KAPITEL 10

BLUTIGE TRÄUME

Vignette

Nathaniel

Nathaniel erwachte keuchend aus seinem Traum. Schweiß klebte auf seiner Stirn und sein Atem kam stoßweise. Er hatte lange nicht mehr von seiner Mutter geträumt. Der letzte dieser schrecklichen Albträume musste Jahre her sein. Damals hatte er jede Nacht seine Mutter im Schlaf gesehen, wie sie krank und hilflos in ihrem kleinen Haus in Samara im Bett lag. Wochenlang hatte sie so gelegen, wurde von Tag zu Tag schwächer und litt Qualen, die Nate ihr nicht nehmen konnte. Er war gezwungen, einfach zuzusehen. Die Schreie seiner Mutter hatten Nate noch jahrelang verfolgt.

Doch dieser Traum war anders. An die Stelle seiner Mutter, die leichenblass und blutspuckend dagelegen hatte, war Celeste getreten. Ihre kirschroten Haare waren ausgebleicht und hingen in Strähnen in ihr blasses Gesicht. Sie hatte an Gewicht verloren und ihre Augen waren blutunterlaufen. Sie sah schlimm aus, als hinge ihr Leben nur noch an einem seidenen Faden. Und sie hatte geschrien. So laut, dass Nate meinte, ihre Schreie noch immer hören zu können.

Mit zittrigen Händen fuhr er sich übers Gesicht. Das Bild des Rotschopfs spiegelte sich vor seinem inneren Auge wider. Sie hatte ihre Geburtstagsfeier gestern frühzeitig verlassen und war nicht zurückgekehrt. Makena hatte ihm gesagt, sie hätte sich nicht wohl gefühlt. So hatte er sich den Abend nicht vorgestellt. Nate hatte mit Celeste feiern wollen. Mit ihr tanzen wollen.

Er hatte mitbekommen, wie Celeste mit Selena gesprochen hatte. Kurz darauf war die rothaarige Priesterin verschwunden. Nate war misstrauisch gegenüber Selena gewesen. Er hatte vermutet, dass sie Celeste gegenüber etwas erwähnt haben könnte, was sie verletzt hatte. Gern hatte er sich von Makenas Erklärung beruhigen lassen.

Doch dieser Traum holte die Unruhe und das schlechte Gefühl in ihm zurück. Dass Caras Gesicht – das sanfte Gesicht seiner Mutter – plötzlich zu dem des Rotschopfs geworden war, brachte ihn aus der Fassung.

Er hatte geglaubt, diese Träume hinter sich gelassen zu haben. Aber scheinbar hatte Nate sich geirrt. Vielleicht gab es wirklich wieder jemanden in seinem Leben, dessen Verlust er nicht verkraften würde.

Nate warf die Decke von sich und flüchtete förmlich aus dem Bett. Er wollte zu Celeste, am liebsten sofort. Er musste sich vergewissern, dass es ihr gut ging. Dass sie nicht sterbenskrank war. Dass sie ihn nicht verlassen würde.

Doch bevor er das Zimmer verlassen konnte, wurde die Tür von außen geöffnet. Yanis kam mit frischen Kleidern auf dem Arm herein und sah Nate erstaunt an, der fast in ihn gerannt war.

»Ihr seid schon wach? Ich hatte angenommen, dass ich Euch wecken müsste.« Sein Kammerdiener legte die frische Kleidung auf einem Tisch ab und Nate zog sich hastig an.

»Ich habe nicht gut geschlafen. Weißt du zufällig, ob Celeste schon wach ist?«, fragte er hastig. Er durfte keine Zeit verschwenden.

»Ich habe Makena soeben in der Küche getroffen. Sie machen sich fertig und auch Ihr solltet Euch ein wenig beeilen. Die Kutschen warten bereits.« Nate fuhr zu Yanis herum, eine Augenbraue fragend erhoben.

»Welche Kutschen?«

Yanis sah ihn nur stirnrunzelnd an.

»Das Gefolge besucht heute zusammen mit Malias Mutter das Kloster Lacrima. Der Ausflug wurde doch bereits vor Tagen geplant.« Sein Kammerdiener musste ihn für übernächtigt halten, so, wie er Nate ansah. Und Nate konnte ihm das nicht verübeln. Er war durch den Wind. Das war auch der Grund, warum er Celeste sehen musste. Der Rotschopf würde ihn beruhigen können. Und zwar nur sie.

»Wo wollt Ihr hin?«, Yanis sah in fragend an, als Nate dabei war, seine Gemächer zu verlassen.

»Zu Celeste.«

Er hatte bereits die Hand am Türknauf, als Yanis ihn aufhielt.

»Ich sage das nur ungern, aber dieser Besuch im Kloster ist wichtig. Lady Celeste kann vorläufig warten.«

Celeste mochte im Stande sein, zu warten, doch Nate war es nicht. Er biss wütend die Zähne zusammen. Doch Yanis’ Rehaugen hinderten ihn daran, aus seinem Zimmer zu stürmen. Mit einem Seufzen ließ Nate den Knauf los und erntete dafür ein dankbares Lächeln.

***

Die Fahrt zum Kloster zerrte an Nates Nerven. Er hatte Celeste noch nicht gesehen, da ihre Kutsche sich bereits in Bewegung gesetzt hatte, als er seine bestiegen hatte. Die gesamte Fahrt über hatte Nate zornig aus dem Fenster gestarrt und seine Jungs ignoriert. Sein Kiefer schmerzte bereits, da er ihn so fest aufeinanderpresste.

Ein leises Lachen drang an Nates Ohr und unterbrach die bedrückende Stille. Er hob den Kopf und blickte direkt in die blauen Augen von Kiah, der ihn belustigt ansah.

»Du scheinst eine bescheidene Nacht gehabt zu haben, mein Freund. Was ist los, hatte Celeste keine Lust auf dich?«

Nates Blick verfinsterte sich. Er war nicht in der Stimmung für Kiahs Witze. Nicht nach diesem Traum.

»Kiah, du solltest den Mund halten. Du siehst doch, dass er nicht zu Scherzen aufgelegt ist.« Elio bedachte Kiah mit einem Kopfschütteln, während er besorgt zu Nate sah.

Endlich hielt die Kutsche und Nate stieß ein erleichtertes Seufzen aus. Es kam ihm vor, als wären sie tagelang unterwegs, dabei war es nur eine Stunde gewesen. Am liebsten wäre er aus der Kutsche gesprungen, doch der fragende Blick von Noah hinderte ihn daran. Stattdessen biss er ein letztes Mal die Zähne zusammen und benahm sich wie der Prinz, der er war.

Die Sonne blendete ihn, als er endlich ins Freie trat. Und das Rauschen eines Wasserfalls drang an sein Ohr. Nate folgte dem Geräusch und entdeckte eine gigantische Statue. Geschaffen aus weißem Marmor, ragte die Meeresgöttin Marisa über dem Kloster auf. Die Statue war in eine breite Vertiefung in der Felswand gebaut worden. Der Wasserfall floss die steile Bergwand direkt hinter der Statue hinab und mündete in einen See, um den einige Häuser standen. Das Kloster selbst war am Fuße der Statue erbaut worden. Nate erkannte auf den ersten Blick, dass sowohl Wohnhäuser als auch Kultstätte neu errichtet worden waren.

Er ballte die Hände zu Fäusten und atmete tief ein. Die Atheos hatten dieses Kloster zerstört, bis auf die Mauern niedergebrannt. Diese verdammten Mistkerle waren die Verkörperung alles Bösen. Und noch immer hatten sie die Verantwortlichen für diese schreckliche Tat nicht gefunden. Sadiks Brief an Malia war ihr einziger Hinweis gewesen, doch die Spur hatte sich im Sand verlaufen.

Jemand legte ihm eine Hand auf die Schulter – Noah sah ihn mit einem schwachen Lächeln an.

»Wir werden sie finden.«

Nate nickte. Noch hatte er die Hoffnung nicht aufgegeben, dass diese Dreckskerle das bekamen, was sie verdienten. Die Götter konnten nicht zulassen, dass jemand ihre Gläubigen derart terrorisiert, ohne dass sie mit harten Konsequenzen zu rechnen hätten. Er legte seine Hand auf die von Noah. Er war seinem Höfling dankbar. Vor allem dafür, dass Noah ihn auch ohne Worte verstand.

Auf dem Klosterplatz standen die Ordensschwestern, die die Neuankömmlinge freundlich anlächelten. Das höfische Gefolge wurde von einigen Soldaten begleitet. Nate entdeckte unter ihnen den Neffen von Lord Emir. Neugierig wandte Nate sich an Kiah.

»Gehörte Lord Emirs Neffe nicht der Legion an, die den Überfall gemeldet hat?« Kiahs Buschfunk funktionierte tadellos. Und dabei war es vollkommen egal, über wen man Informationen benötigte.

»Soweit ich weiß, ja«, Kiah betrachtete den dunkelhaarigen Soldaten von Kopf bis Fuß und zuckte dann mit den Achseln. »Wieso interessierst du dich für Emirs Neffen?«

Auf diese Frage konnte Nate ihm nicht ehrlich antworten. Er würde Malias Geheimnis nicht verraten. Erst recht nicht, wenn er an ihre garstige Mutter dachte. Just in diesem Moment trat Loreley auf eine der Ordensschwestern zu und sprach leise mit ihr. Sie war gekleidet, als wäre sie die Königin. Nate empfand Abscheu gegen dieses Verhalten.

»Ich denke darüber nach, ihn zu meiner Prinzengarde zu berufen.«

Kiah hob überrascht eine Augenbraue.

»Seit wann gibt es denn eine Prinzengarde? Nur der König besitzt doch eine eigene Leibwache.«

»Seit mir gerade die Idee dazu kam.« Und wenn Nate ehrlich war, fand er sie wirklich gut. In Zeiten wie diesen war ein wenig Extra-Schutz für den Prinzen nichts, was irgendjemand hinterfragen würde. Und er hätte Marco in seiner Nähe.

»Und ich hatte angenommen, dass dich schon die Anwesenheit meiner Schwester stört.« Kiahs Blick wanderte zu seiner großen Schwester hinüber. Nike sprach mit einigen Soldaten, die daraufhin abzogen. Vermutlich, um die Gegend zu erkunden. Nate schmunzelte. Er hatte sich an seine Leibwächterin gewöhnt. Er mochte sie sogar. Nike war unkompliziert und stellte keine unnötigen Fragen.

»Falls die Atheos zurückkommen, kann etwas mehr Schutz nicht schaden«, erklärte Nate.

»So vernünftig kennt man Euch gar nicht«, Elio sah ihn lächelnd und kopfschüttelnd an. Nate zuckte nur mit den Schultern.

»Selbst Prinzen werden erwachsen.«

Noahs Mundwinkel zuckten, doch er konnte ein Lachen unterdrücken.

Nate sah seine Freunde der Reihe nach mit schiefgelegtem Kopf an.

»Man könnte meinen, dass ihr euch über mich lustig macht.«

Elio stieß einen herzhaften Lacher aus, Noah grinste bloß. »Aber Eure Hoheit, wie kommt Ihr denn darauf?«

Nates Mundwinkel zuckte. Er konnte noch immer nicht glauben, dass er mit diesen Männern befreundet war. Sie stammten aus einer ganz anderen Schicht als er selbst, kannten ein anderes Leben als er es kennengelernt hatte. Man könnte meinen, dass diese Unterschiede ihrer Freundschaft im Weg stehen würden. Aber dem war nicht so. Und nun würde er einen weiteren Namen dieser Liste hinzufügen. Oder es zumindest versuchen.

Doch bevor er sich um Emirs Neffen kümmern konnte, hatte Nate etwas Wichtigeres zu tun. Die Kutsche der Priesterinnen hielt gerade auf dem Schotterweg und Nates Herz machte einen Satz, als er Celeste erblickte, die aus ihrer Kutsche stieg. Ihre roten Haare bildeten einen starken Kontrast zu dem hellgrauen Kleid, das sie trug. Kein Vergleich zu dem Schmetterlingskostüm von gestern – das spukte Nate noch immer im Kopf herum –, aber sie sah wunderschön aus.

Celeste sah ihn schon von weitem. Sie biss sich auf die Unterlippe und sah betreten zur Seite. Nate runzelte die Stirn. Er hatte angenommen, dass sie sich über seinen Anblick freuen würde. Doch ihre karamellfarbenen Augen zeigten eine Unsicherheit, die Nate nicht verstehen konnte.

Nur wenige Schritten trennten sie jetzt noch voneinander, doch Celeste machte noch immer keine Anstalten, die Distanz zu überbrücken. Nate fuhr sich mit der Hand durch die Haare. »Hallo.«

Er hatte sie in seine Arme ziehen wollen, doch Celeste hielt ihre vor der Brust verschränkt. Sie blickte bei seinen Worten auf. Ein dunkler Schatten lag in ihren Augen. »Hallo.«

Stirnrunzelnd musterte er den Rotschopf. Was war los mit ihr? Sie sah aus, als würde sie am liebsten die Flucht ergreifen. Ihr Blick huschte über Nates Schulter, dann sah sie schnell wieder zu Boden. Nate folgte ihrem Blick. Hinter ihm standen die anderen Priesterinnen beisammen und Nate begegnete den gletscherblauen Augen von Selena.

Ohne darüber nachzudenken, griff er nach Celestes Oberarm und zog sie in seine Arme. Der Duft von Zimt stieg ihm in die Nase und Nate vergrub sein Gesicht in ihren roten Locken. Auch wenn ihr Duft seine Sinne beruhigte, spürte er, wie sich Celeste verkrampfte.

»Du kannst nicht …«, ihre Stimme klang rau, doch Nate unterbrach sie sofort.

»Natürlich kann ich. Es sei denn, du bittest mich, es sein zu lassen.«

Celeste schwieg, was Nate als Aufforderung sah, seine Arme noch fester um sie zu legen. Die Wärme ihres schlanken Körpers vertrieb die Ängste, die der nächtliche Albtraum in ihm hervorgerufen hatte.

»Ich weiß nicht, was Selena zu dir gesagt hat, aber vergiss ihre Worte. Bitte«, er hauchte das letzte Wort. Sie nickte gegen seine Brust und ihm fiel ein Stein vom Herzen.

»Was hast du?«, sie versuchte den Kopf zu heben, doch Nate presste sie noch fester an sich.

»Ich hatte einen Albtraum, in dem du vorkamst, und wollte nur sichergehen, dass es dir gut geht.« Nate spürte, wie Celeste ihre Arme um seine Mitte schlang. Ihre Hände fuhren sanft über seinen Rücken und Nate entspannte sich.

»Jetzt geht es mir gut«, sagte sie sanft. Ihre Worte waren nicht mehr als ein Flüstern, doch mehr brauchte Nate auch nicht. Es war alles, was er wissen musste. Der Albtraum war keine Vorahnung gewesen. Es war nur ein Traum. Er drückte sie noch einmal fester.

Sanft löste Celeste sich von ihm und legte eine Hand an seine Wange. Ihre Lippen waren zu einem zurückhaltenden Lächeln gebogen.

»Wirklich, mir geht es gut. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen.«

Zögerlich nickte Nate, während er versuchte, ihren Anblick in seinem Gedächtnis festzuhalten, um den Schrecken der letzten Nacht zu vertreiben. Dann löste er seinen Blick von ihr und sah sich um. Nicht weit von ihnen entfernt stand Elio, der mit Emirs Neffen sprach.

»Ich bin gleich wieder da.«

Celeste folgte Nates Blick und nickte ihm dann zu. Sie schenkte ihm ein letztes Lächeln und lief zu den anderen Priesterinnen. Nate sah ihr noch kurz nach und registrierte dabei den Blick aus Selenas zusammengekniffenen Augen. Das Blau darin gefror zu Eis, in dem Moment, als es auf Celeste traf. Nates Augen wurden schmal. Er würde mit Selena reden müssen. Sie sollte sich aus seiner Beziehung zu Celeste heraushalten.

Ärgerlich kopfschüttelnd lief er zu Elio, der sich angeregt mit dem Soldaten unterhielt. Elio wirkte in letzter Zeit so vergnügt, dass Nate schon glaubte, er und Kiah hätten die Rollen getauscht. Denn entgegen Elio, der noch nie so viel gelächelt hatte, war der blonde Schönling aus Solaris seit Tagen verschlossen und Nate hatte nicht aus ihm herausbekommen können, was los war.

»Eure Hoheit«, der Soldat neigte demutsvoll den Kopf, als er Nate erblickte.

Nate nickte Emirs Neffen zu.

»Dein Name ist Marco, richtig?«

Er musterte den dunkelhaarigen Mann. Er trug eine lederne Rüstung und zwei Messer an seinem Gürtel. Das Blau seiner Augen stellte einen starken Kontrast zu seinem dunklen Haar dar.

»Ja, mein Prinz.«

Nate verzog bei diesen Worten das Gesicht, während Elio neben ihm leise lachte.

»Nenn mich einfach Nate. Ich halte nicht viel von dem Prinzgehabe.«

Überrascht hob der Soldat eine Augenbraue, nickte dann aber. »Wie Ihr wünscht.«

Nate nickte aufmunternd und ließ dann seinen Blick über die Ordensmenschen schweifen, die sich versammelt hatten, um ihre Gäste zu begrüßen. Sie sprachen mit den obersten Ordensschwestern.

»Soll ich Euch die Schwester vorstellen, die hier das Sagen hat?«, Marco sah Nate fragend an.

»Du kennst sie persönlich?«

Marco zuckte mit den Schultern.

»Ich bin einer der ersten gewesen, die nach dem Überfall hier eintrafen. Ich habe mich irgendwie dazu verpflichtet gefühlt, auch danach noch ab und an nach dem Rechten zu sehen.«

Nate betrachtete den Soldaten ganz offen. Er sah seinem Onkel sehr ähnlich. Nur der Bart fehlte. Marco hatte breite Schultern, scharfe Gesichtszüge und war etwas größer als Nate.

»Das ist ein feiner Schachzug von Euch gewesen«, Elio lächelte Marco an und Nate nickte bestätigend.

Marco führte sie zu Simea, Mara und Keziah, die sich gerade mit einer älteren Dame unterhielten.

»Wenn ich kurz stören darf?«, Marco schenkte den Frauen ein freundliches Lächeln und deutete dann auf Nate.

»Nathaniel, das ist Schwester Seraia.«

Nate trat auf die alte Frau zu und umfing ihre zierliche Hand. Er hauchte einen Kuss auf den Handrücken.

»Es ist mir eine Ehre, Schwester.« Die Wangen der Dame färbten sich rot, während sich ihre Mundwinkel hoben.

»So ein netter junger Mann. Ein wahrer Prinz.«

Ein Grinsen schlich sich auf Nates Lippen.

»Danke, dass wir herkommen durften.«

»Es ehrt uns alle, dass die Gotteskinder uns besuchen kommen. So viel Unheil ist hier geschehen, da tut es doppelt gut, dass die Auserwählten der Götter hier sind.« Ihr Blick wanderte zu den Priesterinnen, die etwas abseits standen. Celeste unterhielt sich mit Malia, Selena stand stumm daneben. Linnéa war mit Noah in ein Gespräch vertieft.

»Es tut mir so leid, was passiert ist. Ich wünschte, ich könnte es ungeschehen machen.« Seine Stimme klang belegt und Nates Hände ballten sich zu Fäusten. Die Wut ergriff wieder Besitz von ihm. Wut auf die Atheos, darauf, was sie diesen Menschen angetan hatten. Wut auf die Götter, dass sie es zugelassen hatten und Wut auf sich selbst und sein Gefolge, dass es ihnen nicht gelang, diese Unmenschen zu finden.

Die alte Dame lächelte schwach. Sie streckte die Hand aus und fuhr ihm über die Wange. Nate hinderte sie nicht daran. »Es ist nicht Eure Schuld, mein Junge. Es gibt Menschen auf dieser Welt, die kennen keine Gnade, keine Ehre und auch keine Moral.« Sie ließ ihre Hand sinken und nickte Nate zu. »Wollen wir? Die Menschen aus Sirena haben ganze Arbeit geleistet und das Kloster nach ihren Möglichkeiten wiederaufgebaut.« An ihrer Stimme erkannte Nate, dass sie sehr stolz darauf war und dankbar für die Mühe, die sich die Bauherren gegeben hatten.

Nate folgte ihr. Wie es der Zufall wollte, ging Marco genau neben ihm. Die Priesterinnen folgten ihnen in einigen Metern Entfernung. Nate spürte sich Malias fragenden Blick in seinen Rücken bohren, als er anfing, sich mit Marco zu unterhalten.

»Wie kommt es, dass du Soldat geworden bist?«, Nate wollte mehr über den Mann wissen, an den die Meerestochter ihr Herz verloren hatte. Malia war ihm wichtig und Nate wollte nicht, dass man sie verletzte.

Marco zuckte mit den Schultern.

»Jeder in meiner Familie durchlief eine militärische Ausbildung.«

Bei ihm klang es so, als wäre es keine große Sache, dass sein Onkel der Admiral des Landes war und damit das höchste militärische Amt innehatte, das es gab.

»Also war es eine Art Zwang?«, bohrte Nate weiter.

»Ist das hier ein Verhör?« Marco wandte sich ihm zu. Eine Augenbrauche nach oben gezogen.

Doch Nate war niemand, der um den heißen Brei herumredete. »Wenn ich ehrlich bin, ja. Ich bin neugierig. Nicht nur, weil Emir dein Onkel ist, sondern auch wegen deiner Beziehung zu Malia.«

Marcos blaue Augen wurden groß.

»Woher …?«

Nate grinste.

»Sie hat es mir erzählt. Wir sind ziemlich gut befreundet, musst du wissen. Also, was ist zwischen euch?«

»Ich dachte, Ihr seid befreundet. Warum fragt Ihr dann nicht sie?«

Ihr Wortduell begann Nate zu gefallen.

»Weil ich dich frage. Ich kenne Malias Standpunkt bereits. Und jetzt interessiert mich deiner.«

Marcos Kiefer spannte sich an und Nates Augen wurden schmal. »Zwischen uns ist gar nichts. Sie hat die Beziehung beendet, als sie nach Solaris gegangen ist. Sie ist eine Priesterin, ich bin nur ein einfacher Soldat.«

Nate schnaubte abfällig.

»Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Bevor ich berufen wurde, war ich ein Dieb und Mitglied einer Verbrecherbande.«

Marco sah ihn erstaunt an.

»Das wusste ich nicht. Aber wenn ich ehrlich sein darf: Es kommt mir nicht abwegiger für euch vor als das Amt des Prinzen.«

Ein leises Lachen verließ Nates Kehle.

»Entspreche ich etwa nicht deinen Vorstellungen von einem Prinzen?«

Marco zuckte mit den Schultern.

»Das ist es nicht. Ihr verhaltet Euch einfach nicht wie ein Schnösel des Hofes.«

Nate lachte erneut.

»Du meinst wie zum Beispiel Kiah?« Er ließ kurz seinen Blick auf seinem Freund ruhen, der eine ernste Unterhaltung mit Noah zu führen schien.

»Lord Lamonts Sohn ist ein gutes Beispiel, in der Tat.« Marcos vorwitzige Art gefiel Nate. Warum der Soldat ihm gegenüber jedoch schon fast unverschämt offen war, konnte er nicht sagen. Vielleicht war er einfach nicht nur im Kampf mutig und besaß zudem die Gabe, Menschen gut einschätzen zu können. Denn Nate amüsierte das mehr als dass es ihn störte.

Sie liefen über eine hölzerne Brücke, die über einen kleinen Ablauf des Sees führte.

»So und nun zurück zum eigentlichen Thema: Malia und du.«

Marco seufzte.

»Ihr lasst nicht locker, oder?«

Nate zuckte mit den Schultern.

»Nein.« Er bemerkte, wie der Soldat immer wieder verstohlen zu Malia hinübersah.

»Dann werde ich Euch enttäuschen müssen. Denn mir steht es nicht zu, Gefühle für eine Priesterin zu haben, solange Ihr noch keine Braut erwählt habt.«

Nate verzog den Mund.

»Ich habe kein solches Interesse an Malia.«

»Jetzt vielleicht noch nicht, aber Ihr könntet Eure Meinung ändern. Sie hat mich erst gestern wieder daran erinnert«, lachte Marco bitter auf.

»Und dann spielt es keine Rolle, was alle anderen fühlen. Der Prinz bekommt das, was er will.« Marcos Worte klangen hart und gleichzeitig unglaublich traurig. Nate verstand ihn nur zu gut und Marcos Verhalten ergab nun einen Sinn. Nate war in seinen Augen der verwöhnte Prinz. Hinzu kam, dass der Soldat keine Gefühle für eine Frau pflegen wollte, die ihn so verletzt hatte und die ihm noch dazu vielleicht aus einer Laune des Prinzen heraus ein zweites Mal weggenommen werden könnte. Nate wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als das Lachen eines Kindes zu ihnen hinüberdrang.

Ein kleiner Junge, vielleicht neun Jahre alt, rannte mit offenen Armen zu ihnen. Nate hob überrascht eine Augenbraue, als Marco neben ihm in die Knie ging und der Junge sich lachend in seine Arme warf.

»Hallo Pavlo.« Die Traurigkeit war augenblicklich aus Marcos Gesicht gewichen. Stattdessen breitete sich ein liebevolles Lächeln darauf aus.

»Marco, du warst lange nicht hier.«

Die kleinen Arme des Jungen schlangen sich fest um Marcos Hals. Nate durchfuhr bei diesem Anblick ein melancholischer Erinnerungsschmerz. So wie Marco mit diesem Kind umging, war Nate mit seinen Schützlingen im Waisenhaus umgegangen. Er vermisste diese Kinder. Und er konnte gar nicht erwarten, sie in einigen Wochen endlich wiederzusehen.

»Pavlo, darf ich dir Nathaniel vorstellen? Er ist der zukünftige König.«

Die hellblauen Augen des Kindes musterten Nate neugierig. Auch Nate ging in die Knie und streckte dem Jungen die Hand entgegen.

»Freut mich, dich kennenzulernen, Pavlo. Ich bin Nate.«

Mit großen Augen musterte der Kleine Nates ausgestreckte Hand. Dann ergriff er sie zögerlich.

»Hallo«, flüsterte er.

»Lebst du in diesem Kloster?«, Nate deutete mit dem Kinn auf die umliegenden Häuser.

Der Blick des Jungen wurde trüb, dann nickte er.

»Jetzt schon.«

»Pavlo gehört zu den Kindern, die hierhergebracht worden sind, damit die Schwestern sich um sie kümmern.« Mehr musste Marco nicht sagen, Nate hatte verstanden. Pavlo war eines der Waisenkinder, die vor dem Anschlag auf das Kloster und das umliegende Dorf nach Lacrima gebracht worden waren.

»Also war er hier, als …?«, Nate senkte die Stimme und sah Marco fragend an. Dieser nickte bloß. Pavlo bewunderte währenddessen die Messer an Marcos Gürtel.

»Pavlo ist ein tapferer Kerl, musst du wissen. Das mutigste Kind, das ich kenne.«

Der Kleine strahlte bei Marcos Worten übers ganze Gesicht und um Nates Mundwinkel zuckte es.

»Das glaube ich dir sofort.« Es benötigte einiges an Mut, nach einem solchen Erlebnis noch lächeln zu können.

»Ich will dir etwas zeigen, Marco, komm mit!«

Mit diesen Worten rannte Pavlo voraus und Marco lachte leise.

»Es tut mir leid, er ist etwas stürmisch.«

Nate winkte ab. Er hatte nichts gegen wilde Kinder.

»Solange er wieder lachen kann, ist für mich alles in bester Ordnung.«

Marco sah Pavlo hinterher, der nun lachend mit einigen anderen Kindern zum See rannte.

»Ja, das kann er. Aber es hat lange gedauert. Am Anfang hat er nicht mal gesprochen. Er hatte sich schwer verletzt bei der Flucht vor den Atheos.«

Schon wieder diese verfluchten Hunde. Nate wollte jeden einzelnen von ihnen büßen lassen für all das, was sie angerichtet hatten.

»Er scheint sehr stark zu sein. Nicht jeder überwindet das, was er mitansehen musste«, sinnierte Nate. Er verschränkte die Arme vor der Brust und beobachtete Pavlo von weitem. Dieser kleine Kerl verkörperte all die Hoffnung, die dieses Land brauchte.

»Es gibt immer etwas, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Oder zumindest die Aussicht auf etwas«, flüsterte der Soldat. Nate sah stirnrunzelnd zu Marco. Doch dieser schien ihn gar nicht gemeint zu haben. Seine Augen ruhten auf Malia, die sich noch immer mit Celeste unterhielt. Gerade lachte sie.

Auch wenn Marco es nicht aussprach, so wusste Nate, dass er in diesem Moment nicht von Pavlo allein sprach. Marcos ganze Aufmerksamkeit galt einer dunkelhaarigen Schönheit, die er – auch wenn er es vor sich selbst nicht wahrhaben wollte – noch lange nicht aufgegeben hatte. Ein wissendes Grinsen schlich sich bei dieser Erkenntnis auf Nates Lippen.

***

Celeste

Celeste seufzte erleichtert auf, als sie endlich die Tür ihrer Gemächer hinter sich schloss. Der Tag war anstrengend gewesen. Der Besuch im Kloster Lacrima hatte alte Wunden aufgerissen. Celeste hatte nach ihrem Gespräch mit Nathaniel keine weitere Zeit mehr mit ihm gehabt und sie hatte sich auch von Selena ferngehalten. Die Mondtochter jagte ihr eine Angst ein, die Celeste kaum begreifen konnte.

»Ich wollte mit dir über etwas reden«, Makena, die auf Celeste gewartet zu haben schien, sprach leise. Ihre Zofe und Freundin sah verlegen zur Seite, während sie Bettlaken zusammenfaltete.

»Was gibt es denn?« Celeste schälte sich aus ihrem hellgrauen Kleid und legte es auf einen Stapel zu ein paar anderen Wäschestücken. Sie brauchte dringend ein Bad. Makena verstand sofort, ging ins Bad und ließ das Wasser in die Wanne ein. Celeste folgte ihr.

»Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll …«, Makena biss sich auf die Unterlippe, während sie auf das Wasser sah. Auch wenn Celeste ahnte, was ihre beste Freundin ihr erzählen wollte, hielt sie den Mund.

»Ich glaube, ich habe mich in Elio verliebt.« Ihre Zofe sprach diese Worte so schnell und leise aus, dass Celeste sie kaum verstehen konnte. Eine Röte zog sich über Makenas Wangen, als sie Celeste abwartend und etwas ängstlich ansah.

»Ich weiß.« Celeste lächelte ihre Freundin an. Sie fand schon lange, dass ihre beste Freundin und ihr bester Freund hervorragend zusammenpassten.

»Du … was? Woher?«, Makenas Augen weiteten sich und sie starrte Celeste mit offenem Mund an.

Celeste seufzte.

»Ich habe es an dir gesehen. Es tut mir leid, es war keine Absicht, deshalb habe ich auch nichts gesagt.« Die Gefühle und Absichten anderer Menschen prasselten über ihre Aura manchmal auf sie nieder wie Regen, der unvorbereitet vom Himmel fiel, wenn man keinen Schirm dabeihatte, um sich vor ihm zu schützen.

Makena nickte und fühlte mit der Hand nach der Temperatur des Wassers.

»Das ist in Ordnung. Aber was sagst du dazu?«

»Ich freue mich für euch. Denn Elio geht es genauso, da bin ich zumindest sicher.« Manchen Menschen sah man ihre Gefühle einfach an. Menschen wie Elio und Makena. Und anderen eben nicht, wie ihr und Nathaniel.

»Hast du auch bei ihm deine Gabe benutzt?« Makena sah sie neugierig an.

Celeste schüttelte den Kopf.

»Nein, und ich versuche auch, das zu vermeiden. Wenn du ganz sicher sein willst, wie er fühlt, musst du ihn also selbst fragen.« Niemals würde sie in die Emotionen ihrer Freunde eindringen, um für einen anderen etwas über sie herauszufinden. Celeste hatte gestern ihre Gabe bei Kiah benutzt, aber sie würde ihr Wissen niemals gegen ihn verwenden.

»Ich weiß nicht, ob ich mich das traue.« Makena seufzte resigniert und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. Ihre hellblonden Haare waren im Nacken zu einem Knoten zusammengebunden, aus dem sich einige Strähnen gelöst hatten.

»Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.« Es war ein unmotivierter Ratschlag. Celeste hatte kaum Erfahrungen mit Männern und schon gar nicht damit, jemandem ihre Gefühle zu gestehen.

»Das sagt genau die Richtige.« Makenas Augen blitzten auf und Celeste lachte ertappt.

»Du weißt, dass bei mir die Sache anders ist.« Sie wünschte, es wäre nicht so. Aber ihre Situation war nicht mit der von Makena zu vergleichen.

»Du hast ja recht. Aber selbst, wenn Nate nicht der nächste König und seine Auserwählte die nächste Königin wäre, würdest du ihm niemals sagen, dass du ihn liebst.«

Celeste zuckte bei der Deutlichkeit von Makenas Worten zusammen und sah krampfhaft dabei zu, wie sich die Wanne weiter mit Wasser füllte. Gefühle gehörten nicht zu ihren Stärken.

»Ich bin einfach noch nicht so weit.«

»Das verstehe ich. Aber glaubst du nicht, dass es alles einfacher machen würde? Wenn Nate sich deiner Gefühle ganz sicher sein könnte, hätte er sich vielleicht schon offen für dich entschieden.«

Celeste fuhr sich mit den Händen über die Arme. Eine Kälte nahm von ihren Gliedern Besitz, die sie krampfhaft versuchte zu vertreiben.

»Oder aber er gerät in Panik und lässt mich fallen.« Denn auch Nate war nicht gut im Umgang mit Gefühlen. So viel wusste Celeste.

»Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.« Makena sah sie aufmunternd an, während sie am Wannenrand Handtücher bereitlegte.

»Aber die Möglichkeit besteht und das kann ich nicht riskieren. Wir haben erst Spätsommer, Nathaniel hat noch Zeit bis zum nächsten Frühjahr.«

Es war einfach noch nichts entschieden.

»Wir sind doch in einer ähnlichen Situation.« Makena griff nach Celestes Hand und drückte sie.

»Sind wir das?«, fragte Celeste mit hochgezogener Augenbraue zurück.

»Irgendwie schon. Ich habe Angst, dass es unsere Freundschaft zerstört, wenn ich Elio sage, was ich empfinde.«

Celeste schüttelte den Kopf.

»Das wirst du nicht.«

»Woher willst du das wissen?«, eine Angst lag in Makenas Stimme, die Celeste dort nicht hören wollte.

»Weil ich Elio kenne. Und ich kenne dich. Er würde niemals eure Freundschaft beenden. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass ihr genau dasselbe fühlt.«

Makena verstummte, dann nickte sie und klatschte in die Hände. »So, genug über Gefühle gesprochen, du musst baden.«

Celeste lachte und zog sich aus.

»Ich bin eine Priesterin von Sirion. Ich kann gleichzeitig baden und mit dir sprechen.«

Makena schüttelte lächelnd den Kopf.

»Aber dann entspannst du dich nicht.«

»Das ist möglich. Aber, Makena, du sollst wissen, dass ich immer für dich da bin, wenn du reden willst.«

Makena klaubte Celestes Unterwäsche vom Boden auf und lächelte sie an.

»Danke, aber mein Redebedarf ist fürs erste gedeckt. Jetzt muss ich mir Gedanken darüber machen, ob ich ein mutiger Löwe oder ein verängstigter Hase bin.«

Celeste grinste.

»Ich bin für den mutigen Löwen.«

Makena lachte und schüttelte den Kopf.

»Kann ich dir noch etwas bringen?«

Zuerst wollte Celeste verneinen, doch dann fiel ihr etwas ein.

»Kannst du mir Iolanas Briefe aus dem Damensalon holen? In der Wanne kann ich sie endlich lesen.« Sie hatte aufgrund des vollen Zeitplans der letzten Tage nicht mal eine Minute gefunden, um ungestört auch nur einen der Briefe zu lesen. Dabei interessierte es sie brennend, was Iolana geschrieben hatte.

»Gern. Weißt du, warum König Miro ausgerechnet dir die Schriftstücke überlassen hat?«

Celeste nickte nachdenklich und zögerlich.

»Ihm ist offenbar wichtig, dass ich mehr über meine Vorgängerin erfahre, um nicht dieselben Fehler zu machen wie sie einst.« Ihre Stimme wurde leiser am Ende des Satzes und Makena sah sie erstaunt an.

»Welche Fehler?«, fragte die Zofe neugierig nach.

Genau dem würde Celeste auch gern auf den Grund gehen.

»Ich hoffe, dass ich die Antwort darauf in den Briefen finde.«

Makena nickte verständnisvoll. Kurz bevor sie das Bad verließ, fragte sie Celeste noch:

»Vielleicht magst du heute etwas anderes als Mandelöl ausprobieren? Eine der Bediensteten hat freundlicherweise einige Badezusätze bereitgestellt. Nur Mandelöl ist leider nicht darunter.«

Celeste lachte.

»Wenn es sein muss.«

Makena nahm ein Fläschchen nach dem nächsten in die Hand und besah sich die Etiketten.

»Belebende Orange, beruhigender Lavendel oder betörender Jasmin?«

Celeste musste nicht lange nachdenken.

»Dann hätte ich gern Lavendelöl.« Celeste konnte sich an einen Ratschlag ihrer Köchin Wilma erinnern, demzufolge Lavendel gut für die Seele sei. Ein Ratschlag wie aus einer anderen Zeit, so viel war in der Zwischenzeit geschehen. Makena gab das Öl in die Wanne und verließ das Bad.

Nachdem ihre Zofe gegangen war, stieg Celeste ins dampfende, wohlduftende Nass. Sie schloss die Augen. Die Wärme tat ihren Muskeln gut. Sie hatte die letzte Nacht kaum geschlafen. Immer wieder waren ihr Selenas Worte durch den Kopf gegangen. Wenn du nicht zu deinen Gefühlen stehen kannst, hast du ihn nicht verdient, war das erdrückende Echo in ihren Gedanken. Doch jetzt, im warmen Wasser, fühlte sich ihr Kopf wie leergefegt an.

Ihre Hände ruhten auf dem Rand der Wanne. Der Duft von Lavendel drang ihr in die Nase und Celeste seufzte. Vielleicht sollte sie häufiger einen anderen Badezusatz ausprobieren. Celeste lag selig im Wasser, als sie merkte, wie ihr der Schweiß von der Stirn rann. Sie fuhr sich mit der Hand darüber. Verwirrt betrachtete die sie Schweißperlen auf ihrer Hand. So warm war das Wasser nicht. Vielleicht hatte sie sich eine Erkältung eingefangen. Sie war die Temperaturen in Sirena nicht gewohnt.

Ein Husten verließ ihre Kehle. Gefolgt von einem weiteren. Celeste schüttelte den Kopf und blinzelte mehrmals. Ihre Sicht wurde unscharf. Ihr Blickfeld verschwamm an den Rändern. Wie ein Nebel, der sich über ihre Augen legte.

Celeste keuchte. Ihr Herzschlag beschleunigte sich. Sie wollte nach Hilfe rufen, aber ihre Kehle war staubtrocken. Irgendetwas stimmte hier nicht. Wieso roch es plötzlich so süß im Raum? Das war nicht mehr der Duft von Lavendel, er wurde von etwas anderem überdeckt.

Sie hustete erneut, doch ihre Stimme blieb belegt. Ihre Augen begannen zu brennen und sie merkte, wie ihr die ersten Tränen über die Wange liefen. Müdigkeit ergriff von ihr Besitz. Celestes Hände, die sich krampfhaft um den Rand der Wange klammerten, wurden feucht und begannen zu zittern. Ihre Fingernägel krallten sich in den Marmor der Wanne, doch die Kraft wich aus ihrem Körper. Sie verlor den Halt und mit einem Platschen rutschten ihre Arme vom Wannenrand ab und ins Wasser.

In einem letzten, verzweifelten Versuch wollte Celeste sich erheben, um die Wanne zu verlassen, doch ihre Glieder gehorchten ihr nicht mehr. Der Nebel breitete sich vor ihren Augen aus und ihr Körper sank tiefer in die Wanne. Über ihrem Kopf schlug das Wasser zusammen und begrub sie darunter. Wasser drang in ihre Lunge, Luftblasen stiegen an die Oberfläche. Celeste aber konnte sich nicht rühren, ihre Gliedmaßen waren taub. Ihr Körper gehorchte ihr nicht mehr. In ihrem Kopf schrie sie nach Hilfe, doch kein Laut verließ ihre Lippen. Auch wenn ihr Körper keine Regung zuließ, so begriff ihr Verstand, was gerade geschah.

Celeste war vergiftet worden.