10. Die Vielfalt der Kreuzzugsidee (ca. 1291–1523)

Auch im Spätmittelalter war die Kreuzzugsbewegung noch durchaus lebendig. Der päpstlichen Kurie war der Kreuzzug noch immer ein Anliegen, und es verging kaum ein Jahr – zumindest im 14. Jahrhundert –, in dem es nicht irgendwo einen Kreuzzug gab. Den begeisterten Kreuzfahrern dieser späteren Jahre standen im Großen und Ganzen dieselben Optionen offen wie ihren Vorgängern. Humbert II. von Vienne folgte 1345 dem Aufruf zum Kreuzzug gegen Smyrna, nachdem er zuvor schon Interesse an einem geplanten Kreuzzug auf die Kanarischen Inseln gezeigt hatte. Von Heinrich von Grosmont, seines Zeichens Herzog von Lancaster, heißt es, er sei als Kreuzfahrer nach Granada, Preußen, Rhodos und Zypern gezogen. Zahlreiche englische Adlige und Ritter waren an derartigen Unternehmungen beteiligt, darunter auch – eher am unteren Ende der Gesellschaftsskala – der Kreuzfahrer Nicholas Sabraham, der in Alexandria, Konstantinopel und Nessebar in Bulgarien gewesen war. Der Ritter aus Geoffrey Chaucers im späten 14. Jahrhundert niedergeschriebenen Canterbury Tales, der in Preußen, Litauen und Russland „gereist“ war (hadde … reysed) und an Feldzügen in Spanien, Ägypten oder Kleinasien teilgenommen hatte, kommt wie alle guten Karikaturen der Wahrheit nahe:

A knyght ther was, and that a worthy man,

That fro the tyme that he first bigan

To riden out, he loved chivalrie,

Trouthe and honour, freedom and curteisie.

Ful worthy was he in his lordes werre,

And therto hadde he riden, no man ferre,

As wel in Cristendom as in hethenesse,

And evere honoured for his worthynesse.

At Alisaundre he was when it was wonne.

Ful ofte tyme he hadde the bord bigonne

Aboven alle nacions in Pruce;

In Lettow hadde he reysed and in Ruce,

No Cristen man so ofte of his degree.

In Gernade at the seege eek hadde he be

Of Algezir, and riden in Belmarye.

At Lyeys was he and at Satalye,

Whan they were wonne; and in the Grete See

At many a noble armee hadde he be.

Es war ein Ritter da, ein würd’ger Mann,

Der, seit den ersten Kriegsritt er begann,

Von Herzen liebte Rittertum und Streit

Und Freimut, Ehre, Wahrheit, Höflichkeit,

Und tapfer focht im Dienste seines Herrn.

Geritten war wohl keiner je so fern

Wie er in Christenland und Heidentum,

Und überall gewann er Preis und Ruhm.

Bei der Erob’rung Alexandrias

War er zugegen. Oft bei Tafel saß

Vor allem Volk er obenan in Preußen;

Gereist wie er, bei Letten und bei Reußen,

War kaum ein Christenmensch von seinem Stand.

Er war in Granada, als man berannt

Dort Algesir. Er ritt nach Belmarie

Und focht vor Layas und vor Satalie,

Als man sie einnahm; und im großen Meere

Bestand er manche Waffentat mit Ehre.

(Übersetzung: Adolf von Düring, Straßburg 1883–1886)

Früher dachte man, das Interesse an der Kreuzzugsbewegung habe sich in dieser Zeit immer mehr auf den Adel – im weitesten Sinne – beschränkt, was wiederum auf dessen Verhaltenskodex zurückzuführen sei, in dem das Kreuzfahrertum eine wichtige Rolle gespielt habe. Es stimmt durchaus, dass die Kreuzfahrerheere mit der Zeit immer „professioneller“ wurden – wenn man dieses Wort benutzen kann –, denn sie wurden durch den Einsatz von Söldnern und Dienstverträgen immer disziplinierter. Ermöglicht wurde diese Entwicklung durch die enormen Summen, die infolge der umfassenden Besteuerung der Kirche zur Verfügung standen, obwohl es für europäische Könige durchaus nicht unüblich war, Zusagen zu machen, die sie überhaupt nicht einzuhalten gedachten, nur um an diese Gelder zu kommen. Andererseits zeigt die erfolgreiche Rekrutierung von Kreuzfahrern aus der Bauernschaft im 15. Jahrhundert, dass die Kreuzzugsbewegung noch immer auf Zuspruch vonseiten des einfachen Volkes hoffen durfte, wenn auch erste Anzeichen für ein Nachlassen dieser Resonanz auftraten. Die Komplexität der europäischen – und insbesondere der inneritalienischen – Politik machte es beinahe unmöglich, dem Vormarsch der Türken eine nach einheitlichen Grundsätzen geführte Abwehrpolitik entgegenzusetzen. Die Folge waren Überdruss, Demoralisierung und ein spürbares Nachlassen der Kreuzzugsbegeisterung in den Teilen Europas, die nicht unmittelbar mit den Muslimen konfrontiert waren.

Kreuzzugstheorien im 14. Jahrhundert

Der Fall von Akkon inspirierte die Verfasser einer wahren Flut von Kreuzzugstraktaten, die – mit wechselnder Häufigkeit – das ganze 14. Jahrhundert hindurch erschienen. Ihre Verfasser mussten der Tatsache ins Auge sehen, dass nun ein echter Kraftakt vonnöten war; schließlich ging es nicht länger bloß darum, einen bestehenden Brückenkopf zu stärken: Eine Invasion im großen Stil war unumgänglich. Unter anderem griff man auf das alte Argument von der Iberischen Halbinsel zurück, eine erfolgreiche Reconquista dort werde die Eroberung Jerusalems nach sich ziehen, da die Kreuzfahrerheere danach unbehelligt durch Nordafrika würden marschieren können. Einigen Autoren gefiel auch die Vorstellung, ein Bündnis mit einer jener Großmächte einzugehen, die jenseits der Levante lauerten – insbesondere mit den Mongolen. Im weiteren Verlauf wandte sich dieser Gedankengang einer möglichen Umgehung der muslimischen Territorien über deren Flanken zu. Im Ergebnis sollte dies schließlich zum Kampf portugiesischer und ägyptischer Schiffe im Indischen Ozean führen und die Suche nach einem westlichen Seeweg nach Indien auslösen.

Insbesondere vier Handlungsvorschläge, die bereits vor dem Fall von Akkon kursierten, tauchen immer wieder auf. Der erste Vorschlag zielte auf die Ritterorden, die zu einem einzigen großen Orden zusammengeführt werden sollten. Der zweite Vorschlag – der unmittelbar mit dem ersten zusammenhing – betraf die Regierungsform eines künftigen Königreichs Jerusalem. Eine Reihe von Kommentatoren schlug vor, einen Bellator Rex, einen „Kriegerkönig“ also, an dessen Spitze zu stellen, der als Großmeister des gerade entstandenen Ritterordens einen großen Kreuzzug führen und im Anschluss Palästina regieren sollte. Ein Autor, Peter Dubois, schlug vor, diesen Posten solle stets ein Sohn des Königs von Frankreich innehaben. Die Krönung des Traums bildete die Vision des zypriotischen Kanzlers und Erziehers Karls VI. von Frankreich, Philipp von Mézières, dem ein völlig neuer Orden vorschwebte, die Nova Religio Passionis Jhesu Christi. Dessen Mitglieder sollten zwar das Gehorsams- und Armutsgelübde ablegen, ansonsten jedoch nicht ewige Keuschheit, sondern die ewige Treue ihren Ehefrauen gegenüber schwören – schließlich würden sie das Heilige Land nicht nur verwalten und verteidigen, sondern auch besiedeln. Zwischen 1390 und 1395 arbeitete Philipp rastlos auf einen Friedensschluss zwischen England und Frankreich hin, der gleichsam die Ouvertüre zu einem weiteren Kreuzzug bilden sollte. Es gelang ihm in diesen Jahren, die Unterstützung von mehr als achtzig führenden Adligen einzuwerben, die größtenteils aus England und Frankreich stammten, aber auch aus Schottland, Deutschland, Spanien und der Lombardei. Zu ihnen gehörten Ludwig II. von Bourbon und Johann le Maingre, genannt Boucicaut. Der dritte Vorschlag beruhte auf der Überzeugung, die Verteidigungskraft der Muslime im Falle einer christlichen Invasion könne durch die Schädigung ihrer Wirtschaft entscheidend geschwächt werden. Dazu wollte man Ägypten, die reichste muslimische Macht, die noch dazu Palästina besetzt hatte, mit einem Handelsembargo belegen. Der vierte Vorschlag schließlich unterschied zwei verschiedene Arten von Kreuzzug: einerseits das passagium generale, einen großangelegten Feldzug mit internationaler Beteiligung, die dem traditionellen Kreuzzugsverständnis entsprach; andererseits das passagium particulare, das einen vorbeugenden Militärschlag kleineren Umfangs beinhalten sollte, durch welchen das Handelsembargo durchgesetzt, der Feind an einem neuralgischen Punkt geschwächt oder ein anderer strategischer Vorteil erlangt werden sollte. Es ist bemerkenswert, in welchem Maße all diese Ideen in die Tat umgesetzt wurden. Die Vereinigung der Ritterorden wurde zumindest ansatzweise erreicht, als der Templerorden aus dem Heiligen Land verdrängt und sein Besitz größtenteils den Johannitern übertragen wurde. In Preußen und auf Rhodos entstanden tatsächlich Ordensstaaten, die vom Hochmeister des Deutschen Ordens bzw. dem Großmeister der Johanniter regiert wurden. Es gab ein Handelsembargo gegen Ägypten, genauso wie zahlreiche passagia particularia.

Das Ende des Templerordens

Die ersten Ordensstaaten enstanden im Gefolge eines der spektakulärsten Ereignisse in der Geschichte des Spätmittelalters. In den frühen Morgenstunden des 13. Oktober 1307 wurden beinahe alle französischen Templer festgenommen. Die Anklage lautete auf Ketzerei. Innerhalb weniger Tage hatten viele der Gefangenen, darunter auch der Großmeister Jakob von Molay sowie sein wichtigster Stellvertreter in Nordwesteuropa, Hugo von Pairaud, ihre Schuld eingestanden. Auch die allermeisten Templer, die ein Inquisitor in Paris, der Papst im Sommer 1308 in Poitiers, die französischen Bischöfe bei regionalen Prozessen oder eine ebenfalls in Paris angesiedelte päpstliche Kommission verhörten, gaben zu, dass viele der Anklagepunkte der Wahrheit entsprächen. Andernorts brachten die Verhöre einer kleineren Anzahl von Templern in verschiedenen Gegenden der italienischen Halbinsel weiteres Beweismaterial ans Licht. In England kam es nur zu sehr wenigen Geständnissen, obwohl die Zeugen von außerhalb des Ordens hier besonders aussagefreudig waren. In Kastilien, Portugal und auf Zypern sowie in Aragón und Deutschland, wo einige der Verdächtigen sich ihrer Festnahme zu widersetzen suchten, beteuerten die Templer ihre Unschuld.

Einige der Vorwürfe, die man den Brüdern machte, waren sehr seltsam. Aus der Sicht Papst Clemens’ V. stellte ihre Festnahme einen Angriff auf die Kirche dar, eine beispiellose Verletzung des Anrechts auf einen kirchlichen Prozess, wie er Ordensleuten zustand, zumal die Gemeinschaft der Templer unter dem direkten Schutz des Heiligen Stuhls stand. Der Papst befand sich allerdings in einer delikaten Lage. Das Pontifikat Bonifatius’ VIII. hatte vier Jahre zuvor abrupt geendet, als der Papst vor Schreck gestorben war, nachdem ihn Truppen unter dem Befehl eines französischen Kronbeamten entführt hatten. Die Kurie hatte sich in den Folgejahren bemüht, den französischen König zu besänftigen, aber Clemens, der aus der Gascogne stammte und daher als französischsprachiger Untertan des Königs von England das Licht der Welt erblickt hatte, musste immer wieder die zielstrebigen Versuche der französischen Krone abwehren, Bonifatius posthum verdammen zu lassen. Rom schien ihm ein zu unsicherer Aufenthaltsort zu sein, und so residierte er nach seiner Wahl im Juni 1305 in Poitiers, bevor er 1309 mit seinem Hof nach Avignon umzog. In der Zwischenzeit bemühte er sich, durch die Einrichtung einer offiziellen kirchlichen Untersuchungskommission im Verfahren gegen die Templer die Initiative an sich zu reißen. Im November 1307 befahl Clemens die Festnahme aller Brüder außerhalb Frankreichs. Im Februar darauf ließ er die Arbeit der französischen Inquisition einstellen, was allerdings einen Konflikt mit der französischen Krone heraufbeschwor. Man gelangte schließlich zu dem Kompromiss, dass in der ganzen Christenheit bischöfliche Ermittlungsverfahren gegen einzelne Templer eröffnet werden würden, während zur gleichen Zeit eine päpstliche Kommission das (Fehl-)Verhalten des Ordens als Ganzen begutachten sollte. Den Berichten über dies Ermittlungs- und Begutachtungsverfahren widmete sich dann 1311 das Konzil von Vienne. Eine Mehrheit dort wollte den Templern selbst zumindest die Möglichkeit einräumen, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen, doch unter dem Druck der französischen Krone löste Clemens V. den Orden am 3. April 1312 auf. Am 18. März 1314 wurden Jakob von Molay und Gottfried von Charney, Präzeptor des Templerordens in der Normandie, auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Die Anschuldigungen gegen die Templer

Sie seien keine Christen. Bei ihrer Aufnahme in den Orden fordere man sie auf, Christus zu verleugnen – bisweilen, indem man ihnen sage, jener sei ein falscher Prophet gewesen, der die Menschheit nicht erlösen könne –, und auf ein Kreuz oder Kruzifix zu treten, zu spucken oder zu urinieren. Sie würden nicht an die Sakramente der Kirche glauben und ihren Priestern sei es untersagt, während des Hochgebets die Einsetzungsworte zu sprechen. Stattdessen würden sie Büsten oder andere Kultbilder verschiedenster Art anbeten – oder sogar vom Teufel besessene Katzen. Die für den Orden typischen Schnüre, die wohl in der Art eines Skapuliers über die Schultern gelegt wurden, seien zudem vor ihrer Verleihung auf solch ein Götzenbild gelegt worden.

Ihr Unglaube sei unter einem Deckmantel striktester Geheimhaltung verborgen, da es ihnen verboten sei, Einzelheiten über ihre Aufnahmerituale, die Sitzungen ihrer Kapitelversammlungen oder auch nur ihre Ordensregel zu verraten; zudem dürften sie ausschließlich bei Angehörigen ihres eigenen Ordens die Beichte ablegen. Erschwerend komme hinzu, dass ihre Ordensoberen, obgleich sie Laienbrüder waren, ihnen regelmäßig die Absolution erteilen würden, wodurch sie sich die sakramentale Rolle und das kanonische Vorrecht geweihter Priester angemaßt hätten.

Bei ihrer Aufnahme in den Orden würden die Postulanten gezwungen, die sie in den Orden aufnehmenden Templer, „Rezeptoren“ genannt, zu küssen oder sich von diesen küssen zu lassen, und zwar nicht allein auf den Mund, sondern auch auf den Bauch, den Steiß, das Gesäß und sogar den Penis. Man sage ihnen zudem, dass ihr Keuschheitsgelübde ihnen zwar sexuelle Beziehungen zu Frauen verbiete, sie solche jedoch bei Bedarf mit ihren Ordensbrüdern pflegen dürften. Wenn ihre Brüder sich in entsprechender Absicht an sie wenden würden, sollten sie dies über sich ergehen lassen.

Es gebe bei den Templern kein Noviziat.

Man ermuntere die Ritter, den Besitz ihres Ordens ohne Rücksicht auf Gerechtigkeit zu vergrößern. Andererseits hätten sie sich als geizig erwiesen, was die Vergabe von Almosen an Bedürftige anbelangte, und missachteten alle Regeln der Gastlichkeit.

Die Ordensleitung habe nicht das Geringste zu einer Reform des Templerordens unternommen.

Man hat die Zerschlagung des Templerordens als Beispiel dafür angeführt, was ein chronisch finanzschwacher Monarch in Zeiten früher Staatlichkeit und unter Einsatz der von ihm kontrollierten Inquisition erreichen konnte, wenn reiche Beute lockte und das Papsttum sich in die Defensive gedrängt sah. Viele der gefangenen Templer wurden gefoltert. Alle wurden, auf verschiedenste Weise, unter Druck gesetzt, um ihre Geständnisse zu erzwingen. Als einige Templer 1310 versuchten, Widerstand zu leisten, wurde dieser brutal niedergeschlagen: Ein bischöfliches Gericht unter dem Vorsitz des Erz bischofs von Sens und ein Konzil unter dem Vorsitz des Erzbischofs von Reims verurteilten 67 Templer, die dabeiblieben, ihre Unschuld zu beteuern, zum Tod auf dem Scheiterhaufen. Beide Gremien wurden in ihrem Urteil von der französischen Krone beeinflusst. Nur wenige Historiker haben seither geglaubt, die Templer hätten tatsächlich jene Verbrechen begangen, die ihnen zur Last gelegt wurden. Im Hinblick auf die allermeisten Anklagepunkte waren sie wohl wirklich unschuldig. Allerdings hat mich die genaue Untersuchung der erhaltenen Aussageprotokolle zu der Überzeugung gebracht, dass zumindest in einigen Kommenden des Templerordens die neu aufgenommenen Brüder kurz vor oder nach ihrer Aufnahme in den Orden tatsächlich gezwungen wurden, Christus zu verleugnen und auf ein Kreuz oder Kruzifix zu spucken. Diese Praxis war vermutlich nur in einer Minderzahl der französischen Templerkommenden gebräuchlich, aber sie war nicht auf Frankreich beschränkt. Es scheint, dass einige Templer, die das entsprechende Zeremoniell wohl für verbindlich hielten, es auch in Italien und der Levante verbreiteten; in beiden Gegenden fanden sich unter den Templern der ansässigen Kommenden zahlreiche Franzosen. Die deutschen Templer andererseits scheinen „sauber“ geblieben zu sein, ebenso ihre Ordensbrüder auf der Iberischen Halbinsel einschließlich des Roussillon und vielleicht auch die Templer auf den Britischen Inseln.

Es fällt schwer zu erklären, wie ein derartiges Verhalten sich in einen großen und mächtigen Orden wie den der Templer einschleichen konnte – sofern dies tatsächlich der Fall gewesen ist. Ganz zweifellos jedoch brachten die Ermittlungen gegen die Templer ans Licht, wie groß der Reformbedarf innerhalb des Ordens war. Im Gegensatz zu den Johannitern, die neben repräsentativen Generalkapiteln mit teils legislativer Funktion und einer umfassenden Eigengesetzgebung auch über eine kleinteiligere Verwaltungsstruktur mit zahlreichen Ordensprovinzen verfügten und deren daher ebenso zahlreiches Führungspersonal im direkten und regelmäßigen Kontakt mit den Ordensbrüdern im Nahen Osten stand, hatten die Templer ein überholtes und ineffizientes, im schlechtesten Sinne autokratisches System beibehalten, in dem der Großmeister und sein Stab ganz allein über die Geschicke des Ordens entschieden. Viele Brüder haben niemals ihre eigene Ordensregel vorgelesen bekommen, geschweige denn selbst gelesen. Dass sie die zahlreichen Zusatzregelungen verstehen konnten, war wohl vollends ausgeschlossen, selbst dann, wenn sie ihnen vorgelegen hätten: Diese waren konfus und in einem nicht selten archaischen Duktus ständiger Wiederholung gehalten; in den erhaltenen Abschriften wird zudem kein Unterschied zwischen gesetztem Recht, Fallrecht und Gewohnheitsrecht gemacht. Es überrascht kaum, dass solch verwirrende Regularien nicht immer eingehalten wurden. Tatsächlich scheint die innere Verfassung des Ordens derart desolat gewesen zu sein, dass man sich eher darüber wundern muss, dass es ihn so lange gab – ob nun mit oder ohne Skandal.

Das Chaos, in dem der Templerorden versunken war, erklärt auch, warum er nach dem Fall von Akkon wie gelähmt schien, insbesondere nachdem 1302 auch noch die beinahe in Rufweite vor der syrischen Küste gelegene Festungsinsel Arwad unter äußerst fragwürdigen Umständen verloren gegangen war: Eine Versammlung des Generalkapitels der Templer in Paris wurde beherrscht von den Anschuldigungen gegen den Großkomtur von Frankreich, Gerald von Villers, der den Verlust von Arward zu verantworten habe. Um 1297 hatte noch einmal hektische Betriebsamkeit geherrscht, als ein Generalkapitel in Paris 300 Templerbrüder nach Zypern beordert hatte, aber das Urteil des englischen Templers Thomas Totty von Thoroldeby, der von sich behauptete, der Bannerträger der Templer im Osten gewesen zu sein, fiel vernichtend aus: Seine Mitbrüder hätten sich besser mit anderen christlichen Truppen zusammenschließen sollen, um die syrische Küste zurückzuerobern! Man spürt förmlich, wie eine Demoralisierung eingesetzt haben muss. Und wenn dies so war, dann waren die Kommandostrukturen des Templerordens mittlerweile zu schwach geworden, um ihn noch zusammenhalten zu können.

Allerdings waren die Templer nicht die einzigen, die sich in dieser Zeit mit scharfer Kritik konfrontiert sahen. Alle drei großen Ritterorden, die im Nahen Osten aktiv waren, wurden für die dortigen Rückschläge verantwortlich gemacht. 1291 kam es schließlich dazu, dass die Vorschläge zu einer Fusion von Templer- und Johanniterorden, die schon auf dem Zweiten Konzil von Lyon 1274 gemacht worden waren, Papst Nikolaus IV. soweit überzeugten, dass er sie in den Sitzungen sämtlicher Provinzialsynoden diskutieren ließ. Die Ritter des Deutschen Ordens und die Johanniter müssen sich ebenfalls angegriffen gefühlt haben, denn auch gegen sie wurden ernste Vorwürfe erhoben. In Livland beschwerte sich der Klerus mit bitteren Worten über das Verhalten des Deutschen Ordens, der dort missliebige Meinungen nicht derart unter Kontrolle hatte wie in Preußen. So hieß es etwa, der Orden habe die Kirche im Baltikum geradezu ausgeplündert; den Erzbischof und die Bewohner von Riga auf wüste Weise behandelt; Livland nicht angemessen verteidigt; die Missionsarbeit behindert – tatsächlich hieß es nicht zum ersten Mal, die Deutschordensritter hätten die „Heiden“ durch ihr brutales Auftreten davon abgeschreckt, sich taufen zu lassen –; außerdem sei der Orden korrupt bis ins Mark.

Die päpstliche Kurie zeigte sich 1300 ob dieser Anschuldigungen durchaus beunruhigt; zehn Jahre darauf ordnete Papst Clemens V. eine umfassende Untersuchung an. Insbesondere sollte dem Vorwurf nachgegangen werden, die Ritter des Deutschen Ordens hätten sich mit nichtchristlichen Bündnispartnern gegen ihre eigenen Glaubensbrüder verschworen. Der Orden ging aus diesem livländischen Skandal überhaupt nicht gut hervor, und die kirchliche Untersuchungskommission sparte 1324 in ihrem abschließenden Urteil nicht an Kritik.

Auch um die „Hospitaliter des heiligen Johannes“ war es schlecht bestellt, obwohl man hinzufügen muss, dass König Philipp IV. von Frankreich zur selben Zeit, zu der er die Auflösung des Templerordens betrieb, den Großmeister der Johanniter bei der Vorbereitung eines erneuten Kreuzzuges unterstützte. Im 14. Jahrhundert forderten die Päpste immer wieder eine umfassende Reform des Johanniterordens. Papst Innozenz VI. drohte 1355 sogar, den Orden selbst reformieren zu wollen, sollten die Ritter nicht aus eigenem Antrieb die nötigen Maßnahmen ergreifen.

Tatsächlich deckten mehrere interne Untersuchungen während der 1360er- und 1370er-Jahre völlig unbefriedigende Zustände im Inneren des Ordens auf. Dennoch überlebten sowohl der Deutsche Orden als auch die Johanniter, und nichts deutet darauf hin, dass sie auch nur einen Einbruch ihrer Rekrutierungszahlen hätten hinnehmen müssen. Ein entscheidender Grund hierfür scheint ihr weiterhin bestehendes Engagement in der Armen- und Krankenpflege gewesen zu sein, kraft dessen sie in die konventionellen Formen des religiösen Lebens und Denkens ein gebunden waren, obwohl sie auch militärische Funktionen erfüllten. Unter Verweis auf ihren praktischen Einsatz etwa für mittellose Pilger konnten sie auf eine Weise an altehrwürdige Traditionen christlicher Nächstenliebe anknüpfen, die den Templern verwehrt blieb. Diesen Punkt bekräftigte der Templergroßmeister Jakob von Molay unwissentlich selbst, als er in einer Denkschrift aus dem Jahr 1305 gegen eine Fusion seines Ordens mit den Johannitern folgendermaßen argumentierte: Das Hospital von Jerusalem sei ein gerichtet worden, „um für die Kranken zu sorgen“ – obgleich sich seine Brüder nun auch auf dem Schlachtfeld zu bewähren suchten –, wohingegen der Templerorden „ausschließlich als eine Gemeinschaft von Rittern“ gegründet worden sei. Auf kurze Sicht sahen sowohl der Deutsche Orden als auch die Johanniter ein, dass sie positive Publicity brauchten, und so ist es wohl kein Zufall, dass in dem selben Jahr 1309 der Hochmeister des Deutschen Ordens – zuvor im Heiligen Land ansässig – seine Residenz im preußischen Marienburg bezog, in dem die Johanniter ihr Hauptquartier auf die Insel Rhodos ver legten.

Der Deutsche Orden in Preußen und Livland

Um den ersten dieser Ortswechsel verstehen zu können, muss man zunächst auf die noch immer anhaltende Kreuzzugsaktivität im Baltikum eingehen, an der selbstverständlich nicht allein der Deutsche Orden beteiligt war. Im hohen Norden, in Finnland, war die Grenze zwischen der russischen Orthodoxie und der lateinischen Christenheit instabil geworden, und in den 1320er-Jahren führte die allgemeine Kreuzzugsbegeisterung zu einer Kampagne in Schweden und Norwegen, wo man – so die Rechtfertigung für den Kriegszug – die Katholiken vor den orthodoxen Schismatikern schützen wollte. Im Jahr 1323 ließ Papst Johannes XXII. zu einem Kreuzzug in Norwegen aufrufen, und nachdem der Krieg mit dem russischen Nowgorod gegen Mitte der 1330er-Jahre zu Ende gegangen war, wurde er in den 1340er-Jahren von König Magnus von Schweden und Norwegen erneut angefacht. Magnus stand dabei unter dem Einfluss seiner Cousine, der später heiliggesprochenen Kreuzzugsenthusiastin Birgitta von Schweden. 1348 führte Magnus einen Kreuzzug nach Finnland, der nur wenig erreichte. 1350 zog er erneut ins Feld, und im Jahr darauf wurde noch einmal im Namen des Papstes ein Kreuzzug gepredigt. Dieser kam jedoch nie zustande, woraufhin schon 1356 jene Streitigkeiten im Inneren begannen, die König Magnus’ Ambitionen schließlich ein Ende setzen sollten. Mehrere päpstliche Anläufe, einen erneuten Kreuzzug gegen die Russen predigen zu lassen – so etwa 1378 und 1496 –, verliefen im Sande.

Weiter südlich hatte die Kreuzzugsbewegung auf den Einfall der Mongolen sowie auf das Entstehen des mächtigen Großfürstentums Litauen reagieren müssen. Dieses war unter der Führung des Fürsten Mindaugas entstanden, der zum Zeitpunkt seines Todes im Jahr 1263 auf ein beeindruckendes Lebenswerk zurückblicken konnte: Er hatte Litauen geeint, hatte ein Volk von Bauern unter der Herrschaft einer Oberschicht von Reiterkriegern in ein starkes und vergleichsweise wohlhabendes Gemeinwesen überführt. Mindaugas hatte sich taufen lassen und war eine Zeit lang als Christ aufgetreten, woraufhin er schließlich sogar auf Veranlassung Papst Innozenz’ IV. die Königskrone erlangt hatte, aber nach der Niederlage der livländischen Christen in der Schlacht an der Durbe kehrte er wieder zur Religion seiner Vorfahren zurück. Das Fürstentum Litauen war ein heidnisches Gemeinwesen, und ein expansionistisches, aggressives noch dazu. Unter seinen Nachbarn war vor allem Polen, das 1320 nach zwei Jahrhunderten der Zersplitterung unter einem König wiedervereinigt worden war, eine Hochburg der Kreuzzugsbewegung, und das trotz ständiger Auseinandersetzungen mit dem Deutschen Orden. Die polnischen Kreuzzugsbemühungen konzentrierten sich in der nördlichen Ukraine, wo die Polen sowohl gegen die Litauer als auch gegen die Mongolen ins Feld zogen – bis die Letzteren vom „Schwarzen Tod“ dezimiert worden waren. Im 14. Jahrhundert ergingen an die Polen regelmäßig päpstliche Aufrufe zum Kreuzzug, desgleichen an die Ungarn, die in derselben Gegend aktiv waren.

Dies also war der Kriegsschauplatz, auf dem der Deutsche Orden schon seit Längerem etabliert war und nun seine Kräfte bündelte. Wie bereits erwähnt, war der Hochmeister des Ordens 1226 als Inhaber einer Grenzmark in Preußen bestätigt worden und hatte vom römisch-deutschen Kaiser die Reichsfürstenwürde erhalten. Nach dem Fall von Akkon hatte der Orden sein Hauptquartier nach Venedig verlegt, sich also etwa auf halbem Weg zwischen Palästina und dem Baltikum platziert. Bereits im September 1309 jedoch bezog der Hochmeister Siegfried von Feuchtwangen eine neue Residenz: die im westlichen Preußen gelegene Marienburg, die fortan als Hauptsitz des Deutschen Ordens diente. Natürlich siedelte Siegfried damit in die Gegend über, in der sein Orden hauptsächlich tätig war – aber er stieß auch auf eine Gemeinschaft untereinander zerstrittener und demoralisierter Männer, die noch unter dem livländischen Skandal litten. Der 1302 unternommene Versuch seines Vorgängers Gottfried von Hohenlohe, die Ritter auf eine striktere Befolgung ihrer Ordensregel zu verpflichten, war auf so großen Widerstand gestoßen, dass Gottfried schließlich aus dem Amt gedrängt worden war. Die Antwort der Deutschordensritter auf die Herausforderungen, die sich ihnen stellten, war also zweigeteilt: Einerseits zogen sie sich in ihr baltisches Schneckenhaus zurück und festigten dort die Herrschaft in ihrem halbsouveränen Ordensstaat; andererseits betrieben sie mit Eifer ihre Kreuzzugsaktivitäten und bemühten sich, für ihre diversen Kleinkriege so viele Kreuzfahrer zu rekrutieren wie möglich. Dem Umzug ihres Hauptquartiers war 1308/1309 die mit brutalen Mitteln erreichte Annexion von Danzig und Ostpommern vorausgegangen. In Livland, wo sie sich die Regierungsgewalt mit drei Bischöfen teilen mussten, und in Estland, wo es eine starke einheimische Ritterschicht gab, errichtete der Deutsche Orden nominell unabhängige Herrschaften: Nach 1438 wählten etwa die livländischen Ordensbrüder de facto ihren eigenen Anführer. In Preußen andererseits dominierte der Orden die kirchlichen Strukturen völlig und richtete zudem ein effizientes Wirtschaftssystem ein, das in der Hauptsache auf einer verbesserten Verwaltung der ordenseigenen Landgüter beruhte; hinzu kam eine Siedlungspolitik, mit deren Hilfe Kleinbauern zur Kultivierung jener Landstriche angeworben wurden, die durch vorangegangene Kriegszüge verwüstet waren. Die Päpste blieben misstrauisch, was die Motive des Ordens betraf. Allerdings war den Rittern des Deutschen Ordens das Recht verliehen worden, einen dauernden Kreuzzug zu führen; sie mussten also nicht jedes Mal um päpstliche Erlaubnis bitten, wenn sie Kreuzfahrern Ablässe gewährten. Es war ihnen daher möglich, auch für kurze Zeiträume Laienritter anzuwerben.

In jüngerer Zeit haben die Innovationen des Deutschen Ordens auf den Gebieten des Burgenbaus, der Pferdezucht, der Bewaffnung und der militärischen Taktik das Interesse der Forschung geweckt. Das ganze 14. Jahrhundert hindurch strömten Kreuzfahrer aus allen Gegenden Europas in das Baltikum, um dort an der Seite der Deutschordensritter auf Kriegszüge zu gehen, die als „Reysen“ („Preußenreisen“ oder „Preußenfahrten“) bezeichnet wurden. Das bedeutete in der Regel einen schnellen Vorstoß durch die Wildnis des Grenzlandes, bis man das litauische Herrschaftsgebiet erreichte. An diesen Raub- und Plünderzügen nahmen 1323 Böhmen teil, 1324 waren es Elsässer, 1329 Engländer und Wallonen, 1336 Österreicher und Franzosen. König Johann von Böhmen begab sich sogar drei Mal auf eine solche „Reise“, ebenso Johann Boucicaut und Graf Wilhelm IV. von Holland. Heinrich von Lancester zog 1352 in das Baltikum; Heinrich von Derby, der spätere König Heinrich IV. von England, in den Jahren 1390 und 1392. 1377 kam Herzog Albrecht III. von Österreich mit 2000 Rittern zum „Tanz mit den Heiden“. Im folgenden Jahr 1378 schloss sich der Herzog von Lothringen mit siebzig Rittern der „Winter-Reysa“ an. Kurz darauf kehrte Albrecht von Österreich zurück, den Grafen von Kleve im Gefolge; sie ließen eine Art Privatreise für sich veranstalten, damit sie ihre Kreuzzugsgelübde noch vor Weihnachten erfüllen konnten. Herzog Wilhelm von Jülich-Geldern unternahm zwischen 1383 und 1400 nicht weniger als sieben solcher Fahrten.

Solch eine „Winterreise“ entsprach einer sogenannten „Chevauchée“ von 200 bis 2000 Berittenen, deren einfaches Ziel es war, so schnell wie möglich ein bestimmtes Gebiet zu verwüsten. Es gab dafür üblicherweise zwei Termine im Jahr: einen im Dezember und den anderen im Januar oder Februar. Die „Sommerreise“ wiederum wurde üblicherweise in einem größeren Maßstab organisiert; ihr Ziel war es, Territorium zu gewinnen, entweder durch die Zerstörung einer feindlichen oder die Errichtung einer christlichen Festung – geplündert werden durfte natürlich trotzdem. Diese verschiedenen Arten von „Reisen“ waren für den Adel der damaligen Zeit ein wenig wie Sport; nicht zuletzt waren sie von der Witterung in etwa derselben Weise abhängig, wie das heute bei Pferderennen der Fall ist. Die Teilnehmer hatten das Recht, einen Schild mit ihrem Wappen darauf in der Marienburg, in Königsberg oder einer der anderen Festungen des Deutschen Ordens anbringen zu lassen. Manchmal vor, manchmal nach einer solchen „Reise“ wurde auf der Marienburg ein großes Fest – mit einer Lücke zum Weihnachtsfest veranstaltet, bei dem die zehn oder zwölf Ritter an einem Ehrentisch Platz nehmen durften, die sich in besonderer Weise ausgezeichnet hatten. Im Jahr 1375 überreichte Winrich von Kniprode, während dessen Amtszeit als Hochmeister des Deutschen Ordens dieses ritterliche Spektakel seine größte Prachtentfaltung erreichte, jedem der zwölf Ritter ein Abzeichen, auf dem in goldenen Buchstaben geschrieben stand: Honneur vainc tout – „die Ehre besiegt alles“. Der poitevinische Ritterorden vom „Tiercelet“ (also vom „Terzel“, einem männlichen Greifvogel) kannte eine besondere Ergänzung seines Abzeichens, das einen Falken zeigte: Wer von den Angehörigen dieses Ordens auf die „Reise“ gegangen war, der durfte die Klauen des Falken vergolden lassen.

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Die Marienburg bei Malbork ist die größte Backsteinburg der Welt. Von 1309 bis 1457 war sie das Hauptquartier des Deutschen Ordens. Die Klosterfestung umfasste neben den Behausungen der Ritter auch einen Gebäudeteil, welcher der Unterbringung und Unterhaltung der Adligen diente, die auf ihrer „Preußenreise“ in das Baltikum gekommen waren.

Wären da nicht die außergewöhnliche Brutalität der Preußenfahrten und die zahlreichen Entbehrungen, denen tatsächlich auch ihre Teilnehmer ausgesetzt waren – man wäre versucht, sie als „abgepackte“ Kreuzzüge für den europäischen Adel zu bezeichnen. Ihre große Beliebtheit lässt erkennen, wie attraktiv das Gesamtpaket für die besagte Zielgruppe war, wenn man es nur gehörig mit den Insignien ritterlichen Strebens versah. Ob dies auch weiterhin so sein konnte, hing von der Existenz einer wilden Grenze ab, hinter der heidnische Feinde lebten, die als angriffslustig gelten konnten. Als 1386 der litauische Großfürst Jogaila (polnisch: Jagiełło) den christlichen Glauben annahm, in Krakau die polnische Königin Jadwiga (Hedwig von Anjou) heiratete und unter dem Namen Władysław II. den polnischen Thron bestieg, verloren die Preußenfahrten ihre Grundlage. Im Anschluss an diese dynastische Union machte das Christentum in Litauen zwar nur noch langsame Fortschritte, aber immerhin waren die Litauer nun einem christlichen Monarchenpaar untertan. Eine Bedingung für seine Thronbesteigung war überdies gewesen, dass Jogaila Ostpommern und das Kulmer Land für Polen zurückgewinnen werde. Am 15. Juli 1410 wurde ein Heer des Deutschen Ordens bei Tannenberg von einer polnisch-litauischen Streitmacht, die durch böhmische, mährische, walachische und krimtatarische Söldner verstärkt wurde, vernichtend geschlagen. Der Hochmeister, seine wichtigsten Amtsträger und rund 400 Deutschordensritter starben in der Schlacht. Die Marienburg hielt jedoch weiter aus, und im Ersten Thorner Frieden wurde dem Deutschen Orden am 1. Februar 1411 der größte Teil seines Territoriums zugesprochen. Niemals jedoch sollte der Orden seine vorherige Machtfülle wiedererlangen – nicht zuletzt, weil der schwelende Unmut unter seinen diversen Untertanengruppen – Deutschen, Prußen und Polen, die ihre voneinander geschiedenen Identitäten immer stärker einbüßten und sich mit wachsender Emphase als Mitglieder einer „preußischen“ Gesellschaft fühlten – langsam, aber sicher zum Vorschein kam. Der niedere Adel und das Stadtbürgertum schlossen sich in dem Versuch zusammen, angesichts der rabiaten Versuche des Deutschen Ordens, die Kontrolle zurückzuerlangen, ihre Interessen zu verteidigen; in den 1450er-Jahren wies dieselbe Allianz schließlich die Oberherrschaft des Ordens zurück und wandte sich Polen zu.

Im Zweiten Thorner Frieden, der am 19. Oktober den Dreizehnjährigen Krieg des Ordens gegen Polen beendete, wurde Preußen, das 1414, 1422 und 1431–1433 von Invasionsheeren verwüstet worden war, aufgeteilt. Der Orden verlor Marienburg und sah sich mit einem Mal auf das östliche Preußen beschränkt, das er zudem als polnisches Lehen erhielt. Obwohl der Deutsche Orden in Preußen bis 1525, in Livland sogar bis 1562 überlebte, kam die Epoche der Kreuzzüge im Ostseeraum nun an ihr Ende. Das „Bollwerk des Christentums“ war nunmehr das Königreich Polen, das sich ab dem 15. Jahrhundert mit dem Vordringen der osmanischen Türken auseinandersetzen musste. Die „Reise“ des Jahres 1413 ist anscheinend die letzte Gelegenheit gewesen, bei der nichtdeutsche Kreuzfahrer nach Preußen gekommen sind. Die Rolle des Deutschen Ordens innerhalb der Kreuzzugsbewegung stand in den Jahren 1415 bis 1418 beim Konzil von Konstanz zur Debatte. Es gelang den Abgesandten des Ordens, sich vor den versammelten Prälaten zu rechtfertigen und gegen die polnischen Ansprüche zu verteidigen. In Livland beteiligten sich noch immer einige Ritter an „Reisen“ gegen die Russen, und Walter von Plettenberg, der Landmeister des Deutschen Ordens in Livland, organisierte eine heldenhafte Verteidigung gegen die russische Invasion der Jahre 1501/1502. Es ist jedoch bezeichnend, dass Walters Prokurator in Rom keinen päpstlichen Aufruf zum Kreuzzug mehr erwirken konnte. Stattdessen hoffte Papst Alexander VI. darauf, dass die Russen sich mit den Mächten der westlichen Christenheit gegen die Türken verbünden würden.

Die Johanniter auf Rhodos

Die Ritter des Deutschen Ordens nutzten ihre unabhängige Position im hohen Norden, indem sie einerseits eine Art von Kreuzzug à la mode ins Leben riefen, der ihnen die Aufmerksamkeit einer wohlwollenden Öffentlichkeit sicherte, während andererseits die Einflussnahme des Heiligen Stuhls auf ein Minimum beschränkt blieb. Die Johanniter fanden sich in einer gänzlich anderen Situation wieder – sahen sich jedoch auch mit wesentlich schwierigeren Problemen konfrontiert. Am 27. Mai 1306 schloss ihr Großmeister Fulko von Villaret, dessen Hauptquartier sich mittlerweile in Limassol auf Zypern befand, einen Pakt mit dem Genueser Freibeuter Vignolo de’ Vignoli, der bereits im Dodekanes einen Stützpunkt eingerichtet hatte. Gemeinsam wollte man Rhodos mit dem dazugehörigen Archipel erobern. Am 23. Juni verließ eine Johanniterflottille von zwei Galeeren und drei weiteren Schiffen Zypern. An Bord befand sich ein Expeditionstrupp, dem auch 35 Ordensbrüder angehörten. Unterstützt durch die Galeeren ihrer genuesischen Verbündeten, begannen die Ritter die Belagerung von Rhodos, die allerdings viel länger dauerte als erwartet. Die Stadt Rhodos konnte, wie es scheint, erst im August 1309 eingenommen werden, und obwohl die Johaniter unverzüglich ihr Hauptquartier dorthin verlegten, sollte es noch einige Jahre dauern, bis auch die umliegenden Inseln restlos unterworfen waren. Bei ihrer Besetzung half ein Miniaturkreuzzug unter der Führung Fulkos von Villaret, dessen Truppen 1310 aus Italien eintrafen. Durch die Bulle Ad providam vom 2. Mai 1312 vermachte der Papst den Johannitern den Großteil der vormaligen Besitzungen des Templerordens. Auf lange Sicht sollte der Johanniterorden dadurch sehr reich werden; zunächst fiel es den Rittern jedoch schwer, auch nur einen Teil der ihnen zugesprochenen Ländereien tatsächlich in Besitz zu nehmen. In Frankreich gelang ihnen dies erst 1317, als sie gegen horrende Zahlungen immerhin den größten Teil ihrer Besitzungen übernehmen konnten. In England waren sie selbst 1338 noch nicht so weit gekommen. In Portugal und Aragón scheiterte bereits der Versuch, denn die dortigen Könige rissen den vormaligen Besitz der Templer an sich, um eigene Ritterorden ins Leben zu rufen: den „Orden der Christusritter“ in Portugal bzw. den „Orden von Montesa“ in Aragón.

Bis 1324 hatte sich der Landbesitz der Johanniter dennoch verdoppelt, und der Templerbesitz half dabei, die Verteidigung von Rhodos sowie die aktive Teilnahme des Johanniterordens an militärischen Unternehmungen im ganzen östlichen Mittelmeerraum zu finanzieren. Allerdings konnte auch der unverhoffte Zugewinn an Land nicht verhindern, dass die Johanniter als Folge der Eroberung, Befestigung und administrativen Erschließung von Rhodos lähmend hohe Schulden drückten. Erst in den 1330er-Jahren war der Generalkonvent des Ordens wieder liquide, aber danach blieb die finanzielle Lage der Johanniter prekär, insbesondere, nachdem der Kollaps der führenden Florentiner Bankhäuser in den 1340er-Jahren zu Verlusten geführt hatte. Nicht zuletzt diese Geldsorgen waren es, welche die Johanniter auf ihren europäischen Besitzungen zu einer vergleichsweise effizienten Verwaltungspraxis verpflichteten. Die finanziellen Probleme des Ordens führten – zumal Rhodos wesentlich gefährdeter war als Preußen – dazu, dass das Papsttum sich wesentlich häufiger in die Angelegenheiten der Johanniter einmischte als in jene des Deutschen Ordens, den die Johanniter wohl nicht selten um seine Unabhängigkeit beneideten.

Rhodos ist eine große und fruchtbare Insel, die etwa 80 Kilometer lang und 30 Kilometer breit ist und nur 20 Kilometer vor der südwestlichen Küste Kleinasiens liegt. Die Insel beherrschte einen der wichtigsten Seewege im östlichen Mittelmeerraum und verfügte über einen ausgezeichneten Hafen. Zu der einheimischen Bevölkerung von rund 10.000 Griechen kamen nun westeuropäische Siedler, die zu günstigen Konditionen Land erwerben konnten. Die Johanniter hielten auch die anderen Inseln des Dodekanes, deren bedeutendste Kos war. Auf dem Festland errichteten sie ab 1408 in Bodrum eine große Festung, welche die bei Smyrna (Izmir) verlorene ersetzen sollte. Anscheinend unterhielten die Johanniter gute Beziehungen zur einheimischen Bevölkerung; aber in der Stadt Rhodos, in deren Zentrum ein abgetrennter Bereich für die Ordensbrüder der Johanniter lag (das sogenannte collacchio), entstand auch eine große westeuropäische Gemeinde. Bis 1356 wurde Rhodos stark befestigt, und die Johanniter setzten alles daran, die Verteidigungsanlagen ihres Hauptquartiers sowie der auf anderen Inseln des Archipels gelegenen Festungen stets weiter zu verbessern. Anfang des 15. Jahrhunderts war Rhodos einer der am stärksten befestigten Orte der ganzen Welt, und das machte es auch als Handelshafen attraktiv. Zudem war es zu einem bedeutenden Versorgungshafen für Pilger auf dem Weg in das Heilige Land geworden. Auch Laienritter reisten nach Rhodos – ganz wie nach Preußen, allerdings nicht so zahlreich –, um mit den Johannitern in die Schlacht zu ziehen, und wie in Marienburg oder Königsberg hinterließen sie ihre Wappenschilde in dafür vorgesehenen maisons d’honneur in der Stadt Rhodos.

Nach dem Verlust des palästinensischen Festlandes wurde die Kriegsflotte der Johanniter zum wichtigsten Mittel des Ordens, was dessen Kreuzzugsbeteiligungen anlangte. Kreuzzüge fanden mittlerweile gleichermaßen zur See wie an Land statt, ging es nun doch darum, christliche Siedlungen und Stützpunkte zu verteidigen, die in der gesamten Ägäis verstreut waren. Der Johanniterorden hatte auch vor 1291 schon einige Transportschiffe besessen, aber die Entscheidung, Kriegsgaleeren bauen zu lassen, ging auf Geheiß des Papsttums zurück. Bis 1300 entstand auf diese Weise eine ganze Ordensflotte. In der Kürze der Zeit stellte dies eine bemerkenswerte Leistung dar, wenn man die Verluste an Mannschaften und Material in Betracht zieht, die der Fall Akkons bedeutet hatte. Zugleich stellte dieser Kraftakt unter Beweis, wie flexibel die Führung des Johanniterordens auf neue Herausforderungen zu reagieren vermochte. Auf Rhodos gingen die Johanniter bald dazu über, die Seewege in den umliegenden Gewässern zu patrouillieren, wenn sie sich nicht gerade mit den türkischen Fürstentümern an der kleinasiatischen Küste herumschlugen oder, später, der rasanten Expansion des Osmanischen Reiches entgegentraten. Die Galeeren der Johanniter waren stets im Einsatz, eskortierten europäische Handelsschiffe und schlossen sich den Flotten der diversen Marinebündnisse an, die mit den Türken um die Vorherrschaft auf dem Mittelmeer rangen. Die eigene Flotte des Ordens war vergleichsweise klein; sie bestand aus höchstens sieben oder acht, meistens aber nur drei Galeeren. Gerudert wurden diese Schiffe von freien Griechen – und nicht etwa von Sklaven, die sich als unzuverlässig erwiesen hatten. Da zudem jeder Ordensbruder, der in Europa zum Komtur aufsteigen oder selbst einmal Kapitän eines Schiffes werden wollte, verpflichtet war, drei Mal auf caravana zu gehen, also an Bord eines Schiffes oder auf einer Burg Dienst zu tun – eine caravana dauerte mindestens sechs Monate –, führte jede Galeere überdies zwanzig bis dreißig ehrgeizige caravanisti mit sich. Die Galeeren, deren Instandhaltung einen beträchtlichen Posten im Gesamthaushalt des Johanniterordens ausmachte, wurden ab dem späten 15. Jahrhundert durch eine Karacke, später durch eine Galeone ergänzt.

Rhodos war günstig gelegen, wollte man Ziele an der kleinasiatischen Küste wie die türkischen Emirate Mentesche und Aidin, die in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts die christliche Seefahrt in der südlichen Ägäis bedrohten, erreichen. Aber die Johanniter spielten auch sonst eine wichtige Rolle bei der Kreuzzugsplanung und trugen zur Verteidigung sämtlicher lateinischen Ansiedlungen in der Region entscheidend bei. Auch bei der Eroberung und anschließend bei der Verteidigung von Smyrna 1344 bis 1402 taten sie sich hervor; ab 1374 trugen sie die alleinige Verantwortung für die Stadt. Die muslimischen Herrscher der Region sahen in Rhodos eine Bedrohung ihrer Interessen; 1440 und 1444 wurde die Insel von den Ägyptern angegriffen. Den wohl schlagendsten Beweis für das hohe Ansehen, das die Johanniter in der ganzen Christenheit genossen, kann man noch heute an der Fassade des „Englischen Turms“ an der südöstlichen Ecke des Johanniterkastells St. Peter in Bodrum erblicken: Dort findet sich eine Reihe von 26 Wappen englischer Adliger, die, in Stein gehauen, sich um das Königswappen Heinrichs IV. und die ebenfalls prominent platzierten Wappen von sechs weiteren Mitgliedern der königlichen Familie gruppieren. Vierzehn der dort vertretenen Männer waren Ritter des Hosenbandordens. Es gilt als warscheinlich, dass die Schilde an finanzielle Zuwendungen beim Bau des Turms erinnern sollten, der wahrscheinlich um das Jahr 1414 errichtet wurde.

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Der „Englische Turm“ des Kastells von St. Peter in Bodrum (dem antiken Halikarnassos) an der türkischen Ägäisküste. Die Festungsanlage wurde von den Johannitern in den Jahren nach 1408 errichtet. Das dafür benötigte Geld wurde, zumindest in Teilen, durch den Ablasshandel aufgebracht. Die an der Fassade des Turms angebrachten Wappenschilde erinnern an eine Gruppe englischer Spender. In der Mitte befindet sich das Wappen König Heinrichs IV. Von den anderen Wappen sind identifiziert – wenn auch bisweilen mit einem gehörigen Schuss Fantasie: Heinrich von Lancaster (der spätere Heinrich V.) sowie die Herzöge von Clarence, Bedford, York und Gloucester. Vertreten sind außerdem die folgenden Familien: Grey, Zouche, de la Pole und Wingfield, Neville, Percy, Holland, Beauchamp, Burleigh, Strange of Knockin sowie die FitzAlan, Grafen von Arundel; Montacute, Grafen von Salisbury; Stafford; De Vere, Grafen von Oxford; Courtenay, Grafen von Devon; FitzHugh, Cresson, Woolfe und Fairfax.

In dem gleichen Maße, in dem die Türken mächtiger und mächtiger wurden, wuchs die Bedrohung für die Insel Rhodos. Bis zu den späten 1470er-Jahren hatten sich die Johanniter darauf eingestellt, dass sie, früher oder später angegriffen würden, und bereiteten sich darauf vor, so gut es ging. Vom 23. Mai bis in den späten August des Jahres 1480 belagerten die Türken die Stadt Rhodos mit einem großen Heer, bevor sie sich erschöpft zurückziehen mussten. Die erfolgreiche Verteidigung ihrer Hauptstadt wirkte wahre Wunder für das ohnehin schon hohe Ansehen der Johanniter: In Frankreich wurden Te Deums, Dankprozessionen und Glockengeläut angeordnet; ein Bericht von der Belagerung in englischer Sprache erschien binnen zwei Jahren auch im Druck – und der dem Orden von nun an gezollte Respekt wurde noch größer, als zwei Jahre später Cem, der jüngere Bruder des osmanischen Sultans Bayezid II., im Bruderzwist nach Rhodos floh. Cem war zunächst ein Gefangener der Johanniter, anschließend bis zu seinem Tod 1495 Gefangener des Papstes. Aber die Sultane des Osmanischen Reiches, an dessen Spitze in den folgenden Jahrzehnten so große Eroberer standen wie Selim I. und Süleyman I., konnten nicht zulassen, dass auf Rhodos ein christlicher Vorposten bestehen blieb, selbst wenn dieser, im Vergleich mit ihren sonstigen Eroberungen, unbedeutend erschien. Im Juli 1522 begann eine Kriegsflotte unter dem persönlichen Befehl Sultan Süleymans, Landungstruppen auf Rhodos abzusetzen. Die Invasion war gründlich vorbereitet und ein wahres Großunternehmen. Ab Ende Juli bombardierten türkische Belagerungsgeschütze die Mauern der Stadt. Nach Monaten des Bombardements, des Unterminierens und der Sturmangriffe waren die Befestigungsanlagen von Rhodos nicht länger zu halten, die Vorräte gingen zur Neige, und die griechischen Einwohner der Stadt wollten am liebsten kapitulieren. Am 18. Dezember kapitulierte der Großmeister Philipp de Villiers de l’Isle-Adam und verließ, nachdem die Türken ihm freien Abzug zugesichert hatten, am 1. Januar 1523 die Insel.

Charakteristika der Ordensstaaten

Der Ordensstaat, wie ihn zunächst die Ritter des Deutschen Ordens in Preußen, dann die Johanniter auf Rhodos und später auf Malta entwickelten, war eine gänzlich neue und auch eigentümliche Art von Gemeinwesen. Seine Herrschaftsform war die Theokratie. Regiert wurde er von einer Kriegerelite, deren Mitglieder die religiösen Gelübde ihres Ordens abgelegt hatten, von außerhalb ihres Herrschaftsbereiches stammten und sich von der einheimischen Bevölkerung abschotteten bzw. diese auf Abstand hielten – wenn auch das Verhalten den Einheimischen gegenüber in der Regel wohlwollend war. Allerdings waren Familien auf Rhodos oder Malta, die ansonsten qualifiziert gewesen wären, ihre Söhne dem Orden zu überlassen, von der Mitgliedschaft ausgeschlossen.

Die Politik der Ordensbrüder gegenüber ihren nichtchristlichen Nachbarn jedoch – die im Einklang mit der christlichen Theologie des gerechten Krieges hätte eigentlich defensiv ausgerichtet sein müssen – war in der Praxis höchst aggressiv. Das zeigten die Raubzüge des Deutschen Ordens in Litauen oder die Kriegsfahrten der Johanniter-caravanisti im östlichen Mittelmeer, die durch den sogenannten corso ergänzt wurden, eine Art Freibeuterei im Namen Gottes. Tatsächlich wurden solche Kaperfahrten gegen die Muslime, für deren Verwaltung ein eigenes Tribunal zunächst auf Rhodos, später auf Malta zuständig war, von den Johannitern und anderen finanziert, wobei zehn Prozent der erzielten Beute an den Großmeister gingen. Im Verlauf des Jahres 1519 brachte der corso dem Johanniterorden 47.000 Dukaten ein. Dies kam nicht zuletzt dem Handel der Rhodier selbst zugute – wenn auch die Praxis, Kriegsgefangene entweder auf Rhodos festzuhalten oder in die Sklaverei zu verkaufen, die osmanische Regierung erzürnte und zu dem Entschluss Sultan Süleymans beitrug, die Insel im Jahr 1522 zu erobern.

Zypern

Südöstlich von Rhodos lag das Königreich Zypern, das von Königen (und einer Königin) aus dem Hause Lusignan regiert wurde: Heinrich II., Hugo IV., Peter I., Peter II., Jakob I., Janus, Johann II., Charlotte und Jakob II. Im Jahr 1489 übernahm Venedig die Herrschaft auf Zypern, indem die Republik Caterina Cornaro, die venezianische Gemahlin Jakobs II., adoptierte. Um das zypriotische Erbe antreten zu können, sollten sowohl Caterinas Mann als auch ihr Sohn und Erbe sterben. Die Blütezeit der Insel fiel in die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts, als Zypern sich eines beträchtlichen Wohlstands erfreute. Die Stadt Famagusta war ein bedeutendes Handelszentrum, das über die kleineren Häfen Nordsyriens sowie insbesondere die Hafenstadt Ayas in Kilikien an die asiatischen Handelsrouten angebunden war bis Ayas 1337 von den Mamluken erobert wurde. In derselben Zeit war Zypern das kulturelle Zentrum des lateinischen Ostens, und den Königspalast in Nikosia beschreiben zeitgenössische Reiseberichte als den prachtvollsten des ganzen Erdkreises. Die erhaltenen Kirchen und anderen Sakralbauten aus dem Zypern jener Epoche lassen noch etwas von dem Luxus und der Prachtentfaltung erahnen, die die Reisenden so beeindruckt hat: Die Kathedrale von Famagusta, die Kirche der Heiligen Katharina in Nikosia und jene Unserer Lieben Frau vom Berge Karmel in Famagusta, wo der bedeutende Karmelit und Heilige Peter Thomas begraben wurde, sowie die Prämonstratenserabtei Bellapais gehören zu den schönsten Bauwerken des lateinischen Ostens.

Viele Überlebende der Kreuzfahrerherrschaften auf dem Festland waren mittlerweile nach Zypern gezogen. Zwei der Männer, die am Attentat auf König Peter I. von Zypern, eine der schillerndsten Gestalten der Kreuzzugsbewegung im 14. Jahrhundert, beteiligt waren, trugen Namen, denen wir bereits begegnet sind: Philipp von Ibelin, zumindest dem Anspruch nach Herr von Arsuf, und Heinrich von Dschubail; der drittte Mörder, Johann von Gaurelle, war offenbar der Nachfahre eines poitevinischen Gefolgsmannes Guidos von Lusignan. Ein gewisser Raimund Babin, der ebenfalls zu ihrem Kreis gehörte, entstammte einer Familie, die während des 12. Jahrhunderts im Königreich Jerusalem ansässig geworden war. Auch war, wie bereits gesehen, das zypriotische Feudalsystem mit der Haute Cour von Nikosia an seiner Spitze stark vom Lateinischen Jerusalem geprägt. Wie zuvor auf dem Festland, so überlagerte auch die Verwaltungsgliederung Zyperns ältere administrative Strukturen, in diesem speziellen Fall byzantinische. Die Verfassungstraditionen des Festlandes wurden weiterhin in Ehren gehalten und blieben anfangs stark. Deutlich wird dies am Beispiel eines Vorgangs, bei dem Angehörige der Familie Ibelin 1306 ihren typischen juristischen Einfallsreichtum spielen ließen, um König Heinrich II. abzusetzen und durch seinen Bruder Amalrich zu ersetzen. Amalrich lenkte die Geschicke Zyperns bis zu seinem Tod vier Jahre später. Doch starben diese Traditionen langsam ab, und als die Venezianer die Herrschaft auf Zypern übernahmen, war von der einstigen Bedeutung der Haute Cour von Nikosia kaum noch etwas geblieben. Der venezianische Senat setzte seine eigenen Verwalter ein, die jedoch über keinerlei gesetzgeberische Kompetenzen verfügten. Wer an ihren Gerichten Berufung einlegen wollte, wurde an die höheren Instanzen in Venedig verwiesen.

In den Jahren 1348 und 1349 wurde die Insel Zypern schwer von der Pest getroffen; nach 1369, dem Jahr der Ermordung König Peters I., folgte eine Reihe weiterer Schicksalsschläge. Seit dem 13. Jahrhundert schon hatte sich die zypriotische Wirtschaft ganz auf die Bedürfnisse der Italiener ausgerichtet, und das machte sie außerordentlich anfällig, was die Spannungen zwischen Venedig und Genua betraf. Zypern hatte sich immer mehr den Venezianern zugewandt, als 1372 ein Krieg mit Genua ausbrach. Eine Flotte genuesischer Galeeren brannte Limassol nieder, nahm Paphos im Sturm und eroberte – nach einer Belagerung – Famagusta, wo zuerst König Peter II. und kurz darauf auch sein Onkel und Jakob gefangen genommen wurden. Im Oktober 1374 wurden die Zyprioten schließlich gezwungen, sich zu einer alljährlichen Tributzahlung an die Genuesen zu verpflichten, die ihnen außerdem eine enorme Entschädigung für die Freigabe der Stadt Famagusta abpressten. Ein Versuch, Famagusta mit Waffengewalt zurückzugewinnen, scheiterte 1378, woraufhin die Stadt mitsamt dem Umland an Genua fiel – als Gegenleistung für die Freilassung Jakobs von Lusignan, der in der Zwischenzeit den zypriotischen Thron geerbt hatte.

Über Jahrzehnte hinweg flammte die Auseinandersetzung mit den Genuesen immer wieder auf. Bisweilen siegten die Italiener, und das bedeutete die Zahlung weiterer Entschädigungen. Schließlich unternahmen im Jahr 1425 die ägyptischen Mamluken, von zypriotischen Plünderfahrten an die Küsten Ägyptens und Syriens provoziert, einen großangelegten Angriff auf die Insel, in dessen Verlauf der Küstenstreifen zwischen Larnaka und Limassol geplündert und viele Einwohner in die Sklaverei verschleppt wurden. Nachdem auf diese Weise die Schwäche Zyperns offenbar geworden war – und vermutlich unter der stillschweigenden Duldung der Genuesen –, landete am 1. Juli 1426 ein gewaltiges ägyptisches Invasionsheer im Süden der Insel. Am siebten des Monats wurde das zypriotische Heer in der Schlacht von Chirokitia vernichtend geschlagen. Nikosia wurde geplündert und König Janus geriet in mamlukische Gefangenschaft; wenig später ließen die Sieger den gefangenen König im Triumph durch die Straßen von Kairo führen. Erst gegen ein Lösegeld von 200.000 Dukaten, eine jährliche Tributzahlung von 5000 Dukaten sowie die Unterwerfung Zyperns unter die Oberherrschaft des ägyptischen Sultans kam er wieder frei. Im Jahr 1448 schließlich ging mit Korykos an der Küste Kilikiens die letzte zypriotische Besitzung auf dem levantinischen Festland ver loren.

Griechenland

Westlich und nordwestlich von Zypern befanden sich das venezianische Kreta, das Herzogtum Archipelagos und die anderen Inselherrschaften der Ägäis. Die wichtigsten unter diesen waren das ebenfalls venezianische Euböa und Lesbos – 1354 vom Byzantinischen Reich an Genua übertragen und von der Genueser Familie Gattilusio regiert – sowie Chios, ein Weltzentrum der Mastixproduktion, das die Genuesen 1346 gleichzeitig mit Foça (Phocaea) auf dem Festland besetzt hatten und das für seine bedeutenden Vorkommen des Mineralsalzes Alaun berühmt war.

Die Siedlungslandschaft auf dem griechischen Festland spiegelte die politischen Verwerfungen Unteritaliens wider: Manche Territorrien unterstützten die angevinischen Könige von Neapel, andere die aragonesischen Könige von Sizilien. Die Lehnsherren des Fürstentums Achaia auf der Peloponnes waren, wie gesehen, die Könige von Neapel. In den Jahren 1315/1316 war Achaia Schauplatz eines bewaffneten Konflikts zwischen zwei konkurrierenden Anwärtern auf die Fürstenwürde. Der eine war Ludwig von Burgund, der mit Unterstützung der französischen Krone Mathilde, die Tochter und Erbin des Fürstenpaares von Achaia (Isabella von Villehardouin und Florenz von Hennegau), geheiratet und dem Angeviner Philipp von Tarent gehuldigt hatte, der seinerseits mit der Titularkaiserin des Lateinischen Kaiserreiches von Konstantinopel, die Ehe eingegangen war. Ludwigs Rivale war Ferdinand von Mallorca, der jüngere Sohn König Jakobs II. von Mallorca, der ebenfalls eine Enkelin Wilhelms II. von Villehardouin zur Frau genommen hatte. Bevor Ludwig auf der Peloponnes eintraf, war es Ferdinand gelungen, die Stadt Killini (Glarentza) zu besetzen; dann jedoch wurde er am 5. Juli 1316 in der Schlacht von Manolada getötet. Ludwig, der Sieger, überlebte seinen Gegenspieler bloß um einen Monat, und seine Witwe wurde 1322 zur Aufgabe ihres Fürstentums gezwungen, als herauskam, dass sie still und heimlich – ohne die Einwilligung ihres Lehnsherrn – einen Ritter aus Burgund geheiratet hatte. Der neapolitanische König Robert von Anjou sorgte dafür, dass sein Bruder Johann, bislang Graf von Gravina, von Philipp von Tarent zum Fürsten von Achaia eingesetzt wurde. Dennoch war die lateinische Präsenz auf der Peloponnes nachhaltig geschwächt. Die Lehnsleute des Fürsten hatten ihren eigenen Kopf und erwiesen sich als unregierbar. Im Norden stellten die Katalanen von Athen eine ständige Bedrohung dar. Im Süden waren die Byzantiner von Mistra bestrebt, ihren Einflussbereich auszuweiten. Letztlich wurde der Herrschaftsanspruch Johanns von Anjou allein in den westlichen und nördlichen Küstenregionen seines Fürstentums anerkannt, und obwohl seine Oberherrschaft sich nominell auch auf das gesamte Herzogtum Archipelagos erstreckte, verblieben die Inseln Kefalonia und Zakynthos (Zante) doch fest in der Hand der Familie Orsini, die dort ein de facto autonomes Regiment führte.

Philipp von Tarent starb im Jahr 1331, sein Sohn Robert trat seine Nachfolge an. Da dieser allerdings erst fünf Jahre alt war, regierte seine Mutter, die lateinische Kaiserin Katharina, bis zu ihrem Tod im Jahr 1346 in Roberts Namen. Johann von Anjou, dem die Vorstellung überhaupt nicht gefiel, seinem eigenen Neffen den Lehnseid leisten zu müssen, verzichtete auf das Fürstentum Achaia, das damit in die Hände seines Lehnsherrn zurückfiel. Je deutlicher sich jedoch die Bedrohung Achaias durch die Türken abzeichnete, desto klarer trat – zuerst unter der Herrschaft Roberts, dann unter Philipp II. von Tarent und schließlich unter der neapolitanischen Königin Johanna I. persönlich – das Unvermögen der abwesenden Angeviner zutage, ihren Untertanen beizustehen, die zunehmend in äußerer Isolation und innerem Chaos gefangen schienen. Im Jahr 1376 wurde die lateinische Peloponnes auf fünf Jahre an die Johanniter verpachtet, die allerdings bald feststellen mussten, dass ihnen die Verteidigung der so gewonnenen Territorien eine große Bürde auferlegte – nicht zuletzt, weil 1378 ihr Großmeister Juan Fernández de Heredia bei dem Versuch, die epirotische Stadt Arta zu erobern, gefangengenommen und an die Türken verkauft wurde. Die Herrschaft von Johannas Nachfolgern Karl III. und Ladislaus in ihrem griechischen Fürstentum war kaum noch mehr als eine Formsache; den Ansprüchen einer ganzen Reihe von Prätendenten, die ihnen nachfolgten, fehlte vollends der Bezug zur Realität.

Die tatsächliche Macht im Fürstentum hatte bald eine Gruppe von Rittern aus Navarra und der Gascogne inne, die von den Johannitern angeworben worden waren und bald einen großen Teil der Peloponnes – einschließlich des Fürstengutes – unter ihre Kontrolle gebracht hatten. 1396 sah sich König Ladislaus von Neapel gezwungen, den Tatsachen ins Auge zu sehen, und verlieh dem Anführer der Navarresischen Kompanie, Pedro Bordo de San Superano, die Würde eines Fürsten von Achaia. Nach dessen Tod überredete Centurione Zaccaria, das Oberhaupt der reichsten und ältesten der eingesessenen Adelsfamilien, König Ladislaus dazu, ihm die Fürstenwürde zu übertragen. Centurione, der ein kluger Kopf und fähiger Herrscher war, konnte die lateinische Peloponnes noch eine Generation lang bewahren, doch ihren Todesstoß empfing sie 1429, als der byzantinische Despot von Mistra, Thomas Palaiologos, Centurione zwang, ihm seine Tochter zur Frau zu geben. Noch bis zu seinem Tod 1432 führte Centurione den Titel eines Fürsten von Achaia; danach übernahm Thomas das gesamte Fürstentum mit Ausnahme der venezianischen Besitzungen im Südwesten und Nordosten.

Im Norden bemühte sich die Katalanische Kompanie, die nach der Schlacht von Halmyros 1311 die Herrschaft im Herzogtum Athen übernommen hatte, unter die Oberhoheit Friedrichs, des avagonesischen Königs von Sizilien aufgenommen zu werden, was dieser den Katalanen schließlich gewährte, indem er seinen jüngeren Sohn Manfred als Herzog von Athen einsetzte. Unter der Ägide einer Reihe von fähigen Statthaltern – und zum großen Missfallen des westeuropäischen Adels – wurden die Territorien von Athen und Theben an die Mitglieder der Katalanischen Kompanie verteilt, welche die Herrschaft vor Ort ausübten. Selbst das eifrige Intrigieren von Angehörigen des abgesetzten Hauses Brienne und sogar das Predigen eines Kreuzzuges gegen die Katalanen konnten an diesen neugeschaffenen Tatsachen nichts ändern, und so hielten Manfreds Nachkommen das Herzogtum Athen bis in die 1350er-Jahre, als es wieder an die sizilische Krone zurückfiel. Die Herrschaft der Katalanen wurde mit der Zeit durch innere Streitigkeiten erschüttert, die nach 1377 – im Gefolge einer Auseinandersetzung innerhalb der aragonesischen Königsfamilie über Sizilien – an Intensität zunahmen. 1379 wurde das Herzogtum Athen der aragonesischen Krone zugeschlagen, während Theben im selben Jahr – und unter Mitwisserschaft der Johanniter – von Angehörigen der Navarresischen Kompanie besetzt wurde. Bereits 1385 jedoch marschierte Nerio Acciaiuoli, Herr von Korinth und Spross einer Florentiner Bankiersfamilie, die es in angevinischen Diensten auf der Peloponnes zu beträchtlichem Einfluss gebracht hatte, im Herzogtum ein und besetzte 1388 die Akropolis von Athen, wodurch die Herrschaft der Katalanen an ihr Ende gelangte. Nerio starb 1394 ohne rechtmäßigen männlichen Erben. Sein Schwiegersohn, der byzantinische Despot von Mistra Theodoros I. Palaiologos, besetzte Korinth. Eine Zeit lang hielten die Venezianer Athen, bevor Nerios unehelicher Sohn Antonio Acciaiuoli sie vertrieb und während einer vergleichsweise friedlichen und vom Wohlstand verwöhnten Periode von 1403 bis 1435 als Herzog von Athen regierte. Die Ära von Antonios Nachfolgern endete mit der türkischen Eroberung von Athen am 4. Juni 1456.

Die Geschichte der Lateiner im östlichen Mittelmeerraum des 14. und 15. Jahrhunderts ist geprägt von Kleinstaaterei und nicht selten abwesenden Herrrschern, die wenig mehr als ihre christliche Religion verband und die sich einer wachsenden Bedrohung durch das Osmanische Reich gegenübersahen. Wesentlich für ihre Geschichte ist der Niedergang der alten ritterlichen Kultur angesichts unabhängiger Söldnerkompanien und italienischer Finanziers. Auf allen Ebenen der Herrschaftsstrukturen des lateinischen Ostens finden sich zu dieser Zeit Italiener, deren Handelsinteressen zugleich ein Interesse an der Erhaltung und sogar Lenkung der betreffenden Territorien mit sich brachten und deren Schiffe die Kommunikation sicherstellten. Ebenso treten die Ritter des Johanniterordens hervor, die als Friedensstifter aktiv waren.

Kreuzzüge auf der Iberischen Halbinsel (1302–1354)

Obgleich die Könige von Kastilien und Aragón in den Jahren 1309/1310 einen fruchtlosen Kreuzzug gegen die Mauren führten, der mit Sicherheit – und so war es wohl auch beabsichtigt – das passagium particulare der Johanniter in das Heilige Land verzögerte, kam es auf der Iberischen Halbinsel im frühen 14. Jahrhundert – trotz einiger Aktivität in den Jahren 1318/1319 und trotz regelmäßiger Geldzahlungen und Predigtkampagnen – zu einem Stillstand in der Kreuzzugsaktivität. Die Päpste betrachteten mit Argwohn die offenkundige Tendenz der iberischen Könige, Aufrufe zum Kreuzzug – nicht ohne Zynismus – für ihre eigenen politischen Ziele zu instrumentalisieren. Doch im Jahr 1312 bestieg Alfons XI., der sich in der Folge als der fähigste iberische Heerführer seit den Tagen Ferdinands III. erweisen sollte, den Thron von Kastilien. Ab 1328 belegt eine Reihe päpstlicher Schreiben mit Predigtaufrufen und Appellen zur Erhebung von Zehnten und tercias, dass die Kreuzzugsaktivitäten an der Grenze zu Granada zu neuem Leben erwachten. Diese Entwicklung erregte auch jenseits der Pyrenäen Aufmerksamkeit, und in den Jahren 1326/1327 und 1331 legte König Philipp VI. von Frankreich (1326 noch als Graf von Valois) genug Enthusiasmus an den Tag, die Aufstellung und Entsendung von Kreuzfahrerkontingenten zu planen. 1328/1329 folgten König Johann von Böhmen und König Philipp von Navarra seinem Beispiel, 1330 dann Graf Wilhelm V. von Jülich. Zu jener Zeit herrschte in ganz Westeuropa ein verbreiteter Kreuzzugsenthusiasmus, und Außenstehende hatten schon seit hundert Jahren nicht mehr so viel Interesse an der Reconquista gezeigt. Allerdings kühlte die Begeisterung ein wenig ab, als 1331 die Nachricht von einem kurzlebigen Waffenstillstand mit Granada die Runde machte.

1340 begann der Merinidensultan Abu l-Hasan ʿAli, Truppen von Marokko über die Straße von Gibraltar nach Andalusien überzusetzen, wonach dann ein muslimisches Heer von rund 67.000 Mann die Stadt Tarifa belagerte. Alfons XI. zog ihnen an der Spitze eines Heeres von etwa 21.000 Kastiliern und Portugiesen entgegen und ging in der Schlacht, die nun folgte, ein ähnlich hohes Risiko ein, wie es sein Vorfahr Alfons VIII. in der Schlacht von Las Navas de Tolosa getan hatte. Am 30. Oktober errang das Heer Alfons’ XI. an den Ufern des Flüsschens Salado einen entscheidenden Sieg und kehrte in der Folge mit so reicher Beute nach Sevilla zurück, dass selbst im fernen Paris die Preise für Gold und Silber merklich fielen. Im August 1342 belagerte Alfons mit einem Heer, dessen Ritter aus ganz Europa nach Spanien gekommen waren, die Stadt Algeciras: Genuesen kämpften neben französischen, spanischen, deutschen und englischen Adligen mit ihrem Gefolge, darunter auch König Philipp III. von Navarra, Gaston IX. von Béarn, Roger Bernard III. von Castelbon sowie die Grafen von Derby und Salisbury. Algeciras fiel im März 1344 an die Belagerer. Die Straße von Gibraltar war für die Spanier gewonnen und der Zustrom nordafrikanischer Truppen nach Andalusien eingedämmt. 1350 jedoch starb König Alfons während der Belagerung von Gibraltar am Schwarzen Tod; danach flaute die Reconquista für ein ganzes Jahrhundert ab. Von inneren Konflikten gespalten, war das christliche Iberien zu schwach, um Granada zu erobern. Der Realismus wich der Träumerei, etwa als König Peter I. von Kastilien 1354 vorschlug, man solle einen Kreuzzug nach Nordafrika führen – zehn Jahre zuvor waren bereits ähnliche Pläne für einen Feldzug auf die Kanarischen Inseln geschmiedet worden.

Kreuzzüge in Italien (1302–1378)

Aus der Sicht der Päpste herrschten noch immer dieselben Interessenkonflikte wie im 13. Jahrhundert, ja bisweilen hielt man die Ambitionen politischer Gegner innerhalb Europas für eine größere Bedrohung der Christenheit als der länger werdende Schatten im Osten. Die italienischen Kreuzzüge zur Unterstützung der angevinischen Herrschaft im Königreich Neapel waren 1302 zu Ende gegangen. Danach richteten sich weitere Kampagnen gegen die Ghibellinen, also die Anhänger des römisch-deutschen Kaisertums in seiner Konfrontation mit den Päpsten, die in Ober- und Mittelitalien erneut erstarkt waren. Dennoch wurde der erste wirklich bedeutsame Kreuzzug dieser neuen Ära im Jahr 1309 gegen Venedig gepredigt, das nun wirklich keine Ghibellinenstadt war. Den Hintergrund bildete hierbei ein Streit der Venezianer mit dem Papst über die Erbfolge in der Markgrafschaft Ferrara, die für beide Konfliktparteien strategisch überaus bedeutsam war. Venedig lenkte schließlich 1310 ein, doch Ferrara, das ab 1317 unter einer papstfeindlichen Regierung stand, war auch vom nächsten Kreuzzug betroffen, der im Dezember 1321 gegen die dortigen Herrscher aus der Familie der Este ausgerufen wurde. Ebenfalls bekämpft werden sollten die Ghibellinen Matteo Visconti in Mailand und Friedrich von Montefeltro sowie Friedrichs Brüder und Anhänger in den Marken und im Herzogtum Spoleto. Zwar wurde Friedrich von Montefeltro besiegt und die Mailänder Herrschaft der Visconti zerschlagen, aber der anhaltende ghibellinische Widerstand in der Region verhinderte die Durchsetzung der päpstlichen Autorität auch weiterhin. Im Jahr 1324 wurde der Kreuzzug auf Mantua ausgeweitet, doch obwohl der finanzielle Einsatz im weiteren Verlauf immens war, bewirkte die Kampagne nicht mehr als ein labiles Gleichgewicht der Kräfte, das bereits durch den Zug König Ludwigs IV. des Bayern nach Italien im Jahr 1327 wieder zerstört wurde. Ludwigs anfänglicher Erfolg, seine Absetzung des Papstes, Ernennung eines Gegenpapstes und Besetzung Roms führten schließlich dazu, dass 1328 zum Kreuzzug gegen ihn aufgerufen wurde. Allerdings zwang ein Mangel an Geld und Vorräten Ludwig zum Rückzug aus Italien, woraufhin das Bündnis der Ghibellinen zerbrach und viele ihrer Anführer – darunter Azzo Visconti und die Angehörigen des Hauses Este – die Seiten wechselten.

Papst Johannes XXII. verfolgte nun den Plan, in der Lombardei als päpstliches Lehen ein Königreich für König Johann von Böhmen zu errichten. Johann war der einzige Sohn Kaiser Heinrichs VII. und ein überzeugter Kreuzfahrer. Im September 1332 wurde die „Liga von Ferrara“ gebildet, um dies zu verhindern: Das Ansinnen des Papstes, seine Macht in Mittel- und Oberitalien zu festigen, wurde durchkreuzt. Noch einmal versuchte der Heilige Stuhl in dieser Sache sein Glück, als Papst Innozenz VI. im Jahr 1353 seinen Kardinal Gil Albornoz, der als Erzbischof von Toledo vor der Schlacht am Salado eine Feldmesse gehalten hatte, von Avignon nach Italien schickte, um dort die Herrschaft über den Kirchenstaat zurückzuerlangen. In dessen westlichen Provinzen war Albornoz erfolgreich; an der Romagna jedoch scheiterten seine Bemühungen. Im Oktober 1354 erklärte der Heilige Stuhl den Ghibellinen Francesco II. Ordelaffi von Cesena sowie die Familie Manfredi aus Faenza zu Ketzern, woraufhin im Winter 1355/1356 ein Kreuzzug gegen sie ausgerufen wurde. 1357 schloss Kardinal Albornoz zu einem hohen Preis die Rückeroberung der Romagna ab.

Bereits 1360 befand sich die Kirche jedoch wieder im Krieg gegen die Visconti in Mailand und erklärte Bernabò Visconti 1363 zum Ketzer. Der Kreuzzug wurde wieder auf genommen, und obgleich es 1363 zu einem Friedensschluss kam, folgten schon 1368 erneute Predigtkampagnen in Italien, Deutschland und Böhmen. Ein Merkmal der Kriege in den 1350er- und 1360er-Jahren war der Einsatz von Söldnerkompanien auf beiden Seiten. Wenn diese Söldnerheere außer Kontrolle gerieten, rief man wiederum gegen sie zum Kreuzzug auf. Dementsprechend wurde dann auch im Frankreich der 1360er-Jahre gegen marodierende routiers vorgegangen. Beinahe während des gesamten Pontifikats Gregors XI. (1371–1378) führte die Kirche Krieg in der Lombardei und der Toskana, wenn auch Gregor, der die Umwandlung von Kreuzzugsgelübden befürwortete, immer wieder auf die Kreuzzugsterminologie zurückgriff und auch einige Kreuzzugssteuern zur oberitalienischen Kriegführung umwidmete, diesen Kampagnen offenbar nicht den vollen Kreuzzugsstatus zusprechen wollte; stattdessen vergab er beschränkte Ablässe, die auch nur im Todesfall wirksam wurden.

Dieser räumlich begrenzten Kreuzzugsaktivität verlieh das Exil der Päpste von 1309 bis 1378 in Avignon zusätzlichen Auftrieb. Einerseits verspürten sie den starken Drang, nach Rom zurückzukehren; andererseits zögerten sie, dies zu tun, solange der Kirchenstaat nicht vollkommen befriedet war. Insbesondere nach den Einfällen Ludwigs des Bayern fürchteten sie die römisch-deutschen Kaiser und deren Heere, und deshalb waren sie bemüht, ihre Ansprüche zu festigen, wo immer sich die Gelegenheit bot. Kritik an dieser päpstlichen Strategie blieb nicht aus, insbesondere in Frankreich nicht, wo in den 1320er-Jahren ein wahres Kreuzzugsfieber grassierte: Warum sollte man kostbare Ressourcen in Italien verschwenden, wenn doch ein Kreuzzug zur Rückeroberung des Heiligen Landes geplant war? Papst Johannes XXII. setzte 1319 in seinem italienischen Krieg sogar eine französisch-päpstliche Flotte von zehn Schiffen ein, die eigentlich für den Kreuzzug im Osten bestimmt gewesen war. Der französische König Philipp V. nahm daraufhin die Visconti und die Allianz der anderen Ghibellinen unter seinen ausdrücklichen Schutz. Auch konnten die Päpste es nicht vermeiden, irgendwann für die immensen Kosten ihrer Kriege einzustehen: Johannes XXII. etwa gab dafür beinahe zwei Drittel seiner Gesamteinkünfte aus. Es ist erstaunlich, dass der Heilige Stuhl all diese Rechnungen begleichen konnte und dabei noch zahlungsfähig blieb. Um diese Herausforderung zu meistern, griffen die Päpste auf ihre Erfahrungen aus dem 13. Jahrhundert zurück und schufen ein Geflecht von Sondersteuern, insbesondere karitativer Subsidien („freiwilliger“ Schenkungen), Annaten (Steuern auf das erste Jahreseinkommen eines neu bestellten Pfründners) sowie Einkünfte aus Pfründen während Vakanzen, die zwischen dem Tod oder der Absetzung des einen und der Bestellung des nächsten Inhabers anfielen, die jene Einkommenssteuern ergänzten, die ohnehin vom Klerus erhoben wurden. Im Ergebnis entstand ein System zur Besteuerung des Klerus, das bis zum Ausgang des Mittelalters Bestand haben sollte.

Die Päpste des 14. Jahrhunderts neigten dazu, Ghibellinentum mit Häresie gleichzusetzen oder zumindest mit Schisma, und diese Argumentation diente neben traditionellen Verweisen auf die Verteidigung der Mutter Kirche zur Rechtfertigung der italienischen Kreuzzüge. Ab den 1320er-Jahren sahen sich die Ghibellinen energisch und mit großer Eloquenz vorgetragenen Anschuldigungen gegenüber, die sie als Häretiker hinstellten. So verwies man etwa auf ihre Ablehnung der päpstlichen Autorität sowie ihre Verbindungen zu bekannten Häretikern wie etwa den Franziskanerspiritualen. So gesehen, handelte es sich bei den italienischen Kriegen des Heiligen Stuhls bloß um größere Ausprägungen desselben Typus von Kreuzzug, wie ihn etwa jene brutale kleine Strafexpedition darstellt hatte, die schon 1306/1307 im Piemont gegen die Anhänger des Fra Dolcino angestrengt worden war; oder der 1327 gegen die ungarischen Katharer ausgerufene Feldzug – der abgebrochen wurde, als man erkannte, dass er die Autorität der Inquisition schmälerte; oder eine vergleichsweise kleine Kampagne gegen böhmische Häretiker im Jahr 1340.

Kreuzzüge in den Nahen Osten nach dem Fall von Akkon

Die Expansion des Osmanischen Reiches sollte die schwerste Bedrohung darstellen, die Europa seit dem 8. Jahrhundert erlebt hatte. Wirklich besorgt wurde man im Westen im Jahr 1369, als der byzantinische Kaiser Johannes V. Palaiologos nach Rom reiste, um dort um Beistand gegen die Türken zu bitten. Die Geschichte der Kreuzzüge in den Osten zwischen 1291 und 1523 zerfällt also in zwei Teile. In dem ersten Zeitraum stellten die Rückeroberung Palästinas sowie die vorherige Zerschlagung der Mamlukenherrschaft in Ägypten als Voraussetzung für die beiden vorrangigen Ziele dar. Dazu kam natürlich die Verteidigung der verbliebenen lateinischen Herrschaften, insbesondere gegen die Piratenakte der türkischen Fürstentümer Mentesche und Aidin. Dies bedeutete eine Verlagerung der Kreuzzugsaktivität vom Land auf das Meer bis hin zur beinahe ausschließlichen Seekriegführung. In dem daran anschließenden zweiten Zeitraum wurde die Verteidigung des christlichen Europa gegen die Osmanen am wichtigsten.

In ihrer langen Geschichte profitierte die Kreuzzugsbewegung stets von Schreckensmeldungen, und so nimmt es nicht wunder, dass auch nach dem Verlust von Akkon der Eifer der Kreuzfahrer neu entflammte. Im Jahr 1300 machte ein Gerücht in Europa die Runde, demzufolge die Mongolen Palästina erobert und an die Christen zurückgegeben hatten. Papst Bonifatius VIII. sandte diese „herrliche und freudenreiche Nachricht“ an König Eduard I. von England und vermutlich auch an Philipp IV. von Frankreich. Der Papst rief die Gläubigen dazu auf, sich unverzüglich auf den Weg ins Heilige Land zu machen, und wies die von dort exilierten lateinischen Bischöfe an, in ihre Bistümer zurückzukehren. Überall in Europa nahmen Männer schnellstens das Kreuz. Einige edle Damen in Genua verkauften gar ihre Juwelen, um aus dem Erlös eine Kreuzfahrerflotte zu finanzieren, doch letztlich wurde das gesamte Vorhaben fallengelassen.

Die päpstliche Kurie wollte dem Königreich Kleinarmenien zu Hilfe eilen, das noch immer den Mamluken standhielt, und die Lateiner in Griechenland unterstützen. Vor allem jedoch sollte eine Handelsblockade gegen Ägypten durchgesetzt werden, die nach Ansicht der meisten Verantwortlichen das Vorspiel zu einem Kreuzzug bilden musste. Ab dem Pontifikat Bonifatius’ VIII. erließen die Päpste regelmäßig Dekrete, die sich mit dieser Blockade befassten. Clemens V. autorisierte die Johanniter auf Rhodos, die Schiffe christlicher Kaufleute zu kapern, die mit den Mamluken Handel trieben, und deren Fracht zu beschlagnahmen. Ab den frühen 1320er-Jahren verhängte der Heilige Stuhl strenge Handelsembargos, und welcher Kaufmann gegen sie verstieß, sollte exkommuniziert werden. Neben solchen eigenen Maßnahmen bemühten sich die Päpste jedoch auch, direkt auf die westlichen Handelsgemeinschaften einzuwirken, die sich häufig dazu bewegen ließen, für ihre Angehörigen Vorschriften zu erlassen, die im Einklang mit den päpstlichen Wünschen standen. Die Effektivität der Handelsblockade gegen Ägypten ist in der Forschung umstritten. Zwar erlangten Häfen wie etwa das kilikische Ayas, die als Vermittler zwischen christlichen und muslimischen Kaufleuten fungieren konnten, schnell größere Bedeutung; aber der direkte Austausch mit den islamischen Handelszentren ging – wenn auch in verringertem Umfang – ebenfalls weiter. Und als die mongolischen Handelswege durch Zentralasien in den 1340er-Jahren zeitweilig unterbrochen waren – was den Handel im gesamten Schwarzmeerraum stark beeinträchtigte –, bestanden die Italiener darauf, ihre Geschäftsbeziehungen zu den Mamluken wieder aufnehmen zu dürfen. Ab 1344 gewährte der Heilige Stuhl, der wohl die Hoffnung auf eine tatsächliche Rückeroberung des Heiligen Landes langsam aufgab, Konzessionen für einen solchen Direkthandel mit den Muslimen.

Nach dem Tod Papst Bonifatius’ VIII. 1303 schlug sich der wachsende französische Einfluss in der Kurie in der Unterstützung Karls von Valois nieder, des Bruders des französischen Königs, der im Jahr 1301 mit Katharina von Courtenay die Erbin des Lateinischen Kaiserreiches von Konstantinopel geheiratet und es sich vorgenommen hatte, dieses Reich zurückzugewinnen. Zur Unterstützung von Karls Vorhaben autorisierte der Heilige Stuhl 1306 die Erhebung von Kreuzzugszehnten in Frankreich, Sizilien und Neapel; 1307 wurde eine Predigtkampagne in Italien angeordnet. Zwar verzögerte sich Karls Abmarsch so lange, dass in der Zwischenzeit die Koalition gegen den byzantinischen Kaiser, auf die er angewiesen war, zerbrach; doch hatte währenddessen Papst Clemens V. die Möglichkeit eines allgemeinen Kreuzzuges zur Rückeroberung Palästinas ins Auge gefasst. Die Haltung der Franzosen sowie der Skandal um den Templerorden sorgten jedoch dafür, dass dieses passagium generale bestenfalls ein langfristiges Ziel sein konnte, und so machte sich Clemens an die Vorbereitung eines passagium particulare, eines eingeschränkten Kreuzzuges also, der 5000 Mann unter dem Oberbefehl des Großmeisters der Johanniter auf fünf Jahre in den Osten führen sollte, wo ihnen die Verteidigung von Zypern und Kilikien sowie der Kampf gegen christliche Blockadebrecher übertragen werden würde. Der Papst musste der Tatsache ins Auge sehen, dass der gegen das muslimische Granada gerichtete Kreuzzug Jakobs II. von Aragón, der zur selben Zeit vorbereitet wurde, eine große Zahl potenzieller Rekruten band, obgleich es dennoch als ein Zeichen breiter Unterstützung für Kreuzzugsvorhaben im Osten gewertet werden muss, dass im Sommer des Jahres 1309 große Mengen größtenteils armer Land- und Stadtbewohner in England, Flandern, Nordfrankreich und Deutschland das Kreuz nahmen, um sich sogleich zu unorganisierten Haufen zusammenzuschließen. Es heißt, dreißigbis vierzigtausend dieser Freiwilligen seien nach Avignon gezogen, um dort vom Papst die Ausrufung eines allgemeinen Kreuzzuges zu fordern. Das Expeditionsheer, das Anfang 1310 den Hafen von Brindisi verließ, erreichte jedoch, wie bereits gesehen, nur wenig mehr, als die Johanniterherrschaft auf Rhodos zu festigen.

Roger von Stanegrave

Roger wurde um 1260 vermutlich in eine Ritterfamilie aus Yorkshire hineingeboren. Schon als Knabe nahm er am Kreuzzug des zukünftigen Königs Eduard I. von England teil und war zugegen, als Eduard im Jahr 1271 in Akkon eine Gesandtschaft des mongolischen Ilchans Abaqa empfing. Aus seiner Schilderung dieser Begebenheit scheint hervorzugehen, dass Roger selbst dem Gefolge von Eduards Onkel Wilhelm von Valence angehörte. Allerdings kann er zu jener Zeit kaum älter als ein Kind gewesen sein, da er, wie er ebenfalls berichtet, bei seiner Gefangennahme durch die Muslime zehn Jahre darauf aufgrund seiner Jugend verschont wurde. Roger blieb auch nach dem Kreuzzug in Akkon, trat als Laienbruder dem Orden vom Hospital des heiligen Johannes bei und wurde in dessen Zentralkonvent eingesetzt, wo er 1276 Zeuge eines äußerst angespannten Treffens zwischen König Hugo und dem Großmeister des Templerordens Wilhelm von Beaujeu wurde, kurz bevor der König Palästina empört verließ. 1280 begegnen wir Roger als einem Angehörigen der Garnison in der großen Johanniterfestung von Margat, wo er die erfolgreiche Abwehr eines muslimischen Angriffs miterlebte, doch nur wenig später wurde er schwer verwundet gefangengenommen, vermutlich in der Schlacht bei Homs, in der 1281 ein Johanniterkontingent an der Seite der Mongolen kämpfte. Roger behauptet, der Mamlukensultan habe ihn begnadigt, aber er weigerte sich, den muslimischen Glauben anzunehmen, und wurde sieben Jahre lang in Einzelhaft gefangen gehalten. Insgesamt verbrachte er mindestens 34 Jahre in muslimischer Gefangenschaft, bevor schließlich 1315/1316 durch die Vermittlung eines Juden namens Isaak, der Rogers Lösegeld zahlte, seine Freilassung arrangiert werden konnte. Roger ging nun zunächst nach Rhodos und kehrte zwei Jahre später – in Begleitung Isaaks, bei dem Roger noch seine Schulden zu begleichen hatte – nach England zurück. König Eduard II. persönlich setzte sich in einem Schreiben dafür ein, dass Roger eine Kommende des Johanniterordens übertragen werde – vermutlich, um ihm ein gutes Auskommen für seinen Lebensabend zu verschaffen. Um das Jahr 1332, zu einer Zeit also, als gerade der Kreuzzug von 1334 vorbereitet wurde, schrieb Roger auf der Grundlage seiner langjährigen Erfahrung mit dem Islam eine Abhandlung über das Kreuzfahrerwesen, die größtenteils Informationen über den muslimischen Nahen Osten enthielt. Nur wenig später muss er gestorben sein.

In den Jahren nach 1310 quälte das Papsttum noch immer die Sorge um die Zukunft des lateinischen Griechenland. Der Heilige Stuhl gewährte Philipp von Tarent Kreuzzugszehnten und Ablässe und autorisierte Kreuzzüge zur Unterstützung der Familie Brienne, die das Herzogtum Athen von der Katalanischen Kompanie zurückzugewinnen suchte; ein solcher Kreuzzug wurde sogar noch 1330 bestätigt. Doch mit der Wahl von Johannes XXII. im Jahr 1316 rückten Kreuzzüge noch weiter östlich wieder in den Mittelpunkt der päpstlichen Aufmerksamkeit. Dies war auch eine Reaktion auf den Enthusiasmus, der in Frankreich um sich griff und dort 1320 zu einem weiteren Hirtenkreuzzug führte. Beim Konzil von Vienne hatte Philipp IV. von Frankreich eingewilligt, einen Kreuzzug vorzubereiten. Zu diesem Zweck war der gesamten Kirche auf sechs Jahre ein Kreuzzugszehnt auferlegt worden; der französische Anteil, der außerdem um ein siebtes Jahr verlängert wurde, war unmittelbar dem König zugesprochen worden. Anlässlich einer großen Versammlung, die zu Pfingsten 1313 in Paris zum Ritterschlag der Königssöhne einberufen worden war, nahmen Philipp, seine Söhne und sein Schwiegersohn, König Eduard II. von England, das Kreuz. Philipp starb bald darauf, doch sein Sohn Philipp V. stand voll und ganz hinter dem Kreuzzugsvorhaben. Um ihn zu unterstützen, bewilligte Papst Johannes nicht nur einen weiteren Zehnten, der auf vier Jahre von der französischen Kirche erhoben werden sollte – er gewährte dem jungen König auch eine Zahlung der französischen Annaten auf ebenfalls vier Jahre. Diesen Subsidien folgte 1318 ein weiterer Zehnt auf zwei Jahre. Seit 1312 hatte die französische Krone also Zehntzahlungen für elf Jahre sowie vier Jahreszahlungen an Annaten erhalten, wovon sich allein der Zehnt auf rund 2.750.000 Pfund Tournois belaufen haben dürfte. Doch eine Rebellion in Flandern hielt Philipp V. auf, und so begannen die an der Kreuzzugsplanung beteiligten Parteien angesichts einer wachsenden Bedrohung Kilikiens über ein erneutes passagium particulare nachzudenken, das Ludwig I. von Clermont befehligen sollte. Die Vorhut dieser Flotte war es, die Johannes XXII. 1319 nach Italien umleitete, wo sie in den italienischen Kriegen vernichtet wurde. Philipp V., der ein enthusiastischer Kreuzfahrer war, schlug, wie gesehen, eine überaus harte Linie ein. In seinem Testament sah er 100.000 Pfund für die Durchführung eines zukünftigen Kreuzzuges vor, den er unter anderen Umständen – 1321 zog er sich eine tödliche Krankheit zu – wohl selbst an geführt hätte. Noch im Winter 1319/1320 hielt der König nämlich eine Reihe von Versammlungen ab, zu denen er zahlreiche alte Haudegen aus den Provinzen seines Reiches lud – so vermutlich auch Odo von Grandson –, damit sie ihm mit ihrem Rat beistünden.

Kreuzzüge in den Nahen Osten (1323–1360) und das Aufkommen von Kreuzzugsligen

Im Januar 1323 verbreitete der erst im Jahr zuvor gekrönte französische König Karl IV. einen weiteren detaillierten Vorschlag für einen Kreuzzug. Dieser sollte drei Teile haben: ein primum passagium, dessen Teilnehmer unverzüglich die Segel setzen sollten, um Kilikien beizustehen; ein passagium particulare entweder im Folgejahr oder bald darauf sowie, auf lange Sicht, ein passagium generale zur Rückeroberung des Heiligen Landes. Die Planung scheiterte – wie so oft – an den Finanzen, denn es war abzusehen, dass die Kirche von Frankreich einen Großteil der Kosten würde tragen müssen; dazu war sie jedoch keinesfalls in der Lage, und so sorgte erst König Philipp VI., auch er ein Kreuzzugsenthusiast, im Jahr 1328 für eine Wiederbelebung dieses Projekts. 1331 willigte der Papst ein, einen Kreuzzug predigen zu lassen, der noch vor Ostern 1334 aufb rechen sollte. Philipps Plan, der den Papst zunächst überrascht hatte, war außerordentlich ambitioniert. Wieder sollte der Kreuzzug drei Phasen umfassen, deren Hauptbeitrag von französischer Seite ein passagium generale darstellen würde. Dieser allgemeine Kreuzzug sollte, so war es geplant, Europa im August 1336 unter dem Kommando des Königs selbst verlassen. Philipp sollte dabei als Generalkapitän der Kirche agieren. Am 1. Oktober 1333 nahmen Philipp und viele seiner Vasallen das Kreuz in einer weiteren großen Pariser Zeremonie auf den Wiesen nahe Saint-Germain-des-Près.

Das erste der beiden einleitenden passagia begann 1334. Es war gleich ein großer Erfolg, brachte es doch die Gründung eines Seebundes, der die Piraten von Mentesche und Aidin bekämpfen sollte. Wir haben es hier mit dem ersten Beispiel für eine neue Art der Kreuzzugsführung zu tun, die rasch an Bedeutung gewann. Ein entscheidendes Merkmal der Kreuzzüge war stets ihr transnationaler Charakter gewesen, die Tatsache, dass sie – in der Theorie, wenn auch nicht unbedingt in der Praxis – auf die Unterstützung der gesamten res publica Christiana bauten. Die neuen Kreuzzugsligen jedoch, die nun entstanden, erhoben überhaupt nicht den Anspruch, im Namen der gesamten Christenheit zu handeln. Als „Grenzlandkreuzzüge“, wie sie ein Historiker genannt hat, stellten sie Bündnisse jener Mächte dar, die, an ihren Grenzen unmittelbar mit dem Islam konfrontiert, sich am stärksten bedroht fühlten oder deren Herrscher aus einem anderen Grund einen besonderen Enthusiasmus in Sachen Kreuzzug an den Tag legten. Dennoch wurden diese Feldzüge von den Päpsten autorisiert, und ihre Teilnehmer kamen in den Genuss der üblichen Kreuzzugsprivilegien.

Die erste solche Liga basierte auf einer Übereinkunft zwischen den Venezianern, den Johannitern und dem byzantinischen Kaiser Andronikos III., die im September 1332 auf Rhodos geschlossen wurde. Gemeinsam wollten die Vertragspartner eine Flotte von zwanzig Galeeren unterhalten, die fünf Jahre lang in den Gewässern der Region zum Einsatz kommen sollte. Im Herbst und Winter 1333/1334 kamen Philipp VI. von Frankreich, Hugo IV. von Zypern und Papst Johannes XXII. überein, weitere Galeeren bereitzustellen, wodurch deren Gesamtzahl – zumindest auf dem Papier – auf vierzig Schiffe anstieg. Diese Flotte war es, die den Türken im Golf von Edremit eine schwere Niederlage zufügte.

Dieselbe Liga sollte auch an einem zweiten passagium beteiligt sein, einem Expeditionstrupp von 800 Mann unter dem Befehl Ludwigs von Clermont, dessen Landung in Kleinasien für 1335 geplant war: Insgesamt 400 Mann sollten Frankreich und der Heilige Stuhl stellen, 200 die Johanniter und je 100 Zypern und das Byzantinische Reich, während Venedig und Neapel zusätzliche Schiffe zur Verfügung stellen würden. Allerdings starb Papst Johannes XXII. gegen Ende des Jahres 1334, und Frankreich näherte sich einem Krieg mit England. Unter Johannes’ Nachfolger Benedikt XII., wurden die Pläne für das zweite passagium daher vorerst auf Eis gelegt. Ein Versuch, den früheren Seebund wiederzubeleben, führte offenbar nicht zum Erfolg, aber zu einem bestimmten Zeitpunkt machten der Heilige Stuhl, das Byzantinische Reich und die französische Krone anscheinend dennoch Schiffe bereit. 1336 musste Papst Benedikt einsehen, dass die politische Lage in Westeuropa derart ungünstig für einen Kreuzzug war, dass das passagium generale ebenfalls abgesagt werden musste; ein kleines Hilfskontingent sandte er trotzdem nach Kilikien. Das Scheitern des ambitionierten Plans führte zu nichts als Ernüchertung und bitteren Anschuldigungen.

Nachfolger Benedikts XII. wurde im Mai 1342 Clemens VI., der in den frühen 1330er-Jahren ein führendes Mitglied jener Delegation gewesen war, die im Namen Philipps VI. die Verhandlungen mit dem Heiligen Stuhl geführt hatte. Clemens hegte keinerlei Pläne für einen allgemeinen Kreuzzug, dessen Vorbereitung unter den gegebenen Umständen ein Ding der Unmöglichkeit gewesen wäre – England und Frankreich führten einen erbitterten Krieg, und ganz Westeuropa litt unter einer schweren Wirtschaftskrise –, aber stattdessen entstand unter seiner Ägide eine neue Strategie, die an die Erfolge von 1334 anknüpfen sollte. Auf Bitten aus Venedig, Zypern und Rhodos hin sandte Clemens einen Legaten nach Venedig, um dort die Bildung eines neuen Seebundes gegen die türkischen Piratenterritorien auszuhandeln, die sich nun auf dem Gipfel ihrer Aggressivität befanden. Der Heilige Stuhl und Zypern sollten je vier Galeeren beisteuern, die Johanniter und die Venezianer jeweils sechs. Der Papst finanzierte seine Galeeren, indem er in einigen Kirchenprovinzen einen dreijährigen Zehnten erhob, der später durch einen weiteren, auf zwei Jahre angelegten ergänzt wurde. Predigtkampagnen und Ablasshandel sollten weitere Gelder einbringen. Im Frühjar 1344 versammelten sich 24 Galeeren vor Euböa. Sie besiegten die Türken in einer Seeschlacht und eroberten am 28. Oktober Smyrna, den wichtigsten Hafen des Emirats von Aidin.

Smyrna sollte bis zu seiner Einnahme durch den mongolischen Eroberer Timur Lenk im Jahr 1402 in christlicher Hand verbleiben. Seine Eroberung durch den Seebund führte zu einem weiteren Ausbruch von Kreuzzugsbegeisterung in Westeuropa, und nach einem Rückschlag zu Anfang des Jahres 1345, als die Anführer des Kreuzzuges in einem Gefecht mit den Türken getötet wurden, erklärte sich der Dauphin von Vienne, Humbert II., bereit, den Brückenkopf von Smyrna zu verteidigen. Mitte November verließ er mit seinen Männern den Hafen von Venedig. Humbert kehrte 1347 in den Westen zurück, und der Seebund zerfiel 1351, während sich Venedig und Genua bereits im Krieg miteinander befanden. Bereits 1345 war den Genuesen der Ablass zur Verteidigung ihres Schwarzmeerhafens Kaffa (Feodossija) gegen die Mongolen gewährt worden. In einem Europa, das mit dem Schwarzen Tod rang und in dem Frankreich und England ihren Hundertjährigen Krieg führten, brachte Papst Innozenz VI. den größten Teil seines zehnjährigen Pontifikats mit Versuchen zu, den Seebund wiederzubeleben, der ja offiziell noch immer existierte und noch immer gemeinsam für die Verteidigung von Smyrna verantwortlich war. Erst 1359 jedoch wurde die Liga tatsächlich wieder aktiv. Eine Predigtkampagne wurde autorisiert, ein Zehnt erhoben. Peter Thomas, der Karmeliterprediger und Diplomat, wurde zum päpstlichen Legaten ernannt und errang als Befehlshaber einer Flotte von Schiffen der Venezianer und Johanniter im Herbst des Jahres 1359 vor Lapseki an den Dardanellen einen Sieg.

Peter I. von Zypern

Im Verlauf des nächsten Jahrzehnts wurde die alte Idee eines allgemeinen Kreuzzuges nach Jerusalem durch die Bemühungen König Peters I. von Zypern wiederbelebt. Im Jahr seiner Thronbesteigung 1359 setzte Peter zypriotische Schiffe der Koalitionsflotte ein, um das kilikische Korykos zu erobern; 1361 gelang ihm die Besetzung von Antalya. Am 15. Juni 1362 richtete Peter ein Rundschreiben an die Mächtigen Westeuropas, in dem er bekanntgab, einen Kreuzzug zur Befreiung Jerusalems durchführen zu wollen. Im Oktober brach er nach Europa auf, um dort die benötigten Finanzmittel einzuwerben; Ende März 1363 traf er mit dem neuen Papst Urban V. zusammen. Sie vereinbarten ein passagium generale, das im März 1365 beginnen sollte. König Johann II. von Frankreich war von Anfang an ein begeisterter Unterstützer des Vorhabens und nahm das Kreuz gemeinsam mit einigen seiner Gefolgsleute. Der Papst gewährte Johann einen sechsjährigen Zehnten sowie weitere Erträgnisse und ernannte ihn zum Generalkapitän. Dann allerdings starb der französische König am 8. April 1364 in englischer Gefangenschaft, in die er sich aus freien Stücken wieder begeben hatte, als eine der Geiseln, die er nach seiner Gefangennahme in der Schlacht von Poitiers hatte stellen müssen, um wieder freizukommen, wortbrüchig geworden war.

Der Traum von einem großen passagium generale war angesichts der wirtschaftlichen Lage in Frankreich unrealistisch. Ursprünglich als passagium particulare vor dem geplanten großen Feldzug gedacht, verließ König Peter am 27. Juni 1365 mit den von ihm angeworbenen Kreuzfahrern Venedig. Mit einem Heer von rund 10.000 Mann und 1400 Pferden wollte er Alexandria angreifen, das in der Geschichte der Kreuzzüge schon oft als Notlösung hatte dienen müssen. Man hat vermutet, dass Peter I. mit der Zerstörung einer der stärksten Konkurrentinnen zumindest die zypriotischen Häfen stärken wollte. Geschickt nutzte der König die Zeit der Nilschwelle aus, die verhinderte, dass die Ägypter Verstärkungen nach Alexandria schicken konnten, lief mit seiner Flotte am 9. Oktober in einen der beiden Häfen der Stadt ein und ließ am nächsten Morgen seine Männer auf einem Küstenstreifen nahe der Stadtmauer an Land gehen. Gleichzeitig landete ein Johanniterkontingent von 100 Rittern auf vier Galeeren unter dem Befehl ihres Ordensadmirals in dem anderen Hafen. Die Johanniter sollten die muslimischen Verteidiger der Stadt im Rücken angreifen. Nachdem sie ein nur schlecht bewachtes Tor gefunden hatten, setzten es die Kreuzfahrer in Brand und drangen schließlich in die Stadt ein. Es gelang Peter I. jedoch nicht, seine Eroberung zu sichern, und so zog sich sein Heer sechs Tage später mit Beute beladen nach Zypern zurück. Im Jahr darauf verließ Graf Amadeus VI. von Savoyen Venedig mit einem weiteren „Überbleibsel“ des ursprünglich geplanten großen Kreuzzuges, einem Heer von immerhin drei- bis viertausend Mann. Nachdem sie im August Gallipoli von den Türken zurückerobert hatten, zogen sie an der Schwarzmeerküste gegen die Bulgaren ins Feld, die den Tross des byzantinischen Kaisers Johannes V. aufgehalten hatten, der sich auf der Rückreise von Buda (Budapest) nach Konstantinopel befand. So wurden die Städte Nessebar und Sozopol wieder Teil des Byzantinischen Reiches. König Peter von Zypern führte 1367 noch einen Raubzug nach Kilikien und Syrien an, doch nach seiner Ermordung 1369 wurde die Befreiung Jerusalems zu einem zweitrangigen Ziel, denn das christliche Europa plagten nun ganz andere Sorgen, nämlich im Hinblick auf seine eigene Zukunft.

Wachsende Besorgnis über die Osmanen

Während des Pontifikats Gregors XI. (1370–1378) wurde die Bedrohung Westeuropas durch das Osmanische Reich erstmals zu einem bestimmenden Faktor in der päpstlichen Politik. Die Osmanen waren aus den Wirren, die nach dem Zusammenbruch der Seldschukenherrschaft ganz Kleinasien erfasst hatten, als Gewinner hervorgegangen. Die Autorität der Seldschuken war nach ihrer schweren Niederlage gegen die Mongolen 1243 beständig geschwunden, und der gesamte türkische Einflussbereich war in eine Vielzahl kleiner Fürstentümer (beylikler) zerfallen, unter denen Mentesche und Aidin zwar nicht die mächtigsten waren – aber für eine Weile doch die beiden, die den Mächtigen Westeuropas die meisten Sorgen bereiteten. Unter den türkischen Herrschern der Grenzgebiete war auch ein Mann namens Ertuğrul, der sich, wie es scheint, bis zu seinem Tod etwa im Jahr 1280 eine Art von Privatkönigreich geschaffen hatte. Sein Sohn Osman gelangte Anfang des 14. Jahrhunderts zu Einfluss; um ihn zu bekämpfen, sollten die Byzantiner schließlich die Dienste der Katalanischen Kompanie in Anspruch nehmen. Kurz vor seinem Tod – und kurz nachdem er 1326 Bursa eingenommen hatte – war es Osman gelungen, seinen Machtbereich weit über den Nordwesten Kleinasiens auszudehnen, bis hin zur Ägäis, dem Marmara- und dem Schwarzen Meer. Unter seinem Sohn Orhan I. trat das Osmanische Reich, dank seiner guten Verwaltung und eines disziplinierten Heeres, in eine Phase rasanter Expansion ein. Im Jahr 1331 eroberten die Osmanen Nicäa, 1337 Izmit, und 1338 folgte das Konstantinopel gegenüber, auf der anderen Seite des Bosporus gelegene Usküdar (Scutari). Nachdem man sie als Söldner nach Thrakien gerufen hatte, war es den osmanischen Türken bis 1348 gelungen, einen Brückenkopf im äußersten Südosten Europas zu errichten; 1354 besetzten sie Gallipoli am Eingang der Dardanellen. Zum Zeitpunkt von Orhans Tod im Jahr 1360 erstreckte sich sein Reich von Westthrakien bis nach Eskişehir (dem alten Doryläum) und Ankara. Große Mengen türkischer Kolonisten und Krieger strömten nun nach Europa. Edirne (Adrianopel) wurde 1361 eingenommen, Plovdiv 1363, und ein Sieg am Fluss Mariza (griechisch Evros) im Jahr 1371 brachte Orhans Sohn und Nachfolger Murad I. den größten Teil Bulgariens sowie das serbische Makedonien ein. Nach der Schlacht auf dem Amselfeld im Jahr 1389, an deren Morgenverlauf Murad einem Attentat zum Opfer fiel, geriet auch der Balkan unter osmanische Vorherrschaft. Murads ältester Sohn folgte ihm als Bayezid I. auf den Thron. Bayezid riss 1393 den verbliebenen Teil Bulgariens an sich, fiel im Jahr darauf auf der Peloponnes ein und zwang deren christliche Herren zur Unterwerfung. Nur wenig später besiegte er bei Nikopolis den Kreuzzug von 1396, von dem noch die Rede sein wird.

Durch den Sieg des Mongolen Timur Lenk (Tamerlan) 1402 vor Ankara sowie dynastische Querelen innerhalb der osmanischen Herrscherfamilie, die bis 1413 andauerten, wurde die Expansion des Reiches aufgehalten. Dann jedoch – und insbesondere unter der langen Herrschaft Murads II. (1421–1451) – nahm der türkische Vormarsch weiter Fahrt auf. 1422 belagerten die Osmanen Konstantinopel – noch ohne Erfolg –, 1430 eroberten sie Thessaloniki. Der Osten Anatoliens wurde entweder besetzt oder durch Einschüchterung zur Unterwerfung gebracht. 1444 wurde ein Kreuzzug bei Varna besiegt. Die Peloponnes wurde 1446 verwüstet. In einer zweiten Schlacht auf dem Amselfeld wurde 1448 die militärische Macht der Ungarn gebrochen. Unter Sultan Mehmed II. (1451–1481) nahmen die Osmanen schließlich Konstantinopel selbst ins Visier. Allen verzweifelten Bemühungen des Heiligen Stuhls zum Trotz, die Einheit der Kirche zu sichern und lateinische wie orthodoxe Christen zur Abwehr des gemeinsamen Feindes zu einen – wodurch die griechische Christenheit ihrerseits gespalten wurde –, erwies sich die westliche Reaktion auf die osmanische Bedrohung als unzureichend. Konstantinopel fiel am 29. Mai 1453, nach beinahe zweimonatiger Belagerung, in türkische Hand, und der letzte byzantinische Kaiser, der bemerkenswerterweise Konstantin hieß, fiel im Kampf. Im Jahr 1456 annektierten die Osmanen Athen, und obwohl es den Ungarn noch bis 1521 gelang, Belgrad zu halten, fiel doch das restliche Serbien – genauso wie der Großteil der Peloponnes – in den Jahren 1459/1460 an die Türken. 1461 folgte Trapezunt, 1462 die Insel Lesbos. Euböa kam 1470 zum Osmanischen Reich und unter Beyazid II. (1481–1512), nämlich 1499/1500 auch Lepanto (Nafpaktos), Koroni und Methoni. Unter Selim I. (1512–1520) richtete sich der osmanische Expansionsdrang eher auf den muslimischen Nahen und Mittleren Osten, doch nach der Thronbesteigung Süleymans I. (1520–1566) abermals gen Westen, was 1522 die Eroberung der Insel Rhodos zur Folge hatte.

Dieser unerbittliche Vormarsch der Osmanen bildet den Hintergrund der Bestrebungen des Heiligen Stuhls nach 1370. Papst Gregor XI., der selbst einer Familie mit Kreuzzugstradition entstammte, hatte die Ausrufung eines passagium generale auf den Balkan im Sinn, um die Osmanen dort zurückzuwerfen; bei dieser Gelegenheit trat die Verteidigung Europas gegen die Türken zum ersten Mal in den Vordergrund. Der noch immer andauernde Krieg zwischen England und Frankreich machte ein solches Unternehmen jedoch unmöglich, weshalb der Papst bemüht war, zumindest all jene Mächte zu einer Art von Selbstverteidigungsbündnis zu vereinen, die sich durch die Muslime unmittelbar bedroht sahen. Das bedeutete ein Wiederaufblühen der Kreuzzugsligen, und tatsächlich waren bereits 1369 Pläne für eine neue derartige Liga entstanden, die zunächst aber folgenlos blieben. Als sie 1373 und 1374 erneut aufgegriffen wurden, scheiterte das Vorhaben an der Weigerung der beteiligten Mächte – Venedig, Genua, Neapel, Ungarn und Zypern –, zur Abwehr der Osmanen rückhaltlos zusammenzuarbeiten. Der Versuch Papst Gregors, eine rein genuesische Expedition in den Osten zu arrangieren, verlief 1376 ebenfalls im Sande, und ein weiteres Unternehmen, das ihm die Johanniter aufgedrängt hatten, endete 1378 in dem bereits erwähnten Desaster von Epirus.

Kreuzzüge in der Folge des Großen Abendländischen Schismas von 1378

Dann kam das Große Abendländische Schisma, und von 1378 bis 1417 gab es zwei (später drei) Linien von Päpsten in Rom und Avignon. Europa war gespalten in die Anhänger der jeweiligen Partei – selbst die Johanniter auf der fernen Insel Rhodos waren untereinander uneins in der Frage, welcher Papst denn nun der wahre sei –, und es kam zu einer Reihe interner Kreuzzüge, die allein durch das Schisma motiviert waren. Kreuzzugsbemühungen gegen Neapel in den Jahren 1382 und 1411/1412, gegen Frankreich 1388, in Italien 1397 und Aragón 1413 schlugen allesamt fehl, doch in den frühen 1380er-Jahren gingen zwei Heerzüge von England aus, deren Ziel es war, den Herrschaftsanspruch Papst Urbans VI. in Rom zu stützen. Der eine – unter der Führung des Bischofs von Norwich, Henry Despenser – sollte die als „Clementisten“ bezeichneten Anhänger des Avignonenser Gegenpapstes Clemens VII. treffen, wo immer er sie fand. Der andere, unter Johann von Gent, Herzog von Lancaster, sollte in Kastilien einmarschieren. Der Kreuzzug des Bischofs von Norwich war von Anfang an ein aussichtsloses Unternehmen. Er brach am 16. Mai 1383 unter dem Jubel der Bevölkerung nach Flandern auf, das der „clementistisch“ eingestellten französischen Krone untertan war, nahm dort mehrere Häfen und schloss die Stadt Ypern ein. Anfang August musste deren Belagerung abgebrochen werden, weil ein französisches Heer heranrückte, und die Engländer zogen sich zurück. Der Kreuzzug Johanns von Gent, bei dessen Eröffnungszeremonie König Richard II. seinen Onkel Johann als König von Kastilien anerkannte, verließ England am 9. Juli 1386. Ein Jahr später hatte Johann von Gent sich in die Gascogne zurückgezogen, nachdem er für seinen Verzicht auf die kastilische Krone mit einer üppigen Abfindung entschädigt worden war.

Die Kreuzzüge gegen Mahdia und Nikopolis

Von einer gemeinschaftlichen Reaktion auf eine äußere Bedrohung hätte unter den gegebenen Umständen eigentlich keine Rede sein dürfen – aber zwei große Unternehmungen dieser Zeit beweisen, dass die Kreuzzugsbewegung stark genug war, selbst das Große Schisma zu überwinden. Im Jahr 1390 äußerte sich das anhaltende Interesse am Kreuzzug, als die Genuesen, die Papst Bonifatius IX. unterstützten, König Karl VI. von Frankreich, seinerseits ein Parteigänger Clemens’ VII., einen Kreuzzug gegen die im heutigen Tunesien gelegene Stadt Mahdia vorschlugen, die im Herrschaftsbereich der muslimischen Dynastie der Hafsiden lag und ein Zentrum seeräuberischer Aktivitäten gegen genuesische Schiffe war. Genuesen, Sizilianer und Pisaner waren bereits gemeinsam gegen die Hafsiden vorgegangen und hatten im Jahr 1388 die Insel Dscherba besetzt, und Clemens VII. hatte dies als Kreuzzug autorisiert. Der Feldzug gegen die Hafsiden stieß in ganz Frankreich auf begeisterte Unterstützung – und das, obwohl der König ausdrücklich festgelegt hatte, jeder daran beteiligte Ritter müsse sich auf eigene Rechnung rüsten und vorbereiten. Außerdem sollte die Zahl der gentilshommes im französischen Heer 1500 nicht übersteigen. Genua steuerte 1000 Armbrustschützen und 2000 Waffenknechte bei, dazu 4000 Seeleute. Auch aus England, Spanien und den Niederlanden schlossen sich Freiwillige dem Kreuzzug an. Den Umstand, dass diese Unternehmung in den Augen der Zeitgenossen an Bedeutsamkeit selbst das Schisma überstieg, belegt nicht zuletzt die überlieferte Weisung der Kreuzzugsführung, dass auf dieser Heerfahrt jegliche Erwähnung der Kirchenspaltung zu unterlassen sei. Vielmehr sollte – im Geiste brüderlicher Eintracht – der gemeinsame katholische Glauben gemeinsam verteidigt werden. Ludwig II. von Clermont, ein erfahrener Soldat, wurde zum Anführer des Kreuzzuges bestimmt. Im Juli 1390 nahmen die Flotten der Franzosen und Genuesen Kurs auf die Insel „Consigliera“ – womöglich eine der Kuriat-Inseln –, wo sie neun Tage verweilten. Gegen Ende des Monats landeten sie auf dem nordafrikanischen Festland, doch hatten sich die Hafsiden lange genug auf das Kommen der Invasoren vorbereiten können, und nach einer Belagerung Mahdias von neun oder zehn Wochen waren nicht nur die Belagerten, sondern auch die Belagerer am Ende ihrer Kräfte. Die Genuesen handelten heimlich die Erneuerung eines Vertrages aus, den sie schon früher einmal mit den Hafsiden geschlossen hatten, und so musste Ludwig von Clermont im Oktober unverrichteter Dinge nach Europa zurückkehren.

Vielleicht, weil es eine Demonstration christlicher Einigkeit gewesen war, vielleicht aber auch, weil Frankreich und England abermals vom Kreuzzugseifer gepackt wurden, hatte das seltsame Spektakel des Kreuzzuges gegen Mahdia bald ganz Europa in seinen Bann geschlagen. Rasch wurde der Vorschlag Gregors XI. aus dem Jahr 1370 wieder ausgegraben, auf dem Balkan ein passagium generale gegen die Türken durchzuführen. Ab 1392 beratschlagten die englische und die französische Krone intensiv über einen möglichen Kreuzzug – entweder in das Heilige Land oder nach Preußen –, und Anfang 1393 wurde eine kleine englisch-französische Vorhut nach Ungarn entsandt, der bald darauf, 1394, Emissäre aus England, Frankreich und Burgund folgten. Ihnen war es zu verdanken, dass König Sigismund von Ungarn Gesandtschaften an die Höfe Westeuropas schickte, die dort um Unterstützung für den geplanten Kreuzzug bitten sollten. Die Reaktionen in Frankreich und insbesondere in Burgund waren äußerst wohlwollend, um nicht zu sagen enthusiastisch, und viele hohe Adlige schlossen sich dem Unternehmen an, darunter die Grafen von Nevers, La Marche und Eu sowie Heinrich und Philipp von Bar, allesamt Cousins des Königs. Auch in Deutschland nahmen zahlreiche Männer das Kreuz. Karl VI. von Frankreich schrieb an Richard II. von England und schlug diesem eine gemeinsame Teilnahme am Kreuzzug vor. Im Allgemeinen wurde, wie es scheint, der geplante Feldzug als Vorspiel zu einem künftigen passagium generale betrachtet, das die Könige von Frankreich und England persönlich anführen würden. Der Papst in Rom, Bonifatius IX., proklamierte den Kreuzzug im Jahr 1394, während der Papst in Avignon, Benedikt XIII., den französischen Kreuzfahrern den Kreuzzugsablass gewährte.

Im Spätsommer 1396 brach König Sigismund mit einer Streitmacht von rund 10.000 Mann im ungarischen Buda auf. Bei Orschowa (Orşova) im heutigen Rumänien erreichten sie das Ufer der Donau, die sie am Eisernen Tor überquerten. In der zweiten Septemberwoche gelangten sie bis nach Nikopolis (Nikopol), wo eine Flotte venezianischer und genuesischer Schiffe sowie ein Kontingent der Johanniter unter dem Großmeister Philibert von Naillac zu ihnen stießen, die allesamt die Donau hinaufgesegelt waren. Sultan Beyazid II. war gerade damit beschäftigt, Konstantinopel zu belagern, als ihn die Nachricht vom Vorstoß des Kreuzfahrerheeres erreichte. Unverzüglich verließ er sein Lager am Bosporus, um Nikopolis zu Hilfe zu eilen, wo er am 24. September mit seinen Truppen eintraf. Am nächsten Tag bestanden die französischen Kreuzfahrer trotz ihrer Unkenntnis des Feindes oder der örtlichen Gegebenheiten darauf, in der ersten Schlachtreihe zu stehen. Dies sollte sich als eine jener dummen Beweise von Tapferkeit erweisen, wie sie für die ritterliche Kultur in der Zeit ihres Niedergangs charakteristisch waren. Die Franzosen unternahmen einen Sturmangriff bergauf, geradewegs auf die türkischen Verteidigungsstellungen zu, die mit Palisaden befestigt waren. Vom beschwerlichen Überwinden dieser Hindernisse aufgehalten, waren die Angreifer bereits erschöpft, sie dem Hauptteil des muslimischen Heeres gegenüberstanden. In der allgemeinen Verwirrung begannen die Kreuzfahrer zurückzuschrecken, wobei sich ihr Rückzug zu wilder Flucht entwickelte. Zahlreiche führende Kreuzfahrer, darunter Johann Ohnefurcht, Graf von Nevers und später Herzog von Burgund, gerieten in türkische Gefangenschaft.

Kreuzzüge gegen die Osmanen (1397–1413)

Das Desaster von Nikopolis stieß den Osmanen das Tor zum restlichen Balkan weit auf. In diesem Moment der Krise nahm der Johanniterorden die Schutzherrschaft über Korinth an, die ihnen der byzantinische Despot von Mistra, Theodoros I. Palaiologos, angetragen hatte. Ursprünglich hatte Theodoros sogar den Verkauf seines ganzen Despotats an die Johanniter in Betracht gezogen; als die unmittelbare Gefahr vorübergezogen war, kaufte er Korinth 1404 wieder zurück. In den Jahren 1398, 1399 und 1400 promulgierte Papst Bonifatius IX. Kreuzzugsbullen, in denen er zur Unterstützung der Byzantiner im Allgemeinen und zur Rettung Konstantinopels im Besonderen aufrief (wenn auch die Bulle von 1400 plötzlich wieder zurückgezogen wurde; vielleicht hatte man in der Kurie Wind davon bekommen, dass der byzantinische Kaiser auch bei Bonifatius’ Rivalen in Avignon um Unterstützung nachgesucht hatte). König Karl VI. von Frankreich wandte sich an seinen Marschall Johann Boucicaut, der vor Nikopolis gefangen genommen, mittlerweile jedoch freigekauft worden war, und beauftragte ihn mit der Durchführung eines Kreuzzuges. Ende Juni 1399 setzte Johann mit einer Streitmacht von etwa 1200 Mann die Segel in Richtung Osten. Nachdem sich den Franzosen Schiffe aus Genua, Venedig, Rhodos und Lesbos angeschlossen hatten, durchbrachen sie die türkische Seeblockade vor Konstantinopel und begannen mit ihrer stattlichen Flotte von 21 Galeeren, drei großen Transportern und sechs weiteren Schiffen, die türkisch besetzten Küsten der Umgegend zu plündern. Nachdem Marschall Johann und seine Männer auf diese Weise Konstantinopel entlastet hatten, brachten sie den byzantinischen Kaiser nach Westeuropa zurück, wo er weitere Hilfe erbitten wollte.

Marschall Boucicaut (1366–1421)

Bei seinem Tod in Yorkshire, wo er nach der Schlacht von Azincourt gefangengehalten wurde, hatte es Johann II. Le Maingre, bekannt als Boucicaut und Marschall von Frankreich, weit gebracht. Er war einer jener Männer gewesen, die in den Kampfpausen des Hundertjährigen Krieges Karriere machten, indem sie ihren Ruhm auf Schlachtfeldern fern von Frankreich oder England erwarben, wozu Kreuzzüge eine hervorragende Gelegenheit boten. In den Jahren 1384, 1385, 1387 und 1390/1391 schloss sich Johann Boucicaut den „Preußenreisen“ des Deutschen Ordens an. 1388/1389 pilgerte er nach Jerusalem und bot unterwegs dem osmanischen Sultan seine Dienste an, der jedoch keine Verwendung für ihn hatte. Als einer der ersten Anhänger von Philipp de Mézières’ Nova Religio Passionis Jhesu Christi nahm er das Kreuz beim Feldzug König Peters von Zypern nach Alexandria im Jahr 1365 und erneut 1390 für den Kreuzzug Ludwigs von Clermont gegen Mahdia. Als ihm der französische König die Teilnahme an der letzteren Expedition ausdrücklich untersagte, zog er stattdessen nach Preußen. Boucicaut nahm am Kreuzzug gegen Nikopolis im Jahr 1396 teil; er führte den französischen Entsatztrupp an, der 1399 nach Konstantinopel gesandt wurde und befehligte die genuesische Flotte, die 1403 im östlichen Mittelmeer gegen muslimische Ziele operierte. Zwar scheiterte 1407 sein Versuch, König Janus von Zypern für seinen Plan eines Feldzuges nach Alexandria zu begeistern, doch gelang es ihm schon im Jahr darauf, vor der Küste der Provence eine nordafrikanische Flotte zurückzuschlagen. Eine zeitgenössische Biografie stellt ihn als Musterbild eines christlichen Ritters dar.

Osteuropa wurde allein durch die Mongolen gerettet, die unter ihrem Anführer Timur Lenk nach Anatolien einfielen. In der Folge der mongolischen Invasion, durch welche das Osmanische Reich in eine tiefe Krise geriet, kam es zu einem Wiederaufb lühen christlicher Betätigung im östlichen Mittelmeerraum. Johann Boucicaut, der von seinem König zum Gouverneur von Genua ernannt worden war, traf im Juni 1403 mit einer genuesischen Flotte von zehn Galeeren und sechs großen Transportschiffen in Rhodos ein, von wo aus er einerseits genuesische Ansprüche auf Zypern durchsetzen, andererseits aber die muslimischen Küsten der Region heimsuchen wollte. Zunächst brandschatzten die Genuesen das Küstenland um den Hafen Alanya und griffen dann, da ihnen ein Angriff auf Alexandria durch ungünstige Winde verwehrt blieb, gemeinsam mit den Johannitern Tripolis und Latakia an, plünderten Batrun und schließlich auch Beirut, obgleich der wohl größte Teil der Beute in venezianischen Handelsgütern bestand. Nach einem erfolglosen Überfall auf Sidon kehrte Johann Boucicaut nach Genua zurück, wobei es zu einer Seeschlacht mit den Venezianern kam. Bereits 1407 steckte der Marschall erneut in Vorbereitungen für einen großen Angriff auf Ägypten.

Die Hussitenkreuzzüge

Das Wiedererstarken der Osmanen nach 1413 und das Ende des Großen Abendländischen Schismas bewirkten ein Wiedererwachen der Kreuzzugsbewegung. Nachdem Papst Martin V. zunächst 1420 ohne nennenswerten Erfolg versucht hatte, einen Kreuzzug zur Unterstützung der Lateiner auf der Peloponnes zu organisieren, bemühte er sich 1422, als die Türken Konstantinopel belagerten, um ein Bündnis von Johannitern, Venezianern, Genuesen und Mailändern, die den Byzantinern beistehen sollten. Allerdings befand sich das römisch-deutsche Reich zu jener Zeit mitten in den Hussitenkriegen, der letzten großen Reihe von Kreuzzügen gegen die Häresie. Obgleich Jan Hus, der die Gewährung von Kreuzzugsablässen für die Feinde König Laudislaus’ von Neapel durch den Gegenpapst Johannes XXIII. angeprangert hatte, bereits 1415 auf Beschluss des Konzils von Konstanz als Ketzer verbrannt worden war, wuchs die Macht seiner böhmischen Anhänger, der Hussiten, weiter an. Deren Forderungen – Kommunion in beiderlei Gestalt; öffentliche Bestrafung sündhaften Verhaltens, insbesondere des Klerus, womit die Forderung nach einer nicht klerikalen Moralgerichtsbarkeit im Raum stand; freie Predigt und Überprüfung des Kirchenbesitzes – wurden durch die Verbindungen zum tschechischen Nationalismus noch brisanter, als sie ohnehin schon waren: Immerhin sprechen wir von einer Zeit, in der mit Sigismund von Luxemburg ein römisch-deutscher König und zukünftiger Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Anspruch auf den böhmischen Thron erhob. Im Jahr 1418 beauftragte Papst Martin, dem die gesamte Angelegenheit anscheinend sehr am Herzen lag, einen seiner Kardinäle mit den Vorbereitungen für einen Kreuzzug. Im März 1420 hielt König Sigismund in Breslau einen Reichstag ab, auf dem dieser Legat öffentlich einen Kreuzzugsaufruf des Papstes verlas, der gegen die Hussiten und Wyclifiten gerichtet war. Anfang Mai zog Sigismund an der Spitze eines Heeres von 20.000 Mann nach Böhmen, von denen jedoch viele desertierten; mehrere Male wurde der König von den Hussiten unter ihrem fähigen Anführer Jan Žižka besiegt.

Kennzeichnend für die Kreuzzüge gegen die Hussiten war die große Energie, mit der sie organisiert wurden. Als Sigismund sich im März 1421 aus Böhmen zurückzog, war der nächste Kreuzzug bereits in Vorbereitung. Zwei Heere drangen in Böhmen ein, hatten sich jedoch schon wieder zurückgezogen, als Sigismund im Oktober erneut in die Hussitengebiete vorstieß, wo er jedoch endgültig geschlagen und im Januar 1422 zum Rückzug gezwungen wurde. Auch im nächsten Herbst zogen zwei Heere nach Böhmen; wenige Monate später war ihr Feldzug beendet. Ein vierter Kreuzzug fiel im Juli 1427 in Böhmen ein, zerstob jedoch nach einem Gefecht nahe Tachau in Panik, woraufh in die Kreuzfahrer schwere Verluste hinnehmen mussten. Daraufhin stießen die Hussiten ihrerseits auf deutsches Gebiet vor. Ein Plan zur Ausrufung eines englischen Kreuzzuges unter der Führung des Kardinals Henry Beaufort, der als päpstlicher Legat den Kreuzzug von 1427 begleitet hatte, endete schließlich damit, dass das Heer des Kardinals, das aus Mitteln der Kreuzzugssteuer finanziert worden war, dem Herzog von Bedford für dessen Feldzug in Frankreich zur Verfügung gestellt wurde – und die Vorbereitungen für einen englischen Kreuzzug somit vom Hundertjährigen Krieg vereinnahmt wurden. Vor dieser Szenerie von Misserfolgen fand im Februar und März 1432 ein großer Reichstag in Nürnberg statt, auf dem Vorbereitungen für einen weiteren Kreuzzug getroffen wurden. In diesem Sommer wurden gleich drei Heere aufgestellt. Das eine konzentrierte sich in der Folge darauf, die an die Hussiten verlorenen deutschen Gebiete zurückzuerobern; das zweite, unter dem Befehl des österreichischen Herzogs Albrecht V., fiel in Mähren ein; das dritte jedoch, das der brandenburgische Kurfürst Friedrich befehligte, wurde am 14. August von den Hussiten vernichtet.

Die fünf Hussitenkreuzzüge, an denen sich Kreuzfahrer aus vielen Teilen Europas beteiligten, waren beinahe die sinnlosesten Kriege der ganzen Kreuzzugsbewegung. Da die Kreuzzüge ihrer Natur nach episodisch waren, waren sie kein geeignetes Mittel zur Bekämpfung von Häresien. Im speziellen Fall der Hussitenkriege mag jedoch, darauf deuten die Niederlagen der Kreuzfahrer hin, die häufig nicht bloß besiegt, sondern vernichtet wurden, ein Zusammenbruch der Moral hinzugekommen sein. Die böhmischen Kreuzzüge stärkten, unbeabsichtigterweise, die Verbindung von Häresie und tschechischem Nationalgefühl, und am Ende konnten die Hussiten allein vom böhmischen Adel selbst unter Kontrolle gebracht werden – mehr oder minder zumindest, denn noch in den 1460er-Jahren bereitete die Häresie in Böhmen dem Heiligen Stuhl große Sorgen. Andererseits zeigen die Kreuzzüge gegen die Hussiten auf, wie sehr dem Drang zur kirchlichen Einheit alles andere untergeordnet wurde. Sigismund von Luxemburg war es gewesen, der als König von Ungarn den Kreuzzug gegen Nikopolis in Gang gesetzt hatte. Wenn jemand die türkische Bedrohung aus eigener Erfahrung kannte, dann war er es. Und doch war er gewillt, Energien und Ressourcen für den Kampf im Inneren der Christenheit zu verwenden. Dies hilft uns zu verstehen, warum ein Jahrhundert später, als die lateinische Christenheit durch die Reformation und die daraus erwachsenden Religionskriege noch viel tiefer gespalten war, die Kreuzzugsbewegung ins Stocken geriet – trotz der Türken gefahr.

Der Kreuzzug gegen Varna

In den Jahren vor 1440 wuchs die Bedrohung durch das Osmanische Reich weiter an, doch die Wiedervereinigung der lateinischen und der orthodoxen Christenheit in einer gemeinsamen Kirche, auf die der Heilige Stuhl mit solchem Eifer hingearbeitet hatte, schien endlich in greifbare Nähe gerückt. Am 1. Januar 1443 veröffentlichte Papst Eugen IV. ein neues Kreuzzugsschreiben, in dem er alle Gläubigen zur Verteidigung des christlichen Ostens gegen die Türken aufrief. Die Reaktionen aus Polen, der Walachei, Burgund und Ungarn blieben nicht aus – vor allem aus Ungarn nicht, wo Johann Hunya di, der Woiwode von Siebenbürgen (Transsilvanien), einen heldenhaften Kampf gegen die Osmanen führte. Gemeinsam mit König Wladislaus von Ungarn plante er für den Sommer des Jahres 1443 einen großen Türkenfeldzug. Es gelang ihnen, den Türken bei Niš eine empfindliche Niederlage beizubringen und Sofia einzunehmen, woraufhin sie sich allerdings zurückzogen. Der ganze Balkan stand nun in Waffen, und obwohl der ungarische König nach Aussage einiger Quellen im Juni 1444 einem zehnjährigen Waffenstillstand mit den Türken zustimmte, hatte er doch bereits geschworen, erneut gegen sie ins Feld zu ziehen. Ein christliches Heer von 20.000 Mann rückte durch Bulgarien vor und belagerte den Schwarzmeerhafen Varna. Zugleich nahm die Flotte eines neuen Seebundes – 24 Galeeren, die der Heilige Stuhl, Herzog Philipp III. von Burgund, die Venezianer, die Republik Ragusa (Dubrovnik) und der byzantinische Kaiser zur Verfügung gestellt hatten – Kurs auf die Dardanellen. Sultan Murad II. eilte herbei, um Varna zu verteidigen. Sein Heer war erheblich größer als das der Angreifer; Gerüchten zufolge erfolgte der Transport seiner Soldaten zum Teil in genuesischen Schiffen. Am 10. November vernichtete die türkische Streitmacht das Kreuzfahrerheer in einer Schlacht, in der auch Wladislaus von Ungarn und der päpstliche Legat getötet wurden.

Reaktionen auf den Verlust Konstantinopels, die Modernisierung des Kreuzzugsgedankens und die Wiederkehr der Bauernheere

Das Debakel von Varna bereitete den Weg für den letzten, entscheidenden Ansturm auf das Byzantinische Reich. Die Nachricht vom Fall Konstantinopels im Mai 1453 war eine Sensation, die nicht zuletzt die verbliebenen christlichen Herrschaften der Ägäis in Angst und Schrecken versetzte. Erst im November 1455 ließ sich der Papst dazu überreden, den Verteidigern der von den Genuesen gehaltenen Insel Chios den vollen Ablass zu gewähren. Während der nun folgenden siebzig Jahre entwickelte die päpstliche Kurie eine intensive Propaganda, in der es um die Verteidigung des christlichen Europa ging, wobei die Rückeroberung von Konstantinopel in etwa denselben Rang einnahm, wie in früheren Zeiten die Befreiung Jerusalems. Die Nachricht vom Fall Konstantinopels erreichte Rom Anfang Juli 1453.

Am 30. September erließ Papst Nikolaus V. eine neue Kreuzzugsbulle und sandte entsprechende Bitten um Unterstützung an die Höfe Westeuropas. In Deutschland wurden zum ersten Mal in der Geschichte der Kreuzzugsbewegung Druckerpressen eingesetzt, um Teilnehmer anzuwerben und Ablassbriefe unter das Volk zu bringen. Eine Reihe von Kreuzzugsversammlungen in Deutschland machte vor allem durch Intrigen und Meinungsverschiedenheiten von sich reden; 1455 wurde bei einem solchen Treffen der Beschluss gefasst, den geplanten Kreuzzug noch um ein Jahr aufzuschieben, da unterdessen die Nachricht vom Tod des Papstes eingetroffen war. In der Zwischenzeit hatten am 17. Februar 1454 Herzog Philipp der Gute von Burgund und seine Ritter vom Goldenen Vlies bei einem prächtigen Gastmahl in Lille geschworen, das Kreuz zu nehmen. Bei dieser Gelegenheit wurde als Tafelschmuck unter anderem ein lebendiger Fasan aufgetragen, der über und über mit Juwelen geschmückt war; zur Ergötzung der Gäste diente auch die Abbildung eines Elefanten, der die hilfesuchende Mutter Kirche auf seinem Rücken trug.

Viel wichtiger als solches archaische Rittertheater war die gemeinschaftliche Anstrengung führender Kirchenleute, die Kreuzzugsbewegung mit dem neuen, humanistischen Denken in Einklang zu bringen und so zu modernisieren; die innovativen Vorschläge der Humanisten zur Lösung des Türkenproblems hatten sie dazu inspiriert. Das bedeutete unter anderem, die Einheit der Christenheit auf neue Weise auszudrücken, sich die Volksfrömmigkeit zunutze zu machen, den Einsatz von Berufssoldaten zu rechtfertigen, Kriegskapital durch die Vergabe von Ablassbriefen gegen Schenkungen zu gewinnen und, schließlich, neue Propagandatechniken einzusetzen, nicht zuletzt die humanistische Rhetorik und den Buchdruck. In Anlehnung an die frühere Auffassungen korrigierenden Forschungen von Nancy Bisaha und Norman Housley bezeichnet man diese Revolution in der Kreuzzugsbewegung immer öfter als „Renaissancekreuzzüge“ (Renaissance crusading).

Der neue Papst, Calixt III., war ein sogar noch eifrigerer Verfechter des Kreuzzug sgedankens als sein Vorgänger; es heißt von ihm, er habe „stets von der geplanten Expedition gesprochen, nie an etwas anderes gedacht“. Am 15. Mai 1455 bestätigte er die Kreuzzugsbulle Nikolaus’ V. und legte den 1. März 1456 als Abmarschdatum des Kreuzfahrerheeres fest. Legaten und Prediger, Letztere vor allem aus den Reihen der Franziskaner, wurden in alle Winkel Europas entsandt, um für das Unternehmen zu werben. Eine Kommission von Kardinälen unter der Leitung des Basilius Bessarion, eines gebürtigen Griechen, koordinierte die Planungen. Am 14. Februar 1456 nahm der charismatische Prediger Johannes Capistranus in Buda das Kreuz und wurde ermächtigt, den Kreuzzug im ganzen Land zu verkünden. Es heißt, er habe allein in Ungarn 27.000 Teilnehmer angeworben. Mittlerweile konkretisierte sich vor Belgrad die Türkengefahr. Johannes Capistranus persönlich zog mit einem Kontigent von 2500 Mann nach Süden, um den Verteidigern der Stadt beizustehen. Bei Belgrad angelangt, stieß ein zweites Heer ungarischer Kämpfer unter dem Kommando von Johann Hunyadi zu ihnen. Gemeinsam durchbrachen sie zunächst die muslimische Blockade, bevor es am 22. Juli zahlenmäßig unterlegenen christlichen Truppen gelang, eine riesige türkische Streitmacht zurückzuschlagen, was der Situation eine gewisse Ähnlichkeit mit den Schlachten des Ersten Kreuzzuges verlieh. Die Türken suchten ihr Heil in der Flucht und ließen sogar ihre Ausrüstung und Vorräte zurück, was Johannes Capistranus zu der Feststellung verleitete, nun sei wohl endlich auch die Zeit gekommen, Jerusalem und das Heilige Land zurückzuerobern. Im darauffolgenden Sommer kaperte vor Mytilene eine päpstliche Flotte von 16 Galeeren mehr als 25 türkische Schiffe und besetzte die Inseln Samothrake, Thasos und Lemnos in der nördlichen Ägäis, zu deren Verteidigung Papst Pius II. später den Ritterorden Unserer Lieben Frau von Bethlehem gründete.

Johannes Capistranus hatte in der Zwischenzeit ein Heer von Armen rekrutiert und zog mit diesen nach Belgrad. Im Gegensatz zu den Pöbelhaufen der Vergangenheit war dies ein Volkskreuzzug, der nicht nur militärisch erfolgreich war, sondern sich durch Frömmigkeit, Disziplin und gute innere Führung auszeichnete. Die Kleinbauern Ungarns waren es schon immer gewohnt gewesen, in fallweise aufgebotenen Volksheeren Waffendienst zu leisten, aber der Kreuzzug nach Belgrad war nicht das einzige Beispiel dafür, dass im 15. und frühen 16. Jahrhundert die Ärmsten der Armen rekrutiert wurden. Eine „Kreuzzugsrevolte“, der von Georg (György) Dósza angeführte ungarische Bauernaufstand von 1514, an dem sich ein riesiges Heer bäuerlicher Kreuzfahrer beteiligte – rund 50.000 Mann, die von den Franziskanern rekrutiert worden waren –, richtete sich gegen die Adligen, die als infideles (Ungläubige) verdammt wurden. Dass die Armen jetzt in der Kreuzzugsbewegung wieder eine größere Rolle spielten, war eine bemerkenswerte Entwicklung und hatte vermutlich damit zu tun, dass die Kreuzfahrer mittlerweile nicht mehr zu Schiff transportiert werden mussten, sondern auf europäischem Boden kämpften. Die einfachen Leute, die zum Kampf auf ihrem eigenen Grund und Boden gerufen wurden, kamen nun wieder ins Bild – allerdings zu spät, als dass dies einen großen Unterschied hätte machen können.

Natürlich konnte selbst das beherzte Entgegentreten der ungarischen Kreuzfahrer bei Belgrad die Türken nicht endgültig aufhalten. Die europäischen Mächte waren nicht bereit, ihre Animositäten zu begraben und sich rückhaltlos hinter ein gemeinsames Kreuzzugsvorhaben zu stellen – soviel stand nach den Erfahrungen von Papst Calixts Nachfolger Pius II. fest. Pius war von Beginn seines Pontifikats an ein glühender Anhänger der Kreuzzugsbewegung gewesen, zugleich aber auch ein führender Kopf unter den humanistischen Reformern. Eine seiner ersten Amtshandlungen war es, einen Kreuzzugskongress nach Mantua einzuberufen, bei dem die gesamte Christenheit vertreten sein sollte. Diese Zusammenkunft erreichte wenig, denn – darauf hat Norman Housley hingewiesen – sie war von Anfang an falsch konzipiert. Die in Mantua tagenden Gesandten verhandelten zwar im Namen ihrer Herren, aber sie waren nicht autorisiert, verbindliche Zusagen von einem Ausmaß zu machen, wie sie sich Papst Pius erhofft hatte; ohnedies hatten dieselben Herren in der Regel dringlichere Probleme als die Kreuzzugsplanung. Der Kongress zog sich über acht Monate hin, was vor allem auf das verspätete Eintreffen der deutschen und französischen Gesandtschaften zurückzuführen war. Bis Weihnachten 1459 hatten die anwesenden Vertreter Truppen im Umfang von insgesamt 80.000 Mann zugesagt, und am 14. Januar 1460 wurde zu einem dreijährigen Kreuzzug gegen die Türken aufgerufen. Doch schon im März 1462 war Pius II. der Verzweiflung nahe:

Wenn wir auch nur daran denken, ein Konzil einzuberufen, so lehrt uns Mantua, dass das ein vergebliches Bemühen wäre. Wenn wir Legaten zu den Mächtigen entsenden und um Hilfe bitten, so lacht man uns aus. Wenn wir dem Klerus einen Zehnten auferlegen, so legt der bei einem künftigen Konzil Beschwerde dagegen ein. Wenn wir Ablassbriefe ausstellen und die Leute ermutigen, durch geistliche Stiftungen und Opfergaben ihr Scherflein beizutragen, so zeiht man uns der Habgier. Man meint, das Anhäufen von Gold sei unser einziges Ziel. Man glaubt uns kein Wort. Es ergeht uns wie zahlungsunfähigen Kaufleuten, die nicht kreditwürdig sind.

Tatsächlich waren die Ergebnisse all dieser Planungen und Verhandlungen – abgesehen von einer Kriegserklärung der Venezianer an die Türken – gänzlich zu vernachlässigen.

Papst Pius jedoch war fest entschlossen, einen Kreuzzug stattfinden zu lassen, und wie Gregor X. zweihundert Jahre zuvor wollte er ihn selbst anführen; als Priester wollte er kämpfen, „mit der Macht des Wortes, nicht der des Schwertes“. Am 18. Juni 1464 nahm er in der Peterskirche das Kreuz und verließ Rom noch am selben Tag in Richtung Ancona, wo er das Eintreffen einer venezianischen Flotte erwartete. Nach und nach trafen Kontingente spanischer, deutscher und französischer Kreuzfahrer ein – insgesamt mehr, als in der Literatur gemeinhin angegeben – und schließlich auch die Flotte, doch dann brach in Ancona die Pest aus. Papst Pius II. starb am 15. August.

Anlässlich des Verlustes von Euböa an die Osmanen – und damit der nach Kreta wichtigsten venezianischen Flottenbasis – veröffentlichte der gerade gewählte Papst Sixtus IV. am 31. Dezember 1471 einen allgemeinen Aufruf zum Kreuzzug und ging eilig ein Bündnis mit Venedig und Neapel ein. Für ein päpstliches Geschwader unter dem Befehl des Kardinals Oliviero Carafa, gab er mehr als 144.000 Florin aus. Die vereinigte Flotte der Bündnispartner war mit 87 Galeeren und fünfzehn Transportschiffen mehr als stattlich und versammelte sich im Spätsommer 1472 vor Rhodos, um von dort aus Antalya und Smyrna anzugreifen, wobei die letztgenannte Stadt völlig niedergebrannt wurde. Einige Glieder aus der mächtigen Kette, die den Zugang zum Hafen von Antalya sicherte, wurden im Triumph nach Rom zurückgebracht und konnten noch bis vor Kurzem im Petersdom besichtigt werden, wo sie über einer Tür aufgehängt waren.

Die Reaktion der Türken kam mit einer Wucht, die ein deutliches Zeichen der Stärke war, die das Osmanische Reich mittlerweile erlangt hatte. 1480 belagerten sie Rhodos und landeten zur gleichen Zeit in Italien selbst, nahe Otranto, das ihnen am 11. August in die Hände fiel. Damit hatten sie einen Brückenkopf in Westeuropa errichtet, und Papst Sixtus, der sogar eine Flucht nach Avignon erwogen hatte, sandte unverzüglich Hilferufe an seine potenziellen Verbündeten. Am 8. April 1481 ließ er diesen Schreiben eine weitere Kreuzzugsbulle folgen, doch schon am 3. Mai starb Sultan Mehmed II., und am 10. September sah sich die muslimische Garnison von Otranto durch ein christliches Heer zur Kapitulation gezwungen.

Die Eroberung von Granada und die Invasion Nordafrikas

Inmitten all der Planungen und Propaganda für Kreuzzungsunternehmen an anderen Orten war auch die iberische Reconquista, die seit über einem Jahrhundert geruht hatte, wieder aufgenommen worden. In den Köpfen der Könige war sie seit etwa 1350 nicht mehr von besonderer Dringlichkeit, und so überließ man den Kleinkrieg an der Grenze den ortsansässigen Adligen. Im Jahr 1475 war Papst Sixtus sogar so weit gegangen, die Hälfte der tercias reales, die schon lange nicht mehr zum Kampf gegen die Mauren eingesetzt wurden, für seine eigene Kriegführung gegen die Türken zu requirieren. Doch infolge der Vereinigung von Aragón und Kastilien durch die Heirat von Ferdinand II. und Isabella I. im Jahr 1479 sowie des Wiederauflebens der Kreuzzugsideologie nach dem Verlust von Konstantinopel begann der spanische Hof, sowohl religiösen, als auch nationalistischen Leidenschaften zu frönen. Kreuzzugsbullen und Kreuzzugsprivilegien – das Zubehör der Bewegung – durften dabei natürlich nicht fehlen. Unsummen von Geld wurden ausgegeben, um große Heere aufzustellen, und der Krieg wurde mit einer Unbedingtheit verfolgt, die auf Kosten fast aller anderen spanischen Interessen ging. Den Christen half dabei der Umstand, dass Granada ihnen durch die Besetzung von Zahara einen Kriegsgrund lieferte und durch inneren Streit zerrissen war, den 1482 die Revolte des Königssohnes ausgelöst hatte. Im selben Jahr eroberten die Christen Alhama; die westliche Hälfte des Königreiches – darunter Zahara, Álora, Setenil, Benamejí und Ronda – wurde zwischen 1483 und 1486 besetzt. 1487 folgte die Rückeroberung von Málaga, 1488/1489 befanden sich auch Baza, Almería und Guadix wieder in christlicher Hand. Im April 1490 begannen Ferdinand und Isabella die Stadt Granada selbst zu belagern. Als ihr Heerlager durch einen muslimischen Ausfall zerstört wurde, gründeten sie stattdessen eine ganze Stadt, Santa Fe, deren Errichtung dem Kampfgeist der Belagerten einen schweren Schlag versetzte.

Granada kapitulierte am 2. Januar 1492; am 6. Januar zog das spanische Königspaar in die Stadt ein. Am 4. Februar wurden der Vatikan und die Engelsburg in Rom zur Feier des christlichen Sieges mit Fackeln und Freudenfeuern illuminiert. Am nächsten Tag zog eine feierliche Dankprozession durch die Stadt, und Kardinal Rodrigo Borgia ließ die ersten Stierkämpfe in Rom veranstalten. Man sagte etwas übertrieben, die Rückeroberung von Granada habe den Verlust Konstantinopels wettgemacht, und nahm allgemein an, dies sei das Vorspiel zur Befreiung Nordafrikas. Tatsächlich begann 1497 mit der Besetzung von Melilla eine Invasion des afrikanischen Kontinents, der eine ganze Reihe von Eroberungen folgte, die von den Päpsten autorisiert und ganz der alten Vorstellung verpflichtet waren, das Heilige Land sei am besten auf dem Landweg über Nordafrika zu erreichen: Mers el-Kebir im Jahr 1505, die Kanareninsel La Gomera 1508, Oran 1509 und schließlich 1510 eine Felseninsel vor Algier (den Peñon de Argel), Bougie und das libysche Tripolis.

Kreuzzugspläne (1484–1522)

Der spanische Triumph ganz im Westen des europäischen Kontinents sollte – allen Bemühungen der Kurie zum Trotz – das einzige konkrete Ergebnis der päpstlichen Kreuzzugspolitik jener Jahre bleiben. Unter den Klauseln der Wahlkapitulation, die im Kardinalskollegium vor der Wahl Papst Innozenz’ VIII. am 29. August 1484 ausgehandelt worden war, fand sich auch das Versprechen, ein allgemeines Konzil zu Kirchenreform und Kreuzzugsplanung einzuberufen, ein altes Programm also, das im 16. Jahrhundert wiederbelebt werden sollte. Gleich zu Beginn von Innozenz’ Pontifikat begann die Kurie, Pläne für einen neuen Kreuzzug zu schmieden, doch erst 1490 erschien die politische Lage in Westeuropa einem solchen Unternehmen günstig – wobei der Schein, wie sich herausstellte, trog. Zunächst wurde, im März des Jahres in Rom ein Kongress zur weiteren Ausarbeitung des Kreuzzugsvorhabens eröffnet. Unter den Teilnehmern befanden sich Abgesandte aller großen Mächte mit Ausnahme Venedigs. Die Delegierten arbeiteten einen detaillierten Plan aus, der zwei Landheere vorsah – eines aus deutschen, ungarischen, böhmischen und polnischen, das andere aus französischen, spanischen, portugiesischen, navarresischen, schottischen und englischen Kreuzfahrern –, dazu eine Flotte, welche der Heilige Stuhl gemeinsam mit den italienischen Seerepubliken stellen sollte. Das Oberkommando über die gesamte Kampagne sollte entweder Kaiser Friedrich III. oder seinem Sohn, dem römisch-deutschen König Maximilian, übertragen werden. Das eine Kreuzfahrerheer sollte die Türken an der ungarischen Grenze angreifen, während das andere zur Landung in Albanien vorgesehen war. Die Flotte wiederum würde in der Ägäis operieren. Der bereits erwähnte Türkenprinz Cem, der sich mittlerweile in päpstlichem Gewahrsam befand, sollte die Kreuzfahrer begleiten: Alle Beteiligten scheinen der Überzeugung gewesen zu sein, dass Cems Gegenwart von politischem Vorteil sein werde. Letztlich folgte aus all diesen ambitionierten Plänen dann doch kein Kreuzzug – obwohl 1493 all jene, die sich an der Verteidigung Ungarns beteiligten, einen vollen Ablass erhielten –, und durch die französische Invasion Italiens 1494 wurden sie ohnehin hinfällig. Aber der Kreuzzugsgedanke lag so sehr in der Luft, dass der französische König Karl VIII., der in Italien eigentlich seinen Anspruch auf den Thron von Neapel durchsetzen wollte, unterwegs in Rom den unglücklichen Cem aufsammelte und, wie es scheint, davon träumte, dass seine Eroberung Unteritaliens der Auftakt zur Eroberung Griechenlands in Begleitung des osmanischen Prinzen sein werde. Cem starb jedoch schon bald, Karls Träume zerronnen, und obwohl er am 22. Februar 1495 im Triumph in Neapel einzog und dort am 12. Mai zum König gekrönt wurde, machte es ihm die Feindschaft Venedigs und Mailands unmöglich, dort zu bleiben. Im November zog er sich nach Frankreich zurück.

1499 erreichte Italien die Nachricht, die Osmanen träfen umfangreiche Kriegsvorbereitungen. Man fürchtete zunächst einen unmittelbar bevorstehenden Angriff auf Rhodos, doch wie sich heraustellen sollte, waren die venezianischen Besitzungen auf dem griechischen Festland das Ziel. Im August fiel Lepanto in türkische Hand; Methoni, Pylos (Navarino) und Koroni folgten im Jahr darauf. Papst Alexander VI. gab erste Gutachten zu einem geplanten Kreuzzug in Auftrag, und Europa schien ein weiterer Schub des Kreuzzugsfiebers bevorzustehen, wie besorgte Äußerungen Heinrichs VII. von England zeigen. Der Papst bemühte sich um einen erneuten Kreuzzugskongress und veröffentlichte am 1. Juni 1500 eine entsprechende Bulle. Beträchtliche Summen wurden durch einen dreijährigen Kreuzzugszehnten aufgebracht, und im Frühjahr 1502 stach ein päpstliches Geschwader von dreizehn Galeeren in See, um die venezianische Flotte zu verstärken. Doch Frankreich und Spanien befanden sich im Streit über das Königreich Neapel, und so wurde in den nächsten paar Jahren viel geredet und wenig getan. Die Päpste Julius II. und Leo X. waren zwar unermüdliche Kreuzzugsplaner und -propagandisten, doch die anhaltenden Kämpfe in Italien, die französische Invasionen und die gegen Venedig gerichtete Liga von Cambrai machten alle ihre Bemühungen zunichte. Heinrich VII. von England, Manuel I. von Portugal und Jakob IV. von Schottland drangen mit Nachdruck auf einen erneuten Kreuzzug, während Ferdinand von Spanien und Ludwig XII. von Frankreich das Vorhaben zumindest zeitweilig unterstützten. Zwischen 1512 und 1517 standen Kreuzzugspläne auf der Tagesordnung der ersten, sechsten, achten, zehnten und zwölften Sitzung des Fünften Laterankonzils, wobei ein Schwerpunkt auf der alten Verbindung von Kreuzzugsidee und Kirchenreform lag. 1513 veröffentlichte Papst Leo X. eine weitere Kreuzzugsbulle, die an die Bewohner Osteuropas gerichtet war; im Jahr darauf wurde ein Kreuzfahrerheer aufgestellt. Leo drängte die weltlichen Herrscher, ihre Differenzen beizulegen, und rief 1516 sogar die Franzosen zu einem Kreuzzug unter dem Kommando ihres Königs Franz I. auf, den er zuvor überredet hatte, persönlich die Führung zu übernehmen.

Dann jedoch in den Jahren 1516/1517 erfolgte die osmanische Eroberung von Syrien und Ägypten. Die europäische Öffentlichkeit war entsetzt. Die Kurie reagierte mit einem weiteren Ausbruch von Aktivitäten. Am 11. November 1517 wurde ein besonderer Kreuzzugsablass verkündet, und der Papst setzte eine Kommission von acht Kardinälen ein, die zunächst einmal zu einem allgemeinen Waffenstillstand in Europa aufriefen. Dieser würde durch eine Allianz namens Fraternitas Sanctae Cruciatae („Bruderschaft des heiligen Kreuzzuges“) gesichert werden, deren Bundesschwur die Fürsten ablegen sollten. Anschließend sollte, so der Vorschlag der Kardinäle, ein Heer von 60.000 Mann zu Fuß, 4000 Panzerreitern und 12.000 Mann leichter Kavallerie aufgestellt werden, das durch eine Flotte ergänzt würde. Der eine Heeresteil sollte nahe dem albanischen Durazzo landen, der andere von Norden her nach Thrakien vorstoßen. Der Papst selbst sollte den Kreuzzug begleiten. Abschriften dieses Memorandums wurden den Königen Westeuropas übersandt. Die Antworten Franz’ I. von Frankreich und des Kaisers Maximilian verliehen deren Überzeugung Ausdruck, dass ein Friedensschluss in Europa Vorbedingung jedes weiteren Vorgehens sei, und so erklärte der Papst am 6. März 1518 eine fünfjährige Waffenruhe in ganz Europa und sandte prominente Kardinäle als Legaten aus, die auf deren Einhaltung durch die betroffenen Mächte achten sollten. So groß war zu jener Zeit die Türkenfurcht der Europäer, dass es so aussah, als würden sie den Anweisungen des Papstes tatsächlich Folge leisten. Frankreich, das Heilige Römische Reich und Venedig erklärten, den fünfj ährigen Waffenstillstand einhalten zu wollen, und im Oktober 1518 schlossen Frankreich und England den Vertrag von London, ein Verteidigungsbündnis, das für weitere Partner offen blieb. Der Papst ratifizierte den Vertrag am 31. Dezember, der spanische König Karl I. tat es ihm gut zwei Wochen später gleich. Das Treffen Franz’ I. von Frankreich mit dem englischen König Heinrich VIII. auf dem Camp du Drap d’Or in der Nähe von Calais im Juni 1520 bot die Gelegenheit zu einer verschwenderisch-theatralischen Freundschaftsbekundung. Die Planungen zu Geldbeschaffung und Truppenaushebung schritten weiter voran, doch mit der Nachricht vom Tod Sultan Selims I. fielen 1520 sämtliche Anstrengungen in sich zusammen. Die Kreuzzüge verschwanden aus dem Rampenlicht. Woher hätten die Fürsten des christlichen Abendlands auch wissen sollen, dass Selims Nachfolger Süleyman ein mindestens ebenso formidabler Gegner sein würde wie sein Vater? Sie wandten ihre Aufmerksamkeit lieber wieder näherliegenden Problemen zu, so etwa den konkurrierenden Ansprüchen Karls von Spanien und Franz’ von Frankreich auf die Kaiserkrone und den Thron von Neapel, oder der Reformation Martin Luthers in Deutschland.

Die Unfähigkeit der Päpste und der römischen Kurie, den Westen zur Unterstützung eines Kreuzzugsvorhabens zu einen – und das trotz unglaublicher Anstrengungen und Reformbemühungen –, erinnert an die Entwicklungen der Jahre 1150–1187 und 1272–1291. Es lag in der Natur der zwischenstaatlichen Beziehungen jener Jahre – verschärft noch durch das Chaos, in dem Italien nach 1494 versank –, dass keiner der europäischen Fürsten sich überreden ließ, ihre Differenzen lange genug beizulegen. Stattdessen ließen sie sich stets davon überzeugen, dass dieser oder jener Grenzkonflikt oder Herrschaftsanspruch wichtiger war als die türkische Bedrohung Europas. Die Kreuzzugsbewegung war nun unübersehbar im Niedergang begriffen, und selbst die Appelle der Päpste blieben ohne Antwort. Ausmaß und Geschwindigkeit dieses Niedergangs lassen sich leicht übertreiben – von Zeit zu Zeit flammte der frühere Enthusiasmus immerhin noch einmal auf, und das nicht nur im Adel, sondern auch unter dem einfachen Volk –, aber fern vom Mittelmeer und fern von Osteuropa, wo die unmittelbar mit den Türken konfrontierten Mächte noch immer einigen Eifer an den Tag legten, ebbte die Begeisterung für das alte Ideal immer weiter ab.