KAPITEL 6

UNBEKANNTE WEGE

Vignette

Nathaniel

Am nächsten Morgen hatte Malia zu einem gemeinsamen Frühstück eingeladen. Nate wunderte es nicht, dass Selena nicht anwesend war. Sie gehörte, wenn man die Meerestochter fragte, nicht zum engsten Kreis. Nate konnte es ihr nicht verdenken. Aber Selena war nun eine von ihnen, ein Gotteskind. Sie sollten sie nicht außen vor lassen. Doch laut Malia sei das Treffen dringend nur für ihrer aller Ohren bestimmt, sodass Nate sich ihrem Wunsch gefügt hatte. So saß er also gemeinsam mit den Priesterinnen, Kiah, Elio und Noah in einem kleinen Salon und genoss ein ausgiebiges Frühstück, nur die Stimmung war etwas angespannt.

Nachdem er gestern das Gespräch zwischen Malia und ihrer Mutter mitangehört hatte, hatte er Kiah darum gebeten, Informationen über Marco und Loreley zusammenzutragen. Er wollte alles über Emirs Neffen wissen, wollte verstehen, wie ein einfacher Soldat das Herz einer Priesterin gewinnen konnte. Und von der bösen Hexe, die dieser Liebe im Weg gestanden hatte. Loreley war kein guter Mensch und eine noch schlimmere Mutter. Und Nate war froh, dass er dank Malias Einladung Loreley hatte absagen können. Die dunkelhaarige Frau hatte vorgeschlagen, mit Nate, den Priesterinnen und dem gesamten Hofstaat zu frühstücken. Dieses Szenario war in Nates Gedanken schlimmer als die Hölle. Und als Prinz war er wohl der Einzige, der ihr diese Idee hatte ausreden können.

»Also, worüber wolltest du so dringend mit uns reden?«, Kiah sah Malia mit hochgezogener Augenbraue an. Doch Nate sah das verräterische Grinsen in seinen blauen Augen. Sein Höfling liebte Komplotte ebenso wie Geheimnisse. Und Malias Ernsthaftigkeit versprach beides.

Die Tochter des Meeres war blass. Ihre sonst sonnengeküsste Haut war eingefallen, als hätte sie die letzte Nacht kein Auge zugetan. Nate wusste, dass ihre Mutter Malia unter Druck setzte und auch die Sache mit Marco machte dem Gotteskind zu schaffen.

»Ich habe gestern einen Brief erhalten«, gab Malia nun mit zittriger Stimme zu.

Kiah pfiff anerkennend.

»Etwa ein weiterer Liebesbrief für die schönste Frau des Landes?« Er zwinkerte Malia zu, doch die ging nicht auf seinen Scherz ein.

Stattdessen schüttelte sie langsam den Kopf. Nate bekam ein flaues Gefühl im Magen. Malia wirkte beinahe erschüttert, fast schon ängstlich. Er konnte sich nicht vorstellen, was diese sonst so mutige und starke Frau so aus der Fassung bringen konnte.

»Es war kein Liebesbrief. Vielmehr eine Drohung.«

Nate ballte die Hände zu Fäusten und lehnte sich in seinem Stuhl vor.

»Man hat dir einen Drohbrief geschickt?« Kein Wunder, dass sie Angst hatte. Wer wagte es, einer Priesterin zu drohen?

Doch Malia verzog das Gesicht.

»Eine Dienerin hat mir gestern den Brief überreicht, ich habe mir nichts dabei gedacht, bis ich ihn gelesen habe«, ihre Stimme brach am Ende des Satzes und sie fuhr sich durch die dunklen Wellen, die ihre Haare waren.

»Er ist von Sadik«.

Mit einem Mal fiel die Temperatur im Raum um einige Grad und Grabesstille breitete sich aus. Jeder schien den Atem anzuhalten. Nates Blut in den Adern gefror zu Eis. Sadik. Allein diesen Namen zu hören, brachte die vertraute Wut zurück. Sadik war, wie sie zu diesem Zeitpunkt wussten, der Anführer der Atheos. Er war Insasse in einem samarischen Gefängnis gewesen, aus dem er letzten Frühling befreit worden war. Und wenn Nate den Worten von Admiral Emir Glauben schenkte, stand er an der Spitze der Feinde und war für den Mord an Celestes Vater Manuel verantwortlich. Er war der Atheos mit der Glatze und der schwarzen Spirale auf dem kahlrasierten Schädel. Dieser Mann war ein skrupelloser Mörder, der sie alle tot sehen wollte.

»Was hat er dir geschrieben?«, fragte nun Celeste. Sie schien einen klaren Kopf behalten zu haben, worum Nate sie beneidete. Der Rotschopf war in politischen Situationen nicht ansatzweise so aufbrausend wie er selbst. Sie gab ganz die verantwortungsbewusste Priesterin.

Malia schluckte schwer und zog dann einen Umschlag aus ihrer Hosentasche. Er wirkte an den Faltstellen hier und da bereits porös, als wäre er immer und immer wieder auseinandergefaltet worden. Dabei hatte Malia ihn erst gestern erhalten. Nate wollte sich nicht vorstellen, wie oft Malia diese Zeilen gelesen hatte. Sie reichte den Umschlag wortlos an Linnéa, die neben ihr saß.

Die Tochter des Waldes sah sie mitfühlend an, bevor sie den Brief auseinanderfaltete und laut vorzulesen begann:

»Malia, wie viele Jahre ist es inzwischen her? Zehn oder doch schon mehr? Ich kann mich noch daran erinnern, wie du schluchzend und weinend mit deinem Kuscheltier im Arm vor mir gestanden hast. Das kleine Mädchen, das während der Geburt zu einer Priesterin berufen worden war. Eine der mächtigsten Positionen, die Sirion zu bieten hat. Ein Mädchen, das von Pflicht und Ehre nicht die leiseste Ahnung hatte. Und doch warst du kostbar, beinahe unbezahlbar.« Linnéa hielt kurz inne und warf einen besorgten Blick in die Runde. Alle lauschten gebannt ihren Worten, nur Malia wirkte, als würde sie sich am liebsten die Ohren zuhalten. Stockend fuhr Linnéa fort:

»Ich bereue bis heute, dass Emir dich damals aus meiner Gewalt befreien konnte. Du kannst dir nicht vorstellen, wie es ist, mehr als zehn Jahre lang in Einzelhaft verbringen zu müssen. Ich war ein Lord, ein General, doch dort war ich ein Nichts. Abschaum in den Augen der Wärter. Und das alles nur deinetwegen. Aber gräme dich nicht. Ich bin wieder frei. Und so nah ich dir in Silvina auch gekommen bin, ist es nichts im Vergleich dazu, wie nahe ich dir in diesem Augenblick bin. Ihr Gotteskinder denkt, dass ihr sicher seid. Hinter hohen Mauern verborgen und beschützt vom königlichen Heer. Ihr irrt euch. Wir sind nah, viel näher, als ihr denkt. Und dieses Mal werde ich beenden, was ich vor all den Jahren begonnen habe. Warte auf mich, Sadik.«

Im Salon herrschte eine eiskalte Stille. Die Zeilen, die Linnéa vorgelesen hatte, lagen wie ein böses Omen über ihnen und schwängerten die Luft mit tonnenschwerer Last.

Dann ergriff Nate das Wort:

»Wieso schreibt er ausgerechnet dir einen Brief? Und wovon spricht er?« Er verstand die Drohung hinter Sadiks Worten, doch wirklich begreifen konnte er sie nicht.

»Als ich acht war, wurden Emirs Neffe und ich von Sadik entführt. Er war General in der königlichen Armee, stand in der Hierarchie direkt unter dem Admiral. Er war schon damals ein Verbrecher und sollte für seine Taten zur Verantwortung gezogen werden. Er hat mich als Druckmittel benutzt, um sich freizukaufen.«

Nates Augen verengten sich zu Schlitzen. Dieser Mann hatte zwei Kinder entführt, um seinem gerechten Strafmaß zu entgehen? Welcher Mann tat so etwas? Definitiv einer ohne Ehre.

»Wie konntest du befreit werden?«

Trotz der Angst in Malias Augen und ihrer eingefallenen Haut, stahl sich ein Lächeln auf ihr Gesicht.

»Emir hat uns gefunden und Sadik überwältigt. Daraufhin wurde er ins Gefängnis nach Samara gebracht.«

Der Prinz betrachtete die Meerestochter einen Moment, bevor er zu Celeste blickte. Er war froh, dass ihr ein solches Kindheitstrauma erspart geblieben war. Gleichzeitig schämte er sich für diesen Gedanken. Malia hatte Schlimmes durchgemacht. Doch sie war dadurch auch stark geworden. Und vermutlich hatte dieses gemeinsame Schicksal sie Marco so nahegebracht. Ein junger Mann, der sie – glaubte er Malias Worten – aufrichtig geliebt hatte.

»Also schickt uns das Oberhaupt der Atheos einen Hinweis, dass sie uns bereits auf den Fersen sind?«, fragte jetzt Noah mit einem finsteren Gesichtsausdruck.

»Sie spielen mit uns.« Es war fast ein Knurren, das aus Celestes Kehle drang. Sie war von Zorn durchflutet und ihre kleinen Hände waren zu Fäusten geballt. Sie hasste die Atheos von Herzen für all das, was sie ihr und ihren Eltern angetan hatten. Und nun wurde eine ihrer besten Freundinnen bedroht.

Malia biss sich auf die Unterlippe.

»Genau das dachte ich mir auch, daher wollte ich es erst mit euch besprechen, bevor ich zu Emir gehe.«

Nate dachte über die Atheos und den Plan der Krone nach. Sie hatten die Verräter aus ihrem Versteck locken wollen. Dieser Plan war offensichtlich aufgegangen. Doch es war keine Option, dass sie diese Erkenntnis für sich behielten.

»Wir müssen es Emir sagen. Es könnten Menschen in Gefahr sein.« Aus ihm sprach der Prinz, zu dem er die letzten Wochen geworden war. Sein früheres Ich hätte versucht, die Angelegenheit allein zu klären. Doch er war nicht mehr allein.

»Er handelt unmöglich allein. Wer hat ihm dabei geholfen, den Brief zu übergeben?«, wollte Kiah wissen. Er taxierte Malia mit kalten, blauen Augen, doch die zuckte mit den Schultern.

»Ich habe die Dienerin bereits befragt, sie hat den Brief von einer Küchenmagd und die hat ihn von einem Händler aus der Stadt erhalten und so weiter und so weiter. Er hat seine Spuren verwischt. Es ist unmöglich, mehr herauszufinden.« In ihrer Stimme schwang Hoffnungslosigkeit mit, ebenso wie Erschöpfung.

Nate griff über den Tisch nach Malias Hand und drückte sie. Sie waren Freunde und in Zeiten wie diesen mussten sie zusammenhalten.

»Wir werden diesen Hundesohn finden, versprochen.«

Einheitliches Nicken am Tisch.

»Er kann doch unmöglich allein agieren, oder? Also wer arbeitet mit ihm zusammen?« Linnéa hatte Malia den Arm um die Schultern gelegt und strich ihr zärtlich über den Rücken.

»Kein Außenstehender hätte gewusst, wie er ungesehen und unbemerkt in die Paläste kommt – weder in den von König Miro, um den Anschlag zu verüben, noch in den silvinischen, aus dem wir entführt worden sind. Es muss einen Verräter in unseren Reihen geben.« Celeste hatte die Arme vor der Brust verschränkt und zwischen ihren Brauen saß eine tiefe Falte. »Wer könnte es sein? Es gab den Anschlag auf das Kloster Lacrima und das umliegende Dorf, der von meinem Vater geleitet worden ist, ebenso, wie auch die Befreiung Sadiks auf sein Konto geht.« Ihre Stimme klang kratzig und Nate legte unter dem Tisch eine Hand auf ihr Knie. Er wollte ihr seine Unterstützung zeigen. Celeste lächelte ihn zaghaft an.

»Dann wurden die Rebellen von deiner Mutter verraten«, sprach Kiah weiter. Seine Worte waren keineswegs vorwurfsvoll, er zählte nur die Fakten auf.

»Und König Miro wurde in Solaris angegriffen, was jedoch von Lord Karim und seinem Leibwächter verhindert werden konnte.«

Nate nickte langsam. Sie besaßen keine weiteren Informationen, da der Lord und Espen dazu gezwungen waren, den Angreifer zu töten, um Miro zu retten. Auch Manuel und Estelle waren tot. Die einzige Verbindung zu den Atheos bestand in Sadik, der ihnen offen mitteilte, dass er ihnen auf den Fersen war. Und dass sie niemals vor ihm sicher sein würden.

Am liebsten hätte Nate mit der Faust auf den Tisch gehauen, doch er riss sich zusammen.

»Wir müssen einen kühlen Kopf bewahren. Malia, wir beide reden mit Emir über den Brief, er soll entscheiden, wie wir weiter vorgehen. Der Rest hält Augen und Ohren offen. Die Atheos sitzen uns im Nacken, aber wir werden nicht zulassen, dass sie uns auseinandertreiben. Wir müssen eine Einheit sein, verstanden?« Er sah jeden einzelnen am Tisch der Reihe nach an. Elio und Noah wirkten gefestigt und nickten ernst. Kiah wirkte, als würde er am liebsten sofort mit gezogener Waffe gegen die Atheos losmarschieren. Linnéa und Malia saßen etwas verloren auf ihren Plätzen, doch in ihren Augen konnte Nate die Entschlossenheit sehen, gegen die Atheos vorzugehen.

Celeste drückte unter dem Tisch seine Hand. Sie war auf seiner Seite, unterstützte ihn. Und der Ausdruck auf ihrem Gesicht zeigte ihm, dass sie stolz auf ihn war. Ein warmes Gefühl breitete sich in Nates Brust aus.

Nach seiner Ansprache wurde das heimliche Treffen im Salon aufgelöst und Nate und Malia wollten sich bald zu Admiral Emir aufmachen. Doch zuvor hatte Nate noch etwas zu erledigen.

»Kiah, da wäre noch etwas. Ich würde gern noch unter vier Augen mit dir reden.« Der blonde Schönling sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. Zuckte dann jedoch mit den Schultern für sein Einverständnis.

Nate hatte Zeit gehabt, nachzudenken. Er war der Prinz von Sirion und der zukünftige König. Als Sohn der Sonne und Auserwählter der Götter besaß er eine Macht, von der andere nur träumen konnten. Und diese Macht wollte er sich zunutze machen. Ihm waren vielleicht die Hände gebunden, was den Krieg mit den Atheos betraf und auch die Sache mit Selenas Berufung konnte er nicht ohne Weiteres beheben, aber es gab andere Dinge, die er tun konnte. Nate hatte in der letzten Nacht lange darüber nachgedacht, wie er dem Land und seinen Freunden mit den Mitteln, die ihm zur Verfügung standen, helfen konnte.

Kiah und er waren nun die Letzten im Salon. Neugier flammte in Kiahs blauen Augen auf. Er sah Nike wirklich ähnlich. Dasselbe blonde Haar und die hellen Augen. Nate wollte seiner starken und unabhängigen Leibwächterin einen Gefallen tun.

»Was ist so wichtig, dass du mit mir allein sprechen wolltest?«

»Es geht um deine Schwester.«

Überrascht sah Kiah ihn an.

»Was hat sie diesmal angestellt?«

Nate schüttelte den Kopf.

»Das ist es nicht. Du erzähltest mir, dass ihr Sohn in Sirena bei Verwandten lebt und es ihr nicht gestattet ist, ihn zu besuchen.«

Der Blick seines Gefolgsmannes verfinsterte sich und Kiah nickte stockend. Ihm schien dieses Thema nicht zu gefallen, war es doch das dunkelste Geheimnis seiner Familie und einer der vielen Gründe, warum Kiah seinen Vater verabscheute.

»Wo genau leben diese Verwandten? Ich würde ihnen gern eine Nachricht zukommen lassen.« Nates Augen leuchteten auf, was Kiah mit einem fragenden Blick quittierte.

»Was hast du vor?«

»Dein Vater mag vielleicht in Solaris seinen Einfluss geltend machen können, aber nicht hier. Er wird nichts dagegen tun können, wenn wir Theo zu seiner Mutter zurückbringen.«

Kiahs Augen weiteten sich.

»Bist du sicher, dass du den Zorn meines Vaters auf dich ziehen willst?« So sprach nur ein Junge, der es gewohnt war, dass sein Vater alles bekam, was er wollte. Kiah hatte sich stets den Wünschen seines Vaters gebeugt und seine wilde Art, die er seit seinem Erwachsenwerden an den Tag legte, war nichts weiter als sein ganz eigener Weg der Rebellion.

»Er kann mich ohnehin nicht ausstehen. Was sollte das also ändern?«

»Mein Vater mag dich nicht leiden können, aber es gibt einen Unterschied zwischen Nicht-Mögen und seinem Zerstörungsdrang, wenn ihm jemand in die Quere kommt. Er wird dir das Leben zur Hölle machen und jede Entscheidung von dir sabotieren, wenn du das wirklich durchziehst«, Kiah schluckte hart.

»Versteh mich nicht falsch. Ich will wirklich, dass meine Schwester ihren Sohn zurückbekommt, aber ich bin auch dein Freund und Höfling. Und als solcher muss ich dich vor Entscheidungen bewahren, die deine Stellung gefährden könnten.«

Einen Moment lang war Nate sprachlos. Er sah Kiah abwartend an. Nate sah deutlich, wie Kiah mit sich rang. Seine Loyalität ihm gegenüber und die Treue zu seiner Schwester befanden sich in Zwietracht.

»Danke, dass du dir Sorgen um mich machst, aber das ist unnötig. Ich habe meine Entscheidung längst getroffen.« Nate schenkte Kiah ein aufbauendes Lächeln und legte ihm die Hand auf die Schulter.

»Also, wo wohnen deine Verwandten? Ich bin mir sicher, dass Elio als mein Abgesandter sich freuen wird, ihnen eine Nachricht von mir zu überbringen.«

Kiah lachte verhalten.

»Mir scheint, deine neuerlangte Macht steigt dir allmählich zu Kopf.«

Nate grinste bei den Worten seines Freundes.

»Nicht im Geringsten, ich habe nur gelernt, wie ich sie am besten einsetzen kann.« Er zuckte mit den Schultern, doch auf seinem Gesicht breitete sich ein zuversichtliches Grinsen aus. Nie hatte Nate in seinem Leben damit gerechnet, einmal über solche Macht zu verfügen.

»Darf ich dich noch etwas fragen?« Nate war vorsichtig. Diese Frage lag ihm bereits seit geraumer Zeit auf den Lippen, aber Nate hatte sich nie getraut, die Worte auszusprechen.

»Wer ist Theos Vater?«, nahm er seinen Mut zusammen, als Kiah nickte.

Kiahs Mimik wurde steinern und er wandte den Blick ab.

»Ich weiß es nicht. Nike hat es mir nie erzählt. Unser Vater hat ihr diese Frage mehr als einmal gestellt und wenn ich an ihrer Stelle gewesen wäre, wäre ich unter diesem Druck längst zusammengebrochen. Doch sie hat standgehalten. Wer Theos Vater ist, hat sie all die Jahre für sich behalten.«

Nate sah seinen Freund stirnrunzelnd an. Er spürte ein leises Kribbeln im Nacken. Jenes Kribbeln, das ihm sagte, dass jemand nicht vollends ehrlich zu ihm war.

»Aber du hast eine Vermutung?«

Kiahs Blick war auf den Horizont gerichtet und es dauerte einen Augenblick lang, bevor er nickte.

»Die habe ich in der Tat, aber ich werde es dir nicht sagen.«

Es konnte nur einen Grund geben, warum Kiah die Vermutung für sich behielt. Es würde seine Schwester in Schwierigkeiten bringen. Und das bedeutete, dass der Vater ihres Kindes ein einflussreicher Mann war, jemand, der in der Rangfolge weit über den Kindern eines Lords stand.

***

Celeste

Am späten Nachmittag ging Celeste durch einen lichtdurchfluteten Gang hinauf zu ihren Räumlichkeiten. Die Wände waren mit Perlen, Aquamarinen und Perlmutt geschmückt und schimmerten im Licht der Sonne. Obwohl Wasser nicht ihr Element war, konnte Celeste nicht leugnen, dass es ihr in Sirena gefiel. Dieser Ort war so anders als alles, was sie bisher kennengelernt hatte. Die Menschen wirkten frei und unabhängig.

Sie wurde jäh aus ihren Gedanken gerissen, als eine Hand sich um ihr Handgelenk schlang und sie ruckartig an eine harte Brust zog. Nur mit Mühe konnte Celeste den Schrei zurückhalten, der ihre Kehle emporsteigen wollte. Ein allzu vertrauter Duft umhüllte sie. Nach Bergen, Wald und Gewürzen. Verschmitzte grüne Augen starrten zu ihr herab und Celeste stieß ein Seufzen aus, bevor sie sich aus seinen Armen wand und ihren Ellbogen in Nathaniels Seite stieß. »Bist du verrückt geworden? Du hast mich erschreckt!«

Seine Augen strahlten und die Mundwinkel zuckten. Nathaniel fuhr sich durch die dunkelblonden Haare und lachte leise. »Entschuldige, ich konnte nicht widerstehen.« Er streckte ihr die Hand entgegen, die Celeste etwas zögerlich nahm. Seine Finger verschränkten sich mit ihren und Wärme breitete sich in ihr aus. Nathaniels Blick lag auf ihren verschlungenen Händen, bevor er ihr in die Augen sah und sie angrinste. Er zog sie weiter auf einen kleinen Balkon, von wo aus man über die angrenzenden Klippen schauen konnte. Die Wellen schlugen gegen die Felsen und Möwen kreischten am Himmel.

Celeste lehnte sich gegen die Balustrade und streckte ihr Gesicht dem kühlen Meereswind entgegen. Sie schmeckte das Salz auf den Lippen und genoss die sanfte Brise. Nathaniel lehnte sich mit dem Rücken gegen das Geländer, seine Arme vor der Brust verschränkt. Sie beobachtete ihn neugierig, bevor sie das Schweigen brach.

»Also, was gibt es?«

Überrascht zog Nathaniel eine Augenbraue nach oben und warf ihr einen belustigten Blick zu.

»Brauche ich etwa einen Grund, um dich zu sehen?« Seine Miene wirkte gelassen, doch Celeste wusste es besser.

»Du hast immer einen Grund, mich aufzusuchen. Also, was ist es diesmal?«

Nathaniel seufzte.

»Bei dir klingt es so, als nutzte ich dich aus.«

Celeste schüttelte lachend den Kopf.

»Ich habe mich längst daran gewöhnt.« Sie rückte naher an ihn heran, sodass sich ihre Körper berührten.

»Vor unserem Aufbruch hatte ich eine Unterhaltung mit Miro. Er hat von einer Frau gesprochen, die nicht die Königin war.« Nate unterbrach sich, nicht sicher, wie er fortfahren sollte. Celeste sah ihn fragend an, nicht ahnend, in welche Richtung das Gespräch gehen würde.

»Was für eine Frau?«

Nathaniel hob den Blick und schaute ihr direkt in die Augen. »Miro liebte eine andere, bevor er die Königin heiratete.«

Celestes Augen wurden groß. Sie hatte nichts davon gewusst, hatte immer angenommen, dass Miro und Nanami glücklich miteinander gewesen waren. So hatten sie zumindest auf sie gewirkt. Wie ein perfektes Paar.

»Wer …?«, ihre Neugierde gewann die Oberhand, doch Nathaniel unterbrach sie sofort.

»Ich hatte angenommen, du könntest mir das beantworten.« Seine Augen wurden schmal, als er die Ratlosigkeit in ihrem Gesicht sah.

Celeste zuckte mit den Schultern.

»Nein, ich habe keine Ahnung. Ich wusste nicht einmal, dass es in Miros Leben eine andere Frau gegeben hat.« Sie sah die Enttäuschung auf Nathaniels Gesicht und biss sich auf die Lippen. Zögerlich streckte sie die Hand nach ihm aus und legte sie auf seinen Unterarm.

»Tut mir leid. Aber wie kommst du darauf, dass ich wissen könnte, wer sie ist?«

Nathaniel stieß ein Seufzen aus und fuhr sich mit der freien Hand müde übers Gesicht.

»Miro wollte mir nicht sagen, wer sie ist. Aber er sagte mir, dass du den Schlüssel zu dieser Frage in den Händen hieltest.«

Auf Celestes Stirn bildeten sich Falten und sie überlegte fieberhaft, ob sie ein Gespräch zwischen sich und dem König vergessen oder falsch gedeutet hatte. Ob es versteckte Hinweise gegeben hatte. Sie hatten selten über Gefühle gesprochen und wenn, dann war es immer um ihre gegangen. Niemals um die des Königs. Celeste dachte an ihre letzte Unterhaltung mit ihm zurück – und da fielen ihr die Briefe ein, die er ihr überreicht hatte. Mehrmals hatte sie versucht, einen Blick hineinzuwerfen, doch jedes Mal hatte entweder Makena oder Simea sie dabei mit irgendwelchen Alltäglichkeiten gestört. Und Celeste wollte Miros Bitte, die Briefe allein zu lesen, keinesfalls mit Füßen treten. Auch wenn es sie in den Fingern juckte, Iolanas Worte zu lesen, war es ihr bisher nicht möglich gewesen.

»Er hat mir Briefe von Iolana mitgegeben«, Celeste kniff die Augen zusammen. Es wurde endlich Zeit, dass sie las, was ihre Vorgängerin geschrieben hatte.

»Vielleicht steht darin etwas über diese Frau. Ich werde mich daran machen, sie zu lesen und sobald ich mehr erfahren habe, gebe ich dir natürlich Bescheid.«

Er drehte sich zu ihr hin, hob eine Hand und strich ihr sanft über die Wange. Ihre Haut kribbelte und ihr Herz schlug schneller. Celeste legte ihre Hand auf seine und blickte zu ihm auf. Ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus.

»Ich nehme an, du hättest etwas dagegen, wenn ich mich jetzt zu dir hinunterbeugen und dich küsse würde. Habe ich recht, Kätzchen?«

Celestes Kehle wurde bei diesen Worten trocken. Sie wollte nichts lieber als das. Doch der Balkon war sowohl vom Flur als auch von der Terrasse aus für jedermann einsehbar. Und Celeste wollte unter keinen Umständen, dass man sie so vertraut zusammen sah.

»Hör auf, solche Dinge zu sagen.«

Nathaniel lachte kehlig und dieses Lachen ließ das Blut in ihren Adern pulsieren. Er machte es ihr absichtlich schwer. Denn er wusste ganz genau, was er in ihr auslöste.

»Warum? Es ist die Wahrheit.«

Celeste lehnte den Kopf an seine Brust und schloss die Lider. Umging den stechenden Blick seiner grünen Augen. »Lass das! Du weißt genau, dass wir das nicht dürfen. Nicht hier«, die letzten Worte waren nicht mehr als ein Flüstern. Ein leises Versprechen, das sie sich nicht verkneifen konnte.

»Kätzchen, und du weißt genau, dass ich mich nicht um Regeln schere. Schon vergessen, wie wir uns kennengelernt haben? Aber wenn du magst, können wir woanders hingehen. Ich bevorzuge auch eher privatere Räumlichkeiten«, Celeste hörte deutlich die Belustigung in seiner Stimme und stieß ihn für diese Frechheit gegen die Brust. Nathaniel lachte nur und zog sie in seine Arme.

»Benimm dich«, ihre Worte erreichten nicht die gewünschte Schärfe. Ganz im Gegenteil, sie konnte nicht verhindern, dass sie dabei lächelte.

»Tu ich doch immer«, entgegnete er lachend.

»Nur, wenn ›immer‹ ›nie‹ bedeutet.« Celeste stemmte die Hände in die Hüften und sah ihn kopfschüttelnd an.

Widerstrebend löste sie sich aus seinen Armen und brachte etwas Abstand zwischen ihn und sich. Nathaniels Augen verrieten ihr, dass er damit nicht einverstanden war. Ihre Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Sie schwiegen einen Augenblick lang, bevor Nate das Wort ergriff.

»Ich habe mir Gedanken darüber gemacht, wie ich die neue Macht, die ich habe, sinnvoll nutzen kann«, bei seinen Worten zog Celeste erstaunt die Augenbrauen hoch. Ihr Herz wurde leicht. Endlich fing er an, seine Aufgabe ernst zu nehmen und sie konnte die Freude darüber nicht mit Worten zum Ausdruck bringen.

»Und das wäre?« Celeste sah ihn abwartend an, neugierig, was er plante.

»Es gibt nicht vieles, was ich ohne Miros Zustimmung tun kann, aber ich habe veranlasst, dass Nikes Sohn in den Palast gebracht wird.«

Sie nickte verständnisvoll. Celeste wusste nur zu gut, dass das Schicksal von Nike und ihrem Sohn Theo Nathaniel weit mehr beschäftigte, als er zugeben wollte. Ein kleiner Junge, der gezwungen war, ohne seine Mutter aufzuwachsen. Es war ein Schicksal, das Nathaniel nur zu gut kannte.

»Sie wird ungemein glücklich sein.«

»Ich weiß nicht, auf welches Gesicht ich mich mehr freue, auf das freudestrahlende von Nike oder das wütend-verzerrte von Lord Lamont.« Nathaniel grinste und Celeste konnte nicht anders und brach in schallendes Gelächter aus.

»Ich vermute, Letzteres.«

Nathaniel grinste und nickte.

»Vermutlich.«

Dann wanderte sein Blick hinaus aufs Meer und Celeste genoss einen Augenblick lang die Stille, die zwischen ihnen herrschte. Es war eine angenehme Stille. Ein einvernehmliches Schweigen.

»Ich möchte einfach nur alles richtig machen, verstehst du?«

Erstaunt wandte sie sich ihm zu. Nahm jede Regung in seinem Gesicht war. Die hohen Wangenknochen, das markante Kinn und die wunderschönen grünen Augen, die noch immer in die Ferne gerichtet waren. Mit gerunzelter Stirn sah Celeste ihn an. »Was bedeutet denn richtig?« Sie wusste nicht, wie sie ihm helfen sollte. Nathaniel war auf dem richtigen Weg, auch, wenn er selbst nicht sicher zu sein schien.

»Dem Volk ein guter und gerechter König zu sein. Denen gegenüber Güte walten zu lassen, die es verdient haben. Bei Miro sieht diese Aufgabe immer so leicht aus. Aber das ist sie nicht«, sagte Nate leise.

Celeste schüttelte den Kopf. Jeder König musste seinen eigenen Weg finden, wie er Sirion regieren wollte. Das war keine leichte Aufgabe. Sie trat hinter ihn, schlang die Arme um seinen Körper und schmiegte sich an ihn. Nathaniel griff nach ihren Händen und hielt sie fest. Ihr Gesicht lag an seinem Rücken und sie konnte seinen Herzschlag hören, der ungewöhnlich schnell ging.

»Ich weiß, dass du Miro als Vorbild siehst. Er hat einen Weg gefunden, wie er mit seiner Pflicht leben kann und ihr gerecht wird. Aber das wirst du auch.«

Einen Augenblick lang war es wieder still. Nur das Rauschen der Wellen war unter ihnen zu hören.

»Glaubst du wirklich?«

Sie verstärkte den Druck ihrer Arme um seinen Körper.

»Ja, das glaube ich. Du wirst ein guter König, aber …«, Celeste verstummte und spürte, wie sich Nathaniel in ihren Armen verkrampfte.

»Aber?«, seine Stimme war heiser und Unsicherheit schwang darin mit.

Celeste schüttelte den Kopf. Sie hatte ihn nicht verunsichern wollen.

»Ich glaube, du solltest aufhören, den Spuren anderer zu folgen. Geh deinen eigenen Weg und sei der König, den du dir für dein Volk wünschst. Dann wird alles gut werden.« Sie war normalerweise keine Optimistin, aber sie glaubte an ihre Worte. Nathaniel schien es ihr gleichzutun, denn sein Körper entspannte sich sofort wieder.

»Manchmal überkommen mich Zweifel. Und ich weiß nicht, was die Zukunft für mich bereithält.«

Celeste sah den Zweifel in seinen Augen, als Nate sich zu ihr umdrehte, und hob eine Hand an seine Wange.

»Das weiß ich leider auch nicht, aber ich weiß zwei Dinge: Du bist nicht allein. Und ich glaube an dich.« Ein zurückhaltendes Lächeln umspielte ihre Lippen.

Nathaniels Augen begannen zu leuchten. Er nahm eine ihrer Hände, führte sie an die Lippen und hauchte einen Kuss in ihre Handinnenfläche. Celeste wünschte sich, sie könnten so bleiben. Für immer. Aber sie war keine Närrin. Die Realität würde sie früher oder später einholen.

Und die Erkenntnis kam wesentlich früher als erwartet, nämlich, als Nathaniel das Wort ergriff.

»Kannst du mir einen Gefallen tun?«

Sie lauschte seiner melodischen Stimme, doch sie spürte sein Unbehagen sofort. Unsicher nickte sie.

»Du und die anderen Priesterinnen seid inzwischen gute Freundinnen geworden, doch Selena steht außen vor. Sie ist nun ebenfalls ein Gotteskind und damit eine von uns. Könntest du auf sie zugehen?«

Celeste schluckte hart. Ihr Herzschlag setzte einen Augenblick lang aus und ihr lief es kalt den Rücken hinunter. Es war ein besonderer Moment zwischen ihnen, doch seine Bitte zerstörte ihn. Sie löste sich langsam von ihm. Der Blick aus seinen grünen Augen lag fragend und flehend zugleich auf ihr.

Mit Mühe schaffte sie es, zu nicken. Tief in ihrem Herzen wusste Celeste, dass dieser Gefallen mehr von ihr abverlangen würde, als Nathaniel ahnte. Mehr als sie selbst ahnte.

Auch wenn er ihr versichert hatte, dass niemals etwas zwischen ihnen gewesen war, hatte Celeste das Band zwischen den beiden spüren können. Selenas Gefühle für Nathaniel waren stark, ebenso wie ihre eigenen. Und doch wusste Celeste, dass sie Nathaniel diese Bitte nicht abschlagen konnte, auch, wenn sich ihr Herz dabei schmerzhaft zusammenzog.