Ihren nächsten Entwicklungsschritt schloss die Kreuzzugsbewegung ab, als die Nachricht von den katastrophalen Ereignissen des Jahres 1187 in Westeuropa für erste Reaktionen sorgte. Während der neunzig Jahre, die seit dem Ersten Kreuzzug verstrichen waren, war sie unfertig geblieben. Ich habe bereits beschrieben, wie um 1107 drei hochgebildete französische Mönche – Robert der Mönch, Guibert von Nogent und Balderich von Bourgueil – die kruden Ideen der ersten Kreuzfahrer in eine theologisch akzeptable Form gebracht haben, so dass der Triumph des Ersten Kreuzzuges als Beweis für das wunderbare Eingreifen Gottes gedeutet werden konnte. Die Kreuzfahrer erschienen in dieser Darstellung als Laien, die vorübergehend eine Art klösterliches Leben führten, indem sie die Welt für eine Zeit lang verließen, um sich einer nomadischen religiösen Gemeinschaft anzuschließen, deren Mitglieder um der Liebe Gottes und ihrer Nachbarn willen freiwillig das Exil in einem Krieg auf sich nahmen, in Brüderlichkeit vereint waren und einem Weg des Kreuzes folgten, der zum Märtyrertod führen konnte. Diese Darstellung sollte sich für die Kirche noch als nützlich erweisen – die Schriften Roberts und Balderichs wurden weithin gelesen –, aber sie konnte keine dauerhafte Antwort auf die theologischen Streitfragen geben, deren Kernpunkt die Rolle der Laien in der Kirche bildete. Dazu bedurfte es des tieferen Verständnisses von deren besonderer „Berufung“, das sich erst im Verlauf des 12. Jahrhunderts herausbildete. Sie einfach zu behandeln, als wären sie überhaupt keine Laien, konnte keine wirkliche Antwort sein.
Wenn wir die Kreuzzugsbewegung in ihrer Praxis untersuchen, so finden sich dermaßen viele Widersprüche, dass ein Historiker sogar die Frage hat stellen können, ob es sie überhaupt gegeben hat. In der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts jedenfalls scheinen Männer und Frauen für sich jederzeit die Möglichkeit gesehen zu haben, das Kreuz zu nehmen – ganz unabhängig davon, ob der Papst gerade dazu aufgerufen hatte oder nicht. Nach der Eroberung Jerusalems durch die Teilnehmer des Ersten Kreuzzuges lässt sich eine Tendenz beobachten, die Gedanken und die besondere Sprache der Kreuzzugsbewegung auch auf andere Konflikte zu übertragen, die den jeweiligen Beteiligten oder Befürwortern am Herzen lagen. Ein Beispiel hierfür bildete etwa die militärische Unterstützung der Kirche gegen ihre Gegner, wobei es in diesem Fall jedoch üblicher blieb, dass die Päpste sich auf die aus dem 11. Jahrhundert stammende gregorianische Zusicherung der Vergebung der Sünden beriefen. Es lassen sich auch andere Beispiele anführen: Graf Elias von Maine etwa war ein frommer Mann, der das Kreuz genommen hatte. Dann jedoch weigerte er sich, mit dem Ersten Kreuzzug zu ziehen, weil König Wilhelm II. von England seine Grafschaft bedrohte. Es heißt, Elias habe sie mit dem angehefteten Stoffk reuz der Kreuzfahrer verteidigt, ganz so, als hätte er sich auf einem persönlichen Kreuzzug befunden. Und ein bemerkenswertes Stück Propaganda, 1108 in Magdeburg verfasst, versuchte, den deutschen Krieg gegen die heidnischen Wenden jenseits der Elbe in Parallele zum Jerusalem-Kreuzzug zu setzen:
Folgt dem guten Beispiel der Einwohner Galliens und eifert ihnen auch in diesem nach … Möge er, der kraft seines mächtigen Armes die Männer von Gallien aus dem fernen Westen im Triumph über seine Feinde bis in den fernsten Osten geführt hat, euch die Willensstärke und die Kraft geben, diese so unmenschlichen Heiden [die Wenden] zu unterwerfen, die doch ganz in der Nähe sind.
Wie auch immer, die meisten Kreuzfahrer waren leicht an ihrem Äußeren zu erkennen, und ihr Anblick hat wohl jedermann erkennen lassen, dass ein Kreuzzug geplant oder sogar schon im Gange war. Unser Problem ist nun, dass uns die visuellen Eindrücke der Zeitgenossen oftmals unbekannt bleiben und wir auf schriftliche Quellen zurückgreifen müssen. Deren Aussagen machen es manchmal jedoch schwer, Kreuzzüge von Pilgerfahrten zu unterscheiden. Während des Ersten Kreuzzuges veränderten sich die Regeln, was Bußleistungen und das Tragen von Waffen betraf. Zuvor galt, dass Pilger ihre Wallfahrt nach Jerusalem unbewaffnet zu unternehmen hatten. Tatsächlich war dieser Aspekt des Bußwesens so fest im zeitgenössischen Denken verankert, dass er sich, nachdem in der Schlacht von Askalon der Besitz Jerusalems erst einmal gesichert war, erneut durchsetzte: Viele, wenn nicht gar alle Kreuzfahrer warfen ihre Waffen weg und trugen auf ihrer Heimreise lediglich den Palmzweig bei sich, der das Zeichen ihrer erfolgreichen Pilgerfahrt war – und das, obwohl der Rückweg, zumindest auf seinen ersten Etappen, mindestens genauso gefährlich gewesen sein muss wie der Hinweg (wenn nicht sogar gefährlicher, nun da der Islam aufgerüttelt war). Eine anschauliche Beschreibung der Gefahren unterwegs liefert ein normannischer Kreuzfahrer, der sich als einer von mehr als 1400 Passagieren in Jaffa auf ein großes Schiff verfrachtet sah. Auf dem Weg nach Norden geriet er in einen Sturm und erlitt vor Tartus Schiffbruch. An Land angelangt, fanden sie die Stadt verlassen und in Trümmern vor. Einige der Überlebenden plünderten, was es noch zu plündern gab; bald gewann jedoch die Furcht vor einem muslimischen Angriff die Oberhand, sodass etwa 100 von ihnen an Bord eines armenischen Schiffes mit Kurs auf Zypern gingen.
Die Rückkehr zu den traditionellen Bußregularien wird auch in einem berühmten Brief deutlich, den der Bischof Ivo von Chartres im Jahr 1102 an Papst Paschalis II. sandte. Ein gewisser Raimbold Croton, ein Held des Ersten Kreuzzuges, hatte einen Mönch festnehmen und kastrieren lassen, der die Heuernte auf einem nahe gelegenen, sowohl von seiner Abtei als auch von Raimbold beanspruchten Stück Land erlaubt oder – vermutlich – befohlen hatte. Ivo beschreibt die Konsequenzen des Raimbold auferlegten Urteils wie folgt:
Wir beschlagnahmten Raimbolds Waffen und erlegten ihm eine Buße von vierzehn Jahren auf, während der er sich von allen feineren Speisen und Leckereien fernhalten sollte. … Er nahm diese Strafe gehorsam an, doch hernach bewog er viele einflussreiche Männer, bei uns ein gutes Wort für ihn einzulegen, und er erschöpfte uns geradezu mit seinen dringlichen Bitten, ihm den Waffengebrauch wieder zu gestatten, da ihn seine Feinde derart bedrängten.
Raimbold hatte beim Sturm auf Jerusalem eine Hand verloren, und es ist äußerst unwahrscheinlich, dass er danach noch ein guter Schwertkämpfer war. Der springende Punkt ist vielmehr, dass sein gesellschaftlicher Status beträchtlich gemindert worden wäre, hätte er vierzehn Jahre lang als Unbewaffneter durchs Leben gehen müssen. Bischof Ivo, dessen Geduld Raimbold mit seinen Bittschreiben bald erschöpft hatte, sandte den reuigen Sünder auf eine Pilgerfahrt nach Rom und gab ihm den zitierten Brief mit auf den Weg. Darin schrieb er, dass die Buße durch diese Pilgerfahrt den Papst womöglich gnädig stimmen werde. Ein späterer Fall war die Wallfahrt Heinrichs des Löwen im Jahr 1172. Heinrich wurde von einem Gefolge von bis zu 1500 Personen begleitet. Als sich ihnen in Bulgarien eine serbische Streitmacht in den Weg stellte, griffen die Pilger zu den Waffen – aber nur zögerlich und ohne Überzeugung, da die Serben bald die Flucht ergriffen. Dennoch glaubten die deutschen Pilger, sie müssten ihr Vorgehen unter Verweis auf die große Gefahr, in der sie sich befunden hatten, rechtfertigen.
Gewiss: Nach 1100 stoßen wir auf zahlreiche Berichte von kampfb ereiten Palästinapilgern. Der Chronist Fulcher von Chartres, der sich zu jener Zeit im Heiligen Land aufhielt, berichtet für das Jahr 1105 von einer geplanten Invasion der Ägypter, „denn wir waren so wenige und waren ohne die übliche Unterstützung durch die Pilger“. Zum Jahr 1113 schreibt Fulcher, dass „in diesen Gebieten jenseits des Meeres unser Heer zu dieser Zeit üblicherweise mit jedem Tag wächst, weil die Pilger angekommen sind.“ Doch folgte der Kriegsdienst dieser Pilger einem ganz bestimmten Muster. Es scheint, dass sie sich nicht zu den Waffen meldeten, bevor sie nicht ihren religiösen Verpflichtungen nachgekommen waren. Eine Truppe von Engländern, Flamen und Dänen, die nach ihrem Besuch der heiligen Stätten bei der Vorbereitung eines Angriffs auf Sidon mitwirkten, setzte sich vermutlich aus Pilgern zusammen; ähnlich verhielt es sich mit den Norwegern, die 1107 mit einer großen Flotte unter dem Befehl ihres Königs Sigurd den Hafen von Bergen verließen. Nach einer unbeschwerten Reise über England, Frankreich, die Iberische Halbinsel und Sizilien erreichten sie im Sommer 1110 den Hafen von Akkon. Sigurd ließ sich überreden, König Balduin bei der Eroberung der Stadt Sidon zu unterstützen, aber die Norweger wollten erst dann zugunsten des Königreichs Jerusalem in den Kampf eingreifen, wenn sie selbst in der Heiligen Stadt gewesen waren; schließlich hatte Christus selbst „seine Jünger dazu aufgerufen, zuerst nach dem Reich Gottes zu trachten, um später die erhofften Wohltaten zu empfangen“. Als das Heer des Königreichs Jerusalem im Jahr 1153 Askalon belagerte, wurde den im Land anwesenden Pilgern sogar verboten, in ihre Heimat zurückzukehren, bevor sie nicht bei der Belagerung Dienst getan hatten. Und im Oktober 1183 mussten andere Pilger, deren Rückreise in die Heimat nach ihrem Besuch Jerusalems schon unmittelbar bevorstand, als Fußsoldaten das Heer verstärken, das in der Jesreel-Ebene gegen die Truppen Saladins operierte. Die Pilger des 12. Jahrhunderts verhielten sich also genau entgegengesetzt zu den Teilnehmern des Ersten Kreuzzuges, die nach ihrer Eroberung des Heiligen Grabes bewusst die Waffen abgelegt hatten.
Es scheint, dass in dem halben Jahrhundert nach dem Ersten Kreuzzug eine Pilgerreise die meisten waffentragenden Europäer weit mehr ansprach als ein Kreuzzugsunternehmen, das nur ab und zu ihr Interesse erregte, obwohl es einige Zentren unermüdlichen Kreuzzugseifers gab. Eine solche Gegend war etwa der Landstrich unmittelbar nördlich von Angers in Westfrankreich. Dort gingen aus den führenden Familien von Burgvögten immer wieder Kreuzfahrer hervor. Andererseits stellte etwa die Familie Bernard von Bré im Limousin, die 1096 beim Ersten Kreuzzug drei und 1147 beim Zweiten Kreuzzug vier Teilnehmer aufgeboten hatte, in der Zeit dazwischen keinerlei Kämpfer für das Heilige Land. Auch die Nachkommen des Grafen Wilhelm I. von Burgund, die sich schon zur Zeit des Ersten Kreuzzuges überaus aktiv gezeigt hatten und zum Zweiten Kreuzzug nicht weniger als zehn Teilnehmer stellten, scheinen zwischen 1102 und 1146 lediglich einen einzigen Kreuzfahrer hervorgebracht zu haben, und das, obwohl Papst Calixt II., der zu dem Kreuzzug von 1120 aufrief, ein Sohn des Grafen Wilhelm war. Obwohl die meisten Kreuzfahrer kein Verlangen verspürten, ein zweites Mal an einem Kreuzzug teilzunehmen, kehrten einige von ihnen als Pilger nach Jerusalem zurück. Dieser Eindruck von einem Wiederaufleben der Traditionen aus dem 11. Jahrhundert bestätigt sich, wenn man einzelne Regionen genauer unter die Lupe nimmt. Im Limousin, wo der Enthusiasmus für den Ersten Kreuzzug groß gewesen war, ist für die Zeit von 1102 bis 1131 nur ein einziger Kreuzfahrer belegt, und selbst dieser ist zweifelhaft. Stattdessen brachen zahlreiche Pilger nach Jerusalem auf, und eine enge emotionale Bindung an die Heilige Stadt wird deutlich. Für die Jahre 1103 bis 1147 sind in der Provence keine Kreuzfahrer bekannt, obwohl auch dort 1096 der Enthusiasmus groß gewesen war. Wiederum gab es jedoch viele Pilger, insbesondere unter den Adligen der Gegend um Marseille. Ganz ähnlich stellt sich die Lage in der Champagne dar, von wo in den Jahren 1096 bis 1102 zahlreiche Kämpfer gen Osten aufgebrochen waren. Für die Jahre 1102 bis 1147 sind in dieser Gegend nur wenige Kreuzfahrer belegt, dafür umso mehr Jerusalempilger, unter denen Graf Hugo I. der prominenteste war.
Man gewinnt den Eindruck, dass in weiten Teilen Westeuropas die Kreuzzugsidee nach der enormen Anstrengung des Ersten Kreuzzuges gleichsam einschlief. Vielen Kämpfern muss dieser als eine einmalige Chance erschienen sein, sich an einem ganz besonders verdienstvollen Unternehmen zu beteiligen. Nun wandten sie sich wieder ihren traditionellen Frömmigkeitsformen zu; das Kreuz nahmen sie erst wieder 1146, als Bernhard von Clairvaux den neuen Kreuzzug als eine weitere einmalige Gelegenheit der Selbsthilfe auf dem Weg ins Himmelreich darstellte:
[Gott] versetzt sich in eine Notlage, oder erweckt zumindest den Anschein, während er die ganze Zeit nichts anderes im Sinn hat, als euch in euren Nöten zu helfen. Er will als der Schuldner dastehen, damit er jenen, die für ihn kämpfen, ihren Lohn gewähren kann: die Vergebung ihrer Sünden und seine ewige Herrlichkeit. Deshalb nämlich habe ich euch ein gesegnetes Geschlecht genannt, die ihr in einer so gnadenreichen Zeit geboren und in diesem Jahr lebendig seid, das dem Herrn, als ein wahres Jubeljahr, so wohl gefällt.
Dennoch waren die Jahre zwischen dem Ersten und dem sogenannten Zweiten Kreuzzug alles andere als ereignislos. So erfolgte nun etwa die endgültige Ausbreitung der Kreuzzugsbewegung auf die Iberische Halbinsel – obwohl einer der bedeutendsten Feldzüge womöglich gar kein Kreuzzug war. Im Jahr 1118 legitimierte Papst Gelasius II. formal einen Feldzug, den König Alfons I. von Aragón gegen die Stadt Saragossa zu führen gedachte. Am 19. Dezember erobert, fiel Saragossa als der bedeutendste Gewinn seit der Einnahme Toledos 1085 an ein großes Heer, in dessen Reihen auch die Teilnehmer am Ersten Kreuzzug Gaston von Béarn und Centullus von Bigorre kämpften, daneben der in Syrien geborene Graf Alfons Jordan von Toulouse sowie die Vicomtes von Carcassonne, Gabarret und Lavedan. Es ist bemerkenswert, dass dieser Feldzug, der von einem König mit allen Ressourcen seines Reiches geplant und durchgeführt wurde, nicht etwa über irgendein schwaches muslimisches Kleinstfürstentum siegte, sondern gegen die Almoraviden, die mittlerweile den Großteil der muslimischen Gebiete auf der Iberischen Halbinsel kontrollierten, deren Heer aber am 8. Dezember 1118 vernichtend geschlagen wurde. Ein erhaltener Brief des Papstes legt nahe, dass Gelasius diesen Feldzug als Akt der Buße betrachtete, aber es gibt keine Hinweise darauf, dass ihre Teilnehmer Gelübde ablegten oder das Kreuz trugen; auch wurde dieser Feldzug nicht mit dem Kreuzzug nach Jerusalem verglichen. Dasselbe gilt für den Sündenerlass, den Papst Paschalis II. kurz zuvor, 1114, den Teilnehmern eines Kriegszuges gegen die Muslime auf den Balearen gewährt hatte. Aus dieser Expedition, gemeinsam durchgeführt von Katalanen und Pisanern unter dem Kommando des Grafen Raimund Berengar III. von Barcelona, wurde dann 1116 ein Feldzug entlang der katalanischen Küste.
Auf erheblich festerem Grund stehen wir hinsichtlich der Auswirkungen des von Papst Calixt II. gepredigten Kreuzzuges. Wie wir noch sehen werden, wurde dieser im Nahen Osten und auf der Iberischen Halbinsel zugleich geführt. Am 2. April 1123 ließ Calixt einen Brief verbreiten, in dem er die Kreuzfahrer auf der Iberischen Halbinsel dazu aufrief, ihre Gelübde zu erfüllen, und stellte ihnen die gleiche Vergebung ihrer Sünden in Aussicht wie den in den Orient ziehenden Kreuzfahrern. Zugleich ernannte er Oleguer, den später heilig gesprochenen Erzbischof von Tarragona, zum päpstlichen Legaten. Als der Brief in Umlauf gebracht wurde, tagte in Rom gerade das Erste Laterankonzil. Der Beschluss der Konzilsväter zum Kreuzzug bezog sich gleichermaßen auf Jerusalem und die Iberische Halbinsel.
Der Kreuzzug stand auch bei einem Konzil Synode in Santiago de Compostela auf der Tagesordnung, bei der Erzbischof Diego Gelmírez den Vorsitz führte. Vielleicht war er gemeinsam mit Oleguer von Tarragona zum Legaten ernannt worden. Diego hielt eine flammende Rede, die erste Aufforderung zum Kreuzzug auf der Iberischen Halbinsel. Über Jahrhunderte sollten seine Worte immer wieder aufgegriffen werden:
Ganz so, wie die Ritter Christi, die treuen Söhne der heiligen Kirche, unter großen Mühen und großem Blutvergießen den Weg nach Jerusalem gebahnt haben, sollten auch wir Ritter Christi werden und, nachdem wir seine niederträchtigen Feinde, die Muslime, besiegt haben, den Weg zum Heiligen Grab unseres Herrn durch Iberien hindurch suchen, denn dieser Weg ist kürzer und sehr viel weniger beschwerlich.
Den Teilnehmern an diesem Kreuzzug wurde die Vergebung ihrer Sünden „durch die guten Werke der Heiligen Petrus, Paulus und Jakobus“ versprochen. Schließlich war es König Alfons I. von Aragón, aus einem anderen Teil der Halbinsel also, der in einer damals vielbewunderten Waffentat im Winter 1125–1126 einen Großangriff nach Südspanien hinein unternahm. Alfons marschierte mit seinem Heer über Teruel, Valencia, Murcia, Guadix und Granada nach Málaga, wo er ein Schiff bestieg, um zu beweisen, dass er die Halbinsel tatsächlich durchquert hatte. Er kehrte nach Saragossa zurück, wobei er 10.000 andalusische Christen nebst ihren Familien mit sich brachte. Diese hatten beschlossen, aus ihrer Heimat auszuwandern und wurden von Alfons im Tal des Ebro angesiedelt.
Innerhalb nur eines Jahrzehnts wurde über ein weiteres potenzielles Ziel für einen Kreuzzug zumindest diskutiert. Ab den 1120er-Jahren sah sich das Papsttum in Streitigkeiten mit den süditalienischen Normannen verstrickt. Verschärft wurde die Lage dadurch, dass Roger II. von Sizilien den Gegenpapst Anaklet II. unterstützte und die päpstliche Propaganda an die Sprache der Reformer anknüpfte. Im Mai 1135 eröffnete Papst Innozenz II. ein Konzil in Pisa, das schließlich beschloss, all jenen, die gegen die Feinde des Papstes und „für die Befreiung der Kirche an Land oder zur See“ kämpften, den gleichen Ablass ihrer Sünden zu gewähren, den Papst Urban II. auf dem Konzil von Clermont den Teilnehmern des Ersten Kreuzzuges versprochen hatte. Nichts deutet darauf hin, dass der Beschluss von Pisa die Betroffenen verpflichtet hätte, ein Kreuzzugsgelübde abzulegen; dennoch bildet diese alleinstehende Vergabe eines Kreuzzugsprivilegs an die politischen Verbündeten des Papsttums ein Bindeglied zwischen dem Reformstreben des 11. Jahrhunderts und den „politischen Kreuzzügen“ des 13. Jahrhunderts. In den Folgejahren sollte die Regelung für Streit sorgen, bei dem sich scharfe Kritiker einerseits und die Vertreter einer Avantgarde andererseits gegenüberstanden. Zu ihr gehörte auch Petrus Venerabilis, der große Abt von Cluny, dessen Ansicht nach ein gewaltsames Vorgehen gegen Mitchristen unter Umständen sogar noch gerechtfertigter sein konnte als die Anwendung von Gewalt gegen Ungläubige.
In der Zwischenzeit war ein neuer Kreuzzug in den Osten gehörig von seinem Kurs abgekommen, ein Vorgeschmack auf die Ereignisse der Jahre 1202–1204. Bohemund von Tarent und Antiochia, der vom Sommer 1100 bis zum Frühjahr 1103 in der Gefangenschaft der türkischen Danischmendiden gewesen war, traf Anfang 1106 in Frankreich ein. Zuerst stattete er, wie er es in der Gefangenschaft gelobt hatte, dem in Saint-Léonard-de-Noblat verehrten Grab des heiligen Leonhard, des Schutzpatrons der Gefangenen, einen theatralischen Besuch ab. Sodann begab sich Bohemund auf eine triumphale Rundreise durch Frankreich und sprach allerorts vor großen Menschenmassen. Wo er hinkam, stiftete er Kirchen Reliquien und Seidenstoffe; bei seiner Abreise aus Antiochia hatte er die dortige Schatzkammer geplündert. Viele französische Adlige wünschten sich Bohemund zum Paten ihrer Kinder, und es heißt, König Heinrich I. von England habe ihn davon abgehalten, sein Reich zu besuchen – angeblich fürchtete der König, Bohemund würde ihm seine besten Ritter entführen. Im April oder Mai 1106 heiratete er Konstanze, eine Tochter König Philipps I. von Frankreich. Dies macht deutlich, welch großes Ansehen Bohemund mittlerweile genoss. Er sandte Boten in jene Regionen, die er nicht persönlich besuchen konnte, sogar nach England. Womöglich machte er sich das geschriebene Wort zunutze: Etwa zur Zeit seiner Reise geriet ein gefälschter Brief in Umlauf, den angeblich der byzantinische Kaiser Alexios an den Grafen Robert von Flandern gerichtet hatte und demzufolge die Griechen im Verlauf der 1090er-Jahre so verzweifelt gewesen seien, dass sie sich sogar eine lateinische Herrschaft über Konstantinopel vorstellen konnten. Auch fand ein stark legendenhaft gefärbter Bericht von Bohemunds muslimischer Gefangenschaft alsbald Eingang in die Sammlung von miracula am Grab des heiligen Leonhard.
Bohemund und der päpstliche Legat Bruno von Segni verkündeten anlässlich eines Konzils in Poitiers ganz offiziell den neuen Kreuzzug; Papst Paschalis, mit dem Bohemund bereits zusammengetroffen war, hatte sein Einverständnis gegeben. Sie beschrieben den geplanten Feldzug in Begriffen des Ersten Kreuzzuges als eine Reise zum Heiligen Grab, durch welche die Christen im Orient unterstützt und die Muslime zur Freilassung ihrer christlichen Gefangenen gezwungen werden sollten. Doch Bohemund wollte noch mehr. Er war nach Europa gereist, um Unterstützung für sein Fürstentum Antiochia zu erhalten. Bald nach seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft waren die Byzantiner in seine kilikischen und syrischen Territorien eingefallen, und zudem waren große Gebiete an der Ostgrenze im Juni 1104 an Ridwan von Aleppo gefallen. Bohemund hatte in Antiochia eine Ratsversammlung einberufen, auf der ein Hilferuf an den Westen als Bohemunds einzige Möglichkeit betrachtet wurde. Die Griechen bereiteten ihm gewiss genauso starkes Kopfzerbrechen wie die Muslime, und auf seiner Reise durch Frankreich begleitete ihn ein Prätendent auf den byzantinischen Kaiserthron mit seinem griechischen Gefolge. Uns liegt ein Bericht vor, demzufolge Bohemund am Tag seiner Hochzeit auf einem Podium vor dem Marienaltar der Kathedrale von Chartres eine Ansprache gehalten hat. Bei dieser Gelegenheit erzählte er zunächst von seinen Abenteuern, und indem er dann zu einem Kreuzzug nach Jerusalem aufrief, schlug er auch eine Invasion des Byzantinischen Reiches vor und versprach denen, die mit ihm zögen, reiche Beute. Über die nächsten Monate entwickelte Bohemund diesen Plan noch weiter und schrieb kurz vor seiner Abreise in Richtung Osten einen Brief an den Papst, in dem er auf die Usurpation des byzantinischen Thrones durch Kaiser Alexios hinwies und einen Angriff auf die Griechen als Vergeltung für ihre Behandlung der Kreuzfahrer sowie als ein Mittel zur Überwindung des Schismas zwischen der katholischen und der orthodoxen Kirche rechtfertigte.
Bis zum Oktober 1107 hatte sich Bohemunds Heer in Apulien versammelt; unter seinen Gefährten befanden sich etliche Mitstreiter des Ersten Kreuzzuges. Die Streitmacht war so groß, dass der normannische Mönch und Chronist Ordericus Vitalis sie als „die dritte Expedition … nach Jerusalem“ bezeichnete – anscheinend betrachtete er die großen Heerzüge von 1096 und 1100/1101 als die erste und zweite. Am 9. Oktober landeten sie bei Valona (Vlora) an der albanischen Küste und marschierten weiter nach Durazzo, dem antiken Dyrrhachion, das die italienischen Normannen fünfundzwanzig Jahre zuvor für kurze Zeit besessen hatten. Bohemund ließ die Stadt belagern, aber es gelang den Griechen, seine Verbindungen über die Adria zu unterbrechen, und im Frühjahr 1108 wurde er von einem byzantinischen Heer eingeschlossen. Je weiter der Sommer voranschritt, desto anfälliger wurden Bohemunds Männer für Krankheiten. Im September musste Bohemund kapitulieren und den bereits erwähnten Vertrag von Devol schließen. Einige seiner Begleiter zogen weiter in Richtung Osten, aber die meisten, denen dazu die Mittel fehlten, kehrten nach Westeuropa zurück. Durch diese Niederlage ein gebrochener Mann, zog Bohemund nicht wieder nach Syrien, sondern setzte sich auf seinen Besitzungen in Süditalien zur Ruhe, wo er 1111 starb.
Die Kunde von der acht Jahre später erlittenen schweren Niederlage eines christlichen Heeres auf dem Blutfeld, bei der Roger von Salerno, der Regent von Antiochia, getötet wurde, erreichte Westeuropa im Herbst 1119. Papst Calixt II., der auf einer Reise durch Frankreich davon erfuhr, rief unverzüglich zu einem erneuten Kreuzzug auf, dem ersten, der nach 1107 offiziell verkündet wurde. Seine schnelle Reaktion überrascht nicht, wenn man bedenkt, dass dieser Papst aus dem Geschlecht der Grafen von Burgund stammte, das in der Vergangenheit zahlreiche Kreuzfahrer hervorgebracht hatte, und dass er zudem ein Cousin König Balduins II. von Jerusalem und also ein entfernter Angehöriger des Montlhéry-Clans war. Es ist im Übrigen bezeichnend, dass der neue Kreuzzug anscheinend überhaupt nicht auf Syrien zielte – trotz der Niederlage auf dem Blutfeld –, sondern mehr als 500 Kilometer weiter südlich Palästina zum Ziel haben sollte, wo König Balduin residierte.
Papst Calixt plante einen Kreuzzug in großem Maßstab. Er schrieb an die Venezianer und vermutlich auch nach Deutschland und Frankreich, woraus sich schließen lässt, dass es einen allgemeinen Aufruf an die Gläubigen gegeben hat, das Kreuz zu nehmen. Ich habe bereits erwähnt, dass Calixt zugleich einen Kreuzzug auf der Iberischen Halbinsel führen wollte und das Erste Laterankonzil dessen Teilnehmern den Schutz der Kirche und die Vergebung ihrer Sünden versprochen hatte. Zudem drohte die Kirche allen erklärten Kreuzfahrern, die bis Ostern 1124 nicht nach Jerusalem oder Spanien aufgebrochen waren, Strafen an. In Venedig, wo Balduin auf direktem Wege um Unterstützung gebeten hatte, stieß das Vorhaben auf ein enthusiastisches Echo. Der Doge und führende Bürger von Venedig nahmen das Kreuz und erhielten dafür vom Papst ein Banner des heiligen Petrus. Am 7. August 1122 setzte eine große Flotte die Segel in Richtung Osten. Die Venezianer hielten unterwegs an, um das byzantinische Korfu (Kerkyra) anzugreifen – als Vergeltung dafür, dass Kaiser Johannes II. Komnenos versucht hatte, ihre Privilegien innerhalb des Byzantinischen Reiches zu beschneiden –, brachen jedoch rasch wieder auf, als sie hörten, König Balduin sei in die Hände der Muslime gefallen. Sie erreichten die Küste von Palästina im Mai 1123, zerschlugen vor Askalon eine ägyptische Flotte, verbrachten das Weihnachtsfest in Jerusalem und Bethlehem und halfen bei der Belagerung von Tyrus, das am 7. Juli 1124 eingenommen wurde. Die Venezianer erhielten zum Dank einen Anteil von einem Drittel an Tyrus und dem dazugehörigen Gebiet sowie bedeutende Handelsprivilegien, die ihnen Balduin zuvor schon versprochen haben muss, um sie überhaupt zur Teilnahme am Kreuzzug bewegen zu können. Durch die Ägäis kehrten sie in ihre Heimat zurück, indem sie auf dem Weg griechische Inseln und Gebiete plünderten. Diese Überfälle machten die Byzantiner gefügig, und im August 1126 bestätigte und erweiterte Kaiser Johannes II. die venezianischen Privilegien. Die Venezianer waren natürlich nicht die einzigen Kreuzfahrer, die sich zu jener Zeit im Orient aufhielten. Sie ließen andere an Bord ihrer Schiffe mitfahren, und es deutet einiges darauf hin, dass Männer aus Böhmen, Deutschland und Frankreich das Kreuz genommen hatten. Möglicherweise war auch eine Flotte aus Genua an dem Kreuzzug beteiligt.
Einige Jahre darauf suchten die Siedler in der Levante weitere Kreuzfahrer, als sich eine Gesandtschaft aus Jerusalem auf den Weg machte, um dem Grafen Fulko von Anjou die Hand von Balduins Tochter Melisendis anzutragen. Hugo von Payens, der Großmeister des Templerordens, begab sich auf eine Rundreise durch Westeuropa, um Kreuzfahrer zu rekrutieren. Eine beträchtliche Anzahl Freiwilliger zog daraufhin im Jahr 1129 mit Fulko nach Palästina und schloss sich dort einem einheimischen Heer an, das vergeblich einen Angriff auf Damaskus unternahm. Die Initiative für diesen Feldzug scheint von Balduin selbst ausgegangen zu sein. Papst Honorius II. blieb, wie wir gesehen haben, Zuschauer. Hier tritt der Unterschied zwischen den frühen, unreglementierten Unternehmen und ihren Nachfolgern im 13. Jahrhundert, die ganz deutlich der päpstlichen Autorität unterstellt waren, offen zutage. Bereits im Jahr 1103 hatte sich der römischdeutsche Kaiser Heinrich IV. auf einen Bußkrieg im Osten eingelassen, ohne dabei auf das Papsttum Rücksicht zu nehmen. Vielmehr hatte Heinrich selbst den Bischof von Würzburg angewiesen, dafür predigen zu lassen. Vermutlich ging es ihm darum, die traditionelle Rolle des Kaisers als Verteidiger der Christenheit zu betonen; immerhin ließe sich behaupten, Papst Urban habe dem Kaiser diese Rolle streitig gemacht, als er die Gläubigen zur Rückeroberung Jerusalems aufrief. Zwar blieb Heinrich der Erfolg versagt, aber der Kirche, die ja schließlich die Kreuzzugsbewegung ins Leben gerufen hatte, gelang es noch nicht, dieses Phänomen auch zu beherrschen. Das lag zumindest teilweise daran, dass den Klerus, der nun plötzlich nicht nur predigen, sondern auch rekrutieren und überwachen sollte, die Fülle dieser ungewohnten Aufgaben sozusagen auf hoher See in Schwierigkeiten brachte.
Auf lange Sicht sollte sich die um 1140 erfolgte Veröffentlichung der Gesetzessammlung des oberitalienischen Mönchs Gratian als hochbedeutsam erweisen. Das Decretum Gratiani wurde schnell die grundlegende Zusammenstellung des Kirchenrechts und lieferte dem Papsttum juristische Argumente für das Recht der Kirche, die Kreuzzugsbewegung zu lenken. Ein langer Abschnitt, die Causa XXIII, setzt sich mit der Frage der Gewaltanwendung auseinander. Obwohl sich Gratian bei oberflächlicher Betrachtung überhaupt nicht mit der Idee des Kreuzzuges befasst – seine Argumentation setzt vielmehr bei der gewaltsamen Unterdrückung von Häresien an –, steht diese doch bei seiner Erörterung der Möglichkeiten und Grenzen kirchlicher Gewaltausübung immer im Hintergrund. Gratian führt seine Leser unerbittlich durch eine Rüstkammer unterschiedlicher Lehrmeinungen und kommt zu dem Ergebnis, dass Krieg nicht unbedingt sündhaft sein müsse, sondern durchaus gerecht sein könne – von Gott und im Namen Gottes durch den Papst autorisiert. Auf diese Weise schuf Gratian eine Quellensammlung für alle zukünftigen Kreuzzugspropagandisten.
Die Eroberung von Edessa durch Zengi am Heiligen Abend des Jahres 1144 wurde bereits beschrieben. Eine Gesandtschaft aus dem lateinischen Osten unter Führung des Bischofs Hugo von Dschabala erreichte wenige Monate nach der Wahl Papst Eugens III. im November 1145 den päpstlichen Hof in Viterbo; bald darauf traf auch eine Abordnung armenischer Bischöfe ein. Am 1. Dezember ließ der neue Papst die Bulle Quantum praedecessores verbreiten, in der er – nach einer kurzen Würdigung des erfolgreichen Ersten Kreuzzuges und der mittlerweile recht kritischen Lage im Heiligen Land – zu einem erneuten Kreuzzug aufrief und dessen Teilnehmern einen Sündenablass in Aussicht stellte, der umfassender sein sollte als der von Urban II. gewährte. Außerdem versprach Eugen den Kreuzfahrern, in ihrer Abwesenheit für den Schutz ihres Besitzes zu sorgen, erklärte ein Moratorium der Schuldzinsen und erleichterte wie schon Urban II. die Geldbeschaffung durch Landverkauf zur Deckung der Kosten.
Obwohl man heute nicht mehr mit Sicherheit sagen kann, Quantum praedecessores sei der erste schriftliche Aufruf eines Papstes zum Kreuzzug gewesen, weil Calixt II. Eugen in dieser Hinsicht zuvorgekommen sein könnte, ist die Bulle durch ihre sorgfältige Darlegung der Kreuzfahrerprivilegien für alle späteren Aufrufe dieser Art zum Vorbild geworden. Adressiert war sie an den König von Frankreich, aber es ist unklar, ob sie dort schon angekommen war, als es zu der folgenden Entwicklung kam: Die Nachricht vom Fall Edessas hatte Frankreich durch zwei unabhängige Gesandtschaften aus Antiochia und Jerusalem erreicht. Ludwig VII. gehörte unter den Königen Frankreichs im Mittelalter sicherlich zu den interessantesten: großherzig und angenehm im Umgang, fromm und ernsthaft war er ein loyaler Sohn der Kirche, aber er war nicht schwach, insbesondere, wenn es um königliche Rechte ging. In mancher Hinsicht verkörperte Ludwig bereits jene Kombination von Geradlinigkeit und Stärke, die in seinem Urenkel Ludwig IX. zu so starker Ausprägung gelangen sollte. Vermutlich hatte Ludwig VII. bereits mit dem Gedanken gespielt, eine Pilgerreise nach Jerusalem zu unternehmen. Womöglich fürchtete er auch, dass ihm, bliebe er untätig, der Montlhéry-Clan zuvorkommen könnte, denn schließlich waren die Montlhéry mit den Grafen von Edessa verwandt. Zu Weihnachten 1145 stellte der König jedenfalls in Bourges, wo er die Bischöfe und Edelleute seines Reiches in größerer Zahl als üblich versammelt hatte, seinen Plan zur Unterstützung der Christen im Orient vor. Der Bischof von Langres hielt eine Predigt, in der er alle Anwesenden dazu aufrief, den König bei seinem Vorhaben zu unterstützen. Die Reaktion der Hofgesellschaft war nicht gerade enthusiastisch, und so einigte man sich darauf, am kommenden Osterfest erneut über dieses Thema zu diskutieren und zuvor Bernhard von Clairvaux um seine Meinung zu bitten.
Bernhards Eingreifen veränderte die Situation von Grund auf. Schließlich war er zu jener Zeit die vielleicht einflussreichste Persönlichkeit in der westlichen Kirche. Er hatte entscheidend zur Verbreitung des reformierten Benediktinertums der Zisterzienser beigetragen – der modernsten Form klösterlichen Lebens zur damaligen Zeit. Er hatte den Sieg Papst Innozenz’ II. über seinen Rivalen Anaklet bewerkstelligt, und der neue Papst Eugen III. war einer seiner Mönche und sein Schüler gewesen. Bernhard war außerdem der bedeutendste Prediger seiner Zeit, der als furchtloser und brillanter Redner und Verfasser theologischer Abhandlungen weithin berühmt war. Kurz: Bernhard von Clairvaux befand sich auf dem Höhepunkt seines Ruhms. Kein Wunder, dass König Ludwig den Abt zurate zog, „wie man ein göttliches Orakel befragt“. Es war abzusehen, dass Bernhard dem Vorhaben des Königs seine Unterstützung gewähren würde – schließlich hatte er seinen beträchtlichen Einfluss bereits zugunsten der Templer eingesetzt –, doch zunächst einmal antwortete er, wie es seine Art war, dass eine Angelegenheit von derartiger Bedeutung allein der Papst entscheiden könne. Damit stellte Bernhard sicher, dass die Initiative zum Kreuzzug weiterhin vom Papst ausging. Die Antwort Papst Eugens bestand darin, seine Bulle Quantum praedecessores am 1. März 1146 mit minimalen Änderungen erneut in Umlauf zu bringen; außerdem beauftragte er Bernhard von Clairvaux, den Kreuzzug nördlich der Alpen zu predigen. Bei Vézelay im Burgund kam es am 31. März 1146 zu einer dramatischen Szene, die sich – ganz wie jene frühere des Konzils von Clermont – auf freiem Feld vor der Stadt abspielte. Bernhard verlas vor einem großen Publikum die päpstliche Bulle und hielt sodann die erste seiner Kreuzzugspredigten mit Ludwig an seiner Seite, der ein vom Papst übersandtes Kreuz trug. Die Zuhörer gerieten in eine solche Begeisterung, dass Bernhard der Stoff für Kreuze ausging. Mit wohl bewusster Theatralik riss er daraufh in Stoffstücke von seinem eigenen Gewand ab, um daraus Kreuze zu machen. Nach dem Auftakt in Vézelay begann er, in Schriften und Predigten vehement für den Kreuzzug zu werben. Die überlieferten Briefe gehören zu der kraftvollsten Kreuzzugspropaganda aller Zeiten. Indem er eine hochentwickelte Theorie von der Vergebung der Sünden mit einer unglaublich fesselnden Beschreibung des Kreuzzuges als einer von Gott gegebenen Chance zur Erlösung sündiger und gewalttätiger Männer verbindet:
Dieses Zeitalter gleicht keinem vorangegangenen. Eine neue Fülle göttlicher Gnade senkt sich vom Himmel herab, und selig sind die, die in diesem Gott wohlgefälligen Jahr auf Erden wandeln, diesem Jahr der Vergebung, diesem wahren Jubeljahr. Ich sage euch: Der Herr hat so an keinem anderen Geschlecht vor euch gehandelt, noch hat er unseren Vätern eine solche Gnadenfülle verheißen. Schaut, wie geschickt er anhebt, euch zu retten! Betrachtet die Tiefe seiner Liebe und staunt, ihr Sünder! Er schafft ein Bedürfnis, eine Notwendigkeit – er schafft dies oder gibt vor es zu haben – während er doch euch in euren Nöten helfen will. Dieser Plan ist kein Menschenwerk, sondern er kommt vom Himmel und entspringt dem Herzen der göttlichen Liebe.
An anderer Stelle spielt Bernhard auf die Vorstellung an, das Heilige Land sei das rechtmäßige Eigentum Christi:
Die Erde hat gebebt und gezittert, denn der Herr hat sein Land dahinschwinden lassen. Sein Land, sage ich, wo er zu sehen war und mehr als dreißig Jahre lang unter Menschen gelebt hat. Sein Land, dem er durch seine Geburt die Ehre erwies, das er mit seinen Wundertaten geschmückt, mit seinem Blut geweiht und durch sein Begräbnis bereichert hat. Sein Land, in dem die Stimme der Turteltaube erklang, als der Sohn der Jungfrau ein Leben in Keuschheit gepriesen hat. Sein Land, wo die ersten Blüten seiner Auferstehung gesprossen sind.
Auffällig ist an dieser Passage die ständige Wiederholung der Worte „sein Land“ (Terram suam), die Bernhards Plädoyer wie der Schlag einer Trommel vorantreiben. Vermutlich wollte Bernhard seinen Zuhörern die Bedeutung ihres eigenen Landbesitzes ins Gedächtnis rufen und damit die Notwendigkeit, das Erbe Christi zu beschützen.
Bald wurde Bernhard nach Nordfrankreich und Deutschland gerufen, um dort die Erregung zu bändigen, die ein anderer Zisterziensermönch namens Radulf durch seine Predigten ausgelöst hatte. Radulfs nicht autorisierte Aktivitäten verursachten gewaltsame Ausschreitungen gegen Juden, wie sie schon den Ersten Kreuzzug auf schreckliche Weise begleitet hatten. Im November kam Bernhard nach Frankfurt, wo der römischdeutsche König Konrad III. gerade Hof hielt. Konrad war ein weiterer bemerkenswerter Herrscher: umsichtig, aufrichtig, klug, fromm, mutig und arbeitsam, und er hatte bereits in früherer Zeit Interesse an der Kreuzzugsbewegung gezeigt, ja 1124 sogar selbst das Kreuz genommen; allerdings war das römisch-deutsche Reich in jenen Jahren von innerem Streit zerrissen, und einflussreiche Kreise, gegen die sich Konrad niemals ganz durchsetzen sollte, hatten sich seiner Thronbesteigung entgegengestellt. Konrad muss klar gewesen sein, dass er ein Risiko eingehen würde, wenn er sich an die Spitze der deutschen Kreuzfahrer stellte, die nun in großer Zahl zum Zug in den Orient bereit waren, nun, da die Begeisterung eine Eigendynamik entwickelte und auch Italien und England erfasste. Doch nach einer dramatischen Predigt, die Bernhard zu Weihnachten 1146 am Königshof zu Speyer hielt und in einem sehr persönlichen und anklagenden Appell an den römisch-deutschen König gipfeln ließ, nahm Konrad das Kreuz – Bernhard hatte auf Konrads Aussichten am Tag des Jüngsten Gerichts hingewiesen, wenn er dem Ruf Christi nicht folgen sollte.
Die zwei mächtigsten Herrscher Westeuropas widmeten sich nun dem Kreuzzug, der immer mehr zu einem echten Großunternehmen zu werden schien. Zugleich ähnelte er dem ambitionierten Vorhaben, das Calixt II. ein Vierteljahrhundert zuvor verfolgt hatte, diesmal allerdings in einem noch größeren Maßstab. Papst Eugen III. kam der Bitte Alfons’ VII. von Leon und Kastilien nach, den Kreuzzug auf die Iberische Halbinsel auszudehnen, und erlaubte den Genuesen sowie den Einwohnern der südfranzösischen Hafenstädte die Teilnahme an diesem Feldzug. Dann verlangten bei einer Versammlung, die vom 11. bis 23. März 1147 in Frankfurt zusammentrat, einige deutsche Kreuzfahrer, ihren Kreuzzug nicht gegen die Muslime, sondern gegen die heidnischen Wenden östlich der Elbe führen zu dürfen. Die meisten dieser Männer waren Sachsen; mit ihrer Forderung verliehen sie Ideen Ausdruck, die schon zu Beginn des Jahrhunderts in Sachsen geäußert worden waren. Bernhard stimmte ihrem Vorschlag zu und überzeugte den Papst, mit dem er am 6. April in Clairvaux zusammentraf, dies offiziell zu genehmigen. Bernhards Eintreten für den Krieg an einem neuen Schauplatz verblüfft, untersagte er den christlichen Kämpfern doch, mit den Wenden irgendeine Form von Waffenstillstand zu schließen, „bevor nicht, mit Gottes Hilfe, entweder ihre Religion oder ihre Nation ausgelöscht ist“. Diese extreme Aussage, die – wenn auch etwas weniger eindeutig – in Papst Eugens Autorisierung des Wendenkreuzzuges wieder auftaucht, wirkt wie der Aufruf zu einem Missionskrieg und entspricht damit einem zur damaligen Zeit schon lange etablierten Aspekt des deutschen Drangs nach Osten. Sie ist niemals befriedigend erklärt worden, zumal Bernhard von Clairvaux sich bei anderer Gelegenheit gegen eine gewaltsame Missionierung ausgesprochen hat. Eines der Probleme, die sich bei der Beschäftigung mit Kreuzzugspropaganda ergeben, erwächst aus dem grundlegenden Widerspruch zwischen dem Wunsch der Bekehrung – oder vielleicht auch der Überzeugung, der Erfolg eines Kreuzzuges werde günstige Voraussetzungen dafür schaffen – und jener christlichen Tradition, derzufolge Ungläubige niemals zur Taufe gezwungen werden dürfen und lediglich davon überzeugt werden sollen, ihrem Irrglauben abzuschwören. Da sie ein Publikum erreichen mussten, das wenig Sinn für Feinheiten hatte, ließen sich Bernhard, Eugen und andere Propagandisten der Kreuzzüge im deutschen Grenzgebiet zu Aussagen hinreißen, die theologisch mehr als fragwürdig waren.
Eine weitere Bulle Papst Eugens III., Divina dispensatione, wurde am 11. April 1147 in Troyes in Umlauf gebracht. Dieser Text lässt die Strategie erkennen, die sich langsam abzeichnete, denn er verweist einerseits auf die Kreuzzüge in den Orient und auf die Iberische Halbinsel, enthält aber andererseits auch die Genehmigung des deutschen Feldzuges gegen die Wenden. Es ging nun also um einen Kreuzzug von gigantischen Ausmaßen. Schließlich sollten gleich fünf Heere in den Nahen Osten aufb rechen: neben jenen des französischen Königs Ludwig VII. und des römisch-deutschen Königs Konrad III., des Grafen Amadeus III. von Savoyen und des Grafen Alfons Jordan von Toulouse auch ein flandrisch-englisches Kontingent, das auf dem Weg in das Heilige Land den König von Portugal bei der Eroberung von Lissabon unterstützte. Vier weitere Heere zogen im Nordosten Europas ins Feld: eine dänische Streitmacht, die sich dem Heer Heinrichs des Löwen und des Erzbischofs von Bremen anschloss, sowie zwei weitere Kontingente unter der Führung des Markgrafen Albrecht von Brandenburg bzw. eines Bruders des Herzogs von Polen. Auf der Iberischen Halbinsel wurden vier Kampagnen geführt: Die Genuesen griffen Menorca an, Alfons VII. von León und Kastilien Almería, der Graf von Barcelona Tortosa und der portugiesische König Alfons I. Santarém und Lissabon. Zeitgenossen wie Helmold von Bosau betrachteten alle diese Kriegszüge als Teile eines einzigen Unternehmens: „Ihren Urhebern erschien es sinnvoll, einen Teil ihres Heeres in die Gegenden des [Nahen] Ostens zu entsenden, einen anderen nach Spanien und den dritten zu den Slawen, die in unserer Nähe leben.“ Zugleich brach – obwohl dies offiziell nicht Teil des Kreuzzuges war – eine mächtige normannische Flotte von Sizilien auf und dehnte den Herrschaftsbereich König Rogers II. auf die nordafrikanische Küste vom libyschen Tripolis bis nach Tunis aus. Seit dem Untergang des Römischen Reiches hatte man so etwas nicht mehr gesehen.
In vielerlei Hinsicht wurde der Zweite Kreuzzug mit großer Sorgfalt vorbereitet. Der Papst unterstützte Bernhards Bemühungen, durch Predigtreisen Teilnehmer zu gewinnen, und machte sich seinerseits auf den Weg. Beide Männer repräsentierten dabei – wenn sie auch leicht unterschiedliche Ansichten zu Buße und Vergebung vertreten haben mögen – eine weit fortgeschrittene Ablasstheologie. Wie bereits erörtert wurde, war der Ablass Urbans II. ganz einfach eine Garantie, dass die auf dem Kreuzzug geleistete „Bußarbeit“ hinreichend beschwerlich sein würde, um als vollständige Sühne gelten zu können. Bei Eugen und Bernhard verschob sich der Akzent nun weg von der selbst auferlegten Strafe des reuigen Sünders hin zu Gottes maßloser Güte. Dem Papst kam es zu, den Ablass als Frucht dieser Güte durch seine „Schlüsselgewalt“ als Nachfolger Petri zu bestätigen und den Sündern, die eine Bußleistung auf sich genommen hatten, als Belohnung zuzusprechen:
Wenn du ein kluger Kaufmann bist, wenn du ein Mann bist, der am Handel dieser Welt seinen Anteil sucht, so will ich dich zu gewissen großen Märkten führen – säume nicht, dass dir die Gelegenheit nicht entgeht! Nimm das Zeichen des Kreuzes, und du wirst in gleichem Maße Vergebung für all die Sünden erlangen, die du reuigen Herzens bekannt hast. Wenn der Stoff verkauft wird, bringt er nicht viel ein; wenn er aber auf einer treuen Schulter getragen wird, ist er wahrlich das Reich Gottes wert.
Wie William Purkis überzeugend dargelegt hat, wichen Eugen und Bernhard von den Ideen ab, die zur Zeit des Ersten Kreuzzuges in Umlauf gewesen waren, indem sie in der Verpflichtung, das Kreuz zu nehmen, nicht den Wunsch sahen, Christus nachzufolgen – in ihren Augen waren die Brüder der Ritterorden Nachfolger Christi –, sondern ein Zeichen dafür, dass der betreffende Mann sich der Gnade Gottes unterwarf.
Außerdem machten sie sich den Stolz auf die Erfahrungen früherer Generationen von Kreuzfahrern zunutze, die in das kollektive Gedächtnis mancher Geschlechter eingeschlossen waren:
Man wird es als deutliches Zeichen des Edelmutes und der Aufrichtigkeit erkennen, wenn jene Dinge, die durch die Mühen eurer Väter gewonnen wurden, von euch, ihren guten Söhnen, nach Kräften verteidigt werden. Wenn es aber, was Gott verhüten möge, anders kommen sollte, dann hätte sich die Tapferkeit der Väter in ihren Söhnen verringert.
Der Erfolg dieser Propagandabemühungen zeigte sich einerseits an dem ganz allgemein starken Zulauf – der sogenannte Zweite Kreuzzug war bei Weitem der größte seit dem Ersten Kreuzzug von 1095 –, ganz besonders jedoch auch an dem hohen Anteil von Teilnehmern, deren Familien bereits bei früheren Gelegenheiten Kreuzfahrer gestellt hatten. Das lässt vermuten, dass sich bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts eine Art Pool potenzieller Kreuzfahrer gebildet hatte, zu dem vor allem jene Familien beitrugen, deren Mitglieder sich schon zur Zeit des Ersten Kreuzzuges beteiligt hatten – auch, wenn diese Beteiligung inzwischen eingeschlafen war. In diesem Stadium entwickelte sich die Kreuzzugsbewegung genauso stark unter der Oberfläche im kollektiven Bewusstsein bestimmter adliger Familien wie in der Tat und im Denken der Theoretiker.
Papst Eugen ernannte die Kardinäle Dietwin von Porto und Guido von San Crisogono zu seinen Legaten im Heer des französischen Königs; die Bischöfe Arnulf von Lisieux, Gottfried von Langres und Alois von Arras sollten ihnen zur Seite stehen. Zum päpstlichen Bevollmächtigten für den Wendenkreuzzug wurde der Bischof Anselm von Havelberg ernannt, dem der Bischof Heinrich von Olmütz – ursprünglich als Legat für das Heer Konrads III. vorgesehen – und Wibald von Stablo, Abt der Reichsabtei Corvey, assistierten. König Ludwig von Frankreich und Papst Eugen schrieben an die Könige von Ungarn und Sizilien sowie an den byzantinischen Kaiser Manuel I., setzten diese von dem geplanten Kreuzzug in Kenntnis und baten sie um Proviant und freien Durchmarsch in Richtung Jerusalem. Manuel reagierte zögerlich, schlug in einem Brief an den Papst vor, die Kreuzfahrer sollten ihm dieselben Treueide schwören, die ihre Vorgänger gegenüber Kaiser Alexios geleistet hatten, und forderte in einem anderen Schreiben die Franzosen auf, die Unversehrtheit seines Reiches zu garantieren und den Byzantinern jene Städte zurückzugeben, die sich einst unter deren Herrschaft befunden hatten. Ludwig VII. nahm langwierige Verhandlungen mit den Institutionen seines Reiches auf, um die Finanzierung des Kreuzzuges zu sichern. Konrad III. sorgte dafür, dass die Straßen im römisch-deutschen Reich verbessert und Brücken instandgesetzt wurden. Sowohl in Frankreich als auch in Deutschland fanden feierliche Versammlungen statt, auf denen die Planungen diskutiert wurden. Und doch hatte man, bei aller Gründlichkeit der Planung, etwas Wesentliches vergessen: Es gab keine Beratungen mit den Herrschern des lateinischen Ostens. Zwölf Jahre später sollte Papst Hadrian IV. den französischen König mit deutlichen Worten an dieses Versäumnis erinnern und ihm ins Gedächtnis rufen, welche schlimmen Folgen sich daraus ergeben hatten. Die einzig mögliche Erklärung scheint die folgende: Ludwig und Konrad wollten ihren Kreuzzug zwar mit einer Wallfahrt nach Jerusalem beenden, sie beabsichtigten jedoch, durch Anatolien hindurch und am Fürstentum Antiochia vorbei direkt nach Edessa zu ziehen.
Daran dachten wohl auch die Teilnehmer einer französischen Versammlung, die am 16. Februar 1147 in Étampes zusammentrat und bei der die endgültige Marschroute für den Kreuzzug nach Edessa festgelegt werden sollte. Zwei Varianten standen zur Diskussion: Entweder man marschierte auf der Landroute über den Balkan, Konstantinopel und Kleinasien; oder man fuhr zu Schiff von Sizilien aus. Konrad III., dessen Beziehungen zu Roger II. von Sizilien alles andere als freundschaftlich waren, hatte bislang wohl nur den Landweg in Betracht gezogen – was auch sinnvoll erscheint, setzt man Edessa als vorrangiges Marschziel an. In Étampes kam es nun zu Meinungsverschiedenheiten und einer hitzigen Debatte. Es scheint, dass die eine Seite, mit der Unterstützung einer Gesandtschaft Rogers von Sizilien, dem König von Frankreich entschieden davon abriet, nach Konstantinopel zu ziehen und sich damit den Byzantinern auszuliefern, aber man einigte sich auf den Landweg und setzte den 15. Juni 1147 als Aufb ruchstermin fest. Die Teilnehmer einer deutschen Versammlung am 13. März in Frankfurt wurden von der Entscheidung der Franzosen unterrichtet, kündigten an, durch Ungarn marschieren zu wollen, und legten, da sie einige Wochen Vorsprung vor dem französischen Heer haben wollten, für ihren Aufbruch die Mitte des Monats Mai fest. Beide Heere, die – wie jene des Ersten Kreuzzuges – neben bewaffneten Kreuzfahrern auch eine große Zahl unbewaffneter Pilger in ihren Reihen hatten, sollten sich in Konstantinopel zusammenschließen.
Mitte Mai brachen die Deutschen pünktlich auf und zogen über Regensburg und Wien nach Ungarn, dessen König man davon überzeugt hatte, dass ihr Durchzug friedlicher verliefe, wenn er Konrad eine von der ungarischen Kirche erhobene große Geldsumme überließe, mit der die Kreuzfahrer dann ihren Proviant bezahlen könnten. Diese Maßnahme, die vermutlich auf das Drängen einiger Kreuzfahrer zurückzuführen ist, welche um die Erlebnisse ihrer Vorgänger wussten, bewirkte tatsächlich, dass es zu keinerlei größeren Zwischenfällen kam. Bald erreichte das deutsche Heer die Grenze zum Byzantinischen Reich. Dessen Kaiser Manuel verstand sich gut mit König Konrad III., denn beide hatten sich miteinander gegen die süditalienischen Normannen verbündet. Außerdem hatte der Kaiser kürzlich mit Berta von Sulzbach eine Verwandte und vermutlich Adoptivtochter des römisch-deutschen Königs geheiratet. Die Deutschen fürchtete Manuel nicht, und im Unterschied zu den Franzosen begegnete er ihnen nicht mit Misstrauen. Seine Abgesandten ließen Konrad und seine Kreuzfahrer daher lediglich schwören, dass sie den Interessen des byzantinischen Kaisers in keiner Weise schaden würden. Danach wurde ihnen Proviant zugesagt, und sie durften über Niš, Sofia, Plovdiv und Adrianopel (Edirne) nach Konstantinopel weiterziehen. Auf dem Weg gab es zwar keine größeren Zwischenfälle, aber doch einige Plünderungen und Scharmützel der Kreuzfahrer mit den byzantinischen Begleittruppen.
Manuel verstand sich zwar gut mit Konrad, aber er war nicht leichtsinnig. Wie sein Großvater Alexios beabsichtigte er, mit den Anführern des Kreuzzuges einzeln zu verfahren und sie mit ihren Heeren so schnell wie möglich über die Meerenge nach Asien setzen zu lassen. Ursprünglich hatte er Konrad sogar an Konstantinopel vorbeischleusen und die Dardanellen bei Sestos queren lassen wollen. Konrad sträubte sich zunächst – wahrscheinlich wollte er seine Verabredung mit Ludwig VII. nicht versäumen –, aber nach etwa drei Wochen in Konstantinopel stimmte er Ende September dann doch zu, sich über den Bosporus setzen zu lassen, vielleicht weil die Byzantiner ihn um Hilfe gegen Roger von Sizilien gebeten hatten, der in Griechenland eingefallen war. Diese Bitte brachte Konrad in Verlegenheit, und so überquerte sein Heer, ergänzt um ein kürzlich erst eingetroffenes Kontingent aus Lothringen, die Meerenge und brach in das Landesinnere Kleinasiens auf. Bei Nicäa sammelten die Deutschen Verpflegung für den Marsch nach Konya. Aber Konrads Heer war so groß – seine Anhänger hatten von seinem eigentlich recht sinnvollen Vorschlag, die unbewaffneten Pilger separat nach Jerusalem zu schicken, nichts hören wollen – und sein Marschtempo so niedrig, dass seine Vorräte bald schon wieder aufgebraucht waren. Irgendwo in der Gegend, in der 1097 der Sieg von Doryläum errungen worden war, gerieten die Deutschen in einen Hinterhalt und erlitten eine Niederlage. Der deutsche Rückzug wurde zur wilden Flucht, während die türkischen Verfolger nach Belieben in die Reihen der Deutschen vorstießen. Anfang November erreichten die Überreste von Konrads Streitmacht das vergleichsweise sichere Nicäa. Die meisten Kreuzfahrer wollten nun nach Hause zurückkehren, wodurch sich Konrad gezwungen sah, Ludwig VII. durch Boten um Hilfe zu bitten.
Am 11. Juni hatte der französische König in der Abteikirche von Saint-Denis die Reliquien des heiligen Dionysius verehrt, unter dessen Schutz er sich den ganzen Kreuzzug über glaubte, hatte die Oriflamme, das heilige Kriegsbanner seines Königreiches, erhalten und von Papst Eugen III. persönlich die Pilgertasche empfangen. Von Metz, dem vereinbarten Treffpunkt der französischen Kreuzfahrer, zog der König mit seinem Heer über Worms nach Regensburg, wo der Tross auf Schiffe verladen und von dort, die Donau abwärts, bis nach Bulgarien transportiert wurde. Das Heer selbst folgte dem Weg, den die Deutschen genommen hatten. Der ungarische König, zu dem Ludwig VII. gute Beziehungen unterhielt, stattete die Franzosen mit reichlichem Proviant aus. In der Folge sollte es Ludwig gelingen, seine Männer auch auf byzantinischem Gebiet immer gut versorgt zu halten – auch wenn er dafür tief in die eigene Tasche greifen musste. Am 4. Oktober erreichten sie Konstantinopel. Wie zuvor schon Konrad weigerte sich Ludwig, an der byzantinischen Reichshauptstadt vorbeizuziehen. Den ganzen Marsch über war er gezwungen, mit Kaiser Manuel zu verhandeln, dessen Gesandte ihm bis nach Regensburg entgegen gekommen waren. Manuel wusste, dass die Franzosen Kontakt mit seinem Feind Roger von Sizilien gehabt hatten – tatsächlich war ein Teil der französischen Kreuzfahrer über Süditalien nach Konstantinopel gereist –, und es muss ihm klar gewesen sein, dass sich die Franzosen durch ihre Mentalität und Abstammung den Siedlern des lateinischen Ostens eng verbunden fühlten. Zu ihnen zählte nicht zuletzt auch der Fürst von Antiochia, der ein Onkel der französischen Königin war. Manuels Botschafter könnten ihm zudem etwa mitgeteilt haben, was ihnen unter dem Gefolge des Bischofs Gottfried von Langres zu Ohren gekommen war, der den Griechen äußerst feindlich gegenüberstand. Es überrascht daher nicht, dass der Kaiser den Franzosen strengere Auflagen machte als zuvor den Deutschen. Ludwigs Berater waren zwar bereit, auf die Einnahme von Städten oder Burgen auf byzantinischem Territorium zu verzichten; aber alle Orte, die früher einmal byzantinisch gewesen waren, nach der Einnahme abzutreten, wollten sie dann doch nicht versprechen – dies ist umso verständlicher, wenn ihr Ziel die Rückeroberung von Edessa war. Die Kreuzfahrer waren entsetzt, als sie etwa einen Tagesmarsch vor Konstantinopel erfuhren, Kaiser Manuel habe in Konya ein Bündnis mit dem türkischen Sultan geschlossen, durch dessen Gebiet sie ja würden ziehen müssen. Als sie vor den von Manuel verstärkten Mauern von Konstantinopel ihr Lager aufgeschlagen hatten, schlugen die Anhänger des Bischofs von Langres sogar vor, die byzantinische Hauptstadt anzugreifen.
Die Franzosen warteten noch zwei Wochen ab, denn sie wussten vom Aufb ruch weiterer Kreuzfahrer aus dem Westen. Gerüchte über Erfolge der vorausmarschierten Deutschen – die sich später als falsch heraustellten – sorgten für Unruhe unter den Wartenden. Schließlich blieb Ludwig keine andere Wahl, als einem Übergang über den Bosporus zuzustimmen. Auf der asiatischen Seite angekommen, hielten ihn jedoch weitere Verhandlungen mit den Griechen so lange auf, bis endlich die erwartete Verstärkung eingetroffen war. Das schließlich mit Kaiser Manuel geschlossene Abkommen sah dann keineswegs die Rückgabe ehemals byzantinischer Gebiete an die Griechen vor. Vielmehr huldigten die Kreuzfahrer dem byzantinischen Kaiser und versprachen, keine Orte anzugreifen, die sich unter byzantinischer Herrschaft befanden. Im Gegenzug wurden ihnen Proviant und ortskundige Führer versprochen, und die Griechen erkannten an, dass sie dort, wo kein Proviant zur Verfügung stand, würden plündern dürfen. In Nicäa erfuhren Ludwigs Leute von der verheerenden Niederlage der Deutschen, als sich ihnen Konrad und die Überreste seines Heeres dort anschlossen. Bei Esseron im Nordwesten Anatoliens wandten sie sich in Richtung Mittelmeer, weil ihnen der Marsch durch die byzantinisch beherrschten Gebiete entlang der Küste leichter und bezüglich der Proviantierung besser erschien als der Weg durch das Landesinnere. Allerdings bedeutete dies, Edessa als direktes Ziel des Kreuzzuges aufzugeben. Bei Ephesos kehrte Konrad, der erkrankt war, um und reiste nach Konstantinopel zurück. Die Franzosen marschierten weiter und kümmerten sich nicht um Warnungen, dass die Türken ein Heer zusammenzögen, um sich ihnen in den Weg zu stellen. Als sie am 3. oder 4. Januar 1148 in Eskihisar anlangten, waren ihre Vorräte bereits bedrohlich zur Neige gegangen; der Marsch nach Antalya – dort kamen sie am 20. Januar an – wurde zum wahren Höllengang. Immer wieder hatten sie unter türkischen Überfällen zu leiden, gegen die ihnen auch die ortsansässigen Griechen und die byzantinischen Garnisonen der Gegend nicht helfen wollten. Schließlich übernahmen die im Heer befindlichen Templer die Aufgabe, auf dem Marsch für Ordnung zu sorgen. In Antalya, jenseits des byzantinischen Territoriums und von jeglichem Nachschub abgeschnitten, fanden die französischen Kreuzfahrer kaum etwas an Proviant vor. Besonders schlimm betroffen waren ihre Pferde, die zu einem großen Teil verhungerten. Die Griechen versprachen, sie mit einer Flotte von Transportschiffen nach Antiochia zu bringen, die sich jedoch als viel zu klein erwies und nur einen Bruchteil des Heeres aufnehmen konnte.
Schließlich brach Ludwig zu Schiff nach Antiochia auf, nicht jedoch, ohne zuvor den verbliebenen Großteil seines Heeres so gut wie irgend möglich auf den strapaziösen Marsch über Land vorzubereiten. Nur wenige sollten ihn überleben. Es ist zu betonen, dass Ludwig und seine Männer zwar den größten Teil ihres Weges durch eine Gegend zurückgelegt hatten, die nominell unter byzantinischer Herrschaft stand, dass sie jedoch vonseiten der einheimischen Bevölkerung, der byzantinischen Regierung und ihren Vertretern kaum je Unterstützung erhielten. Die Überlebenden werden sich wohl an wenig mehr als gebrochene Versprechen und andere Enttäuschungen erinnert haben. Einige Zeitgenossen glaubten sogar, Manuels Furcht vor den Franzosen habe ihn dazu verleitet, aktiv deren Untergang zu betreiben. Die Franzosen hatten den Byzantinern schon vor ihrem Aufbruch in Frankreich misstraut, und ihre Erfahrungen auf dem Balkan und in Kleinasien bestätigten die Anklagen früherer Kreuzfahrer. Zurück blieb ein tiefsitzendes Gefühl der Verbitterung.
Schlossen sich Frauen einem Kreuzzug an, so konnten sie als Objekte der Verführung von Männern auf Ablehnung stoßen, weil letztere als Sünder auf Wallfahrt galten. Man riet den Frauen also von der Teilnahme am Kreuzzug ab. Trotzdem befand sich auf jedem Kreuzzug eine erhebliche Zahl von Frauen. Beim Marsch über Land konnten sich Frauen den Kreuzfahrerheeren leichter anschließen, denn wie hätte man sie auch daran hindern können? Ab dem späten 12. Jahrhundert reisten Frauen jedoch, wie es scheint, auch auf dem Seeweg mit. Eigentlich sollten sie sich nicht auf die Reise begeben, wenn sie nicht von ihren Brüdern oder Ehemännern begleitet wurden – wie etwa Eleonore von Aquitanien, die Gemahlin König Ludwigs VII. von Frankreich oder Margarete von der Provence, die Frau Ludwigs IX. von Frankreich, sowie Eleonore von Kastilien, die mit Eduard I. von England verheiratet war. Die meisten Frauen, die an Kreuzzügen teilnahmen, taten dies nicht in kämpfender Funktion. Eine hoch angesehene Ärztin namens Hersendis etwa begleitete König Ludwig IX. von Frankreich auf seinem Feldzug nach Ägypten und pflegte ihn, als er krank wurde. Manche Frauen haben jedoch bekanntermaßen gekämpft, und einige große Damen wie Gräfin Alix von Blois befehligten ihre eigenen Truppenkontingente. Die meisten Kreuzfahrerfrauen kümmerten sich jedoch in Abwesenheit ihrer Gatten um die Belange „an der Heimatfront“, was ihnen nicht selten große Opfer abverlangte. Man weiß auch, dass Frauen bisweilen eine Rolle bei der Rekrutierung neuer Kreuzfahrer gespielt haben, etwa indem sie eine Neigung zur Teilnahme am Kreuzzug aus ihrer eigenen Familie in die Familie ihres Mannes hinübertrugen. Auf diese Weise erhielten sie Familientraditionen und -gedenken aufrecht und engagierten sich in einigen Fällen – wie beispielsweise die heilige Birgitta von Schweden und die heilige Katharina von Siena im 14. Jahrhundert – auch aktiv für die Kreuzzugsbewegung. Sowohl im Heiligen Land als auch in ganz West- und Mitteleuropa gab es zudem Niederlassungen des Frauenordens der Johanniter. Zu diesen Johanniternonnen gibt es reiches Quellenmaterial, und sie beginnen, die Aufmerksamkeit der Forschung zu erregen. Obwohl man gleich klarstellen sollte, dass sie sich nicht der Kreuzzugsbewegung anschlossen – vielmehr führten sie meistens ein zurückgezogenes, der Kontemplation gewidmetes Leben –, trugen die Erlöse ihrer Ländereien doch zur Finanzierung der militärischen Aktivitäten des Ordens im Nahen Osten bei.
König Ludwig erreichte Antiochia am 19. März. Er weigerte sich jedoch, an irgendwelchen Kampfhandlungen in Syrien teilzunehmen und zog rasch nach Jerusalem weiter, um sein Gelübde zu erfüllen. Dort warteten bereits Konrad III. und die anderen deutschen Kreuzfahrer auf ihn, gemeinsam mit weiteren Neuankömmlingen aus dem Westen. Am 24. Juni beschloss ein in Akkon einberufener Kriegsrat, an dem christliche Herrscher und Adlige aus Europa und der Levante teilnahmen, einen Angriff auf Damaskus. Dieser Plan, der mit mehreren anderen diskutiert wurde, war durchaus nicht so tollkühn, wie oft behauptet wird. Die Zerschlagung der Kreuzfahrerheere in Kleinasien hatte jegliche Hoffnung auf eine Rückeroberung Edessas zunichte gemacht. Außerdem war Damaskus bereits in den Jahren 1126 und 1129 von den Lateinern belagert worden; der zweite Versuch war von Kreuzfahrern unterstützt worden. Auch gab es starke religiöse, strategische und auch vernünftige politische Argumente, die für eine Eroberung der syrischen Metropole sprachen: Der Aufstieg Zengis hatte bewiesen, wie gefährlich ein geeintes muslimisches Syrien sein konnte. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Zengis Sohn, Nur ad-Din, der gerade die Tochter des Regenten von Damaskus geheiratet hatte, die Herrschaft in der Stadt übernehmen würde – es sei denn, man käme ihm zuvor.
Mitte Juli versammelte sich das größte Heer, das die Lateiner bis dahin ins Feld geführt hatten, bei Tiberias. Die drei Könige Ludwig VII., Konrad III. und Balduin III. von Jerusalem teilten sich das Kommando. Damaskus hatte bereits Nur ad-Din und seinen Bruder um Unterstützung gebeten. Das christliche Heer näherte sich der Stadt von Westen, wo die Obsthaine der Vorstädte ihnen Holz, Nahrung und Wasser liefern konnten. Indem sie die Muslime am 24. Juli vom Ufer des Flusses Barada zurückdrängten, konnten die Angreifer sich eine gute Stellung für den geplanten Sturm auf die Stadt sichern. Dann jedoch trafen sie eine schlechte Entscheidung. Da sie wussten, dass die östliche Mauer von Damaskus einen Schwachpunkt in den Verteidigungsanlagen der Stadt darstellte, und außerdem mit dem Eintreffen muslimischer Entsatztruppen zu rechnen war, wodurch nur ein schneller Angriff Erfolg haben konnte, verlegten die Christen ihr Heerlager am 27. Juli an einen exponierten Ort, an dem es nur wenig Lebensmittel und überhaupt kein Wasser gab. So saßen sie in der Falle. Zwar mögen die Mauern am östlichen Stadtrand von Damaskus schon seit Längerem nicht mehr überholt worden sein, aber dem Angriff der Belagerer hielten sie stand. Auf die Westseite der Stadt konnten die Kreuzfahrer nun nicht mehr zurück, denn sie wurde rasch wieder von den Muslimen besetzt. Die Angreifer hatten sich in eine Lage gebracht, aus der sie sich nur noch zurückziehen konnten – und das taten sie dann auch.
Damit war der Kreuzzug beendet, und bittere Vorwürfe, sogar des Verrats, wurden erhoben, insbesondere gegenüber den Verantwortlichen im lateinischen Osten. Die Byzantiner wurden wegen ihres den Kreuzfahrern gegenüber in Kleinasien gezeigten Verhaltens rundweg verdammt, und es fachte die Griechenfeindschaft noch weiter an, dass ein sizilisches Schiffsgeschwader, mit dem der französische König und sein Gefolge in die Heimat zurückkehren wollten, unterwegs von byzantinischen Schiffen angegriffen wurde; schließlich befand sich Byzanz noch immer im Krieg mit Roger von Sizilien. König Ludwig entging nur knapp einer Gefangennahme. Seine Frau Eleonore von Aquitanien, deren Verhalten in Antiochia zur Zeit des Kreuzzuges einige Jahre später zur Annulierung der Ehe führte, befand sich an Bord eines anderen Schiffes und wurde eine Zeit lang von den Griechen festgehalten. Nach seiner Ankunft in Italien begann Ludwig unter Beteiligung von Roger II. und Papst Eugen III. mit der Planung eines erneuten Kreuzzuges. Dieser neue Feldzug sollte, ähnlich wie derjenige Bohemunds von Tarent, auf dem Weg nach Osten Rache an den Griechen üben.
In der Zwischenzeit hatte sich im Nordosten Deutschlands ein großes Heer unter der Führung Heinrichs des Löwen versammelt, das Mitte Juli 1147 in Artlenburg an der Elbe aufbrach, um die Wendenfestung Dobin zu belagern, wo dänische Truppen hinzustießen und das Heer der Angreifer verstärkten. Die Belagerung endete nach einem Ausfall der Wenden, die den Dänen schwere Verluste zufügten, ergebnislos mit einem Friedensvertrag, der Folgendes vorsah: Die Wenden sollten ihren Götzendienst zugunsten des Christentums aufgeben. Ihr Fürst Niklot jedoch sollte ein tributpflichtiger Verbündeter des Grafen Adolf von Holstein werden, mit dem er früher gute Beziehungen gepflegt hatte, bevor diese durch den Kreuzzug zerrüttet worden waren. Anfang August verließ der zahlenmäßig nicht zu unterschätzende Hauptteil der Streitmacht unter dem Befehl Albrechts des Bären Magdeburg und stieß, nachdem er die Elbe überquert hatte, plündernd auf feindliches Gebiet vor. Dann teilte sich das Heer: Der eine Teil begann eine – erfolglose – Belagerung von Demmin; der andere marschierte auf Stettin zu, das zu dieser Zeit allerdings schon christlich war.
Auf der Iberischen Halbinsel hatte der Kreuzzug deutlich größeren Erfolg. Die ersten Kreuzfahrer, die dorthin aufbrachen, stammten aus den Niederlanden, dem Rheinland, Nordfrankreich und England. Sie stachen von Dartmouth aus in See und trafen im Juni 1147 in Porto ein. Die Portugiesen, die drei Monate zuvor Santarém von den Mauren zurückerobert hatten, überredeten die Neuankömmlinge, sich an der Belagerung von Lissabon zu beteiligen, das am 24. Oktober erobert wurde. Im Osten der Halbinsel fiel am 17. Oktober Almería, der wichtigste andalusische Handelshafen für den Verkehr mit Nordafrika und der Levante, an ein Heer aus kastilischen, aragonesischen, südfranzösischen, genuesischen und pisanischen Truppen. Gegen Ende des Jahres 1148 eroberten aragonesische, südfranzösische und genuesische Kreuzfahrer zudem Tortosa; im Herbst 1149 gelang es ihnen, mit Lérida, Fraga und Mequinenza die letzten muslimischen Vorposten in Katalonien zu besetzen.
Der iberische Kreuzzug blieb allerdings das einzige erfolgreiche Unternehmen des Zweiten Kreuzzuges, wie schon die Zeitgenossen – voller Stolz auf die Leistung ihrer Landsleute vor allem die Engländer – betonten. Andernorts waren die Ergebnisse der geführten Feldzüge trotz enormer Kraftanstrengungen wertlos. Dies stürzte die Kreuzzungsbewegung in solche Tiefen der Verzweiflung, wie sie erst im 15. Jahrhundert wieder erreicht wurden. Eine Strategie dieses Ausmaßes wurde denn auch niemals wieder verfolgt. Zwei deutsche Kommentatoren äußerten sogar die Vermutung, das ganze Vorhaben habe von Anfang an unter einem Fluch gestanden. Ein Würzburger Chronist schreibt, der Kreuzzug sei ein Werk des Teufels gewesen, ein Aufruhr gegen Gottes gerechte Strafen, den „falsche Propheten, Söhne Belials und Anhänger des Antichrist“ ausgelöst hätten, „die durch törichte Worte gute Christen irregeführt und durch eitle Predigten aller Art Leute mit sich gezogen haben“. Für Gerhoch von Reichersberg bestand eine Verbindung zwischen den Misserfolgen und dem Wirken des Antichrist in der Welt. Die lateinischen Siedler in der Levante hätten sich der Habgier schuldig gemacht, und die Kreuzfahrer, die vom geraden Weg abgewichen seien, habe Gott selbst betrügerischen Predigern und falschen Wundern ausgesetzt, um sie weit im Osten zugrundegehen zu lassen. Andere Kommentatoren griffen die Interpretationen der katastrophalen Niederlagen von 1101 auf und erklärten das Scheitern im Osten als göttliche Strafe für das frevlerische Verhalten der Kreuzfahrer auf ihrem Feldzug; die Erfolge auf der Iberischen Halbinsel schrieben sie konsequenterweise der Demut der dortigen Kreuzfahrer zu. In diesem Sturm der Ablehnung und Verleumdung stechen zwei Zisterzienser, die in führender Position selbst am Kreuzzug teilgenommen hatten, als Beispiele an Würde und Nachsicht heraus: Der Bischof Otto von Freising, ein Halbbruder Konrads III. und Heerführer eines der deutschen Kontingente in Kleinasien, erklärte das Scheitern ihres Vorhabens durch die zwar unerforschlichen, aber immer gütigen Ratschlüsse Gottes: „Obwohl unser Feldzug weder der Ausdehnung der Grenzen gedient hat noch angenehm für unsere Körper gewesen ist, so war er doch gut zur Rettung vieler Seelen.“ Ähnlich äußerte sich Bernhard von Clairvaux, der „falsche Prophet“, auf den – sehr verletzend, aber erwartungsgemäß – Schuld und Schande fielen. Bernhard veranlasste das Scheitern des Kreuzzuges zu einer der scharfsinnigsten Darlegungen über die Gottergebenheit in der christlichen Literatur:
Wie kann ein Menschenwesen nur so voreilig sein und wagen, etwas zu verurteilen, das es doch selbst nicht im Mindesten versteht? Es mag uns ein Trost sein, wenn wir uns daran erinnern, welche Strafen der Himmel von alters her verhängt hat. … Denn … wahrlich, die Herzen der Sterblichen sind so beschaffen: Wir vergessen, wenn wir es benötigen, was wir wissen, wenn wir es nicht benötigen. … Gottes Versprechen beeinträchtigen nicht Gottes Gerechtigkeit.
Das Scheitern des Zweiten Kreuzzuges läutete unter den Christen Westeuropas eine Phase der Entmutigung ein, die sich vor allem darin ausdrückte, dass die Kreuzzugsbewegung annähernd vierzig Jahre lang völlig zum Erliegen kam. Bernhard von Clairvaux und Eugen III. mochten die Autorität des Papstes in Fragen der Kreuzzüge durchgesetzt haben; jedoch dürfte deren tatsächlicher Nutzen selbst Eugens Nachfolgern fraglich gewesen sein. Nach der Rückkehr Ludwigs VII. aufgenommene Planungen zu einem weiteren Kreuzzug führten zu nichts. Gewiss: Im lateinischen Osten kam es mehrmals zu krisenhaften Situationen, in denen stets eine Gesandtschaft gen Westen aufb rach, um militärische Unterstützung zu erbitten. Die meisten Hilfsgesuche richteten sich, wegen dessen weithin bekannter Frömmigkeit und Einsatzbereitschaft, an Ludwig VII. von Frankreich. Besonders interessante Beispiele für Öffentlichkeitsarbeit finden sich in der Regierungszeit König Amalrichs von Jerusalem, der Ludwig VII. die Schlüssel der Stadt Jerusalem überbringen ließ und damit auf ein Angebot anspielte, das dreieinhalb Jahrhunderte zuvor der Patriarch von Jerusalem Karl dem Großen gemacht hatte. Als Reaktion veröffentlichten die Päpste, wie schon 1120 und 1145, wiederholt Sendschreiben, in denen sie die Gläubigen offiziell zum Kreuzzug aufriefen – so geschehen in den Jahren 1157, 1165, 1166, 1168 und wahrscheinlich auch 1173, 1181 und 1184. Es wäre falsch, diese Aufrufe als gänzlich wirkungslos zu bezeichnen. 1166 planten Heinrich II. von England und Ludwig VII. von Frankreich die Erhebung einer Kreuzzugs-Sondersteuer auf Einkünfte und Vermögen, die dem „Saladinszehnten“ des Jahres 1188 ähnelte; einiges Geld wurde schließlich nach Jerusalem geschickt. Auch zogen sehr wohl einige kleinere Heere in den Nahen Osten – so etwa dasjenige Philipps von Flandern im Jahr 1177. Im Großen und Ganzen stießen die päpstlichen Appelle jedoch auf taube Ohren, und das aus gutem Grund: Solange sich Jerusalem sowie der größte Teil des seit Beginn des 12. Jahrhunderts eroberten Territoriums noch in der Hand der Lateiner befanden, stellten Kreuzzüge – also große Heerzüge von Freiwilligen auf Zeit, die nach Erfüllung ihrer Gelübde in ihre Heimat zurückkehrten – keine Lösung für die Notlage der lateinischen Siedler dar. Was die Siedler brauchten, war nämlich nicht die Eroberung neuer Gebiete, sondern eine Verstärkung der permanent im Lande verbleibenden Garnisonen, die allein für einen effektiven Schutz der bereits besetzten Territorien sorgen konnten. Das erklärt, warum in jenen Jahren ein so starker Akzent auf einem Ausbau der ständigen Verteidigungskräfte in den lateinischen Gebieten gelegen hat. Beispielsweise versprach 1172 der englische König Heinrich II. als Teil der Buße für den Mord an Thomas Becket, für ein Jahr die Stationierung von 200 Rittern in Jerusalem zu finanzieren. Außerdem musste aus europäischer Perspektive das Königreich Jerusalem bis etwa 1170 als ziemlich stark erscheinen; immerhin waren die Könige von Jerusalem durchaus dazu in der Lage gewesen, zur Ausdehnung ihres Machtbereiches eigene Feldzüge zu unternehmen.
Die Päpste, die vergeblich versuchten, Christen zum militärischen Engagement in der Levante zu bewegen, vermieden es, sich an anderen Schauplätzen einzumischen. Andernorts ging die Kriegführung nämlich – schubweise – ebenfalls weiter, ob sie nun mit dem Ehrentitel „Kreuzzug“ versehen wurde oder nicht, was Historiker bei dem Versuch, in diesem ständigen Blutvergießen zwischen Kreuzzügen und anderen Kriegen zu unterscheiden, vor große Probleme stellt. So wurde etwa der Ablass für militärischen Einsatz bisweilen noch immer ohne offizielle päpstliche Autorisierung vergeben; in Spanien taten dies päpstliche Legaten und sogar bloße Bischöfe. Die Synode von Segovia ging 1166 so weit, denselben Sündenerlass, der den Jerusalempilgern zustand, auch jenen zu versprechen, die Kastilien gegen, wie es scheint, christliche (!) Invasoren verteidigten. Den Teilnehmern an der Verteidigung von Huete, die 1172 einen Höhepunkt der Maurenkriege jener Zeit markierte, wurde die Vergebung ihrer Sünden gewährt, obwohl dafür offenbar keine schriftliche Beglaubigung vorlag. Nach dem Zusammenbruch der Almoravidenherrschaft stieß mit den Almohaden eine andere islamische Bewegung von Nordafrika auf die Iberische Halbinsel vor. Zunächst eroberten die Almohaden 1145 Marokko, setzten dann nach Europa über und nahmen Córdoba, Jaén, Málaga und Granada ein. 1157 folgten die Städte Almería, Úbeda und Baeza. In den 55 Jahren erbitterter Kämpfe, die von 1157 bis 1212 dauerten, wurden die Christen in die Defensive gedrängt. Im Norden waren die Dänen unter ihrem König Waldemar I. besonders aktiv, die sich – oft im Bündnis mit dem sächsischen Herzog Heinrich dem Löwen – gegen Überfälle wendischer Sklavenjäger auf die dänischen Küsten zur Wehr setzten. Ihre Anstrengungen gipfelten 1168 in der Eroberung der Insel Rügen. In der Folge begannen die Dänen, die an der Odermündung siedelnden Slawen anzugreifen. Die Eroberung Pommerns wurde begleitet von Klostergründungen als Zentren christlicher Missionsarbeit.
Vor diesem Hintergrund sticht die Seltenheit päpstlicher Kreuzzugsaufrufe für Kriegsschauplätze außerhalb des Nahen Ostens besonders hervor und ist womöglich ein weiteres Anzeichen der Demoralisierung. Für die Iberische Halbinsel gab es in jener Zeit lediglich zwei päpstliche Aufrufe zum Kreuzzug, und zwar in den Jahren 1153 und 1157/1158. Papst Alexander III. (1159–1181) hat, wie es scheint, Kreuzfahrern auf der Iberischen Halbinsel und im Baltikum nur einen eingeschränkten Sündenerlass gewährt, weil er nicht die Aufmerksamkeit vom Heiligen Land ablenken wollte. Erst unter Papst Coelestin III. (1191–1198) wurden vorsichtige Schritte unternommen, die Kreuzzugsbewegung nochmals auf das Baltikum auszudehnen.
Die bedeutsamste Entwicklung jener Jahre auf der Iberischen Halbinsel war die Gründung nationaler Ritterorden, die teils von Johannitern und Templern, teils aber auch von jenen kurzlebigen Gemeinschaften inspiriert war, die König Alfons I. von Aragón 1122 zur Verteidigung von Saragossa und um 1128 zur Verteidigung von Monreal del Campo ins Leben gerufen hatte. Der erste spanische Ritterorden wurde gegründet, als die Templer 1157 die exponierte Grenzfestung Calatrava an König Sancho III. von Kastilien zurückgaben. An Sanchos Hof in Toledo befand sich Raimund Serrat, der Abt der Zisterzienserabtei von Fitero. Einer von Raimunds Mönchen, ein Mann namens Diego Velázquez, der vor seinem Eintritt ins Kloster ein Ritter gewesen war, überzeugte ihn, sich vom König die Burg zu erbitten. Nachdem Sancho III. den Mönchen diesen Wunsch gewährt hatte, wurden Freiwillige zur Verteidigung der Burg aufgeboten. Viele dieser Männer schlossen sich zu einer Bruderschaft zusammen, wurden 1164 in den Zisterzienserorden aufgenommen und erhielten die Zisterzienserregel in modifizierter Form. Der Gründung dieses Ordens von Calatrava folgte bald nach 1166 jene des Ordens von Évora (später als Avis bezeichnet und Calatrava angegliedert) sowie der Orden von Santiago im Jahr 1170; der Orden von Montjoie (auch: Monte Gaudio) um 1173, der um 1221 im Orden von Calatrava aufging, und kurz vor 1176 der Orden von San Julián de Pereiro, der ebenfalls dem Orden von Calatrava angegliedert wurde und ab dem 13. Jahrhundert als Orden von Alcántara bezeichnet wurde. Diese Orden breiteten sich in Kastilien, León und Portugal aus, nicht jedoch in Aragón, wo die Templer, die sich nach längerem Bedenken 1143 zum bewaffneten Kampf entschlossen hatten, sowie die Johanniter vorherrschten.
Die Aufgabe der spanischen Ritterorden bestand vor allem darin, die Wege zu verteidigen, auf denen die Invasionen der Almohaden erfolgten. Daneben führten sie jedoch auch Feldzüge, kauften Gefangene los und siedelten in den von ihnen kontrollierten Grenzregionen christliche Bauern an. Ihr Aufstieg kann beispielhaft für einen sich langsam als charakteristisch herausbildenden Wesenszug der Kreuzzugsbewegung auf der Iberischen Halbinsel stehen: deren nationales Gepräge. Noch ein halbes Jahrhundert zuvor hatten sich den Spaniern auf ihren Kreuzzügen zahlreiche Freiwillige von jenseits der Pyrenäen angeschlossen, doch diese blieben nun zunehmend aus – teils, weil die Iberer selbst ihnen mit Ablehnung begegneten. Im Februar 1159 sah sich Papst Hadrian IV. gezwungen, die Könige Ludwig VII. von Frankreich und Heinrich II. von England eindringlich davor zu warnen, zu einem Kreuzzug auf die Iberische Halbinsel aufzubrechen, solange sie nicht die Erlaubnis der dortigen Könige eingeholt hatten; Hadrian machte klar, dass sie ohne vorherige Verhandlungen nicht willkommen wären. Die Reconquista wurde zum nationalen Befreiungskrieg, und die Kreuzzüge auf der Iberischen Halbinsel erfolgten mit wenigen Ausnahmen in einem nationalistischen Rahmen unter der Kontrolle der einheimischen Herrscher.
In päpstlichen Verlautbarungen über die Vergebung der Sünden – ob nun im Zusammenhang mit Kreuzzügen in den Osten oder anderswohin –, ist eine Zurückhaltung zu beobachten, die als weiterer Beleg für die fehlende Kampfmoral gelten mag. Zwei unterschiedliche, bereits beschriebene Auffassungen von Buße und Ablass gerieten nun in einen offenen Widerstreit. Die erste und ältere Sichtweise besagte, dass eine Bußleistung nur hart genug sein musste, um Gott eine adäquate Sühne für die begangenen Sünden zu leisten. Der zweiten Sichtweise zufolge musste sich ein Sünder ganz auf Gottes Gnade verlassen, sollte seine eigene Unzulänglichkeit ausgeglichen werden; außerdem könne der Papst in Gottes Namen eine vollständige Vergebung aller Sündenstrafen gewähren, die nun gewissermaßen abgelöst von der Beschaffenheit der erbrachten Bußleistung betrachtet wurde. Die ältere der beiden Auffassungen hatte in den frühesten „Ablässen“ ihren Ausdruck gefunden, darunter das Versprechen einer umfassenden Vergebung der Sünden, das Urban II. 1095 den Teilnehmern am Ersten Kreuzzug gegeben hatte. Der zweite, zunehmend beliebtere Zugang war in den Schriften Bernhards von Clairvaux aus der Zeit des Zweiten Kreuzzuges unausgesprochen bereits enthalten, und scheint auch in der Bulle Quantum praedecessores Papst Eugens III. auf, die womöglich unter Bernhards direktem Einfluss entstanden ist. In den Jahren 1157, 1165 und 1166 griffen die Päpste Hadrian IV. und Alexander III. auf deren ausgefeilte Formulierungen zurück. Das muss in der Kurie für Unruhe gesorgt haben, denn bis 1169 hatte man dort wieder zu dem altmodischen Standpunkt gefunden, ein Kreuzzug sei ganz einfach eine angemessene Bußleistung. Dies wurde in Papst Alexanders Aufruf zum Kreuzzug von 1169 betont, in dem ausdrücklich von „jenem Erlass der Buße“ die Rede ist, „dessen priesterliche Besorgung bekanntlich Urban und Eugen begründet haben“. Während der nächsten dreißig Jahre sollte das Papsttum an diesem konservativen Ansatz festhalten, und das trotz der großen Fortschritte, welche die Bußtheologie in derselben Zeit machte. Noch in der großen Kreuzzugsbulle Audita tremendi vom Oktober 1187 tritt er deutlich zutage:
All jenen, die mit reuigen Herzen und demütigen Seelen die Mühen dieser Reise auf sich nehmen und in Buße und aufrichtigen Glaubens sterben für ihre Sünden, versprechen wir den vollkommenen Ablass zur Vergebung ihrer Schuld sowie das ewige Leben. Ob sie leben oder sterben, sie sollen wissen, dass sie durch die Gnade Gottes, die Autorität der heiligen Apostel Petrus und Paulus sowie durch unsere eigene [das heißt die päpstliche] Autorität eine völlige Erleichterung von jener Schuldpflicht erfahren werden, die ihnen für ihre im aufrichtigen Beichtbekenntnis eingestandenen Sünden auferlegt worden ist.
Peter von Blois, ein zeitgenössischer Propagandist, wollte dies als Würdigung der großen, im Sinne einer angemessenen Bußleistung erduldeten Mühen verstanden wissen:
Durch die Begünstigung des heiligen Apostels Petrus und die allgemeine Autorität der Kirche hat der Herr in diesem Zeichen [gemeint ist das Kreuz] ein Mittel der Aussöhnung geschaffen, auf dass die Annahme der Verpflichtung, nach Jerusalem zu reisen, als die höchste Form der Buße und hinreichende Sühne für die begangenen Sünden angesehen werde.
Die Jahre von 1102 bis 1187 erlebten also einige Jahrzehnte der Verwirrung, ein mit größtem Ehrgeiz betriebenes militärisches Fiasko und dann eine Periode, in der sich die Kreuzzugsbewegung auf einem deutlichen Tiefstand befand, obwohl auf allen Kriegsschauplätzen Aktivitäten zu verzeichnen waren. Der Bewegung mangelte es noch immer an Reife, aber dennoch entwickelte sie sich stets weiter. Sie umfasste nun die Kriegführung gegen Muslime auf der Iberischen Halbinsel genauso wie gegen die heidnische Bevölkerung jenseits der nordöstlichen Grenze der Christenheit. Auch gegen die Feinde des Papsttums im Inneren Europas hatte sich die Kreuzzugsbewegung gerichtet. Auf der Iberischen Halbinsel hatten sich erste Anzeichen einer Sonderentwicklung ausgebildet. Die Herrscher Europas begannen teilzunehmen, und erste Schritte zu effektiveren Mitteln der Finanzierung wurden unternommen. Die Päpste hatten ihr Recht zur Autorisierung dieser Kriege nachdrücklich festgeschrieben und damit begonnen, in Bullen und Sendschreiben zum Kreuzzug aufzurufen und dabei die Bedingungen von Ablass und Sündenvergebung formuliert und immer weiter ausdifferenziert. Obwohl viele dieser Schreiben nur geringen Erfolg zeitigten, was ihre Rekrutierungsleistung anging, so hatten sie den Verfassern an der Kurie Übung darin verschafft, Schutz- und Immunitätsprivilegien sowie die Gewährung geistlicher Vergünstigungen zu formulieren; im 13. Jahrhundert sollten diese Ausdrucksmöglichkeiten ihre größte Präzision erlangen. Nicht zuletzt waren auch ein stetiger Strom von Pilgern – manche bewaffnet, manche unbewaffnet – sowie kleine Abteilungen von Kreuzfahrern nach Palästina aufgebrochen und hatten gezeigt, dass Christen zwar durch den Misserfolg des Zweiten Kreuzzuges zutiefst demoralisiert waren und deshalb an einer erneuten großen Militäraktion wenig Interesse hatten, dass aber ihr Glaube und ihre Bindung an das Heilige Land nicht erschüttert waren.
Während des 12. Jahrhunderts bildeten sich in den adligen Familien Westeuropas zudem jene Traditionen heraus, die der Kreuzzugsbewegung dann im 13. Jahrhundert von Nutzen sein sollten. Dafür lassen sich zahlreiche Beispiele anführen. So nahm etwa Graf Dietrich von Flandern und Neffe jenes Grafen Robert von Flandern, der während des Ersten Kreuzzuges eine so herausragende Rolle gespielt hatte, am Zweiten Kreuzzug teil und reiste auch in den Jahren 1139, 1157 und 1164 in das Heilige Land. Seine Ehefrau Sibylle von Anjou, eine Tochter König Fulkos von Jerusalem aus dessen erster Ehe, verbrachte ihren Lebensabend als Nonne in Bethanien. Dietrichs Sohn Philipp führte 1177 eine Heeresabteilung in den Nahen Osten und starb während des Dritten Kreuzzuges. Dietrichs Enkel Balduin VI., Graf von Hennegau, war einer der Anführer des Vierten Kreuzzuges und sollte später der erste lateinische Kaiser von Konstantinopel werden. Die Biografien der Vorfahren Johanns von Joinville, der Ludwig IX. von Frankreich im Jahr 1248 in den Orient begleitete, verdeutlichen gleichermaßen, wie ein vor 1187 gegebenes Beispiel später als gefühlte Verpflichtung wirksam werden konnte, obwohl man hervorheben sollte, dass diese Familie auch die Truchsessen der Grafen von Champagne stellte, eines Hauses also, das vom Kreuzzugsgedanken geradezu besessen war. Gottfried III. von Joinville nahm am Zweiten Kreuzzug teil. Gottfried IV. starb als Teilnehmer des Dritten Kreuzzuges. Gottfried V., der seinen Vater auf dem Dritten Kreuzzug begleitet hatte, nahm auch am Vierten Kreuzzug teil und starb auf ihm. Simon von Joinville schließlich, Johanns Vater, nahm das Kreuz beim Albigenserkreuzzug und erneut beim Fünften Kreuzzug. Bei der Herausbildung dieser Traditionen eigneten sich europäische Laien die Kreuzzugsidee an, und das in einer Zeit, in welcher der Klerus immer stärkeres Verständnis für die Vorstellung einer Berufung auch von Laien aufbrachte. Wie bereits erwähnt, bemühten sich die Theologen unmittelbar nach der Eroberung von Jerusalem im Jahr 1099 darum, die Kreuzzugsbewegung dem Mönchtum anzunähern und die Kreuzfahrer sozusagen als Mönche auf Zeit darzustellen. Diese Sicht auf die Kreuzfahrer verblasste in dem Maße, in dem sich wenige Jahrzehnte später das Element der geistlichen Profess in den neu gegründeten Ritterorden fand und sich bis zur Zeit des Dritten Kreuzzuges der Charakter der Bewegung deutlich veränderte, indem die Laienfrömmigkeit das Übergewicht gewann. Die vor 1187 entstandenen Familientraditionen machten das Kreuzfahrertum zudem zu einem Bestandteil so weltlicher Angelegenheiten wie der Abstammung, des Aussehens und der häuslichen Sitten. In dieser wie in anderer Hinsicht hatte sich Westeuropa also bereits im Verlauf des 12. Jahrhunderts unbewusst auf die Reaktion vorbereitet, die der Verlust Jerusalems an Saladin auslöste.