8. Die Kreuzzugsbewegung in voller Reife (1229–ca. 1291)

Die Meinungen und Vorstellungen vom Kreuzzug, die in den anderthalb Jahrhunderten seit dem Aufkommen der Bewegung unter Kirchenrechtlern diskutiert worden waren, wurden in den Schriften Papst Innozenz’ IV. und seines Schülers Heinrich von Susa (besser bekannt als Hostiensis) gesammelt und weiterentwickelt. Wie beide Autoren betonten, konnte auf Erden allein der Papst ein solches Unternehmen wie den Kreuzzug legitimieren. Der Ablass, den er als Einziger gewähren konnte, sei Ausdruck seiner Autorität in dieser Angelegenheit. Das Heilige Land, das durch die körperliche Gegenwart und das Leiden Christi gewissermaßen dessen Segen empfangen habe (und Teil des Römischen Reiches gewesen war), gehöre rechtmäßig den Christen, und seine Besetzung durch die Muslime sei ein Vergehen, gegen das der Papst als Stellvertreter Christi auf Erden und Erbe der römischen Kaiser zur Vergeltung aufrufen könne. Kreuzzüge konnten, so ihre Theoretiker, auch zur Verteidigung gegen Ungläubige geführt werden sowie auch gegen all jene innerhalb der christlichen Welt, die durch ihre Irrlehren christliche Seelen bedrohten. Hostiensis griff zwar die Ansicht des Petrus Venerabilis auf, derzufolge Kreuzzüge gegen Häretiker, Schismatiker und Rebellen sogar noch notwendiger waren als jene in das Heilige Land; dabei war er jedoch wesentlich radikaler als Innozenz IV., was seine Haltung in puncto der Beziehungen zwischen Christen und Andersgläubigen anging. Innozenz räumte ein, dass die Autorität des Papstes über die Heiden nur de jure – von Rechts wegen – anzunehmen sei, nicht aber de facto, also in Form einer tatsächlichen Herrschaft. Dennoch beanspruchte der Papst für sich das Recht, den Ungläubigen Weisungen zu erteilen. Das konnte etwa den Befehl bedeuten, Missionare in ihren Ländern predigen zu lassen, aber es schloss als letzten Ausweg auch das Recht ein, sie für Verstöße gegen das Naturrecht zu bestrafen. Allerdings betonte Innozenz, dass die Christen ihre Gegner nicht allein aus dem Grund bekriegen durften, dass sie keine Christen waren; auch Bekehrungskriege waren streng verboten. Hostiensis hingegen setzte voraus, dass der Papst sich sehr wohl in die Angelegenheiten der Ungläubigen einmischen durfte und dass allein deren Weigerung, die päpstliche Autorität anzuerkennen, schon einen Krieg gegen sie rechtfertigte. Er legte sogar nahe, dass jeder Krieg, den Christen gegen Ungläubige führten, bereits durch den Glauben der christlichen Seite zu einem gerechten Krieg werde. Das ging jedoch in den Augen der meisten Christen zu weit, die eher Innozenz folgten als Hostiensis.

Der vom Verstand geprägte Ansatz von Innozenz IV. und Hostiensis lässt nicht erkennen, welche leidenschaftlichen Reaktionen die Kreuzzugsbewegung hervorrief. Ich habe bereits erwähnt, dass es in den Kreuzzugspredigten des 13. Jahrhunderts eine auffällige Betonung der Bußleistungen gegeben hat, die der einzelne Kreuzfahrer erbrachte. Immer und immer wieder hoben die Prediger hervor, dass die Schwere der so erlittenen Mühen einen umso größeren Heilsgewinn versprachen. Eine innige Hinwendung zum Kreuz begründete das Reservoir von Ausdrucksmöglichkeiten, aus dem diese Männer schöpften. Für den Dominikaner Humbert von Romans stand das Kreuz, das Signum der erlösten Menschheit, für die Hingabe des Kreuzfahrers, der sich ganz in den Dienst Christi stellte und einen gewissen Anteil an dessen Passion auf sich nahm.

Das Kreuz ist [predigte Jakob von Vitry] die letzte Holzplanke in einer Welt, die Schiffb ruch erlitten hat; es ist das Holz des Lebens; die Waage der Gerechtigkeit; das Szepter eines Königs; ein herrschaftliches Diadem; der Thron für einen Kaiser; ein Baum, der Schatten spendet; eine harte Zuchtrute; ein stützender Stab; es ist das Feldbanner, rot gefärbt vom Blut Christi, dessen Anblick uns zum Kampf ruft.

Natürlich hatte das Kreuz zu allen Zeiten einen entscheidenden Platz im Kreuzzugsdenken eingenommen, aber während der ersten 80 Jahre der Bewegung scheint das Bild des Kreuzes – sowohl in den Worten der Prediger als auch in den Köpfen der Kreuzfahrer – eine weniger bedeutsame Rolle gespielt zu haben als etwa die Realität des Heiligen Grabes in Jerusalem. Der Siegeszug des Kreuzes im Denken der Kreuzzugsbewegung, seine Verwandlung vom starken Symbol der Selbstaufopferung zum universalen Rechtfertigungsmittel, das jeder nur denkbaren Handlung zu einer gewissen Bedeutung verhalf, rührte vor allem daher, dass zur selben Zeit die fromme Verehrung von Christi Kreuzestod an Bedeutung gewann, was auch mit dem Aufkommen stark gefühlsbetonter Kreuzigungsdarstellungen einherging. Diese starke Fokussierung auf das Kreuz war Ausdruck einer Volksfrömmigkeit, deren Andachtspraxis bald überwiegend auf diesen einen Gegenstand ausgerichtet war.

Bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts hatte das Kreuzzugswesen eine gewisse Normalität gewonnen. Viele der beteiligten Familien konnten zu dieser Zeit schon auf vier oder gar fünf Generationen von Kreuzfahrern zurückblicken. Die Privilegien, die den Status eines Kreuzfahrers ausmachten, waren schon längst formalisiert worden. Der Ablass war das größte dieser Privilegien. Ihm gesellten sich diverse Anrechte bei, von denen viele – wenn auch nicht alle – Weiterentwicklungen jener Schutzrechte darstellten, die einst den Pilgern auf ihrem gefährlichen Weg ein gewisses Maß an Sicherheit hatten bieten sollen. Die Predigtmaschine lief unaufhaltsam, wenn auch nie mehr so präzise wie 1213 unter Innozenz III. Sobald ein Kreuzzugsablass proklamiert wurde und die zuständigen Legaten ernannt waren, kam sie in Fahrt. Die eigentliche Arbeit verrichteten die Mönche der Bettelorden, die bald die üblichen Kreuzzugsprediger waren. Zwischen 1266 und 1268 verfasste Humbert von Romans, der nach seiner Amtszeit als Generalmeister des Dominikanerordens in einem Kloster in Lyon lebte, eine Schrift mit dem Titel De praedicatione sanctae crucis contra Saracenos („Über das Predigen des Heiligen Kreuzes gegen die Sarazenen“), ein tragbares Handbuch für Kreuzzugsprediger. Humbert wollte sicherstellen, dass diese Männer vor ihrem Einsatz eine gebührende Ausbildung bekamen. Sie sollten über Kenntnisse in Geografie verfügen, insbesondere der Geografie jener Erdteile, in denen Kreuzzüge geführt wurden, und ganz besonders sollten sie sich mit den Gegebenheiten des Heiligen Landes und jenen Orten auskennen, die schon in der Bibel erwähnt wurden. Die angehenden Kreuzzugsprediger sollten sich auch mit dem Islam beschäftigen: Humbert legte ihnen nahe, den Koran zu studieren, dazu das Leben Mohammeds sowie die Geschichte der Auseinandersetzungen zwischen Christen und Muslimen. Zu diesem Zweck hatte er für seine Leser sogar eine Liste mit weiterführenden Lektüreempfehlungen zusammengestellt. Als Hilfestellung für die Praxis vermittelte die Schrift De praedicatione auch das nötige Wissen, mit dem die Prediger Fragen zu den Kreuzzugsbullen beantworten und Ratschläge in Sachen Ablass, Kreuzzugsgelübde und Entpflichtungsoptionen erteilen konnten. Um ihnen zudem bei der Abfassung ihrer Predigten unter die Arme zu greifen, fügte Humbert seinem Manuskript 138 Bibelstellen bei, die sich als Grundlage für Kreuzzugspredigten eigneten. Diese Auswahl griff sowohl auf das Alte als auch auf das Neue Testament zurück und umfasste, wie Penny Cole es formuliert hat, „ein Panorama der Religionskriege der Heilsgeschichte“. Dazu kamen noch Anekdoten, die das Interesse des Publikums wecken sollten und die einer anderen Bücherliste entnommen waren.

Die Kreuzzugsprivilegien

Abgesehen vom Ablass betraf die Kreuzfahrer noch eine ganze Reihe weiterer Regelungen. So wurden sie für die Dauer ihrer Verpflichtung gewissermaßen zu Geistlichen auf Zeit, waren der Kirchengerichtsbarkeit unterstellt und von den allermeisten Formen weltlicher Jurisdiktion befreit – sofern das Vergehen, für das sie belangt werden sollten, geschehen war, nachdem sie das Kreuz genommen hatten. Außerhalb seines jeweiligen Heimatbistums konnte ein Kreuzfahrer zudem nicht vor Gericht gestellt werden. Eine etwaige Exkommunikation wurde ihnen erlassen. Sie durften für die Dauer des Kreuzzuges Umgang mit Exkommunizierten pflegen, ohne dafür belangt zu werden. Interdikte betrafen sie nicht. Es war ihnen gestattet, persönliche Beichtväter zu halten, die sie nicht nur von kleineren Vergehen freisprechen, sondern ihnen sogar die Absolution für schwere Sünden wie etwa Totschlag erteilen durften (wofür eigentlich die päpstliche Jurisdiktion zuständig gewesen wäre). Kreuzfahrer durften zudem ihr Kreuzzugsgelübde als Ersatz für ein anderes Gelübde heranziehen, das sie zuvor zwar geleistet, aber nicht erfüllt hatten. Sie durften etwaige Dienstverpflichtungen oder Gerichtsverfahren, an denen sie Anteil hatten, bis zu ihrer Rückkehr vom Kreuzzug aufschieben. Wenn sie es wünschten, hatten sie Anspruch auf die schnelle Erledigung eventuell anhängiger Prozesse vor ihrer Abreise. Sie durften ihre Teilnahme am Kreuzzug als Wiedergutmachung für einen von ihnen begangenen Diebstahl betrachten. Um genug Geld für ihre Reise aufbringen zu können, durften sie Lehen oder anderen eigentlich unveräußerlichen Besitz verpfänden oder verkaufen. Für eine gewisse Zeit durften Kleriker, die am Kreuzzug teilnahmen, die Erträge ihrer Pfründen auch in Abwesenheit genießen; auch diese Pfründen durften ausnahmsweise verpfändet werden, wenn es um die Finanzierung einer Kreuzzugsteilnahme ging. Kreuzfahrer hatten für die Zeit ihrer Abwesenheit das Recht auf eine Stundung etwaiger Schulden und waren zudem von Zinszahlungen, Zöllen und Steuern befreit. Auf ihrer Reise durften sie die Gastfreundschaft kirchlicher Einrichtungen in Anspruch nehmen. Für ihre persönliche Unversehrtheit auf der Reise stand die Kirche genauso ein, wie für die ihrer Familien und Güter während ihrer Abwesenheit.

Humbert von Romans riet seinen Predigern zudem, sich unter vier Augen mit Fürsten und Würdenträgern zu treffen, da diese dem Kreuzzug – gleichsam als Multiplikatoren – zu einer größeren Menge von Freiwilligen verhelfen konnten, etwa Leuten aus ihrem Gefolge, die ihren Herrn auf seiner Reise würden begleiten wollen. Solche Einzelgespräche waren in der Praxis jedoch die Ausnahme; die Regel waren öffentliche Predigten, idealerweise vor großem Publikum. Eine solche Predigt sollte verhältnismäßig kurzgefasst sein und mit einer invitatio enden, einer überzeugungskräftigen Einladung, sich dem Kreuzzug anzuschließen. Humbert nennt 29 Musterbeispiele für ein solches Schlusswort. Eines beginnt wie folgt:

Und so ist klar, geliebte Brüder und Schwestern, dass alle, die sich dem Heer des Herrn anschließen, von dem Herrn gesegnet werden. Die Engel werden ihre Begleiter sein, und mit dem Tod wird ihnen ewiger Lohn zuteilwerden.

Die aus dem 13. Jahrhundert erhaltenen Kreuzzugspredigten enthalten ganz ähnliche Appelle. In den mit Sorgfalt gemachten Abschriften erscheinen diese oft recht gestelzt, aber in der Praxis wurden die Predigten wohl in der Regel improvisiert, und mit welcher Inbrunst das bisweilen geschehen konnte, lässt der Bericht von einer Predigt erahnen, die der Abt Martin von Pairis am 3. Mai 1200 in Basel gehalten hat und die von außergewöhnlich emotionalen Aufrufen durchsetzt ist:

Und so rennt denn, ihr starken Krieger, eilt noch heute dem Herrn zu Hilfe, werdet Ritter Christi, strömt zusammen und bildet Scharen, die ihres Sieges sicher sind. Euch lege ich hier heute das Anliegen Christi vor; in Eure Hände lege ich, sozusagen, Christus selbst, auf dass ihr danach strebt, seine Erbschaft für ihn zurückzugewinnen, aus dem er so grausam vertrieben worden ist.

Humberts invitationes enden ausnahmslos mit dem Wort cantus (Gesang). Wie er erklärt, sollte die invitatio stets von einem Hymnus begleitet sein. Als Beispiele nennt er Veni Creator Spiritus, Veni Sancte, Vexilla regis und Salve crux sancta, fügt aber hinzu, dass jeder andere passende Hymnus gesungen werden konnte. Die beiden letzten der von Humbert genannten Hymnen – übersetzt „Feldzeichen des Königs“ und „Sei gegrüßt, o heiliges Kreuz“ – handeln vom Kreuz Christi; die beiden ersten beschwören den Heiligen Geist, dem traditionell eine entscheidende Rolle als Inspirator der Kreuzfahrer zugeschrieben wurde. Wir wissen aber, dass manche Kreuzzugsprediger auch volkstümliche Lieder einsetzten. Wahrscheinlich sang auch ein Chor, während die Männer einer nach dem anderen nach vorn traten, um dort vor aller Augen ihr Gelübde zu leisten.

Steuern und Abgaben

Der Klerus wurde nun regelmäßig besteuert. Die Höhe dieser Abgaben, die über einen Zeitraum zwischen einem und sechs Jahren erhoben werden konnten, betrug üblicherweise zehn Prozent; sie wurden entweder der gesamten Kirche oder aber dem Klerus einzelner Provinzen auferlegt. Getilgt wurde die Steuerschuld in der Regel durch zwei gleich hohe Zahlungen pro Jahr. Die Einnahmen aus dieser Besteuerung wurden in Geldzahlungen an ein breites Spektrum von Empfängern vergeben, das von Königen bis zum Niederadel reichte. Oft wurden dazu die Einnahmen von Kirchen aus dem Territorium des Empfängers und aus den Territorien von dessen Verwandtschaft herangezogen. Dies gab den Päpsten eine Verfügungsgewalt, von der sie noch im 12. Jahrhundert nicht zu träumen gewagt hätten, denn da die Teilnahme am Kreuzzug kostspielig und die Kreuzfahrerschaft immer knapp bei Kasse war, konnte der Papst seine Subventionen aus Kirchensteuermitteln – und diese machten einen großen Teil des gesamten Kreuzzugsbudgets aus – so verteilen, wie es seinen momentanen politischen Absichten entsprach. In der Praxis war diese Kontrollmöglichkeit jedoch nie so effektiv, wie die Theorie vermuten ließe. Wenn ein Empfänger päpstlicher Geldzuwendungen sein Gelübde brach, sollte die erhaltene Summe – die zwischenzeitlich in Klöstern oder anderen kirchlichen Institutionen hinterlegt war – eigentlich nach Rom zurückgeschickt werden. Tatsächlich erhielten die Päpste jedoch in den seltensten Fällen das gesamte Geld zurück, insbesondere dann, wenn es sich bei den betroffenen Schuldnern um Könige handelte. Außerdem war diese Besteuerung, die sich auch kumulativ auswirkte – wenn nämlich neue Zahlungen fällig wurden, während die alte Steuerschuld noch nicht beglichen war –, zutiefst unpopulär und wurde nicht selten aus Prinzip abgelehnt. Päpstliche Gesandte stießen allenthalben auf Feindseligkeit, und tatsächlich war der Widerstand gegen die Steuern so groß, dass ihre Eintreibung sehr schleppend vonstattenging – sofern die eingeforderten Summen überhaupt gezahlt wurden.

Eine positive Folge war hingegen, dass die Anführer von Kreuzfahrerkontingenten mithilfe der päpstlichen Subsidien nicht nur Söldner anwerben, sondern auch rangniedrigere Kreuzfahrer unterstützen konnten. Möglicherweise schon seit dem Vierten Kreuzzug, ganz bestimmt jedoch ab den 1230er-Jahren gingen Könige und andere hohe Herren Verträge mit ihren Gefolgsleuten ein, durch welche diesen Geldzahlungen garantiert wurden, die sie im Austausch gegen ihren Dienst mit einer festgelegten Anzahl Männer erhalten würden. Dieses System von Männern ermöglichte es, Freiwillige so zu bezahlen, als ob sie im Dienst ihres Anführers stünden, und sorgte in der Truppe für eine bessere Disziplin.

Der Kreuzzug der Barone (1239–1241)

Der Waffenstillstand, den Friedrich II. mit dem ägyptischen Sultan geschlossen hatte, sollte im Juli 1239 enden. In Erwartung dieses Ereignisses veröffentlichte Papst Gregor IX. schon 1234 einen neuen Aufruf zum Kreuzzug. Er erteilte den Dominikanern den besonderen Auftrag, das Kreuz zu predigen. Gregors Absicht scheint es gewesen zu sein, die Gläubigen zunächst geschlossen hinter der gemeinsamen Sache zu vereinen, indem er sie dazu ermutigte, das Kreuz zu nehmen. In einem zweiten Schritt konnte er dann, ganz nach dem Vorbild Innozenz’ III., den Dienstuntauglichen die Ablösung ihrer Gelübde durch die Zahlung einer Geldsumme gestatten. Zudem hegte der Papst den ehrgeizigen Plan, für die Dauer von zehn Jahren nach Ende des Waffenstillstands ein stehendes Heer in Palästina zu unterhalten. 1235 schlug er vor, jeder Christenmensch, der sich dem Kreuzzug nicht anschließe – ob Mann oder Frau, ob Kleriker oder Laie –, solle einen Pfennig pro Woche in die Kreuzzugskasse zahlen und dafür einen beschränkten Ablass erhalten. Sowohl einzelnen Kreuzfahrern als auch Bauvorhaben in Palästina sollten aus dieser Quelle päpstliche Subsidien gewährt werden. Der Plan, den Gregor X. 1274 in leicht abgewandelter Form wieder aufgreifen sollte, war völlig unrealistisch, denn die zur wöchentlichen Zahlung angesetzte Summe überstieg die finanziellen Möglichkeiten der meisten einfachen Leute um ein Beträchtliches. Es überrascht nicht, dass die Steuer anscheinend nie erhoben wurde.

Im Gegensatz zum Fünften Kreuzzug waren die Reaktionen in Frankreich dieses Mal enthusiastisch. Im September 1235 musste Gregor die französischen Bischöfe anweisen, die Kreuzfahrer erst nach Ablauf der Waffenruhe aufbrechen zu lassen. Man hatte gehofft, das französische Kreuzfahrerheer werde bereits vor Juli 1239 im Heiligen Land eintreffen, aber Friedrich II., auf dessen süditalienische Häfen sie womöglich für ihren Transport und die weitere Versorgung angewiesen sein würden, bestand darauf, dass vor dem Ende des Waffenstillstands kein Kreuzfahrerheer in Palästina erscheinen solle; entsprechend wurde das Abmarschdatum auf August verschoben. Was vielleicht noch entscheidender war: Der Papst hatte es sich anders überlegt. Die schwere Notlage des Lateinischen Kaiserreichs von Konstantinopel bewog Gregor im Spätsommer 1236 dazu, eine Zieländerung vorzuschlagen und den Kreuzzug unter der Führung des Grafen von Bretagne, Peter von Dreux, nach Konstantinopel zu entsenden. Außerdem bat der Papst den Grafen Theobald IV. von Champagne, der das Kreuz für Palästina genommen hatte, dem Lateinischen Kaiserreich zu Hilfe zu kommen. Den Erzbischof Heinrich von Reims – der ein Bruder Peters von Dreux war – wies Gregor an, den Grafen Heinrich II. von Bar finanziell zu unterstützen, sollte dieser sich zu einer Teilnahme am Kreuzzug nach Konstantinopel entschließen. Dem Bischof von Sées befahl er, sein für Palästina geleistetes Gelübde auf Konstantinopel abzuändern, und der Bischof von Mâcon sollte Humbert von Beaujeu, der im Jahr 1226 der Schrecken des ganzen Languedoc gewesen war, zur Abänderung seines Gelübdes bewegen. Tatsächlich vermutet man, dass der Papst bei dieser Gelegenheit die Gelübde von 600 nordfranzösischen Rittern hat umwandeln lassen. Er schrieb auch nach Ungarn, um von dort Unterstützung für Konstantinopel zu erbitten. In Frankreich regte sich allerdings bald Widerstand gegen diese Änderung des ursprünglichen Plans – sowohl Peter von Dreux als auch Heinrich von Bar sollten schließlich nach Palästina ziehen –, und Ende Mai 1237 schien Gregor IX. sich mit der Tatsache abgefunden zu haben, dass es nun eben zwei Kreuzzüge geben würde. Durch den Einsatz Balduins II., der den Kreuzzug nach Konstantinopel in seiner Eigenschaft als lateinischer Kaiser auch anführte, war dieser, als er sich im Spätsommer 1239 auf den Weg machte, zu einer recht beachtlichen Streitmacht angewachsen – und das, obwohl sich ihm von den bedeutenderen Vertretern des französischen Adels lediglich Humbert von Beaujeu und Thomas von Marle angeschlossen hatten. Dieses Heer eroberte 1240 die Stadt Çorlu in Thrakien, und seine Anwesenheit verschaffte Konstantinopel eine dringend benötigte Atempause.

Philipp von Aubigny

Philipp von Aubigny, der in seiner englischen Heimat als ein Muster an Ritterlichkeit galt, war der Hauslehrer des jungen Königs Heinrich III. Er war ein Verwaltungsmann, Diplomat und Feldherr in England, der Gascogne und auf den Kanalinseln. Er war wohlhabend, loyal, ehrlich, mit vielen Talenten gesegnet – aber vor allem anderen fühlte er sich der Sache des Heiligen Landes verpflichtet. Als Sohn eines Kreuzfahrers, der vom Dritten Kreuzzug nicht zurückgekehrt war, nahm Philipp selbst drei Mal das Kreuz: Im Jahr 1219 zog er nach Ägypten, 1228 nach Palästina, und 1235 gehörte er vermutlich zur Vorhut des sogenannten „Kreuzzuges der Barone“. Auf diesem Feldzug starb er und wurde 1236 nahe dem Südportal der Grabeskirche in Jerusalem bestattet. Dem Chronisten Matthäus Paris zufolge, der von Kreuzfahren im Allgemeinen nicht sehr viel hielt, „verdiente [Philipp] es, im Heiligen Land sein Grab zu finden, wie er es zu Lebzeiten so lange schon ersehnt hatte“. In Jerusalem bestattet zu werden, war der Herzenswunsch aller, die auf einem Kreuzzug todkrank wurden. So beerdigten die Johanniter den Kreuzfahrer Wernher von Kyburg, der aus der Nähe von Zürich stammte und mit Kaiser Friedrich II. nach Palästina gekommen sein muss, zunächst in Akkon. 1229 jedoch überführten sie Wernhers Gebeine in das gerade erst wieder zurückgewonnene Jerusalem. Vermutlich hatte Wernher zu Lebzeiten den Wunsch geäußert, dort begraben zu werden, und die Johanniter lösten ein ihm gegebenenes Versprechen ein.

Unterdessen versammelte sich in Lyon das glanzvollste Kreuzfahrerheer, das in Frankreich seit dem Jahr 1202 ausgehoben worden war. Angeführt wurde es von zwei Pairs de France: Graf Theobald IV. von Champagne, der seit 1234 zugleich König von Navarra und dessen Vater einer der ersten Anführer des Vierten Kreuzzuges gewesen war, und Herzog Hugo IV. von Burgund. In ihrem Gefolge befanden sich Amalrich von Montfort, Konnetabel von Frankreich, Sohn Simons von Montfort und dessen Erbe im Languedoc, sowie der königliche Mundschenk Robert von Courtenay und außerdem die Grafen von Bretagne, Nevers, Bar, Sancerre, Mâcon, Joigny und Grandpré. Der größte Teil des Heeres stach im August von Marseille aus in See und erreichte Akkon Anfang September. Bald erreichte sie die Nachricht von einem muslimischen Vorstoß auf Jerusalem, aber bei ihrer Ankunft diskutierten die einheimischen Anführer darüber, ob sie den Herrscher von Damaskus oder den Sultan in Kairo angreifen sollten, die miteinander verbündet waren. Am Ende entschied man sich, zuerst die Küste entlang nach Askalon zu marschieren und die dortige Zitadelle neu zu befestigen, um sodann einen Angriff auf Damaskus zu wagen. Am 12. November erreichte ein großes christliches Heer Jaffa, wo man ihnen allerdings mitteilte, dass sich bei Gaza eine ebenfalls beträchtliche ägyptische Streitmacht versammelt habe. Gegen den Rat und sogar ein ausdrückliches Veto Theobalds von Champagne brachen Peter von Dreux und die Großmeister der Ritterorden, dazu die Kontingente des Herzogs von Burgund, der Grafen von Bar, Montfort und Brienne – der letztgenannte hatte Jaffa in seiner Obhut – sowie der Herren von Sidon und Arsuf und Odo von Montbéliard, der Konstabler von Jerusalem, in Richtung Süden auf. Sie ritten die ganze Nacht hindurch und schlugen ihr Lager jenseits von Askalon auf. Vielleicht war die Unternehmung nicht ganz so unüberlegt, wie es den Anschein haben mag: Schließlich hatten sich ihr führende Vertreter des einheimischen Adels angeschlossen, die ihren Feind vermutlich gut kannten. Allerdings versäumten es die Verantwortlichen, Wachtposten aufzustellen. Infolgedessen fanden sie sich bald umzingelt. Während der Herzog von Burgund und die einheimischen Herren die Flucht ergriffen, weigerten sich Heinrich von Bar und Amalrich von Montfort, dies ebenfalls zu tun. Im Verlauf des nun folgenden Kampfes wurden sie durch einen vorgetäuschten Rückzug der Angreifer dazu verleitet, diesen nachzusetzen. Heinrich wurde getötet; Amalrich und rund achtzig Ritter gerieten in Gefangenschaft.

Der größere Teil des christlichen Heeres erfuhr von diesem Hinterhalt, als er in Askalon eintraf. Allerdings zogen sich die Ägypter zurück, ohne weitere Auseinandersetzungen zu suchen. Die Kreuzfahrer begannen nun nicht, wie eigentlich geplant, die Zitadelle von Askalon wiederaufzubauen, sondern traten ihrerseits den Rückzug in Richtung Akkon an. Dort blieben sie und verließen die Stadt selbst dann nicht, als an-Nasir Dawud, der Herrscher von Transjordanien, in Jerusalem einmarschierte und den Davidsturm zerstörte. Im Frühjahr 1240 zog Theobald mit seinen Männern nordwärts nach Tripolis. Auslöser war die Absichtserklärung des muslimischen Herrschers von Hama, er wolle zum Christentum konvertieren, was aber anscheinend nicht ernst gemeint und eher auf sein Verlangen zurückzuführen war, Unterstützung gegen seine muslimischen Rivalen zu erhalten. Infolgedessen führte dieses Unternehmen zu nichts, und schon im Mai befand sich Theobald wieder in Akkon. Er handelte ein Bündnis mit dem Damaszener Sultan as-Salih Ismail aus, dem es Sorgen bereitete, dass es seinem Neffen und Vorgänger auf dem Thron von Damaskus gelungen war, sich das Sultanat von Ägypten zu sichern. as-Salih Ismail versprach, den Christen Beaufort sowie das Hinterland von Sidon, Tiberias, Safed und ganz Galiläa zurückzugeben, dazu Jerusalem, Bethlehem sowie den größten Teil des südlichen Palästina – sobald der Allianz zwischen Damaskus und den Lateinern ein Sieg über Ägypten gelungen war. Die islamischen Würdenträger von Damaskus protestierten natürlich gegen ein solches Bündnis – der Sultan musste Beaufort erst einmal belagern, bevor er es zurückgeben konnte –, und im Königreich Jerusalem gab es Stimmen, die sich wie immer für eine Allianz mit den Ägyptern aussprachen. Doch Theobald führte sein Heer dennoch nach Jaffa, zu dem Treffpunkt, den er mit den Damaszenern vereinbart hatte. Als die Ägypter nach Palästina vorstießen, desertierten viele der muslimischen Verbündeten, die ohnehin nicht besonders kampfeslustig gewesen waren, und ließen das christliche Heer allein zurück. Theobald ließ sich überzeugen, Verhandlungen mit den Ägyptern aufzunehmen. Wiederum regte sich in den Reihen der Kreuzfahrer Widerspruch, und bei oberflächlicher Betrachtung hatte der Kreuzzug nun absurde Züge angenommen, denn Theobald hatte nun zwei Waffenstillstände auszuhandeln, deren Bedingungen sich gegenseitig ausschlossen. Immerhin gelang es ihm, auch den Ägyptern eine Zusage über die zuvor bereits von den Damaszenern versprochenen Gebietsverzichte in Südpalästina – einschließlich Jerusalems – abzugewinnen. Das hätte für die Lateiner ein größeres Territorium bedeutet, als sie es seit 1187 in ihrer Hand gehabt hatten. Nachdem Theobald von Champagne dem nun wieder christlichen Jerusalem einen Besuch abgestattet hatte, überließ er es dem Herzog von Burgund und dem Grafen von Nevers, die Befestigungsarbeiten in Askalon zu beaufsichtigen, und trat im September 1240 die Heimreise in den Westen an. Er war gerade abgereist, da traf eine zweite Welle von Kreuzfahrern ein.

In England nämlich war der Aufruf Gregors IX. zum Kreuzzug auf überaus fruchtbaren Boden gefallen. Richard, Graf von Cornwall und Poitou, der jüngere Bruder König Heinrichs III., hatte 1236 das Kreuz genommen. In der Folgezeit musste er sich gegen Versuche seines Bruders sowie des Papstes zur Wehr setzen, ihn am Verlassen Englands zu hindern. Im Jahr 1239 schlug Gregor IX. sogar vor, Richard solle doch das Geld, das er für den Kreuzzug aufzuwenden gedachte, lieber nach Konstantinopel schicken. Nur widerstrebend hatte der Papst ihm das Geld überlassen, das in England zur Unterstützung des Lateinischen Kaiserreiches eingetrieben worden war. Richard verließ England am 10. Juni 1240 in Begleitung des Grafen Wilhelm von Salisbury und etwa eines Dutzends Adliger. Simon V. von Montfort, Graf von Leicester und Amalrichs jüngerer Bruder, der etwa gleichzeitig ebenfalls zum Kreuzzug aufbrach, scheint auf eigene Faust in das Heilige Land gezogen zu sein. Zusammengenommen hatten sich den beiden Trupps rund 800 englische Ritter angeschlossen. Richard von Cornwall erreichte Akkon am 8. Oktober. Wie er feststellen musste, waren die Anführer im Königreich Jerusalem noch immer zerstritten, was ihre Beziehungen zu Damaskus und Ägypten anging, Richard aber folgte dem Rat der Mehrheit, die für einen Vertragsabschluss mit den Ägyptern eintrat. In Jaffa traf er mit einer ägyptischen Gesandtschaft zusammen und zog dann weiter nach Askalon, um dort den Bau der Zitadelle fertigzustellen, die er anschließend an die Vertreter des Regenten, Kaiser Friedrichs II., übergab. Damit ignorierte er die Forderungen der adligen Opposition, auf die im nächsten Kapitel näher einzugehen ist. Am 8. Februar 1241 wurde der Waffenstillstand mit Ägypten geschlossen, und fünf Tage später wurden die bei Gaza gefangengenommenen Kreuzfahrer freigelassen. Am 3. Mai segelte Richard von Cornwall in Richtung Heimat.

Der erste Kreuzzug Ludwigs IX. des Heiligen von Frankreich

Ein großer Teil der von Theobald und Richard gewonnenen Gebiete ging bereits 1244 wieder verloren, als ein erneutes renversement des alliances zur Eroberung Jerusalems durch die Choresmier und zu der vernichtenden Niederlage der Lateiner in der Schlacht von La Forbie (Harbiyah) führte, die im folgenden Kapitel behandelt wird. Die Nachricht vom Verlust Jerusalems trug im folgenden Dezember vermutlich zu der Entscheidung Ludwigs IX. von Frankreich bei, das Kreuz zu nehmen; allerdings gab es dafür auch andere Gründe. Ludwig war zu dieser Zeit schwerkrank. Möglich wäre es, dass die Entscheidung des Königs, in dieser Situation das Kreuzzugsgelübde abzulegen, einen Akt der Rebellion gegen die Bevormundung durch seine Mutter Blanca von Kastilien darstellte. Blanca war eine fähige und herrschsüchtige Frau, die während der Minderjährigkeit ihres Sohnes die Regierungsgeschäfte geführt hatte. Auch danach noch war ihr Einfluss auf den jungen König – Ludwig war mittlerweile dreißig Jahre alt – beträchtlich gewesen. Blanca war außer sich, als sie von den Absichten ihres Sohnes erfuhr. Gemeinsam mit dem Bischof von Paris überzeugte sie Ludwig davon, dass ein während seiner Krankheit abgelegtes Gelübde keinen bindenden Charakter habe. Seine Antwort bestand darin, das Gelübde nach seiner Genesung noch einmal abzulegen, und nichts, was seine Mutter an Argumenten vorbrächte, könne ihn davon abbringen. Man hat darauf hingewiesen, dass dieses Aufbegehren Ludwigs gegen seine Mutter in einer heiligen Sache dem Verhalten seiner Schwester Isabella ähnelt, die ihm sehr nahestand. Achtzehn Monate zuvor hatte Isabella das Angebot einer Heirat mit Konrad, dem Sohn und Erben Kaiser Friedrichs II., abgelehnt – und das, obwohl diese Verbindung den Segen nicht nur Blancas und Friedrichs, sondern sogar des Papstes gehabt hätte. Im Verlauf einer lebensbedrohlichen Krankheit gelobte Isabella daraufhin, ein Leben in immerwährender Keuschheit zu führen. Sie trat zwar nicht in ein Kloster ein, lebte jedoch wie eine Nonne: kleidete sich sehr schlicht und widmete sich der Armenpflege. Die Parallelen zwischen den beiden Geschwistern – Krankheit, Gelübde, Rebellion gegen die Pläne der Mutter – sind womöglich kein Zufall.

Ludwigs Wahl der Mittel für sein Aufbegehren war für einen Mann von seinem Stand und Sinn ganz natürlich. Er war der Erbe einer starken Familientradition. Väterlicherseits hatte beinahe jede Generation seit 1095 einen Kreuzfahrer hervorgebracht. Der Bruder seines Urururgroßvaters hatte am Ersten Kreuzzug teilgenommen. Sein Urgroßvater und sein Großvater waren Heerführer des Zweiten bzw. des Dritten Kreuzzuges gewesen. Sein Vater war auf dem Rückweg vom Albingenserkreuzzug gestorben, was Blancas große Bedenken erklären dürfte. Aber auch vonseiten seiner Mutter stammte Ludwig von einer illustren Reihe passionierter Kreuzfahrer ab: Die Könige von Kastilien waren die Anführer der spanischen Reconquista gewesen, und Blancas Vater Alfons VIII. von Kastilien war der Sieger von Las Navas de Tolosa. Mittlerweile lastete das Gewicht solcher Familientraditionen schwer auf den Schultern der Nachgeborenen, und auf Ludwigs Schultern lastete es ganz besonders. Drei seiner Brüder sollten ihn auf dem Kreuzzug begleiten.

Anfangs scheint Ludwig nicht ganz so leidenschaftlich für die Sache des Heiligen Landes eingetreten zu sein wie späterhin. In der großen Debatte während des Kreuzzuges der Barone – Damaskus oder Ägypten? – hatte er beide Seiten unterstützt. Er hatte neben dem Papst auch seinem Cousin Balduin II. den Rücken gestärkt, dem jungen Kaiser von Konstantinopel, der auf Ludwigs Kosten im Westen lebte; zugleich hatte er jedoch den Kreuzfahrern, die nach Palästina ziehen wollten, Zuspruch, Fürsprache und nicht zuletzt Geld zukommen lassen. Dann aber geschah etwas, das Ludwigs Aufmerksamkeit ununterbrochen auf das Heilige Land richtete. Im Jahr 1238 schlug Balduin, der dringend finanzieller wie militärischer Unterstützung bedurfte, Ludwig IX. vor, eine der bedeutendsten Reliquien von der Passion Christi – die Dornenkrone – von Konstantinopel nach Frankreich zu überführen. Ludwig hatte eine große Vorliebe für Reliquien, die er sammelte und für deren Aufbewahrung er eigens Kirchen erbauen ließ. Seinen Lieblingskirchen und -klöstern machte er besonders wertvolle Reliquien zum Geschenk. Auf seinen Reisen besuchte Ludwig immer wieder Reliquienschreine. Seine prompte Reaktion auf Balduins Vorschlag überrascht deshalb nicht: Er sandte eine Delegation nach Konstantinopel, die bei ihrer Ankunft allerdings feststellen musste, dass die Dornenkrone bereits den Venezianern versprochen worden war. Die Gesandten des Königs konnten gegen Zahlung von 135.000 Pfund Tournois eine Zusage an Ludwig IX. erwirken (damals betrug dessen Jahresbudget 250.000 Pfund Tournois). Am 11. August 1239 nahmen der französische König und seine Brüder das Reliquiar mit der Dornenkrone in Villeneuve-l’Archevêque entgegen und trugen es barfuß nach Sens. Nachdem sie von dort per Schiff nach Vincennes gebracht worden war, trugen Ludwig und seine Brüder die Dornenkrone nach Paris hinein, wo die Reliquie zunächst den Gläubigen zur frommen Verehrung präsentiert und anschließend in die Nikolauskapelle des königlichen Palastes gebracht wurde.

Ludwig IX. hatte – vermutlich von Balduin – bereits von der Ausfuhr anderer Reliquien aus Konstantinopel nach Palästina erfahren, darunter auch ein Fragment des Wahren Kreuzes, das dem Templerorden für eine enorme Summe überlassen worden war, sowie eine Ampulle des Heiligen Blutes. Diese wurden in Ludwigs Namen angekauft und 1241 nach Paris gebracht. In weniger als drei Jahren war es Ludwig gelungen, einen beträchtlichen Teil der berühmten Reliquiensammlung aus den kaiserlichen Schatzkammern von Konstantinopel zu erwerben. Darunter befanden sich Stücke aus den letzten Stunden im irdischen Leben Christi und viele andere. Selbst den Vergleich mit den altehrwürdigen Reliquiensammlungen von Rom brauchte Ludwigs neue Kollektion nicht zu scheuen. Ihre Provenienz war, legt man die Maßstäbe des 13. Jahrhunderts an, makellos. So handelte es sich bei dem einen von gleich mehreren Stücken des Wahren Kreuzes wohl um jenes berühmte Exemplar, das schon seit Menschengedenken im großen Boukoleon-Palast der byzantinischen Kaiser aufbewahrt worden war und das Konstantinopel seit dem 6. Jahrhundert zum Zentrum für die Verbreitung von Kreuzessplittern hatte werden lassen. Vollständig überschrieb Balduin seine Sammlung dem französischen König im Juni 1247. Um sie würdig aufbewahren zu können, hatte Ludwig IX. bereits den Bau der Sainte-Chapelle in Auftrag gegeben, die innerhalb eines Jahrzehnts fertiggestellt wurde. Ludwigs Biografen Gottfried von Beaulieu und Wilhelm von St. Pathus bezeugen seine tiefe Verehrung für die Reliquien, aber wenn Balduin II. damit gerechnet hatte, dass deren Übertragung nach Frankreich Begeisterung für einen Kreuzzug zur Rettung des Lateinischen Kaiserreiches auslösen würde, dann hatte er sich getäuscht. Paris wurde durch die Reliquien nicht zu einer mahnenden Erinnerung an Konstantinopel, sondern, wie ein zeitgenössischer Kommentator es formuliert, „zu einem zweiten Jerusalem“ – eine Formulierung, der einiges Gewicht zukommt, wenn man bedenkt, dass Jerusalem vor Kurzem von den Muslimen zurückerobert worden war.

Wahrscheinlich hatte Ludwig gerade von der Eroberung Jerusalems erfahren, als ihn eine Krankheit befiel, die so schwer war, dass seine Mutter Blanca die Passionsreliquien herbeibringen ließ, damit ihr Sohn sie berühren konnte. Es ist bemerkenswert, wie oft die Reliquien in der Folge eine Rolle bei Ludwigs Vorbereitungen zum Kreuzzug spielten. Die feierliche Rundreise durch sein Königreich vor dem Aufbruch zu seinem ersten Kreuzzug plante er so, dass er bei der Weihe der Sainte-Chapelle am 25./26. April 1248 zugegen sein konnte. Noch im Juni 1270, als er sich in Aigues-Mortes auf den Kreuzzug vorbereitete, der sein letzter werden sollte, traf er Vorkehrungen in Bezug auf die Verwahrung der Reliquien in der Sainte-Chapelle. Während der Vorbereitungen zu diesem zweiten Kreuzzug fand ihn dort Johann von Joinville, der Beschwerde gegen den Kreuzzug einlegen wollte. „Er war auf das Podest hinaufgestiegen, auf dem die Reliquien aufb ewahrt wurden, und ließ sich gerade das Fragment des Wahren Kreuzes von der Wand herunterholen.“ Diese Reliquien erfüllten die Bedürfnisse eines Mannes, der mit einer übersteigerten und geradezu theatralischen Inbrunst das Kreuz verehrte. Ludwigs Eifer war weithin bekannt. So erwähnt etwa Humbert von Romans in seinem Predigthandbuch den „König von Frankreich, der die heiligen Reliquien der Dornenkrone und des Kreuzes unseres Herrn in seiner Kapelle auf seinen eigenen Schultern trägt“.

Nachdem Ludwig die Entscheidung getroffen hatte, einen Kreuzzug zu unternehmen, stürzte er sich in die Vorbereitungen. Wie bereits sein Urgroßvater ergriff Ludwig die Initiative und kam so einem päpstlichen Aufruf zum Kreuzzug zuvor. Papst Innozenz IV. war ohnehin durch seinen Streit mit Kaiser Friedrich II. vollkommen in Anspruch genommen und konnte Ludwig daher keine große Hilfe sein. Innozenz musste sogar aus Italien fliehen, und als Ludwig es abgelehnt hatte, ihm in Reims Asyl zu gewähren, residierte er in Lyon, wohin er im Sommer 1245 ein Konzil einberief. Am 17. Juli wurde Friedrich abgesetzt. Die Spaltung der Christenheit am Vorabend des geplanten Kreuzzuges war schon schlimm genug – 1248 ging sogar das Gerücht um, Friedrich wolle mit einem Heer nach Lyon marschieren –, doch wurde die Lage noch verschärft durch eine Ausdehnung der Kreuzzugsbemühungen des Papstes: Innozenz ordnete an, in Deutschland und Italien einen Kreuzzug gegen Friedrich II. predigen zu lassen, und schrieb zugleich einen weiteren Kreuzzug auf der Iberischen Halbinsel aus. Ludwig IX. konnte daher – von Frankreich einmal abgesehen – mit nur sehr wenig Unterstützung aus Westeuropa rechnen. Auch aus Osteuropa, wo die Mongolen 1241 alle Abwehrversuche zertrümmert hatten, würden wohl keine Verstärkungen eintreffen. Es sagt über Ludwigs Langmut einiges aus, dass er unter solchen Umständen sowohl zum Kaiser als auch zum Papst weiterhin gute Beziehungen unterhielt.

Der französische König würde sich also auf seine eigenen Ressourcen verlassen müssen. Er bemühte sich mit Nachdruck, in Frankreich Ordnung herzustellen – zwischen 1241 und 1243 hatte er mehrere Adelsaufstände niederschlagen müssen und scheint sich danach entschlossen zu haben, so viele der vormaligen Rebellen wie möglich davon zu überzeugen, ihn nach Palästina zu begleiten. In gewisser Weise war dies der Ausdruck eines für Kreuzfahrer und Pilger typischen Verhaltens, denn bei ihrem Aufbruch waren sie in der Regel sehr darauf bedacht, keine Missstimmung und keine ungeklärten Streitereien zurückzulassen. Ludwig entwickelte eine Methode, die königliche Verwaltung durch eine Art Untertanenbefragung zu verbessern, die im ganzen Kronland sowie den von seinen Brüdern beherrschten Territorien durchgeführt wurde. Anfang des Jahres 1247 sandte Ludwig Inspekteure (enquêteurs) aus, die meisten von ihnen Franziskaner- oder Dominikanermönche. Sie sollten herausfinden, ob irgendwo Grund zur Beschwerde gegen den König oder seine Verwaltung bestand. Tatsächlich deckten die enquêteurs zahlreiche Missstände auf. Der König war schockiert, und die Konsequenzen waren drastisch. Auf den höheren Ebenen der Provinzverwaltung kam es zu mindestens zwanzig Neuernennungen, wobei Ludwig aber anscheinend nicht auf neue Männer setzte, sondern auf erfahrene und zuverlässige Verwalter zurückgriff. Johann von Joinville, der sich dem König angeschlossen hatte, zeigte eine ganz ähnliche Einstellung:

Ich sprach [zu meinen Männern und meinen Vasallen]: „Ihr Herren, ich will über das Meer fahren und weiß nicht, wann ich zurückkehren werde. Wenn ich euch also irgendein Unrecht getan habe, so tretet vor, und ich will jedem von euch der Reihe nach Wiedergutmachung leisten.“ … Ich beglich ihre Ansprüche nach dem Rat der Männer meines ganzen Landes, und um keinen schädlichen Einfluss auszuüben, zog ich mich aus der Versammlung zurück und folgte danach allen ihren Empfehlungen ohne Widerrede. Da ich auf keinen Fall Geld [auf den Kreuzzug] mitnehmen wollte, das mir nicht rechtmäßig gehörte, ging ich nach Metz in Lothringen und verpfändete dort einen großen Teil meiner Ländereien.

In Frankreich nahmen die Kreuzzugsprediger ihre Arbeit bald nach Beginn des Jahres 1245 auf. Odo von Châteauroux, Kardinalbischof von Tusculum, wurde als päpstlicher Legat mit der Aufsicht darüber betraut. Doch auch nach England, in den Westen Deutschlands und nach Skandinavien wurden Prediger entsandt. Bei seinem Aufb ruch sollte das Kreuzfahrerheer schließlich aus rund 15.000 Mann bestehen, davon 2500 bis 2800 Rittern. Die meisten von Ludwigs Kreuzfahrern waren Franzosen, doch dazu kamen auch einige Norweger, Deutsche, Italiener, Schotten und etwa 200 Engländer. Eine Eigenart von Ludwigs Kreuzzug war es, dass der König persönlich für die finanziellen Lasten seiner adligen Gefolgsleute garantierte und eine beträchtliche Anzahl von Rittern durch Dienstverträge selbst subventionierte. Zwar war er nicht der erste Anführer eines Kreuzzuges, der sich so verhielt, aber doch der erste, der sein Heer im großen Maßstab so finanzierte. Führenden Kreuzfahrern lieh er auch einfach Geld, so seinem Bruder Alfons von Poitiers, und trat während des ganzen Kreuzzuges als Kreditgeber in Erscheinung. Ludwig kümmerte sich außerdem um den Transport seiner Männer; 1246 bestellte er in Genua und Marseille 36 Schiffe (die mächtigsten unter seinen Vasallen charterten ebenfalls Schiffe, aber in kleinerem Maßstab). Hafenanlagen und Vorräte fielen ebenfalls in den Zuständigkeitsbereich des Königs. Aigues-Mortes, das schon seit einer Weile zum königlichen Hafen ausgebaut wurde, bekam nun einen neuen Kanal sowie einen beeindruckenden Wachturm, in dem der König vor seiner Abfahrt residieren wollte. Gewaltige Vorräte wurden dem Kreuzfahrerheer nach Zypern vorausgeschickt, und es mag zum Ausweis von Ludwigs Sorgfalt dienen, dass seine Männer trotz verbreiteter Korruption und häufiger Diebstähle fast immer gut versorgt waren. Wenn man außerdem in Betracht zieht, dass Ludwig IX. 1250 ein hohes Lösegeld zahlen musste und auch während seines Aufenthalts im Heiligen Land viel Geld ausgab, so folgt daraus, dass die Ausgaben Ludwigs gewaltig waren. Es ist eigentlich kaum zu glauben, dass er bis 1253 zahlungsfähig blieb. Dann erst musste er sich von italienischen Kaufleuten Geld leihen, was vermutlich auf den negativen Effekt zurückzuführen ist, den der Tod seiner Mutter und Regentin im Jahr 1252 auf das französische Steuerwesen hatte.

Man weiß heute, dass Ludwig auf seinem Kreuzzug über 1.500.000 Pfund Tournois ausgab – bei einem Jahreseinkommen von etwa 250.000 Pfund. Zwar wurden Anstrengungen unternommen, unnötige Ausgaben zu vermeiden, aber das für den Kreuzzug benötigte Geld kam doch größtenteils aus anderen als den gewöhnlichen Einnahmequellen des Königs, die unter den neuen Männern der Verwaltung deutlich zunahmen. Im Jahr 1245 gewährte das Erste Konzil von Lyon Ludwig ein Zwanzigstel der kirchlichen Einnahmen auf drei Jahre; der französische Klerus erhöhte diese Summe freiwillig auf ein Zehntel. Weitere zusätzliche Summen wurden 1251 auf zwei Jahre gewährt. Es stimmt zwar, dass aus den bereits genannten Gründen Ludwig bei der Vorbereitung seines Kreuzzuges nur sehr wenig Unterstützung von außerhalb Frankreichs erfuhr – einmal abgesehen von Bistümern in Lothringen und Burgund, die an sein Reich angrenzten –, aber dafür hat man den Beitrag der französischen Kirche auf etwa 950.000 Pfund Tournois geschätzt, was einem Anteil von rund zwei Dritteln der Gesamtkosten entspricht. Zu den Kirchensteuern und den Einkünften der Krone kamen dann noch die Erlöse aus dem beschlagnahmten Besitz von Häretikern – verständlicherweise ließ man nicht nach, sich um diese zu kümmern –; außerdem Geld, das den Juden abgepresst worden war – insbesondere als Ergebnis einer Kampagne gegen den Wucher –; Einnahmen aus Lizenzen, die der König an bestimmte Domkapitel oder Klostergemeinschaften vergeben hatte, damit diese ihre Bischöfe und Äbte selbst wählen konnten; sowie das Geld aus einigen vakanten Pfründen. Und dann waren da noch die „freiwilligen“ Kontributionen, die von den Städten der Krondomäne erwartet wurden – nicht nur einmal, sondern mehrmals – und die nach einigen Schätzungen bis zu 274.000 Pfund Tournois in die königliche Kriegskasse gespült haben könnten.

Dem Aufbruch des Königs voran ging eine große Rundreise Ludwigs IX. durch sein Kronland, die er Anfang des Jahres 1248 unternahm. Ihr Höhepunkt war die bereits erwähnte Weihe der Sainte-Chapelle, bei der auf die feierliche Ausstellung der Reliquien dort eine Zeremonie in der Kathedrale von Notre-Dame folgte, wo Ludwig den Pilgerstab und die Pilgertasche empfing. Sodann ging der König barfuss nach Saint-Denis, wo er – wie seine Vorgänger vor ihm – die Oriflamme aufnahm. Nachdem er verschiedene Pariser Klöster besucht hatte, zog Ludwig in Richtung Süden. Am 25. August ging er in Aigues-Mortes an Bord und erreichte Zypern am Abend des 17. September. Er verbrachte acht Monate auf der Insel, während sein Heer, das durch lateinische Truppen aus Griechenland und Palästina verstärkt wurde, nach und nach dort eintraf. Wie es scheint, wollte Ludwig die Fehler der Vergangenheit vermeiden und plante deshalb, Ägypten mit allen verfügbaren Kräften anzugreifen. Ende Mai 1249 verließ seine Flotte Zypern und erreichte am 4. Juni die Nilmündung bei Damiette. Tags darauf begannen die Kreuzfahrer, an Land zu gehen, und der muslimische Widerstand war schnell gebrochen. Es spricht für Ludwigs Umsicht, dass seine Flotte genug flachkielige Landungsboote mit sich führte, um in kurzer Zeit einen vergleichsweise starken Truppenverband an Land zu bringen. Die demoralisierten Verteidiger verließen Damiette, in das am nächsten Tag die Eroberer einrückten.

Vermutlich hatte Ludwig mit einer langen Belagerung gerechnet, denn dem Fünften Kreuzzug hatte Damiette über ein Jahr lang Widerstand geleistet. Es überrascht deshalb kaum, dass diesem Anfangserfolg eine lange Verzögerung folgte – auch wenn in der Zwischenzeit ernsthaft die Option diskutiert wurde, an der Küste entlang nach Osten zu ziehen und Alexandria zu erobern. Die Nilschwelle stand kurz bevor, und so konnte der Marsch in das Landesinnere erst am 20. November beginnen, als der Flusspegel langsam wieder sank und das Wetter kühler wurde. Zu dieser Zeit starb der Sultan, und die Ägypter gerieten nahezu in Panik. Die Kreuzfahrer brauchten einen Monat, um die bedeutendste ägyptische Festung al-Mansura zu erreichen, wo sie ihr Lager am gegenüberliegenden Nilufer aufschlugen. Am 7. Februar 1250 verriet ein einheimischer Informant ihnen, wo sie eine Furt zur Durchquerung des Flusses finden konnten. Bereits am folgenden Tag setzte ein Voraustrupp unter dem Befehl Roberts von Artois – der ein Bruder Ludwigs war – über den Nil. Ohne auf den Rest des Heeres zu warten, stürmten die Männer durch das muslimische Feldlager vor der Stadt und drangen nach al-Mansura selbst ein, wo sie im Gewirr der engen Gassen eingekesselt und aufgerieben wurden. Robert wurde getötet. Ludwig, der mittlerweile mit dem Hauptteil seiner Streitmacht am anderen Flussufer angekommen war, stürzte sich in einen verbissenen Kampf gegen das muslimische Heer, der den ganzen Tag andauern sollte. Schließlich zogen die Ägypter sich zurück und überließen den Kreuzfahrern das Feld. Allerdings war ihr Kampfgeist nicht gebrochen, und führungslos waren sie bald auch nicht mehr, denn der neue Sultan erreichte al-Mansura am 28. Februar. Die Kreuzfahrer, in ungeschützter Position umzingelt und von Krankheiten heimgesucht, waren das Ziel ständiger Angriffe. Zu allem Überfluss luden die Ägypter ganze Schiffe auf Kamelrücken und transportierten sie um das Kreuzfahrerlager herum, um sie stromabwärts wieder zu Wasser zu lassen, und die Invasoren auf diese Weise von Damiette und ihrem Nachschub abzuschneiden. Anfang April durchquerten die Kreuzfahrer den Nil ein zweites Mal und bezogen ihr voriges Lager, bevor sie am 5. April bei Einbruch der Dunkelheit ihren Rückzug nach Damiette antraten. Unter großen Mühen gelang es ihnen gerade einmal, die Hälfte des Weges zurückzulegen – dann mussten sie sich ergeben. Der am sorgfältigsten vorbereitete und bestorganisierte Kreuzzug, den es bis dahin gegeben hatte, war zerschlagen, sein Anführer gefangen genommen.

Johann von Joinville (1225–1317)

Die Familie, in die Johann von Joinville hineingeboren wurde, hatte das Erbamt des Seneschalls (Truchsessen) der Champagne inne. Seine Mutter entstammte dem burgundischen Hochadel. Ein Großvater war vom Dritten Kreuzzug nicht zurückgekehrt; zwei Onkel hatten am Vierten Kreuzzug teilgenommen, und Johanns Vater Simon von Joinville war sowohl am Albigenserkreuzzug als auch am Fünften Kreuzzug beteiligt gewesen. Diese Familientradition hat vermutlich zu Johanns Entscheidung beigetragen, das Kreuz zu nehmen, König Ludwig IX. von Frankreich 1248 nach Ägypten zu begleiten und nach dem ägyptischen Desaster noch vier Jahre in Palästina Dienst zu tun. Erst kurz vor seiner Abreise war Johann zum Ritter geschlagen worden. Da in dem Umfeld seiner Herkunft – dem Hof von Champagne – eine lange literarische Tradition gepflegt wurde, überrascht es nicht, dass Johann sich als begabter Autor entpuppte, der in den 1250er-Jahren in Akkon ein Credo sowie möglicherweise noch weitere Verse verfasste, die ihm zugeschrieben werden. Am bekanntesten jedoch ist seine Vie de Saint Louis, eine Biografie Ludwigs IX. des Heiligen, die Johann 1309 im Alter von 84 Jahren abschloss. Die zentralen Teile der Vie wurden jedoch vermutlich schon in den frühen 1270er-Jahren erstmals skizziert. Das Werk ist in einem gut lesbaren Plauderton geschrieben und bietet einen unschätzbaren Einblick in Johanns Erfahrungen auf seinem Kreuzzug im Gefolge des Königs, bei dem auch viele Alltagsprobleme in den Blick geraten, mit denen sich die Kreuzfahrer auf ihrer Reise auseinandersetzen mussten.

Am 6. Mai wurde Ludwig IX. freigelassen. Sein Lösegeld war auf 400.000 Pfund festgesetzt worden, wovon die Hälfte sofort zu zahlen war. Damiette, wo seine Königin gerade einen Sohn zur Welt gebracht hatte, wurde geräumt. Die meisten Franzosen kehrten nach Europa zurück, aber Ludwig segelte nach Akkon. Er wollte dafür sorgen, dass alle weiteren Gefangenen der Ägypter ebenfalls wieder freikamen. Außerdem war er fest entschlossen, bei der Verteidigung der lateinischen Siedlungsgebiete gegen die sich aus seiner Niederlage eventuell entwickelnden muslimischen Angriffe mitzuhelfen. Ludwig blieb für beinahe vier Jahre in Palästina und übernahm de facto die Regierung des Königreichs Jerusalem. Im Jahr 1252 verhandelte er mit den Ägyptern über ein Angriffsbündnis gegen Damaskus – daraus wurde nichts –, und 1254 folgten Verhandlungen mit Damaskus und Aleppo, die zu einem zweijährigen Waffenstillstand mit beiden Mächten führten. Ludwig erneuerte die Befestigungsanlagen von Akkon, Caesarea, Jaffa und Sidon in großem Umfang. Am 24. April 1254 segelte er in seine Heimat zurück, ließ jedoch 100 von ihm finanzierte Ritter in Akkon. Das war eine nicht unbeträchtliche Truppe, wenn man bedenkt, wie groß im Jahr 1255 die Garnisonen der Johanniterburgen Krak des Chevaliers (60 Mann) und Tabor (40 Mann) waren – oder die der Templerburg Safed im Jahr 1260 (50 Mann). Die Ritter dürften natürlich nur einen Bruchteil der tatsächlichen Besatzung ausgemacht haben. Es gab Armbrustschützen und Fußsoldaten, dazu mindestens drei Mann Hilfspersonal – Stallburschen und Knappen – pro Ritter. Wenn man dann noch bedenkt, dass es irgendeine Art von Befehlsstab gegeben haben muss – wiederum mit Personal – sowie Huf- und Waffenschmiede oder auch andere Handwerker, gelangt man rasch zu einer Gesamtzahl von bis zu 1000 Personen, die auf Ludwigs Initiative in Akkon stationiert blieben. Anfang Juli erreichte Ludwig Hyères in der Provence. Er war ein völlig veränderter Mann. Das Desaster von 1250 deutete er als eine Gottesstrafe für seine Sünden. Der König wurde immer frommer und bußfertiger. Er aß und kleidete sich, wie es die einfachen Leute taten. Er widmete sich den Armen. Er ersehnte den Tod. Nach seiner Rückkehr war Ludwig der Heilige bestrebt, ein guter König zu sein und dadurch Buße für seine Verfehlungen zu tun, die, wie er glaubte, Schande und Schaden über die Christenheit gebracht hatten.

Kreuzzüge gegen Preußen und Litauen

In der Aufmerksamkeit und Budgetplanung der Päpste konkurrierten die Kreuzzüge in den Nahen Osten stets mit denen, die innerhalb Europas geführt wurden. Im Ostseeraum hatte sich dabei, wie wir gesehen haben, eine Art ständiger Kreuzzug entwickelt. Begründet wurde dieses Vorgehen mit der Schutzbedürftigkeit der kleinen Kirchengemeinden, die durch missionarische Aktivitäten unter den Einheimischen entstanden waren. Obwohl sich an diesen Feldzügen durchaus nicht nur Deutsche und Skandinavier beteiligten, waren diese doch die treibende Kraft. Bis etwa zum Jahr 1230 hatten die Aktivitäten sich hauptsächlich auf Livland und Estland konzentriert, wo mittlerweile ein Fundament für die künftige christliche Herrschaft gelegt worden war. Obwohl jedoch auch weiterhin Kreuzzüge nach Livland stattfanden und die Schweden ihre Bemühungen nach Finnland ausdehnten, verlagerte sich der Schwerpunkt der baltischen Kreuzzüge doch zunehmend in Richtung Westen, und zwar nach Preußen. Wieder war es ein Missionsbischof, der den Feldzug ins Rollen brachte. Christian, ein Zisterziensermönch aus dem polnischen Kloster Łękno, dessen frühe Erfolge als Prediger des Evangeliums neben dem Wohlwollen Papst Innozenz’ III. auch dasjenige der polnischen Adligen Herzog Konrad von Masowien und Bischof Gedko (Gedeon) von Plock erregt hatten, wurde 1215 zum Bischof von Preußen geweiht. Christians Erfolg ging jedoch einher mit wachsendem Unmut und sogar Feindseligkeiten der (nichtchristlichen) einheimischen Bevölkerung. Nachdem verschiedene Maßnahmen, die in dieser Situation Abhilfe schaffen sollten, gescheitert waren – etwa die Gründung eines neuen deutschen Ritterordens, der „Brüder von Dobrin“ –, nahm Konrad von Masowien sich der Sache an und überließ 1225 dem Deutschen Orden, mit dem die Unterwerfung und Eroberung Preußens fortan auf das Engste verknüpft sein sollte, einen beträchtlichen Teil der Region als Hoheitsgebiet.

Der Deutsche Orden (ursprünglich der „Orden der Brüder vom Deutschen Haus Sankt Mariens zu Jerusalem“) hatte seinen Ursprung in einem während der Belagerung von Akkon 1189/1190 gegründeten deutschen Feldlazarett, das 1198 als deutscher Ritterorden wiedererstand. Wie schon die Johanniter hatten auch die Angehörigen des Deutschen Ordens die doppelte Aufgabe von Kampfeinsatz und Krankenpflege, aber ihre Ordensregel orientierte sich an derjenigen der Templer. Bis 1291 befand sich das Hauptquartier des Deutschen Ordens in Palästina, und die Verteidigung des Lateinischen Ostens war ihre vornehmliche Aufgabe. Die Deutschordensritter herrschten über ein ansehnliches Territorium in der Nähe von Akkon, in dessen Zentrum die Burg Montfort lag, von deren Errichtung bereits die Rede war. Dazu kam noch umfangreicher Landbesitz in der Herrschaft Sidon sowie in Kleinarmenien. Wie die Templer und die Johanniter hatte auch der Deutsche Orden Besitzungen in Europa und fand sich immer wieder in dortige Feldzüge verwickelt. Im Jahr 1211 übertrug König Andreas II. von Ungarn dem Orden einen Abschnitt seiner Ostgrenze zur Verteidigung gegen die Kiptschaktürken, doch die Ritter machten sich rasch unbeliebt. So bestanden sie darauf, von der Gerichtsbarkeit des örtlichen Bischofs ausgenommen zu werden, und sprachen die Besitzrechte an ihrem Territorium dem Heiligen Stuhl zu. Auch scheint es, dass sie das von ihnen kontrollierte Gebiet mit unlauteren Mitteln erweiterten. Schließlich luden sie deutsche Kolonisten ein. Der ungarische König, der keine autonome deutsche geistliche Pfalzgrafschaft auf seiner Grenze dulden wollte, beschnitt ihre Privilegien, und als die Deutschordensritter sich widersetzen, warf er sie gewaltsam aus dem Land.

An diesem Punkt erreichte sie die Einladung Konrads von Masowien, und sie war an einen Hochmeister des Deutschen Ordens gerichtet – Hermann von Salza –, der nicht nur außergewöhnlich begabt, sondern auch ein enger Berater Kaiser Friedrichs II. war. Hermann wünschte sich eine Art Truppenübungsplatz für seine Ritter, einen Ort, an dem diese auf ihren Einsatz im Heiligen Land vorbereitet werden konnten, und er war entschlossen, dort auch die Art von geistlicher Herrschaft zu errichten, die dem Orden bereits in Ungarn vorgeschwebt hatte. Der erste Schritt bestand darin, die Genehmigung des Kaisers einzuholen: In der Goldenen Bulle von Rimini wurde Hermann von Salza 1226 zum Reichsfürsten über das Kulmer Land sowie alle zukünftigen Eroberungen in Preußen gemacht. Der Deutsche Orden war somit der erste Ritterorden, der einen später als halbsouverän betrachteten Status erhielt. Im nächsten Schritt sollte das Deutschordensterritorium dem Heiligen Stuhl unterstellt werden. 1234 nahm Papst Gregor IX., der ein enger Gefolgsmann Honorius’ III. gewesen war und die Baltikumspolitik seines Vorgängers fortführte, den Ordensbesitz in das Eigentum von Sankt Peter auf und stellte es somit unter besonderen päpstlichen Schutz. Anschließend gab er es dem Deutschen Orden als ein päpstliches Lehen zurück. In der Zwischenzeit hatte Hermann von Salza 1229 seinen ersten Vortrupp an die Weichsel entsandt, womit die Eroberung des zukünftigen Deutschordensgebiets begann. Ein möglicher Konflikt, der sich aus den gleichzeitigen Missionsaktivitäten des Bischofs Christian von Preußen hätte ergeben können, wurde womöglich dadurch vermieden, dass Christian 1233 von den Prußen gefangengenommen wurde. Die „Heiden“ behielten den Bischof sechs Jahre lang in ihrer Gewalt. Als er wieder freikam, protestierte er zwar dagegen, dass, wie er sagte, dem Deutschen Orden eher daran gelegen war, Untertanen zu gewinnen, als Menschen zum Christentum zu bekehren; aber es war zu spät: Christian konnte nichts mehr dagegen ausrichten, dass die Kirche in Preußen von nun an dem Deutschen Orden unterstellt war. Er starb 1245 als ein verbitterter, zutiefst enttäuschter Mann.

Unter der Führung des Deutschen Ordens traten die bereits dargestellten Eigenheiten des baltischen Kreuzzuges noch deutlicher hervor. Die Ordensmitglieder waren fast ausschließlich Deutsche, und ihre Siedlungspolitik entsprach ganz dem damaligen deutschen Kolonisierungsdrang nach Osten. Jede Ordensprovinz wurde zunächst von Laienrittern und Bürgern besiedelt, wobei den letztgenannten in der Regel Privilegien verliehen wurden, die auf das Magdeburger Stadtrecht zurückgingen. Auf diese Weise wurde eine solide Basis für die Herrschaft des Ordens geschaffen, die sich im engen Zusammenspiel mit den neugegründeten deutschen Städten entwickelte. Ab den frühen 1230er-Jahren strömte eine große Zahl von Kreuzfahrern in die Region, und dem Deutschen Orden gelang es, seine Vorstellungen von einem ständigen Kreuzzug deutlicher zu entfalten als jemals zuvor. Das mag auch daran gelegen haben, dass die Hochmeister des Deutschen Ordens wesentlich mehr Zeit in Westeuropa verbrachten als ihre Amtskollegen im Templer- oder Johanniterorden, was ihnen einen engeren Kontakt mit dem Papsttum ermöglichte. Eine ganze Reihe päpstlicher Verfügungen, insbesondere aus den Pontifikaten Gregors IX. und Innozenz’ IV., gewährte den vollkommenen Ablass all jenen, die als Kreuzfahrer gegen die Prußen ins Feld zogen, ob dies nun auf einen konkreten päpstlichen Aufruf hin geschah oder nicht. Anders also als jene spanischen Bischöfe, die im 12. Jahrhundert aus ihrer eigenen Machtvollkommenheit heraus bisweilen Ablässe gewährt hatten, war der Deutsche Orden vom Papst zur Ablassvergabe autorisiert, und zwar ohne Rücksicht auf irgendwelche päpstlichen Kriegserklärungen. Wiederholt wurden Kirchenleute in Nord- und Mitteleuropa in dieser Zeit dazu aufgerufen, im Baltikum den Kreuzzug zu predigen.

Die Strategie des Deutschen Ordens ruhte auf der Errichtung von Burgen, wozu nicht selten einheimische Zwangsarbeiter herangezogen wurden. Seite an Seite mit diesen Burgen wurden die Ansiedlungen der deutschen Kolonisten gegründet, während Dominikanermönche im Auftrag des Deutschen Ordens das Umland christianisierten. Der Orden scheint einen Vorstoß entlang der Weichsel vom Kulmer Land an das Frische Haff geplant zu haben, um sich dann entlang der Ostseeküste ostwärts in Richtung Livland auszubreiten, wo sich ihm ab 1237 der Schwertbrüderorden anschloss. Anschließend sollte dann wohl die Eroberung des Inlands beginnen. Tatsächlich erreichten die Deutschordensritter 1236 das Frische Haff und begannen spätestens 1239, nachdem sie den größten Teil der Küste in diesem Gebiet erobert hatten, in das Landesinnere vorzustoßen. Im Ersten Prußenaufstand, der 1242 ausbrach, verlor der Orden allerdings einen Großteil der bis zu diesem Zeitpunkt eroberten Gebiete. Es folgte eine zehnjährige Rückeroberungskampagne. Ein Korridor, der Livland und Preußen verband, entstand durch die Gründungen von Memel – 1252 von Livland aus – und Königsberg, 1254 erfolgt durch ein riesiges Kreuzfahrerheer, das unter dem Befehl des böhmischen Königs Ottokar II. Přemysl, Rudolfs von Habsburg sowie Ottos III. von Brandenburg aus Preußen heranzog. Dann begann 1260 der Zweite Prußenaufstand, der auf die Niederlage der livländischen Deutschordensritter gegen die Litauer in der Schlacht an der Durbe folgte. Viele der in Preußen eingerichteten Garnisonen und Kolonien wurden zerstört, die erste Gruppe von Kreuzfahrern, die zu ihrer Unterstützung herbeizogen, wurde ebenfalls vernichtet. Papst Urban IV., der bereits seit einiger Zeit einen Kreuzzug gegen die Mongolen plante, rief alle, die das Kreuz bereits genommen hatten, auf, den Deutschordensrittern zu Hilfe zu eilen, und versprach dafür den vollkommenen Ablass, gleichgültig wie kurz oder lang ein Kreuzfahrer beteiligt war. Nun folgte eine Serie deutscher Kreuzzüge in das Baltikum, insbesondere in den Jahren 1265, 1266, 1267 und 1272, aber erst 1283 gelang es, den Aufstand endgültig niederzuschlagen. Das Vorgehen der Besatzer war dabei derart rücksichtslos, dass halb Preußen entvölkert zurückblieb. Die Freiheiten und Rechte, die allen Konvertiten nach dem Ersten Prußenaufstand versprochen worden waren, schienen vergessen. Die meisten Prußen wurden nun Leibeigene auf den Landgütern der Ordensritter, deutscher Kolonisten und einiger einheimischer Kollaborateure. Am Ende des 13. Jahrhunderts konnte die großangelegte deutsche Kolonisierung Preußens beginnen.

Eine Invasion Litauens durch die Ritter des livländischen Schwertbrüderordens war 1236 blutig zurückgeschlagen worden, und das bei dieser Gelegenheit eingebüßte Territorium südlich der Düna sollte erst 1255 wieder zurückgewonnen werden. Der Zusammenschluss von Deutschem Orden und Schwertbrüderorden zeitigte Pläne für eine Ostexpansion zulasten benachbarter russischer Fürstentümer, die in der Einnahme von Pleskau (Pskow) im Jahr 1240 gipfelte. Dieser Vorstoß wurde erst von Alexander Newski, dem Fürsten von Nowgorod, aufgehalten, der Pleskau zurückeroberte und den Deutschen Orden am 5. April 1242 in der Schlacht auf dem zugefrorenen Peipussee bezwang. Die Ambitionen des Ordens brachten ihn nun schon in Konflikt mit jenen Kräften, die den Großteil seiner Aufmerksamkeit im 14. Jahrhundert binden sollten: den Russen, den Polen und den Litauern. Einstweilen jedoch sorgte man sich mehr wegen der Mongolen.

Die ersten Kreuzzüge gegen die Mongolen

Das Mongolenreich hatte seinen Ursprung in einer Expansionsbewegung türkischer und turkmongolischer Stämme nordwestlich der chinesischen Grenzen. Geeint hatte sie ein Häuptling namens Temüdschin, der 1206 den Titel Dschingis Khan („Weltenherrscher“) annahm und sich dementsprechend an die Eroberung der Welt machte. 1211/1212 fiel das nördliche China in seine Hand. Die Gebiete östlich des Kaspischen Meeres wurden 1219/1220 von den Mongolen erobert; es folgten Raubzüge im gesamten südrussischen Raum. Der Tod Dschingis Khans im Jahr 1227 hielt sie nicht auf. Zwischen 1231 und 1234 wurden die nordchinesische Jin-Dynastie liquidiert, Korea annektiert und Iran besetzt. In den Jahren 1237 bis 1239 eroberten die Mongolen Zentralrussland, 1240 die Ukraine. 1241 fielen sie in Polen und Ungarn ein und besiegten bei Liegnitz ein deutsches Heer. Es war wohl der Tod von Dschingis Khans Nachfolger Ögedei Khan, der 1242 – mit womöglich rettender Wirkung – den mongolischen Einfall nach Mitteleuropa unterbrach. Angesichts der schrecklichen Gefahr, von den Mongolen überrannt zu werden, rief Papst Gregor IX. 1241 zum Kreuzzug gegen sie auf. Dieser Aufruf wurde 1243 von Innozenz IV. bestätigt; auch beim Ersten Konzil von Lyon im Jahr 1245 stand die Abwehr der Mongolen auf der Tagesordnung. Als die Gefahr 1249 wiederum akut zu werden schien, erlaubte Innozenz den Kreuzfahrern in das Heilige Land, ihre Gelübde im Kampf gegen die Mongolen einzulösen. Zuvor hatte er bereits dem Deutschen Orden, der mittlerweile de facto die nordöstlichen Grenzen der Christenheit kontrollierte, gestattet, allen Freiwilligen im Abwehrkampf gegen die Mongolen den vollkommenen Ablass zu gewähren.

Erneute Kreuzzüge auf der Iberischen Halbinsel

Auf der Iberischen Halbinsel, dem zweiten traditionellen Schauplatz von Kreuzzugsaktivitäten in Europa, hat es einen ständigen Kreuzzug nie gegeben – obgleich auch hier beständige Kleinkriege gegen die Muslime geführt wurden. Im frühen 13. Jahrhundert befand sich das Almohadenreich im Niedergang, und ab 1228 mussten die iberischen Muslime in ihrem Kampf gegen die Christen mehr als zwanzig Jahre lang ohne Unterstützung aus Nordafrika auskommen. Unter zwei herausragenden Anführern, Jakob I. von Aragón und Ferdinand III. von Kastilien und León, gelangen den iberischen Christen einige ihrer größten Erfolge; allerdings hat man diese außergewöhnliche Epoche bislang noch nicht hinreichend unter dem Gesichtspunkt ihrer Verbindungen zur Kreuzzugsbewegung betrachtet. Kreuzzugsprivilegien wurden denjenigen gewährt, welche die iberischen Ritterorden unterstützten. Deren Aktivitäten – insbesondere die Besetzung der Gegend von Badajoz, des Campo de Montiel sowie der Sierra de Segura in den 1230er-Jahren – erinnern stark an das Vorgehen des Deutschen Ordens. Jakob von Aragón befehligte mehrere Kreuzzüge, die 1229–1231 zur Einnahme von Mallorca und in der langen Phase von 1232 bis 1253 zur Eroberung des Königreiches Valencia führten. Hierdurch wurde eine Demarkationslinie zwischen Aragón und Kastilien erreicht, die bereits 1179 festgelegt worden war. Die portugiesische Reconquista war bis 1250 abgeschlossen. Badajoz wurde 1230 eingenommen, und im Jahr darauf führte Ferdinand von Kastilien einen Kreuzzug, zu dessen Höhepunkten der Sieg seines Bruders Alfons von León über ein muslimisches Heer unter dem Befehl des obersten Emirs Ibn Hud (genannt al-Mutawakkil) bei Jerez de la Frontera gehörte. Der Weg war nun bereitet für Ferdinands Eroberungen von Córdoba, der früheren Hauptstadt des maurischen Spanien, am 29. Juni 1236 sowie von Sevilla, einer der größten Städte Westeuropas, am 23. November 1248. Unter seinen Zeitgenossen war Ferdinand von Kastilien bei Weitem der erfolgreichste christliche Feldherr gegen die Muslime. Glaubt man der öffentlichen Meinung im England jener Jahre, so hatte „er [d. i. Ferdinand] allein mehr zu Ruhm und Nutzen der Kirche Christi vollbracht als der Papst und alle seine Kreuzfahrer … und die Templer und Johanniter“.

Ferdinands Werdegang verdeutlicht zudem, dass die Reconquista mittlerweile zu einem überwiegend nationalen Anliegen geworden war. So bewilligte der Papst den Kreuzzug gegen Sevilla 1246, obwohl zur gleichen Zeit die Vorbereitungen für den Kreuzzug Ludwigs IX. von Frankreich in das Heilige Land in vollem Gange waren. Nur wenige Kreuzfahrer von außerhalb fanden in jenen Jahren den Weg auf die Iberische Halbinsel, was auch daran lag, dass die Päpste die dortigen Kreuzzüge zu einer Angelegenheit der betroffenen Monarchen erklärten. Das erklärt auch, warum Ferdinand in der Lage war, die kastilische Kirche für seine Kriege auszubeuten, was ihm insbesondere in Form der sogenannten tercias reales gelang, jenem Anteil von einem Drittel am Zehnten, der eigentlich für die Instandhaltung von Kirchenbauten verwendet werden sollte, nun aber immer häufiger in die königliche Kriegskasse abgezweigt wurde. Man hat darauf hingewiesen, dass die Reconquista ihren Preis hatte, und das war die Verelendung der iberischen Kirche – teils, weil sie die Kosten tragen musste, teils, weil die Abwanderung großer Bevölkerungsteile in die gerade zurückeroberten Gebiete im Süden der Halbinsel ihre Einkünfte empfindlich schrumpfen ließ. Dies brachte die Kirche in eine starke Abhängkeit von Königen wie Ferdinand III., der sich auf ihre Kosten schadlos hielt, führte aber gleichzeitig zu ihrer wachsenden Isolierung und einem merklichen Widerstreben, zu Kreuzzügen an anderen Orten finanziell beizutragen.

Dann verlangsamte sich für beinahe ein Jahrhundert – von 1252 bis 1340 – das Tempo der Reconquista. Grund dafür waren Truppenverlegungen durch die Meriniden, eine aufstrebende marokkanische Berberdynastie, welche die Nachfolge der Almohaden antrat und ihre Präsenz in dem verbliebenen Rest des muslimischen Andalusien massiv ausbaute. Zunächst war die Motivation der christlichen Seite noch hoch, und zwischen 1252 und 1254 wurde sogar ein Kreuzzug zur Invasion Nordafrikas gepredigt. König Alfons X. von León und Kastilien bemühte sich, Heinrich III. von England und später den norwegischen König Håkon IV. von diesem Vorhaben zu überzeugen, und 1260 gelang es den Christen sogar für etwa vierzehn Tage, die marokkanische Küstenstadt Salé einzunehmen, die sich gegen die Meriniden erhoben hatte. 1264 sah sich Alfons X. mit einem großen muslimischen Aufstand konfrontiert. Als Reaktion ließ er auf der Grundlage längst überholter päpstlicher Vollmachten einen Kreuzzug predigen und vertrieb nach der Einnahme von Murcia, wo der Aufstand begonnen hatte, die gesamte muslimische Bevölkerung aus der Provinz. Es gelang Alfons jedoch nicht, Granada einzunehmen, teils, weil die kastilische Krone dafür allein zu schwach war, teils, weil zwischenzeitlich der Merinidensultan Abu Yusuf Yacub in Spanien gelandet war und die Christen nun in die Defensive drängte.

Ketzerkreuzzüge

Vielfältige Aktivitäten im Baltikum und auf der Iberischen Halbinsel beraubten die Kreuzzüge in den Nahen Osten ihrer Teilnehmer und nahmen dafür bestimmte Ressourcen in Anspruch, da die einheimischen Kirchen sie in der Regel mitfinanzierten und ihnen das Abzweigen dieser Gelder in der Regel auch erlaubte. Die Entstehung eines ständigen Kreuzzuges im Ostseeraum – etwas, das selbst die Verteidigung des Heiligen Landes niemals gewesen war – bedeutete eine langfristige Bindung der deutschen Kreuzzugskapazitäten. Aus der Macht der iberischen Könige wiederum ergab sich, dass auch diese – wenn sie dies wünschten – die Übersendung von Ressourcen nach Palästina einfrieren konnten. Und der geringe Umfang, den die wenigen Kreuzzüge gegen Häretiker und Schismatiker in dieser Zeit annahmen, lässt vermuten, dass man kirchlicherseits zu erkennen begann, mit Häresien setze man sich am besten lokal und im kleinen Rahmen auseinander. In Deutschland gab es einen kleinen Kreuzzug gegen die Stedinger Bauernrepublik, den der Papst im Jahr 1232 autorisierte. Der Erzbischof von Bremen hatte die Einwohner des Stedinger Landes der Häresie bezichtigt, und so wurde den Bischöfen von Minden, Lübeck und Ratzeburg aufgetragen, in den Bistümern Paderborn, Hildesheim, Verden, Münster, Osnabrück, Minden und Bremen das Kreuz zu predigen. Zu Beginn des Jahres 1234 nahmen Kreuzfahrer aus Deutschland und den Niederlanden an einer Kampagne gegen die angeblichen Ketzer teil. In dieselbe Kategorie fallen jene Kreuzzüge, welche die Päpste Honorius III. und Gregor IX. in den Jahren 1227 und 1234 gegen bosnische Häretiker ausriefen und bei denen auch bereits bestehende Gelübde eingelöst werden konnten, sowie der Kreuzzug gegen die Allianz des bulgarischen Zaren Iwan Assen II. mit dem byzantinischen Nicäa, der in Ungarn gepredigt wurde. Wie es scheint, zogen diese lokalen Kreuzzüge weder irgendwelche nennenswerte Kritik auf sich, noch bereiteten sie dem Papsttum schwerwiegende Probleme.

Politische Kreuzzüge

Die zur gleichen Zeit in Italien geführten Kreuzzüge hatten da schon ein anderes Kaliber. In einem gewissen Sinne waren sie durch die Kampagne eröffnet worden, die Johann von Brienne von 1228 bis 1230 an der Spitze eines päpstlichen Heeres gegen die festländischen Besitzungen des Königreichs Sizilien führte. Dieser Angriff auf Territorien Kaiser Friedrichs II., der sich zur selben Zeit in Palästina aufhielt, wurde von Papst Gregor IX. als Verteidigungskrieg der Kirche gegen einen Mann gerechtfertigt, der die sizilische Kirche unterdrückt und es gewagt habe, mit seinen Soldaten in den Kirchenstaat einzufallen. Die Teilnehmer an der nun folgenden Strafexpedition, denen man in recht allgemein gehaltenen Worten die Vergebung ihrer Sünden versprochen hatte, bezahlte der Papst aus einer Einkommenssteuer, die dem Klerus abverlangt wurde. Die Kirchen von Schweden, Dänemark, England und Oberitalien zahlten 1229 eine Kontribution von zehn Prozent ihrer Einnahmen; die französischen Bischöfe wurden angewiesen, alsbald die Abschlusszahlungen eines auf fünf Jahre angelegten Zehnten zu leisten, der ihren Bistümern 1225 zur Finanzierung des Albigenserkreuzzuges auferlegt worden war. Der volle Kreuzzugsablass wurde jedoch nicht gewährt, und es ist bemerkenswert, dass die Teilnehmer des Kreuzzuges gegen Friedrich II. auf ihren Gewändern nicht das Kreuz, sondern die Schlüssel Petri trugen. Deshalb wirkt diese Auseinandersetzung eher wie eine Kampagne des Investiturstreits aus dem 11. Jahrhundert, und nicht wie ein Kreuzzug des 13. Jahrhunderts.

Ein echter Kreuzzug gegen Friedrich II., einer, der alle Kriterien erfüllte, wurde jedoch 1239 ausgerufen. Der Kaiser hatte den gesamten Süden Italiens unter seine Kontrolle gebracht und war nun im Begriff, in Oberitalien desgleichen zu tun. Im Frühjahr 1240 bedrohte seine Streitmacht Rom. Bereits 1239 waren die Vorbereitungen zu einem Kreuzzug gegen ihn angelaufen, der in Oberitalien und Deutschland gepredigt wurde. Papst Gregor selbst predigte in Rom das Kreuz und ging im Februar 1241 sogar so weit, dass er seinen Legaten in Ungarn die Umwandlung von Kreuzzugsgelübden für das Heilige Land in solche zum Kampf gegen den Kaiser gestattete. Gregor bat die ganze Kirche um Beistand, auch wenn dieser Aufruf anfangs nicht explizit mit einem Kreuzzug in Verbindung gebracht wurde. Trotz verbreiteter Skepsis konnte er Mittel aus England, Schottland, Irland und Frankreich beschaffen. Der dann begonnene Kreuzzug konnte nur wenig mehr ausrichten, als dass Friedrichs Vormarsch auf Rom aufgehalten wurde – aber er setzte eine Kette von Ereignissen in Gang, die während der folgenden fast 150 Jahre die italienische Politik beherrschen sollten.

Der Kreuzzug gegen Friedrich II. wurde 1244 von Papst Innozenz IV. erneuert, und ab 1246, dem Jahr nach der Absetzung des Kaisers durch das Erste Konzil von Lyon, drängte eine ganze Reihe päpstlicher Sendschreiben zum Kreuzzug. Diese waren insbesondere nach Deutschland gerichtet, wo bereits Gegenkönige aufgestellt wurden. Dem Heer, das im Oktober 1248 die alte Kaiserstadt Aachen für den Gegenkönig Wilhelm von Holland einnahm, gehörten zahlreiche Kreuzfahrer an, doch kam es in Deutschland eher zu spontanen Ausbrüchen von kreuzfahrerischem Überschwang als zu irgendeiner Form von verbindlichem Engagement. Innozenz presste seiner Kirche große Geldsummen ab; betroffen waren vor allem italienische Inhaber von Pfründen jenseits der Alpen sowie Bistümer in England, Polen, Ungarn und Deutschland. Der Großteil dieses Geldes scheint dem Kreuzzug in Deutschland zugutegekommen zu sein. Andererseits war auch die Stellung des Papstes in Italien vergleichsweise schwach, und ein Geldmangel dort scheint 1249 der Grund dafür gewesen zu sein, dass ein Vorstoß gegen Friedrichs Inselkönigreich Sizilien scheiterte.

Kaiser Friedrich II. starb am 13. Dezember 1250. Der Kreuzzug in Deutschland wurde im darauffolgenden Februar gegen seinen Erben Konrad IV. erneuert; auch 1253 und 1254 erging die päpstliche Aufforderung, dort den Kreuzzug zu predigen. Nach dem Tod des großen Kaisers richtete sich die Begehrlichkeit des Papsttums jedoch bald wieder auf das Königreich Sizilien, das neben der Insel auch weite Teile Unteritaliens umfasste und immerhin ein päpstliches Lehen war. Die Invasion Siziliens erforderte ein großes, gut organisiertes und solide finanziertes Heer – was einen guten Grund darstellte, die italienischen Kreuzzüge in Zukunft nach Maßstäben vorzubereiten, die denen der Kreuzzüge nach Palästina entsprachen. Außerdem würde man einen Anführer von Gewicht brauchen, dessen Eignung über jeden Zweifel erhaben war, und die Politik des Papsttums war in den 1250er-Jahren ganz darauf ausgerichtet, diesen Mann zu finden. Man fragte Richard von Cornwall; dann Karl von Anjou, einen Bruder Ludwigs IX.; dann König Heinrich III. von England, der im März 1250 das Kreuz im Namen seines jüngeren Sohnes Edmund von Lancaster genommen hatte. Als auch die Verhandlungen mit Heinrich scheiterten – dieser hatte selbst die eigentlich inakzeptable Bedingung angenommen, persönlich für sämtliche Kriegsausgaben des Papsttums einzustehen, woraufhin die englischen Barone jegliche weiteren Zugeständnisse unterbanden –, kam der Papst erneut auf Karl von Anjou zurück: Zwischen 1262 und 1264 wurden die Einzelheiten einer Regelung ausgearbeitet, durch die Karl die Krone von Sizilien erhalten sollte.

Der erste Kreuzzug gegen Manfred, den illegitimen Sohn Friedrichs und Verfechter der staufischen Sache in Unteritalien, wurde Anfang 1255 in Italien und England gepredigt. Ein Heer unter dem Florentiner Kardinal Ottaviano degli Ubaldini marschierte geradewegs in sein Verderben, woraufh in Manfred eine solche Vormachtstellung erlangte, dass er sich im August 1258 zum König von Sizilien krönen lassen konnte. Die Predigtkampagne ging weiter, während die Kreuzzugsaktivität auf Oberitalien – ein zwischen 1255 und 1260 in der Mark Treviso geführter Kreuzzug führte zum Sturz der grausamen Ghibellinenherrscher Ezzelino III. und Alberico da Romano – sowie nach Sardinien übergriff. In der Zwischenzeit erfüllte Papst Urban IV. den Wunsch Karls von Anjou nach einem Kreuzzug zur Eroberung des Königreichs Sizilien, der nun in Frankreich, dem römisch-deutschen Kaiserreich sowie Ober- und Mittelitalien gepredigt wurde. Karls Kreuzfahrerheer brach im Oktober 1265 in Lyon auf. Auf seinem Marsch schlossen sich ihm italienische Kontingente an, bevor es Mitte Januar 1266 Rom erreichte, nur wenige Tage nachdem Karl in der Peterskirche zum König von Sizilien gekrönt worden war. Da er knapp bei Kasse war, begann Karl seinen Feldzug unverzüglich. Bereits am 26. Februar besiegte und tötete er Manfred in der Schlacht von Benevent. Bald hatte Karl das gesamte Königreich Sizilien unter seine Kontrolle gebracht; allerdings musste der Kreuzzug im April 1268 wieder erneuert werden, da Konradin, der junge Sohn Konrads IV., in Italien einfiel, um sein Erbe zurückzugewinnen. Im August unterlag Konradin in der Schlacht von Tagliacozzo und wurde im Oktober in Neapel hingerichtet. Mit der Kapitulation der letzten Staufergarnison in Lucera – einer Kolonie ursprünglich sizilischer Muslime, die Friedrich II. in Apulien angesiedelt hatte – endete die erste Phase des Kampfes.

Der Aufstieg Karls von Anjou in der politischen Welt des Mittelmeerraums war kometenhaft. 1267 erkannte ihn Wilhelm II. von Villehardouin, der Fürst von Achaia und lateinische Herrscher der Peloponnes (zur damaligen Zeit „Morea“ genannt), als seinen Oberherrn an. Der lateinische Kaiser von Konstantinopel übertrug Karl die Herrschaft über die griechischen Inseln sowie die lateinischen Besitzungen in Epirus. Im Jahr darauf führte Wilhelm von Villehardouin eine Streitmacht von 1100 peloponnesischen Rittern an der Seite Karls von Anjou in die Schlacht von Tagliacozzo. Unmittelbar nach Wilhelms Tod im Jahr 1278 übernahm Karl die Herrschaft im Fürstentum Achaia. In der Zwischenzeit, nämlich 1277, hatte nach langen Verhandlungen und mit Billigung des Papstes ein Thronanwärter an Karl die Krone von Jerusalem verkauft. Dieser sandte im September desselben Jahres einen Vikar als seinen Bevollmächtigten nach Akkon. Es leuchtet ein, dass die Hoffnungen der Päpste auf das Überleben der lateinischen Herrschaft in Palästina nun auf deren Einbindung in ein riesiges, christliches Reich im östlichen Mittelmeerraum ruhten. Dieses Reich sollte – mit der Unterstützung von Karls engem Verwandten, dem König von Frankreich – die lateinischen Territorien der Levante mit einer dauerhaften Verteidigung versehen, wie es die Kreuzzüge, die ihrer Natur nach kurzlebig waren, niemals konnten. Doch am 30. März 1282 erhob sich die Bevölkerung Siziliens zu einem Aufstand gegen die französisch-angevinische Herrschaft, der als „Sizilianische Vesper“ in die Geschichte eingegangen ist. Die Aufständischen riefen König Peter III. von Aragón herbei, der mit Konstanze, einer Tochter König Manfreds, verheiratet war und über die mächtigste Kriegsflotte des westlichen Mittelmeerraums verfügte.

Peters Landung bei Trapani am 30. August 1282 erregte den Zorn Papst Martins IV. Dieser war Franzose, hatte 1264 als päpstlicher Legat die Verhandlungen der Kurie mit Karl von Anjou zum Abschluss gebracht und war nicht zuletzt durch Karls politisches Intrigenspiel auf den Stuhl Petri gelangt. Allerdings hätte wohl jeder Papst – in seiner Eigenschaft als Lehnsherr Siziliens – die aragonesische Einmischung als eine Herausforderung seiner lehnsherrlichen Autorität angesehen. Außerdem kann Martin IV. die Gefahr nicht entgangen sein, in die sein sorgsamer Plan zur Rettung der christlichen Präsenz in der Levante durch Peters Intervention geriet. Am 13. Januar 1283 wurde ein Kreuzzug gegen die Sizilianer ausgerufen, doch beschränkten sich die entsprechenden Predigtaktivitäten zunächst auf das Königreich Sizilien selbst. Erst im April 1284 wurde dieser Kreuzzug auch in Oberitalien gepredigt. Bereits im November 1282 war Peter III. von Aragón exkommuniziert worden; im März 1283 wurde ihm zudem sein iberisches Königreich abgesprochen, von dem der Papst nun ebenfalls behauptete, es sei ein päpstliches Lehen. Durch die Entsendung eines päpstlichen Legaten nach Frankreich sollte auch dort der Kreuzzug gegen Peter in Gang gebracht werden. Zugleich wurde Karl von Valois, dem minderjährigen zweiten Sohn König Philipps III. von Frankreich, die Krone von Aragón versprochen – die Bedingungen waren denen sehr ähnlich, die seinen Großonkel Karl von Anjou auf den Thron von Sizilien gebracht hatten. Zur Finanzierung des Kreuzzuges wurden der französische Klerus sowie die Bistümer an den Grenzen zu Frankreich auf vier Jahre mit einem Sonderzehnten belegt. In den ersten Monaten des Jahres 1284 begann die Kreuzpredigt in Frankreich, und im Februar nahm Philipp III. im Namen seines Sohnes die Krone von Aragón an.

Die Kreuzzüge in Süditalien und Nordspanien erwiesen sich als Fiaskos. Im Frühjahr 1283 trugen die Aragonesen den Krieg auf das italienische Festland hinüber. Zur See bewiesen sie ihre Überlegenheit und nahmen im Juni 1284 bei einer Seeschlacht vor Neapel den Sohn und Erben Karls von Anjou, Karl von Salerno, gefangen. Der Tod Karls von Anjou (im Januar 1285) und Martins IV. (am 28. März des Jahres) schwächten die päpstlich-angevinische Sache noch weiter. Karl von Salerno kam erst im Oktober 1288 wieder frei, unter der Bedingung, dass er einen Frieden zwischen den Königreichen Aragón, Frankreich, Sizilien und Neapel aushandeln werde, das nun die Hauptstadt eines auf das italienische Festland beschränkten Königreiches wurde. In der Zwischenzeit war König Philipp von Frankreich mit einem Heer von mindestens 8000 Mann in Spanien eingedrungen. Die Aragonesen hielten den Kreuzzug bei Girona den ganzen Sommer über auf. Im Frühherbst wurde ihre Flotte von Sizilien zurückgerufen und zerstörte die Schiffsverbände, die das französische Heer mit Proviant versorgten: Die Kreuzfahrer waren von ihrem Nachschub abgeschnitten. Philipp sah sich zum Rückzug gezwungen und starb, noch auf dem Marsch, am 5. Oktober bei Perpignan.

Da der aragonesische Vormarsch auf dem italienischen Festland nun an einer Verteidigungslinie südlich von Salerno zum Stehen gebracht war, scheinen alle beteiligten Parteien Frieden erstrebt zu haben, insbesondere nach dem Verlust von Palästina und Syrien 1291, der jegliche Verschwendung militärischer Ressourcen ebenso eigensüchtig wie töricht erscheinen ließ. Die Kurie selbst war in dieser Frage uneins, aber die Wahl Bonifatius’ VIII. zum Papst 1294 bedeutete den Sieg der dortigen Kriegspartei. Im Sommer 1295 überredete Bonifatius König Jakob II. von Aragón zu einem Rückzug von Sizilien, doch der jüngere Bruder des Königs, Friedrich, der als aragonesischer Statthalter auf der Insel residierte, widersetzte sich und ließ sich im März 1296 in Palermo zum König von Sizilien krönen. So wurde der Kreuzzug gegen die Sizilianer in den Jahren 1296, 1299 und 1302 erneuert. In den Jahren 1297/1298 bestand zudem ein Aufruf zum Kreuzzug gegen die Colonna-Kardinäle, eine Partei in Rom, die sich aus persönlichen Feinden des Papstes und Verbündeten Friedrichs zusammensetzte. Mit der Unterstützung Jakobs II. gelang es den Truppen der Anjou 1297/1298, Kalabrien zu besetzen und in der Seeschlacht am Kap Orlando vor der Nordküste von Sizilien den Sieg zu erringen. Allerdings war die Insel zu stark, als dass die angevinische Seite sie hätte zurückerobern können. Im Frieden von Caltabellotta, der im August 1302 geschlossen wurde, erkannten die Franzosen Friedrichs Herrschaft über Sizilien an. Obwohl dieser Anspruch laut Vertrag mit seinem Tod erlöschen sollte, blieb die Insel auch danach weiter in aragonesischer Hand.

Diese „politischen Kreuzzüge“ wurden auf traditionelle Weise legitimiert. Die Päpste betonten die Notwendigkeit, die Kirche und den rechten Glauben zu verteidigen. Sie hatten bereits erkennen lassen, wie bewusst sie die zahlreichen kritischen Stimmen wahrnahmen, die ihnen den Missbrauch der Kreuzzugsbewegung für ihre eigenen Zwecke vorwarfen – und das zu einer Zeit, zu der die Christen des lateinischen Ostens in so großer Gefahr schwebten. Die Päpste betonten die Notwendigkeit, Kirche und Glauben zu verteidigen, und wiesen darauf hin, dass ihre Feinde in Italien, die sie mit den Muslimen verglichen, jeden Versuch untergrüben, effektive Kreuzzüge in das Heilige Land zu realisieren. Außerdem unternahmen sie große Anstrengungen, um eine effiziente Propagandamaschinerie aufzubauen, und das Echo auf die päpstlichen Verlautbarungen war beachtlich. Vor allem die Predigtkampagnen in Frankreich in den Jahren 1264 bis 1268 waren erfolgreich, und so marschierten in den Kreuzfahrerheeren von 1265/1266 und 1268 nicht nur zahlreiche Männer, die zum ersten Mal das Kreuz genommen hatten, sondern auch erfahrene Kreuzfahrer der Kampagnen im Nahen Osten wie Érard de Valéry, der den Plan für die Schlacht von für Tagliacozzo ausarbeitete, oder Peter Pillart, der prahlend an seinen König Philipp III. schrieb: „Ich habe Euch und Euren Vorfahren gedient in dem Jahr, als sie nach Damiette und nach Sizilien zogen, und bei der Belagerung … von Tunis.“

In Italien selbst kam die größte Resonanz – wenig überraschend – von den Guelfen, die traditionell papsttreu waren. Wie Norman Housley gezeigt hat, waren die Rekrutierungsbemühungen der päpstlichen Seite so erfolgreich, dass man der verbreiteten Ansicht, diese Kreuzzüge hätten wenig ideologische Zugkraft besessen, mit Vorsicht begegnen sollte. In ihrem Selbstverständnis waren die beteiligten Heere ganz dem traditionellen Kreuzfahrerethos verpflichtet. Die Päpste ließen ihnen einen großen Teil der Ressourcen zukommen, die – insbesondere aus Kirchensteuern gewonnen – eigentlich für den östlichen Kriegsschauplatz gedacht gewesen waren. Gelder aus England, Frankreich, den Niederlanden, der Provence und den Bistümern des römisch-deutschen Reiches finanzierten die Kampagnen Karls von Anjou in den 1260er-Jahren. Zwischen 1283 und 1302 wurde die gesamte Christenheit von den Britischen Inseln bis nach Griechenland mehr als einmal mit Sondersteuern belegt, um die angevinische Herrschaft über Sizilien wiederherzustellen. Ein Effekt dieser intensiven Besteuerung war es, den Einfluss der Kurie über die gesamte Kreuzzugsbewegung merklich zu verstärken; zudem führte sie jedoch eine Reihe folgenreicher Neuerungen herbei, darunter die Einteilung der Kirche in Steuerbezirke durch Papst Gregor X. im Jahr 1274. Die Päpste gerieten zu jener Zeit in eine immer stärkere Abhängigkeit von Kreditgebern und Bankiers; im 14. Jahrhundert sollten sie neue Steuern einführen, um diese Abhängigkeit zu verringern. Verständlicherweise war keine der erhobenen Steuern sonderlich populär; Widerstand regte sich, insbesondere im England der 1250er- und Frankreich der 1260er-Jahre. Überhaupt belastete – daran kann keinerlei Zweifel bestehen – die intensive Besteuerung der Kirche in dieser Zeit sehr stark die Beziehungen zwischen dem Papsttzum und der Kirche im Ganzen.

Reaktionen auf die verschiedenen Ausformungen des Kreuzzugsgedankens

Das Aufkommen von „politischen Kreuzzügen“ wirft Fragen auf, die in der Forschung intensiv diskutiert worden sind. Handelte es sich um Pervertierungen des ursprünglichen Kreuzzugsgedankens, die allein dazu dienten, die päpstliche Italienpolitik voranzutreiben? Führten sie zu einer solchen Empörung unter den Gläubigen, dass sie diese dem Papsttum nachhaltig entfremdeten? Die erste dieser beiden Fragen hat sich als besonders brisant erwiesen, da einige Historiker die Ansicht vertreten, dass ganz unabhängig davon, was die Päpste und ihre Kirchenjuristen verlautbaren ließen – und nach Meinung dieser Experten vertrat das Papsttum durchaus eine sehr breite Auffassung von „Kreuzzug“ –, die einfachen Gläubigen sehr wohl zwischen Kreuzzügen in Europa und Kreuzzügen im Heiligen Land zu unterscheiden wussten. Ihre Antwort auf die erste Frage hängt eng mit der Antwort auf die zweite zusammen, indem sie annehmen, dass die öffentliche Meinung die Ablenkung der Orientkreuzzüge ablehnte.

Zweifellos kam den Kreuzzügen in die Levante das größte Prestige zu, was sie auch für potenzielle Freiwillige am attraktivsten machte. Auch daran, dass die Kreuzzüge innerhalb Europas regelmäßig Unmut erregten, kann überhaupt kein Zweifel bestehen. Aus dem Languedoc sind scharfe Worte gegen die dortigen Kreuzzugsaktivitäten überliefert – was nicht wundernimmt –, aber auch in Nordfrankreich und England äußerten sich manche Zeitgenossen kritisch über den Albigenserkreuzzug. In Deutschland, Italien, Frankreich, auf der Iberischen Halbinsel und im Heiligen Land waren es eher Kreuzzüge gegen katholische Christen wie Kaiser Friedrich II. und seine Nachkommen, die den Unmut der Kommentatoren erregten. Der größte Kritikpukt war dabei, dass solche Kreuzzüge wertvolle Ressourcen und Kräfte banden, die im lateinischen Osten dringend benötigt wurden. Die Siedler in Palästina, auf Zypern und in Griechenland ließen nicht nach, sich zu beschweren. Der Tenor ihrer Ausführungen spiegelt sich wohl in einer Ermahnung, die ein Abgesandter des Templerordens anscheinend nach dem Fall von Tripolis im Jahr 1289 an Papst Nikolaus IV. überbrachte:

Ihr hättet das Heilige Land mit der Stärke ganzer Königreiche unterstützen können, mit der geeinten Kraft der ganzen Christenheit; aber stattdessen habt Ihr Könige gegen einen König aufgehetzt und habt über einen christlichen König mitsamt seinen christlichen Untertanen herfallen wollen – und das alles nur, um die Insel Sizilien zurückzuerlangen, die – Widerstand leistend gegen diesen gemeinen Überfall – völlig zurecht zu den Waffen griff.

Als Innozenz IV. die Taktlosigkeit beging, zu einer Zeit den Kreuzzug gegen Konrad IV. predigen zu lassen, als der Kreuzzug Ludwigs IX. zerfetzt war und Ludwig selbst sich in Palästina aufhielt, erhob sich die französische Regierung und das Volk gemeinsam gegen das Ansinnen des Papstes.

Wie empfindlich die französische Öffentlichkeit in derlei Fragen reagieren konnte, zeigte sich auch anlässlich des Ersten Hirtenkreuzzuges, der eine ganz außergewöhnliche Reaktion auf die Nachricht von Ludwigs Niederlage und Gefangenschaft in Ägypten darstellte. Sein Anführer war ein Hetzprediger, der sich schlicht der „Meister aus Ungarn“ nannte und einen Brief mit sich führte, den ihm, wie er sagte, die Muttergottes überreicht hatte. Seine Botschaft lief darauf hinaus, dass in Ägypten die französischen Adligen und Kirchenfürsten für ihre Hoffart bestraft worden waren und dass – ganz so, wie Hirten die ersten gewesen waren, denen die Ankunft Christi verkündet wurde – das Heilige Land ihnen, den Schlichten und Demütigen, übereignet werden würde. Der Meister und sein Armenheer zogen nach Paris, wo Königin Blanca sie mit Wohlwollen empfing. Danach zerbrach die Masse in mehrere Heerhaufen, die auf ihrem Weg durch das Land zunehmend gewalttätiger wurden, bis Blanca schließlich – der „Meister aus Ungarn“ war unterdessen getötet worden – die Acht über sie verhängte, woraufhin sie sich vollends auflösten. Vor diesem Hintergrund war es alles andere als wahrscheinlich, dass die Franzosen es freundlich aufnehmen würden, wenn wertvolle Ressourcen nach Deutschland oder Italien abgeleitet wurden. Blanca traf Vorkehrungen, eine französische Predigtkampagne für den Kreuzzug gegen Konrad zu verhindern und drohte allen, die sich ihm anschlossen, mit der Konfiszierung ihres Landbesitzes.

In der geschichtswissenschaftlichen Fachliteratur hat man zahlreiche Beispiele ähnlicher Reaktionen zusammengetragen; unter den Zeitgenossen waren es nicht zuletzt erfahrene Prediger wie Humbert von Romans, die diese Art von Erwiderung auf ihre Tätigkeit durchaus ernst nahmen. Dennoch reicht das alles nicht aus, um zu beweisen, dass die Menschen, an die diese Predigten gerichtet waren, einen grundsätzlichen Unterschied zwischen Kreuzzügen in das Heilige Land und solchen innerhalb Europas voraussetzten. Auch sollte man nicht vergessen, dass selbst die Kreuzzüge nach Palästina von der Kritik der Zeitgenossen nicht völlig verschont blieben. Und ein Szenario weitverbreiteter Entfremdung von der Kreuzzugsbewegung als solcher wird man aus solchen Quellenbefunden schon gar nicht zimmern können: Wie durchaus richtig bemerkt worden ist, handelte es sich bei den Kritikern entweder um eingefleischte Gegner des Papsttums, bei denen ihre kritische Haltung wenig überrascht, oder um Individuen, die einen besonderen, persönlichen Grund für ihre Auflehnung gegen eine spezifische Verwendung – oder aus ihrer Sicht: Verschwendung – von Kreuzzugsressourcen hatten. Die französische Krone tat alles in ihrer Macht Stehende, um den Kreuzzug gegen die Staufer 1251 zu verhindern, aber dieser Widerstand war keineswegs eine Frage irgendwelcher Prinzipien – immerhin unterstützten die Franzosen 1265 den Kreuzzug Karls von Anjou nach Sizilien. Ludwig IX. hatte sich zwar zuerst gegen diese Unternehmung ausgesprochen, doch scheint sein einziger Einwand – der später ausgeräumt wurde – darin bestanden zu haben, dass er die Rechtmäßigkeit des Vorgehens anzweifelte, mit dem der staufische Anspruch auf Sizilien zurückgewiesen werden sollte. Als ein zutiefst moralischer Mann scheint es kaum vorstellbar, dass Ludwig sich aus Prinzip gegen „politische Kreuzzüge“ ausgesprochen hätte. Zwar gab es erste Anzeichen von Ernüchterung und auch einige Radikalpazifisten, denen die ganze Tradition christlicher Gewaltanwendung zutiefst zuwider war. Wie zahlreich die Unterstützer dieser Fundamentalopposition tatsächlich waren, ist umstritten – vermutlich waren es aber nicht allzu viele. Nach der Einschätzung von Elizabeth Siberry erreichte die Kreuzzugskritik des 13. Jahrhunderts außerdem nicht mehr die Intensität der Anschuldigungen, die nach dem Zweiten Kreuzzug erhoben worden waren.

Überraschend ist vielmehr, dass die Kreuzzugsbewegung – wo und wie sie sich auch immer ausdrückte – überhaupt noch so populär war. Auf allen Kriegsschauplätzen wurden Kreuzzüge geführt – und ohne Kreuzfahrer wäre das wohl kaum möglich gewesen. Im Großen und Ganzen trafen die päpstlichen Argumente für einzelne Feldzüge, ob sie nun in Europa oder der Levante stattfinden sollten, auf genug Bereitwilligkeit, den Strom an Rekruten niemals ganz versiegen zu lassen. Es lässt sich daher unmöglich beweisen – und es scheint im Übrigen auch schwer vorstellbar –, dass das Ansehen des Papsttums durch die in Italien geführten Kreuzzüge nachhaltig geschmälert worden wäre. Die Päpste selbst sahen ihre Position in Italien wohl tatsächlich so stark bedroht, dass ihnen nach ihrer eigenen Einschätzung nichts anderes übrig blieb, als den Kreuzzug predigen zu lassen. Sie glaubten außerdem, die Zukunft des lateinischen Ostens hänge ganz von der Unversehrtheit des Königreichs Sizilien ab – und damit von den diversen Kreuzzügen, die auf die „Sizilianische Vesper“ folgten. Es lässt sich kaum leugnen, dass die Position der Lateiner im Heiligen Land infolge einer solchen Aufsplitterung der verfügbaren Kräfte nicht gerade gefestigt wurde. Die Frage, ob die lateinischen Herrschaften in Palästina und Syrien länger standgehalten hätten, wenn die Päpste noch weitere Ressourcen gehabt hätten, muss hingegen offen bleiben. Zu einer Zeit, als die Außenhandelseinkünfte des Königreichs Jerusalem wegen einer unten zu beschreibenden Verschiebung der asiatischen Handelsrouten einbrachen, wurden die Siedler des Geldes und Materials beraubt, die sie aus Europa hätten erhalten können.

Der zweite Kreuzzug Ludwigs IX. des Heiligen von Frankreich

Nun war es durchaus nicht so, als hätte Europa die Lateiner in der Zeit von 1254 bis 1291 verhungern lassen. Tatsächlich sandte gerade die französische Krone Unmengen an Geld über das Mittelmeer, das während der Regierungszeit Ludwigs IX. hauptsächlich zur Finanzierung des bereits erwähnten stehenden Söldnerheeres aufgewandt wurde. Ab und an verstärkten kleinere Kontingente von Kreuzfahrern das ständige Aufgebot der Franzosen, bis es abgezogen wurde, um – möglicherweise Anfang 1270 –, dem französischen Kreuzzug gegen Tunis zugeführt zu werden. Man kann nur schwer abschätzen, mit welchen Kosten Ludwig selbst zu Beginn seines Engagements gerechnet hat. In dem erhaltenen Fragment einer Aufstellung der königlichen Ausgaben für die Jahre 1250 bis 1253 sind ausgesprochen großzügige Summen als Kreuzfahrersubsidien und Söldnerlöhne ausgewiesen, doch ging es üblicherweise bescheidener zu, sobald Ritter oder Fußsoldaten über eine längere Zeit an einem bestimmten Ort stationiert waren. Unbestreitbar war Ludwig bereit, tief in die Tasche zu greifen, um den Siedlern des lateinischen Ostens militärischen Beistand zu leisten. Obgleich, wie Joseph Strayer zeigen konnte, der Kämmerer des französischen Königs glaubte, das französische Kontingent in Akkon habe seinen Herrn in den Jahren 1254 bis 1270 durchschnittlich gerade einmal 4000 Pfund Tournois im Jahr gekostet (also etwa 1,6 Pronzent der königlichen Jahreseinnahmen), schätzte 1267 Gottfried von Sergines, der Kommandeur der Truppe, dass er für den Unterhalt seiner Ritter die enorme Summe von 10.000 Pfund im Jahr aufb ringen musste. Und um 1272 berichtet Papst Gregor X., 60.000 Pfund Silber, die Ludwig IX. in das Heilige Land gesandt hatte, seien durch die „Unachtsamkeit“ – zweifellos ein Euphemismus für „Korruptheit“ – offizieller Stellen verloren gegangen. Zwar hatte es schon seit dem 12. Jahrhundert die Tradition gegeben, Geldmittel zur Finanzierung von Truppen für das Heilige Land zu spenden, doch Ludwigs Einsatz war insofern ohne Beispiel, als er – soweit wir wissen – unbefristet war.

Wie weit die Hingabe des französischen Königs ging, zeigte 1260 seine Reaktion auf die Nachricht von panikartigen Zuständen in Palästina: Die Mongolen, die den Westeuropäern bereits eine schreckliche Lektion erteilt hatten, waren nun auch noch in die Levante eingefallen. Augenblicklich wurden Unterstützungsappelle nach Europa gesandt. Die Dringlichkeit, mit der diese Botschaften auf den Weg gebracht wurden, illustriert der Fall eines Templerboten, der am 16. Juni mit Briefen für König Heinrich III. und den örtlichen Templermeister in London eintraf. Der Bote hatte alle Rekorde gebrochen und von Akkon bis nach London nur 13 Wochen gebraucht; die rund 130 Kilometer von Dover bis an sein Ziel hatte er sogar an nur einem Tag zurückgelegt. Ein Brief des päpstlichen Legaten in Akkon, dem Nachrichten weiterer führender Persönlichkeiten des lateinischen Ostens beigefügt waren (erhalten geblieben ist etwa der Beitrag, den der Großmeister des Templerordens verfasst hatte) wurde allen europäischen Herrschern zugestellt. Aus diesen Schreiben ging hervor, dass zahlreiche Muslime vor den Mongolen in die christlichen Territorien an der Mittelmeerküste flüchteten. Sie enthielten Angaben über die Größe und Schlagkraft der Mongolenheere, zu den Reaktionen der muslimischen Herrscher in der Region, zu der Hast, mit welcher der König von Kleinarmenien und der Fürst von Antiochia-Tripolis sich angesichts der drohenden Gefahr miteinander arrangiert hatten sowie zu der Hilfsbedürftigkeit der lateinischen Herrschaften.

Die Reaktion der französischen Krone war dramatisch. Ludwig IX. ordnete an, in seinem ganzen Reich solle mit großer Feierlichkeit das Kreuz gepredigt werden. Der König und seine Vasallen kamen überein, auf sieben Jahre ein Sechzigstel ihrer Jahreseinkünfte zur Verfügung zu stellen, während die Kirche von Frankreich mit einer Sondersteuer von einem Zwanzigstel belegt wurde. König Ludwig persönlich sollte – unterstützt von vier adligen Herren und vier Prälaten – die Erhebung dieser Steuern überwachen. Alle jungen Männer ab dem Alter von fünfzehn Jahren, die 100 Pfund im Jahr an Einnahmen aus Grundbesitz vorzuweisen hatten, wurden zum Ritter geschlagen, ob sie wollten oder nicht, desgleichen alle über Zwanzigjährigen mit nicht weniger als 50 Pfund an jährlichen Pachteinnahmen. Um unnötige Verletzungen zu vermeiden, wurde ein zweijähriges Turnierverbot erlassen. Zur Schonung des Pferdebestands durfte niemand – ob adlig oder nicht – ein Streitross im Wert von über 100 Pfund kaufen oder besitzen; bei schlichten Reitpferden lag die Grenze bei 30 Pfund. Kein Kleriker, selbst wenn er ein Prälat war, durfte ein Pferd besitzen, das mehr als 15 Pfund wert war. Wie bekanntgegeben wurde, wollte der Papst ein großes Treffen in Rom einberufen, bei dem über die weitere Vorgehensweise beraten werden sollte. Allerdings ging die Krise vorüber, als die Mongolen am 3. September 1260 bei ʿAin Dschalut von den Mamluken aufgehalten wurden. Deshalb einigte man sich am 10. April 1261 bei einer vom König einberufenen Ratsversammlung schließlich auf eine stark verwässerte Variante der ursprünglich vorgesehenen Maßnahmen: das Turnierverbot sowie eine Reihe von Luxusgesetzen – Verbote aufwendiger Kleidung zum Beispiel – mit einer Gültigkeit von zwei Jahren. Was die geplante Versammlung bei der Kurie betraf, so starb Papst Alexander IV., bevor sie einberufen werden konnte.

Der König von Frankreich war natürlich nicht der einzige, der sich Sorgen um die Territorien der lateinischen Siedler machte. So sollte zum Beispiel Eduard I. von England später einen beträchtlichen Beitrag leisten. Auch das Papsttum organisierte eine Reihe kleinerer Feldzüge, stellte große Geldsummen bereit und bezahlte durch seinen Repräsentanten, den Patriarchen von Jerusalem, ein Söldnerkontingent zur Unterstützung der französischen Truppen. Außerdem waren die Päpste auch weiterhin eine treibende Kraft bei der Planung von Kreuzzügen. Nachdem Konstantinopel 1261 wieder an die Griechen gefallen war, scheint Papst Urban IV. mit dem Gedanken gespielt zu haben, die Stadt durch einen Kreuzzug zurückerobern zu lassen; nach einer offenkundigen Planänderung schrieb der Papst allerdings schon bald wieder von Unterstützung für das Heilige Land. Bis 1266 hatte der unteritalienische Kreuzzug Karls von Anjou Vorrang, doch in der Zwischenzeit hatten die Heere der ägyptischen Mamluken bereits mit der systematischen Rückeroberung von Palästina und Syrien begonnen. Auf die Nachricht von ihrem Vorstoß hin übernahm Ludwig IX. von Frankreich die Initiative, wie er es schon 1244 getan hatte. Gegen Ende des Jahres 1266 teilte er Papst Clemens IV. seine Absicht mit, einen weiteren Kreuzzug zu führen, und am 24. März 1267 nahm Ludwig anlässlich einer Zusammenkunft seiner Vasallen das Kreuz. Dem Vernehmen nach war das Echo in Frankreich diesmal nicht ganz so enthusiastisch wie zuvor, obwohl der Bericht Johanns von Joinville über den bitteren Widerstand, den er und andere gegen den Kreuzzug geleistet hätten, vermutlich seinen Teil zur Überzeichnung dieses Aspekts beigetragen hat: Womöglich war das Kreuzfahrerheer, als es dann aufbrach, nur unwesentlich kleiner als das von 1248. Ludwig IX. jedenfalls plante diesen Kreuzzug mit derselben Sorgfalt wie den ersten – wenn nicht sogar noch umsichtiger. Er hatte die Zusage eines auf drei Jahre angelegten Zehnten durch die französische Kirche sowie einer Steuer von einem Zwanzigstel, das die Bistümer entlang der französischen Grenzen entrichten sollten. Alle diese Gelder sollten erhoben werden, sobald die Steuer für die sizilische Kampagne ausgelaufen war. Wieder einmal wurden auch die Städte um Beiträge gebeten. Ludwigs Bruder Alfons von Poitiers brachte über 100.000 Pfund Tournois auf; das meiste davon stammte aus seinen eigenen Territorien. Ludwig seinerseits schloss mit Genua und Marseille Verträge über den Transport seiner Truppen ab, denen zufolge die erforderlichen Schiffe im Frühsommer 1270 in Aigues-Mortes bereitliegen sollten. Es ist bezeichnend für den Kult, der sich schon zu Lebzeiten um Ludwig den Heiligen entwickelte, aber auch für dessen großes Organisationstalent, dass er solch sattelfeste Kreuzfahrer wie Hugo von Burgund und Érard de Valéry für seine Unternehmung gewinnen konnte. Auch andernorts in Europa wurden Kreuzfahrer rekrutiert, insbesondere in Aragón und England, wo sich selbst die Könige Ludwig anschließen wollten. Karl von Anjou erklärte sich ebenfalls – wenn auch wohl erst nach einigem Zögern – bereit, mit seinem Bruder zu ziehen.

Als Erste brachen die Aragonesen auf. Am 1. September 1269 segelte König Jakob I. aus Barcelona los. Allerdings geriet seine Flotte in einen so schweren Sturm, dass er selbst und die meisten seiner Kreuzfahrer bald umkehren mussten. Ein Geschwader unter zweien seiner illegitimen Söhne, den Infanten Ferdinand Sanchez und Peter Fernandez, erreichte Ende Dezember Akkon. Ihr Kontingent war jedoch zu schwach, um sich dem ägyptischen Mamlukensultan Baibars entgegenzustellen, als dieser an der Spitze eines Stoßtrupps vor der Stadt erschien, und so kehrten sie bald unverrichteter Dinge in den Westen zurück. In England hatten nach dem Bürgerkrieg zwischen Heinrich III. und Simon von Montfort umfassende Predigtkampagnen zur Aufstellung eines ansehnlichen Kreuzfahrerheeres geführt, dem auch Heinrichs ältester Sohn Eduard angehörte, der im Juni 1268 das Kreuz nahm. Zuvor hatte er jedoch seinen Vater überzeugen müssen, der, seinerseits teilnehmen wollte, um ein Gelübde aus dem Jahr 1250 zu erfüllen – und den Papst, der mit Heinrich vereinbart hatte, Eduard solle in England bleiben. Gut möglich, dass Eduard unter dem direkten Einfluss Ludwigs IX. stand. Die beiden Männer traten Ende des Jahres 1267 in Kontakt; im August 1269 reiste Eduard nach Paris und nahm dort an einem Treffen des französischen Kriegsrats teil. Er versprach, sich Ludwigs Kreuzzug als Gegenleistung für ein Darlehen von 70.000 Pfund Tournois anzuschließen. Eduard selbst griff immer wieder auf ganz ähnliche Dienstverträge zurück, wie Ludwig sie nutzte, um wie dieser die Kreuzfahrer in seinem Gefolge durch die Vergabe von Subsidien an sich zu binden. Simon Lloyd hat einmal geschrieben, dieser Kreuzzug sei „in allen wesentlichen Punkten eine Unternehmung des erweiterten königlichen Haushalts“ gewesen, und das machte ihn natürlich teuer. Die französische Krone unternahm alles nur Denkbare, um das benötigte Geld aufzutreiben. So wurde in den Jahren 1269/70 eine allgemeine Steuer von einem Zwanzigstel erhoben; die Kirche trug 1272 einen zweijährigen Zehnten bei. Eduard verließ England im August 1270, doch da befand sich der zweite Kreuzzug Ludwigs IX. bereits auf dem Weg zum Misserfolg.

Ludwig selbst war am 2. Juli von Frankreich aufgebrochen, einen Monat später als eigentlich geplant. Sein ursprünglicher Plan hatte darin bestanden, zunächst nach Zypern zu segeln, doch im Verlauf des Vorjahres war ein neuer Plan formuliert worden, zu dem auch ein einleitender Angriff auf das nordafrikanische Tunis gehörte. Die traditionelle Lehrmeinung sah hier Karl von Anjou am Werk, der Ludwig zu seinem Umweg überredet habe; schließlich hätte jener zweifellos von einer Machtdemonstration gegenüber dem Hafsidenherrscher von Tunis profitiert. Allerdings lassen die Einzelheiten von Karls eigener Vorbereitung annehmen, dass er in den vermutlich am französischen Hof geschmiedeten Plan, Tunis anzugreifen, nicht eingeweiht war. Womöglich glaubte Ludwig, der Herrscher von Tunis sei ein wichtiger Zulieferer und Handelspartner der Ägypter, die durch einen solchen Angriff also indirekt geschwächt worden wären. Wenn dem so war, lag der König falsch: Als die Ägypter von seinem Vorstoß gegen Tunis erfuhren, waren sie sogar sehr erleichtert. Jean Richard hat vorgeschlagen, wir möchten uns doch erneut der Erklärung zuwenden, die der Beichtvater des Königs, Gottfried von Beaulieu, für dessen Vorgehen gibt. Gottfried schreibt nämlich, dass es die Aussicht auf eine mögliche Bekehrung des Herrschers von Tunis war, die Ludwig umtrieb; hatte der Hafside doch angeblich verlautbaren lassen, er wolle sich nur zu gern taufen lassen – vorausgesetzt, ein christliches Heer unterstütze und schütze ihn nach diesem folgenreichen Entschluss. Tatsächlich hat sich im Herbst 1269 eine tunesische Gesandtschaft in Paris aufgehalten.

Die Kreuzfahrerflotte versammelte sich vor Cagliari an der Südküste Sardiniens, und am 18. Juli landete ihr Heer in Tunesien, ohne auf nennenswerten Widerstand zu treffen. Sie schlugen ihr Heerlager an einer Festung auf, die an der Stelle des antiken Karthago errichtet worden war und richteten sich dort ein, um die Ankunft Karls von Anjou abzuwarten. In der Hitze des nordafrikanischen Sommers fegte jedoch eine Epidemie durch das Lager – die Ruhr womöglich oder Typhus. Philipp, der älteste Sohn des Königs, war unter den Schwerkranken; Johann Tristan, der jüngste, der in Damiette geboren war, überlebte seine Krankheit nicht. Ludwig selbst wurde ebenfalls krank und starb am 25. August, nach echter Sünderart auf einem Bett aus Asche aufgebahrt. Am Vorabend seines Todes soll er „Jerusalem! Jerusalem!“ geseufzt haben. Just an demselben Tag traf Karl von Anjou ein, der bald nach Ludwigs Tod beschloss, das Kreuzfahrerheer zurückzuziehen. Am 1. November schloss er einen Vertrag mit dem Herrscher von Tunis, aus dem er selbst den größten Nutzen zog: Karl sollte ein Drittel der Reparationen erhalten, zu deren Zahlung die Tunesier verpflichtet wurden, dazu eine Erneuerung – und Erweiterung – ihres Tributs, Privilegien für den sizilischen Handel sowie das Versprechen, im tunesischen Exil lebende Staufer, die in Karls Augen nichts als Ärger machten, auszuweisen. Am 11. November brachen Karls Kreuzfahrer in Richtung Sizilien auf. Sie führten die sterblichen Überreste des französischen Königs mit sich, dessen Leichnam unmittelbar nach seinem Tod zerlegt und für die weite Reise vorbereitet worden war. Sein Herz blieb mit dem Rest des Heeres in Afrika. Seine Eingeweide wurden – auf den Wunsch Karls von Anjou hin – in der Kathedrale von Monreale auf Sizilien bestattet. Ludwigs Gebeine brachte sein Sohn und Erbe Philipp III. in einem langen Trauerzug durch Italien und Savoyen, über die Alpen nach Frankreich, durch die Dauphiné, das Lyonnais, Burgund und die Champagne schließlich nach Paris. Nach einer Trauermesse in der Kathedrale von Notre-Dame wurden die sterblichen Überreste des Königs in der Abteikirche von Saint-Denis zur letzten Ruhe gebettet. Entlang der Reiseroute des Trauerzuges häuften sich die Berichte von Wundern: Aus Palermo, Parma, Reggio Emilia und Bonneuilsur-Marne bei Paris wurden Heilungen gemeldet. Die Zahl der Wunder erhöhte sich an Ludwigs Grab, so dass schon nach kurzer Zeit Heerscharen von Kranken nach Saint-Denis pilgerten. Vermutlich beschäftigten Johann von Joinville auch diese Pilger, als er in seine Biografie Ludwigs eine Episode einfügte, in der andere Pilger – Armenier – eine Audienz bei dem französischen König erbitten, als dieser sich in Palästina aufh ält:

Sie [die Pilger] hatten mich gefragt, ob ich ihnen den „heiligmäßigen König“ zeigen könne. Ich ging also zum König, der in einem Zelt auf dem sandigen Boden saß, gegen das Zeltgestänge gelehnt, ohne einen Teppich oder irgendeine andere Unterlage auf dem nackten Boden. Ich sprach: „Sire, draußen ist eine Gruppe von Pilgern aus Großarmenien, die sich auf dem Weg nach Jerusalem befinden und mich gebeten haben, Sire, ihnen den ‚heiligmäßigen König‘ zu zeigen. Aber noch will ich Eure Gebeine nicht küssen [wie eine Reliquie]!“ Der König lachte laut und hieß mich die Pilger herbeirufen.

Eduard I. von England erreichte Nordafrika am Tag vor der Abfahrt des restlichen Kreuzfahrerheeres. Obwohl er selbstverständlich alles andere als glücklich darüber war, wie die Dinge sich entwickelt hatten, segelte er mit Karl von Anjou und Philipp III. von Frankreich nach Sizilien, wo sie vor Trapani in einen Sturm gerieten, der die Flotte stark beschädigte. Ende April 1271 reiste Eduard in das Heilige Land, begleitet von nur 200 bis 300 Rittern sowie 600 Fußsoldaten. Am 9. Mai ging er in Akkon an Land. Die Engländer sahen untätig zu, als die Ägypter die Deutschordensburg Montfort einnahmen, doch am 12. Juli begannen sie einen Vorstoß nach Galiläa und versuchten im November – gemeinsam mit einheimischen Truppen und einem weiteren Kreuzfahrerkontingent unter Eduards Bruder Edmund, der Palästina im September erreicht hatte –, die Mamlukenfestung von Caco (Qaqun) bei Caesarea einzunehmen. Es gelang ihnen, eine große turkmanische Streitmacht in der Nähe zu überraschen, aber sie zogen sich zurück, als sich eine große muslimische Streitmacht näherte. Weitere Kampfhandlungen verhinderte ein zehnjähriger Waffenstillstand, der im April 1271 zwischen dem Königreich Jerusalem und den Ägyptern geschlossen wurde. Eduards Handlungsmöglichkeiten waren stark eingeschränkt. Sein Bruder verließ Akkon im Mai. Am 16. Juni wurde Eduard durch ein Attentat schwer verwundet, das einer seiner einheimischen Diener verübte. Eine Zeitlang war er zu schwach, als dass er sich auf die lange Heimreise hätte begeben können; als es ihm endlich besser ging, brach er am 22. September nach England auf, wo sein Thron auf ihn wartete.

Papst Gregor X.

Der zweite Kreuzzug Ludwigs IX., der so wenig erreichte, war der letzte „richtige“ Kreuzzug vor dem Zusammenbruch der lateinischen Herrschaft im Jahr 1291, aber das lag nicht etwa daran, dass es keine weiteren Versuche gegeben hätte. 1271 wurde Tedaldo Visconti, der im Sommer des Vorjahres Akkon besucht hatte, als Gregor X. zum Papst gewählt. Die Kardinäle, mit deren Stimmen er auf den Stuhl Petri gelangte, verliehen ihrer Hoffnung deutlichen Ausdruck, der neue Papst möge alles in seiner Macht Stehende zur Rettung des Heiligen Landes unternehmen. Bevor er Palästina wieder verließ, um sein Amt anzutreten, hielt Gregor eine Predigt über Psalm 137,5–6:

Vergesse ich dein, Jerusalem, so werde ich meiner Rechten vergessen. Meine Zunge soll an meinem Gaumen kleben, wo ich nicht dein gedenke, wo ich nicht lasse Jerusalem meine höchste Freude sein.

In einem Brief an König Eduard von England, der sich zu dieser Zeit noch immer in Akkon aufhielt, berichtet Gregor, dass er auf direktem Weg zur Kurie nach Viterbo geeilt war, ohne auch nur einen Zwischenstopp in Rom einzulegen: So dringend war sein Wunsch, sofort mit der Arbeit zu beginnen und Unterstützung für das Heilige Land zu organisieren. Noch vor seiner förmlichen Inthronisation sandte er einen Brief an den französischen König Philipp III. und unterbreitete diesem den Plan für eine zukünftige Expedition. Tatsächlich war Gregor ein ebenso glühender Verfechter der Kreuzzugsidee, wie es Innozenz III. gewesen war. Seine erste Amtshandlung in Viterbo bestand darin, eine Versammlung aus Kardinälen und erfahrenen Heilig-Land-Kreuzfahrern einzuberufen. Bei den Gesprächen dieser Ratsversammlung geschah es, dass Gregor sich zur Einberufung eines allgemeinen Konzils entschloss, das zwei große Ziele verfolgen sollte: einerseits die weitere Reform der Christenheit, andererseits die Vorbereitung eines Kreuzzuges, den Gregor selbst anführen wollte. Der Papst bemühte sich redlich, diese Zusammenkunft – das Zweite Konzil von Lyon – mit der gebotenen Gründlichkeit vorzubereiten, indem er den eingeladenen Klerus bat, schriftlich seine Vorschläge für die weitere Vorgehensweise einzureichen.

Auf dem Konzil veröffentlichte Gregor dann am 18. Mai 1274 mit den Constitutiones pro zelo fidei das eindrucksvollste Dokument der Kreuzzugsbewegung seit der Konstitution Ad liberandam aus dem Jahr 1215. Pro zelo fidei enthält zahlreiche Elemente, die aus früheren Dekretalen – insbesondere natürlich Ad liberandam – bereits vertraut waren, aber es gab auch viel Neues, beispielsweise zu Finanzierungsfragen. Der gesamten Kirche sollte ein sechsjähriger Zehnt auferlegt werden; eine Befreiung von dieser Abgabe war nur in sehr wenigen, klar definierten Ausnahmefällen möglich. Die Christenheit sollte in 26 Steuerbezirke mit Steuereintreibern und Untersteuereintreibern eingeteilt werden. Alle weltlichen Herrscher wurden verpflichtet, in ihren Territorien eine jährliche Kopfsteuer von einem Silberpfennig Tournois zu erheben; diese Regelung war offenbar von dem vergeblichen Versuch Gregors IX. inspiriert, 1235 eine ganz ähnliche Abgabe eintreiben zu lassen. Das Ziel Gregors X. war es, riesige Rücklagen für den geplanten Kreuzzug zu bilden, und wenn er nicht so früh gestorben wäre, hätte daraus tatsächlich ein Feldzug werden können, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte. So waren jedenfalls die Vorbereitungen heroisch.

Die enormen Anstrengungen des Zweiten Konzils von Lyon gipfelten in einer formellen Versöhnung der lateinischen mit der griechischen Kirche sowie dem Versprechen des byzantinischen Kaisers, den anstehenden Kreuzzug nach Kräften zu unterstützen. 1275 nahmen die Könige von Frankreich und Sizilien das Kreuz, ebenso Rudolf von Habsburg, der sich dafür von Gregor versprechen ließ, ihn zum römisch-deutschen Kaiser zu krönen. Am 2. Februar 1277 sollte der Papst – soweit der Plan – Rudolf in Rom krönen; am 2. April würden Papst und Kaiser dann gemeinsam in Richtung Palästina aufb rechen. Es kam sogar zu Gesprächen mit den Griechen über deren Vorschlag, der Route des Ersten Kreuzzuges zu folgen, um auf dem Weg Kleinasien zurückzuerobern. Gregor bereitete also einen Kreuzzug von Ausmaßen vor, wie sie seine Vorgänger sich niemals erträumt hatten, aber dann starb er am 10. Januar 1276. Wie ein verzweifelter Zeitgenosse schrieb, schien es „nicht Gottes Wille zu sein, dass das Heilige Grab zurückgewonnen werde, da, wie nun offenbar wird, all die Scharen, die dies versucht haben, sich ganz vergeblich bemühten“.

Die gescheiterten Vorbereitungen für einen weiteren großen Kreuzzug nach 1272/1276

Die riesigen Summen, die für Gregors großes Vorhaben gesammelt worden waren, finanzierten letztlich diverse Feldzüge auf der italienischen Halbinsel. Obgleich noch immer Pläne für großangelegte Expeditionen in die Levante geschmiedet wurden – zwischen 1284 und 1293 bombardierte Eduard I. von England das Papsttum geradezu mit Vorschlägen –, waren es doch kleinere Aufgebote, die dem Königreich Jerusalem in seinen letzten Jahren zu Hilfe eilten. 1273 war ein französisches Kontingent nach Akkon zurückgekehrt, und obwohl es 1277 durch ein von Karl von Anjou finanziertes ersetzt wurde, übernahm nach dem Zusammenbruch der angevinischen Herrschaft in Palästina 1286 abermals der französische König, Philipp IV., die Verantwortung für den Unterhalt der Männer. Bei den Belagerungen von Tripolis und Akkon, mit denen die Geschichte der lateinischen Herrschaften in der Levante ihr Ende fand, sollte dieses Kontingent sich ganz besonders hervortun. Am 18. Juni 1287 landete Gräfin von Blois mit einem kleinen Kreuzfahrertrupp in Akkon, dem auch Graf Florenz von Holland angehörte. Ihr folgten 1288 ein Kontingent unter Johann von Grailly sowie 1290 zwei weitere: ein englisches unter Odo von Grandson und ein aus oberitalienischen Kreuzfahrern zusammengesetztes, das der Bischof von Tripolis befehligte.

Ein Grund dafür, dass es nach 1272 keinen weiteren großen Kreuzzug mehr gegeben hat, bestand in der wachsenden Komplexität, Härte und Kostspieligkeit zwischenstaatlicher Konflikte in Westeuropa. Dazu kam eine weitverbreitete Ansicht, derzufolge große Kreuzzüge nicht unbedingt zum Ziel führten: Es war schwierig, sie zu organisieren, mit Vorräten zu versehen und unter Kontrolle zu halten; langfristig bewirkten sie zudem kaum je etwas, denn sie eroberten zwar neue Territorien, befestigten und besiedelten diese jedoch nicht, so dass ihre Verteidigung und Verwaltung, nachdem die Kreuzfahrer erst einmal in ihre Heimat zurückgekehrt waren, den ohnehin bereits überstrapazierten Ressourcen der lateinischen Herrschaften zusätzliche Belastungen aufbürdeten. Was also gebraucht wurde, war eine Stärkung der permanenten Truppenpräsenz, und darum ging es etwa bei den Geldzahlungen, die in jenen Jahren aus Rom, Frankreich und – in geringerem Maße – auch aus England nach Palästina flossen. Die Päpste hatten ihre Hoffnungen auf Karl von Anjou und die Integration des Königreichs Jerusalem in ein östliches Mittelmeerimperium gesetzt, das groß genug sein würde, die Verteidigung der Levante aus eigener Kraft gewährleisten zu können – insbesondere, da die französische Krone ihm den Rücken stärken sollte. Diese Rechnung ging nicht auf. Vermutlich wäre es spätestens an einer Verlagerung von Karls Interesse gescheitert, hin zu einer Eroberung Albaniens oder sogar des Byzantinischen Reiches. Doch die harte Realität dämmerte bereits 1286 herauf: Der Krieg gegen die Sizilianer und Aragonesen verlief schlecht; Karl war tot, sein Erbe ein Gefangener des Königs von Aragón. Nur fünf Jahre später sollten die lateinischen Territorien in Palästina und Syrien Geschichte sein.