Die Nachrichten über die Katastrophe von Hattin und den Verlust Jerusalems erreichten Westeuropa im Frühherbst 1187. Der alte Papst Urban III. starb am 20. Oktober – vor Kummer, wie es hieß. Innerhalb von zehn Tagen nach Urbans Tod rief sein Nachfolger Gregor VIII. bereits zum nächsten Kreuzzug auf. Seine Bulle Audita tremendi gehört zu den bewegendsten Zeugnissen der Kreuzzugsgeschichte. Vermutlich hatte Urban III. sie noch kurz vor seinem Tod entworfen, denn ein solch wichtiges Dokument hätte wohl kaum innerhalb der acht Tage verfasst, geprüft, bewilligt, korrigiert und vervielfältigt werden können, die zwischen der Wahl Gregors am 21. Oktober und dem Datum der ältesten erhaltenen Abschriften liegen. Audita tremendi eröffnet mit einer Klage über die jüngsten Geschehnisse in Palästina. In einer theologisch tiefgehenden Passage werden die Schicksalsschläge von Hattin und Jerusalem als Strafe Gottes für die Sünden der lateinischen Siedler, aber auch aller Christen beschrieben. Nun rief die Bulle zur Buße auf:
Im Angesicht der so großen Not jenes [das heißt des Heiligen] Landes sollten wir zudem nicht allein auf die Sünden seiner Bewohner schauen, sondern auch auf unsere eigenen und die der ganzen Christenheit. … Es obliegt daher uns allen, unsere eigenen Sünden zu bedenken, deren Berichtigung durch freiwillige Züchtigung zu wählen und uns dem Herrn unserem Gott zuzuwenden, indem wir Buße und Werke der Frömmigkiet tun; und wir sollten zuerst in uns selbst berichtigen, was wir falsch gemacht haben, und danach dann unsere Aufmerksamkeit auf die Treulosigkeit und Bosheit des Feindes richten.
Das Schreiben fuhr fort, indem es die Gläubigen an die Vergänglichkeit alles Irdischen erinnerte, und ermahnte sie schließlich, „die Gelegenheit zu Umkehr und Mildtätigkeit in einem Akt der Dankbarkeit anzunehmen“ und dem lateinischen Orient zu Hilfe zu eilen, „wie es dem Willen Gottes entspricht, der durch sein eigenes Handeln gelehrt hat, das eigene Leben zu lassen für das der Freunde“. Der Text endet mit einer konventionellen Liste von Privilegien für die Teilnehmer an dem geplanten Kreuzzug, einschließlich einer Erklärung zum Sündenablass in altmodischer Form sowie einer Ermahnung, sich in Kleidung und Auftreten jener Mäßigung zu befleißigen, die allein reuigen Sündern geziemt. Dies fand großen Widerhall in den Kreuzzugspredigten, die überall durch Aufrufe zu Buße und Umkehr gekennzeichnet waren. In der Entwicklungsgeschichte des Kreuzzugsgedankens bedeutete das einen entscheidenden Schritt, denn von nun an verband das Papsttum das Schlachtenglück mit dem Seelenheil der ganzen Christenheit. Es war dies ein Gedankengang, der bis in das 16. Jahrhundert hinein in der Art und Weise deutlich werden sollte, wie allgemeine Konzilien, die das Ziel der Kirchenreform hatten, mit der Notwendigkeit befasst waren, die Kreuzzugsbewegung zum Erfolg zu führen.
Die schlimmen Nachrichten aus Palästina hatten genuesische Kaufleute in den Westen getragen. Ihnen dicht auf den Fersen reiste Joscius, der Erzbischof von Tyrus, das sich als einzige Stadt an der Küste von Palästina noch in christlicher Hand befand. Die energische Verteidigung des Hafens Tyrus erfolgte unter dem Befehl Konrads von Montferrat. Konrad, der jüngere Bruder des ersten Ehemannes der Sibylle von Jerusalem, war selbst erst in der Folge der dortigen Katastophe nach Palästina gekommen und überhäufte nun den Westen mit Hilfsappellen. Erzbischof Joscius segelte im Spätsommer nach Sizilien, wo er bei König Wilhelm II. die sofortige Entsendung einer Flotte erwirken konnte. Im Frühjahr und Sommer 1188 retteten diese Schiffe Tripolis und versorgten Antiochia und Tyrus mit dringend benötigten Vorräten.
Mitte Oktober 1187 muss Joscius in Rom angelangt sein. Sodann reiste er im Winter nach Frankreich, wo er am 22. Januar 1188 in Gisors mit Heinrich II. von England und Philipp II. von Frankreich zusammentraf. Gisors liegt an der Grenze, zwischen dem Herzogtum der Normandie und der französischen Königsdomäne, und die beiden Könige hatten sich dort getroffen, um einen Waffenstillstand auszuhandeln. Nachdem sie Joscius’ Hilfsgesuch angehört hatten, nahmen Heinrich II., Philipp II., Philipp von Flandern sowie die anderen Großen, die mit ihnen tagten, das Kreuz und begannen sogleich mit den Planungen für ihren Kreuzzug. In Anlehnung an einen Brauch, der sich während des Zweiten Kreuzzuges herausgebildet hatte – damals hatten die Teilnehmer am Wendenzug verschiedene Kreuze an ihrer Kleidung angebracht –, beschloss man, dass auf dem geplanten Feldzug die französischen Teilnehmer rote, die englischen weiße und die flandrischen grüne Kreuze tragen sollten. Die Könige Heinrich und Philipp vereinbarten die Erhebung einer allgemeinen Kreuzzugssteuer – bereits die zweite dieses Jahrzehnts –, die als der „Saladinszehnte“ bekannt wurde.
Doch dann machte die lasterhafte europäische Politik den Planern einen Strich durch die Rechnung. Zwischen Heinrichs ältestem überlebenden Sohn Richard, dem Grafen von Poitou, und dem Grafen Raimund V. von Toulouse brach ein Konflikt aus, in den die Könige von England und Frankreich rasch hineingezogen wurden. Die Beziehungen zwischen den beiden Kronen verschlechterten sich rapide, als Richard begann, den französischen König zu unterstützen; im Sommer 1189 kam es zum offenen Bruch zwischen ihm und seinem Vater. Heinrich starb am 6. Juli, kurz nachdem er und Philipp II. in der Frage des Kreuzzuges zu einer Einigung gelangt waren; am 3. September wurde Richard zum König von England gekrönt. Diese Verzögerungen in der Kreuzzugsplanung – und ihre Hintergründe – lösten einen Sturm der Entrüstung aus. Die Macht der öffentlichen Meinung war so groß, dass Richard, der das Kreuz noch vor seinem Vater genommen hatte, den Feldzug nicht mehr länger aufschieben konnte, selbst wenn er dies gewollt hätte. Im November sagte er zu, seine eigenen Truppen am 1. April 1190 bei Vézelay mit denen König Philipps zu vereinen. Dieser Aufmarschtermin wurde später auf den 1. Juli verschoben, aber wenigstens waren die englischen und französischen Vorbereitungen zum Kreuzzug nun im Gange.
Das Schwanken der Könige von England und Frankreich erschien besonders schlecht im Vergleich zur Reaktion der Deutschen. Kaiser Friedrich I. Barbarossa näherte sich dem siebzigsten Lebensjahr und hatte annähernd 36 Jahre regiert. Trotz seines Alters war er vital und von ungeheurer körperlicher Zähigkeit. Zudem war er intelligent und anpassungsfähig. Friedrichs starke Persönlichkeit und sein Hang zu übertriebenem Prunk hatten ihn bisweilen in Schwierigkeiten gebracht. Vierzig Jahre zuvor hatte er am Zweiten Kreuzzug teilgenommen und auch in der Zwischenzeit immer wieder Sympathien für die Kreuzzugsidee geäußert. Es lässt sich schwer sagen, inwieweit diese Absichtserklärungen lediglich einer konventionellen Frömmigkeit entsprangen, oder ob sie eher spekulativ und Ausdruck der Überzeugung waren, der römisch-deutsche Kaiser sei zur Verteidigung des Christentums verpflichtet. Vielleicht war Friedrich sogar von der damals verbreiteten eschatologischen Vorstellung eines letzten römischen Kaisers beseelt, der am Ende der Zeiten in Jerusalem regieren sollte und beim Erscheinen des Antichrist seine Krone und Herrschaft an Gott übergeben sollte. Wie auch immer, jedenfalls war er in einer Stimmung, die ihn für die Ansprache Heinrichs von Marcy empfänglich machte. Dieser, Kardinalbischof von Albano, war seines Zeichens ein angesehener Kreuzzugstheoretiker, den Papst Gregor nach Deutschland geschickt hatte, um dort den Kreuzzug zu predigen. Nachdem er im Dezember 1187 eine einschlägige Predigt des Bischofs Heinrich von Straßburg gehört hatte, zeigte sich Friedrich Barbarossa zutiefst bewegt. Ganz seinem Naturell entsprechend dauerte es allerdings noch einige Monate, bis der Kaiser sich davon überzeugt hatte, dass sein Reich eine Weile auch ohne ihn würde auskommen können. Mit einer für ihn typischen theatralischen Geste berief Friedrich für das Frühjahr 1188 einen Hoftag nach Mainz ein, eine curia Jesu Christi, deren Vorsitz nicht er, der Kaiser, sondern Christus selbst führen sollte. Am 27. März 1188, dem Sonntag Laetare, an dem der Introitus-Gesang zum Messbeginn folgendermaßen anhebt: „Freut euch mit Jerusalem! Jubelt in der Stadt, alle, die ihr sie liebt. Seid fröhlich mit ihr, alle, die ihr über sie traurig wart“ (Jes 66,10), nahmen Kaiser Friedrich Barbarossa und zahlreiche deutsche Adlige im Beisein Heinrichs von Marcy das Kreuz. Wie zu erwarten, war dies das Signal für antijüdische Ausschreitungen. Als Aufb ruchstermin wurde das Fest des heiligen Georg festgelegt, der 23. April 1189. Wie schon beim Zweiten Kreuzzug entschied man sich für die Landroute und teilte diesen Plan den Ungarn, Serben, Byzantinern und diesmal sogar dem Sultan der türkischen Rumseldschuken im fernen Konya mit. Den Byzantinern versicherte man, man werde friedlich durch das byzantinische Territorium ziehen; jene versprachen im Gegenzug, Führer und Proviant zur Verfügung zu stellen. Die letzten Vorkehrungen wurden in Regensburg getroffen, wo sich die Kreuzfahrer zu dem festgelegten Datum einfanden, und am 11. Mai 1189 setzte sich das deutsche Kreuzfahrerheer in Bewegung.
Ihm gehörten zahlreiche führende Persönlichkeiten des römisch-deutschen Reiches an, Laien wie Kleriker, und es muss eines der mächtigsten Kreuzfahrerheere gewesen sein, die jemals ins Feld gezogen sind. Das Heer war gut organisiert, und es herrschte strikte Disziplin; auf dem Marsch durch die byzantinischen Gebiete des Balkans begannen dennoch Wegelagerer, dem Tross zuzusetzen. Die zur Verproviantierung versprochenen Märkte waren verwaist; überhaupt sprach nichts dafür, dass man für die Ankunft der Deutschen Vorbereitungen getroffen hatte.
Tatsächlich hatte der byzantinische Kaiser Isaak II. Angelos einen Pakt mit Sultan Saladin geschlossen, demzufolge er den Vormarsch der Kreuzfahrer verzögern, ja das deutsche Heer sogar vernichten sollte. Jedenfalls stellten die Byzantiner den Deutschen nun bewusst, aber wenig erfolgreich Hindernisse in den Weg. Törichterweise versuchte Isaak II., Friedrich Barbarossa unter Druck zu setzen, indem er dessen Gesandte als Geiseln nahm; die Versuche des byzantinischen Militärs, den Vormarsch der Kreuzfahrer aufzuhalten, wurden jedoch einfach weggefegt. Als die Deutschen am 26. August Plovdiv besetzten, waren sie nicht in der Stimmung, sich hinters Licht führen zu lassen. Isaaks Forderung, die Überfahrt über die Dardanellen nur dann zuzulassen, wenn Barbarossa weitere Geiseln stellte und die Übergabe der Hälfte aller zukünftigen Eroberungen verspräche, wurde ignoriert. Die Kreuzfahrer verlegten sich vielmehr auf das Plündern, und Barbarossa, der dabei war, mit serbischen und vlacho-bulgarischen Rebellen ein Bündnis gegen die Byzantiner auszuhandeln, begann ernsthaft, über einen direkten Angriff auf Konstantinopel selbst nachzudenken. Am 16. November schrieb er an seinen ältesten Sohn Heinrich und bat ihn, die italienischen Seerepubliken zur Bereitstellung einer Flotte zu überreden, die im folgenden März vor Konstantinopel eintreffen und die Kreuzfahrer bei der Belagerung der Stadt unterstützen sollte.
Bereits Ende Oktober hatte sich Kaiser Isaak II. gezwungen gesehen, die deutschen Geiseln freizugeben. Allerdings scheiterten die nächsten Gespräche an seiner Weigerung, Friedrich Barbarossa mit dessen korrektem Titel als „Kaiser der Römer“ anzusprechen; doch auch hier musste Isaak schließlich nachgeben. Friedrich verlegte sein Quartier für den Winter nach Adrianopel (Edirne), von wo er nun weite Teile Thrakiens kontrollierte, während seine Verhandlungen mit einer immer unruhiger werdenden byzantinischen Regierung andauerten. Am 14. Februar 1190 willigte Isaak II. schließlich ein, den Kreuzfahrern Schiffe für die Fahrt von Gallipoli (Gelibolu) über die Dardanellen zur Verfügung zu stellen – aber wenigstens war es ihm, im Gegensatz zu seinen Vorgängern, gelungen, den Kreuzzug um Konstantinopel herumzuleiten. Ferner sagte er zu, den Kreuzfahrern seine Märkte zu öffnen, ihnen Vorräte zu liefern und Geiseln zu stellen, und versprach zudem, die von ihm gemachten Gefangenen freizulassen, eine Entschädigung zu zahlen und den Deutschen das Plündern überall dort zu gestatten, wo auf anderem Wege kein Proviant zu beschaffen war.
Das Kreuzfahrerheer verließ Adrianopel am 1. März und setzte zwischen dem 22. und 28. des Monats über die Dardanellen. Im byzantinischen Kleinasien erwarteten sie allerdings dieselben Störungen und der gleiche Mangel an Kooperation wie auf dem Balkan. Nachdem sie am 22. April aus Philadelphia (Alaşehir) abmarschiert waren, stießen sie bald auf muslimisches Gebiet vor und marschierten auf Konya. Auf dem Weg hatten sie dieselben Strapazen zu erdulden wie ihre Vorgänger – ihre Pferde und Lasttiere verendeten, ihr eigener Proviant ging zur Neige –, aber trotz allem gelang ihnen am 18. Mai die Eroberung Konyas. Von den dort vorgefundenen Nahrungsbeständen gestärkt, erreichten sie am 30. Mai Karaman an der Grenze zu Kilikien. Die Seldschuken hatten ihnen zwischenzeitlich versprochen, ausreichende Verpflegung zu liefern, wollten sie die Fremden doch möglichst schnell und ohne weitere Komplikationen durch ihr Gebiet ziehen lassen. Erneut auf christlichem Gebiet, wurden die Deutschen in Kilikien von den Armeniern freundlich empfangen. Am 10. Juni jedoch gab Friedrich Barbarossa der Versuchung eines theaterreifen Auftritts nach, der sein letzter sein sollte. Der Kaiser, der gerade bewiesen hatte, dass man noch immer mit einem großen Heer quer durch Kleinasien marschieren konnte, war ebenso übermütig wie erhitzt und beschloss, den Fluss Saleph (Göksu) zu durchschwimmen, der tief und breit ist. In der Mitte des Flusses angelangt, geriet Friedrich in Not. Vielleicht erlitt der Kaiser einen Herzinfarkt, vielleicht ist er auch entkräftet ertrunken. Jedenfalls war er bereits tot, als man ihn ergriff, um ihn zu retten.
Der Deutsche Kreuzzug, der so erfolgreich gewesen war, indem er den Widerstand der Byzantiner mit eisiger Entschlossenheit beiseite gefegt hatte und mit ungewöhnlicher Disziplin durch das türkische Kleinasien marschiert war, zerbrach am Tod seines Anführers. Einige der Kreuzfahrer brachen umgehend in ihre Heimat auf. Die Verbliebenen teilten sich auf: Einige segelten nach Antiochia und Tripolis; die anderen marschierten auf dem Landweg – und unter schweren Verlusten – nach Syrien weiter. In Antiochia hatte das wiedervereinte Heer zudem mit Krankheiten zu kämpfen, denen zahlreiche weitere Kreuzfahrer zum Opfer fielen. Ende August traten die Überlebenden ihren Marsch die Küste hinunter in Richtung Süden an und erreichten Anfang Oktober Akkon, das zu diesem Zeitpunkt bereits achtzehn Monate lang von einer christlichen Streitmacht belagert worden war.
König Guido von Jerusalem war im Sommer 1188 von Saladin freigelassen worden, doch im Frühjahr darauf hatte Konrad von Montferrat, der Guidos Anspruch auf den Thron infrage stellte, diesem und seiner Königin Sibylle den Einlass in die Stadt Tyrus verwehrt. Guidos Reaktion verriet einigen Wagemut, denn er zog mit einem kleinen Trupp von Getreuen nach Süden und belagerte dort die Festung Akkon. Dieses Vorgehen zwang die bedeutendsten unter seinen Vasallen, die sich bislang entweder neutral verhalten oder aber Partei für Konrad von Montferrat ergriffen hatten, ihrem Lehnsherrn zu Hilfe zu eilen. Bis zum Herbst hatten sich viele von ihnen in Guidos Lager eingefunden. Dies wiederum schwächte Konrads Position so sehr, dass auch er sich im September 1189 überreden ließ, an der Belagerung von Akkon teilzunehmen. Bis zum Frühjahr des Jahres 1190 hatte er sich mit Guido ausgesöhnt, der ihm im Gegenzug ein Lehen in Nordpalästina versprach, zu dem auch die Stadt Tyrus gehören sollte. Auch diverse Kreuzfahrerkontingente schlossen sich Guido an, darunter im September 1189 ein Verband aus deutschen, niederländischen und englischen Kämpfern sowie ein französisches Heer unter den Grafen von Champagne, Blois und Sancerre im Juli 1190. Man könnte nun vielleicht annehmen, dass das Eintreffen des deutschen Heeres die Belagerer von Akkon gestärkt hätte. Allerdings waren auch diese Überlebenden demoralisiert, geschwächt und nicht selten krank, was weitere schwere Verluste in ihren Reihen nach sich zog, unter ihnen auch Herzog Friedrich von Schwaben, der Sohn des verstorbenen Kaisers, der die Führung des deutschen Heeres übernommen hatte und am 20. Januar 1191 vor Akkon starb. Als das Frühjahr 1191 anbrach, hatten sich die meisten deutschen Kreuzfahrer auf die Rückreise in ihre Heimat begeben.
In der Zwischenzeit hatten sich Richard von England und Philipp II. von Frankreich in Vézelay getroffen. Zuvor hatte Philipp – wie sein Vater 43 Jahre vor ihm – in der Abteikirche von Saint-Denis die Oriflamme empfangen. Am 4. Juli 1190 brachen Richards und Philipps vereinigte Heere in Richtung der Mittelmeerküste auf. Richard stand kurz vor seinem 33. Geburtstag. Auf dem Schlachtfeld wie auf dem Marsch zeigte er Mut, Einfallsreichtum und organisatorische Fähigkeiten und sollte sich im weiteren Verlauf der Kampagne als der fähigste Feldherr der Kreuzfahrer seit Bohemund von Tarent erweisen. Richard war eitel – und über die Maßen gutaussehend –, aber er handelte mit äußerster Effizienz und bewies dabei sogar Humor. Als englischer König hatte er einen kompetenten und tüchtigen Regierungsapparat geerbt, der in dem Augenblick begonnen hatte, Vorbereitungen für den geplanten Feldzug zu treffen, in dem sein Vater Heinrich das Kreuz genommen hatte. Der Erzbischof von Canterbury hatte den Kreuzzug systematisch in ganz England und Wales predigen lassen, und der Saladinszehnte war selbst gegen starken Widerstand eingetrieben worden. Richard selbst hatte zudem alles verkauft, was er verkaufen konnte, und hatte ohne Skrupel jegliche Gelegenheit und alle seine Beziehungen genutzt, um enorme Geldsummen zusammenzubringen. Dies hatte zur Folge, dass er später über ein üppiges Finanzpolster verfügte, was ihn während des gesamten Kreuzzuges immer wieder offen seine Überlegenheit demonstrieren ließ. Philipp II. hingegen war Mitte zwanzig. Dem Vernehmen nach war er von wenig beeindruckendem Äußeren – er hatte auf einem Auge bereits die Sehkraft verloren, und zehn Jahre Regierungspraxis in Frankreich hatten ihn vorsichtig und misstrauisch, zynisch und reizbar werden lassen. Er war wohl weder besonders intelligent noch hatte er eine gute Bildung genossen, aber er war gerissen und besaß eine praktische Intelligenz, die er – neben seiner Selbstbeherrschung und der Neigung zu Besonnenheit und Ausgleich – mit der Fähigkeit zu schwerer Arbeit und dem Ertragen von Schmerzen verband. Rücksichtslos mag er gewesen sein, aber in der Regel handelte er doch rücksichtslos fair. Philipp herrschte mit Frankreich über ein Land, das zur damaligen Zeit wesentlich schwächer zentralisiert war als Richards England, weshalb es ihm beispielsweise – im Gegensatz zu Richard Löwenherz – nicht gelungen war, den Widerstand gegen den Saladinszehnten zu brechen. Philipp wurde zu dem öffentlichen Versprechen genötigt, eine solche Sonderabgabe nie wieder zu erheben, und so konnte diese lediglich außerhalb des königlichen Kronguts und von den Vertretern des Hochadels für deren eigene Kreuzzugsvorbereitungen eingetrieben werden. Deshalb war Philipp finanziell wesentlich schlechter ausgestattet als Richard, und das, obwohl er ein größeres Heer mit sich führte: etwa 2000 Berittene gegenüber höchstens 800 auf Richards Seite.
Richard hatte erwartet, in Marseille eine englische Flotte vorzufinden, doch deren Schiffe hatten einen Zwischenhalt in Portugal eingelegt und waren deshalb noch nicht eingetroffen. Er charterte deshalb andere Schiffe, die in Marseille bereitlagen und brach nach Sizilien auf. Als er am 22. September im Hafen von Messina eintraf, waren sowohl Philipp als auch seine eigene englische Flotte bereits dort. Richard hatte auf Sizilien einige Geschäfte zu erledigen, von denen er sich noch mehr Geld für seine Kriegskasse erhoffen konnte. Seine Schwester Johanna war die Witwe des sizilischen Königs Wilhelm II., und Richard beabsichtigte, ihre Mitgift von dem Grafen Tankred von Lecce zurückzufordern, der sich nach Wilhelms Tod zum König von Sizilien hatte wählen lassen. Außerdem forderte er die Herausgabe eines Vermächtnisses, das Wilhelm Richards verstorbenem Vater Heinrich hinterlassen hatte. Richard wählte das Mittel der Gewalt und besetzte die jenseits der Straße von Messina gelegene kalabresische Stadt Bagnara; am 4. Oktober folgte Messina selbst, das von Richards Truppen zudem geplündert wurde. Tankred wurde zur Zahlung von 40.000 Unzen Gold gezwungen. Die Hälfte entsprach dabei Johannas Mitgift; die andere Hälfte bildete die Aussteuer für seine Tochter, die mit Richards Erben, Arthur von der Bretagne, verheiratet werden sollte. Philipp II. von Frankreich wiederum gelang es, ein Drittel des Goldes für sich zu reklamieren, denn die beiden Anführer des Kreuzzuges hatten in Vézelay vereinbart, ihre unterwegs gemachten Gewinne zu teilen.
Philipp segelte am 30. März 1191 in Richtung Palästina. Richard blieb zuerst noch zurück, um seine Verlobte Berengaria von Navarra zu treffen. Diese Verlobung war eine delikate Angelegenheit, denn Richard hatte eigentlich Alix von Frankreich, eine Halbschwester Philipps II., heiraten sollen. Am 10. April brach jedoch auch er auf und nahm mit seiner Flotte Kurs auf Kreta, dann Rhodos, um am 6. Mai auf Zypern zu landen, dessen Herrscher Isaak Komnenos einige Jahre zuvor seine Unabhängigkeit von Byzanz erklärt hatte. Isaak Komnenos hielt einige englische Kreuzfahrer gefangen, deren Schiffe, darunter eines der königlichen Schatzschiffe, in einem Sturm vor der Südküste Zyperns auf Grund gelaufen waren. Das große Schiff, auf dem Johanna und Berengaria reisten, war in einiger Entfernung von der Küste vor Anker gegangen, da es nicht ratsam erschien, an Land zu gehen. Richard Löwenherz forderte augenblicklich die Herausgabe seiner Leute und Güter. Als Isaak Komnenos ihm dies verweigerte, befahl Richard die Invasion der Insel. Beim Aufbruch nach Akkon am 5. Juni befand sich ganz Zypern in seiner Hand. Fast vierhundert Jahre lang sollte die Insel in der Folge unter lateinischer Herrschaft stehen.
Philipp erreichte Akkon am 20. April, Richard am 8. Juni. Den ganzen Herbst, Winter und Frühling 1190/1191 hindurch waren Verstärkungen zum Heer der Belagerer gestoßen, darunter auch eine englische Vorhut unter dem Befehl des Erzbischofs von Canterbury. Wie alle Kreuzfahrerheere handelte es sich auch in diesem Fall um einen Zusammenschluss zahlreicher unabhängiger Kontingente unter verschiedenen Befehlshabern. Und was die politischen Entwicklungen im Königreich Jerusalem anging, waren die Kreuzfahrer keineswegs derselben Meinung. Im Herbst 1190 waren Königin Sibylle und ihre beiden Töchter aus der Ehe mit Guido von Lusignan gestorben. Das bedeutete natürlich, dass Guido zwar der gesalbte König, die Erbin von Jerusalem aber die mit Humfred IV. von Toron verheiratete Isabella war, Sibylles jüngere Halbschwester. Wie man sich wohl erinnern wird, war es Humfreds Seitenwechsel gewesen, der den Aufstand der Barone vom Jahr 1186 hatte scheitern lassen. Deshalb wollte nun eine Gruppe hoher Adliger Isabellas Ehe mit Humfred annullieren lassen, um Isabella mit Konrad von Montferrat zu verheiraten, der nicht nur über gute Verbindungen verfügte, sondern auch seine Führungs- und Charakterstärke schon zur Genüge unter Beweis gestellt hatte. Zu den Befürwortern dieses Planes zählten neben Balian von Ibelin, dem Herrn von Nablus, der mit Isabellas Mutter Maria Komnena verheiratet war, auch die Herren von Sidon und Haifa. So wurde Isabella also aus ihrem Zelt im Heerlager vor Akkon entführt, und ein geistliches Gericht – in dem der päpstliche Legat, ein Anhänger Konrads, und der Bischof von Beauvais, ein Vetter Konrads, den Ton angaben – entschied, dass ihre Ehe mit Humfred von Toron ungültig gewesen sei. Der Erzbischof von Canterbury, der den erkrankten Patriarchen von Jerusalem bei der Verhandlung vertrat, war empört. In aller Eile vermählte man Isabella nun mit Konrad von Montferrat. Später setzte sich die Meinung durch, diese zweite Ehe habe nicht allein den Tatbestand der Bigamie erfüllt, sondern zudem den des Inzestes – weil Konrads verstorbener Bruder Wilhelm mit Isabellas Halbschwester Sibylle verheiratet gewesen war. Damals jedoch bat Isabella das Hohe Gericht, ihr Anrecht auf den Thron in aller Form anzuerkennen, was denn auch geschah: Man huldigte ihr als der rechtmäßigen Königin, und es sah ganz so aus, als sei Guido von Lusignan schon beiseitegedrängt.
Richard Löwenherz jedoch war auf Zypern mit Guido, Humfred von Toron und deren Unterstützern zusammengetroffen. Es schien ausgemacht, dass man die beiden europäischen Könige Richard und Philipp in der vorliegenden Streitfrage um ihre Vermittlung bitten würde. Als ebenso sicher konnte allerdings gelten, dass sie in dieser Sache unterschiedlicher Meinung sein würden, denn beide waren in die Lehns- und Familienbande der westeuropäischen Oberschicht verwickelt. Konrad von Montferrat war ein Cousin Philipps von Frankreich. Guidos Familie, die Lusignans, waren Richards Vasallen – wenn auch problematische – in der Grafschaft von Poitou, die Anspruch auf eine gewisse Beutesumme erhoben, die Richards Vater für sich beansprucht hatte. Wie bereits erwähnt, waren die beiden Teilnehmer am Ersten Kreuzzug Hugo von Lusignan und Raimund von Toulouse Söhne derselben Mutter, Almodis’ de la Marche nämlich. Guido von Lusignang und Richard Löwenherz stammten ebenfalls beide von Almodis ab, Richard durch seine Mutter Eleonore von Aquitanien. Im Dezember 1177 hatte der letzte Graf de la Marche, Aldebert IV. aus dem Hause Charroux, dessen Sohn gestorben war und dessen Tochter keine Kinder bekommen konnte, seine Grafschaft zu einem sehr geringen Preis an König Heinrich II. von England verkauft. Es ging das Gerücht um, der englische König habe diesen Verkauf unter Androhung von Gewalt erzwungen. Gottfried von Lusignan, Guidos älterer Bruder, der im Namen seines jungen Neffen Hugo IX. dem Haus Lusignan vorstand, beanspruchte die Grafschaft La Marche für sich und seine Brüder, die ja von Almodis’ ältestem Sohn Hugo VI. von Lusignan abstammten, während Eleonore von Aquitanien lediglich die Abstammung durch eine Tochter von Almodis’ drittem Sohn vorzuweisen hatte. Gottfried versuchte, die Grafschaft mit Gewalt an sich zu reißen. Das misslang zwar, doch die Lusignans gaben ihren Anspruch nicht auf und verweigerten Richard den Zugriff auf die Grafschaft, die sie endgültig für sich reklamieren konnten, indem sie 1199 kurzerhand die greise Eleonore von Aquitanien entführten und nicht eher freiließen, bis ihnen die Grafschaft abgetreten worden war. Angesichts der Notwendigkeit, eine wütende Großfamilie versöhnlich zu stimmen, verwundert es nicht, dass Richard den Lusignans während des gesamten Kreuzzuges auf ganz außergewöhnliche Weise seine Gunst erwies.
Die Könige von Frankreich und England erklärten sich bereit, in der Frage der Jerusalemer Thronfolge ihr Urteil zu sprechen; die weiteren Entwicklungen sollten ihre Position nur weiter stärken. Akkon kapitulierte am 12. Juli, obwohl Saladin die Stadt noch im letzten Moment zu retten versucht hatte. Als Eroberer teilten Philipp und Richard die Stadt unter sich auf, wie sie es zuvor für sämtliche Beute vereinbart hatten. Das bedeutete allerdings auch, dass ihre Entscheidungen über den weiteren Verbleib von einstmals königlichem Besitz den Ausschlag geben konnten im Streit um die Thronfolge im Königreich Jerusalem. Am 28. Juli verkündeten Richard und Philipp einen Kompromiss: Guido sollte für den Rest seines Lebens König bleiben; nach seinem Tod jedoch sollte das Königreich an Isabella und Konrad von Montferrat fallen. Sämtliche Abgaben, die der Krone zustanden, sollten unter den Parteien aufgeteilt werden. Außerdem sollten Guidos Bruder Gottfried und Konrad von Montferrat weitläufige Territorien als Apanage erhalten: Gottfried im Süden – mit Jaffa und Askalon –, Konrad im Norden – mit Tyrus, Sidon und Beirut. Philipp II. gab seine Hälfte von Akkon – gegen Richards Wunsch – an Konrad von Montferrat und brach am 31. Juli in Richtung Heimat auf. Ein großes Kontingent französischer Kreuzfahrer verblieb jedoch unter dem Kommando des Herzogs von Burgund in Palästina und sollte im weiteren Verlauf der Geschehnisse noch eine wichtige Rolle spielen.
Die bei der Kapitulation von Akkon geschlossene Vereinbarung hatte vorgesehen, dass die Garnison gegen die Zusage von 200.000 Dinaren Lösegeld freigelassen werden sollte. Außerdem forderten die Lateiner die bei Hattin verlorene Reliquie des Wahren Kreuzes zurück und die Freilassung einer großen Zahl christlicher Gefangener. Bis zur endgültigen Einlösung dieser Bedingungen würden die Kreuzfahrer eine Anzahl von Geiseln in ihrer Gewalt behalten, aber die Verhandlungen mit Saladin scheiterten, als die erste Rate des Lösegeldes fällig wurde und Richard Löwenherz im Jähzorn befahl, die meisten dieser Geiseln, rund 2700 Mann, in Sichtweite des noch immer vor Akkon lagernden muslimischen Heeres zu töten. Richard beschloss, nach Jerusalem vorzustoßen, was zunächst einen Marsch von etwas über 100 Kilometern entlang der Küste bis zum Hafen von Jaffa bedeutete. Am 22. August brach er mit seinem Heer auf. Unterwegs wurden sie in regelmäßigen Abständen von ihrer eigenen Flotte mit Vorräten versorgt. Richards Ritter waren in drei Abteilungen aufgeteilt, die in Reihe vorrückten. An ihrer linken Flanke, also zum Landesinneren hin, marschierte eine schützende Kolonne von Fußsoldaten, welche unterwegs die meisten Angriffe abzuwehren hatten. Zu jeder gegebenen Zeit konnte sich etwa die Hälfte der Infanterie ausruhen, indem sie beim Versorgungstross marschieren durfte, der zur Rechten der Ritter – also zwischen jenen und dem Meer – dahinzog. Richards Heer führte also vor, was als „ein mustergültiges Beispiel fränkischer Militärtaktik auf höchstem Niveau“ bezeichnet werden kann, und so gelang es ihnen, trotz ständiger Scharmützel mit muslimischen Plänklern und leichter Kavallerie einen stetigen, disziplinierten Vormarsch aufrechtzuerhalten. Die Zurückhaltung, die Richards Infanterie dabei an den Tag legte, war für die damalige Zeit bemerkenswert und unterstrich – insofern sie auf die Befehle des Königs zurückzuführen war – dessen hohen Rang als Heerführer. Am 7. September gelang es Saladin, das Kreuzfahrerheer nördlich von Arsuf, wo die Küstenstraße durch eine Lücke zwischen dem Meeresufer und einem dichten Wald verläuft, zur Schlacht zu stellen. Der Sultan setzte eine konventionelle Taktik ein, indem er die Formation der Christen durch den Einsatz von Bogenschützen sowie Angriffe auf Flanken und Nachhut zu stören und seinen Gegner somit nachhaltig zu schwächen suchte. Die in der Nachhut befindlichen Johanniter wurden durch die Verwundung ihrer Pferde derart in Rage versetzt, dass sie verfrüht zu einer Attacke ansetzten. Das wiederum zwang Richard dazu, den Befehl zum allgemeinen Vorrücken zu geben, bevor er eigentlich dazu bereit war; dennoch gelang es ihm – auch dies ein Indiz für sein überragendes militärisches Können –, den Vorstoß seiner Kavallerie zu stoppen, sobald dieser seinen unmittelbaren Zweck erfüllt hatte, und seine Schlachtlinie rechtzeitig neu zu formieren, um einen Gegenangriff abwehren zu können. Schließlich zogen sich die Muslime zurück und überließen Richard, dessen Heer vergleichsweise geringe Verluste erlitten hatte, das Feld.
Drei Tage später erreichten die Kreuzfahrer Jaffa und begannen unverzüglich mit der Wiederherstellung der Befestigungen. Richard standen nun drei Wege offen: Er konnte einen Waffenstillstand mit Saladin aushandeln; in südöstlicher Richtung unmittelbar auf Jerusalem vorrücken, was allerdings nicht ungefährlich war, solange ein großes feindliches Heer in der näheren Umgebung lagerte; oder aber das weiter südwestlich an der Küste gelegene Askalon erobern und neu befestigen, denn die Muslime waren gerade dabei, die Mauern der Stadt niederzureißen. Die letztgenannte Option – eine Besetzung Jaffas durch das Kreuzfahrerheer – würde Saladins Handlungsfreiheit bei der Verlegung frischer Truppen aus Ägypten nach Palästina massiv eingeschränkt haben. Fürs Erste verwarf Richard keine dieser Möglichkeiten, sondern zog sämtliche verfügbaren Kräfte in Jaffa zusammen, nahm zugleich aber auch Verhandlungen mit Saladin auf, um die friedliche Abtretung Palästinas an die Christen zu erreichen. Während dieser Unterhandlungen scheint der englische König dem Sultan ein Angebot unterbreitet zu haben, das dieser offenbar nicht ernst nahm: Richard bot Saladin die Hand seiner Schwester Johanna für dessen Bruder al-ʿAdil an. Bis Ende Oktober hatte sich Richard Löwenherz jedoch entschlossen, mit seinem Heer nach Jerusalem zu marschieren, ging dabei jedoch sehr vorsichtig vor und war am 23. Dezember mit seinen Männern erst bis nach Latrun vorgerückt, das etwa auf halber Strecke zwischen Jaffa und Jerusalem liegt. Am 3. Januar 1192 stand Richards Heer schon bei Bait Nuba (Betenoble), rund zwanzig Kilometer vor Jerusalem, doch da entschloss sich der König – auf Anraten von Vertretern der örtlichen christlichen Gemeinde – zum Rückzug nach Askalon, das nun zunächst mit neuen Befestigungen versehen werden sollte. Am 20. Januar erreichten die Kreuzfahrer die Stadt und machten sich sogleich ans Werk; die Arbeiten an den Stadtmauern und sonstigen Verteidigungsanlagen zogen sich bis Anfang Juni hin. Bereits am 23. Mai war die weiter südlich gelegene Festung Darum (Dair al-Balah) im Sturm genommen worden. Dann wollte es Richard noch einmal mit Jerusalem versuchen. Am 7. Juni marschierte sein Heer los und erreichte am 11. Juni erneut Bait Nuba. Dort lagerte es bis gegen Monatsende, doch da die Nachschublinien von Jaffa bedroht wurden und Richard einsah, dass seine Kräfte nicht ausreichen würden, Jerusalem im Falle einer erfolgreichen Eroberung auch zu halten, zog er sich wiederum zurück, nachdem sich die Option eines Einfalls nach Ägypten aufgetan hatte. Am 26. Juli allerdings zogen die Kreuzfahrer sich bis nach Akkon zurück.
Richards Rückzug war Saladins Chance. Am 27. Juli eröffnete dieser einen Angriff auf Jaffa, dessen Befestigungen noch immer schwach waren. Drei Tage später trat die Besatzung in Übergabeverhandlungen ein, doch da war Richard Löwenherz bereits mit einer Entsatztruppe auf dem Seeweg nach Süden. Am folgenden Tag erreichte er Jaffa, fand die Stadt von den Muslimen erobert und die Garnison im Begriff, auch noch die Zitadelle zu übergeben. Indem sie an Land wateten, trieben Richard und seine Männer – unterstützt von einem Ausfall der Zitadellenbesatzung – die demoralisierten Truppen Saladins aus der Stadt. Ein am 5. August unternommener Versuch Saladins, Richards im Vergleich winzige Streitmacht – es werden wohl kaum fünfzig Ritter gewesen sein, von denen höchstens zehn noch im Besitz ihrer Pferde waren; dazu einige hundert Armbrustschützen – mit einem Überraschungsangriff zu überwältigen, scheiterte, sobald die Muslime erkannten, dass es den Christen gelang, eine starke Verteidigungsformation zu bilden.
In der Politik allerdings war Richard nicht annähernd so erfolgreich wie auf dem Schlachtfeld. Seine Unterstützung Guidos von Lusignan, dem er seine Eroberungen überlassen wollte, wurde von Konrad von Montferrat, den französischen Kreuzfahrern und örtlichen Herren vereitelt, die den Kompromiss vom 28. Juli 1191 nie wirklich akzeptiert hatten. Da sie wussten, dass jeglicher Territorialgewinn Richards Löwenherz über kurz oder Lang Guido von Lusignan zugutekommen würde, behinderten sie die militärischen Bemühungen des englischen Königs, wo sie nur konnten, und verhandelten hinter seinem Rücken mit den Muslimen, in der Hoffnung, Saladin werde ihnen Land zuweisen. Im Februar 1192 kam es zu einem erfolglosen Versuch, Akkon für Konrad zu erobern. Richard musste einsehen, dass Guidos politische Situation hoffnungslos war, und berief um den 13. April sein Heer zur Ratsversammlung ein; deren Empfehlung, Konrad solle König werden, nahm er an. Guido entschädigte er, indem er ihm Zypern überließ. Zwar hatte er die Insel zuvor bereits den Templern verkauft, doch nach einer Revolte gegen ihre Herrschaft waren die Ritter nur zu gern bereit, sie wieder zurückzugeben. Kaum zwei Wochen später jedoch war Konrad von Montferrat tot; Assassinen hatten ihn in Tyrus überfallen. Der Auftraggeber des Attentats ist unbekannt, doch die spätere Festnahme Richards bei seiner Rückkehr vom Kreuzzug durch den österreichischen Herzog Leopold V., der an der Belagerung von Akkon teilgenommen hatte, sowie seine weitere Gefangensetzung durch Kaiser Heinrich VI. mag – da beide Männer Vettern Konrads von Montferrat waren – darauf hinweisen, dass sie Richard Löwenherz für den Verantwortlichen hielten – obwohl sowohl Leopold als auch Philipp von Frankreich, der sich in Sachen Richard mit Heinrich VI. abgesprochen hatte, durchaus auch ihre von Richard während des Kreuzzuges erlittenen Demütigungen zum Motiv ihres Handelns hätten nehmen können. Isabella jedenfalls wurde verheiratet – unter Zustimmung Richards, wenn auch nicht auf seine Initiative hin –, und zwar mit dem Kreuzfahrer Graf Heinrich von Champagne, der das Königreich Jerusalem bis zu seinem Tod im Jahr 1197 regieren sollte.
Mitte August 1192 erkrankte Richard. Sein Kreuzzug hatte seinen Schwung eingebüßt, und Nachrichten aus Westeuropa erregten die Sorge des Königs. Am 2. September unterzeichneten seine Emissäre einen Waffenstillstand mit Vertretern Saladins, der drei Jahre und acht Monate lang Bestand haben sollte. Den Christen wurde die Küste Palästinas von Tyrus bis nach Jaffa zugesprochen; Askalon sollte – nach der Schleifung seiner Festungsanlagen – an Saladin zurückgegeben werden. Christen wie Muslime sollten sich in ganz Palästina frei bewegen dürfen. Viele der englischen Kreuzfahrer nutzten die Gelegenheit und besuchten die heiligen Stätten von Jerusalem. Richard, der den Franzosen nicht verziehen hatte, dass sie seinen Feldzug behindert hatten, tat sein Bestes, um ihnen den Besuch zu erschweren. Am 9. Oktober 1192 stach Richard von Akkon aus nach Europa in See.
Der Dritte Kreuzzug hatte ein Nachspiel. Kaiser Friedrich Barbarossa war sein ältester Sohn als Heinrich VI. nachgefolgt. Heinrichs Ambition war es, das römisch-deutsche Reich in eine Erbmonarchie zu verwandeln; außerdem war er entschlossen, Sizilien zu befrieden, auf das er im Namen seiner Gemahlin Anspruch erhob, jedoch mit Waffengewalt für sich hatte sichern müssen. Beide Vorhaben mögen Heinrich zu der Ansicht gebracht haben, dass ein weiterer Kreuzzug in den Osten seinem internationalen Ansehen nur zuträglich sein konnte, nachdem der von Richard Löwenherz mit Saladin geschlossene Waffenstillstand ausgelaufen war. Zudem wird es auch Heinrich nicht an jenem Kreuzzugsenthusiasmus gemangelt haben, der zur damaligen Zeit so überaus weit verbreitet war. Die Tatsache, dass das Kreuzzugsgelübde seines Vaters Friedrich aufgrund von dessen plötzlichem Tod unerfüllt geblieben war – und Heinrich sich nun womöglich verpflichtet fühlte, dies nachzuholen –, könnte ein Übriges getan haben. Heinrich nahm das Kreuz in der Karwoche 1195 und rief seine Untertanen anlässlich eines feierlichen Hoftages, der am Ostersonntag in Bari stattfand, persönlich zum Kreuzzug auf, wobei er den Teilnehmern an der geplanten Expedition versprach, ihre Reihen mit 3000 berittenen Söldnern zu verstärken. Im Juni brach er nach Deutschland auf, um für sein Vorhaben zu werben, und am 1. August veröffentlichte auch Papst Coelestin III. einen Aufruf zum Kreuzzug und forderte den deutschen Klerus dazu auf, das Kreuz zu predigen. Im Oktober und Dezember wohnte Heinrich VI. in Gelnhausen und Worms persönlich der Anwerbung deutscher Adliger bei. In Gelnhausen stimmte er einem Vorschlag zu, der ihm von Abgesandten des lateinischen Herrn von Zypern unterbreitet wurde und der besagte, dass die Insel ein Vasallenkönigreich des Kaiserreiches werden sollte. Bald darauf wurden in dieser Angelegenheit Verhandlungen aufgenommen, die schließlich dazu führten, dass auch der Herrscher von Kleinarmenien ein Vasallenkönig wurde.
Die Planungen für einen erneuten Kreuzzug wurden anlässlich einer im März 1196 auf einem Reichstag in Würzburg abgeschlossen, und ein Jahr später versammelte sich ein ansehnliches deutsches Heer in den Häfen von Süditalien und Sizilien. Angeführt wurde es von dem Mainzer Erzbischof; vermutlich hatte Heinrich, der von gesundheitlichen Problemen geplagt war und außerdem erneute Unruhen in Sizilien niederzuwerfen suchte, mittlerweile jede Hoffnung aufgegeben, auf dem Kreuzzug selbst das Kommando zu führen. Am 22. September 1197 lief der Hauptteil der deutschen Flotte im Hafen von Akkon ein. Die Deutschen besetzten Sidon und Beirut, die von den Muslimen aufgegeben worden waren, und belagerten Toron, doch dann ließ eine Nachricht aus der Heimat ihren Kreuzzug auseinanderbrechen. Am 28. September war Kaiser Heinrich VI. in Messina gestorben. Heinrichs Sohn Friedrich war zu diesem Zeitpunkt noch keine drei Jahre alt und die Zukunft des Deutschen Reiches wie auch des Kaiserreiches somit ungewiss. Am 1. Juli 1198 schlossen die Kreuzfahrer einen Waffenstillstand mit ihren muslimischen Gegnern, in dem der christliche Besitz von Beirut anerkannt wurde. Bis zum Ende des Sommers waren die meisten der führenden Kreuzfahrer in ihre Heimat aufgebrochen, um ihre dortigen Anrechte und Besitzungen zu verteidigen.
Sowohl der eigentliche Dritte Kreuzzug als auch der Kreuzzug von 1197 zeigten, dass die Kreuzzugsbewegung noch immer echten Enthusiasmus in ganz Europa entfachen konnte, wenn es in der Levante eine Krise gab, und dass in einer solchen Situation folglich ein großes Kreuzfahrerheer ins Feld geführt werden konnte. Die entsprechenden für jene Jahre überlieferten Zahlen zu Truppen- und Materialtransporten in den Nahen Osten sind wirklich bemerkenswert. Noch 1188 hatten die Christen bis auf Tyrus sowie ein oder zwei isolierte Festungen im Landesinneren alle Stützpunkte in Palästina eingebüßt gehabt; bis 1198 hatten sie beinahe die gesamte palästinensische Küste zurückerobert. Dies sollte die Existenz des Königreichs Jerusalem für ein weiteres Jahrhundert sichern, denn es beseitigte die Bedrohung, die ägyptische Flotten aus dem Nildelta bislang für die Seewege von der Levante nach Westeuropa dargestellt hatten – und das zu genau der Zeit, als Akkon zum wichtigsten Hafen des östlichen Mittelmeerraums aufstieg. Der Kreuzzug von 1197 scheint der erste gewesen zu sein, bei dem Söldnerkontingente eine maßgebliche Rolle spielten. In den Jahren 1191/1192 müssen diese bezahlten Truppen bereits in Palästina eingesetzt worden sein – in den Quellen sind sie allgegenwärtig –, aber das Vorgehen Heinrichs VI. im Jahr 1197 beinhaltete erstmals den „Export“ eines großen Söldnerheeres aus Westeuropa. So wandelte sich auch eine Invasion Ägyptens, die die Fantasie der Kreuzfahrer und lateinischen Siedler von Anfang an beschäftigt hatte, vom bloßen Wunschtraum zum mehr oder minder konkreten Plan. Als sich im Juni 1192 sein Aufenthalt im Osten dem Ende zuneigte, hatte Richard Löwenherz eine Diskussion über das endgültige Ziel des Dritten Kreuzzuges angeregt. Ein Komitee, das sich aus Angehörigen der Ritterorden, Vertretern der Siedlerschaft sowie des Kreuzfahrerheeres zusammensetzte, hatte sich auf Ägypten als Endziel des Feldzuges geeinigt, womit allerdings die Angehörigen des von König Philipp von Frankreich zurückgelassenen Kontingents nicht einverstanden waren.
Letzlich schien in der Entscheidung der Kreuzfahrer, in den Hügeln von Judäa nicht alles zu riskieren, ein neuer Realismus auf, der andererseits natürlich zur Folge hatte, dass ihnen Jerusalem entging. Dieses Versäumnis hilft zu verstehen, warum ein geradezu obsessives Faible für das Kreuzfahrertum auch weiterhin sämtliche Schichten der westeuropäischen Gesellschaft durchzog.
Als die Deutschen mit ihrem Rückzug aus Palästina begannen, gab es schon seit einer Weile einen neuen Papst, denn am 8. Januar 1198 hatte Lothario dei Conti di Segni als Innonzenz III. den Stuhl Petri bestiegen. Er war zu diesem Zeitpunkt 37 oder 38 Jahre alt und somit ein vergleichsweise junger Papst. Mit seiner energisch-scharfsinnigen Art neigte Innozenz in der Beurteilung von Menschen und bei Entscheidungsfragen zu allzu raschem Urteil, und das selbst in seinen Rechtsentscheiden. Er hatte eine außerordentlich hohe Meinung von seinem Amt als Stellvertreter Christi auf Erden, dessen Autorität sich auf restlos alle kirchlichen Belange und – als letzte Instanz – sogar auf weltliche Angelegenheiten erstreckte. Man sollte allerdings betonen, dass seine Bestrebungen hauptsächlich seelsorgerischer Natur und seine Entscheidungen in der Regel pragmatisch waren. Innozenz’ Vorstellungen und Temperament ließen ihn weitaus größeren Anteil an der Leitung der Kreuzzüge nehmen, als dies bei seinen Vorgängern der Fall gewesen war; jene hatten die Planung und Durchführung der Kreuzzüge, nachdem sie sie erst einmal gepredigt hatten, den Laien überlassen. Das ganze 12. Jahrhundert hindurch hatten gekrönte Häupter an der Spitze der Kreuzzugsbewegung gestanden: König Ludwig VII. von Frankreich und der römisch-deutsche König Konrad III.; der englische König Richard I. Löwenherz und König Philipp II. von Frankreich; schließlich der römisch-deutsche König und Kaiser Friedrich Barbarossa. In der Forschung ist oft die Vermutung geäußert worden, Papst Innozenz habe die Monarchen Europas mit voller Absicht von der Führung der von ihm geplanten Kreuzzüge fernhalten wollen. Diese Ansicht ist jedoch irreführend. Viel eher war es wohl so, dass Innozenz in einer Zeit, in der Kaiser Heinrich VI. gerade verstorben war und Richard Löwenherz sowie Philipp von Frankreich, wie es schien, keine große Lust auf einen erneuten Feldzug verspürten, die Verantwortung für ein solches Großunternehmen ganz bewusst selbst in die Hand nahm. Wie die Ereignisse jedoch zeigen sollten, verfügte das Papsttum weder über das rechtliche noch über das organisatorische Vermögen zur erfolgreichen Führung eines Kreuzzuges.
Dennoch trug Innozenz III. mehr zur Kreuzzugsbewegung bei als irgendeine andere Person mit Ausnahme Urbans II. Er durfte nicht damit rechnen, tatsächlich selbst mit einem Kreuzfahrerheer ins Feld zu ziehen – bereits im August 1198 räumte Innozenz ein, die Erfordernisse seines Amtes erlaubten ihm eine solche Reise nach Palästina nicht –, aber dennoch war die Kreuzzugsbewegung etwas, das sowohl die spekulative als auch die politische Seite seines Charakters ansprach. Es scheint, dass kein anderer Papst so viel Zeit dem Kreuzzugsgedanken gewidmet hat wie Innozenz III. Kein anderer predigte so viele Kreuzzüge. Und vielleicht hätte auch kein anderer Papst ein grundlegendes Prinzip des Kirchenrechts zugunsten der Kreuzzugsbewegung so hastig über den Haufen geworfen, wie er es tat, als er entschied, dass ein Mann auch gegen den Willen seiner Ehefrau das Kreuz nehmen könne, weil sich das Heilige Land in größter Not befinde. Innozenz begründete diese Verletzung des natürlichen Rechts der Frau sowie des kanonischen Prinzips von der Gleichberechtigung beider Partner in der Ehe auf eine Weise, die den Kirchenrechtlern – obwohl sie die Gültigkeit von Innozenz’ Entscheidung nie bestritten haben – immer unbequem geblieben ist. In Analogie zu weltlichen Gegebenheiten argumentierte er folgendermaßen: Da der Widerspruch einer Ehefrau nichts gegen die Forderungen eines irdischen Königs nach Kriegsdienst und Gefolgschaft ausrichten konnte, um wie viel weniger musste er dann im Angesicht Gottes, des Himmelskönigs, gelten? So entwickelte Innozenz ein Argumentationsmuster, das sich auch in seinen Briefen wiederfindet; dass nämlich das Kreuzzugsgelübde – obgleich seinem Wesen nach freiwillig – zugleich ein Gebot der Moral sei. Gott fordere von jedem zu diesem Dienst tauglichen Christen die Teilnahme am Kreuzzug – eine Verpflichtung, der man sich nicht ungestraft entziehen könne:
Und all jenen, die ihre Teilnahme verweigern – wenn es denn tatsächlich einen Menschen gibt, der dem Herrn unserem Gott einen derartigen Undank entgegenbringt –, all jenen sagen Wir im Namen des Apostels Petrus ganz entschieden an, dass sie … uns in dieser Sache am Jüngsten Tag vor dem gestrengen Weltenrichter Rede und Antwort werden stehen müssen.
Andererseits wäre es falsch, den Kreuzzug zum alleinigen Inhalt von Innozenz’ Denken zu erklären. Vielmehr war er einer von jenen Enthusiasten, die jedem beliebigen Problem, das sich ihnen bietet, ihre geballte Geisteskraft entgegenbringen, und sein Pontifikat bietet zahlreiche Beispiele für Angelegenheiten von Rang, denen Innozenz’ starke Hand zugute kam – oder auch nicht. Man hat zudem darauf hingewiesen, dass Innozenz keineswegs mit einem vorgefertigten Kreuzzugsplan zum Papst gewählt wurde; erst im Sommer 1198, also sechs Monate nach seiner Wahl und vermutlich als Reaktion auf das Auseinanderbrechen des Deutschen Kreuzzuges von 1197/1198, gab es erste Anzeichen dafür, dass ein solcher Plan im Entstehen begriffen war.
Im August 1198 ließ Innozenz III. mit der Bulle Post miserabile seinen ersten allgemeinen Aufruf zum Kreuzzug ergehen. Er forderte die Könige Richard von England und Philipp von Frankreich auf, einen fünfj ährigen Waffenstillstand zu schließen, und bat Philipp zudem um die Bereitstellung von Söldnern; dabei gab der Papst deutlich zu verstehen, dass er – zumindest in dessen Frühphase – die Kontrolle über den Kreuzzug in seiner Hand zu behalten gedachte. Die Kreuzfahrer wurden angehalten, sich ab dem nächsten März zu einem Kriegsdienst von zwei Jahren Dauer bereitzuhalten. Päpstliche Legaten sollten nach Palästina entsandt werden, um dort alles für ihre Ankunft vorzubereiten. Der hohe Klerus wurde verpflichtet, entweder Bewaffnete zur Teilnahme am Kreuzzug zu stellen oder den Gegenwert in bar zu zahlen. Auch kam es zu einer Neufassung der bislang verwandten Ablassformel. Innozenz hatte sich für die modernere Variante der Bußtheologie entschieden, das heißt für ein Ablassverständnis wie in den Schriften Bernhards von Clairvaux und Eugens III. Indem er dies tat, begründete Innozenz den Ablass, wie er Katholiken seitdem bekannt ist. Der Papst erklärte nun nicht mehr einfach, ein Bußakt sei hinreichend. Stattdessen rückte, da nun dem Sünder die Vergebung seiner Sünden im Namen Gottes versprochen wurde, das liebevolle Wohlwollen eines barmherzigen Gottes in den Mittelpunkt: Er werde, indem er dem reuigen Sünder für die andächtige Verrichtung eines verdienstvollen Werkes den rechten Lohn erteilte, jeglichen Makel von dem nunmehr Geläuterten hinwegnehmen – immer vorausgesetzt, dass auf eine aufrichtige Beichte die Absolution durch den Beichtvater erfolgt war:
Im Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes, kraft der Autorität der heiligen Apostel Petrus und Paulus sowie unserer eigenen Nichtswürdigkeit eingedenk, gewähren wir, durch die uns von Gott verliehene Vollmacht, zu binden und zu lösen, all denen, die sich persönlich, freien Willens und auf eigene Kosten den Mühen jener Reise aussetzen, die völlige Vergebung aller Sünden, die sie in ihrem Herzen bereut haben und die ihre Zunge bekannt hat; und als Belohnung für diese Gerechten versprechen wir ihnen einen größeren Anteil am ewigen Heil.
Diese Formulierung machte den Zeitgenossen Eindruck. Gottfried von Villehardouin, der bei diesem Kreuzzug eine führende Rolle spielen sollte, schrieb: „weil der Ablass so groß war, wurden die Herzen der Menschen so stark bewegt, und weil der Ablass so groß war, nahmen viele das Kreuz.“
Anfangs kann Innozenz nicht von einem allzu großen Feldzug ausgegangen sein, denn er setzte für die Vorbereitungen lediglich sechs Monate an. Ende August 1198 schrieb er dann allerdings an alle Erzbischöfe und ging noch einmal näher auf die Forderungen nach Männern und Geld ein, die er bereits an sie gestellt hatte. Er verlangte von ihnen, Provinzialsynoden einzuberufen, die diesen Punkt erörtern sollten. Mindestens eine dieser Versammlungen trat dann auch tatsächlich zusammen – gegen Ende des Jahres 1198 in Dijon –, und viele der anwesenden Bischöfe sicherten zu, dem Kreuzzugsunternehmen mehr als ein Dreißigstel – also über drei Prozent – der Einnahmen ihrer Bistümer zur Verfügung zu stellen. Ein Jahr später, am 31. Dezember 1199, veröffentlichte Innozenz III. eine weitere Bulle, Graves orientalis terrae, durch welche der gesamten Kirche mit Ausnahmen eine Einkommenssteuer von einem Vierzigstel – also 2,5 Prozent – auferlegt wurde, „wie es die überaus große Notwendigkeit verlangt“. Die Laien sollten außerdem dazu ermuntert werden, großzügige Almosen zu geben; zu diesem Zweck wurden in den Kirchen Spendentruhen aufgestellt. Die Einkünfte sollten jenen Kreuzfahrern zugutekommen, die sich die Teilnahme am Kreuzug anders nicht hätten leisten können und gelobt hatten, mindestens ein Jahr im Heiligen Land zu bleiben; man berücksichtigte aber auch jene, die Söldner schickten, anstatt selbst ins Feld zu ziehen.
Dies war der erste Schritt in einem Prozess, der in der Folge zu einem ausgeklügelten System von Kirchensteuern führen sollte. Zwar stimmt es, das die Kreuzzugsteilnahme mit der Zeit so teuer geworden war, dass früher oder später eine bessere Zusatzfinanzierung gefunden werden musste, als sie die Sondersteuern gewesen waren, die europäische Monarchen im 12. Jahrhundert erhoben hatten. Allerdings deutet der Umstand, dass innerhalb von sechzehn Monaten eine allgemeine Aufforderung, durch Geldspenden zu einem spontan angesetzten Feldzug beizutragen, zu einer umfassenden Besteuerung der gesamten Kirche werden konnte, eher darauf hin, dass der ursprüngliche Plan für den Kreuzzug zugunsten eines weitaus ambitionierteren Vorhabens aufgegeben worden war. Tatsächlich muss Innozenz III. innerhalb von etwa einem Monat nach der Veröffentlichung der Bulle Post miserabile von einer Entwicklung gehört haben, die diesen Sinneswandel herbeiführte. Der Waffenstillstand, der am 1. Juli 1198 zwischen dem Königreich Jerusalem und al-ʿAdil, dem nunmehrigen Oberhaupt der Familie Saladins, geschlossen worden war, sollte nämlich fünf Jahre und acht Monate gelten. Dies machte einen Kreuzzug nach Palästina unpassend, und als dann doch Kreuzfahrer aus dem Westen in Jerusalem eintrafen, beschied ihnen der König in deutlichen Worten, dass militärische Operationen untersagt waren. Die Nachricht von dem Waffenstillstand muss Italien Ende September oder Anfang Oktober 1198 erreicht haben, und es scheint, dass der ursprüngliche Kreuzzugsplan daraufhin abgeändert und erweitert wurde. Seine vollentwickelte Form finden wir in den Zeilen eines Vertrages, den Abgesandte der Kreuzzugsführung im Früjahr 1201 mit Venedig schlossen. Die Venezianer verpflichteten sich in einer geheimen Zusatzklausel, 4500 Ritter mit einer entsprechenden Zahl von Pferden über das Mittelmeer nach Alexandria in Ägypten zu transportieren, dazu 9000 Knappen sowie 20.000 „wohlbewaffnete“ Fußsoldaten. Dies war eine gewaltige Streitmacht: Dreizehn Jahre später in der größten Schlacht, die Westeuropa in jenen Jahren gesehen hat, bei Bouvines betrug die Gesamtzahl der Soldaten beider Seiten weniger als 20.000! Auch unter den späteren Kreuzzügen mit Flotteneinsatz findet sich kein Beispiel, das an solche Zahlen herankäme. Insbesondere die Anzahl von 20.000 Fußsoldaten ist ungewöhnlich hoch und so spezifisch, dass es schwerfällt zu glauben, die nach Venedig gereisten Abgesandten – von denen drei oder vier über eigene Kreuzzugserfahrung verfügten – hätten dabei allein an Freiwillige gedacht. Es drängt sich der Schluss auf, dass die Unterhändler bei der Miete von Schiffsraum für derart viele Fußtruppen hauptsächlich Söldnertruppen im Sinn hatten.
Wie es scheint, war also ein Kreuzzug jener Art beabsichtigt, wie sie in den 1195 gefassten Plänen Heinrichs VI. bereits ihren Schatten vorausgeworfen hatte, ein Kreuzzug also, bei dem ein Kern von Kreuzfahrern ein viel größeres, aus Europa in das Heilige Land verschifftes Söldnerheer befehligen sollte. Die Entscheidung, in einer solchen Größenordnung auf bezahlte Kämpfer zurückzugreifen, liefert die Erklärung für die Besteuerung der Geistlichkeit: Der plötzliche Geldbedarf, der sich in ihnen ausdrückte, war vor allem den erwarteten Kosten für die Anwerbung dieser Männer geschuldet. Auf den ersten Blick muss es seltsam, ja in Anbetracht der immensen Transportkosten geradezu verschwenderisch erscheinen, ein ganzes Heer in Europa anmieten zu wollen, obwohl man in Palästina weit billiger zum Zuge gekommen wäre. Im Hintergrund stand hier jedoch der Plan, Alexandria durch den Überraschungsangriff einer direkt aus Europa eintreffenden Flotte zu erobern; wer direkt auf Ägypten zielte, konnte nicht in Palästina Söldner anwerben.
Wie wir gesehen haben, hatten die Kreuzfahrer Ägypten bereits bei ihrer ersten Ankunft im Heiligen Land ins Visier genommen. Das Land am Nil sollte das Ziel des Fünften Kreuzzuges sowie des ersten Kreuzzuges Ludwigs IX. von Frankreich bilden, und noch den Kreuzzugsstrategen des 14. Jahrhundert schwebte es wie eine Fata Morgana vor Augen, die am Horizont lockt. Dieses Interesse ist verständlich, war Ägypten doch das bei Weitem reichste Land in dieser Weltgegend. Dazu hatte es sowohl im Alten als auch im Neuen Testament eine Rolle gespielt. Es war ein Teil des christlichen Römischen Reiches gewesen und verfügte noch immer über eine große christliche Bevölkerung. Auch eine Eroberung Ägyptens konnte als Befreiung eines zu Unrecht von einer fremden Macht okkupierten Territoriums gerechtfertigt werden. Der europäische Handel würde zudem von ihr profitieren, da Ägypten nicht nur an mehreren internationalen Handelsrouten lag, sondern seine Flotte die Verbindungen zwischen der Levante und Westeuropa bedrohte. Noch wichtiger war die Überzeugung, ein Erfolg in Ägypten könne langfristig durchaus zu einer Rückeroberung Jerusalems führen. Solange die Lateiner Ägypten beherrschten, fänden sich die Muslime in der Defensive. Es war bekannt, dass das jährliche Hochwasser, die lebensspendende Nilschwelle, zuletzt ausgeblieben war und Ägypten sich in einer schweren wirtschaftlichen Krise befand. Wenn Alexandria fiele, glaubte man, würde auch das übrige Ägypten einer Invasion nicht standhalten können.
Obwohl Alexandria seinen wirtschaftlichen Vorrang mittlerweile von Akkon herausgefordert sah, blieb es doch der Endpunkt der durchweg bedeutendsten Gewürzhandelsroute aus dem Fernen Osten und das größte Handelszentrum, das die Kaufleute des Mittelmeeraums kannten. Ein verlockenderes und zugleich leichteres Ziel war, schien es, kaum vorstellbar. In die Häfen von Alexandria konnte eine feindliche Flotte leicht eindringen, und die Verwundbarkeit der Stadt selbst hatte sich bereits am 29. Juli 1174 gezeigt, als eine große sizilianische Streitmacht vor deren Mauern gelandet war, während christliche Galeeren ungehindert in einen der Häfen vorgestoßen waren. Am 1. August hatten sich die Sizilianer abrupt zurückgezogen, doch sollte die Schwäche der Stadt Alexandria später noch einmal deutlich werden, als sie – wie wir noch sehen werden – 1365 kurzzeitig durch den Kreuzzug König Peters I. von Zypern besetzt wurde. Im Jahr 1202 nun sollten sich die Kreuzzugsteilnehmer im April in Venedig versammeln, von wo sie – so der ursprüngliche Plan – Ende Juni in Richtung Alexandria in See stechen sollten. Dies hätte eine Ankunft in Ägypten Ende Juli oder Anfang August bedeutet, zur Zeit der alljährlichen Nilschwelle, die es den Ägyptern erschwert hätte, zusätzliche Truppen zur Verteidigung Alexandrias zu entsenden. Den Angreifern hätte dies ermöglicht, ungestört eine Reihe von Angriffen auf die Stadt durchzuführen und später, wenn das Hochwasser Ende Oktober zurückging, in das Landesinnere vorzustoßen.
Ein großer Teil dieser Planungen muss gleichsam hinter der Bühne stattgefunden haben. Zwar stießen die Auftritte des Kreuzzugspredigers Fulko von Neuilly auf starke Anteilnahme, aber man hat dennoch vermutet, dass sich der Enthusiasmus der Adligen und Ritter nur sehr zögerlich entwickelte. Das muss jedoch ein Trugschluss sein, und die Reihe melodramatischer Auftritte, mit denen im Winter 1199/1200 zahlreiche Freiwillige das Kreuz nahmen und die das spät erwachte Interesse einer breiteren Öffentlichkeit zu signalisieren scheinen, sollten wohl eher als Beispiele jenes sorgsam inszenierten Kreuzzugs-Theaters betrachtet werden, das im hohen Mittelalter nur allzu verbreitet war. So nahmen anlässlich eines Turniers, das am 28. November 1199 in Écry (dem heutigen Asfeld-la-Ville) veranstaltet wurde, die jungen Grafen Theobald III. von Champagne und Ludwig von Blois das Kreuz, gemeinsam mit vielen ihrer Vassallen und zwei bedeutenden Herren der Île-de-France, Simon von Montfort und Rainald von Montmirail. Am 23. Februar des darauffolgenden Jahres, einem Aschermittwoch, legte auch Theobalds Schwager, Graf Balduin von Flandern, das Kreuzzugsgelübde ab, ebenso wie Balduins Brüder Heinrich und Eustachius sowie zahlreiche Vasallen.
Die drei Grafen Theobald, Ludwig und Balduin waren nahe Verwandte und entstammten zudem Familien, in denen die Teilnahme am Kreuzzug eine lange Tradition hatte. Das machte sie zu natürlichen Anführern der neuen Kreuzzugsbewegung, und sie handelten gemeinsam. Bei einem Treffen in Soissons wurde beschlossen, die weitere Planung auszusetzen, solange sich nicht mehr Teilnehmer gemeldet hatten. Zwei Monate später erteilte eine weitere Versammlung, die in Compiègne abgehalten wurde, sechs Männern, von denen jeder der Grafen jeweils zwei ausgewählt hatte, die Vollmacht, mit einer der italienischen Seerepubliken günstige Konditionen für den Truppentransport auszuhandeln. Die sechs Gesandten, darunter der berühmte Troubadour Conon von Béthune sowie der zukünftige Chronist des Vierten Kreuzzuges Gottfried von Villehardouin, entschieden sich, als erstes mit den Venezianern Kontakt aufzunehmen. Nachdem sie mitten im Winter die Alpen überquert hatten, legten sie dem Dogen Enrico Dandolo und dessen Beratern ihr Anliegen dar. Der Doge war bereits sehr alt und fast blind, aber ein erfahrener, kultivierter, kluger und beharrlicher Mann. Die Unterhändler erwirkten die bereits beschriebene Vereinbarung und legten einen Preis von 85.000 Kölnischen Mark fest. Das war nicht überteuert. Der Betrag sollte bis April 1202 in Raten gezahlt werden. Bei einer Versammlung im Markusdom wurde der Vertrag feierlich ratifiziert; eine Kopie wurde dem Papst zur Bestätigung übersandt.
Die Gesandtschaft kehrte nach Frankreich zurück, wo sie Theobald von Champagne auf dem Sterbebett vorfand. Nachdem sowohl der Herzog von Burgund als auch der Graf von Bar-le-Duc es abgelehnt hatten, an seine Stelle zu treten, beschloss eine Ende Juni 1201 in Soissons abgehaltene Versammlung, dem Markgrafen Bonifatius von Montferrat den Oberbefehl über das Kreuzfahrerheer anzutragen. Bonifatius verfügte selbst über keinerlei Kreuzzugserfahrung; jedoch sind uns bereits seine Brüder Wilhelm – der Sibylle von Jerusalem heiratete – und Konrad – der Ehemann von Sibylles Halbschwester Isabella – begegnet. Ein dritter Bruder, Rainer von Montferrat, hatte eine griechische Prinzessin geheiratet und war im Byzantinischen Reich bis zum Caesar aufgestiegen, 1183 jedoch ermordet worden. Es wurde bereits auf die ausgezeichneten Beziehungen der Familie Montferrat hingewiesen, die eng mit den französischen und deutschen Königshäusern verwandt war; es ist sogar gut möglich, dass König Philipp von Frankreich persönlich Bonifatius von Montferrat als Anführer des Kreuzfahrerheeres vorgeschlagen hat. Bonifatius war einer der angesehensten Feldherren seiner Zeit; sein Hof war ein Zentrum höfisch-ritterlicher Kultur. Außerdem war er ein enger Freund und Gefolgsmann Philipps von Schwaben, eines jüngeren Bruders des verstorbenen Kaisers Heinrich VI. 1198 zum König gewählt, war Philipp ein Anwärter auf den Kaiserthron und befand sich daher im Streit mit dem Papst, der mittlerweile seinem Rivalen Otto von Braunschweig den Vorzug gab. Durch Heirat war Philipp von Schwaben mit dem byzantinischen Kaiserhaus verbunden, denn seine Ehefrau war die Prinzessin Irene von Byzanz, deren Vater, Kaiser Isaak II. Angelos von seinem Bruder Alexios III. Angelos abgesetzt, geblendet und mitsamt seinem Sohn Alexios, Irenes Bruder, eingekerkert worden war. Bonifatius von Montferrat kam im Spätsommer 1201 nach Soissons, übernahm das Kommando über das Kreuzfahrerheer und nahm das Kreuz. Sodann zog er über Cîteaux, wo eine große Kreuznahmezeremonie mit einer Versammlung des Generalkapitels des Zisterzienserordens zusammenfiel, nach Deutschland hinüber, um dem Weihnachtshoftag Philipps von Schwaben in Hagenau im Elsass beizuwohnen.
Zu diesem Hoftag kam auch der junge Alexios Angelos, Philipps Schwager, der seinem Onkel entwischt und in den Westen geflohen war, um dort Hilfe für seinen abgesetzten Vater zu erbitten. Es ist möglich, dass in Hagenau eine Verschiebung des Feldzuges nach Alexandria sowie ein stattdessen mithilfe des Kreuzfahrerheeres zu erzwingender Machtwechsel in Konstantinopel diskutiert wurde – zwei Punkte, die womöglich Alexios im folgenden Februar und Bonifatius Mitte März dem Papst zu Gehör brachten. Wenn dem so war, dann wies Innozenz III. jegliches derartige Ansinnen weit von sich, und es scheint nicht so, dass vor dem Eintreffen der Kreuzfahrer in Venedig Mitte des Sommers 1202 eine Einigung in dieser Frage erzielt wurde.
Der Vorschlag, sich doch an der Eroberung von Alexandria zu versuchen, hatte sich derart weit verbreitet, dass er gerüchteweise sogar bis nach Ägypten selbst vorgedrungen war. Nun hieß es, die Ägypter wollten die Venezianer bestechen, um den Transport des Kreuzfahrerheeres zu verhindern. Allerdings hätten die Ägypter sich ihre Bemühungen durchaus sparen können, denn die Anwerbung von bis zu 20.000 Fußtruppen überstieg die Möglichkeiten und Ressourcen der Kreuzzugsführung, insbesondere, da nach Ausweis der Quellen bis zu jenem Zeitpunkt noch keinerlei Einkünfte aus der Besteuerung des Klerus zu verzeichnen gewesen waren – geschweige denn, dass diese Einkünfte dorthin gelangt wären, wo sie gebraucht wurden. Tatsächlich war der Widerwillen gegen die neuen Abgaben so groß, dass einige englische Steuerforderungen erst 1217 beglichen wurden; 1208 waren jene in einigen Teilen Italiens noch nicht einmal gestellt worden. Selbst wenn es jedoch möglich gewesen wäre, eine solche Streitmacht in der Kürze der Zeit zu rekrutieren, krankte der Plan einer direkten Invasion Ägyptens auf dem Seeweg an übergroßem Ehrgeiz. Zwar war es den Sizilianern 1174 gelungen, Alexandria zu erreichen, aber ihre Streitmacht war wesentlich kleiner gewesen und ihr Angriff war gescheitert. Nach 1204 sollte man aus der Geschichte lernen: Weder der Fünfte Kreuzzug noch der erste Kreuzzug Ludwigs IX. begannen ihre Invasionen Ägyptens auf dem Seeweg. Vielmehr zog sich das Heer des Fünften Kreuzzuges 1218 in Palästina zusammen, während König Ludwig mit seinen Truppen 1248/1249 auf Zypern überwinterte.
Im April 1202 war Papst Innozenz III. noch voller Hoffnung – jedenfalls gab er sich so –, aber sein Dekret vom September 1201, demzufolge Kreuzfahrer sich auch gegen den Willen ihrer Ehefrauen dem Kreuzzug anschließen durften, muss doch als Zeichen einer wachsenden Verzweiflung gewertet werden. Außerdem erzählte man sich jetzt, viele der Kreuzfahrer seien mit dem ganzen Unternehmen unzufrieden. Einige lösten ihre Gelübde nicht ein; andere beschlossen, nicht über Venedig zu reisen, sondern trafen ihre eigenen Vorkehrungen und begaben sich auf direktem Weg nach Palästina. Viele von denen, die nicht nach Venedig kamen, gingen wohl davon aus, dass der Plan einer direkten Invasion Ägyptens nun, da die Anführer des Kreuzzuges nicht in der Lage gewesen waren, die erforderlichen Söldner anzuwerben und zu entlohnen, aufgegeben worden war. Die aber, die kamen, kamen unpünktlich, und im Frühherbst 1202 stellte sich heraus, dass lediglich ein Drittel der erwarteten 33.500 Männer – einschließlich etwa 1500 bis 1800 Rittern – in Venedig bereitstanden. Daraus folgte, dass – trotz aller Mühen und aller Großzügigkeit seitens der Kreuzzugsführung, die tief in ihre eigenen Taschen gegriffen hatte – die Kreuzfahrer den Venezianern eine Summe von 34.000 Mark Silber für Transportdienste schuldig blieben, für die bereits Vorkehrungen getroffen waren. Die Venezianer hatten nämlich in einem gewaltigen Bauprogramm – und zulasten ihrer eigenen Handelsinteressen – eine Flotte von etwa 500 Schiffen auf Kiel gelegt und waren nun fest entschlossen, das ihnen zustehende Geld einzutreiben. Sie drohten sogar, dem Kreuzfahrerheer, das auf dem Lido, der großen Insel, durch welche die Lagune von Venedig zum Adriatischen Meer hin geschlossen ist, lagerte, die Lebensmittelversorgung zu kappen. Zudem nahte der Winter und mit ihm das Ende der Segelsaison. Ohne auch nur Europa verlassen zu haben, waren die Anführer des Vierten Kreuzzuges in eine der Kreuzfahrerfallen getappt, nämlich den – trotz Papst Innozenz’ revolutionärem Versuch, sie durch Kirchensteuern zu unterstützen – zur Verzweiflung treibenden Geldmangel.
An diesem Punkt schlug ihnen der Doge eine einstweilige Stundung ihrer Schulden vor, bis diese aus der zu erwartenden Kriegsbeute bezahlt werden konnten. Er tat dies unter der Bedingung, dass die Kreuzfahrer Venedig bei der Rückeroberung des Hafens von Zadar an der dalmatischen Küste unterstützten, den die Ungarn in ihre Gewalt gebracht hatten. Die Anführer des Kreuzzuges willigten ein und fanden sich somit in einer kuriosen Lage wieder: Sie sollten ihren Feldzug mit dem Angriff auf eine christliche Stadt eröffnen, die noch dazu einem Kreuzfahrer gehörte, denn König Emmerich von Ungarn hatte selbst das Kreuz genommen. Unabhängig davon, wie es nun im Einzelnen um die Rechtmäßigkeit von Emmerichs Anspruch auf Zadar bestellt gewesen sein mag, war die Kirche verpflichtet, ihn in diesem zu unterstützen, gerade so, wie sie auch verpflichtet war, das Eigentum jener Männer zu schützen, die ihre Heimat verlassen hatten und nun die Einnahme von Zadar vorbereiteten. Unter den Kreuzfahrern griff dennoch eine gewisse Unruhe um sich, zumal die Venezianer sich geweigert hatten, die Legitimation des päpstlichen Legaten Peter von Capua anzuerkennen, und ihn kurzerhand gezwungen hatten, nach Rom zurückzukehren. Auch wuchs die Zahl der Fahnenflüchtigen, und bevor er Venedig verlassen musste, ermahnte Peter von Capua – der sich zu dem Plan, Zadar anzugreifen, anscheinend nicht geäußert hat – einige hochrangige Kleriker, ihre Zweifel zu begraben und bei dem Kreuzfahrerheer zu bleiben, um dessen geistliche Führung zu sichern. Sogar Bonifatius von Montferrat hielt es für angebracht, dem Kreuzzug den Rücken zu kehren und nach Rom zu reisen. Erst nach der Einnahme von Zadar schloss er sich dem Kreuzfahrerheer erneut an.
Nachdem ihre Bedingungen akzeptiert worden waren, nahmen Enrico Dandolo sowie viele führende Venezianer das Kreuz. Eine Flotte von über 200 Schiffen, darunter sechzig Galeeren, verließ Venedig Anfang Oktober 1202. Viele dieser Schiffe waren eigens für einen direkten Angriff auf Alexandria konzipiert worden. Ein Augenzeuge erinnerte sich später, dass „in den bauchigen Schiffen über 300 Katapulte und Mangonellen [eine Art Miniaturkatapult] mitgeführt wurden, dazu ein reichlicher Vorrat an allen Arten von Kriegsmaschinen, die man zur Einnahme einer Stadt benötigt“. Die Schiffe konnten Seite an Seite gelegt werden, um schwimmende Geschützbatterien zu bilden. Neben der Artillerie zum Schießen mit Steinen und Griechischem Feuer waren sie auch mit Sturmleitern und Enterbrücken ausgerüstet. Einige waren auf den Transport von Pferden ausgelegt, die sie dann, mitsamt ihren Reitern, über eine Rampe direkt auf den Strand absetzen konnten. Sie segelten langsam die Adriaküste hinunter, um andere tributpflichtige Städte durch diese Machtdemonstration zu beeindrucken; am 10. November erschienen sie vor Zadar. Das Heer ging an Land, aber nun erreichte sie ein Brief des Papstes, der ihnen nicht nur verbot, christliche Städte anzugreifen, sondern Zadar dabei noch explizit beim Namen nannte. Einige führende Kreuzfahrer, am lautesten der Zisterzienserabt Guido von Vaux-de-Cernay und Simon von Montfort, protestierten im Namen des Papstes gegen eine Belagerung Zadars und sandten sogar Nachrichten an die Verteidiger der Stadt, in denen sie diese dazu ermutigten, Widerstand zu leisten. Dann zogen sich die Beschwerdeführer in einige Entfernung zurück und hatten mit dem weiteren Verlauf der Ereignisse nichts mehr zu tun. Am 24. November fiel Zadar und wurde geplündert; Kreuzfahrer und Venezianer teilten sich die Beute.
Da das Jahr mittlerweile zu weit vorangeschritten war, als dass man noch hätte weiterziehen können, war der Entschluss schnell gefasst gewesen, in Zadar zu überwintern. Dort stieß denn auch Bonifatius von Montferrat Mitte Dezember wieder zum Kreuzfahrerheer. Ihm dicht auf den Fersen kam eine Gesandtschaft Philipps von Schwaben, die im Namen des jungen Alexios Angelos erklärte, wenn die Kreuzfahrer ihm und seinem Vater helfen würden, den Thron von Byzanz zurückzuerlangen, werde das Patriarchat von Konstantinopel sich dem Papst in Rom unterordnen, Kreuzfahrer und Venezianer würden gemeinsam 200.000 Mark Silber erhalten und die Griechen das gesamte Heer des Vierten Kreuzzuges kostenlos für ein weiteres Jahr mit Proviant versorgen. Alexios ließ zudem ausrichten, er selbst wolle sich gern dem Kreuzzug anschließen, wenn dies gewünscht werde. In jedem Fall wolle er ein Kontingent von 10.000 Griechen beisteuern sowie in Palästina für den Rest seines Lebens und auf eigene Kosten eine Truppe von 500 Rittern unterhalten.
Man darf nicht vergessen, dass der Plan, Alexandria zu erobern, zu diesem Zeitpunkt noch nicht aufgegeben worden war: Man hatte ihn lediglich aufgeschoben. Acht Monate später teilt Graf Hugo von Saint-Pol aus dem Feldlager vor den Toren Konstantinopels in einem Brief an Heinrich von Brabant mit, man habe Gesandte mit einer Kriegserklärung nach Ägypten geschickt. „Du sollst wissen“, so schrieb er an Heinrich, „dass wir vor den Mauern von Alexandria mit dem Sultan von Ägypten ein Turnier zu halten gedenken.“ Nach dem Fall Konstantinopels kritisierte Raimbaut von Vaqueiras, ein Dichter aus dem Gefolge Bonifatius’ von Montferrat, den gerade inthronisierten lateinischen Kaiser Balduin I., weil dieser die Invasion Ägyptens verschleppe. Etwa zur selben Zeit stießen am 27. Mai 1204 rund zwanzig Schiffe des Königreichs Jerusalem in den sogenannten Rosette-Arm des Nildeltas vor und verbrachten zwei Tage damit, Fuwa zu plündern. Der König von Jerusalem war also an dem Vorhaben beteiligt; der von ihm veranlasste Überfall sollte wahrscheinlich das Vorspiel der großen Invasion bilden, mit der er wohl noch immer rechnete. Vermutlich war ihm nicht klar, dass die Situation sich in der Zwischenzeit stark gewandelt hatte, wodurch ein Großangriff auf Ägypten nicht vor dem Jahr 1218 stattfinden sollte.
Bedenkt man die bestehende Fixierung auf Alexandria, muss der von Alexios Angelos unterbreitete Vorschlag wie ein Geschenk des Himmels gewirkt haben – wies er den Kreuzfahrern doch einen Ausweg aus der Zwickmühle, in die sie sich durch das Aufschieben des ägyptischen Landungsunternehmens manövriert hatten. Insbesondere aus der Sicht der Venezianer muss die Gelegenheit, sich zuerst in Konstantinopel Privilegien zu verschaffen, indem man einem Verbündeten auf den Kaiserthron verhalf, und anschließend mit byzantinischer Unterstützung weiter nach Alexandria zu segeln, zu verlockend erschienen sein, als dass man sie leichtfertig hätte verstreichen lassen können, vor allem, da die venezianische Flotte ja bereits für den Angriff auf einen großen befestigten Hafen ausgerüstet war. Also nahmen die Venezianer sowie die meisten unter den führenden Kreuzfahrern Alexios’ Bedingungen an. Das bedeutete natürlich einen krassen Ungehorsam dem Papst gegenüber, was, wie es scheint, zahlreiche Kreuzfahrer in eine schwere Gewissenskrise stürzte. Viele akzeptierten den Plan allein aus dem Grund, dass die Alternative, nämlich die Auflösung des Kreuzfahrerheeres, undenkbar war. Dennoch herrschte eine verbreitete Unzufriedenheit und Anspannung, und wiederum desertierten Kreuzfahrer in Scharen, unter ihnen Simon von Montfort.
Durch ihre offene Rebellion gegen den Papst hatten die Kreuzfahrer automatisch die Kirchenstrafe der Exkommunikation auf sich gezogen. Die beim Heer befindlichen Bischöfe waren jedoch gewillt, dessen Angehörigen die vorläufige Absolution zu erteilen, während eine Delegation nach Rom reiste, um dort die Motive ihrer Handlung darzulegen und den Heiligen Vater um Vergebung zu bitten. Innozenz III. fand sich in einer verzwickten Lage wieder. Anscheinend hatte er noch immer Ägypten im Blick, und der Kreuzzug, auf den er so lange gehofft hatte, war ja nun auch wirklich auf dem Weg dorthin; wenn er sich in dieser Situation allzu dogmatisch gab, konnte er womöglich die Auflösung des Kreuzfahrerheeres herbeiführen und so das gesamte Unternehmen zum Scheitern bringen. Innozenz war deshalb bereit gewesen, den Kreuzfahrern die Absolution zu erteilen, vorausgesetzt, sie gaben zurück, was sie sich widerrechtlich angeeignet hatten, und unterließen es in Zukunft, christliche Städte und Territorien anzugreifen. Der Papst hatte sich jedoch geweigert, den Venezianern denselben Gefallen zu tun; ihnen hatte er lediglich eine schriftliche Bestätigung ihrer Exkommunizierung ausgestellt. Und jetzt widersetzten sich die Männer, die ihm eigentlich unmittelbaren Gehorsam schuldig waren und ihm schon einmal nicht gehorcht hatten, ein zweites Mal, und das in jeglicher Hinsicht: Zadar wurde nicht an den König von Ungarn zurückgegeben. Bonifatius von Montferrat weigerte sich, die Bulle mit der Exkommunikation der Venezianer zu veröffentlichen, weil er, wie er unter Ausnutzung von Innozenz’ Ängsten argumentierte, ansonsten ein Auseinanderbrechen des Kreuzzuges befürchtete. Er wolle den Venezianern das Schriftstück nur dann zukommen lassen, wenn der Papst wirklich darauf bestehe. Und schließlich hatte die Kreuzfahrerflotte im Juni 1203, als Innozenz auf diese unverschämte Rückfrage antwortete und darauf bestand, dass die Bulle veröffentlicht werden solle und weitere Angriffe auf christliche Territorien zu unterlassen seien – wobei er diesmal ausdrücklich auf das Byzantinische Reich verwies –, Kurs auf Konstantinopel genommen.
Die Kreuzfahrer brachen Ende April 1203 in Zadar auf; bei Korfu stieß Alexios Angelos zu ihnen. Am 24. Mai fuhren sie weiter und passierten schließlich die Seemauer von Konstantinopel, bevor sie am 24. Juni auf der gegenüberliegenden Seite des Bosporus bei Kadiköy an Land gingen. Sie marschierten in nördlicher Richtung nach Usküdar (Scutari) und setzten dann am 5. Juli nach Galata am nördlichen Ufer des Goldenen Horns über. Am Tag darauf erstürmten sie die Befestitungsanlagen von Galata und kappten die Sperrkette am Eingang des Goldenen Horns. Dann zogen die Kreuzfahrer am Ufer des Goldenen Horns entlang nach Nordwesten, bis sie die Bucht an ihrer Spitze umrundet hatten, und schlugen vor der Landmauer von Konstantinopel, genauer gesagt in dem Winkel zwischen der Mauer und dem Meer, ihr Heerlager auf. Die venezianische Flotte besetzte derweil den Hafen und bereitete die Erstürmung der Küstenbefestigungen vor. Am 17. Juli unternahmen die Belagerer einen Sturmangriff mit vereinten Kräften, währenddessen es den Venezianern gelang, etwa ein Viertel dieser Mauern zu besetzen. Als sie jedoch von einem Ausfall hörten, den die Griechen gegen die ebenfalls angreifenden Kreuzfahrer unternommen hatten, ließen sie von den Befestigungen ab; die Kreuzfahrer zogen sich im weiteren Verlauf ohne nennenswerte Feindberührung wieder zurück. Obwohl der Angriff der Belagerer auf die Stadt also vorerst gescheitert war, floh Kaiser Alexios III. Angelos noch in derselben Nacht, woraufhin der geblendete Isaak II. Angelos aus seiner Gefangenschaft entlassen wurde. Nach einigem Zögern stimmte er den Bedingungen zu, die sein Sohn Alexios ausgehandelt hatte, und am 1. August wurde der Thronfolger zum Mitkaiser seines Vaters gekrönt.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Zahl der Nicht-Venezianer im Heer der Kreuzfahrer durch die verbreitete Fahnenflucht drastisch reduziert. Im Januar 1203 waren lediglich zwölf Männer bereit gewesen, einen Eid auf ihre Bereitschaft zu schwören, mit den Venezianern nach Konstantinopel zu segeln. Im Mai des darauffolgenden Jahres wird von weniger als zwanzig Kreuzfahrern berichtet – womöglich waren es sogar nur zehn –, die sich für eine Fortsetzung des Unternehmens aussprachen. Es überrascht nicht, dass sich dieser Aderlass an Leistungsträgern in der Folge fortsetzte, und in einem um den 1. August 1203 verfassten Brief gab Hugo von Saint-Pol die Größe des vor Konstantinopel verbliebenen französischen Heeres mit nicht mehr als 500 Rittern, 500 berittenen Hilfstruppen und 2000 Fußsoldaten an. Hugos Schätzung wird durch die Angaben eines weiteren Zeitzeugen, des Ritters Robert von Clary, untermauert. In seiner etwa zur selben Zeit entstandenen Beschreibung der Situation vor Konstantinopel stellte dieser nämlich fest, dass dem französischen Kontingent höchstens 700 Ritter verblieben seien, von denen fünzig zu Fuß kämpfen müssten. Es waren also lediglich 33 Prozent aller Ritter übrig geblieben, die 1202 Venedig verlassen hatten, sogar nur elf Prozent, wenn man die Anzahl der im Jahr 1201 einkalkulierten Truppenstärke zugrundelegt. Andererseits hatten die Kreuzfahrer allen Grund zu der Annahme, der Prolog zu ihrem Kreuzzug nähere sich dem Ende. Dennoch sagten sie zu, den Winter über noch auf Kosten ihres gerade inthronisierten Verbündeten Alexios in Konstantinopel zu bleiben, wo dieser durch sie seine Herrschaft während der ersten Monate zu stützen gedachte. Die Anführer des Kreuzzuges schrieben also an den Papst und die Könige Westeuropas, erklärten sich und ihr bisheriges Handeln und kündigten an, ihren Feldzug bis zum folgenden März unterbrechen zu wollen. Zugleich bekräftigte Alexios IV. dem Papst gegenüber seine zuvor geäußerte Absicht, die griechische Orthodoxie unter die Autorität Roms stellen zu wollen. Innozenz III. zögerte und antwortete erst im Februar des darauffolgenden Jahres – selbst dann tat er jedoch wenig mehr, als Kreuzfahrer wie Venezianer wegen ihres Verhaltens zu tadeln und sie nachdrücklich zur Fortführung des Kreuzzuges aufzufordern; auch ermahnte er die Bischöfe des Kreuzfahrerheeres, darauf zu achten, dass die führenden Kreuzfahrer ob ihrer Verfehlungen Buße täten.
Während des Winters jedoch hatte sich die Lage in Konstantinopel erheblich verschlechtert. Alexios hatte den Kreuzfahrern zwar die ersten Raten ihrer versprochenen Belohnung bezahlt, doch die griechische Bevölkerung der Stadt sowie der einheimische Klerus verübelten ihrem Herrscher die Präsenz westlicher Fremder. Unruhen und Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Splittergruppen brachen aus. Alexios’ Verhältnis zu seinen einstigen Förderern kühlte merklich ab, und die Zahlungen blieben aus. Nachdem ihm eine Delegation von Kreuzfahrern und Venezianern im November ein Ultimatum gestellt hatte, kam es zu offenen Feindseligkeiten. Ende Januar 1204 wurden Alexios und sein Vater in einem Staatsstreich abgesetzt, und ein Ururenkel Alexios’ I. gelangte, von einer Welle anti-westlichen Ressentiments getragen, als Alexios V. auf den Thron.
Die Kreuzfahrer konnten es sich weder leisten weiterzuziehen noch nach Westeuropa zurückzukehren. Sie befanden sich in feindlicher Umgebung, litten an Proviantmangel und sahen sich zum Plündern gezwungen. Im März entschieden sie, dass ihnen nur noch eine Möglichkeit offenstand: Sie mussten Konstantinopel selbst erobern und das Byzantinische Reich in die Knie zwingen, auch wenn dies vielen von ihnen zutiefst widerstrebte. In ihren Predigten am Vorabend des Sturms auf die Stadt wandten die Kleriker, die den Kreuzzug begleiteten, ihre ganze Kreativität auf: Der Angriff sei gerechtfertigt, so die ausgefeilte Argumentation, da die Griechen sich – durch ihre Billigung der Ermordung ihres Kaisers – einer schweren Sünde schuldig gemacht hätten und überdies Schismatiker seien. So wollten die Prediger den Gewissen ihrer Zuhörer zumindest einige Linderung verschaffen. Enrico Dandolo als Vertreter Venedigs sowie Bonifatius von Montferrat, Balduin von Flandern, Ludwig von Blois und Hugo von Saint-Pol als Repräsentanten der verbliebenen Kreuzfahrer trafen eine Abmachung, durch welche die Grundzüge ihres wechselseitigen Verhältnisses nach der erwarteten Einnahme von Konstantinopel geregelt wurden. Die Venezianer sollten drei Viertel der Beute erhalten, höchstens jedoch den Gegenwert des ihnen zu jenem Zeitpunkt noch von den Kreuzfahrern geschuldeten Betrages. Alles Plündergut jenseits dieser Schwelle sollte zu gleichen Teilen den Kreuzfahrern selbst und ihren venezianischen Verbündeten zufallen. Die Republik Venedig sollte auch weiterhin sämtliche ihr von den Byzantinern gewährten Privilegien genießen. Außerdem würden zwölf Wahlmänner, sechs von jeder Seite, einen lateinischen Kaiser von Byzanz wählen, der ein Viertel des Byzantinischen Reiches einschließlich der beiden kaiserlichen Paläste in Konstantinopel erhalten sollte. Die verbleibenden drei Viertel sollten wiederum zu gleichen Teilen an die Kreuzfahrer und die Venezianer gehen. Der Klerus der Partei, die bei der Kaiserwahl leer ausging, würde das Vorschlagsrecht für das Domkapitel der Hagia Sophia in Konstantinopel erhalten, welches wiederum einen katholischen Patriarchen wählen sollte. Jede Seite würde den Klerus für die ihr zustehenden Kirchen selbst bestimmen, wobei auf einen gemäßigtsparsamen Lebenswandel geachtet werden sollte: Als überflüssig erachtete Reichtümer aus Kirchenbesitz sollten in die Gesamtmasse des Plünderguts eingehen. Beide Seiten vereinbarten darüber hinaus, für ein weiteres Jahr im Lande zu bleiben, um das neugeschaffene Lateinische Kaiserreich in seiner Gründungsphase zu unterstützen. Eine gemeinsame Kommission von Kreuzfahrern und Venezianern sollte die Vergabe von Titeln und Lehen übernehmen, die sowohl in männlicher als auch in weiblicher Abstammungslinie vererbt werden sollten, sowie die Dienstverhältnisse regeln. Der Doge würde dem Kaiser zwar persönlich keinen Lehnsdienst schuldig sein, die Lehnsnehmer in den venezianischen Territorien hingegen schon. Kein Untertan eines Fürsten, der sich mit der Republik Venedig im Krieg befand, sollte das Territorium des neugeschaffenen Kaiserreiches betreten dürfen. Der Kaiser sollte schwören, sich an die Bedingungen dieses Vertrages zu halten, und eine Kommission aus dem Dogen, Bonifatius von Montferrat sowie je sechs Beratern von beiden Seiten sollte deren Einhaltung überwachen und eventuelle Nachbesserungen vornehmen. Beide Seiten vereinbarten, den Papst zum Schutzherrn ihrer Vereinbarung anzurufen, damit etwaige Verstöße durch Exkommunizierung bestraft werden konnten. Man hat oft darauf hingewiesen, dass die Klauseln dieses Vertrages, der die Verfassung des Lateinischen Kaiserreiches darstellte, diesem Reich einen schwachen Kaiser und zugleich den Venezianern einen übermäßig starken Einfluss gaben.
Die Anzahl der Männer, die für den abschließenden Sturmangriff auf Konstantinopel zur Verfügung standen, ist umstritten. Zu den 3000 Kämpfern, die Hugo von Saint-Pol auflistet, sollte man vielleicht noch 1000 Diener und Trossangehörige zählen. John Pryor hat die Vermutung geäußert, die Besatzungen der venezianischen Schiffe könnten insgesamt bis zu 27.000 Mann gezählt haben, was die Gesamtzahl der Kreuzzugsteilnehmer an diesem Punkt des Unternehmens auf etwa 31.000 erhöhen würde, davon etwa 12.000 Kombattanten. Dazu kamen noch die westlichen Einwohner von Konstantinopel, womöglich bis zu 15.000 Personen, die von den Griechen im August 1203 aus der Stadt vertrieben worden waren, bei den Kreuzfahrern Zuflucht gesucht hatten und diesen – nach dem Bericht eines Augenzeugen – überaus nützlich waren. Von ihnen könnten bis zu 6000 Mann als Bewaffnete zum Kreuzfahrerheer gestoßen sein. Es fällt also nicht allzu schwer, sich die Streitmacht von „insgesamt nicht viel weniger als 20.000 Mann“ vorzustellen, von der in den Beschreibungen des Angriffs die Rede ist.
Das Kampfgeschehen begann im Morgengrauen des 9. April an der Seemauer (die Landmauern hatten sich im Vorjahr als sehr robust erwiesen, während die Venezianer bei ihrem Angriff vom Wasser des Goldenen Horns her größeren Erfolg gehabt hatten). Dieser Angriff scheiterte, wurde jedoch am 12. April wiederholt: Nun machten Lastschiffe an den Mauerkronen der großen Türme fest und ließen Landungsbrücken darauf niedergehen; zugleich gingen Stoßtrupps ans Ufer und begannen, die Mauern zu erklimmen. Bis zum Abend hatten die Kreuzfahrer einen ganzen Abschnitt der Befestigungsanlagen unter ihre Kontrolle gebracht und waren hier und da sogar schon in das Innere der Stadt vorgedrungen. Die einsetzende Dämmerung beendete den ersten Kampftag, und die Angreifer legten sich neben ihren Waffen zur Ruhe, dieweil die Flammen eines Großbrands, den deutsche Kreuzfahrer in den angrenzenden Vierteln gelegt hatten und der in den dortigen Holzbauten reichliche Nahrung fand, ein gespentisch-flackerndes Licht auf die Szenerie warfen. Für den nächsten Morgen erwarteten sie einen von der Nachtruhe gestärkten Widerstand der Byzantiner, der jedoch ausblieb: In der Nacht war der Kaiser geflohen.
Die Plünderung Konstantinopels dauerte drei Tage an. Das war natürlich das übliche Schicksal einer im Sturm genommenen Stadt, doch die Griechen sollten diese besondere Schmach weder vergeben noch vergessen. Auch mag die Plünderung in diesem speziellen Fall eine ungewöhnliche Heftigkeit besessen haben, die sich aus zwei Quellen speiste: Zum einen grassierte im Kreuzfahrerheer ein geradezu zwanghafter Beuteimpuls, der von dessen tiefer und kaum zu begleichender Verschuldung den Venezianern gegenüber herrührte. Und dann waren da in den Reihen der Eroberer jene nicht unbeträchtlichen Hilfstruppen, die sich aus ehemaligen, aus der Stadt vertriebenen Einwohnern Konstantinopels rekrutierten und die sich, von Verbitterung und Rachedurst getrieben, ganz besonders brutal verhalten haben sollen. Gemeinsam können diese beiden Faktoren zumindest etwas zum Verständnis der Exzesse beitragen, die sich in jenen Tagen in der brennenden Stadt abspielten. Konstantinopel war zudem berühmt als die größte Reliquienschatzkammer der Christenheit. Gerade in Westeuropa aber hatte sich mit der Zeit die Tradition der sogenannten furta sacra herausgebildet, der „heiligen Diebstähle“: Wenn man die sterblichen Überreste einer oder eines Heiligen entwendete, um sie an anderem Ort verehren zu können, und dieser Diebstahl gelang, dann signalisierte dies – so die Überlegung –, dass der oder die betreffende Heilige sowieso die Überführung seiner oder ihrer Reliquien an diesen anderen Ort gewünscht hatte. Die Plünderung von Konstantinopel durch die Kreuzfahrer war unter anderem auch ein einziges großes furtum sacrum, bei dem unzählige Reliquien entwendet wurden, was vor dem Hintergrund der wahren Reliquienmanie gesehen werden muss, die Westeuropa nach dem Verlust der Kreuzesreliquie in der Schlacht bei Hattin im Jahr 1187 erfasst hatte.
Nachdem die Beute vereinbarungsgemäß aufgeteilt worden war, machten sich die Kreuzfahrer an die Wahl eines neuen byzantinischen Kaisers. Bonifatius von Montferrat, der den kaiserlichen Boukoleon-Palast in Beschlag genommen und sich mit Margarete von Ungarn verlobt hatte, der Witwe Kaiser Isaaks II., dürfte sich mehr als nur gute Chancen auf den Thron ausrechnet haben. Allerdings hatte er diese Rechnung ohne die sechs nicht-venezianischen Wahlmänner gemacht, Kleriker allesamt, von denen ihm lediglich drei gewogen waren. Damit war das Scheitern seiner Kandidatur besiegelt, denn die Venezianer waren erst recht gegen ihn. Nach langen Unterredungen gab das Wahlkollegium schließlich bekannt, man habe sich einstimmig auf Balduin von Flandern geeinigt, der am 16. Mai von der Hand der anwesenden katholischen Bischöfe die Kaiserwürde von Byzanz empfing; einen lateinischen Patriarchen gab es nämlich noch nicht.
Der Umweg des Vierten Kreuzzuges über Konstantinopel hat in der historischen Forschung zu end- und letztlich auch fruchtlosen Debatten geführt: War er das Resultat einer Verschwörung? Wenn ja, wer war daran beteiligt? Enrico Dandolo, Philipp von Schwaben, Bonifatius von Montferrat und sogar Papst Innozenz III. sind in diesem Zusammenhang genannt worden. Oder war es nicht vielmehr das über Jahrhunderte angestaute böse Blut zwischen Lateinern und Griechen, das am Ende den Ausschlag gab? Tatsächlich scheint die Eroberung von Konstantinopel durch das Heer des Vierten Kreuzzuges viel eher das Ergebnis einer Reihe von Zu- und Unglücksfällen gewesen zu sein, die sich aus dem Aufschub der geplanten Expedition nach Alexandria ergaben. Daran, dass sich die Beziehungen zwischen der katholischen und der orthodoxen Christenheit durch die Eroberung nachhaltig und langfristig verschlechterten, kann indes überhaupt kein Zweifel bestehen. Allerdings hat die unbezweifelbare ekklesiologische Bedeutung, dass die Tragweite dieses Ereignisses für die weitere Entwicklung der Kreuzzugsbewegung allzu sehr in den Hintergrund getreten ist. Obwohl sich in manchen Details – etwa bei der internen Kommandostruktur der einzelnen Kreuzfahrerkontingente, dem Einfluss der einzelnen Gefolge und Gremien – durchaus Kontinuitäten noch aus der Zeit des Ersten Kreuzzuges feststellen lassen, betraten die Teilnehmer des Vierten Kreuzzuges doch auch Neuland. Schon das ursprüngliche Vorhaben, ein riesiges Heer zu Schiff auf die andere Seite des Mittelmeeres zu transportieren und vor Alexandria an Land gehen zu lassen, war geradezu atemberaubend kühn gewesen. Dann waren da die Pläne zur Aufstellung und Entsendung eines ebenfalls sehr großen Söldnerheeres sowie die Versuche des Papstes, zur Finanzierung dieser Pläne Kirchensteuern einzuführen. Nicht zuletzt zog der Vierte Kreuzzug auch eine neue Art von Enthusiasten an, die bereit waren, an mehreren Kriegsschauplätzen immer wieder in den Kampf zu ziehen. Auf sie wird später noch genauer eingegangen.
Es mag besonders unfreundlich erscheinen, unter anderen auch Innozenz III. für die Umleitung des Kreuzfahrerheeres verantwortlich zu machen – aber es entbehrt doch nicht einer gewissen Berechtigung. Der ursprüngliche Plan stammte vermutlich sogar von ihm selbst. Mit Sicherheit wusste der Papst von der Absicht der führenden Kreuzfahrer, Alexandria anzugreifen, und hieß diese gut. Immerhin hatte er eine Vereinbarung mit den Byzantinern ausgehandelt, die der Kreuzfahrerflotte auf ihrem Weg Vorräte zur Verfügung stellen sollten. Falls der Einfall, Konstantinopel zu erobern, ebenfalls von Innozenz stammt, müsste man ihn in die Liste seiner gefährlich überambitionierten Träume aufnehmen. Von Anfang an verlief der Vierte Kreuzzug in einer Weise, die dem Papst missfallen musste. Ein Akt des Ungehorsams folgte dem anderen. Die meisten Kreuzfahrer, wie verzweifelt und untereinander zerstritten sie auch sein mochten, ignorierten seine Ratschläge und Verbote. Und wenn Innozenz auch fest entschlossen war, aus den nun einmal vollendeten Tatsachen das Beste zu machen, den Zusammenbruch des Byzantinischen Reiches nach Kräften auszunutzen und die Einheit der Kirche herbeizuführen, ja sogar zu erzwingen – zu diesem Zweck ergoss sich eine Flut päpstlicher Erlasse in Richtung Osten –, muss ihm doch klar gewesen sein, dass der Ausgang des Vierten Kreuzzuges die Wiedervereinigung der katholischen und der orthodoxen Christenheit, die ihm so sehr am Herzen lag, erheblich erschwerte:
Wie soll die griechische Kirche [schrieb er], von Leid und Verfolgung geschlagen, wie sie ist, zur Einheit der Kirche und einer ehrlichen Zuneigung zum Apostolischen Stuhl zurückfinden, wenn sie in den Lateinern nur ein Beispiel der Verworfenheit und Werke der Finsternis sieht, so dass sie – nicht ohne Berechtigung – ihnen schon jetzt mit größerer Verachtung begegnen als Hunden?
Der erste Livlandkreuzzug in das Baltikum hatte seinen Ursprung in einer Mission zu dem Volk der Liven, die Erzbischof Hartwig I. von Bremen in deren Siedlungsgebiet entlang des Flusses Düna entsandt hatte. Hartwig hatte in der Errichtung eines Bischofssitzes in Uexküll (heute lettisch Ikšķile) eine günstige Gelegenheit erblickt, die hamburgisch-bremische Kirchenprovinz auszudehnen. Bei den Missionsbestrebungen gab es jedoch, obwohl das Unternehmen Papst Coelestin III. am Herzen lag, nur geringe Fortschritte. In den Jahren 1193 und 1197 erklärte sich Coelestin noch bereit, allen, die für die neugestiftete livländische Kirche in den Kampf zogen, einen Ablass zu gewähren, doch schon 1198 kam es zu einem Rückschlag, als der livländische Bischof im Kampf gegen die Liven fiel. Der Erzbischof ernannte seinen Neffen Albert von Buxhövden zum Nachfolger. Albert war ein energischer und sogar brutaler Mann, der die baltische Kreuzzugsbewegung über dreißig Jahre dominierte. Rund um seinen späteren Bischofssitz Riga sollte er aus den der heidnischen Bevölkerung abgenommenen Gebieten einen Kirchenstaat formen, der allein dem Papst in Rom unterstellt war. Zunächst aber rekrutierte Albert ein größeres Heer und ließ sich von dem neuen Papst Innozenz III. die Legitimität seines Handelns bestätigen.
Am 5. Oktober 1199 rief Innozenz die Christen im Norden Deutschlands zur Verteidigung der livländischen Kirche auf. Er rechtfertigte den Einsatz von Gewalt als Verteidigung der gerade konvertierten livländischen Christen gegen die Repressalien ihrer noch ungetauften Nachbarn. Es scheint, dass die Teilnehmer an dieser Kampagne nicht auf einen vollkommenen Ablass hoffen durften, obwohl der Bedarf an Freiwilligen anscheinend hoch war: Nur diejenigen Kämpfer, die zu einer Pilgerfahrt nach Rom aufb rachen, durften dies als einen vollwertigen Ersatz für ihr geleistetes Dienstgelübde ansehen und sich von der Truppe entfernen. Im Jahr 1204 jedoch erhielt Albert die päpstliche Erlaubnis, für seinen Feldzug auch Priester zu rekrutieren, die eigentlich ein Kreuzzugsgelübde für das Heilige Land abgelegt hatten. Auch Laien, die zwar das Kreuz genommen hatten, aufgrund von „Armut oder Schwäche des Körpers“ jedoch nicht imstande waren, nach Jerusalem aufzubrechen, durften sich ersatzweise am Kampf gegen die baltischen Barbaren beteiligen, ohne auf den versprochenen vollkommenen Ablass verzichten zu müssen. Ferner autorisierte Papst Innozenz Alberts Abgesandte, auf ihren Rekrutierungszügen einmal im Jahr überall in der Bremer Kirchenprovinz die Kirchen zu öffnen, selbst dort, wo der regelmäßige Gottesdienst durch ein päpstliches Interdikt ausgesetzt war.
Innozenz muss die Expeditionen in das Baltikum folglich als eine authentische Form des Kreuzzuges angesehen haben, obwohl er sie, wie es scheint, in ihrer Wertigkeit deutlich unter den Kreuzzügen in das Heilige Land ansiedelte, denn den Rekruten für das Baltikum winkte kein vollkommener, sondern nur ein Teilablass. Dennoch bewirkten Innozenz’ Äußerungen in dieser Sache ungewollt so etwas wie einen „immerwährenden Kreuzzug“, der sich – freilich erst über die nächsten etwa vierzig Jahre – zu einer markanten Eigenheit der Kriegszüge in den baltischen Raum entwickeln sollte. Albert von Buxhövden verlegte seinen Bischofssitz von Uexküll flussabwärts nach Riga, wodurch er für Koggen erreichbar wurde, die aus Lübeck herbeigesegelt kamen. Außerdem förderte er den Kult der Maria in Riga sowie die Vorstellung von Livland als „Erbteil Mariens“, Letzteres vermutlich, um eine Tradition von Pilgerreisen in das Baltikum zu begründen. Bis 1224 kehrte der Bischof von Riga vierzig Jahre lang regelmäßig nach Deutschland zurück, um Freiwillige für die alljährliche Sommerkampagne zu rekrutieren. Diese erhielten Verstärkung durch einen kleinen Ritterorden, den Albert 1202 gegründet hatte. Von diesen „Schwertbrüdern“ gab es vermutlich zu keiner Zeit mehr als 120, die sich auf sechs Ordenshäuser verteilten. Sie spielten jedoch eine entscheidende Rolle, indem sie die Militärexpeditionen des Sommers organisierten und im Winter die Festungen der Gegend mit Besatzungen versahen. Überhaupt setzte die christliche Militärstrategie im Baltikum in hohem Maße auf Klosterburgen und kleine Kastelle. Bis zum Jahr 1230 wurde Livland in einer Reihe zäher, Jahr für Jahr erneut geführter Kriege gegen die ortsansässige Bevölkerung erobert, die zwar zahlenmäßig überlegen, kampftechnisch jedoch unterlegen war.
Dasselbe gilt für das weiter nördlich gelegene Estland. Dort waren es die Dänen, die während des Pontifikats Innozenz’ III. mit der Eroberung begannen. Obwohl sich das dänische Vorgehen bis 1216 hauptsächlich auf die pommersche Küste von Lübeck bis Danzig konzentrierte, griffen dänische Flotten in den Jahren 1191 und 1202 auch Finnland an, 1194 und 1197 Estland, 1206 die Insel Ösel (estnisch Saaremaa) und 1210 Preußen. Die Unternehmung gegen Ösel wird in zeitgenössischen Quellen ganz eindeutig als Kreuzzug dargestellt. Auch die Briefe Innozenz’ III. an Waldemar II. von Dänemark, in denen der Papst den König ermutigt hatte, „die Irrlehren der Heiden auszurotten und die Grenzen unseres christlichen Glaubens auszudehnen. … Kämpft in dieser Schlacht, in diesem Krieg tapfer und kühn, wie ein tüchtiger Ritter Christi“, sind durchdrungen von Kreuzzugsideen, die sich in diesen Gefilden mit der spezifisch nordeuropäischen Vorstellung vom Missionskrieg vermengten, wie sie allerdings auch schon bei Bernhard von Clairvaux und Papst Eugen III. begegnet. Wie Bernhard von Clairvaux segelte auch Innozenz III. hart am Wind, wenn es darum ging, das Kreuzfahrertum mit der Missionierung Nordosteuropas in Einklang zu bringen.
Die beinah kühle Reserviertheit Innozenz’ III. den Kreuzzügen im Baltikum gegenüber widerspricht in gewisser Hinsicht seiner freigiebigen Gewährung von Kreuzfahrerprivilegien für die Teilnehmer an Kreuzzügen gegen politische Gegner oder Häretiker, worauf weiter unten näher einzugehen ist. Erst sein Nachfolger Honorius III. sollte im März 1217 die radikale Maßnahme ergreifen, allen Teilnehmern an Kreuzzügen in das Baltikum den vollkommenen Ablass zu gewähren. Im Jahr 1219 fiel Waldemar von Dänemark in Nordestland ein und setzte sich in Reval (Tallinn) fest. Waldemar kam damit einer Aufforderung Alberts von Buxhövden in Riga nach, der sich über einen russischen Vorstoß aus der Gegend von Nowgorod besorgt gezeigt hatte. Papst Honorius wiederum hatte dem dänischen König alles Land, das er erobern konnte, zu Eigen versprochen. Im Jahr darauf unterwarfen die Dänen mit Unterstützung des Schwertbrüderordens den verbliebenen Norden Estlands, doch führte dies zu einer Konkurrenzsituation gegenüber den Deutschen, die von Süden aus Livland nach Estland vorstießen, und den Schweden, die die nordwestliche Küste besetzt hielten. Waldemar nutzte die Tatsache, dass seine Schiffe die Ostsee kontrollierten und der lübischen Seefahrt durchaus gefährlich werden konnten, rückhaltlos aus und nötigte seinen Christenbrüdern aus Deutschland und Schweden so das Zugeständnis ab, ihn im Norden Estlands schalten und walten zu lassen; dennoch siedelten dort auch weiterhin mehr Deutsche als Dänen.
Wegen des dringenden Bedarfs für den Fünften Kreuzzug nach Ägypten wiederrief Papst Honorius 1220 seinen Ablass für das Baltikum, bestätigte ihn jedoch bereits im Jahr darauf wieder in vollem Umfang. Zu dieser Zeit hatte die Vorstellung von einem „immerwährenden Kreuzzug“ bereits erste Wurzeln geschlagen. Die Teilnehmer der Expeditionen in das Baltikum trugen das Zeichen des Kreuzes, wurden als Pilger und Kreuzfahrer bezeichnet (peregrini und crucesignati) und erhielten den vollen Ablass. Auch Kirchensteuern wurden zu ihrer Unterstützung erhoben. Ihre Feldzüge wurden als Schutzmaßnahmen für die bedrohte Heidenmission in dieser Region dargestellt und mit beinahe denselben Privilegien gefördert wie Kreuzzüge in das Heilige Land.
Ein weiterer früher Kreuzzug Innozenz’ III. war derjenige gegen den Reichstruchsess Markward von Annweiler, einen staufischen Dienstmann am Kaiserhof, der nach dem Tod Heinrichs VI. versucht hatte, in Italien die staufischen Interessen zu wahren. Den Präzedenzfall für einen solchen „politschen Kreuzzug“ hatte anlässlich des Konzils von Pisa 1135 Papst Innozenz II. geschaffen, freilich hätte der Schritt Innozenz’ III. extremer kaum sein können. Dieser war fest entschlossen, die Güter des Heiligen Stuhls in Mittelitalien zurückzugewinnen und war zudem überaus sensibel, was Süditalien und Sizilien anging, denn dort regierte er im Namen von Heinrichs kleinem Sohn Friedrich. Die Aktivitäten Markwards und seiner deutschen Unterstützer schreckten den Papst deshalb auf. Nachdem ihm zu Ohren gekommen war, dass Markward von Annweiler nach Sizilien übergesetzt hatte, schrieb Innozenz an die Bewohner der Insel, Markward sei „ein zweiter Saladin“ und „ein Ungläubiger, schlimmer als die Ungläubigen“. Weiterhin behauptete er, Markward habe sich mit den Muslimen verbündet, die noch immer im Landesinneren Siziliens ansässig waren, und dass er die Vorbereitungen zum Vierten Kreuzzug zu stören gedenke. Allen, die sich ihm in den Weg stellten, wurde derselbe Ablass versprochen, den auch die Kreuzfahrer im Heiligen Land erhielten, nicht zuletzt, da die Häfen Siziliens bei dem geplanten Kreuzzug womöglich noch eine entscheidende Rolle spielen würden. Aus anderen Dokumenten wird deutlich, dass der Papst schon über Monate mit dem Gedanken gespielt hatte, als Ultima Ratio einen Kreuzzug gegen Markward auszurufen, doch verliefen diese Planungen im Sande. Nur einige wenige Männer wurden für das Unternehmen angeworben, der wichtigste unter ihnen vielleicht Graf Walter III. von Brienne, dem es allerdings vorrangig um sein eigenes Anrecht auf das Fürstentum Tarent gegangen zu sein scheint. (Übrigens befand sich unter diesen wenigen auch der junge Franz von Assisi, der sich ausgerechnet diesem Kreuzzug für kurze Zeit anschloss.) Mit Markwards Tod im Jahr 1203 erübrigte sich ein derartiges Unternehmen. Dennoch zeigte das päpstliche Schreiben vom November 1199, woher der Wind wehte, ebenso wie die Drohungen, die Innozenz III. gegen Ende seines Lebens an die Adressen des dänischen Dissidenten Waldemar Knudsen und der englischen Barone richtete, die er allesamt für „schlimmer als die Muslime“ erklärte. Indem sie sich gegen ihren König Johann Ohneland erhoben hatten, der – politischer Vernunft folgend – das Kreuz genommen hatte, hätten die Barone, wie es hieß, die Vorbereitungen zum Fünften Kreuzzug behindert. Man hat vermutet, dass die Verteidigung des englischen Königreiches gegen diese Rebellen, die mit dem Prinzen Ludwig von Frankreich, dem späteren Ludwig VIII., im Bunde waren, von den Zeitgenossen in der Tat als eine Art Kreuzzug angesehen wurde; das würde auch erklären, warum der neunjährige Heinrich III. bei seiner Krönung am 28. Oktober 1216 das Kreuz nahm.
Im Jahr 1208 dachte Innozenz ernsthaft über einen weiteren Kreuzzug in den Nahen Osten nach und sandte entsprechende Aufrufe nach Frankreich, Ober- und Mittelitalien. Allerdings kam die einzig erkennbare Reaktion von dem österreichischen Herzog Leopold VI., der ein passionierter Kreuzfahrer war und später in Spanien, im Languedoc und in Ägypten kämpfte. Innozenz antwortete ihm in einem jener ernüchternden Briefe, mit denen er große Männer, die ihr Bestes gaben, nur allzu gern in ihre Schranken verwies:
In dem Querbalken vom Kreuze Christi steckt größeres Verdienst als in dem kleinen Zeichen eures Kreuzes. … Denn ihr nehmt ein leichtes und angenehmes Kreuz; er aber ertrug eines, das bitter und schwer war. Ihr tragt es außen auf eurer Kleidung; er aber erlitt es in der Wirklichkeit seines Fleisches. Ihr näht eures aus Leinentuch und seidenen Fäden; ihn schlug man an seines mit harten, eisernen Nägeln.
In der Zwischenzeit hatten die Ereignisse im Südwesten Frankreichs dort eine Krise heraufbeschworen. Seit Jahrzehnten schon hatte die Kirche dem Wachstum häretischer Bewegungen besorgt zugesehen. Da „Ketzer“ die von Gott ausgegangene Berufung der Kirche zur Wächterin seiner Offenbarung bestritten, betrachtete man sie als Rebellen, die den Weg der Wahrheit vorsätzlich verlassen und es sich zum Vorsatz gemacht hatten, die von Christus begründete Weltordnung nachhaltig zu stören. Die Häresie wurde folglich als eine aktive, nicht als eine passive Größe behandelt und war in den Köpfen zahlreicher Zeitgenossen mit jenen räuberischen routiers verknüpft, die insbesondere im französischen Südwesten stark waren, wo häretische Strömungen großen Zulauf hatten. Gegen diese Banden von Wegelagerern und Söldnern waren bereits Maßnahmen ergriffen worden, bei denen auch Ideengut der Kreuzzugsbewegung bemüht worden war. Ganz besonders beunruhigte die Kirche das Aufkommen der Katharer, deren Anhänger eine Art von neumanichäistischem Weltbild vertraten, in dem die beiden Prinzipien – oder Götter – der spirituellen und der materiellen Sphäre im Widerstreit standen. Die Anhänger dieser Lehre sahen es als ihre Pflicht an, ihre Seelen aus ihrem irdischen Kerker zu befreien. Sie entsagten der Welt, sofern dies eben möglich war, lebten in Keuschheit und lehnten den Verzehr von Fleisch, Milch und Eiern ab, da diese besonders deutlich auf die materielle Sphäre – und das hieß vor allem: auf das Prinzip der geschlechtlichen Fortpflanzung – verwiesen. In ihren Augen waren die Weltordnung und der Lebensvollzug der westlichen Kirche eitler Trug und der Glaube an die Dreifaltigkeit eine Irrlehre, da Christus selbst keinerlei materielle Realität besessen habe. Anstelle der etablierten Kirche schufen sie ihre eigene Hierarchie und Liturgie. Die Anforderungen, die diese Religion an ihre Adepten stellte, waren derart streng, dass nur ein innerer Kern von „Perfekten“ die vollkommene Initiation erlangte. Die meisten Katharer waren „Gläubige“, die lediglich gelobt hatten, vor ihrem Tod die Initiation als „Perfekte“ erreichen zu wollen. Am Ende des 12. Jahrhunderts bildeten die Katharer – gemeinsam mit den proto-protestantischen Waldensern – die zahlenstärksten Sektierer, mit denen sich die Kirche konfrontiert sah. Am zahlreichsten waren sie in Norditalien und im südwestlichen Frankreich – beides Regionen, in denen eine starke politische Zentralgewalt fehlte.
Dieser letzte Punkt ist von entscheidender Bedeutung für das Denken Innozenz’ III. Seit dem 4. Jahrhundert hatte die Kirche sich in der Regel auf die weltlichen Autoritäten verlassen, wenn es darum ging, dem gemeinen Volk jene Furcht einzuflößen, die noch immer das effektivste Mittel gegen Häresie gewesen war, und es ist gewiss kein Zufall, dass im Hochmittelalter Territorien mit starken Herrschern so gut wie keine häretischen Aktivitäten zu vermelden hatten. Die Grafen von Toulouse, die nominell den größten Teil des Languedoc beherrschten, jener Gegend also, um die es uns geht, hatten dort de facto nur sehr geringen Einfluss, zählte das gesamte Gebiet doch zu den rückständigsten in ganz Frankreich, was den politischen Zusammenhalt betraf. Und das Wenige an Herrschaftsgewalt, das den Grafen von Toulouse blieb, wurde noch dadurch beschränkt, dass sie Vasallen nicht nur des Königs von Frankreich waren, sondern auch des Königs von England im Westen, des Königs von Aragón im Süden sowie des römisch-deutschen Kaisers im Osten. Die konfligierenden Ansprüche und Zielsetzungen dieser unterschiedlichen Herrscher, die sich allesamt in die inneren Streitereien des Languedoc einmischten, hatten über die Jahre zu zahlreichen blutigen und kräftezehrenden Kriegen geführt. Der Graf von Toulouse verfügte über keinerlei Mittel, mit denen er dieser Situation hätte beikommen können. Aber seinen Lehnsherren ging es nicht besser: Der König von Frankreich war derart in seinen Zwist mit der englischen Krone im Norden verwickelt, dass er sich mit Häretikern im Süden seines Territoriums nicht auseinandersetzen konnte, selbst wenn er über die Mittel dazu verfügt hätte. Innozenz III. sah sich also einem klassischen Dilemma gegenüber: Häretische Lehren hatten längst alle Schichten der Gesellschaft des Languedoc durchdrungen – einschließlich des Adels –, und mit jedem Jahr, das verstrich, würde es schwerer werden, sie auszurotten. Obwohl es in der ganzen Gegend in den Jahren zwischen 1200 und 1209 wohl kaum mehr als 1000 „Perfekte“ gegeben haben kann, entstammte doch ein hoher Anteil von ihnen dem örtlichen Adel. Von denen, die uns namentlich bekannt sind, kamen 35 Prozent aus adligen Familien. Ebenso bezeichnend ist der Umstand, dass die überwiegende Mehrheit – ganze 69 Prozent – Frauen waren, auch sie zumeist adliger Herkunft. Die Schwester des Raimund Roger, Grafen von Foix, war eine „Perfekte“; eine weitere Schwester, seine Frau sowie seine Schwiegertochter waren „Gläubige“. Selbst rechtgläubige Äbte und Bischöfe hatten bisweilen ketzerische Verwandte. Und die weltliche Herrschaft, auf die der Papst in dieser Sache baute, war machtlos.
Im Verlauf des 12. Jahrhunderts ergriff die Kirche daher eine ganze Reihe von Maßnahmen. Man entsandte Predigtmissionen in das Languedoc. 1179 hatte der Kanon 27 des Dritten Laterankonzils alle Christen der Gegend dazu aufgerufen, ihre Bischöfe zu unterstützen, sollten diese gegen die Häretiker zu den Waffen greifen. Für ihre Mühen sollten die Freiwilligen einen Teilablass erhalten; im Falle ihres Todes in der Schlacht sollte dieser zu einem vollen Ablass aufgewertet werden. Ihr Besitz und ihre Ländereien unterstanden während ihrer Abwesenheit demselben Schutz, wie ihn auch die Güter der Jerusalempilger genossen. 1181 folgte eine Militärkampagne von begrenztem Ausmaß, an deren Spitze der päpstliche Legat Kardinal Heinrich von Marcy in das Languedoc zog. Und 1184 verfügte der von Papst Lucius III. nach einem Zusammentreffen mit Kaiser Friedrich Barbarossa in Verona veröffentlichte Erlass Ad abolendam, dass in den betroffenen Gebieten bischöfliche Inquisitionsgerichte eingerichtet werden sollten. Zugleich wurden, was die Verfolgung ketzerischer Umtriebe anlangte, sämtliche Privilegien der Exemtionen von der bischöflichen Gerichtsbarkeit aufgehoben. Drittens betonte das Schriftstück die unbedingte Notwendigkeit einer engen Kooperation von geistlicher und weltlicher Macht im Kampf gegen die Häresie, deren Anhänger, so sie sich uneinsichtig zeigten, zur Bestrafung der weltlichen Justiz zu übergeben seien. Bezeichnenderweise war es ein scharfer Kritiker des Dritten Kreuzzuges, Radulfus Niger, der im Winter 1187/1188 schrieb, man könne doch nicht Ritter nach Übersee schicken, die in der Heimat zur Ketzerbekämpfung gebraucht würden.
Innozenz ging das Problem mit der ihm eigenen Energie an. Er sandte eine ganze Reihe von Legaten nach Südfrankreich, ergriff Maßnahmen zur Reform der dortigen Kirche, die sich in schlechtem Zustand befand – zwischen 1198 und 1209 entfernte der Papst sieben Bischöfe aus ihrem Amt –, und er unterstützte die Predigtmission der später heiliggesprochenen Diego von Osma und Dominikus. Dies sollte zur Gründung des Ordens der Dominikaner (Ordo Fratrum Praedicatorum, Predigerorden) führen. Dennoch kam Innozenz mit der Zeit zu dem Schluss, dass es ohne Gewalt nicht gehen werde. Im Mai 1204 rief er Philipp II. von Frankreich dazu auf, die Machtmittel seines Königreiches in den Dienst der geistlichen Autoritäten zu stellen. Innozenz III. ging weiter als alle Päpste vor ihm, indem er auch für diese Ausübung der weltlichen Macht den vollen Kreuzzugsablass in Aussicht stellte. Doch selbst das Versprechen dieses wichtigsten Kreuzfahrerprivilegs – an einen König, der ja lediglich dazu aufgefordert wurde, seiner Herrscherpflicht nachzukommen! – zeigte keine Wirkung. Dasselbe galt für zwei weitere Appelle an Philipp II. vom Februar 1205 und November 1207. Das letzte dieser Schreiben bot – neben einer erneuerten Zusicherung des Kreuzzugsablasses – auch eine Garantie für den Besitz der beteiligten Kämpfer während ihrer Abwesenheit von zu Hause. Innozenz ließ Kopien dieser Schreiben an den Adel, die Ritterschaft und alle Untertanen Frankreichs übersenden. Es wirkte beinahe, als riefe er das gesamte Königreich zur Verteidigung der Kirche auf, wobei er zugleich durch die in Aussicht gestellten Kreuzfahrerprivilegien zusätzliche Anreize schuf, dieser Aufforderung auch nachzukommen. In seiner Antwort ging Philipp in geradezu epischer Breite auf die Unannehmlichkeiten ein, die ihm sein Streit mit dem englischen König Johann Ohneland bereite, und stellte für sein militärisches Eingreifen im Süden Frankreichs Bedingungen, die der Papst nicht annehmen konnte.
Am 14. Januar 1208 wurde Peter von Castelnau, einer der päpstlichen Legaten für das Languedoc, ermordet. Die Umstände ließen Innozenz III. vermuten, Graf Raimund VI. von Toulouse habe etwas damit zu tun gehabt. Raimund war zu diesem Zeitpunkt bereits exkommuniziert, da er sich, im Kampf gegen die Häresie als wenig erfolgreich erwiesen hatte. Als der Papst die Nachricht von dem Mord erhielt, rief er zum Kreuzzug gegen die Häretiker und ihre Unterstützer auf.
Eindringlich formulierte Briefe verbreiteten den Aufruf in allen Teilen Frankreichs und vermutlich auch in anderen Gegenden Westeuropas. Innozenz forderte alle wehrfähigen Männer auf, das Kreuz zu nehmen und versprach ihnen dafür den vollen Ablass, wobei er ausdrücklich auf die entsprechenden Regelungen für Kreuzzüge in das Heilige Land verwies. Er ernannte drei Legaten, die für die Organisation von Predigten und anderen Rekrutierungsmaßnahmen verantwortlich waren und später auch als Anführer des geplanten Kreuzzuges fungieren sollten. Ferner befahl der Papst die Abschaffung des Wuchers – also die Aussetzung von Zinsgeschäften – und einen Aufschub bei der Rückzahlung von Schulden. Das waren die üblichen Maßnahmen, mit denen Kreuzfahrern die Beschaffung der benötigten Geldmittel erleichtert werden sollte. Auch die Kirchen in den Herkunftsgebieten der Kreuzfahrer wurden mit Steuern belegt, um deren Mobilisierung zu unterstützen.
Die Neuartigkeit von Innozenz’ Aufruf zum Albigenserkreuzzug bestand jedoch keineswegs in der Ermutigung zur Gewalt gegen Häretiker; die Rechtfertigung eines solchen Vorgehens war in dem aus dem 12. Jahrhundert stammenden Decretum Gratiani ausgiebig unter Verweis auf historische Präzedenzfälle und juristische Autoritäten bis zurück zum 4. Jahrhundert behandelt worden. Neuartig war vielmehr, dass zu diesem Zweck ein Kreuzzug ausgerufen wurde, auch wenn dies wahrscheinlich unvermeidbar war. Feindseligkeiten von der Art eines Heiligen Krieges, zu denen auch die Kreuzzüge zählten, sind anfangs in der Regel nach außen gegen einen äußeren Feind gerichtet. Allerdings besitzen sie, wie es scheint, die Tendenz, sich über kurz oder lang nach innen, das heißt: gegen die eigenen Leute zu richten und so dasselbe Gemeinwesen zu schädigen, das sie überhaupt erst hervorgebracht hat. Dies geschieht umso eher, wenn ein Heiliger Krieg gegen externe Feinde nicht erfolgreich verläuft. Nach den Schicksalsschlägen, welche die Christen in Palästina 1187 getroffen hatten, griff bald die Überzeugung um sich, dass Uneinigkeit und Abweichlertum in der europäischen Heimat unter allen Umständen vermieden werden mussten, wollte man den Krieg in Palästina gewinnen. Nur eine einheitlich die einzig wahre christliche Religion praktizierende Gesellschaft würde, so die Annahme, dazu in der Lage sein. Wohin man im Westeuropa der Jahre um 1200 auch schaut: Überall entdeckt man Anzeichen eines ausgeprägten Uniformitätsdrangs – und das in einer Gesellschaft, die ohnehin bemerkenswert monokulturell war. Es ist kein Zufall, dass in einem solchen Klima auch die Kreuzzüge nach innen geführt wurden, wobei nicht selten der Kampf gegen den Islam zur Rechtfertigung herhalten musste.
Der Umstand, dass es sich bei dem Albigenserkreuzzug um einen inneren Krieg handelte, trägt zur Erklärung einiger Besonderheiten bei. Schließlich war Südfrankreich nicht Palästina, und nicht einmal mit Spanien oder Livland ließ sich die dortige Situation vergleichen. Deshalb verpflichteten sich die Teilnehmer am Feldzug in das Languedoc auf eine Dienstzeit von lediglich vierzig Tagen. Diese kurze Dauer muss den Charakter des Unternehmens als einer Bußleistung abgeschwächt haben. Und obwohl die Teilnehmer sich bisweilen als „Pilger“ bezeichneten, hat man das Ziel ihrer Pilgerschaft nicht identifizieren können – womöglich hat es niemals existiert. Der Albigenserkreuzzug zeigt deutlich, dass die Kreuzzugsbewegung mittlerweile unabhängig von einigen ihrer ursprünglichen Bestandteile gedieh.
Der Appell Innozenz’ III. stieß auf ein enthusiastisches, ja sogar leidenschaftliches Echo. Im Frühjahr 1209 sammelte sich eine große Streitmacht, um nach Südfrankreich zu marschieren. Raimund von Toulouse beeilte sich, eine Einigung auszuhandeln und versöhnte sich am 18. Juni 1209 in einer dramatischen Szene auf den Stufen der Abteikirche von Saint-Gilles wieder mit der Kirche. Die Zeremonie begann vor der großen Westfassade mit ihrer in Stein gemeißelten Darstellung der Passion Christi, einem Sinnbild der katholischen Orthodoxie. Anschließend empfing der Graf im Inneren der Kirche einige Peitschenhiebe als Bußleistung. Dann musste er, da der Andrang der Zuschauermassen gar so groß war, die Kirche durch die Krypta verlassen, vorbei an dem noch frischen Grab Peters von Castelnau. Das Kreuzfahrerheer fiel in das Territorium des Raimund Roger Trencavel ein, der als Vicomte von Béziers, Carcassonne, Albi und Razès zahlreiche Häretiker zu seinen Untertanen zählte. Béziers fiel am 22. Juli, und die Kreuzfahrer, viele von ihnen arme Nordfranzosen, die nun anscheinend völlig außer Kontrolle gerieten, massakrierten zahlreiche Einwohner der Stadt, Katharer und Katholiken ohne Unterschied. Carcassonne, das zwei Wochen lang belagert wurde, erwartete ein wesentlich glimpflicheres Schicksal, was auch an der abschreckenden Wirkung des Massakers von Béziers lag, die jeglichen Widerstand zusammenbrechen ließ.
Es war nun an der Zeit, einen neuen weltlichen Herrscher für die Ländereien der Familie Trencavel zu bestimmen, um eine dauerhafte Basis für künftige Operationen zu schaffen. Die Wahl fiel auf Simon IV. von Montfort, der sieben Jahre zuvor noch einen Angriff auf Zadar sowie die Umleitung des Vierten Kreuzzuges nach Konstantinopel aus Prinzip abgelehnt hatte. Simon war mittlerweile Ende vierzig und seit 1181 Herr von Montfort und Epernon gewesen. Nach dem Tod eines Onkels mütterlicherseits hatte er 1204 die englische Grafschaft Leicester geerbt. Simon war mutig, zäh und fromm, er war ein herausragender Heerführer und ein Mustergatte. Er war allerdings auch ehrgeizig, stur und zu entsetzlichen Grausamkeiten fähig. Bis zu seinem Tod im Sommer 1218 übernahm er nun eine undankbare und einsame Aufgabe. Jedes Jahr im Sommer brachen Heerscharen von französischen und deutschen Kreuzfahrern über das Languedoc herein, um ihren immer gleichen Feldzug zu führen. Wenn ihre vereinbarte Dienstzeit von vierzig Tagen um war, kehrten sie nach Hause zurück, was nicht selten zu den unpassendsten Zeitpunkten geschah, und während des Winters blieb Simon beinahe allein zurück und konnte sehen, wie er die Gebietsgewinne der vergangenen Kampagne über die Zeit rettete. Als ob dies nicht bereits genug gewesen wäre, beschloss Innozenz III. zu Anfang des Jahres 1213, den für die Teilnehmer des Albigenserkreuzzuges vorgesehenen Ablass größtenteils abzuschaffen, um mehr Rekruten für sein neues Vorhaben eines Kreuzzuges in den Nahen Osten zu gewinnen. Diese Entscheidung zog Simon den Boden unter den Füßen weg, machte seine Lage noch verzweifelter und verlängerte sozusagen den Todeskampf des Albigenserunternehmens um ein ganzes Jahrzehnt.
Im Jahr 1210 gelang es Simon, auch den verbliebenen Besitz der Trencavel unter seine Kontrolle zu bringen, woraufhin König Peter II. von Aragón, der Simon seine Anerkennung zuvor verweigert hatte, die von diesem angetragene Huldigung annahm. Raimund von Toulouse hatte die anlässlich seiner Aussöhnung mit den Kirchenoberen geleisteten Versprechungen noch immer nicht eingelöst, und obwohl er in der Zwischenzeit keineswegs irgendeine erkennbare oppositionelle Linie verfolgt hatte, waren die Legaten doch überzeugt davon, dass diesem Mann nicht zu trauen sei. Also bereitete Simon von Montfort einen Angriff auf Toulouse sowie Raimunds sonstige Besitzungen vor. In den Jahren 1211 und 1212 versuchte er immer wieder, einen Ring um Toulouse zu legen, indem er die Festungen der Umgegend eine nach der anderen in seine Gewalt brachte. Allerdings liefen, wenn der Herbst und damit das Ende der Kampfsaison nahte, die so mühsam eroberten Plätze nicht selten wieder auf die Seite Raimunds über. Im Winter 1212/1213 wandte sich Peter II. von Aragón, dessen Prestige durch seine Rolle beim Triumph von Las Navas de Tolosa einen gehörigen Schub erhalten hatte, persönlich an den Papst, um für seine Vasallen im Languedoc und für seinen Schwager, den Grafen von Toulouse, ein gutes Wort einzulegen. Das verschaffte nun Innozenz einen Vorwand, die Kreuzzugsprivilegien für auswärtige Freiwillige abzuschaffen, mit der Begründung, Simon von Montfort habe sich wohl ein wenig übernommen. Im Sommer 1213 zog Peter II. an der Spitze einer Streitmacht Richtung Toulouse, um seinem Schwager beizustehen, doch am 12. September wurde der König getötet, als sein Heer in der Schlacht von Muret durch Simons weit unterlegene Truppen eine entscheidende Niederlage erlitt. Der aragonesischen Expansionspolitik nördlich der Pyrenäen war damit ein Riegel vorgeschoben. Bis zum Ende des Jahres 1214 hatte Simon den größten Teil von Raimunds Territorien erobert, und eine gen Süden gerichtete Expedition Ludwigs von Frankreich, Philipps II. Sohns und Erben, wurde im Frühsommer 1215 zum Triumphzug. Im November übertrug das Vierte Laterankonzil diejenigen von Raimunds Ländereien, die er selbst erobert hatte, an Simon von Montfort; den Rest sollte die Kirche als Treuhänderin für den Sohn des Grafen verwalten.
Simons Karriere hatte an diesem Punkt ihren Höhepunkt erreicht, aber eben auch ihren Wendepunkt, denn nun begannen der niedere Adel und die Städte der Region, dem enteigneten Grafen und seinem Sohn ihre Unterstützung anzutragen. Im September 1217 zog Raimund in Toulouse ein; am 25. Juni 1218 wurde Simon von Montfort vor den Mauern der Stadt durch ein Katapultgeschoss getötet. Die Führung seines Heeres übernahm sein zu diesem Zeitpunkt 26 Jahre alter Sohn Amalrich, der den Niedergang des Unternehmens jedoch nicht aufhalten konnte. Sogar die Tatsache, dass Papst Honorius III., der sich hinsichtlich des Languedoc als genauso radikal erwies wie hinsichtlich des Baltikums, 1218 den Kreuzzug nach Südfrankreich erneuerte, konnte daran nichts ändern. Honorius ermutigte insbesondere jene, die sich nicht dem Kreuzzug in den Osten angeschlossen hatten, nun für Südfrankreich das Kreuz zu nehmen, und leitete nicht zuletzt einen beträchtlichen Teil der für den Feldzug im Nahen Osten er hobenen Steuern dorthin um. Aber selbst der Tod Raimunds von Toulouse im August 1222 brachte Amalrich von Montfort kein Glück: Raimunds Sohn, Raimund VII., war einfach beliebter als der Fremde. Amalrichs Ressourcen waren erschöpft, und die Situation wurde allein durch eine Intervention des französischen Königs entschärft: Im Januar 1226 gelobte Ludwig VIII., im Süden seines Reiches einen Kreuzzug zu führen. Am 9. September nahm sein Heer nach dreimonatiger Belagerung Avignon ein, woraufhin sich beinahe der gesamte Landstrich östlich von Toulouse dem Lager des Königs anschloss, der die Verwaltung der gerade eroberten Gebiete einem neuen Statthalter namens Humbert von Beaujeu anvertraute. Zwar starb Ludwig am 8. November noch auf dem Heimweg, aber Humbert begegnete den Versuchen Raimunds VII., sein Erbe zurückzuerobern, dennoch mit einer systematischen und rücksichtslosen Zerstörungs politik. Erst mit dem Frieden von Paris vom 12. April 1229 fand der Kreuzzug ein Ende. Raimund VII. erhielt die westlichen und nördlichen Teile des Gebiets, das sein Vater zu Beginn des Kreuzzuges besessen hatte. Allerdings erhielt er sie unter der Bedingung, dass Toulouse ausschließlich an seine Tochter Johanna bzw. an deren Nachkommen aus ihrer geplanten Ehe mit dem Grafen Alfons von Poitiers vererbt werden durfte; andernfalls sollte das Erbe an Alfons’ Bruder, König Ludwig IX., zurückfallen. Der Friedensvertrag enthielt auch Klauseln zur Frage der Häresie. Darunter befand sich auch eine besonders interessante Regelung, welche die Errichtung einer Stiftung vorsah, aus deren Vermögen auf zehn Jahre die Gehälter von vier Magistern der Theologie, zwei Dekretisten (Kirchenrechtslehrern), sechs Magistern der freien Künste sowie zwei magistri regentes (Dozenten) der Grammatik gezahlt werden sollten. Diese vierzehn Gelehrten sollten in Toulouse unterrichten. Dies bezeichnete die Ursprünge der dortigen Universität.
Die Bestimmungen des in Paris geschlossenen Friedensvertrages sowie die Beschlüsse einer im November 1229 in Toulouse gehaltenen Synode legen nahe, dass selbst zwanzig Jahre brutaler Kriegführung nicht sonderlich effektiv gewesen waren, denn die Ketzerfrage scheint so aktuell gewesen zu sein wie eh und je. Es ließ sich ganz einfach die Tatsache nicht aus der Welt schaffen, dass Kreuzzüge – die ja ihrem Wesen nach nur von begrenzter Dauer waren – gegen die in dieser Region tief verwurzelte Häresie kaum etwas auszurichten vermochten. Erst mit der Einrichtung der Inquisition in Toulouse 1233 und unter dem beständigen Druck, den eine solche Instanz aufzubauen vermochte, begannen die Dinge, sich zu ändern. Ab etwa 1250 zogen die Anführer der Katharer sich in die Lombardei zurück. Bis zum Jahr 1324 war das südfranzösische Katharertum verschwunden.
Auch auf der Iberischen Halbinsel rief Innozenz III. einen neuen Kreuzzug aus. Obwohl die Reihe der dortigen Feldzüge nie ganz abgerissen war, hatte es die vorerst letzten Kreuzzugsbemühungen in dieser Gegend bereits 1189 gegeben, als zwei Flottenverbände mit friesischen, dänischen, flämischen, deutschen und englischen Kreuzfahrern, die auf dem Weg nach Palästina waren, König Sancho I. von Portugal halfen, die Städte Silves und Alvor einzunehmen, sowie 1193 und 1197, als Papst Coelestin III. Aufrufe zum Kreuzzug hatte ergehen lassen. In dem zweiten dieser Schreiben hatte der Papst verfügt, dass die Bewohner Aquitaniens ihre bereits für einen Zug nach Jerusalem geleisteten Gelübde auf Spanien umschreiben durften; vermutlich waren damit Gelübde aus der Zeit des Dritten Kreuzzuges gemeint, die noch immer nicht erfüllt waren. Coelestin reagierte mit diesem Zugeständnis auf die Triumphe des Almohadenkalifen Yaʿqub al-Mansur, den seine entsetzten christlichen Gegner nach seinem Sieg über König Alfons VIII. von León und Kastilien in der Schlacht bei Alarcos am 19. Juli 1195 als einen zweiten Saladin bezeichneten. Erst 1210 fühlte sich Alfons wieder stark genug, in die Offensive zu gehen, und so begannen die Überfälle auf muslimische Ziele unterstützt durch Kreuzzugsprivilegien Innozenz’ III. Wahrscheinlich bildete die auf muslimischem Gebiet liegende Festung Salvatierra, die dem Ritterorden von Calatrava gehörte, den Ausgangspunkt. Yaqubs Nachfolger, der Kalif Muhammad an-Nasir, war zur Gegenwehr fest entschlossen und nahm Salvatierra nach einer zehnwöchigen Belagerung Anfang September ein. Allerdings gelang ihm dieser Erfolg zu spät im Jahr, als dass er daraus noch Kapital hätte schlagen können. Die Nachricht vom Verlust der Burg Salvatierra sorgte in ganz Westeuropa für Beunruhigung und veranlasste den Papst, im Frühjahr 1212 per Sendschreiben nach Frankreich und Spanien einen weiteren Kreuzzug zu proklamieren. In Rom selbst wurde Fasten und spezielle Gebete für einen christlichen Sieg angeordnet. In ganz Frankreich gab es Bußprozessionen. Diese trugen zwar, wie wir noch sehen werden, zur Entstehung des Kinderkreuzzuges bei; jedoch scheint lediglich ein einziger Nordfranzose von Bedeutung – Bischof Gottfried von Nantes –, das Kreuz genommen zu haben. In Südfrankreich hingegen war die Resonanz groß; vielleicht war das ein Nebeneffekt des Albigenserkreuzzuges. Im Juni 1212 versammelte König Alfons in Toledo eine ansehnliche Streitmacht um sich, darunter Ritter aus Frankreich, León und Portugal; König Peter von Aragón mit einem großen Heer sowie natürlich Vertreter des kastilischen Hochadels mit ihren Rittern und Stadtmilizen. Am Zwanzigsten des Monats marschierten sie los. Alfons entschied sich, die Konfrontation mit dem Gegner zu suchen und auf sein Glück in einer Entscheidungsschlacht zu setzen. Malagón und Calatrava, die von den Muslimen nach deren Sieg bei Alarcos erobert worden waren, fielen rasch an das christliche Koalitionsheer, doch bis zum 3. Juli war ein Großteil der Franzosen desertiert. Anscheinend machte ihnen die Hitze zu schaffen; möglicherweise waren sie jedoch auch über die großzügigen Zugeständnisse verärgert, die man der muslimischen Garnison von Calatrava gemacht hatte. Allein Erzbischof Arnold Amalrich von Narbonne sowie etwa 130 französische Ritter blieben und erlebten so den Triumph, der nun folgen sollte. Es gelang dem Heer nämlich, eine Reihe von Festungen einzunehmen, bevor eine Streitmacht unter dem Befehl König Sanchos VII. von Navarra zu ihnen stieß. Gemeinsam eilten sie zu dem Gebirgspass von Despeñaperros, um sich den vorrückenden Muslimen dort in den Weg zu stellen. Das Heer der Almohaden hatte jedoch sein Lager auf der Ebene von Las Navas de Tolosa aufgeschlagen und blockierte so den Weg zum Pass. Aber die Kreuzfahrer wichen auf einen Geheimpfad durch das hügelige Umland aus und standen ihren Gegnern plötzlich auf der weiten Ebene gegenüber. Am 17. Juli erlitten die Muslime eine vernichtende Niederlage in einer Schlacht, deren entscheidender Wendepunkt ein heroischer Reiterangriff unter dem Kommando des Königs von León und Kastilien war. Nach diesem Sieg eroberten die Christen die Burgen von Vilches, Ferral, Baños und Tolosa, wodurch der Weg nach Andalusien geöffnet wurde, sowie Baeza und Úbeda, die sie dem Erdboden gleichmachten.
Wie schon 25 Jahre zuvor bei Hattin war die Schlacht auch diesmal das Ergebnis einer ganz bewussten Risikobereitschaft – der Unterschied war freilich, dass dieses Mal die Rechnung aufging. Die Nachricht vom Sieg der Kreuzfahrer löste auf den Straßen Roms Begeisterung aus und inspirierte Papst Innozenz’ zu einem seiner brillantesten Briefe, einem Freudengesang des Triumphes und der Dankbarkeit gegenüber Gott:
Gott, der Beschützer aller, die auf ihn hoffen, ohne den keine Stärke ist und keine Standhaftigkeit, hat seine Gnade reichlich über euch und das christliche Volk ausgegossen und seinen Zorn über jene Völker, die den Herrn nicht anerkennen, und die Reiche derer, die seinen hochheiligen Namen nicht anrufen; und wie es vor langer Zeit durch den Heiligen Geist geweissagt worden ist, hat er die Völker zum Gespött gemacht, die ihr leichtsinniges Murren wider ihn erhoben haben; er hat sie dem Hohn ausgesetzt, deren Gedanken leer sind, er hat den Hochmut der Starken erniedrigt, hat den Stolz der Ungläubigen in den Staub geworfen.
Typischerweise unterließ es Innozenz III., König Alfons VIII. zu seinem Erfolg zu gratulieren: Der Sieg sollte allein Gott zugeschrieben werden, nicht den Kreuzfahrern, so wie umgekehrt eine Niederlage niemals ein Versagen Gottes, sondern ein Kommentar zur Verworfenheit der Kreuzfahrer war:
Nicht die Hand eurer Hoheit war es, die all diese Dinge vollbracht hat, sondern die Hand Gottes. … Denn dieser Sieg wurde ganz gewiss nicht durch menschliches, sondern durch göttliches Tun erwirkt. … Wandelt also nicht im Stolze, weil diejenigen dort gedemütigt wurden, welche dem Geist des Frevels folgten, sondern rühmt und ehrt den Herrn, indem ihr voll Demut mit dem Propheten sprecht: „Solches hat getan der Eifer des Herrn Zebaoth!“ [nach Jes 37,32; Anm. d. Übers.] Und wenn andere sich ihrer Wagen und Pferde rühmen, solltet ihr jauchzen und frohlocken im Namen des Herrn eures Gottes.
Der Sieg von Las Navas de Tolosa war ein Wendepunkt der Reconquista, auch wenn dies den Zeitgenossen nicht klar gewesen sein sollte. Bereits 1213 wurde der Iberische Kreuzzug, wie auch der Albigenserkreuzzug, von Papst Innozenz III. bis auf Weiteres zurückgestellt, zumindest was die Beteiligung auswärtiger Freiwilliger betraf. Auch äußerte sein Nachfolger Honorius III. bei mehreren Gelegenheiten die Ansicht, Feldzüge im Westen sollten nicht zulasten der Kreuzzüge in den Osten geführt werden; andererseits halfen ganze Schiffsladungen niederländischer und rheinländischer Kreuzfahrer, die sich auf dem Weg nach Palästina befanden, den Portugiesen 1217, die Burg von Alcácer do Sal einzunehmen. 1219 war Honorius sogar bereit, den Teilnehmern von Kampagnen auf der Iberischen Halbinsel einen Teilablass zu gewähren, aber selbst dann betonte er, dass diese Regelung nur für all jene gedacht sei, die aus gutem Grund von einer Fahrt nach Ägypten absehen mussten. Nach der Einnahme von Damiette durch den Fünften Kreuzzug änderte sich seine Haltung allerdings, und im Jahr 1221 erneuerte er den früheren Ablass für ein Unternehmen König Alfons’ IX. von León und Kastilien und 1224 für eines, das von Ferdinand III. angeführt wurde. Allerdings waren diese Ablässe – in Einklang mit den Bestimmungen, die Innozenz III. 1213 erlassen hatte – auf spanische Kreuzfahrer beschränkt. Eine umfassende Erneuerung des Kreuzzugsablasses für die Iberische Halbinsel bewirkte erst ein Schreiben Papst Gregors IX. 1229. In jenem Jahr unternahm Jakob I. von Aragón eine Expedition auf die Balearen, an der auch südfranzösische Kreuzfahrer teilnahmen.
Das Bild, das wir vom Zustand der Kreuzzugsbewegung im Jahr 1212 haben, gleicht einem Panoramafoto, wenn auch nicht in dem Ausmaß wie für die Jahre 1147–1150. Im frühen 13. Jahrhundert wurde an gleich drei Fronten Krieg geführt: im Baltikum, im Languedoc und auf der Iberischen Halbinsel. Im Nahen Osten hingegen blieb es vergleichsweise ruhig, denn dort hatte das Lateinische Königreich 1211 einen sechsjährigen Waffenstillstand mit den Muslimen geschlossen. Daher kam es ungelegen, dass zu dieser Zeit eine Bewegung des einfachen Volkes zur Rettung des Heiligen Landes entstand. Es sollte dies die erste jener Zuckungen sein, die im 13. und frühen 14. Jahrhundert den Lauf der Ereignisse unterbrachen. Diese Ausbrüche, die sogenannten „Volkskreuzzüge“, waren Ausdruck der Frustration der Armen. Die Kreuzfahrerheere für den Einsatz in der Levante wurden zunehmend per Schiff dorthin gebracht, was bedeutete, dass die breite Masse der potenziellen Kreuzfahrer sich eine Teilnahme nicht mehr leisten konnte. Sich einem Heer anzuschließen, das auf dem Landweg nach Palästina zog, war eine Sache – hierzu brauchte man nicht mehr als eine robuste Gesundheit und kräftige Beine –, aber das Geld für eine Seefahrt aufzubringen, war eine ganz andere.
Im Winter 1211/1212 waren Nordfrankreich und das Rheinland in Unruhe, denn die Predigten zum Albigenserkreuzzug hatten eine allgemeine Begeisterung für die Kreuzzugsidee entfacht. Diese wurde zur Massenhysterie, als aus Spanien die Nachricht vom Verlust der Burg Salvatierra eintraf und der Klerus begann, Bußprozessionen zu organisieren. Gary Dickson hat überzeugend herausgearbeitet, was dann geschah: Bei einer Bußprozession, die am 20. Mai 1212 in Chartres stattfand, war ein junger Hirte namens Stephan aus dem Dorf Cloyes anwesend. Von diesem Erlebnis beeindruckt, glaubte Stephan, bei der Rückkehr in seine Heimat von Christus besucht worden zu sein, der wie ein Pilger gekleidet war und ihm einen Brief an den König von Frankreich übergab. Stephans Schilderung seiner Vision – und vermutlich auch sein eigenes Charisma – sorgten dafür, dass sich bald zahlreiche, vielfach junge Bauern um ihn scharten, die wohl eher Halbwüchsige als kleine Kinder waren. Am Ende zog Stephan mit einer Menschenmenge von 15.000 bis 30.000 Männern und Frauen nach Saint-Denis vor den Toren von Paris. Auf dem Weg sangen sie: „Herr Gott, erhöh’ die Christenheit! Gib uns das Wahre Kreuz zurück!“
Ihre Hoffnung auf eine Begegnung mit ihrem König wurde enttäuscht, und man bedeutete ihnen, in ihre Dörfer zurückzukehren. Die meisten scheinen dieser Aufforderung Folge geleistet zu haben, und von dem Hirten Stephan ist weiter nichts bekannt. Die verbliebenen Beteiligten zogen durch Nordfrankreich nach Köln, wo ihre Ankunft Ende Juni eine weitere Volkserhebung unter einem jungen Anführer namens Nikolaus auslöste. Die noch immer mehrere tausend Menschen zählende Schar zog nach Italien, wo man eine Gelegenheit zur Überfahrt über das Mittelmeer zu finden hoffte. Nachdem sie in Genua enttäuscht worden waren, zogen manche westwärts nach Marseille weiter, andere nach Rom, wo sie jedoch ebenfalls abgewiesen wurden.
Eine solche Massenbewegung von „Kindern“ beschäftigte die Fantasie der Zeitgenossen, und in den folgenden dreißig Jahren kam es zur Legendenbildung. So hieß es etwa, Nikolaus von Köln habe sich dem Fünften Kreuzzug angeschlossen, oder dass einige von denen, die Marseille erreicht hatten, von zwei Kaufleuten auf Schiffe gelockt und in die nordafrikanische Sklaverei oder nach Bagdad oder an das Oberhaupt der Assassinensekte, „den Alten vom Berge“, verkauft worden seien. Nur in einem einzigen Fall besitzen wir tatsächlich Nachricht über den weiteren Verbleib eines dieser jungen Männer: Im Jahr 1220 entband Papst Honorius III. einen armen Gelehrten namens Otto, der in Friaul lebte, aber vermutlich aus dem Rheinland stammte, von dem Kreuzzugsgelübde, das er „törichterweise gemeinsam mit anderen jungen Burschen (pueri)“ geleistet hatte.
Bedenkt man die Begeisterung für den Kreuzzugsgedanken, die zu jener Zeit sämtliche Gesellschaftsschichten Westeuropas durchdrungen zu haben scheint, überrascht es nicht, dass das Trachten Papst Innozenz’ III. sich bald wieder auf die Planung eines Kreuzzuges in den Nahen Osten richtete. Dieser sollte beginnen, sobald der dort noch geltende Waffenstillstand 1217 auslief. Mitte Januar 1213 teilte Innozenz seinen Legaten im Languedoc mit, dass er einen solchen Kreuzzug anstrebe, und im April rief er öffentlich dazu auf, wobei er gleichzeitig die Kampagnen im Languedoc und auf der Iberischen Halbinsel herunterstufte:
Da … [ansonsten] die Hilfe für das Heilige Land zu stark erschwert oder verzögert würde …, heben wir den von uns zuvor gewährten Ablass und die damit verbundenen Absolutionsleistungen für all jene, die nach Iberien gegen die Mauren oder in der Provence gegen die Ketzer gezogen sind, auf; vor allem, weil ihnen diese Vergünstigungen unter Umständen gewährt wurden, die nunmehr völlig vergangen sind, und aus einem bestimmten Grund, der größtenteils nicht mehr besteht, denn unsere Sache hat beiderorts durch die Gnade Gottes einen so guten Verlauf genommen, dass kein unmittelbarer Anlass zur Gewalt mehr besteht. Sollte diese nötig sein, so werden wir Sorge tragen, jeder ernsten Situation, die entsteht, unsere Aufmerksamkeit zu widmen. Im übrigen gestehen wir zu, dass Straferlässe und Sündenablässe dieser Art den Provençalen und Spaniern weiterhin zugute kommen sollen.
Im folgenden September erklärte er einem seiner deutschen Kreuzzugsprediger genau, was das bedeutete:
Jene, die das Kreuz genommen haben, um gegen die Ketzer in der Provence zu ziehen, ihr Vorhaben jedoch noch nicht in die Tat umgesetzt haben, müssen nun mit Eifer davon überzeugt werden, die Mühen der Reise nach Jerusalem auf sich zu nehmen, denn das ist die bei weitem verdienstvollere Tat. Wenn sie sich vielleicht nicht überzeugen lassen, dann müssen sie dazu gebracht werden, ihr Versprechen zu halten, das sie noch nicht erfüllt haben.
Wie bereits deutlich geworden ist, verzögerte Innozenz’ Vorgehen den Abschluss des Albigenserkreuzzuges um Jahre, und in Spanien und Portugal sorgte es für großen Unmut. Anlässlich des Vierten Laterankonzils baten sämtliche iberischen Bischöfe den Papst, der Reconquista doch in Gottes Namen ihren Kreuzzugsstatus zurückzugeben. Innozenz beruhigte sie, wie es scheint, mit dem Hinweis darauf, dass entsprechend seiner Entscheidung Sündenablässe ja durchaus gewährt wurden, aber eben nur für Spanier. Selbst der vergleichsweise kleine Kreuzzug entlang der Ostseeküste scheint für eine Weile zur Diskussion gestanden zu haben, denn warum sonst hätte Albert von Buxhövden auf dem Konzil ein leidenschaftliches – und wirksames – Plädoyer an den Papst richten sollen? Seine Argumentation beruhte dabei auf seiner Vorstellung von Livland als dem „Erbteil Mariens“:
Heiliger Vater, ganz so, wie ihr eure Sorge dem Heiligen Land Jerusalem zuteilwerden lasst, welches das Land des Sohnes ist, so solltet Ihr auch Livland nicht vergessen, das Land der Mutter. … Denn der Sohn liebt seine Mutter, und ganz so, wie er sein eigenes Land nicht verloren geben möchte, so möchte er die Sicherheit des Landes seiner Mutter nicht gefährdet sehen.
Die Abwertung des iberischen und des albigensischen Kreuzzuges durch Innozenz III. war das erste Beispiel einer Vorgehensweise, die im Verlauf des 13. Jahrhunderts üblich werden sollte. Die römische Kurie war unzufrieden mit der Zersplitterung der Kräfte, die sich durch eine Kriegführung an mehreren Fronten zugleich ergab, und die Päpste gingen aus diesem Grund dazu über, nach Lage der Dinge jeweils einem Kriegsschauplatz ihre besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Die Tatsache, dass die Kreuzfahrer in steigendem Maße von einer päpstlichen Subvention durch Kirchensteuern abhängig wurden, führte im Laufe des 13. Jahrhundert zu einer steigenden Bereitschaft der Päpste, sich aktiv in die Kreuzzugsführung einzumischen.
Innozenz III. und seine Berater bereiteten den geplanten Kreuzzug nach Palästina mit großer Sorgfalt vor. Die zu seiner Bekanntgabe verfasste Bulle Quia maior kann vielleicht als die bedeutendste ihrer Art gelten. Sie erging in der zweiten Aprilhälfte und Anfang Mai 1213 in nahezu alle Kirchenprovinzen. Indem sie mit einer ausführlichen Darlegung des Kreuzzugsgedankens begann, griff sie Motive auf, die schon seit langem die einschlägigen Predigten bestimmt hatten: Der Kreuzzug war ein Akt der christlichen Nächstenliebe. Durch den Aufruf zum Kreuzzug prüfte Gott die Absichten des Individuums. Zugleich bot die Teilnahme am Kreuzzug die Chance dar, das Seelenheil zu erlangen. Gerade in dieser Hinsicht ging Innozenz theologisch wohl so weit, wie es ihm irgend möglich war, denn er bezeichnete den Kreuzzug nicht nur als „eine Gelegenheit, das Heil zu erlangen“, sondern auch als „ein Mittel zum Heil“. Das Heilige Land war das Erbteil Christi. Innozenz hatte niemals gezögert, den Kreuzzug als eine Art Lehnsdienst gegenüber Gott darzustellen; auch diesen Gedanken griffer nun wieder auf, obwohl man die Metapher in Kirchenkreisen für gefährlich hielt: Schließlich implizierte die Gleichsetzung mit einer Lehnsbeziehung eine wechselseitige Verpflichtung zwischen Gott und dem Menschen, so wie zwischen dem Lehnsherr und seinem Vasallen eine wechselseitige Verpflichtung bestand. Gott hingegen war selbstverständlich niemandem irgendetwas schuldig. Innozenz verwendet in Quia maior seine bereits zuvor eingeführte Ablassformel; neu ist hingegen die Einforderung geleisteter Kreuzzugsgelübde durch Zwang. Der Papst hatte zwar bereits bestimmt, dass er kraft seines Amtes von der Pflicht, diese Gelübde zu erfüllen, befreien konnte: durch Aufschub, Umwandlung oder Freikauf; jedoch waren dies bislang strikte Ausnahmen gewesen, wohingegen die Einhaltung der meisten Gelübde streng überwacht und, wenn nötig, durchgesetzt worden war. Die Bulle Quia maior ließ nun einen Kurswechsel erkennen, der durch Geldmangel motiviert war und die Beteiligung der nicht oder nur beschränkt Tauglichen am Kreuzzug weiter zurückdrängte, indem er ihnen einen Ablass ohne aktive Teilnahme am Feldzug in Aussicht stellte. Zugleich wurde so jedoch der geistliche Nutzen des Kreuzzuges der ganzen Christenheit zugänglich gemacht. Unabhängig von den persönlichen Umständen sollten nun jeder und jede dazu aufgerufen sein, das Kreuz zu nehmen; aber diejenigen, die nicht ins Feld ziehen konnten oder wollten, konnten ihre Gelübde durch die Zahlung einer gewissen Summe ablösen:
Da es zweifellos eine große Hinderung und Verzögerung der Hilfe für das Heilige Land bedeuten würde, wenn eine jede Person vor ihrem Kreuzzugsgelübde daraufh in untersucht werden müsste, ob sie tatsächlich gesund und in der Lage wäre, ein solches Gelübde auch zu erfüllen, gewähren wir allen Gläubigen – mit Ausnahme derjenigen, die durch Ordensgelübde gebunden sind –, das Kreuz auf eine solche Weise zu nehmen, dass ihr Gelübde durch unser apostolisches Mandat umgewandelt, abgegolten oder aufgeschoben werde, wenn dringliche oder offenkundige Gründe dieses erforderlich machen.
Einige Monate später erklärte Innozenz seine neue Vorgehensweise einem verdutzten Prediger:
Aus diesem Schreiben [d. i. die Bulle Quia maior] könnt ihr klar ersehen, was nun zum Beispiel mit Frauen oder mit anderen Personen zu tun ist, die das Kreuz genommen haben und nicht geeignet oder nicht in der Lage sind, ihr Gelübde zu erfüllen. Es heißt ganz deutlich, dass ein jeder – mit Ausnahme von Ordensleuten – nach freiem Willen das Zeichen des Kreuzes so annehmen mag, dass dieses Gelöbnis durch das apostolische Mandat umgewandelt oder durch Geld abgelöst oder aufgeschoben werden kann, wenn eine dringende Notlage oder auch nur die offenkundige Zweckmäßigkeit dies verlangen.
Der berüchtigte „Ablasshandel“ hat seinen Ursprung natürlich in dieser neuen Politik Innozenz’ III., deren Umsetzung durch die päpstlichen Legaten in Frankreich einen Skandal heraufbeschwor und deren mannigfaltige Missbrauchsmöglichkeiten das ganze 13. Jahrhundert hindurch und noch darüber hinaus immer wieder für Kritik sorgten.
Innozenz’ organisatorischer Eifer – und vielleicht auch seine Erfahrungen mit den Schwierigkeiten der Rekrutierung in den Jahren 1198/1199 und 1208 – führten schließlich zur Einführung eines ausgeklügelten Systems der Kreuzpredigt. Zu diesem Zweck wurden in England, Frankreich und Deutschland Predigthandbücher zusammengestellt. Die Predigtaktivitäten in Italien überwachte der Papst persönlich. In Skandinavien und Frankreich übernahmen päpstliche Legaten die Organisation der Rekrutierung. Für alle anderen Kirchenprovinzen der lateinischen Christenheit ernannte Innozenz kleine Gruppen von Predigern mit Befugnissen, die denen seiner Legaten entsprachen. Viele dieser Bevollmächtigten waren Bischöfe, die in ihren Diözesen stellvertretend Prediger ernennen durften. Innozenz III. legte detaillierte Regeln für deren Verhalten fest und nahm offenkundig großen Anteil an der Art und Weise, in der sie ihrer Pflicht nachkamen.
Die Entbindung vom Kreuzzugsgelübde
Das Wort Entbindung bezeichnet in diesem Zusammenhang die Befreiung von einem geleisteten Versprechen mitsamt den daran geknüpften Bedingungen. Papst Innozenz III. (1198–1216) legte hierfür einige verbindliche Regeln fest. So erklärte er etwa, ein Sohn sei verpflichtet, das geleistete, aber nicht eingelöste Gelübde seines Vaters zu erfüllen; zugleich betonte er jedoch das Recht des Papstes, von den einmal gegebenen Versprechen wieder zu entbinden. Leichter als eine völlige Entpflichtung erlangte man einen Aufschub, also die Erlaubnis, das Gelübde zu einem späteren Zeitpunkt einzulösen; eine Substitution – bei der ein anderer anstelle des ursprünglich Vorgesehenen ins Feld zog –; eine Kommutation oder Umwandlung, durch welche eine andere als die ursprünglich gelobte Bußleistung an deren Stelle trat; oder einen Loskauf, also eine Entbindung von dem geleisteten Gelübde gegen die Zahlung einer bestimmten Geldsumme. Die zu zahlende Summe sollte im Idealfall der Summe entsprechen, die der Kreuzfahrer bei seiner Teilnahme am Kreuzzug ausgegeben hätte, und war somit stark vom sozialen Status der entsprechenden Person abhängig.
Wie zuvor schon in der Bulle Audita tremendi, so lag auch in Quia maior ein starker Akzent auf der Notwendigkeit der Umkehr, ordnete das Schreiben doch für das ganze christliche Abendland allmonatliche Bußprozessionen an und führte zudem ein neues Fürbittritual ein, das im Gottesdienst den Platz zwischen dem Friedenskuss und dem Empfang der Kommunion einnehmen sollte. Die speziell mit der Buße befassten Abschnitte dieses neuen liturgischen Elements drückten die feste Überzeugung aus, der Kreuzzug könne nur zum Erfolg führen, wenn er von einem spirituellen Neuanfang der gesamten Christenheit begleitet werde. Innozenz III. führte die Überlegungen seiner Vorgänger hinsichtlich einer allgemeinen Reform zu ihrem logischen Schluss. Die Entstehung der Bulle Quia maior erfolgte im engen Zusammenhang mit dem Ruf zum Vierten Laterankonzil, dessen Beratungen immer wieder um das Thema Kreuzzug kreisten. Am 11. November 1215 eröffnete Innozenz III. das allgemeine Konzil mit einer Predigt, in der er das doppelte Ziel von Kreuzzug und Erneuerung besonders hervorhob. Unter den Dekreten des Konzils befand sich auch eines, Excommunicamus, das der Rechtfertigung – und Regelung – von Kreuzzügen gegen Häretiker gewidmet war und einige Kirchenrechtler wie Raimund von Peñafort befürchten ließ, dass es fortan der Genehmigung derartiger Kreuzzüge dienen würde.
Sogar noch folgenreicher war der Ad liberandam überschriebene Anhang zu den Konzilsbeschlüssen, der von den Teilnehmern am 14. Dezember gebilligt wurde, die Planung des Fünften Kreuzzuges weiter vorantrieb und das Datum für den Aufbruch des Kreuzfahrerheeres auf den 1. Juni 1217 festlegte. Dieser Zusatz stellt, wie James Brundage herausgearbeitet hat, „den umfangreichsten und ambitioniertesten Katalog von Kreuzfahrerrechten und -privilegien dar, den die Päpste bis dahin erlassen hatten, und … die darin niedergelegten Bestimmungen sollten wörtlich in den meisten Papstbriefen des späteren Mittelalters wiederholt werden“. Die Bulle Ad liberandam regelte den Heeresdienst der Kleriker sowie deren Wahrnehmung ihrer Pfründen in absentia. Sie enthielt zudem Innozenz’ klassische Formulierung des Kreuzzugsablasses, nahm die Kreuzfahrer von Steuern und Zinsen aus, erklärte ein Moratorium ihrer Schulden und garantierte ihnen für ihren Besitz den Schutz der Kirche. Auch enthielt sie ein Verbot von Waffengeschäften mit muslimischen Handelspartnern, verbot für drei Jahre die Veranstaltung von Turnieren und verordnete der Christenheit für die Dauer des Kreuzzuges einen allgemeinen Frieden. Die meisten dieser Bestimmungen waren in ähnlicher Form bereits in der Bulle Quia maior und anderen päpstlichen Erlassen enthalten gewesen, aber Ad liberandam sah zudem eine weitere Einkommenssteuer für den Klerus vor. Denn obwohl Innozenz III. die Geistlichen in Quia maior dazu aufgerufen hatte, angehende Kreuzfahrer finanziell zu unterstützen, war er doch davor zurückgeschreckt, die Steuervorschriften von 1199 wieder einzuführen – vielleicht, weil diese so wenig erfolgreich gewesen waren. Allerdings ordnete er nun eine auf drei Jahre vorgesehene Steuer von einem Zwanzigstel (also fünf Prozent) auf sämtliche Kircheneinnahmen an, was im Vergleich zu der früheren Regelung einer Versechsfachung der Steuerlast entsprach. Im Jahr 1199 hatte er die Eintreibung der Steuer den Bischöfen überlassen, aber deren mangelnde Kooperationsbereitsschaft führte bald dazu, dass Innozenz seine eigenen Steuereintreiber aus Rom entsandte, um pünktliche und vollständige Zahlungen zu gewährleisten. Anders als 1199 enthielt Ad liberandam keinerlei Garantie dafür, dass aus dieser Regelung kein Präzedenzfall werden würde. Diesmal war sie allerdings mit der Autorität eines allgemeinen Konzils verabschiedet worden, wodurch der Grundsatz in die Welt gesetzt wurde, dass ein Papst den Klerus ohne dessen Mitsprache besteuern dürfe. Verständlicherweise machte daher selbst die Bestätigung durch das allgemeine Konzil diese Steuer nicht gerade beliebter. Auf der Iberischen Halbinsel stieß sie auf erbitterten Widerstand, da sie auf die Kränkung der Reconquista die Beleidigung folgen ließ. Auch in Frankreich, Italien, Deutschland und Ungarn regte sich Unmut.
Innozenz III. starb am 16. Juli 1216. Kurz zuvor hatte er noch in Mittelitalien den Kreuzzug gepredigt; eine Predigtreise durch Oberitalien war bereits geplant. Während seines Pontifikats erreichten die diversen Formulierungen und Definitionen der Kreuzzugsidee ihre vollentwickelte Gestalt, und seine Erlasse wurden zu Musterstücken für spätere Päpste. Innozenz erweiterte die Einsatzmöglichkeiten des Kreuzzuges, übertrat dabei jedoch nie die Grenzen eines traditionellen Verständnisses von „Kreuzzug“, das nur wenige so klar und elegant ausgedrückt haben, wie er oder seine Schreiber. Er war der erste Papst, der zur Finanzierung von Kreuzzügen Kirchensteuern erhob; der erste, der die Möglichkeit der Ablöse durch Geldzahlungen ausbeutete, und der erste auch, der ein ausgefeiltes System der Kreuzpredigt aufbaute. Anlässlich des Vierten Kreuzzuges entwickelte Innonzenz die Idee einer Landungsoperation europäischer Söldner in Ägypten. Mit dem Fünften Kreuzzug wurde, wie James Powell geschrieben hat, „der Kreuzzug zu einem Werkzeug für die moralische Transformation der Gesellschaft geschmiedet“. Und doch waren – wie so vieles in seinem Pontifikat – die kühnen Ideen Innozenz’ III. viel zu ambitioniert und seine tatsächliche Macht viel zu beschränkt. Insbesondere der Verlauf des Vierten Kreuzzuges ließ erkennen, wie schwach die Position dieses Papstes tatsächlich war. Das Kirchenrecht verbot dem Klerus die Übernahme eines Militärkommandos – und der Papst war selbstverständlich ein Kleriker. Obwohl Innozenz alles daransetzte, das machtvollste Instrument als „päpstlicher Monarch“ auch in seinem Sinne einzusetzen, blieb er für die Umsetzung seiner Ideen auf die Kooperation der weltlichen Fürsten angewiesen, die sich allesamt als nicht gerade unfehlbar und oftmals als völlig inkompetent erwiesen.
Innozenz’ Nachfolger Honorius III. war bereits über siebzig Jahre alt, als er zum Papst gewählt wurde. Die traditionelle Sicht auf sein Pontifikat hat dieses noch im Schatten seines großen Vorgängers gesehen; erst in jüngerer Zeit haben Rebecca Rist und Iben Fonnesberg-Schmidt damit begonnen, ein neues Bild von Honorius als einem ambitionierten, innovativen und geistig unabhängigen Papst zu zeichnen. Honorius betrieb mit Hochdruck die Vorbereitungen für den neuen Kreuzzug und bemühte sich, die zahlreichen Hindernisse zu umgehen, die ein Unternehmen dieser Art allzu oft zum Scheitern brachten. Friedrich II., der junge römisch-deutsche König, hatte anlässlich seiner Krönung in Aachen im Juli 1215 das Kreuz genommen, konnte jedoch unmöglich zu einem Kreuzzug aufbrechen, solange sein Anspruch auf den Kaiserthron durch Otto von Braunschweig bestritten wurde. Den päpstlichen Legaten in Frankreich, dem Kardinal Robert von Courçon und Erzbischof Simon von Tyrus, war es bereits gelungen, unter der armen Bevölkerung im Land großen Enthusiasmus für den geplanten Kreuzzug zu wecken, doch obwohl die Herzöge von Burgund und Brabant, der Konnetabel von Frankreich, die Grafen von Bar, La Marche, Nevers und Rodez sowie der Herr von Joinville allesamt das Kreuz nahmen, war die französische Beteiligung anteilsmäßig geringer als beim Dritten und Vierten Kreuzzug. Dazu mögen die Ereignisse im Languedoc, wo sich der Albigenserkreuzzug noch immer hinzog und 1226 das Leben König Ludwigs VIII. kosten sollte, die Nachwirkungen des französischen Sieges über Otto von Braunschweig, Johann Ohneland und die Flamen in der Schlacht von Bouvines 1214 sowie schließlich ein Wissen von der geplanten Beteiligung Friedrichs II. beigetragen haben. Die eher schwache französische Beteiligung beunruhigte natürlich die verantwortlichen Kirchenoberen, aber das starke Echo in anderen Teilen Europas – vor allem in Ungarn, Deutschland, Italien und den Niederlanden – machte dies mehr als wett. Insbesondere Bischof Oliver von Paderborn erwies sich als wundervoller Prediger – und das im Wortsinn: Seine Reisen durch das Land sollen von Wundern begleitet worden sein.
König Andreas II. von Ungarn, der das Kreuz bereits 1196 genommen, seitdem jedoch von den Päpsten mehrere Male einen Aufschub erhalten hatte, setzte sich als erster in Bewegung. Seine Abgesandten handelten mit den Venezianern die Bereitstellung einer Flotte aus, die das ungarische Heer in Split aufnehmen sollte. Zu diesem gehörten neben ungarischen Truppen auch Kontingente unter Führung der Herzöge von Österreich und Meran; der Erzbischof von Kalocsa sowie viele weitere Bischöfe, Äbte und Grafen aus Ungarn und dem ganzen römisch-deutschen Reich hatten sich den Ungarn ebenfalls angeschlossen. Als sich diese Streitmacht nun Ende August 1217 in Split versammelte, wurde bald klar, dass Andreas’ Gesandte in eine Falle getappt waren, die derjenigen genau entgegengesetzt war, die zur Umleitung des Vierten Kreuzzuges geführt hatte: Die Anzahl der nach und nach eintreffenden Kämpfer war viel zu hoch, als dass die zur Verfügung stehenden Schiffe sie hätten aufnehmen können; der Hauptteil des Heeres musste mehrere Wochen auf seine Einschiffung warten. Zahlreiche Ritter kehrten nach Hause zurück oder entschieden sich, ihr Glück im nächsten Frühling noch einmal zu versuchen.
Das Heer, das schließlich im Herbst 1217 in Akkon eintraf, erwies sich zudem als zu groß für die zur Verfügung stehenden Lebensmittelvorräte, da Palästina infolge einer schlechten Ernte von einer Hungersnot heimgesucht wurde. Man riet den Kreuzfahrern sogar ausdrücklich dazu, in ihre Heimat zurückzukehren. Der König von Jerusalem, Johann von Brienne, hatte mit den Großmeistern der drei Ritterorden – der Templer, Johanniter und des Deutschen Ordens – bereits zuvor über Pläne zu zwei voneinander unabhängigen, jedoch parallel durchgeführten Kampagnen beraten: Die eine sollte gegen Nablus geführt werden und hatte die Rückeroberung der Gegend westlich des Jordans zum Ziel; die andere sollte zur Einnahme von Damiette in Ägypten führen. Angesichts der angespannten Lage trat nun jedoch ein Kriegsrat zusammen und beschloss, dieses Doppelvorhaben bis auf Weiteres zurückzustellen. Stattdessen wollte man – um den Feind und zweifellos auch die eigenen, in Akkon gelandeten Leute zu beschäftigen, bis die restlichen Kreuzzugsteilnehmer eintrafen – eine Reihe von kleineren Kriegszügen unternehmen. Anfang November plünderte ein bewaffneter Aufklärungstrupp Bet Scheʿan und überquerte südlich des Sees Genezareth den Jordan, um dann am östlichen Ufer des Sees nach Norden zu marschieren und über Dschisr Banat Yaʿqub nach Akkon zurückzukehren. Nach einer kurzen Erholungspause zog das Kreuzfahrerheer zum östlich von Nazareth gelegenen Berg Tabor, den die Muslime befestigt hatten; Innozenz III. hatte die davon ausgehende Gefahr in seiner Bulle Quia maior ausdrücklich erwähnt. Am 3. Dezember rückten die Kreuzfahrer durch dichten Nebel in Richtung des Gipfels vor, doch ihr Angriff misslang, ebenso ein erneuter Vorstoß zwei Tage später. Ein dritter Expeditionstrupp, alles in allem nicht mehr als fünfh undert Männer, machte sich kurz vor Weihnachten 1217 daran, Wegelagerer im gebirgigen Hinterland von Sidon zu bekämpfen, geriet jedoch in einen Hinterhalt und wurde vollkommen aufgerieben.
In der Zwischenzeit bereitete der König von Ungarn, der nach der allerersten Aufk lärungsmission keine nennenswerte Rolle bei den Kampfhandlungen mehr gespielt hatte, seine Rückkehr in die Heimat vor. Anfang Januar 1218 brach er nach Syrien auf und reiste dann auf dem Landweg über Kleinasien zurück nach Europa. Viele der ungarischen Kreuzfahrer schlossen sich ihm an. Die in Akkon verbliebenen Kräfte machten sich zunächst an die Neubefestigung von Caesarea, wenig später an den Bau einer gewaltigen neuen Templerburg, des Chastel Pèlerin bei ʿAtlit. Dann traf ab dem 26. April 1218 endlich die langerwartete Verstärkung im Hafen von Akkon ein. Da sich nun eine große Zahl von friesischen, deutschen und italienischen Kreuzfahrern im Feldlager vor der Stadt einfand und eine ebenso beeindruckende Flotte verfügbar war, beschlossen die Anführer des Kreuzzuges, ihr Glück zu wagen und die Gelegenheit zu einer Invasion Ägyptens zu ergreifen. In einem gewissen Sinne kam es jetzt also zur Verwirklichung dessen, was schon der Vierte Kreuzzug hatte erreichen sollen. Am 27. Mai erreichte die Vorhut des Invasionsheeres Damiette, das der Patriarch von Jerusalem bereits 1199 als das herausragende Angriffsziel im Nildelta genannt hatte. Die Kreuzfahrer stießen auf nur geringe Gegenwehr. Es gelang ihnen rasch, auf einer Flussinsel gegenüber der Stadt ein Feldlager aufzuschlagen und dieses mit Barrikaden und einem Graben zu befestigen. Auf der einen Seite bot der Nil, auf der anderen ein aufgegebener Kanal weiteren Schutz.
Es sollten achtzehn Monate ins Land gehen, bis Damiette fiel. Während dieser Zeit erhielten die Belagerer Verstärkung durch italienische, französische, zypriotische und englische Kreuzfahrer, aber es waren natürlich auch Abgänge zu verzeichnen, etwa Herzog Leopold von Österreich, der im Mai 1219 nach Europa zurückkehrte. König Johann von Jerusalem führte das Oberkommando, womit jedoch dem Anschein nach nicht viel mehr als der Vorsitz bei einer Art von Lenkungskomitee verbunden war. Im September 1218 kam der päpstliche Legat Pelagius von Albano im Kreuzfahrerlager an. Pelagius verfügte über eine starke Persönlichkeit, und er war durchaus gewillt, die Annahme König Johanns, Ägypten werde im Erfolgsfall dem Königreich Jerusalem zugeschlagen werden, in Frage zu stellen. Der Stimme des Kardinals kam im Kreis der Anführer bald ein immer größeres Gewicht zu, während Johann in gleichem Maße immer stärker ins Hintertreffen geriet.
In der ersten Phase der Belagerung bemühten sich die Angreifer, den Kettenturm von Damiette einzunehmen, ein mächtiges Bollwerk auf einer Insel mitten im Nil, von dem aus eiserne Ketten gespannt werden konnten, um Schiffen die Durchfahrt zu verwehren. Diverse Kriegslisten wurden erprobt, bis endlich eine schwimmende Belagerungsmaschine, die Bischof Oliver von Paderborn selbst entworfen hatte, zum Erfolg führte. Die Konstruktion, die unter anderem über eine drehbare Sturmleiter verfügte, glich einer Burg im Miniaturformat und ruhte auf zwei Schiffsrümpfen, die aneinander festgemacht waren. Am 24. August 1218 wurde sie auf den Kettenturm losgelassen. Nach einem erbitterten Kampf gelang es den Angreifern, auf der Insel Fuß zu fassen; die überlebenden Verteidiger des Kettenturms ergaben sich am folgenden Tag. Es heißt, der ägyptische Sultan sei vor Schreck gestorben, als man ihm die Nachricht von dieser plötzlichen Wendung überbrachte; allerdings nutzten die Kreuzfahrer den gewonnenen Vorteil nicht sofort aus, und die Ägypter kompensierten den Verlust des Kettenturms, indem sie eine Barriere aus versenkten Schiffen errichteten und den Nil so auch weiterhin blockierten. Im Oktober mussten die Kreuzfahrer zwei beherzte Angriffe auf ihr Lager abwehren. Währenddessen arbeiteten sie unter Hochdruck daran, den verlandeten Kanal auf der anderen Seite der Insel wieder schiffbar zu machen, damit sie Damiette so umgehen und mit ihren Schiffen weiter flussaufwärts würden segeln können. Anfang Dezember war der Kanal frei, aber der Winter war außergewöhnlich streng, und die Kreuzfahrer litten unter dem Hochwasser, das ihre Vorräte ungenießbar machte, ihre Zelte zerstörte und eine gerade im Bau befindliche weitere schwimmende Festung, die diesmal auf sechs Schiffsrümpfen hätte ruhen sollen, losriss und hinüber ans feindlichen Nilufer trieb. Anfang Februar 1219 verließ jedoch das muslimische Heer, das bislang zur Verteidigung von Damiette vor den Toren der Stadt ihre Zelte aufgeschlagen hatte, ihr Lager, nachdem die Nachricht von der Flucht des neuen ägyptischen Sultans die Runde gemacht hatte, der anscheinend von einer Verschwörung zu seiner Absetzung erfahren hatte. Als die Verteidiger in ihre Stellungen zurückkehrten, konnten sie nicht mehr verhindern, dass die Kreuzfahrer den Nil überquerten und sich am Ufer vor Damiette festsetzten, wo sie große Proviantbestände vorfanden. Sie hielten nun beide Ufer des Flusses und begannen, zwischen ihnen eine Brücke zu schlagen.
An diesem Punkt ersuchte die ägyptische Führung um einen Waffenstillstand und bot den Kreuzfahrern für deren Rückzug aus Ägypten das gesamte Territorium des Königreichs Jerusalem mit Ausnahme der transjordanischen Gebiete an, dazu einen Waffenstillstand von dreißig Jahren. Insbesondere das zuletzt genannte Angebot einer dreißigjährigen Waffenruhe war außerordentlich, wenn man bedenkt, dass Waffenstillstandsverträge mit Nichtmuslimen nach dem Konsens in muslimischen Kreisen eine maximale Dauer von nur zehn Jahren haben sollten. Der König von Jerusalem sprach sich dafür aus, diese Bedingungen anzunehmen, doch Pelagius von Albano und die Vertreter der Ritterorden waren dagegen – selbst dann noch, als die Ägypter zusätzlich eine jährliche Zahlung von 15.000 byzantinischen Goldmünzen für die transjordanischen Burgen Karak und Schaubak anboten. In der Zwischenzeit waren den Muslimen Verstärkungen aus Syrien zugegangen, und während der Monate März, April und Mai unternahmen sie immer wieder Angriffe auf das neue Heerlager ihrer Gegner. Diese errichteten stromabwärts der Stadt eine weitere Pontonbrücke, die von 38 Schiffen getragen wurde, und unternahmen ab dem 8. Juli eine ganze Reihe von direkten Angriffen auf Damiette, bis es ihnen der sinkende Nilpegel schließlich unmöglich machte, die Stadtmauern mit ihren Sturmleitern zu erreichen. Den muslimischen Truppen vor der Stadt, die ihrerseits zu Gegenangriffen übergegangen waren, gelang am 31. Juli ein tiefer Vorstoß in das Kreuzfahrerlager, bevor sie wieder daraus vertrieben wurden.
Am 29. August beschlossen die Kreuzfahrer, einen weiteren Angriff auf das ägyptische Feldlager zu unternehmen. Allerdings wurden sie bei ihrem Vorstoß durch einen vorgetäuschten Rückzug der Muslime in eine Falle gelockt; ihr Angriff brach in sich zusammen, und sie erlitten eine herbe Niederlage. Sultan al-Kamil bot erneut Verhandlungen an und fügte seinen bisherigen Vorschlägen weitere hinzu: Im Falle eines Waffenstillstands wolle er für die Wiedererrichtung der Stadtmauern von Jerusalem und der Burgen Belvoir, Safed und Toron aufkommen. Nicht zuletzt stellte er die Rückgabe der Kreuzesreliquie in Aussicht, die den Christen in der Schlacht von Hattin verloren gegangen war. König Johann von Jerusalem, die Franzosen, die Engländer und die Ritter des Deutschen Ordens waren für die Annahme dieser Bedingungen, aber Pelagius von Albano, die Templer und die Johanniter sprachen sich beharrlich dagegen aus. In der Tat war die Garnison von Damiette mittlerweile durch Hunger derart geschwächt, dass sie die Stadt nicht mehr angemessen verteidigen konnte. Am Abend des 4. November bemerkten vier christliche Wachtposten, dass einer der Türme in der Stadtmauer von Damiette unbesetzt zu sein schien. Eilig erklommen sie die Mauer und fanden den Turm verlassen vor, so dass die Kreuzfahrer die Stadt schnell erobern konnten. Das in der Nähe lagernde ägyptische Heer zog sich hastig nach al-Mansura zurück, und bis zum 23. November gelang es den Kreuzfahrern auch, die an der Mittelmeerküste gelegene Stadt Tinnis kampflos einzunehmen.
Der schwelende Streit zwischen dem päpstlichen Legaten Pelagius von Albano und König Johann von Jerusalem spitzte sich nun immer weiter zu. Schließlich reiste Johann verärgert ab und beraubte den Kreuzzug damit seines bedeutendsten Heerführers. Innerhalb des Heeres spiegelten sich die Spannungen an dessen Spitze in Gestalt von Ausschreitungen und Meuterei, die durch Auseinandersetzungen über das in den Städten aufgefundene Beutegut weiter angefacht wurden. Überraschenderweise unternahmen die Kreuzfahrer während der nächsten beinahe zwanzig Monate keine weiteren Schritte, was es dem Sultan erlaubte, sein Feldlager bei al-Mansura zu einer regelrechten Festung auszubauen. Wiederum unterbreitete er den Invasoren sein Angebot und machte sogar noch weitere Zugeständnisse. Wiederum lehnten sie ab. Die Kreuzfahrer warteten jetzt auf das Eintreffen Kaiser Friedrichs II., der bei seiner Krönung in Rom am 22. November 1220 versprochen hatte, einen Teil seines Heeres im nächsten Frühjahr für die Überfahrt nach Ägypten einzuschiffen, sich selbst jedoch im August darauf auf den Weg zu machen.
Die deutschen Truppen trafen im Mai 1221 in Ägypten ein. Nun endlich wurden Vorbereitungen für einen Vorstoß in das Landesinnere getroffen. Am 7. Juli kehrte Johann von Brienne, dem der Papst mit nachdrücklichen Worten geradezu befohlen hatte, sich wieder zu seinem Heer zu begeben, nach Ägypten zurück. Am 17. Juli begann das Kreuzfahrerheer seinen Vorstoß am rechten Nilufer entlang nach Südwesten. Am 24. Juli marschierten sie gegen den Ratschlag Johanns von Brienne auf eine schmale Landzunge, die sich gegenüber der Stadt al-Mansura zwischen zwei Flussarmen des Nils erstreckte, und schlugen dort ihr Lager auf. Möglicherweise vermuteten sie, die Nilschwelle werde – wie es in der Vergangenheit mitunter vorgekommen war – in diesem Jahr ausbleiben. Falls dies der Fall war, hatten sie sich getäuscht, denn im August – und damit etwas später als üblich – begann der Nilpegel anzusteigen. Die muslimischen Verteidiger von al-Mansura nutzten einen kleinen Kanal, um Boote in die beiden Hauptarme des Flusses zu befördern und so die Schifffahrtsroute zurück nach Damiette zu blockieren. Dieser unerwartete Schritt zwang die Kreuzfahrer zum Rückzug, aber die Muslime schickten ihnen ihre Bodentruppen hinterher, schnitten ihren Rückzugsweg ab und durchstachen die Deiche, um das Land unter Wasser zu setzen. Die Kreuzfahrer saßen in der Falle: Nun waren sie es, die um Frieden bitten mussten. Am 30. August willigten sie ein, Ägypten zu verlassen, im Gegenzug für einen Waffenstillstand von acht Jahren und die Reliquie des Wahren Kreuzes. Letztere sollten sie aber niemals erhalten – womöglich, weil die Ägypter sie gar nicht besaßen.
Während dieses Debakel noch seinen Lauf nahm, waren Verstärkungen eingetroffen, die Friedrich II. gesandt hatte. Deren Anführer protestierten scharf gegen die Bedingungen des mit dem Sultan geschlossenen Waffenstillstands. Als der Kaiser selbst von ihnen hörte, war er außer sich – aber es kam ihm wohl kaum zu, in dieser Situation Kritik zu üben; immerhin hatte er sein eigenes Kreuzzugsgelübde noch nicht erfüllt, wofür er nun genauso scharf getadelt wurde wie dreißig Jahre zuvor die Könige von England und Frankreich. Friedrichs immer wieder aufgeschobene Abreise bedeutete nun allerdings nicht, dass ihm der Kreuzzug egal gewesen wäre. Zwar konnte er rücksichtslos sein, aber ungeachtet der diversen Skandalgeschichten, die schon zu seinen Lebzeiten über den Kaiser im Umlauf waren – Friedrichs Karriere und vielfältige Talente verblüfft en sowohl die Zeitgenossen als auch seine späteren Biografen –, war Friedrich doch durchaus ein frommer Mann und fühlte sich der Kreuzzugsidee zutiefst verbunden. Er war noch immer keine dreißig Jahre alt, und die langen Jahre interner Machtkämpfe in Deutschland sowie die Anarchie, die er bei seiner Rückkehr nach Unteritalien vorfand, erklären, warum er sein 1215 abgelegtes Gelübde noch nicht erfüllt hatte. Papst Honorius III. allerdings, der selbst für das Scheitern des Kreuzzuges verantwortlich gemacht wurde, konnte sich nicht zurückhalten, seinem Unmut kraftvollen Ausdruck zu geben. Im März 1223 erneuerte Friedrich im Beisein König Johanns von Jerusalem, des Patriarchen von Jerusalem sowie der Großmeister der Ritterorden im mittelitalienischen Ferentino sein Kreuzzugsgelübde.
Als Datum seiner Abreise wurde der 24. Juni 1225 vereinbart. Friedrich verlobte sich mit der Erbin des Königreichs Jerusalem, in deren Namen ihr Vater als Regent herrschte. Friedrich bot allen Interessierten freie Überfahrt und Verpflegung, aber trotz dieser großzügigen Anreize war der Zustrom von Freiwilligen eher enttäuschend. Der Kaiser sah sich deshalb zu einem erneuten Aufschub gezwungen, um den Kreuzzugspredigern etwas mehr Zeit für ihre Rekrutierungsarbeit zu verschaffen. Am 25. Juli willigte er in San Germano ein, am 15. August 1227 aufzubrechen, und akzeptierte zudem die strengen Bedingungen, die ihm der Papst auferlegte. So musste Friedrich versprechen, nach seiner Ankunft im Heiligen Land auf zwei Jahre den Unterhalt von 1000 Rittern zu zahlen und für jeden Mann, um den er diese Vorgabe verfehlte, eine Strafe von fünfzig Mark Silber. Außerdem sollte der Kaiser 100 Transportschiffe und 50 bewaffnete Galeeren bereitstellen sowie den Führern der lateinischen Herrschaft in Palästina zur einstweiligen Deckung der mit seinem Kreuzzug verbundenen Ausgaben 100.000 Unzen Gold im Voraus in fünf Raten übersenden, die ihm bei seiner Ankunft in Akkon zurückerstattet werden würden.
Friedrich heiratete Isabella von Jerusalem am 9. November 1225 in Brindisi und nahm nach einer Krönungszeremonie in Foggia den Titel eines Königs von Jerusalem an. Daraus folgte, dass das unmittelbare Ziel seines Kreuzzuges nicht mehr Ägypten, sondern Jerusalem sein sollte. In der Zwischenzeit war in Deutschland und England ein ziemlich großer Rekrutierungsaufwand getrieben worden, weshalb ab der Mitte des Sommers 1227 große Scharen von Kreuzfahrern in Unteritalien zusammenströmten. Im August und Anfang September stachen sie von Brindisi aus in See, und obwohl nicht wenige von ihnen desertierten, als sie in Palästina die Nachricht erreichte, der Kaiser werde nun doch nicht zu ihnen stoßen, marschierte der größere Teil des Heeres die Küste hinunter nach Caesarea und Jaffa, um die dortigen Befestigungsanlagen wiederherzustellen, während andere in nördlicher Richtung nach Sidon zogen, die Stadt ganz besetzten – bislang war sie zur Hälfte von Damaskus aus regiert worden – und ebenfalls neu befestigten. Nordöstlich von Akkon errichteten die Kreuzfahrer zudem die Burg von Montfort.
In der Zwischenzeit war Friedrich, der erkrankt war, in den Hafen von Otranto eingelaufen, um dort seine Genesung abzuwarten. Papst Gregor IX. reagierte darauf mit der Exkommunikation des Kaisers. Es fällt schwer zu entscheiden, ob der Papst tatsächlich über Friedrichs ständiges Hinausschieben seiner Abreise verärgert war – oder ob er durch dessen Exkommunikation nicht vielmehr seinen eigenen Einmarsch in Friedrichs unteritalienische Besitzungen vorbereiten wollte, zu deren Schutz die Kirche verpflichtet gewesen wäre, sobald ihr Herr erst einmal zum Kreuzfahrer geworden war. Wie dem auch sei: Als Kaiser Friedrich II. am 28. Juni 1228 endlich in das Heilige Land aufb rach, war er exkommuniziert und nicht als Kreuzfahrer anerkannt. Als er am 7. September – nach einem Zwischenspiel auf Zypern, auf das später einzugehen ist – in Akkon eintraf, hätte er schwerlich einen Feldzug beginnen können: Sein Heer war klein, weil viele der Freiwilligen aus dem Vorjahr bereits den Rückweg in ihre Heimat angetreten hatten, und es war gespalten, denn viele der verbliebenen Kreuzfahrer wollten mit ihrem Kaiser nun, da der Papst den Bann über ihn verhängt hatte, nichts mehr zu tun haben. Schon seit 1226 hatte sich Friedrich jedoch in einem ständigen Austausch von Gesandten mit dem ägyptischen Sultan al-Kamil befunden, der sich mit dem Kaiser gegen seinen eigenen Bruder al-Muʿazzam, den Herrscher von Damaskus, verbünden wollte. In der Zwischenzeit war al-Muʿazzam zwar gestorben, aber al-Kamil, dem der Fünfte Kreuzzug einen gehörigen Schrecken eingejagt hatte, scheint nicht erkannt zu haben, wie schwach Friedrichs Position tatsächlich war; deshalb war er bereit, Jerusalem gegen die Sicherheit Ägyptens einzutauschen.
Die Verhandlungen begannen sofort. Zur Demonstration seiner Stärke marschierte Friedrich im November mit seinem Heer von Akkon nach Jaffa. Am 18. Februar 1229 wurde ein Vertrag geschlossen, demzufolge al-Kamil Bethlehem und Nazareth sowie einen Streifen Land von Jerusalem bis zur Küste an die Lateiner abtrat; dazu einen Teil des Bezirks von Sidon, der ohnehin bereits von den Christen besetzt worden war, die Burg Toron und – vor allem – Jerusalem selbst, wobei der Tempelbezirk jedoch in muslimischer Hand verbleiben sollte und die Stadt als ganze nicht befestigt werden durfte. Im Gegenzug verpflichtete Friedrich II. sich, für die Dauer des auf zehn Jahre geschlossenen Waffenstillstands die Interessen des Sultans gegen alle seine Feinde – selbst gegen Christen! – zu verteidigen. Insbesondere werde der Kaiser den Herren von Tripolis und Antiochia sowie den Ordensrittern auf ihren Burgen Krak des Chevaliers, Margat und Safita keinerlei militärische Unterstützung gewähren. Es schien jedoch unwahrscheinlich, dass Jerusalem sich würde verteidigen lassen, und so sprach der Patriarch von Jerusalem, als er von dem Vertragsschluss hörte, ein Interdikt über seine Stadt aus. Friedrich II. zog am 17. März in Jerusalem ein und vollzog tags darauf eine feierliche Zeremonie in der Grabeskirche, bei der er demonstrativ eine Krone trug. Damit nahm Friedrich Bezug auf die alte Prophezeiung, derzufolge der letzte deutsche Kaiser vor der Ankunft des Antichrist in Jerusalem residieren werde. Diese Verheißung war im Zusammenhang mit der Kreuzzugsbewegung immer wieder einmal aufgegriffen worden und hatte womöglich auch Friedrichs Großvater zu seinem Kreuzzug inspiriert. Jerusalem sollte fünfzehn Jahre lang in christlicher Hand bleiben, aber es scheint dem Königreich Jerusalem nicht wieder eingegliedert worden zu sein; vielmehr behandelte Friedrich II. es als seinen persönlichen Besitz.
Am 19. März kehrte er nach Akkon zurück, wo ihm der Patriarch von Jerusalem, die Adligen und die Templer mit offener Ablehnung begegneten. Die Stadt war in Aufruhr; Bewaffnete zogen durch die Straßen. Wenig später veranlasste die Nachricht von einer päpstlichen Invasion Apuliens Friedrich zum hastigen Aufbruch in die Heimat. In den frühen Morgenstunden des 1. Mai versuchte er, Akkon in aller Heimlichkeit zu verlassen, wurde jedoch auf seinem Weg über die Fleischmärkte hinunter zum Hafen mit Gedärmen und Fleischstücken beworfen.
Das war der kuriose Epilog zum Fünften Kreuzzug. Jerusalem war durch einen Friedensschluss restituiert worden, den ein Exkommunizierter erreicht hatte, dessen Kreuzzug nicht als solcher anerkannt worden war und in dessen Besitzungen am Ende die Truppen des Papstes standen. Über Jerusalem selbst hatte der Patriarch der Stadt das Interdikt verhängt. Sein Befreier verließ Palästina nicht im Triumph, sondern überschüttet mit Abfällen.