erwischte sie sich sogar bei dem Gedanken, dass sie sich wünschte, Nathaniel hätte ihn getötet.
Nathaniel wurde still und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Sie waren in den letzten Wochen gewachsen und er musste sie wieder schneiden lassen.
»Ich hoffe, ich werde niemals erfahren, wer mein Vater ist. Unwissenheit ist besser als das hier.«
Celeste konnte ihm nur zustimmen. Die Unwissenheit hatte all die Jahre über schwer auf ihr gelastet. Nicht zu wissen, wer ihre Eltern waren oder warum sie sie abgegeben hatten, hatte Wunden hinterlassen. Doch die waren nicht zu vergleichen mit der Leere, die sie nun empfand.
Nathaniels Blick wanderte gen Himmel. Die Sonne war aufgegangen und ihre warmen Strahlen erhellten die Stadt.
»Wir müssen los.«
Verwirrt sah sie zu ihm auf.
»Was meinst du?«
»Der eigentliche Grund, warum ich zu dir kam, ist, dass König Miro den Kronrat einberufen hat.« Nathaniel fuhr mit den Händen über ihre Arme.
»Was ist der Anlass?«, fragte sie skeptisch.
»Er will über die Atheos reden und über das weitere Vorgehen. Und dieses Mal will er niemanden außen vor lassen. Also, was hält die Favoritin des Königs davon, in den Palast zurückzukehren?« Er sah sie mit einem spitzbübischen Grinsen an, doch Celeste schüttelte den Kopf. Auch wenn sie sich sehr gut mit Miro verstand, glaubte sie nicht daran, dass er sie mehr als Königin sah als eine der anderen Priesterinnen. »Ich bin nicht die Favoritin des Königs.«
»Stimmt. Du bist die Favoritin des Prinzen und das ist alles, was zählt.«
***
Nathaniel
Nathaniel beobachtete Celeste aus den Augenwinkeln. Sie hatte sich verändert. Seit sie herausgefunden hatte, woher sie kam und wer ihre Eltern waren, war sie nicht mehr dieselbe. Und er machte sich Sorgen um sie. Dass sie die Nächte neben dem Grab ihrer Mutter verbrachte, war die eine Sache, aber dass sie mit niemandem über die Vorkommnisse sprach, ärgerte ihn. Er hatte ihr zwar gesagt, dass sie nicht mit ihm darüber reden müsse, aber eigentlich wollte er genau das.
Nate hatte sich entschieden. Auch wenn ihre Beziehung noch frisch war und sie noch nicht offen darüber gesprochen hatten, sondern ihren »Tanz« des Kennenlernens tanzten. Aber er war niemand, der zweigleisig fuhr und er wollte es mit Celeste versuchen. Dazu gehörte auch, dass sie sich vertrauten. Celeste hatte Probleme und sie musste darüber reden. Und zwar mit ihm.
Die bevorstehende Ratssitzung würde den Zustand der Priesterin nicht verbessern. Im Gegenteil. Nate wusste, dass seit dem Überfall und ihrer Entführung durch die Atheos die wildesten Gerüchte die Runde machten. Doch bisher schien kaum jemand von Celestes tatsächlicher Verbindung zu den Rebellen zu wissen. Und das sollte auch so bleiben. Sie konnte nichts für die Taten ihrer Eltern, doch es lag in der Natur des Menschen, dass er Familienmitglieder schnell über einen Kamm scherte. Törichte Narren, schoss es ihm durch den Kopf.
Nate musste jetzt aber versuchen, seine Gedanken zu konzentrieren auf die Ratssitzung, die seine ungeteilte Aufmerksamkeit verlangte. Gemeinsam mit dem Rotschopf machte er sich dorthin auf den Weg.
Im Saal angekommen, setzte sich sich ihm gegenüber, flankiert von Simea und Lord Adrian. Der Kronrat tagte nicht im Palast des Königs, wo sie während ihres Aufenthalts in Solaris lebten, sondern im Palast des Volkes, einem imposanten Gebäude aus weißem Marmor, wo die Minister von Sirion ihrer Arbeit nachgingen. Hier arbeitete auch Nate darauf hin, in König Miros Fußstapfen zu treten.
Der Prinz warf Miro einen verstohlenen Seitenblick zu. Die vergangenen Ereignisse hatten das Gesicht des Königs gezeichnet. Er wirkte älter als noch vor wenigen Wochen. Erschöpfter.
Die anderen Ratsmitglieder, die Minister und Berater des Königs sowie die Septas und Septons der Provinzen, wirkten ebenso ausgelaugt. Die Provinzen des Landes wurden von je einer Priesterin regiert. Ihr unterstand die Septa oder der Septon, die als oberste Ordensschwester oder –bruder alle Belange, die den Glauben einer Region betrafen, regelten, während die Priesterin sich auch um Politik, Finanzen und Wirtschaft zu kümmern hatte. Yakim, der hohe Septon von Solaris, saß zur Linken des Königs, Nate wurde der Platz zu Miros Rechten zugeteilt.
Mit einem Räuspern brachte König Miro das Gerede zum Verstummen. Alle Augen waren auf ihn gerichtet. Nate wusste, dass es seit dem Überfall auf den silvinischen Palast einige solcher Treffen gegeben hatte, aber weder er noch die Priesterinnen waren dazu eingeladen gewesen. Der König hatte jeden, der den Angriff der Atheos auf den silvinischen Palast, das anschließende Gemetzel sowie die Entführung durch die Rebellen miterlebt hatte, schonen wollen. Jeder hatte ein Recht auf eine Atempause. Und jeder von ihnen hatte sie gebraucht. Am dringendsten wohl Celeste.
»Ihr wisst alle, weshalb wir hier sind. In den letzten Wochen nach dem Angriff auf den silvinischen Palast ist es still um die Atheos geworden. Wir wissen aus zuverlässigen Quellen«, der Blick des Königs wanderte zu Nate, »dass die Verantwortlichen für diesen Überfall Abtrünnige der Atheos waren. Ihre eigenen Leute haben sie an uns verraten und nur so war es uns möglich, die Gotteskinder und ihre Begleiter zu retten.«
Miros Blick aus den grauen Augen blieb an jedem einzelnen Ratsmitglied hängen. Ein Sturm tanzte in ihnen. Wild und ungezähmt. Die Wut des Königs über seine eigene mangelnde Vorsicht und die Tatsache, dass man ihn gezwungen hatte, zuzusehen, während sein Volk diesen Männern ausgeliefert gewesen war, war nur allzu verständlich. Nate hatte dieselbe Wut empfunden. Nur der Glaube, dass die Atheos früher oder später das bekamen, was sie verdienten, und dass er es sein würde, der sie zur Rechenschaft ziehen würde, ließ ihn diese Wut im Zaum halten.
»Seit über 150 Jahren lebt Sirion in Frieden. Nie hat es erwähnenswerte Aufstände oder Rebellionen gegeben. Bis heute. In diesem Jahr hat sich alles verändert. Die Atheos, eine Gruppe, die jedem von uns ein Begriff ist, sind aus ihren Löchern gekrochen und terrorisieren erneut unser Land. Es liegt an uns, das Volk zu beschützen.« Miro beendete seine Rede und sah erwartungsvoll in die Gesichter der Anwesenden.
Es war Lord Pim, der Justizminister, der sich zuerst zu Wort meldete.
»Majestät, ich bleibe bei der Meinung, dass wir die Ersten sein sollten, die handeln. Wir sollten nicht noch einmal auf einen Schlag von ihnen warten. Wir waren unvorbereitet und das war ihr Vorteil. Wir sollten agieren, statt nur zu reagieren.« Der Justizminister schlug mit der Faust auf den Tisch. Sein bulliger Körper betonte jedes einzelne seiner Worte. Auch ihm war die Wut über den Vorfall anzusehen.
»Wie wollt Ihr das anstellen? Wir wissen nicht, wo sich die Atheos aufhalten, geschweige denn, wer ihre Mitglieder sind. Es wäre wie die Nadelsuche im Heuhaufen«, Lady Marin schnaubte. Obwohl sie die Ministerin für soziale Angelegenheiten war, ruhte in ihren Augen eine Kälte. Nathaniel hatte sich ihr bisher nicht annähern können.
»So groß ist Sirion nicht«, entgegnete Pim und hielt dem eisigen Blick der Ministerin stand.
»Sie können sich nicht völlig unbemerkt verstecken. Irgendjemand muss etwas gesehen haben. Eine so große Organisation kann sich nicht wie Schatten bewegen.«
»Ihr müsst Euch über die Kosten eines solchen Unterfangens bewusst sein. Die Suche nach dieser Gruppe kann nur vom Militär und der Marine durchgeführt werden und die Unterhaltung dieses Suchtrupps wäre enorm. Das Land kann sich solche Ausgaben auf Dauer nicht leisten«, schaltete sich nun Lord Lamont ein. Der Finanzminister erschien wie immer sehr penibel. Seine Stimme klang etwas zu spitz und definitiv provozierend. Wie ein solcher Mann zwei unglaublichen Kindern hatte das Leben schenken können, war Nate ein Rätsel. Kiah und Nike vertraute er bedingungslos, doch ihrem Vater konnte Nate nichts abgewinnen.
»Ewig wird die Suche nicht dauern. Nur solange, bis wir diese Mistkerle gefunden und zur Strecke gebracht haben«, brummte Emir. Der Admiral der königlichen Armee blickte direkt zum König.
»Die Soldaten und selbst die Rekruten sind ganz heiß darauf, die Atheos zu finden. Sie brauchen eine Aufgabe, sonst drehen sie durch. Wenn das Land angegriffen wird, muss das Militär die Erlaubnis haben, etwas dagegen tun zu dürfen. Seit Wochen sitzen sie nur herum und warten darauf, dass wir eine Entscheidung treffen.«
Einige der Anwesenden nickten, darunter Pim, der Arzt Lord Chalid und Malia, die Priesterin von Sirena. Die Fronten in dieser Diskussion waren nun klar definiert. Die Frage war nur, welcher Seite sich König Miro anschließen würde. Der, die abwarten oder der, die handeln wollte. Nate hatte sich bereits für eine Partei entschieden. Er hoffte nur, dass Miro dieselbe wählen würde.
»Eine Suche durch das Militär und die Marine würde das ganze Land in Panik versetzen. Es ist unsere Aufgabe, das Volk zu schützen und ein offener Krieg gegen die Atheos dient diesem Zweck nicht. Die Bevölkerung würde in Angst verfallen. Das können wir nicht zulassen«, Lord Venn sah in die Runde. Er war erst vor Kurzem in den Kronrat berufen worden, aber als Minister für Verteidigung betraf ihn die anstehende Entscheidung besonders. Nate verstand sein Argument, aber es überzeugte ihn nicht.
»Lord Venn, ich kann Euren Standpunkt verstehen und der Schutz des Volkes sollte immer an erster Stelle stehen, da habt Ihr meine absolute Zustimmung. Aber Angst und Panik haben sich längst unter der Bevölkerung ausgebreitet. Nicht nur das Militär hofft auf eine Entscheidung unsererseits. Auch das Volk will, dass wir endlich etwas unternehmen«, sprach Celeste mit fester Stimme. Sie saß hocherhobenen Hauptes auf ihrem Platz. Lord Adrian, Gesandter von Samara, und Simea, die neben ihr saßen, neigten zustimmend die Köpfe.
Nate beobachtete die rothaarige Priesterin, die als erstes Gotteskind in dieser Runde das Wort ergriffen hatte. Sein Mundwinkel hob sich kaum merklich nach oben. Sie war seiner Meinung, genau, wie Nate es sich erhofft hatte. Stolz flammte in seiner Brust auf.
»Diese Panik würde sich durch einen Krieg allerdings noch verstärken, Mylady«, Venn sprach voller Sanftmut und sah Celeste freundlich an. Doch der Blick der Priesterin blieb hart. Nate mochte neu in diesem Amt sein, aber Celeste war es nicht. Miro selbst hatte ihm erzählt, wie verantwortungsvoll sie ihren Pflichten nachging.
»Nicht nur das. Bei einem offenen Krieg wären wir im Nachteil. Die Atheos wissen, wo unsere Schwachstellen sind. Sie wissen allgemein zu viel über uns. Sie haben Lebensmitteltransporte überfallen, egal, wie oft wir die Routen geändert haben, sie wissen, wo unsere Militärstützpunkte sind und vermutlich kennen sie auch die Pläne der königlichen Flotte. Und, als wäre das nicht genug, wussten sie zu jeder Zeit, wo sich die Gotteskinder aufhielten. Aber wir, wir wissen nichts über sie.« Lady Marin sah Celeste herablassend an, doch der Rotschopf lächelte nur.
»Ich habe nie von einem offenen Krieg gesprochen, Ministerin. Und Ihr irrt, wenn Ihr glaubt, dass wir nichts über die Atheos wissen. Es gab Anschläge an zwei verschiedenen Orten. Was hatten diese Orte gemeinsam?« Celeste blickte in die Runde. Nate las in einigen Gesichtern Verwirrung, Misstrauen hingegen bei Marin und Lamont.
»Bei beiden Anschlägen waren die Gotteskinder anwesend. Bei beiden Anschlägen waren sie das Ziel.« Es war Yakim, der die Stille brach. Nate schielte zu ihm hinüber. Die dunkle Haut und die ebenso dunklen Haare bildeten einen starken Kontrast zu seinem strahlendweißen Lächeln.
»Ihr wollt die Gotteskinder als Köder benutzen. Haltet Ihr das für klug, Mylady?«
Celeste schüttelte den Kopf.
»Das ist gar nicht notwendig. Gegen Ende des Jahres muss unser Prinz die Entscheidung für eine Priesterin treffen. Und zwar hier in der Hauptstadt Solaris. Wir haben unsere Reise nun schon für einen Monat unterbrochen. Der Hofstaat sollte endlich weiter nach Sirena reisen, damit der Prinz auch die Heimatprovinz von Priesterin Malia kennenlernen kann. Und so schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe«, Celeste verschränkte ihre Finger miteinander und lehnte sich vor.
»Das Volk wird sich beruhigen, weil alles wieder seinen gewohnten Gang geht. Und die Atheos werden sich provoziert fühlen und entweder schon in Sirena zuschlagen oder erneut hier in Solaris, wie bei dem versuchten Anschlag auf König Miro. Wir müssen nur auf sie warten. Aber dieses Mal werden wir gewappnet sein.«
Nate fing Celestes Blick auf. Ihre Karamellaugen glühten. Er spürte, wie sein Herz schneller schlug und ein Gefühl von Ehrfurcht sich in seiner Brust ausbreitete.
»Ich halte den Vorschlag von Lady Celeste für sinnvoll«, sprach Lord Karim.
»Man erwartet von Nathaniel binnen neun Monaten, eine Braut zu erwählen und diese Chance müssen wir ihm geben. Die Atheos werden uns beobachten. Uns alle. Also, warum nutzen wir das nicht aus?«
»Weise Worte, mein Freund«, stimmte Lord Adrian zu.
»Um weniger Aufsehen zu erregen, würde ich vorschlagen, dass die Rekruten die Gotteskinder begleiten, um für ihre Sicherheit zu garantieren. Die erfahrenen Soldaten könnten in der Zwischenzeit den Spuren der Atheos nachgehen und die Städte bewachen.« Adrian war ein kluger Mann, der niemals voreilige Entscheidungen traf. Da selbst er sich dieser Meinung anschloss, bestärkte sich Nates Gefühl, dass sie das Richtige taten.
»Wir würden außerdem den Zeitplan wieder aufnehmen und den Schein wahren, dass dem Land keine Gefahr droht. Gleichzeitig wären wir aber bereit, auf jede Bedrohung zu reagieren«, ergänzte Chalid mit ruhiger Stimme.
Nate grinste und sah dann abwartend zu Miro hinüber. Der König schien über die Vorschläge der Ratsmitglieder nachzudenken. Dann straffte er sich, hob den Kopf und verkündete mit fester Stimme seine Entscheidung:
»Dann ist es also entschieden. Wir werden nicht nach den Atheos suchen, sondern sie zu uns kommen lassen. Der Schutz jedes Gotteskindes wird verstärkt. Lord Karim und Lord Venn werden für die Sicherheit des Volkes garantieren. Lord Emir und Lord Adrian kümmern sich um die Einteilung der Streitkräfte. Es darf nicht danach aussehen, als würden wir das Militär aufrüsten, aber genau das wird der Fall sein.«
Die Lords nickten. Ebenso die drei Priesterinnen. Nate war froh, dass Miro Celestes Vorschlag zugestimmt hatte. Es war ein vernünftiger Einfall gewesen. Sie konnten gar nicht anders agieren, ohne Misstrauen in der Bevölkerung zu streuen.
Ein Klopfen ließ alle Anwesenden gleichzeitig zur Tür schauen. Als der König den Störenfried hereingebeten hatte, ruhten alle Augen auf dem Diener, der nervös von einem Fuß auf den anderen trat.
»Majestät, bitte entschuldigt die Störung, aber an der Stadtmauer gibt es ein Problem.«
Die Augen des Königs wurden schmal und auch Nates Miene verfinsterte sich. Was gab es nun schon wieder für Schwierigkeiten? Sie hatten bereits genug davon.
»Was für ein Problem?«, fragte Miro stirnrunzelnd.
Der Diener schluckte, Schweißtropfen bedeckten seine hohe Stirn und ihm war sichtlich unwohl in seiner Haut.
»Mein König, vor den Toren der Stadt wartet eine Gruppe von Frauen, die behaupten, Anhängerinnen der Mondgöttin zu sein. Unter ihnen ist eine junge Frau, die eine Audienz bei Euch verlangt.«
Nates Augen weiteten sich bei den Worten des Dieners. Ein Raunen ging durch den Saal und es wurde leise getuschelt. Doch der Bote schien seine Nachricht noch nicht vollends überbracht zu haben. Er räusperte sich und sämtliche Augen flogen zurück zu ihm.
»Da ist noch etwas, mein König: Diese Frau behauptet, sie sei die Tochter des Mondes.«