KAPITEL 8

UNGEAHNTE GEFÜHLE

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Iolana – vor 50 Jahren

Iolana saß im Damensalon des solarischen Palastes. Es war ein seltsames Gefühl, endlich die Hauptstadt zu sehen und den Palast zu erkunden. König Ravi hatte den Priesterinnen für ihren Aufenthalt diesen Salon zur Verfügung gestellt, doch diese Geste bereitete der Priesterin keine Freunde. Sie wurden außen vor gelassen. Und Iolana konnte nicht verstehen, weshalb. Sie war eine Priesterin. Eine von dreien. In ihrer Heimat schätzte man ihre Meinung und ihren Rat. Nur König Ravi schien davon nichts wissen zu wollen. Während er mit seinem Kronrat tagte, wurde sie zusammen mit den anderen Priesterinnen von Königin Soley in den Damensalon geladen. Andere würden sich aufgrund dieser Einladung vielleicht geehrt fühlen, doch Iolana spürte ein Brennen in ihrer Brust. Zorn flammte in ihr auf. Sie war es nicht gewohnt, ungebeten zu sein.

»Himmelstochter, möchtet Ihr Euch nicht zu uns gesellen? Es ist noch ein Stickrahmen übrig«, drang die Stimme der Königin an ihr Ohr.

Iolana betrachtete Soley. Sie war die Königin von Sirion und bis zu Lilians Berufung auch die Priesterin von Silvina. Sie war eine gutmütige Frau mit einem sanften Herzen. So grausam es auch klang, Iolana konnte sich denken, warum Ravi sie als Braut erwählt hatte. Soley war nicht nur wunderschön anzusehen mit ihren goldblonden Locken, auch wenn sie bereits vom Alter gezeichnet war, sie war auch eine folgsame Ehefrau. Das konnte Iolana auf den ersten Blick erkennen.

»Danke für das Angebot, Majestät. Allerdings habe ich nie gelernt zu sticken.« Für solchen Firlefanz hatte sie keine Zeit. In Samara war sie die Herrscherin. Von ihr wurde verlangt, Handelsabkommen zu schließen und für Ordnung zu sorgen. Sticken, Nähen und Weben überließ sie anderen.

Die Augen der Königin weiteten sich.

»Wirklich nicht? Was macht Ihr bloß in Eurer Freizeit, wenn es mir gestattet ist, zu fragen?«

Iolana hob überrascht eine Augenbraue. Soley war die Königin. Ihr war alles erlaubt. Die Priesterin konnte sich nur vorstellen, wie wenig Soley innerhalb des Palastes wirklich zu sagen hatte. Gerüchte waren an ihr Ohr gedrungen, dass Ravi sich eine sittsame und gehorsame Braut gewünscht hatte. Wie es schien, hatte sich sein Wunsch erfüllt.

»Ich erlerne derzeit das Bogenschießen«, gab die Himmelstochter zu. Es war eine Tätigkeit, die in ihren Kreisen nur Männer ausübten, aber Iolana hatte nie verstanden, warum sie als Frau keine Waffen tragen sollte.

Ein ersticktes Keuchen drang aus der Kehle der Königin und Iolana spürte nun auch deutlich die Blicke der anderen Priesterinnen auf sich ruhen.

»Und, wie ist es? Ich habe noch nie eine Waffe in den Händen gehalten.« Die Stimme der Meerestochter durchdrang den kleinen Salon und sie hatte sich nach vorn gebeugt. Sie sah die Himmelstochter neugierig an. Iolana betrachtete sie ebenfalls.

Nanami war eine Schönheit. Dunkle Wellen umrandeten das schmale Gesicht und ihre Augen waren von einem Meeresblau, das ihre helle Haut betonte. Das war ungewöhnlich. Iolana wusste, dass die Menschen in Sirena eine sonnengeküsste Haut besaßen.

»Wenn man es nicht richtig macht, kann es wirklich wehtun«, gab Iolana zu und erinnerte sich an ihre erste Unterrichtsstunde. Sie hatte die Sehne des Bogens nicht kommen sehen und die Striemen, die diese auf ihrer Haut hinterlassen hatte, waren noch Tage danach sichtbar gewesen.

Die Meerestochter sah sie erstaunt an.

»Wie aufregend! Ich sehe den Soldaten meines Hofes häufig beim Training zu. Bei ihnen sieht es so einfach aus.«

Iolana nickte. Sie hatte selbst nicht erwartet, dass die Kunst des Bogenschießens so schwer zu erlernen war. Doch wenn sie sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, musste sie es auch zu Ende bringen.

Sie spürte den Blick aus den dunkelblauen Augen auf sich, dann lachte Nanami auf.

»Es ist ungewohnt, Euch Angesicht zu Angesicht gegenüberzusitzen.« Die Priesterin von Sirena betrachtete Iolana noch eine kleine Weile, dann wanderte ihr Blick weiter zu Lilian. Die Waldtochter saß schweigend neben ihrer einstigen Mentorin. Ihre Haltung war etwas steif, doch der Blick aus den grünen Augen hellte sich bei Nanamis Worten auf.

»Da habt Ihr recht.« Die Priesterinnen kannten sich bisher nur durch die Briefe, die sie sich schrieben.

»Ich habe vorhin Eure Zofe in den Gängen getroffen«, sagte nun Lilian und sah Nanami an.

»Gehe ich richtig in der Annahme, dass es sich bei ihr um Eure jüngere Schwester handelt?«

Nanamis Augen begannen zu strahlen und sie nickte.

»Ja, Marin hat darauf bestanden, als meine Zofe mitkommen zu dürfen. Und ich habe ihr noch nie einen Wunsch abschlagen können.«

Auf Iolanas Lippen schlich sich ein Lächeln. Es musste schön sein, Geschwister zu haben. Sie selbst war Einzelkind, doch sie betrachtete ihre Ordensschwestern zu Hause als ihre Familie.

»Sie ist wunderschön, ich bin mir sicher, dass die Männer Schlange stehen werden, um sie für sich zu gewinnen«, sagte Iolana und lachte leise.

Nanami stieg in das Lachen mit ein.

»Ja, Marin ist im Vergleich zu mir eine echte sirenische Schönheit mit ihrer gebräunten Haut. Ich musste schon den ein oder anderen Mann aus meinem Palast vertreiben.« Die Priesterin grinste und Lilian kicherte. Auch auf dem Gesicht der Königin zeigte sich ein zaghaftes Lächeln.

»Hat sie sich schon für jemanden entschieden?«, fragte Iolana.

»Nein, Marin interessiert sich nicht für diese Männer. Wenn es nach ihr ginge, würde sie den ganzen Tag nur die jungen Ordensschwestern unterrichten.«

Marin schien eine sehr interessante junge Frau zu sein. Wissbegierig, klug und hilfsbereit. Sehr vielversprechend, um Teil des Hofstaates zu werden, wenn man Iolana fragen würde. Doch als Frau in einer von Männern dominierten Welt würde man Marins Stärken wohl nie zu schätzen wissen. Vielleicht würde sich dieses Machtverhältnis unter dem neuen König ändern. Iolana hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben.

***

Am späten Nachmittag wanderte Iolana durch die Gänge des Palastes. Überall, wo sie hinsah, schimmerte Gold im Sonnenlicht. Iolana verzog bei dem vielen Prunk das Gesicht. Dieser Palast repräsentierte das Bild, das sie sich über die Jahre von König Ravi gemacht hatte. Ravi sammelte Schätze. Alles, was in seinen Augen kostbar war, musste er besitzen. Wenn die Priesterin ehrlich war, konnte sie nicht verstehen, warum der Sonnengott Ilias ihn als seinen Sohn berufen hatte. Ravi war der Sohn eines reichen Kaufmanns gewesen, bevor er berufen worden war. Er war ein Ausnahmetalent, was den Handel betraf, aber ansonsten war er keine harte Arbeit gewohnt. Alles, was er besaß, war ihm in den Schoß gefallen.

Als Iolana um die nächste Ecke bog, betrat sie einen kleinen Balkon, der einen Ausblick auf die Stadt bot. Auf dem Balkon stand eine Ottomane, auf der jemand lag. Als sie nähertrat, erkannte sie den neuen Auserwählten.

Er hatte die Augen geschlossen, das schwarze Haar fiel ihm in die Stirn und er wirkte absolut entspannt. Seine langen Wimpern warfen Schatten auf seine Wangen und Iolana kam nicht umhin, ihn ausgiebig zu mustern. Er trug eine einfache Lederhose und ein lockersitzendes blaues Hemd, das seine breiten Schultern nicht verbergen konnte. Das Hemd war nur notdürftig zugeknöpft und entblößte ein Teil seines Oberkörpers. Iolana sah die geschwungenen Linien der Triskele auf seiner linken Brust hervorblitzen. Wie aus einem Impuls heraus, streckte sie die Hand danach aus. Ihr war es, als würde das Mal nach ihr rufen.

Da begannen sich seine vollen Lippen zu bewegen und Iolanas Blick wanderte erschrocken zu ihnen. Als würde er im Schlaf mit jemandem sprechen, öffnete und schloss sich sein Mund wieder, jedoch ohne Laut. Wie gebannt starrte sie ihn an, doch ihre Finger wanderten weiter zu der Triskele auf seiner Brust.

Bevor sie seine Haut berühren konnte, seufzte Miro tief und schlug die grauen Augen auf. Er sah sich erst irritiert um, dann landete sein Blick auf Iolana und seine Augen weiteten sich. Auf seinem Gesicht breitete sich ein Lächeln aus.

»Was für eine angenehme Überraschung«, seine Stimme war noch rau vom Schlaf, als er sich aufsetzte und sich über die Augen fuhr.

»Ihr habt geträumt«, sagte Iolana und verschränkte ihre Finger ineinander, um den Drang zurückzuhalten, diesen Mann zu berühren. Sie konnte dieses Verlangen nicht verstehen und empfand es als äußerst unangebracht. Sie kannte den Mann vor sich doch gar nicht.

Miro sah sie mit schiefgelegtem Kopf an, seine Augen strahlten.

»Verzeiht, Priesterin. Die Ratssitzung war lang und anstrengend, mir sind die Augen zugefallen.«

Warum er nicht die Privatsphäre seiner eigenen Gemächer aufgesucht hatte, um sich auszuruhen, konnte Iolana nicht wissen. Aber sie sah es als Fügung der Götter, dass sie ihn gefunden hatte. Und freute sich insgeheim darüber. Gleichzeitig breitete sich in ihrer Brust aber ein Gefühl der Eifersucht aus. Warum durfte er an der Ratssitzung teilnehmen, aber ihr wurde es verwehrt?

Iolana wollte ihn fragen, worum es in der Sitzung gegangen war, welche Pläne Ravi und seine Berater verfolgten, doch sie traute sich nicht. Also wechselte sie rasch das Thema. »War es denn wenigstens ein schöner Traum?«, fragte sie lächelnd.

»Das war es in der Tat.« Der Blick seiner sturmgrauen Augen lag so intensiv auf ihr bei diesen Worten, dass sich Iolanas Wangen erhitzten. Er lächelte sie an, doch dieses Lächeln wirkte, als würde er ein Geheimnis für sich behalten.

»Das freut mich«, sagte sie stockend und strich sich eine der braunen Haarsträhnen hinters Ohr. Sie war nervös, auch wenn sie sich nicht genau erklären konnte, warum dem so war.

»Schade, dass der Traum schon vorbei ist«, sagte Miro und stand auf. Er überragte sie um einen Kopf und Iolana musste zu ihm emporsehen. Mit seinem strahlenden Lächeln und dem offenen Blick passte Miro nicht in die Welt des Sonnenkönigs Ravi.

Ihre Blicke verschmolzen miteinander. Ihr Herz pochte auf einmal so laut und die Hitze schoss ihr ins Gesicht. Solche Gefühle hatte sie noch nie in der Anwesenheit eines Mannes verspürt. Aber Miro war nicht wie andere Männer. Er war ein Gotteskind. Der neue Sohn der Sonne und zukünftiger König von Sirion. Und Iolana hoffte von ganzem Herzen, dass der Mann mit den sturmgrauen Augen ein besserer Herrscher sein würde als sein Vorgänger.