KAPITEL 12

DIE BRAUT DES KÖNIGS

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Iolana – vor 50 Jahren

Ein Jahr war beinahe vergangen. So viel war in diesen letzten Monaten geschehen. Iolana hatte die Liebe gefunden. Echte Liebe, aufrichtige Liebe. Und gerade in diesem Augenblick lag sie in seinen Armen. Sie standen verborgen vor neugierigen Blicken auf dem kleinen Balkon, auf dem Iolana ihn damals schlafend vorgefunden hatte. Hier hatte sie sich in ihn verliebt.

»Woran denkst du?« Miro strich ihr zärtlich eine ihrer braunen Locken hinters Ohr. Seine grauen Augen strahlten vor Glück.

»An gar nichts. Ich bin einfach nur glücklich.«

Und es war die Wahrheit. Nie in ihrem Leben hatte sie mehr Glück empfunden. Miro zog sie fester an sich und schlang seine Arme um ihren Körper. Sein Bart streifte ihre Wange und Iolana kicherte.

»Wann können wir es endlich offiziell machen? Ich habe genug von dieser Heimlichtuerei. Ich will der ganzen Welt verkünden, dass ich mich entschieden habe.«

Bei diesen Worten schlug ihr Herz schneller und ihre Wangen überzog eine leichte Röte. Sie wusste, was Miro für sie empfand. Dass er sich für sie entschieden hatte. Auch als er ihr zum ersten Mal begegnet war, war es um ihn geschehen gewesen. Und die letzten Monate hatte sich das Band zwischen ihnen gefestigt. Iolana fühlte sich, als wäre etwas in ihrem Inneren eingerastet, was vorher nicht richtig funktioniert hatte. Miro war der Eine.

»Bald. Nur noch wenige Wochen und du musst deine Entscheidung offiziell treffen.« Nicht mehr lange und sie konnten dem Versteckspiel ein Ende setzen, konnten jedem sagen, dass sie verliebt waren.

»Ich kann es kaum erwarten, dich zu meiner Königin zu machen, Iolana«, seine Lippen lagen direkt über ihrem Ohr und Iolana lief ein Schauer über den Rücken.

Sie drehte sich in seinen Armen um und presste ihre Lippen auf seinen Mund. Ihre Münder verschmolzen miteinander.

»Und ich kann es kaum erwarten, deine Königin zu werden«, flüsterte sie, als sie sich sanft wieder von ihm gelöst hatte.

Doch eigentlich interessierte sie der Titel nicht. Sie wollte nur Miro, alles andere war ihr egal.

Er lächelte sie an und hauchte einen Kuss auf ihre Stirn.

Niemals hätte Iolana in diesem Moment erwartet, dass sich etwas ihrem Glück in den Weg stellen würde.

***

Voller Entsetzen hatte Iolana König Ravis Worten gelauscht. Es hatte Aufstände in der Provinz Sirena gegeben. Das Volk rebellierte gegen seinen König. Eine Konsequenz, die in Iolanas Augen vorherzusehen gewesen war. Sirena hatte in der Vergangenheit sehr unter Ravis Herrschaft gelitten. Der König hatte sich lediglich um Solaris und Silvina, die Heimat seiner Königin, gekümmert. Die Provinz Samara war in der Lage, beinahe unabhängig zu existieren, weil der Landstrich bisher nie Wetterschwankungen ausgeliefert war. Die Menschen in Sirena jedoch hatten in den vergangenen Jahren mit vielen Dürreperioden zu kämpfen gehabt. Und der König tat nichts, um dem Volk dort zu helfen. Missgunst und Eifersucht gegenüber dem Rest des Landes hatten sich wegen dieses Ungleichgewichts bei den Menschen in Sirena ausgebreitet. Und das gefährdete den Frieden im ganzen Land. Doch dieser Sommer war der Schlimmste gewesen mit einer Dürre, die die Küstenprovinz in dieser Form noch nie erlebt hatte. In ganz Sirena war eine Hungersnot ausgebrochen und die Menschen dort gaben dem König die Schuld daran. Ebenso wie Iolana. Als Priesterin stand es ihr nicht zu, sich eigenmächtig um die Verteilung von Gütern zu kümmern, Vorräte oder Hilfsmittel nach Sirena zu senden. Sie hatte die Entscheidungsgewalt in Samara, aber für alles, was über ihre Provinz hinaus geschah, benötigte sie die Zustimmung des Königs.

Ravi hatte vor diesem Problem die Augen verschlossen, obwohl sie selbst, Nanami und auch Miro ihn darauf aufmerksam gemacht hatten. Aber der Sonnenkönig hatte nicht auf sie hören wollen. Vielmehr war er damit beschäftigt gewesen, einen Flügel des Palastes zu renovieren. Laut ihm würde der nächste Regen das Problem schon ganz von allein lösen.

Doch nun stand das Land am Rande des Abgrunds.

Iolana konnte es den Menschen nicht einmal übelnehmen. Hungernde Eltern versuchten, ihre Kinder sattzubekommen, doch es gelang ihnen nicht. Sie Situation war bereits so weit eskaliert, dass sirenische Söldner Händler aus Silvina überfallen hatten. Es hatte sogar Tote gegeben.

Und was tat der König? Er wollte die Verantwortlichen hängen lassen. Die Priesterin hatte verzweifelt den Kopf darüber geschüttelt, doch es war Nanami gewesen, die sich Ravi entgegengestellt hatte. Die mutige Meerestochter hatte sich für ihr Volk stark gemacht. Und nun musste Iolana dasselbe tun. Egal, was es von ihr abverlangen würde.

Sie stand neben Miro und versuchte die Worte auszusprechen, die sie sich zurechtgelegt hatte. Auch wenn Sirena nicht ihre Provinz war, fühlte Iolana sich für die Menschen dort verantwortlich. Die Hungersnot hätte genauso gut in Samara ausbrechen können.

Nachdem Ravi die Ratssitzung für beendet erklärt hatte, ohne das eigentliche Problem gelöst zu haben, zogen sich Miro und Iolana unbemerkt zurück. Miro hatte sie einfach still und fest in seine Arme und an seine Brust gezogen. Iolana spürte, wie hart ihn die Neuigkeiten getroffen hatten. Sirena war seine Heimat. Es waren seine Leute, die Hunger litten. Und es war seine Aufgabe, das zu ändern.

»Du musst dich für sie entscheiden«, flüsterte Iolana nun sanft. Die Worte brachen ihr das Herz.

Miro schob sie von sich und sah sie mit großen Augen an. »Wovon redest du?«

Iolana schluckte schwer und wand sich aus seinen Armen. »Nanami. Du musst sie erwählen.« Die Priesterin hatte gründlich darüber nachgedacht, wie sie Sirion helfen könnten. Sirena war in Aufruhr. Gegen den Zorn und die Angst musste sofort etwas unternommen werden. Und die Hungersnot konnte nur beendet werden, wenn die Provinzen an einem Strang zogen. Es ging darum, das richtige Zeichen zu setzen. Und zwar jetzt. Dem Volk von Sirena Einigkeit vorzuleben.

Der Prinz schüttelte vehement den Kopf.

»Das kann nicht dein Ernst sein. Das werde ich nicht tun.« Eine steile Falte hatte sich auf seiner Stirn gebildet und am liebsten hätte Iolana sie mit den Fingern geglättet. Doch sie rührte sich nicht.

»Das sirenische Volk braucht dringend Hilfe und Sicherheit. Etwas, was Ravi ihm nicht gewähren wird. Er handelt zu kurzsichtig. Doch du kannst helfen. Wenn du Nanami wählst, würden sich die Menschen aus Sirena beruhigen, da bin ich sicher. Verkünde vor dem gesamten Land, dass sie die nächste Königin wird und dass die drei Provinzen ab jetzt eng zusammenarbeiten werden. Berufe alle Priesterinnen in den Kronrat und verkünde deinem Volk, dass Samara und Silvina unverzüglich ihre Vorräte nach Sirena schicken werden. Nur so können wir weitere Aufstände vermeiden. Nur so können wir den Frieden wahren.« Iolana klang fest entschlossen und sah Miro eindringlich an. Er musste verstehen, dass sie gar keine andere Wahl hatten. In wenigen Wochen war das Jahr vorbei und Miro würde König sein, er hätte die Macht, darüber zu entscheiden, was weiter geschah, ganz egal, was Ravis Meinung dazu wäre.

Wieder schüttelte der Prinz den Kopf. Mit den Händen fuhr er sich durch die schwarzen Haare und seine sturmgrauen Augen wurden trüb.

»Das kann ich nicht.«

Iolana trat einen Schritt auf ihn zu und ergriff seine Hände.

»Doch, das kannst du. Und das wirst du, Miro. Du bist der Sohn der Sonne, der zukünftige König dieses Landes. Es ist deine Pflicht.«

Egal, was das für sie bedeutete. Es war das Richtige. Ihr eigenes Wohl durfte nicht über dem des Volkes stehen.

Miro sah sie lange an, seine Miene versteinert. Als er endlich sprach, klang er gebrochen.

»Ich liebe dich, Iolana. Ich dachte, du liebst mich auch.«

Das tat sie. Mit jeder Faser ihres Körpers. Sie konnte ihm nicht in die Augen blicken, also wandte sie den Blick ab.

»Nicht so sehr, wie ich dieses Land und all seine Bewohner liebe. Ich bin eine Priesterin und werde immer das tun, was das Beste für mein Land ist.«

Miro umschloss mit den Fingern ihr Kinn und zwang sie, ihn anzusehen. In seinen Augen lag Entschlossenheit.

»Dann werde meine Königin«, flehte er sie an.

Die Priesterin schüttelte den Kopf. So schön diese Vorstellung auch war, würde sie eine Fantasie bleiben.

»Ich bin nicht die Königin, die diesem Land den Frieden bringen wird. Ich bin nicht die Königin, die dieses Land braucht. Sondern Nanami.« Nur die Meerestochter war so mutig gewesen und hatte sich Ravi entgegengestellt und wie eine Löwin für ihre Provinz gekämpft. Iolana leistete nun ihren Beitrag zu diesem Kampf.

»Aber ich liebe sie nicht. Ich will dich. In einhundert verschiedenen Leben würde ich mich immer für dich entscheiden«, seine Stimme glich einem Wispern und er sah sie voller schmerzvoller Liebe an.

Iolana biss sich auf die Unterlippe, um die Tränen zurückzuhalten.

»Du wirst bald König sein und trägst damit eine Verantwortung deinem Volk gegenüber. Sirion muss immer an erster Stelle stehen. Du bist diesem Land verpflichtet. Du bist dem Frieden verpflichtet.« Das waren sie beide. Sie war eine Priesterin, er der Prinz. Keiner von ihnen durfte seinem Herzen folgen, wenn es für das Land eine bessere Alternative gab.

Miros Miene verfinsterte sich.

»Ich bin zuallererst meinem Herzen verpflichtet.«

Mit großen Augen sah sie ihn an. Dann riss sie sich von ihm los. Wut kochte in ihr hoch.

»Ein Mann darf sich für die Liebe entscheiden, aber doch nicht ein König. Dieses Land braucht dich und es liegt in deiner Macht, die Aufstände in Sirena sofort zu beenden. Du musst dich für Nanami entscheiden.« Iolana war ihr Leben lang darauf vorbereitet worden, diesem Land zu dienen. Und es hatte sie mit Stolz erfüllt, dieser Aufgabe nachzukommen. Nicht mal ihre Liebe zu Miro konnte daran etwas ändern.

»Aber ich brauche dich!«, schrie er ihr entgegen.

»Ich wollte die Krone nie haben. Aber als ich dich traf, ergab plötzlich alles einen Sinn. Ich wurde berufen, um dich zu lieben.« Er kam auf sie zu und wollte sie in seine Arme ziehen, doch Iolana trat einen Schritt zurück.

»Wenn du mich wirklich liebst, dann wähle sie. Denn ich könnte es mir niemals verzeihen, wenn Sirion unter meinem egoistischen Herzen leiden müsste«, am Ende des Satzes brach ihre Stimme.

Miros Augen füllten sich mit Tränen. Er war ein sehr emotionaler Mensch. Eine Eigenschaft, die Iolana so sehr an ihm liebte.

»Iolana, bitte …«

Sie schüttelte den Kopf.

»Ich meine es ernst, Miro. Solltest du dich für mich entscheiden, wirst du mich noch im selben Moment verlieren.« Es war ein Versprechen, das sie vorhatte zu halten. Ihr Pflichtgefühl stand an erster Stelle. Dieses Land stand an erster Stelle.

Mit traurigen Augen sah Miro sie an.

»Wie es scheint, habe ich das bereits.« Er sah sie noch einen Moment lang an und Iolana musste sich zusammenreißen, nicht unter seinem Blick zusammenzubrechen. Sich nicht in seine Arme zu werfen und ihn anzuflehen, sie für immer zu lieben. Es verlangte alles von ihr ab, stark zu bleiben. Dann schüttelte Miro resigniert den Kopf, drehte sich langsam um und verließ mit gesenktem Kopf den Balkon. Er war als Prinz gekommen und ging als gebrochener Mann.

Tränen liefen Iolana jetzt übers Gesicht und ein stummer Schrei löste sich aus ihrer Kehle. Was hatte sie getan? Sie hatte dem Mann das Herz gebrochen, den sie aufrichtig liebte. Doch Miros und ihr Schmerz war der Preis, den sie breit war zu zahlen, wenn das bedeutete, Sirion zu retten.

Iolana sank vor der Ottomane zusammen. Ihr Körper zitterte und sie konnte nicht aufhören zu weinen. Sie hatte die Liebe ihres Lebens gehen lassen zum Wohl des Landes, zu dessen Schutz sie berufen worden war.

Iolanas Verstand wusste, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatte. Doch ihr war es, als klaffte ein Loch in ihrer Brust. Als wäre etwas in ihr zerbrochen. Ihr dummes, törichtes Herz wollte ihre Entscheidung einfach nicht verstehen.

Jeder Mensch besaß nur ein Herz. Iolana hatte ihres in dem Moment verloren, als sie in die grauen Augen eines jungen Fischers geblickt hatte. Und sie hatte sofort gewusst, dass sie es niemals zurückbekommen würde. Miro hielt ihr Herz in der Hand. Heute und für immer.