11. Der langsame Tod der Kreuzzugsbewegung (1523–1892)

Nach siebzig Jahren intensiver Anstrengung ließ der Druck, Kreuzzüge zu führen, in den 30er-Jahren des 16. Jahrhunderts schlagartig nach. Die Aufmerksamkeit und die Ressourcen der Kurie waren durch die Einfälle französischer und kaiserlicher Truppen nach Italien gebunden; dazu kam die Sorge um die Aktivitäten der Kirchenreformer, als in Deutschland der durch Martin Luther verursachte Aufruhr immer größer wurde. Auf die Nachrichten der Eroberung von Belgrad 1521 und Rhodos 1522 hatte Papst Hadrian VI. mit der Ausrufung einer dreijährigen Waffenruhe in Europa reagiert, die das Aufstellen eines Koalitionsheeres gegen die Osmanen ermöglichen sollte. Franz I. von Frankreich wurde durch das Kardinalskollegium darauf aufmerksam gemacht, dass Ruhm und Ehre seines Hauses nicht auf deren Kriegen mit ihren Nachbarn beruhten, sondern auf der Rolle, die es bei den Kreuzzügen gegen die Ungläubigen gespielt hatte. Allerdings scheiterte dieser Versuch, einen fähigen Anführer für den geplanten Kreuzzug zu finden, als die Franzosen wieder einmal in Oberitalien einfielen. Hadrians Nachfolger Clemens VII. wollte eine paneuropäische Kreuzzugsliga gegen die Türken ins Leben rufen, und dieses Begehren hatten zweifellos Franz I. und Kaiser Karl V. im Sinn, als sie in ihrem 1526 geschlossenen Friedensvertrag von Madrid den Wunsch äußerten, der Papst möge doch die Europäer zu einem „allgemeinen Kreuzzug“ aufrufen. Am 26. August desselben Jahres wurde ein ungarisches Heer unter König Ludwig II. bei Mohács vernichtend von den Osmanen geschlagen; Ludwig selbst wurde auf dem Rückzug getötet. Angesichts der wachsenden militärischen Bedrohung Italiens durch das Kaisertum, die 1527 zu der deutschen Besetzung Roms führte, überrascht es nicht, dass Papst Clemens VII. weiterhin auf die Gründung einer Kreuzzugsliga drang. Die Unterhändler Karls V. verlangten von Clemens jedoch die Einberufung eines allgemeinen Konzils, das die Kirche reformieren und das Luthertum ausrotten sollte, und verbanden dies mit dem Wunsch, „die so überaus sehnlich erwartete Expedition gegen die Ungläubigen“ vorzubereiten.

Die Reformation

Die alte Verknüpfung von Kirchenreform und Kreuzzungsidee tauchte im Vorfeld des schließlich abgesagten Konzils von Mantua 1537 wieder auf, ebenso im Aufruf zum Konzil von Trient, der 1544 erging. Auf diesem Konzil wollte man „die Zwietracht in der Religion beenden, das Verhalten der Christenheit bessern [oder: reformieren] und im allerheiligsten Zeichen des Kreuzes eine Expedition gegen die Ungläubigen ins Werk setzen“ – eine Agenda, die sich von den Konzilien des 13. Jahrhunderts allein durch ihren Verweis auf den Protestantismus unterscheidet.

Viele Katholiken glaubten noch immer, Häretiker – in diesem Fall die Protestanten – seien mindestens so gefährlich wie die Muslime. So erklärte beispielsweise 1566 der Sprecher König Philipps II. von Spanien, von den Türken gehe angesichts des „inneren Übels“ von Häresie und Rebellion die geringere Gefahr aus. Im Februar 1524 bekundete Clemens VII. seine doppelte Besorgnis angesichts der türkischen Bedrohung Ungarns und der Aktivitäten Martin Luthers, und auch der Vorschlag eines allgemeinen Kreuzzuges, der zwei Jahre später in dem Vertrag von Madrid enthalten war, nannte als doppeltes Ziel „die Abwehr und Vernichtung … der Ungläubigen und die Ausrottung der Irrlehren der lutheranischen Sekte“. Und wenn es die Katholiken aus politischem Kalkül unterließen, den Schmalkaldischen Krieg von 1546/1547 mit Kreuzzugsideen zu verbinden, so hatten doch die aufständischen englischen Katholiken, die 1536/1537 auf der Pilgrimage of Grace („Pilgerfahrt der Gnade“) gegen König Heinrich VIII. gezogen waren, Abzeichen mit den fünf Heiligen Wunden Christi getragen, wie sie auch bei den Kreuzfahrern in Nordafrika üblich waren. Der exilierte englische Kardinal Reginald Pole rief gar zu einem Kreuzzug gegen England auf, der dann 1588 in Gestalt der Spanischen Armada, mit Ablassbriefen versehen und zum Teil aus Kreuzzugssteuern finanziert, Wirklichkeit wurde. Im Jahr 1551 drohte Papst Julius III. dem französischen König Heinrich II. mit einem Kreuzzug, weil er sowohl die Protestanten als auch die Türken unterstützt habe. Selbsternannte Kreuzfahrerbruderschaften spielten eine wichtige Rolle bei den ersten drei Bürgerkriegswellen im Frankreich der 1560er-Jahre; auch im Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) tauchen unversehens wieder Elemente der Kreuzzugsideologie auf. Immer wieder wird deutlich, dass Bedrohungen im Inneren von den Päpsten und auch von den meisten Katholiken nahezu unverändert für gefährlicher gehalten wurden als solche, die von außen kamen.

Die protestantische Lehren verbreiteten sich schnell, und bis zum Ende des 16. Jahrhunderts war eine nicht zu unterschätzende Minderheit unter den Christen des Abendlands für den Katholizismus – und damit auch für die Kreuzzugsbewegung – verloren. Gewiss: Zahlreiche Reformatoren waren Anhänger der Lehre vom Gerechten Krieg. So lehnte zwar Martin Luther die Vorstellung einer besonderen Lehrautorität des Papstes entschieden ab, desgleichen die Idee der Errettung durch gute Werke. Und doch stellte Luther – vielleicht in einer Art von negativem Echo der Tradition – den Bischof von Rom als schlimmer als die Türken dar, und auch sein Standpunkt, was das Recht eines Christenmenschen anging, zur Verteidigung seiner Familie und Heimat gegen die Muslime zu den Waffen zu greifen, „ähnelte“, darauf hat Norman Housley hingewiesen, „dem katholischen Kreuzzugsdenken in mehreren entscheidenden Punkten, darunter Luthers Betonung von Buße und Gebet“. Dies habe, so Housley weiter, „die lutheranischen Gemeinden befähigt, in Krisenzeiten mit den Angehörigen gegnerischer Konfessionen zusammenzuarbeiten“. So bewilligten auch die protestantischen Fürsten und Reichsstände die Steuermittel, die der katholische Kaiser für seinen Krieg gegen die Türken benötigte, und im protestantischen England wurde nach der erfolgreichen Verteidigung des katholischen Malta im Jahr 1565 in allen Kirchen des Königreiches sechs Wochen lang drei Mal wöchentlich ein Dankgebet gesprochen. Der Hugenottenführer François de La Noue verbrachte seine Kerkerhaft in den frühen 1580er-Jahren mit der Niederschrift seiner Discours politiques et militaires, in welchen auch der Entwurf eines modifizierten passagium generale enthalten war, das – freilich ohne das Versprechen eines Ablasses – Konstantinopel zurückerobern sollte. La Noue erhoffte sich davon die Wiedervereinigung der Christenheit und ein Ende der blutigen Religionskriege. Doch die Protestanten lehnten einen Heiligen Krieg unter päpstlichem Oberbefehl natürlich ab, und so muss der Gedanke, selbst das Kreuz zu nehmen, unter ihnen rasch seinen Reiz verloren haben, obwohl auch in den kommenden Jahrhunderten gelegentlich noch Protestanten bei den Johannitern auf Malta Dienst taten.

Obwohl die Reformation den christlichen Widerstand gegen die Türken offenkundig schwächte, kam der osmanische Vormarsch – wie machtvoll und furchteinflößend er auch zu sein schien – mit der Zeit nur noch sporadisch voran, zumindest an der osteuropäischen Landgrenze des Reiches, wo schnelle Aktionen sich mit Phasen relativer Ruhe abwechselten. Bis zum Jahr 1541 hatten die Türken ihr mitteleuropäisches Grenzgebiet konsolidiert, dessen Hauptstadt das ungarische Buda bildete. 1529 und erneut 1683 belagerten sie Wien. In Nordafrika entbrannte, wie wir noch sehen werden, ein erbitterter Kampf zwischen den einheimischen Muslimen, die unter osmanischer Oberherrschaft standen und den Spaniern. Im Mittelmeerraum eroberten die Osmanen nach und nach die Inseln und Territorien auf dem Festland, die noch von den Lateinern gehalten wurden. Nafplio und Monemvasia fielen 1540 an die Osmanen, 1566 bzw. 1570/1571 folgten die Inseln Chios und Zypern. Während es 1565 gelungen war, Malta, ein entscheidendes Bindeglied in der christlichen Verteidigungslinie von Mitteleuropa nach Nordafrika, gegen einen türkischen Eroberungsversuch zu verteidigen, fiel Kreta 1669 an das Osmanische Reich.

Es ist nur verständlich, dass die christlichen Mächte bestrebt waren, den Schaden auch auf diplomatischem Wege zu begrenzen. Venedig und das Heilige Römische Reich, die beide die größten Verluste erlitten hatten, mussten dazu bereit sein, mit Konstantinopel einen Waffenstillstand zu schließen, wenn dies opportun erschien. Die Venezianer gingen sogar so weit, Sultan Süleyman zur Eroberung von Rhodos sowie zu seinem Sieg bei Mohács zu beglückwünschen. Die französische Krone schloss ein Bündnis mit den Türken, um sich auf diese Weise gegen die Machtbestrebungen Kaiser Karls V. zur Wehr zu setzen. Ihr 1536 mit Konstantinopel geschlossener Bündnisvertrag, der durch die 1569 von Sultan Selim II. gemachten Zugeständnisse noch bekräftigt wurde, versetzte die Franzosen zudem in die Lage, sich als segensreich zu erweisen und als Schutzmacht katholischer Kaufleute und Pilger aufzutreten, die im Osmanischen Reich Handel trieben oder auf der Reise waren. Überraschender war da schon die Haltung Papst Pauls IV. (1555–1559), dessen Ketzerbesessenheit ihm eigentlich wenig Freiraum für irgendwelche kreuzfahre rischen Aktivitäten hätte lassen sollen. Dennoch drohte er sowohl Kaiser Karl V. als auch dessen Sohn Philipp II. von Spanien, die er gleichermaßen fürchtete und hasste, mit einem Kreuzzug. Er zog sogar ein gegen die Habsburger gerichtetes Bündnis mit den Türken in Betracht – was einen der Anklagepunkte bildete, als sein Neffe, der ein Johanniter gewesen war, später zum Tode verurteilt wurde.

Alte und neue Ritterorden

Das Wesen einiger Ritterorden änderte sich tiefgehend. Dies führte zum Aufk ommen einer neuen Art von weniger geistlich als militärisch ausgerichteten Orden, die nicht mehr der Legitimation durch die Kirche bedurften, da sie unter der Herrschaft von Fürsten und deren dynastischen oder gesetzlichen Erben standen. Die Säkularisierung der iberischen Ritterorden war bereits im 15. Jahrhundert weit fortgeschritten. Im 16. Jahrhundert wich die de facto bestehende Kontrolle der Orden durch die Krone einer nun auch formalrechtlich fixierten, päpstlich besiegelten Herrschaft. Den Ordensbrüdern wurden fast alle Einschränkungen erlassen, die sich auf das religiöse Leben bezogen. In einigen Orden blieb diese Säkularisierung jedoch Stückwerk, sie behielten einzelne Elemente ihrer geistlichen Vergangenheit bei. Ihre Ritter dienten weiterhin in Nordafrika oder bei den Galeerenflotten des Mittelmeerraums oder im aufstrebenden portugiesischen Weltreich, dessen Verwaltung dem Orden der Christusritter anvertraut war. Und die Mitgliedschaft in diesem Orden brachte noch immer öffentliche – nicht nur private – Verpflichtungen zur Verteidigung der Christenheit bzw. des christlichen Glaubens mit sich. Papst Pius V. (1566–1572) befahl den portugiesischen Ritterorden, an der nordafrikanischen Grenze der Christenheit die Stellung zu halten, und verfügte sogar, dass kein neuer Ordensbruder seine ewigen Gelübde ablegen dürfe, bevor er nicht mindestens drei Jahre dort Dienst getan habe. Auch wollte er in Afrika ein Ordensseminar zur Ausbildung junger Ritterbrüder einrichten. Ab 1552 unterhielt der Orden von Santiago drei oder vier Galeeren, die Teil der spanischen Mittelmeerflotte waren.

Die iberischen Mischlinge beeinflussten eine Reihe von Neugründungen, die sich ganz an ihrem Vorbild ausrichteten. Dazu gehörten der 1562 gegründete Toskanische Stephansorden, der über beinahe zwei Jahrhunderte eine schlagkräftige Flotte aufb ot; der savoyische Orden der Heiligen Mauritius und Lazarus (1572) und der französische Orden unserer Lieben Frau vom Berge Karmel und des heiligen Lazarus von Jerusalem (1609), die beide die letzten Teile des Lazarusordens in sich aufnahmen; sowie der Konstantinische Orden vom heiligen Georg (1697). Andere, entferntere Abkömmlinge der alten Ritterorden, die auch keinerlei Kreuzzugsambitionen mehr hegten, waren der päpstliche Reiterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem (1847) sowie fünf protestantische Orden, die sich in einem Fall in der Tradition des Deutschen Ordens, in den übrigen vier jedoch als Nachfolger des Hospitals des heiligen Johannes sahen: die Ballei Utrecht (1815) des Deutschen Ordens; und die Ballei Brandenburg (1852) in Deutschland; der Most Venerable Order of St John im britischen Commonwealth (1888), der schwedische Johanniterorden (1920) sowie der Johanniterorden (1946) in den Niederlanden.

Die überlebenden Ritterorden traditioneller Art wurden von der Reformation schwer getroffen. Im Jahr 1525 trat Albrecht von Brandenburg, der letzte Hochmeister des Deutschen Ordens im Baltikum, zum Luthertum über. Den vormaligen Deutschordensstaat erhielt er vom polnischen König als Lehen und regierte dort fortan als Herzog von Preußen. 1562 wurde der letzte Meister des Deutschen Ordens in Livland, Gotthard Kettler, ebenfalls ein lutherischer Herzog (von Kurland und Semgallen). Die Kommende Utrecht in den Niederlanden nahm den Calvinismus an und besteht bis zum heutigen Tag als die wohltätige Körperschaft, die im vorigen Absatz erwähnt wurde. Der Rest des Deutschen Ordens blieb als katholische Gemeinschaft nur im süddeutschen Raum bestehen, wo die Hochmeister des Ordens fortan in Mergentheim Hof hielten. In den Kriegen der Habsburger gegen Türken und Protestanten sollte der Deutsche Orden auch weiterhin eine Rolle spielen: Ab 1696 unterhielt er ein eigenes Regiment innerhalb der habsburgischen Armee. Zwar war der Orden in jener Zeit vergleichsweise klein – 1699 gehörten ihm nur 94 Ritter und 58 Priester an –, aber er blieb doch ein funktionierender Militärorden, der nach 1809 sein Hauptquartier nach Wien verlegte. Der Deutsche Orden besteht noch heute, wenn auch die Mitgliedschaft mittlerweile auf Ordenspriester beschränkt ist.

Der Johanniterorden überlebte zwar und gedieh sogar; aber er verlor seine nördlichen Provinzen. Die norddeutschen Johanniterbrüder, die bereits 1382 die Einrichtung einer eigenen Ordensprovinz durchgesetzt hatten, nahmen den lutherischen Glauben an und gründeten eine eigene, protestantische Ballei, die sich schließlich von der Kontrolle des mittlerweile auf Malta ansässigen Großmeisters loskaufte und bis heute als die bereits erwähnte Ballei Brandenburg der deutschen Johanniter fortbesteht. Auch in Dänemark überlebte der Orden eine Zeit lang als protestantische Körperschaft, stellte dann jedoch Schritt für Schritt die Arbeit ein. In England, Norwegen und Schweden wurde er aufgelöst und sein Eigentum beschlagnahmt. Nur in England wurde der Orden kurzzeitig unter Königin Maria I. wiederbelebt. Der letzte Präzeptor des Johanniterordens in Schottland, James Sandilands, trat zum calvinistischen Glauben über und erhielt den dortigen Landbesitz des Ordens 1564 als weltliche Baronie.

Kreuzzüge in Nordafrika

Die Kreuzzugsaktivitäten waren nun auf drei Zonen beschränkt. Eine davon war Nordafrika. Dort hatten die Spanier bereits eine Reihe von Brückenköpfen entlang der Küste errichtet, die als Missionszentren und Militärstützpunkte zur Kontrolle des Küstenstreifens dienen sollten. Zwar banden die riesigen spanischen Eroberungen in den beiden Amerikas einen großen Teil von dem, was die kastilische Gesellschaft an Energie und Ressourcen aufbringen konnte – und es gibt Hinweise darauf, dass das Kreuzzugsdenken jenseits des Atlantiks Verbreitung fand –, aber die Anstrengungen, die im Kampf um Nordafrika unternommen wurden, sind verblüffend. Da es sich bei dem spanischen Kreuzzugsunternehmen um ein nationales Vorhaben unter königlichem Kommando handelte, war es unabhängig genug, sich nicht von den Geschehnissen im Rest Europas beeinflussen zu lassen, wie bei den Kreuzzügen in den Nahen Osten geschehen. Früher oder später jedoch würden die Spanier an die Türken geraten, die seit der Unterwerfung Ägyptens begehrliche Blicke in Richtung Westen geworfen hatten.

Einer der ersten Anführer des Widerstands gegen die Spanier war ein Mann namens Arudsch Barbarossa, der aus Lesbos stammte und womöglich griechischer Abstammung war. Arudsch vertrieb die spanischen Besatzer aus Miliana, Medea, Tenes und Tlemcen. 1518 wurde er im Kampf getötet, aber sein jüngerer Bruder Khair ad-Din übernahm das Kommando, trat die von ihm beherrschten Gebiete an die Türken ab und eroberte mit deren Hilfe Collo, ʿAnnaba, Constantine, Cherchell und 1529 auch den Fels von Algier (Peñon de Argel), der zu seinem neuen Hauptquartier wurde. Khair ad-Din Barbarossa war schon bald einer der gefürchtetsten Piratenkapitäne auf dem westlichen Mittelmeer und führte große Flotten von Freibeutern auf Kaperfahrten bis nach Italien. Er war eine solche Bedrohung, dass die Abgesandten des Kaisers, die 1533 mit der osmanischen Regierung über einen Tausch der Insel Koroni – die 1532 von den Christen zurückerobert worden war – gegen Ungarn verhandelten, die Türken dazu drängten, auch die Rückgabe des Felsens von Algier an die Spanier zum Gegenstand der Verhandlungen zu machen.

Im August 1534 besetzte Khair ad-Din Tunis, wodurch seine Operationsbasis der Südspitze Italiens unangenehm nahe kam. Karl V. reagierte mit der Entsendung eines Expeditionsheeres, das Tunis einnehmen sollte. Ein Kreuzzug wurde gepredigt, Ablässe wurden in Aussicht gestellt. Der Kaiser selbst übernahm das Kommando im Zeichen „des gekreuzigten Heilands“ und machte sich – wie so viele Kreuzfahrer vor ihm – auf eine einleitende Pilgerreise; die seine führte ihn in das Kloster Montserrat, wo er die heilige Jungfrau Maria um Beistand für den Feldzug bat. Papst Paul III. beteiligte sich an dem Unternehmen mit Geld und sechs Galeeren. Die Johanniter steuerten vier Galeeren bei; die Portugiesen sandten Galeonen und Karavellen. Am 16. Juni 1535 setzte eine Flotte von 74 Galeeren und 330 anderen Schiffen unweit der Stelle, an der im Jahr 1270 Ludwig IX. von Frankreich nordafrikanischen Boden betreten hatte, ein Heer unter dem persönlichen Befehl Kaiser Karls V. an Land. In einem triumphalen Sieg, von dem Kaiser Karl später behaupten sollte, 20.000 gefangene Christen hätten durch ihn die Freiheit wiedererlangt, nahmen die Kreuzfahrer am 14. Juli die Festung von La Goulette ein. Der größte Teil der Barbareskenflotte wurde von den Angreifern erbeutet, Khair ad-Dins Heer geschlagen, und am 21. Juli folgte die Einnahme und Plünderung von Tunis. Schloss und Riegel vom Tor der Stadt wurden als Trophäen nach Rom geschickt, wo Karl V. sich in einem Triumphzug feiern ließ, wie er eines Kaisers würdig war. Khair ad-Din konnte fliehen und zog sich mit einigen seiner Truppen und auf dem Umweg über Mahón auf der Baleareninsel Menorca – das er plünderte – nach Algier zurück. Er brachte es später in osmanischen Diensten bis zum Admiral und blieb bis zu seinem Tod im Jahr 1546 ein Schrecken der christlichen Seefahrt im gesamten Mittelmeerraum.

Im Oktober 1541 zog Karl V. mit den Truppen seines Reiches gegen Algier. Unglücklicherweise wurde seine Flotte in einem Sturm zerstreut, weshalb Karl glaubte, ein an Land gebrachtes Heer nicht adäquat versorgen zu können. Unter den Männern, die ihren Kaiser dennoch zur Fortsetzung des Unternehmens überreden wollten, befand sich auch Hernán Cortés, der Eroberer des Aztekenreiches im heutigen Mexiko. Im Juni 1550 entsandte der Kaiser eine Flotte zur Belagerung von Mahdia, das ja bereits 1390 das Ziel eines Kreuzzuges unter Ludwig von Clermont gewesen war. Kurz zuvor war es der Heimathafen von Khair ad-Dins Nachfolger als führender Barbareskenkorsar geworden, eines aus Kleinasien stammenden Mannes namens Turghut Ali, den die Europäer Dragut nannten. Das christliche Heer eroberte die Stadt am 8. September, doch Turghut Ali entkam. Der Sultan ernannte ihn zum Gouverneur des libyschen Tripolis, das 1530 den Johannitern gegeben, am 14. August 1551 jedoch an die Türken verloren worden war.

Die Johanniter, deren halbherzige Verteidigung von Tripolis ihrem Ruf nicht gutgetan hatte – ganze 200 Ritter hatten sich dem Feind ergeben –, drängten den spanischen König Philipp II., die Stadt zurückzuerobern. Papst Paul IV. gewährte einen Kreuzzugsablass, den sein Nachfolger Pius IV. bestätigte, und im Februar 1560 brachte eine Flotte von mindestens 47 Galeeren – zur Verfügung gestellt von Spanien, Genua, Florenz, Neapel, Sizilien, dem Papsttum und den Johannitern – gemeinsam mit 43 weiteren Schiffen ein Heer von 11.000–12.000 Mann – Italiener, Spanier, Deutsche, Franzosen, Johanniter und Malteser – zur Insel Dscherba am südlichen Zugang des Golfs von Gabès. Am 13. März eroberten christliche Landungstruppen die dortige Festung: Ein wichtiger erster Schritt zur Rückeroberung von Tripolis. Sie wussten, dass ein türkischer Gegenschlag zu erwarten war, und bemühten sich deshalb unter großen Anstrengungen, die Befestigungsanlagen von Dscherba auszubauen, obwohl eine große Anzahl von Kreuzfahrern einer Typhusepidemie zum Opfer fiel. Im Mai begann der größere Teil des Heeres mit der Wiedereinschiffung; nur eine Garnison von 2200 Spaniern, Italienern und Deutschen sollte auf Dscherba zurückbleiben. Bevor jedoch alle Menschen und Materialien planmäßig verladen werden konnten, wurde die Flotte vom Angriff einer türkischen Armada überrascht. Am 11. Mai wurde die christliche Flotte geschlagen; 27 Galeeren gingen verloren. Die Garnison von Dscherba hatte kaum noch Trinkwasser, da die beiden Zisternen der Festung beinahe trocken waren; durch Destillation gelang es dennoch, rund dreißig Fässer Wasser am Tag zur Verfügung zu stellen. Bis zum 27. Juli war jedoch auch das Brennholz ausgegangen, das zum Betrieb der Destillen benötigt wurde. Viele Männer starben, vor Durst oder an Skorbut. Bis zum Ende des Monats war die Belagerung beendet. Zahlreiche Verteidiger wurden massakriert, darunter auch Verwundete. Insgesamt 7000 Gefangene, von denen 5000 beim Sieg über die Kreuzfahrerflotte in die Hände der Türken gefallen waren, wurden nach Konstantinopel gebracht.

Spanien und Portugal machten sich größere Sorgen über Nordafrika als über den östlichen Mittelmeerraum, und das Papsttum hatte dafür Verständnis. In den Jahren vor der Seeschlacht von Lepanto 1571 jedoch ließ sich Spanien überreden, die eigenen Interessen zugunsten von Flottenoperationen im Osten hintanzustellen. Das änderte allerdings nichts an der Tatsache, dass Tunis – das Karl V. 1535 einem von ihm abhängigen muslimischen Herrscher überlassen hatte – eine ständige Bedrohung für den christlichen Vorposten La Goulette war. 1569 wurde Tunis durch einen weiteren algerischen Korsaren, Uludsch Ali, besetzt, der zwei Jahre später als osmanischer Admiral der Verlierer von Lepanto sein sollte. Die Spanier sahen sich zum Handeln gedrängt. Nach dem Zusammenbruch der Heiligen Liga, der unten zu behandeln sein wird, nahm Don Juan de Austria Tunis am 11. Oktober 1573 beinahe kampflos ein und zog dann weiter, um Bizerta zu erobern. Die Reaktion der Türken ließ nicht lange auf sich warten. Am 13. Mai 1574 verließ eine gewaltige Flotte von 240 Galeeren den Hafen von Konstantinopel mit Kurs auf die Barbareskenküste. Nach einmonatiger Belagerung nahmen die Osmanen am 25. August La Goulette ein; am 13. September wurde auch Tunis wieder zurückerobert.

Die Christen waren damit in den äußersten Westen Nordafrikas abgedrängt. Die Türken festigten nun ihre Herrschaft an der Küste und begannen sodann, die christlichen Stützpunkte in Marokko unter Druck zu setzen. Zu diesem Zweck unterstützten sie ihren Kandidaten für die Scherifenwürde 1576 dabei, die Stadt Fez einzunehmen. Die spanische Krone bemühte sich im Geheimen um einen Friedensschluss mit den Osmanen, aber König Sebastian I. von Portugal, eine romantische Gestalt und von der Kreuzzugsidee geradezu besessen, begann einen Krieg, den man im Unterschied zu einer Liga als den letzten Kreuzzug alter Machart bezeichnen könnte: Sebastians Feldzug richtete sich gegen die Muslime, er war mit Ablässen wohlversehen und von päpstlichen Legaten begleitet. Sein Heer landete bei Asilah, etwa zwanzig Kilometer südlich von Tanger: 15.000 Fußsoldaten und 1500 Berittene – Portugiesen, Spanier, Deutsche, Niederländer –, darunter auch ein päpstliches Kontingent unter dem Befehl des Engländers Sir Thomas Stukeley, das eigentlich für Irland bestimmt war; dazu kamen mehrere tausend Unbewaffnete. Bis zum 3. August 1578 hatten König Sebastian und sein Heer die Festung von Ksar el-Kebir (Alcácer-Quibir) erreicht, doch Sebastian hatte den Kontakt zu seiner Flotte verloren, und die Vorräte gingen zur Neige. Am darauffolgenden Tag wurden die Kreuzfahrer von einem zahlenmäßig weit überlegenen marokkanischen Heer gestellt. In der anschließenden „Schlacht der drei Könige“ verloren sowohl Sebastian von Portugal als auch der osmanische Marionettenscherif und dessen Vorgänger, der sich mit Sebastian verbündet hatte, ihr Leben. Auch Sir Thomas Stukeley und rund 8000 Kreuzfahrer wurden getötet, fast 15.000 gerieten in Gefangenschaft.

Kriegsschauplätze im Osten

Die beiden anderen Schauplätze kreuzfahrerischer Aktivität in jenen Jahren – Ungarn und das östliche Mittelmeer – waren strategisch miteinander verbunden und können deshalb zusammen behandelt werden. Es überrascht, dass gerade auf dem Mittelmeer noch so viele Operationen durchgeführt wurden – trotz des Umstands, dass sowohl das Papsttum als auch die katholischen Mächte Westeuropas durch den Aufstieg des Protestantismus zunehmend gelähmt wurden. Im Herbst 1529 belagerte Sultan Süleyman drei Wochen lang die Stadt Wien. Die Sorge wegen seines Vormarsches bewog Papst Clemens VII. und Kaiser Karl V. dazu, eine Allianz einzugehen. Franz I. von Frankreich, der sich zuvor im Krieg mit dem Kaiser befunden hatte, wurde zu einem Friedensschluss mit diesem gezwungen. Aus der Sicht Clemens’ VII. hatte somit die Bedrohung des Herzens Europas endlich den allgemeinen Frieden gebracht, um den sich der Papst schon so lange bemüht hatte. Jetzt endlich würde die Christenheit gemeinsam gegen die Osmanen zu Felde ziehen können. Am 2. Februar 1530, drei Wochen vor der Kaiserkrönung Karls V. durch den Papst in Bologna, forderte Clemens VII. die Abgesandten eines Dutzends von Staaten – zumeist italienischen, doch das Kaiserreich und Ungarn waren auch darunter – auf, von ihren Herren die Zustimmung zu einem „allgemeinen Feldzug gegen die Ungläubigen“ einzuholen. Zur Bewerbung des Kreuzzuges ordnete Clemens überall im Kaiserreich Predigtkampagnen an und unternahm während der nächsten zwei Jahre alles, um ein Kreuzfahrerheer auf die Beine zu stellen. Erneute Feindseligkeiten zwischen Frankreich und dem Kaiserreich sowie das „Luther-Problem“ machten diese Bemühungen jedoch zunichte.

Der triumphale Tunisfeldzug Karls V. beflügelte von Neuem die Hoffnung auf einen allgemeinen Kreuzzug in den Osten. Im Januar 1536 versicherte Papst Paul III. dem polnischen König Sigismund I., dass er beständig auf die Rückeroberung Konstantinopels hinarbeite. Mitte September 1537 ging der Heilige Stuhl ein entsprechendes Bündnis mit Venedig ein, und Clemens rief eine Kommission von Kardinälen ins Leben, die mit der Planung des Feldzuges betraut wurden. Zur selben Zeit kam es zu einem außergewöhnlichen Pakt zwischen Frankreich und den Türken mit dem Ziel einer Invasion Italiens. Dieser Plan scheiterte allerdings an der mangelnden Abstimmung zwischen den beiden Bündnispartnern. Im Februar 1538 schloss sich Karl V. der päpstlich-venezianischen Liga an. Im Erfolgsfall, so die Abmachung, würde er zum Kaiser von Konstantinopel gekrönt werden, während die Johanniter Rhodos zurückerhalten sollten. Karl selbst sollte die Hälfte der Kreuzzugskosten tragen, die Venezianer ein Drittel und der Papst ein Sechstel. Schließlich gelang es Clemens noch, die Franzosen und den Kaiser zur Unterzeichnung eines zehnjährigen Waffenstillstands zu überreden, doch im September wurde die Flotte der Liga vor Preveza am Eingang des Golfes von Arta durch ein türkisches Geschwader unter Khair ad-Din Barbarossa geschlagen. Der Papst, der nach eigener Aussage persönlich am Kreuzzug teilnehmen wollte, versuchte noch, Karl V. von einem erneuten Versuch im nächsten Frühjahr zu überzeugen, aber die Liga löste sich wieder auf. Im Jahr 1540 unterzeichneten die Venezianer ein Friedensabkommen mit den Türken – das ihnen 300.000 Dukaten wert war – und traten Nafplio und Monemvasia, ihre letzten beiden Stützpunkte auf der Peloponnes, an das Osmanische Reich ab. Bis zum Jahr 1685 sollten sie keine bedeutenden Stützpunkte auf dem griechischen Festland mehr haben.

Das Debakel von Preveza machte einen Kreuzzug im östlichen Mittelmeerraum auf Jahre hinaus unmöglich. In den späten 1550er-Jahren zeigte sich Papst Paul IV. vollkommen desinteressiert, und obwohl sein Nachfolger Pius IV. schon eher geneigt war, das Kreuz zu nehmen – immerhin behauptete er, das Heer einer anderen Liga persönlich begleiten zu wollen, gebe es doch keinen herrlicheren Tod als auf einem Kreuzzug –, war es nun der Kaiser, der den Frieden an seinen östlichen Grenzen wahren wollte. In den Jahren 1545, 1547, 1554, 1562, 1565 und 1568 vereinbarte man Waffenruhen mit dem Osmanischen Reich, die allerdings immer wieder von kleineren Auseinandersetzungen unterbrochen wurden. Ende der 1560er-Jahre wurde zudem klar, dass es die Osmanen auf das venezianisch beherrschte Zypern abgesehen hatten. Am 25. März 1570 traf in Venedig eine Botschaft des Sultans mit seinen Bedingungen für die Übergabe der Insel ein. Die stolze Republik Venedig, die einem Bündnis mit der spanischen Krone bislang stets aus dem Weg gegangen war, weil sie dann wohl zur Verteidigung der spanischen Besitzungen in Nordafrika herangezogen worden wäre, wandte sich in ihrer Verzweiflung nun ausgerechnet an Philipp II. Hastig wurde eine stattliche Flotte von Schiffen des Heiligen Stuhls, der Genuesen, Venezianer, Sizilianer und Neapolitaner zusammengestellt, doch nachdem sie Rhodos erreicht und dort erfahren hatten, dass Nikosia bereits verloren war, zogen sie sich nach Kreta zurück. Die Türken waren schon am 1. Juli auf Zypern gelandet; am 9. September hatten sie Nikosia erstürmt. Famagusta kapitulierte nach heldenhafter Gegenwehr am 5. August 1571.

Kurz zuvor, am 25. Mai 1571, war nach intensiven diplomatischen Bemühungen eine „Heilige Liga“ zwischen dem Papsttum, Spanien und Venedig geschlossen worden. Wie schon 1538 sollten die Spanier die Hälfte der Kosten tragen, Venedig ein Drittel und der Papst – mittlerweile war es Pius V. – ein Sechstel. Die Venezianer sollten sich an der Verteidigung der spanischen Stützpunkte in Nordafrika beteiligen. Es sollte dies ein ständiges Bündnis sein, um alljährlich Kampagnen im östlichen Mittelmeerraum zu unternehmen. Don Juan de Austria, illegitimer Sohn Karls V. und somit ein Halbbruder Philipps II., sollte der erste Oberbefehlshaber der Liga sein. Am 9. August 1571 fand dieser sich in Neapel ein, wo man ihm mit großer Feierlichkeit das Banner überreichte, das über seinem Flaggschiff wehen sollte: darauf gestickt eine Kreuzigungsszene von riesigen Ausmaßen, die von den Wappen der drei Verbündeten umgeben war. Seinem Kommando unterstand die größte Flotte, die von den christlichen Mächten im 16. Jahrhundert aufgeboten wurde; auch Savoyen, Genua und der Johanniterorden hatten sich daran beteiligt. Alles in allem gebot Don Juan über 209 Galeeren, sechs Galeassen, 27 andere große und zahlreiche kleinere Schiffe. Zusammen trugen sie 30.000 Mann Besatzung, davon 28.000 Berufsinfanteristen. Die Flotte verließ Messina am 16. September mit dem Ziel, eine türkische Armada von rund 275 Schiffen abzufangen, die in der südlichen Ägäis und der Adria erhebliche Zerstörungen angerichtet hatte. Am 7. Oktober kam es bei Lepanto, an der Stelle, an der der Golf von Korinth auf den Golf von Patras trifft, zur Entscheidung. Die Flotte der Heiligen Liga verfügte über mehr schwere Geschütze; auch waren ihre Kanoniere besser ausgebildet. Die Türken wurden vom Kanonenfeuer ihrer Gegner überwältigt. Ihre Verluste waren immens: angeblich 30.000 Mann, entweder tot oder gefangen, dazu 117 Galeeren, die geentert, und weitere achtzig, die versenkt worden waren. Zwar sieht man in der Seeschlacht von Lepanto heute nicht mehr die entscheidende Wende, als die sie einmal galt – aber ihre Wirkung auf die christliche Kampfmoral ist kaum zu überschätzen. In einer Predigt, die in gedruckter Form weite Verbreitung fand, erklärte der französische Humanist Marc Antoine Muret gar, nun müssten die Christen bis nach Judäa vorstoßen und das Heilige Grab befreien! Die katholische Kirche gedenkt des Sieges von Lepanto noch heute alljährlich am Jahrestag der Schlacht mit dem Fest Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz.

Die Heilige Liga wurde am 10. Februar 1572 erneuert. Papst Pius gab sich die größte Mühe, noch weitere Bündnispartner zu gewinnen, und am 12. März desselben Jahres veröffentlichte er ein langes Schreiben, das an die Gemeinschaft aller Gläubigen gerichtet war. Die dortige Beschwörung des Kreuzzugsgedankens wäre Innozenz III. fast vier Jahrhunderte zuvor vertraut gewesen:

Wir bitten, beschwören und ermahnen einen jeden [Christen], sich zur Unterstützung dieses allerheiligsten Krieges zu entschließen, entweder in seiner eigenen Person oder durch materielle Hilfe. … All jenen aber, die zwar nicht selbst teilnehmen, aber auf ihre eigenen Kosten fähige Männer schicken, entsprechend ihren Möglichkeiten und ihrem Stand, … und ebenso jenen, die in ihrer eigenen Person [am Kreuzzug] teilnehmen, aber auf eines anderen Mannes Kosten die Mühen und Gefahren des Krieges auf sich nehmen, … gewähren wir einen völligen und vollkommenen Gnadenerweis, Vergebung und Absolution all ihrer Sünden, die sie reuigen Herzens gebeichtet haben, denselben Ablass also, den die römischen Päpste, unsere Vorgänger, allen zu gewähren pflegten, die als Kreuzfahrer dem Heiligen Land zu Hilfe kamen. Wir nehmen den Besitz all jener, die in diesen Krieg ziehen, … unter den Schutz des heiligen Petrus und unserer selbst auf.

Anfang August griff eine große Flotte, Vorhut des geplanten Feldzuges, die Türken an. Diese ersten Gefechte führten zwar noch keine Entscheidung herbei, bewiesen jedoch abermals die Überlegenheit der christlichen Kanoniere. Gemeinsam mit den Kräften des Don Juan de Austria, die ihre Flotte auf 195 Galeeren, acht Galeassen, 25 Galioten und 25 andere Schiffe anwachsen ließen, versuchten die Christen dann vergeblich, Methoni und Pylos (Navarino) auf der Peloponnes einzunehmen. Trotz intensiver Bemühungen des Heiligen Stuhls löste sich die Heilige Liga 1573 wieder auf: Die Venezianer schlossen einen Friedensvertrag mit dem Osmanischen Reich; die Spanier wandten ihre Aufmerksamkeit wieder Nordafrika zu. Papst Gregor XIII. verbrachte den Rest seines Pontifikats damit, erfolglos für die Gründung einer neuen Liga zu werben.

Die Erkenntnis, dass die Kreuzzugsbewegung im 16. Jahrhundert zwar an Kraft einbüßte, aber immer noch am Leben war, verdankt die Geschichtswissenschaft zu großen Teilen dem Werk von Kenneth Setton, der Unmengen von Material ans Licht gebracht hat, das diese These belegt. Man weiß daher mittlerweile, dass etwa Belege für die traditionelle Sprache des Heiligen Krieges oder Beispiele von Kreuzzugsablässen und -zehnten, wie sie den Venezianern regelmäßig gewährt wurden, in Hülle und Fülle vorhanden sind, wenn auch einzelne Elemente sich nun in Formen verfestigten, die ihre ursprüngliche Funktion kaum noch erkennen lassen. So wurden Mittel der spanischen cruzada, einer Steuer, die ihren Ursprpung im „Verkauf“ von Kreuzzugsablässen gegen Privilegien hatte, im 16. Jahrhundert umgewidmet, um den Neubau des Petersdoms in Rom zu finanzieren. Tatsächlich wurde die cruzada mit der Zeit derart ihrem ursprünglichen Zweck entfremdet, dass die damit verbundenen Privilegien noch bis in das 20. Jahrhundert hinein regelmäßig verliehen wurden; im Bistum Pueblo in Colorado in den Vereinigten Staaten wurden sie sogar erst 1945 abgeschafft. Da der Ablass allen gewährt wurde, die gegen die Türken kämpften – unabhängig davon, ob sie nun offiziell das Kreuz genommen hatten oder nicht –, und überdies die große Mehrheit der Soldaten und Seeleute, die seitens der Heiligen Liga in den Kampf zogen, berufsmäßige Söldner waren, lässt sich heute allerdings nicht mehr mit Sicherheit sagen, wie viele Kreuzfahrer – das heißt Freiwillige, die das Gelübde abgelegt hatten – es in den 1570er-Jahren tatsächlich gegeben hat. Indes war das Kreuzzugsdenken noch immer zu lebendig, als dass ein katholischer Herrscher es hätte ignorieren können. Angesichts der allgemeinen Türkenfurcht waren Kreuzzüge in jedermanns Interesse. Kein Historiker könnte heute mehr mit Karl Brandi behaupten, die von Karl V. und Franz I. in ihrem Frieden von Madrid getroffene Absprache zum Kreuzzug sei „der seltsame Rückfall in die überlebten Ansichten des französischen und burgundischen Mittelalters“ gewesen.

Andererseits lässt sich nicht leugnen, dass die Kreuzzugsbewegung nun immer schneller in Verfall geriet. Die Verträge und Friedensabkommen, die etwa Venedig und das Kaiserreich mit muslimischen Herrschern geschlossen haben – Mächte also, die sich in direkter Konfrontation mit dem Osmanischen Reich befanden –, sind kein Beleg dafür: Überall in diesem Buch finden sich Beispiele für Waffenstillstände, die seit der Frühzeit der Kreuzzugsbewegung immer wieder zwischen Christen und Muslimen geschlossen wurden – ohne dass den Verantwortlichen auf christlicher Seite dadurch ihre Hingabe an die Kreuzzugsidee abzusprechen wäre. Aber das türkisch-französische Bündnis gehört in eine andere Kategorie. Die Tatsache, dass eine Nation wie Frankreich so lange die Hüterin der Kreuzzugsidee gewesen war, nun in dieser Art von Realpolitik schwelgte, lässt erkennen, dass der Umbruch bereits in der Luft lag. Obgleich christliche Herrscher bereits im 12. Jahrhundert muslimische Heere gegen ihre eigenen Glaubensbrüder hatten kämpfen lassen, deutet die große Verbreitung ähnlicher Praktiken im 16. Jahrhundert darauf hin, dass das Engagement für das Kreuzzugsideal nicht mehr so stark war wie früher.

Tot und begraben war die Bewegung allerdings noch nicht. Als die Türken 1645 das venezianische Kreta überfielen, wurde den Verteidigern der Insel Ablass gewährt. In den beinahe 24 Jahren, die bis zur endgültigen Kapitulation der Festung Candia (Heraklion) 1669 noch vergehen sollten, unternahm die venezianische Flotte, verstärkt durch Schiffe des Papstes und der Johanniter, immer wieder Angriffe in der Ägäis mit dem Ziel, die Dardanellen zu blockieren. Im Jahr 1656 gelang es den Venezianern, die Inseln Tenedos (Bozcaada) und Lemnos in der Nähe der Dardanellen zu erobern und immerhin ein Jahr lang zu halten. Achtundzwanzig Jahre später, im März 1684, rief Papst Innozenz XI. nach der zweiten erfolglosen Belagerung Wiens durch die Türken erneut eine Heilige Liga ins Leben, der sich Polen, das Kaiserreich und Venedig anschlossen. Die Vorhaben der Liga wurden, ganz wie in früheren Jahrhunderten, durch Predigtkampagnen, Kreuzzugszehnten, enthusiastische Rekrutierungskampagnen und Bittgebete in der Heimat unterstützt. Der Krieg, den die Liga begann, sollte bis 1699 andauern und die Kurie an den Rand des Ruins bringen. 1686 eroberte ein christliches Heer Buda zurück, und von 1688 bis 1690 wurde Belgrad besetzt; auch in Siebenbürgen und im restlichen Ungarn kam es zu einer Konsolidierung der christlichen Gebietsgewinne. Zwischen 1685 und 1687 besetzten die Venezianer beinahe die gesamte Peloponnes sowie – von Oktober 1687 bis April 1688 – Athen, wo sie bei der Eroberung der Akropolis den Parthenon in die Luft sprengten. Sie eroberten 1684 die Insel Lefkada und hielten Chios 1694/1695 für immerhin fünf Monate. Tausende von „Freiwilligen“ kämpften auf Kreta sowie in den Armeen der Heiligen Liga von 1684, die um einiges erfolgreicher war als die Kreuzzugsligen des 16. Jahrhunderts. Waren diese Freiwilligen Kreuzfahrer? Bislang hat es noch keine Studie gegeben, in welcher diese Kriege des 17. Jahrhunderts auf ihren „kreuzfahrerischen Gehalt“ hin untersucht worden wären – man darf wohl vermuten, dass sie ein Ausdruck des überlieferten Kreuzzugsdenkens waren.

Die Hospitaliter des heiligen Johannes und die Insel Malta

Jedenfalls überlebte die Kreuzzugsbewegung im letzten Ordensstaat. Innerhalb eines Jahres nach ihrer Vertreibung von Rhodos befanden sich die Johanniter in Verhandlungen über ein neues Hauptquartier. Am 23. März 1530 übertrug ihnen Kaiser Karl V. die Inseln Malta und Gozo sowie das nordafrikanische Tripolis. Indem er die Johanniter an vorderster Front zur Verteidigung der spanischen Stützpunkte in Nordafrika einsetzte, handelte Karl ganz so, wie es seine Vorgänger, die Könige von Kastilien, mit den spanischen Ritterorden getan hatten. Achtzehn Monate später wollten die Johanniter ihren Wert für die christliche Sache unter Beweis stellen, indem sie die Stadt Methoni auf der Peloponnes plünderten. Der Papst zeigte sich wenig beeindruckt und wies sie darauf hin, dass es wohl produktiver gewesen wäre, wenn sie Methoni erobert und besetzt hätten, anstatt es auszurauben und zu verwüsten. Dennoch war es wohl dieser Überfall, der 1533 dazu führte, dass den Johannitern auch das kürzlich zurückeroberte Koroni überlassen wurde. Die Übergabe von Tripolis an die Türken im Jahr 1551 wurde bereits erwähnt, aber jeglichen Ansehensverlust, der ihnen aus dieser Blamage erwachsen war, machten die Johanniter 1565 durch ihre heldenhafte Verteidigung Maltas gegen eine riesige und hervorragend gerüstete türkische Streitmacht mehr als wett. Diese war ausgesandt worden, um die Verbindung zwischen Konstantinopel und Nordafrika zu sichern. Am 19. Mai hatte das osmanische Invasionsheer von 25.000–30.000 Mann begonnen, auf Malta an Land zu gehen. Dem Großmeister des Ordens, Jean de la Valette, standen zur Verteidigung der Insel weniger als 10.000 Bewaffnete zur Verfügung, darunter etwa 500 Ordensritter und einige weitere bewaffnete Ordensbrüder. Der Angriff zog sich bis zum 8. September hin, als sich die Türken, die sehr schwere Verluste erlitten hatten, vor einem nahenden Entsatzheer von 8500 bis 10.000 Spaniern und Italienern zurückzogen. Sie hinterließen ein Bild der Verwüstung und Vernichtung am Ufer des Großen Hafens von Malta, wo nur noch wenige Verteidiger zu kämpfen vermochten: Von den 500 Ordensrittern zu Beginn der Belagerung waren 300 gefallen, und die meisten Überlebenden waren verwundet.

Die Johanniter waren anfangs von Malta, einer unfruchtbaren Insel von nur 246 Quadratkilometern Fläche, deren Befestigungsanlagen sich in einem desolaten Zustand befanden, nicht gerade begeistert gewesen. Erinnerungen an die große Vergangenheit des Ordens wurden durch die Wahl der Schutzpatrone am Leben gehalten, denen die auf Malta errichteten Kirchen geweiht waren – den Heiligen Johannes und Katharina, Unserer Lieben Frau vom Sieg – und die genau den Patrozinien der Johanniterkirchen auf Rhodos entsprachen. Anfänglich scheint der Orden vor einem großen Bauprogramm jedoch zurückgeschreckt zu sein: Zwei Kastelle sowie ein paar einfache Wohn- und Wirtschaftsgebäude mussten genügen. Nach 1565, als ihr Ansehen nach großem Einsatz und vielem Blutvergießen gestiegen war, wandelte sich auch die Einstellung des Ordens in Sachen Bauplanung. Auf der Halbinsel über dem Großen Hafen, wo der Kampf um Malta am blutigsten gewesen war, sollte eine ganz neue Stadt entstehen: Valletta – entworfen von dem italienischen Baumeister Francesco Laparelli, ausgeschmückt von dem maltesischen Architekten Girolamo Cassar und benannt nach dem Großmeister Jean de la Valette. Ein besonderes Merkmal dieser neuen Stadt war es, dass sie die Gebäude der Ordensbrüder nicht in einem abgeschirmten Klosterareal unterbrachte, sondern sie über die Stadt verteilte, die auf diese Weise zu einer Art großem Kloster wurde. Valletta wurde stark befestigt, und im 17. und 18. Jahrhundert verbesserten die Johanniter die Bollwerke um den Großen Hafen noch weiter. Zwar kam es 1614 noch einmal zu einem großangelegten türkischen Eroberungsversuch, doch bis 1798 gelang es keinem Angreifer, die Johanniter von Malta ernstlich in Verlegenheit zu bringen.

Jean de la Valette, genannt Parisot (1494–1568)

Jean de la Valette, dessen Familie und die Johanniter eine lange gemeinsame Geschichte verband, trat im Alter von zwanzig Jahren in den Orden ein und erlebte 1522 die Belagerung von Rhodos. Der stattliche und weltgewandte Mann – neben einigen anderen Sprachen beherrschte er auch das Arabische und das Türkische – vereinte in seiner Person die beiden Neigungen zu Gewalt und Frömmigkeit, was ihn in gewisser Hinsicht zu einem typischen Kreuzfahrer machte. 1538 wurde er vier Monate lang inhaftiert, weil er einen Laien beinahe totgeprügelt hatte. Danach bestellte man ihn für zwei Jahre auf den exponierten und gefährlichen Posten eines Gouverneurs von Tripolis. Aber 1541 wurde er von berberischen Korsaren verschleppt und solange als Galeerensklave gehalten, bis die Bedingungen seiner Freilassung ausgehandelt waren. Da er als einer der fähigsten Schiffskommandeure seiner Generation galt, übertrug man ihm 1554 den Oberbefehl über die Johanniterflotte. Drei Jahre darauf, 1557, wählte ihn der Orden, der wohl mit einem baldigen türkischen Großangriff rechnete, zum Großmeister. Nachdem die türkischen Invasoren 1565 aus Malta vertrieben worden waren – ein Triumph, den man völlig zu Recht Jean de la Valette zuschrieb –, ordnete dieser die Errichtung der neuen Stadt Valletta auf der Halbinsel an, auf der die erbittertsten Kämpfe getobt hatten. Den Grundstein dazu legte er selbst.

Die frühneuzeitliche Geschichte des Ordens, der heute allgemein als „Malteserorden“ bezeichnet wird, ist in der jüngsten Forschung wesentlich positiver beurteilt worden, als dies lange Zeit der Fall war. Es stimmt allerdings, dass die Ordensgelübde der Ritter immer flexibler ausgelegt wurden und dass zahlreiche europäische Komture ihre Pflichten in Abwesenheit wahrnahmen, während andere auf den Ordensgütern den Lebensstil wohlhabender, wenn auch etwas einsiedlerischer Landjunker pflegten. Hinzu kam, dass die Ordensregierung immer autokratischer und geronto-kratischer wurde: Alte Männer führten das Regiment, das Prinzip der Seniorität stand über allem. Obwohl die Generalkapitel des Ordens zwischen 1526 und 1612 im Schnitt alle sechs Jahre zusammengetreten waren, wurde zwischen 1631 und 1776 kein einziges Treffen einberufen. Als es dann 1776 aufgrund einer Finanzkrise endlich wieder soweit kam, war dies einem Großmeister zu verdanken, der Reformvorschlägen gegenüber ohnehin nicht abgeneigt war. Während des größten Teils des 17. und 18. Jahrhunderts hing die Ordensführung somit allein vom Können des Meisters ab, der bereits in der Zeit von Rhodos den Titel „Großmeister“ führte.

Alles in allem betrachtet, befand der Malteserorden sich dennoch in relativ gesundem Zustand. Im Jahr 1700 verfügte er über 560 Kommenden, die über das gesamte katholische Europa verteilt waren. Das geistliche Leben des Ordens profitierte von den Ideen der Gegenreformation. Die ernsthafte Verfolgung frommer, mildtätiger und missionarische Ziele, die oftmals in Zusammenarbeit mit den Jesuiten erfolgte, stand weiterhin neben den traditionellen Tätigkeitsbereichen der Armen- und Krankenpflege sowie der Verteidigung der Christenheit. Die Atmosphäre auf der Ordensinsel Malta scheint fromm gewesen zu sein, wenn auch reichlich puritanisch. Der Orden zog noch immer Rekruten an, und zwischen 1635 und 1740 stieg die Zahl der Ordensbrüder – von denen die meisten Ritter waren – von 1715 auf 2240 an, davon etwa 600 auf der Insel Malta. Anthony Luttrell hat hervorgehoben, dass der Orden vom Hospital des Heiligen Johannes zwar eine Körperschaft des Adels darstellte, er aber dennoch „Neulinge mit einem bemerkenswerten Spektrum lebensnaher und alltagspraktischer Interessen und Talente anzog, von den neuesten militärischen Entwicklungen über Diplomatie und Wissenschaft bis hin zu Kunst und Gelehrsamkeit“. Die prächtige Bibliothek des Ordens in Valletta legt noch heute Zeugnis ab von der beeindruckenden Bildung vieler Malteserritter, darunter Männer wie Louis de Boisgelin und Déodat de Dolomieu. Eine Begleiterscheinung war natürlich das Gedeihen aufklärerischer Ideen, ja sogar der Freimaurerei, unter den Ordensbrüdern.

Die Ritter des Hospitals von Jerusalem blieben auf Malta eine fremde Elite, eine geschlossene Kaste von Oligarchen, die in ihre höheren Ränge noch nicht einmal die maltesischen Adligen vordringen ließ, deren Söhne nur als Kapläne eintreten konnten. (Manchmal richteten die einheimischen Familien es jedoch so ein, dass ihre Söhne in Sizilien geboren wurden, in der Hoffnung, ihnen damit bessere Chancen auf die Aufnahme in den Orden zu eröffnen.) Die Großmeister herrschten über ihren Ordensstaat als gütige, wenn auch wenig einfallsreiche Despoten. Sie ließen Hospitäler errichten, förderten die Künste, gründeten als Ergänzung ihres Hospitals 1676 ein berühmtes anatomisches Institut und 1768 sogar eine eigene Universität. Sie unterhielten ein umfassendes Gesundheitswesen für die maltesische Bevölkerung, die von rund 20.000 im Jahr 1530 auf über 90.000 im Jahr 1788 anwuchs, was in der Hauptsache den Verdienstmöglichkeiten geschuldet war, die Werften und Arsenale der Ritter eröffneten. Nachdem 1566 die Entscheidung gefallen war, Valletta zu gründen, strömten Arbeitskräfte aus dem Umland sowie rund 8000 Arbeiter aus Sizilien auf die Großbaustelle: Die neue Innenstadt rund um den Großen Hafen wuchs rasch. Bis zum Jahr 1590 war die Einwohnerschaft von Valletta sowie der „Drei Städte“ Vittoriosa, Senglea und Cospicua auf rund 7750 angestiegen, bis 1614 auf rund 11.200 und bis 1632 auf rund 18.600. Wie zuvor Rhodos wurde auch Malta zu einem bedeutenden Handelszentrum mit stetig wachsendem Geschäftsvolumen und zu einem Umschlaghafen für Waren aus dem Orient, die sogar bis nach Nord- und Südamerika verschifft wurden: Nicht von ungefähr eröffneten die Vereinigten Staaten von Amerika bereits 1783 ein Konsulat auf der Insel. Das maltesische Quarantäneverfahren wurde weithin als das effizienteste im gesamten Mittelmeerraum bewundert. Die Handelsbeziehungen zu Frankreich waren besonders eng: Im 18. Jahrhundert fuhr die Hälfte der Schiffe, die im Hafen von Valletta anlegten, unter französischer Fahne. Die späteren Eroberungsabsichten Napoleon Bonapartes erklären sich zum Teil wohl dadurch.

Rechtlich gesehen war Malta keineswegs autonom. Es war ein Lehen des Königreichs Sizilien, und 1753–1755 kam es zu einer diplomatischen Krise, als König Karl VII. von Neapel seine Herrschaftsrechte über Malta ausüben wollte. Schritt für Schritt hatten sich jedoch die Großmeister selbst die Attribute der Souveränität angeeignet. Bereits kurz nach der Eroberung von Rhodos hatten die Johanniter begonnen, eigene Münzen zu prägen. Von Rhodos aus hatten sie Botschafter an die Höfe Europas entsandt, deren Aufgabe es oft war, Ordenseigentum und Privilegien gegen unberechtigte Übergriffe zu verteidigen. Gesandte aus Malta wurden in Rom, Frankreich, Spanien und Österreich offiziell empfangen. Der Großmeister des Malteserordens wurde 1607, gut vierhundert Jahre nach dem Hochmeister des Deutschen Ordens, in den Reichsfürstenstand erhoben, doch erst der Großmeister Manuel Pinto da Fonseca (1741–1773) nahm eine geschlossene Krone an, das Kennzeichen voller Souveränität.

Auch von Malta aus erfüllte der Orden weiterhin seine militärische Rolle. Die Malteser waren an beinahe allen Ligen und größeren Türkenfeldzügen beteiligt (einschließlich der Verteidigung Kretas, zu der sie einen großen Beitrag leisteten). Bis zum heutigen Tag hängen die Schlüssel der Festungen von Passavas, Lepanto und Patras in Griechenland sowie von Hammamet in Tunesien, die allesamt zwischen 1601 und 1603 erobert wurden, in der Kapelle Unserer Lieben Frau von Philermos in der Konventskirche der Malteser in Valletta. Im Jahr 1664 griffen die Malteser Algier an und unterstützten 1707 die Spanier bei der Verteidigung von Oran. Ihre Schiffe waren stets im Einsatz, kreuzten vor der nordafrikanischen Küste und auf dem Mittelmeer zwischen Sizilien und Sardinien im Westen sowie Kreta und der Peloponnes im Osten, wobei ihr Hauptaugenmerk auf der Bekämpfung muslimischer Piraten lag. Wie bereits erwähnt, verfügte der Orden über eine Kampfflotte von sieben oder acht Galeeren. Nach 1705 wurden diese nach und nach durch ein Geschwader von vier oder fünf Linienschiffen mit jeweils fünfzig bis sechzig Kanonen ersetzt. Obwohl der Unterhalt dieser Flotte einen sehr großen Posten im Haushalt des Ordens ausmachte – im 17. Jahrhundert immerhin durchschnittlich 45 Prozent der gesamten Einnahmen des Hauptquartiers –, behielt der Orden seine aggressive Seekriegspolitik gegenüber den Muslimen bei. Der türkische Angriff auf Tripolis im Jahr 1551 war zum Teil die Vergeltung für vorangegangene Überfälle der Malteser auf benachbarte muslimische Häfen. In den Jahren 1722 bis 1741 fielen den maltesischen Kriegsschiffen ein türkisches und 15 Barbareskenschiffe zum Opfer; den Galeeren des Ordens noch einmal fünf Schiffe aus Tripolis. Noch 1798, in dem Jahr also, in dem Malta dem Orden endgültig verloren ging, war die Flotte der Malteser im Einsatz. Die Marineausbildung, die die Malteser ihren Rittern angedeihen ließ, wurde weithin bewundert. Als die russische Zarin Katharina die Große eine Galeerenflotte zum Einsatz auf der Ostsee aufbauen wollte, ließ sie sich von einem Ritter des Malteserordens beraten. Unter den bedeutenden französischen Seefahrern, die ebenfalls Angehörige des Ordens waren, befinden sich Anne Hilarion de Costentin, Graf von Tourville, Dominique de Monchy, genannt der chevalier d’Hocquincourt, und der Marquis de Valbette aus dem 17. Jahrhundert sowie der Admiral Pierre André de Suffren aus dem 18. Jahrhundert. Die offizielle Seekriegführung des Ordens wurde ergänzt durch den corso der Freibeuter, deren Aktivitäten im frühen 18. Jahrhundert zu 38 Prozent auf die Rechnung des Malteserordens gingen, wobei die einheimischen Malteser auch keine geringe Rolle spielten. Noch 1675 gab es zwischen zwanzig und dreißig Freibeuter, die von Malta aus operierten; diese Zahlen sanken später allerdings rasch ab. Bis zum Jahr 1740 waren es bereits nur noch zehn bis zwanzig, danach dann bald so gut wie keine mehr.

Das hatte auch damit zu tun, dass der Krieg gegen die Osmanen bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts so gut wie beendet war, was die Malteser zu einem Relikt aus einer vergangenen Zeit werden ließ. Ihr Orden, der immerhin das ancien régime in Reinkultur darstellte, litt schwer unter der Französischen Revolution und den sich daran anschließenden Revolutionskriegen. Im Jahr 1792 wurde der gesamte Besitz des Ordens in Frankreich beschlagnahmt; bis 1797 waren sämtliche Besitzungen westlich des Rheins, in der Schweiz und in Oberitalien verloren. Die Einkünfte des Ordens schrumpften auf ein Drittel zusammen. Ein neuer Großmeister, Ferdinand von Hompesch, bemühte sich um eine Annäherung an Österreich und Russland, was die Franzosen stark beunruhigte: Im Juni 1798 ließ Napoleon Bonaparte, der ohnehin aus wirtschaftlichen und strategischen Gründen ein Auge auf Malta geworfen hatte, seine Flotte auf dem Weg nach Ägypten einen Abstecher nach Malta machen und verlangte Einfahrt in den Großen Hafen von Valletta. Als die Malteser versuchten, auf ihren Rechten als neutrale Partei zu beharren, griffen die Franzosen an. Es sagt einiges über den desolaten Zustand des Ordens aus, dass die Ritter nicht in der Lage waren, Gegenwehr zu leisten. Von den 500 Rittern, die sich zur fraglichen Zeit auf Malta befanden, waren fünfzig zu alt oder zu krank zum Waffendienst; 220 waren Franzosen, die nicht gegen ihre Landsleute kämpfen wollten; und der Rest war uneins darüber, wie weiter zu verfahren sei. Das Kommando lag in der Hand von Ordensbrüdern, die aufgrund ihrer „Seniorität“ auserwählt worden waren – nicht aufgrund ihrer Verdienste auf dem Schlachtfeld oder anderswo. Die Baillis, die mit der Verteidigung der östlichen und westlichen Teile von Malta betraut waren, hatten das siebzigste Lebensjahr beide überschritten. Die Kanonen auf den Geschütztürmen waren wohl schon damals museumsreif und hatten seit einhundert Jahren allein für Salutschüsse herhalten müssen. Das Pulver war, wie die Kanoniere feststellen mussten, vermodert, die Geschosse morsch. Die Stadtwache war unerfahren und ohne Disziplin. Schwer zu sagen, wer da die größere Angst hatte: die Wache vor den Franzosen? Oder der Orden, der erst kürzlich einen Volksaufstand hatte überstehen müssen, vor der Wache? Veraltete Verteidigungspläne liefen an. Nach zwei Tagen ohne größeres Blutvergießen hatten die Franzosen die Garnison von Malta, die auf der ganzen Insel verstreut stand, anstatt sich in Valletta zu vereinigen, überwältigt. Ferdinand von Hompesch und seine Brüder Ritter wurden schmachvoll von ihrer Insel vertrieben.

Es liegt eine tiefe Ironie in den Geschehnissen rund um den Fall von Malta am 13. Juni 1798. Knapp siebenhundert Jahre, nachdem Papst Urban II. die christliche Ritterschaft zum Dienst im Zeichen des Kreuzes aufgerufen hatte, gab es hier noch immer solche Ritter, die größtenteils aus Frankreich kamen und von ihrem eigenen Status regelrecht besessen waren, wie die kriegerischen Mosaiken am Boden ihrer Konventskirche in Valletta bezeugen, die ein Ehrengrabmal des Rittertums darstellt. Der Ordensstaat dieser Brüder, der Erben jener Männer, die von Bernhard von Clairvaux gefeiert worden waren – viele von ihnen Abkömmlinge der Kreuzfahrer des 12. Jahrhunderts –, war ein Überbleibsel jener Kreuzfahrerstaaten, wie sie die Theoretiker des 14. Jahrhunderts gefordert hatten. Er brach zusammen angesichts der Flotte eines französischen Feldherrn, der auf dem Weg nach Ägypten war. Napoleon war natürlich kein Kreuzfahrer, aber er hatte in Ägypten mehr Erfolg als Ludwig IX. Und diese Geschichte hat noch eine weitere überraschende Wendung: Napoleon raubte die Edelsteine, das Gold und das Silber, mit denen der Reliquienschatz des Hospitaliterordens verziert war. Viele dieser Stücke hatten die Ritter auf dem ganzen Weg ihrer langen Reise mit sich geführt: von Palästina nach Malta, über Zypern und Rhodos. Ein Teil dieses Schatzes liegt noch heute auf dem Grund der Bucht von Abukir, wohin er gelangte, als Nelson die französische Flotte angriff. Ein anderer Teil jedoch ging nicht unter, weil Napoleon ihn zuvor auf den Märkten von Alexandria und Kairo veräußert hatte, um seine Truppen zu bezahlen. So gelangte Edelmetall, das die Kreuzfahrer im Orient an sich gebracht hatten, sechs Jahrhunderte später wieder dorthin zurück.

Para-Kreuzzüge und Pseudo-Kreuzzüge im Zeitalter des Imperialismus

Napoleons Beurteilung der Verteidigung Maltas durch die Malteser war die folgende: „Wenn auch die Befestigungsanlagen, die materiellen Mittel der Verteidigung, immens waren, so wurden sie durch die moralischen Ressourcen [der Ritter] zunichte gemacht.“ Jedes künftige Plädoyer für einen Heiligen Krieg von christlicher Seite sollte zudem durch ein weiteres blutiges Spektakel untergraben werden. Die Rede ist von der undisziplinierten Armee des Heiligen Glaubens, die der Kardinal Fabrizio Ruffo 1799 zur Unterstützung des ins Exil geflohenen Bourbonenkönigs von Neapel in Unteritalien zusammengerufen hatte, wo sie nun wütete. Hinzu kam außerdem, dass zwar der Ägyptenfeldzug Napoleons das Interesse an der islamischen Welt belebte, und das Aufkommen der Romantik auch mit einer zunehmenden Wertschätzung des Mittelalters, das die Geschichte der Kreuzzüge ausdrücklich einschloss; dass jedoch die Verfechter der Aufklärung die Kreuzzüge bereits im 18. Jahrhundert zu einem Phänomen erklärt hatten, das ganz und gar der Vergangenheit angehörte. In Frankreich fand der romantische Enthusiasmus für das Mittelalter und insbesondere die Kreuzzüge seinen prächtigsten Ausdruck in den „Kreuzzugssälen“ (Salles des Croisades) von Versailles. Diese waren Teil des Bildprogramms, das der König Louis-Philippe sich für seinen Palast erdacht hatte, den er in ein Museum der ruhmreichen französischen Geschichte verwandeln wollte. Die fünf den Kreuzzügen gewidmeten Räume wurden mit über 120 Gemälden ausgestaltet, die Szenen aus der Geschichte der Kreuzzüge darstellten; als Schmuck dienten die Wappen jener Familien, deren Vorfahren sich als Kreuzfahrer einen Namen gemacht hatten. Unter dem französischen Adel kam es zu einem heftigen Wettstreit um die Aufnahme in diese illustre Runde. Noch Jahre, nachdem die Salles des Croisades 1843 offiziell eröffnet worden waren, bombardierten Angehörige der abgelehnten Familien die Behörden mit Eingaben, in denen sie die Anbringung ihres Wappens in einem der Räume forderten. Zum Beweis ihrer kreuzfahrerischen Abstammung legten sie oft Urkunden und Dokumente vor – die sich nicht selten als Fälschungen erwiesen.

Der romantische Blick auf die Kreuzzüge verschmolz mit einem zweiten Traumbild: der Fantasie vom mittelalterlichen Rittertum, dessen Angehörige – so glaubte man – einem strengen Verhaltenskodex gefolgt waren. Das Kreuzfahrertum stand dieser Sichtweise zufolge in einem engen Zusammenhang mit dem ritterlichen Wertekanon von Tapferkeit, Loyalität, Tüchtigkeit, Höflichkeit, Ehrempfinden, Großzügigkeit und Sinn für Gerechtigkeit. So entstand eine „para-kreuzfahrerische“ und „para-ritterliche“, überkonfessionelle und karitative Bewegung in einer Gesellschaft, für die das bewaffnete Rittertum seinen Glanz noch nicht verloren hatte, obgleich seine kriegerische Primärfunktion natürlich der geschichtlichen Entwicklung zum Opfer gefallen war. Die Kreuzzugsbewegung überlebte als Idee; nicht aber als Realität und befasste sich daher nicht mehr vorrangig mit Fragen der Kriegführung, sondern verfolgte wohltätige Zwecke, indem sie die Pflichten des tugendhaften Ritters vom Schlachtfeld zurück in die Armen- und Krankenhäuser übertrug. Das war natürlich – auch – eine Reaktion auf die politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Umwälzungen im Gefolge der Aufk lärung und der Industriellen Revolution. Während altüberlieferte Lebensformen im Strom der neuen Zeit hinweggespült wurden, erwuchs unter denjenigen Gesellschaftsschichten, die sich durch diese Entwicklung besonders bedroht fühlten, ein sentimentales Gefühl der Zuneigung zu den – vermeintlich – charakteristischen Zügen des einstigen Adels- und Ritterlebens. Diese Geisteshaltung, die etwa in den Romanen Anthony Trollopes mit spürbarem Wohlwollen dargestellt wird, beeinflusste jedoch auch die Weltsicht und die Vorlieben jener neuen Eliten, die sich daran machten, den alten Adel zu ersetzen, und sie spiegelt sich nicht zuletzt in der diffusen Vorliebe für sogenannte mittelalterliche Werte, wie sie in den Bauwerken, dem Bauschmuck und der Gebrauchskunst solcher Männer wie Augustus Pugin oder Eugène Viollet-le-Duc zum Ausdruck kommt.

Die romantische Vorliebe des 19. Jahrhunderts für das Mittelalter im Allgemeinen sowie das Rittertum und die Kreuzfahrer im Besonderen trug zu einer Reihe von Projekten bei, die man als para-kreuzfahrerische bezeichnen könnte – mit viel pseudo-kreuzfahrerischer Rhetorik. Der Unterschied zwischen den beiden Phänomenen bestand darin, dass sich bei den Para-Kreuzfahrern durchaus noch einige, wenn auch verfremdete, authentische Elemente fanden, die auf die Kreuzzugsbewegung zurückgingen; die Pseudo-Kreuzfahrer hingegen hatten mit der Tradition völlig gebrochen, obgleich sie deren Rhetorik und Bildlichkeit für ihre Zwecke einsetzten. Aber das waren Vorhaben zumeist imperialistischer Natur, die überhaupt nichts mehr mit den Zielvorstellungen der Kreuzfahrer des Mittelalters gemein hatten, weil unter Nationen, die ohnehin schon stolz auf ihre kreuzfahrerische Vergangenheit waren, der Wettlauf um Kolonien und Einflusssphären begann.

Die frommen katholischen Rekruten aus Frankreich, Spanien, Großbritannien und Amerika, die in den 1860er-Jahren auf der Seite des Papstes gegen die Kräfte des italienischen Risorgimento antraten, um den Kirchenstaat gegen diese zu verteidigen, waren Para-Kreuzfahrer. Dasselbe gilt von den idealistischen jungen Engländern, die sich schon in den 1820er-Jahren von den (französischen) Malteserrittern hatten anwerben lassen, als diese auf eigene Faust verwegene außenpolitische Ziele verfolgten – darunter die Rückeroberung von Rhodos. Als Teil des Plans sollte eine Kriegsflotte finanziert und mit Mannschaften versehen werden, um in der Ägäis den Aufstand der Griechen gegen die osmanische Herrschaft zu unterstützen. Letztlich sollte die geplante Expedition England nie verlassen, aber die Vorbereitungen allein brachten es nicht nur mit sich, dass zum Kampf gegen die Türken Protestanten in einen katholischen Orden aufgenommen wurden, sondern sie ebneten auf lange Sicht der Gründung einer bedeutenden Hilfsorganisation den Weg, die im ganzen britischen Weltreich tätig werden sollte: des Most Venerable Order of the Hospital of Saint John of Jerusalem, des britischen Johanniterordens also, der sich noch heute der Ersten Hilfe und dem Krankentransport verschrieben hat.

Die erwähnte pseudo-kreuzfahrerische Rhetorik hingegen kam vor allem dort zum Einsatz, wo die europäischen Großmächte ihre imperiale Expansionspolitik zu rechtfertigen und zu beschönigen suchten. Je fester man das 19. Jahrhundert ins Auge fasst, desto deutlicher kann man durch die Nebelschwaden der Rhetorik hindurch eine Reihe solcher Pseudo-Kreuzzüge ausmachen. Die französische Besetzung Algeriens im Jahr 1830 beispielsweise wurde mit dem Angriff auf Tunis durch Ludwig IX. im Jahr 1270 verglichen; in einer gekürzten Ausgabe der Histoire des croisades von Joseph François Michaud behauptete dessen Mitarbeiter Jean-Joseph Poujoulat: „Die Eroberung von Algier im Jahre 1830 sowie auch unsere jüngsten Expeditionen in Afrika sind nichts anderes als Kreuzzüge.“ Zwei Räume im Museum König Louis-Philippes in Versailles waren den entscheidenden Momenten des Algerienfeldzuges gewidmet, und ein Zeitgenosse erklärte 1837 beim Anblick von Horace Vernets Gemälde Die Eroberung von Constantine:

Hier finden wir sie wieder, nach einer Zeitspanne von fünfhundert Jahren: die französische Nation, wie sie mit ihrem eigenen Blut die brennende Steppe erquickt, die von den Zeltlagern des Islam übersät ist. Diese Männer sind die Erben von Karl Martell, Gottfried von Bouillon, Robert Guiskard und Philipp Augustus, die das zu Ende bringen, was ihre Vorfahren nicht vollenden konnten. Als Missionare und Krieger dehnen sie Tag für Tag die Grenzen des Christentums weiter aus.

Als sich in den 1860er-Jahren die Regierung Napoleons III. entschloss, zugunsten der christlichen Maroniten im Libanon zu intervenieren, war sogar von der tatsächlichen Ausrufung eines Kreuzzuges die Rede. Napoleon verabschiedete die französischen Truppen, die in die Levante aufbrachen, mit den folgenden Worten:

Ihr brecht nach Syrien auf. … Auf jenem fremden Boden, der so viele großartige Erinnerungen birgt …, werdet ihr euch als würdige Abkömmlinge jener Helden erweisen, die das Banner Christi ruhmreich in dasselbe Land getragen haben.

Zur selben Zeit entwickelten zahlreiche andere Nationen jeweils eigene Mythen von ihrer großen Kreuzzugsvergangenheit. Dies geschah ganz in dem Glauben, dass die Triumphe der Kreuzfahrer in der Gegenwart wiederholt würden, während die rückständigen Gesellschaften der islamischen Welt von einer christlichen Herrschaft, wie man glaubte, nur profitieren könnten. Das gerade erst erfundene Königreich Belgien adoptierte Gottfried von Bouillon. Norwegische Nationalisten entsannen sich ihres Königs Sigurd. Deutschland hatte acht Herrscher, die Kreuzfahrer gewesen waren, darunter vor allem Friedrich Barbarossa. Spanien sonnte sich im Ruhmesglanz der Reconquista, zu deren Helden etwa Ferdinand III. von Kastilien zählte. England hatte Richard Löwenherz. Im Jahr 1876 erhitzten Anschuldigungen gegen die Osmanen, diese würden ihre bulgarischen Untertanen schlecht behandeln, die Gemüter derart, das der Verfasser einer Broschüre, die sich an die englischen Katholiken richtete, ausführlich begründen musste, warum ein Kreuzzug gegen die Türken eben nicht möglich war. In Sir Claude Conders The Latin Kingdom of Jerusalem von 1897 war der Beigeschmack eines von sich selbst überzeugten Imperialismus britischer Prägung besonders stark:

Bei den Kreuzzügen handelte es sich keineswegs um wilde Raubzüge nach Palästina, die nichts als Elend und Verwüstung über das Land brachten. Das Königreich Jerusalem gab das Musterbild einer gerechten und maßvollen Herrschaft ab, ganz so, wie wir sie ja rühmlicherweise – und unter einigermaßen ähnlichen Umständen – in Indien errichtet haben.

Und Conders Herausgeber vom Palestine Exploration Fund warben für sein Buch mit dem Hinweis:

Die Lebensumstände der Orientalen [sind heute] beinahe dieselben wie zu jener Zeit, als sich Europa in den Tagen Gottfrieds von Bouillon und des Königs Richard Löwenherz entschloss, in der orientalischen Frage zu intervenieren.

Die Vorstellung von der Kreuzzugsbewegung als einer Vorläuferin des Imperialismus blieb lebendig und erhielt sogar noch Auftrieb, nachdem britische Truppen im Ersten Weltkrieg in Palästina einmarschiert waren und Großbritannien – gemeinsam mit Frankreich – Palästina bzw. Syrien und den Libanon als Völkerbundsmandat erhalten hatte. Zwar hat der britische Kommandeur General Edmund Allenby, der an der Spitze seiner Truppen am 11. Dezember 1917 in Jerusalem einzog, wohl nie die ihm oft zugeschriebenen Worte geäußert: „Mit dem heutigen Tag sind die Kreuzzüge beendet“; aber das Satiremagazin Punch druckte doch eine Karikatur, die unter der Überschrift „Der letzte Kreuzzug“ König Richard Löwenherz zeigt, wie er aus der Ferne auf die Stadt Jerusalem blickt und sagt: „Endlich – mein Traum geht in Erfüllung!“ Im Allgemeinen bemühten sich die Briten im Heiligen Land jedoch, jegliche Provokation zu vermeiden, insbesondere, da in der britischen Armee auch Muslime dienten. Bei seiner Ankunft in Damaskus 1920 bemerkte der erste französische Militärgouverneur in Syrien, General Henri Gourard, dem Vernehmen nach: „Schau, Saladin, da sind wir wieder!“ Das französische Völkerbundmandat in Syrien löste eine wahre Flut von Veröffentlichungen französischer Historiker aus, deren Tenor unter anderem war, dass die Leistungen der Kreuzfahrer nur das erste Kapitel in einer langen Geschichte dargestellt hätten, die im modernen Imperialismus ihre Vollendung finde.

In der Zwischenzeit hatten sich auch die Kriegsparteien des Ersten Weltkriegs, insbesondere die Briten, eine pseudo-kreuzfahrerische Rhetorik zu eigen gemacht. Ein extremes Beispiel hierfür liefert uns jener anglikanische Priester und Feldgeistliche, der die Dardanellenkampagne der Allierten wie folgt beschrieb:

… der letzte Kreuzzug. Sollte Konstantinopel fallen, es wäre der größte Sieg der Christenheit seit Hunderten von Jahren. … Eine Vision steigt vor uns auf: Byzanz wieder christlich! Die Hagia Sophia wieder ein christliches Gotteshaus! Und wer weiß –? Vielleicht wird nun auch das Heilige Land wieder aus dem Sudelgriff der Ungläubigen befreit werden.

Ähnliche Formulierungen begegnen uns in den 1930er-Jahren im Spanischen Bürgerkrieg, in dem einige spanische Bischöfe General Franco in seiner Selbsteinschätzung bestätigten, er befinde sich auf einem Kreuzzug, der das katholische Spanien vor Kommunisten und Freimaurern retten sollte.

Die letzten Kreuzfahrer

Eine Gesellschaft, die von der para- und pseudo-kreuzfahrerischen Rhetorik jener Jahrzehnte geradezu durchtränkt war, sollte dann auch den Rahmen für das einzige tatsächlich authentische Kreuzzugsvorhaben des ganzen 19. Jahrhunderts abgeben. Charles-Martial Allemand-Lavigerie, der 1868 und 1869 als Erzbischof von Algier die beiden Missionsorden der Weißen Väter und der Weißen Schwestern gegründet hatte, war eine herausragende Figur im europäischen Missionswesen seiner Zeit. Sein Werdegang macht deutlich, dass der romantische Traum vom Kreuzfahrerleben, versetzt mit einem Schuss Imperialismus, von Menschen unterschiedlichster Herkunft geträumt werden konnte. Der spätere Kardinal Lavigerie wurde 1825 in eine säkulare Bürgerfamilie hineingeboren, der die Freimaurerei und die Ideale der Französischen Revolution durchaus nicht fremd waren; sein Vater weigerte sich, dem Sohn das Studium am Priesterseminar zu finanzieren. Dieser absolvierte dennoch eine glänzende Karriere: Mit 28 Jahren war er Professor für Kirchengeschichte an der Sorbonne, mit 38 Jahren Bischof von Nancy und mit 42 Jahren schließlich Erzbischof von Algier. Von 1882 bis zu seinem Tod zehn Jahre später war er Mitglied des Kardinalskollegiums.

Im Alter von 22 Jahren war Lavigerie zum Direktor des Œuvre des Écoles d’Orient bestellt worden, eines Hilfswerks zur Unterstützung französischer Missionsarbeit in der Levante, deren katholische Bevölkerung – insbesondere die libanesischen Maroniten – zu jener Zeit unter starken Druck gerieten. Lavigerie bereiste die Gegend im Jahr 1860 und wurde von einer solchen Begeisterung ergriffen, dass er sich 1872 sogar – erfolglos – um das Amt des lateinischen Patriarchen von Jerusalem bemühte. Fünf Jahre darauf erwarb er für seine Missionare die Jerusalemer St.-Annen-Kirche, die kurz zuvor von der französischen Regierung übernommen und restauriert worden war – zu einer Zeit, als, wie wir gesehen haben, die französische Kreuzzugsforschung ihr goldenes Zeitalter hatte.

Lavigeries wachsende Nähe zum Kreuzzugsdenken machte sich erstmals in den 1880er-Jahren bemerkbar. Das Unwesen des noch immer bestehenden afrikanischen Sklavenhandels ließ ihm keine Ruhe, ebenso wenig die Sorge um das Wohl und die Sicherheit seiner Missionare. Zudem stand er im „Wettlauf um Afrika“ ganz auf der Seite Frankreichs und fürchtete daher die Konkurrenz von „Protestanten und Freidenkern“, die, wie er glaubte, im Gefolge der belgischen Expansion entlang des Kongo auf den afrikanischen Kontinent einsickerten. Für Lavigeries gab es eine einzige Lösung für all diese Probleme: die Errichtung eines afrikanischen – aber katholischen – Königreichs im östlichen Zentralafrika als Zufluchtsort für entlaufene Sklaven, ein Knotenpunkt der Evangelisierung und ein Bollwerk gegen jegliche weitere Expansion der Belgier nach Osten. Im Mai 1883 machte er sich Gedanken darüber, ob man nicht innerhalb des Ordens der Weißen Väter

… zwei Orden haben könnte, von denen der eine Waffen tragen würde wie einst die Ritter von Malta, während der andere sich der eigentlichen Regel [der Weißen Väter] verschriebe; beide jedoch würden die ewigen Gelübde abzulegen haben.

Allerdings bereitete dem Kardinal die Aussicht Sorge, der Ordensobere der Weißen Väter könnte so zum Oberkommandierenden einer kleinen Armee mutieren. Er wies deshalb darauf hin, dass die alten Ritterorden von ihren Ordensbrüdern gelenkt worden seien, nicht von ihren Priestern, und so verfiel er auf die Idee, den Malteserorden selbst für seine Zwecke einzuspannen. Die Malteser waren nach der Vertreibung aus ihrem Inselstaat langsam wieder zu Kräften gekommen, und im Jahr 1879 hatte Papst Leo XIII. ihnen ihr 1805 verlorenes Recht zurückgegeben, ihren eigenen Großmeister zu wählen. Der Papst hatte dabei von den „überragenden Verdiensten [der Malteser] um die Kirche“ gesprochen, die „durch ihre ruhmreiche Geschichte und ihren Sieg gegen den gemeinsamen Feind“ erworben worden seien. Mittlerweile betätigten die Malteser sich zwar eher auf dem Gebiet der Krankenpflege, doch Kardinal Lavigerie witterte eine Chance, die alte militärische Tradition wiederzubeleben. In einer Note an den Heiligen Stuhl schlug er im Juni 1884 die Errichtung eines katholischen Staates westlich des Tanganjikasees vor. Dieser sollte als Bollwerk gegen den Vormarsch der Protestanten dienen. Niemand würde dies besser verwirklichen können, so Lavigerie, als der wiederhergestellte Mal teserorden.

Faktisch schlug Kardinal Lavigerie damit die Errichtung eines neuen Ordensstaates vor, der ganz den Vorbildern von Preußen, Rhodos und Malta verpflichtet war. Wie Lavigerie berichtet, war die persönliche Reaktion des Papstes „enthusiastisch (‚enthusiastisch‘ ist kein zu starkes Wort)“, doch ein Treffen mit dem Großmeister des Malteserordens, Fra’ Johann Baptist Ceschi, endete enttäuschend. Der Großmeister stand einem Orden vor, der seine militärische Rolle aufgegeben hatte; auch wird ihn die Aussicht auf einen Konfessionskrieg in Afrika nicht sonderlich begeistert haben. Jedenfalls beschied er dem Kardinal, dass er nicht über die Ressourcen verfüge, eine derartige Aufgabe zu übernehmen. Wie Lavigerie später schrieb, bedauerte er es zutiefst, „diesen Gelähmten nicht Beine gemacht“ zu haben.

Auf eine „mündliche Anweisung“ Leos XIII. hin, die nicht schriftlich fixiert wurde, aber anscheinend „die christliche Welt zu einem Kreuzzug [aufrief], um solche schrecklichen Gräuel [wie den Sklavenhandel] zu beenden“, betrieb Lavigerie 1888 die Gründung einer Association militaire et religieuse, wie sie schon in der Vergangenheit gegründet worden waren, um Christen gegen die Türken zu verteidigen. In der Öffentlichkeit nahm man an, der Kardinal habe dabei wieder einmal den Malteserorden im Sinn, den der Papst wohl – so die Vermutung weiter – neu organisieren wolle, damit er in Afrika zur Bekämpfung der Sklaverei eingesetzt werden könne. Hintergrund dieser Vermutungen war, dass Papst Leo am 12. Juni desselben Jahres dem Großmeister der Malteser seine alte Kardinalswürde zurückgegeben hatte. Außerdem hatte er sich voll des Lobes über die Kreuzzugstraditionen des Malteserordens geäußert,

gefeiert ob seines ehrwürdigen Alters, ob der Tugend und des Edelmutes seiner Brüder Ritter, ob ihres ruhmreichen Dienstes im Namen der Christenheit und des katholischen Glaubens und ob der Siege, die sie gegen den Feind des christlichen Namens errungen haben.

Doch Lavigerie hatte mit dem Malteserorden abgeschlossen, der, wie er schrieb, „nurmehr ein Schatten seines früheren Selbst“ war. Ein Jahr später befasste er sich mit Plänen, entlang der großen Nachrichtenwege durch die Sahara befestigte Stationen zu errichten, die als Zufluchtsorte für alle Verfolgten dienen sollten – mit dem Nebeneffekt, „den Handel und die Zivilisation voranzutragen“. Diese Schutzposten, so schrieb Lavigerie im März 1889, könnten wohl von einer Vereinigung gegründet werden, die „dem Orden von Malta nicht unähnlich“ wäre und deren Mitglieder „Freiwillige der Zivilisation und des Friedens“ sein sollten. 1890 begann er ernstlich mit den Vorbereitungen zur Gründung des neuen Ordens, der Institut Religieux et Militaire des Frères Armés du Sahara heißen sollte. Der Kardinal hatte in Biskra am Rande der algerischen Wüste ein Stück Ackerland erworben und dort Unterkünfte für fünfzig Personen errichten lassen. Dies sollte das Mutterhaus des Ordens werden; das Geld dafür hatten französische Gegner der Sklaverei zur Verfügung gestellt. Der Ordensregel zufolge, die Lavigerie verfasst hatte, sollten die „Bewaffneten Brüder der Sahara“ im gesamten afrikanischen Wüstengürtel patrouillieren, wo immer die einheimische Bevölkerung den Sklavenhändlern zum Opfer fiel. Die Brüder sollten entlaufene Sklaven bei sich aufnehmen, Reisende gastlich bewirten, das Land bestellen und der einheimischen Bevölkerung mit Rat und Tat zur Seite stehen. Lavigerie hatte sehr genaue Vorstellungen davon, wie die Außenposten des Ordens eingerichtet werden sollten. In jedem von ihnen würde ein Kommandant Dienst tun, dem zwei Stellvertreter zur Seite standen – einer für die Landwirtschaft, der andere für die militärische Einsatzbereitschaft verantwortlich –, dazu zwei Krankenpfleger, die in einem Hospital kranke Einheimische umsorgten.

Als reuige Sünder, die noch dazu als Ordensleute Profess getan hatten und durch den Apostolischen Vikar von Tunis – Lavigerie selbst – dem Papst unterstellt waren, sollten die Frères Armés sich besonders strikt an das Ideal der apostolischen Armut halten. Ihr Alltag wurde durch minutiöse Anweisungen in allen seinen Einzelheiten geregelt. Ziel war es dabei, den Lebenswandel der Ordensbrüder soweit als möglich demjenigen der einheimischen Bevölkerung anzunähern, mit der sie schließlich Seite an Seite leben sollten. Sie würden wohnen, schlafen und essen wie die Einheimischen, sollten das Arabische und afrikanische Sprachen erlernen. Ihre Tage würden angefüllt sein mit Gebet und geistlichem Studium, Feldarbeit auf ihren Ländereien und militärischen Übungen. Ihr Gelübde ließ sie Gehorsam gegenüber ihren Oberen, Armut und Keuschheit schwören – und, dass sie „bis auf den Tod, sollte dies nötig sein, zur Verteidigung und zum Schutze jener kämpfen [würden], die sich unter die Protektion unseres Instituts begeben haben, in Sonderheit die Opfer der Sklaverei“. Sie sollten Waffen tragen und diese auch einzusetzen wissen; in jedem ihrer Stützpunkte sollte eine Redoute mit einem Waffenarsenal angelegt werden.

Hunderte von Männern aus allen Gesellschaftsschichten bewarben sich um die Aufnahme in den neuen Orden; 95 von ihnen wurden auserwählt. Allerdings hatte die Ordensgemeinschaft in Biskra zu keiner Zeit mehr als dreißig Mitglieder.

Am 5. April 1891 erhielten die ersten „Waffenbrüder“ ihr weißes Ordenshabit, auf dessen Brust ein rotes Kreuz prangte. Ein Tochterhaus des Ordens, in dem sechs Brüder lebten, wurde Ende des Jahres 1891 im weiter südlich gelegenen Ouargla eingerichtet. Kardinal Lavigerie bestand darauf, weitere Niederlassungen noch tiefer im Landesinneren zu eröffnen, doch die Zeitungen, selbst die katholischen, äußerten sich entweder gleichgültig oder ablehnend, und auch die französische Regierung geriet in Unruhe. Ohnehin entwickelte der Orden sich nicht wie erhofft; die Novizen waren überdies, wie sich herausstellte, nicht aus dem Holz geschnitzt, aus dem man tüchtige Anführer macht. Lavigerie, der mittlerweile schwer krank war – schon eine Woche darauf sollte er sterben –, traf den Entschluss, den Orden der Frères Armés aufzulösen. Am 19. November 1892 entsandte er einen der Missionare nach Biskra, um den Brüdern die schwere Nachricht schonend beizubringen. Die Ordensgemeinschaft dort zählte zu jener Zeit 23 Mitglieder. Neun von diesen schlossen sich den Weißen Vätern an; einer trat dem Trappistenorden bei; zwei wurden Kolonisten; die anderen kehrten nach Hause zurück.

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Die Angehörigen des Mutterhauses der Frères Armés du Sahara („Bewaffnete Brüder der Sahara“) in Biskra (Algerien) im Jahr 1891. Man beachte die Kreuze auf ihrer Ordenstracht sowie die Gewehre in ihren Händen.

Das Institut des Frères Armés war selbstverständlich ein Anachronismus, war nicht nur ein Reflex des Kreuzfahrertraums der Romantik, sondern spiegelte auch eine reaktionäre Tendenz innerhalb der französischen Kirche wider, die sich durch antiklerikale Kräfte bedroht sah und nun versuchte, im Mittelalter zu ihren Wurzeln zu finden. Die Führung des Malteserordens, immerhin des berühmtesten Relikts der Kreuzzugsbewegung, erwies sich als pragmatischer, als Lavigerie es war. Nach 1834 war es den Großmeistern der Malteser nicht nur gelungen, die alten Souveränitätsansprüche ihres Ordens von Neuem durchzusetzen und zu verteidigen: Sie hatten ihre Ordensbrüder davon überzeugt, ein siebenhundert Jahre altes Rollenverständnis aufzugeben und einen neuen Daseinszweck in Gestalt der Alten- und Krankenpflege anzunehmen. Die Provinzialstruktur des Ordens wurde gleichfalls reformiert. All diese Um- und Neugestaltungen belegen, wie anpassungsfähig der Malteserorden war – sie erklären aber auch, warum der Großmeister Ceschi so überaus zurückhaltend reagierte, als Kardinal Lavigerie ihm die Schaffung eines neuen Ordensstaates im Inneren Afrikas vorschlug.

Lavigerie spielte eine entscheidende Rolle im Annäherungsprozess der katholischen Kirche an die Französische Republik sowie bei der Verteidigung der Kirche gegen antiklerikale Anfeindungen. Er war ein Vertrauter mehrerer Päpste und, wie wir gesehen haben, der Gründer zweier überaus erfolgreicher Missionsorden. Mindestens eine große Zeitung bescheinigte ihm Aussichten auf das Amt des Papstes, das er, so die Einschätzung weiter, mit wahrer Größe ausfüllen werde. Seine Kreuzzugspläne erhielten Zuspruch von vielen Seiten, darunter auch derjenigen Papst Leos XIII., der auf die Nachricht von Lavigeries Tod hin ausgerufen haben soll: „Ich habe ihn wie einen Bruder geliebt, wie Petrus den Andreas!“ Was seine Interessen und seinen politischen Einfluss angeht, erinnert Lavigerie – freilich in einem deutlich kleineren Maßstab – an Bernhard von Clairvaux, den Zisterzienserabt und Kreuzzugsprediger aus dem 12. Jahrhundert. Und es kann kein Zweifel daran bestehen, dass er tatsächlich ein Kreuzzugsvorhaben verfolgte – oder, besser gesagt, eine ganze Reihe von Kreuzzugsvorhaben. Seine Frères Armés, Kampfmönche im Kreuzfahrergewand, auf den heiligen Bußkrieg eingeschworen und dem Papst unterstellt, entsprachen ganz den klassischen Kriterien der Kreuzzugstradition. Ihr Orden ähnelte jenen, die im 13. Jahrhundert im Ostseeraum ins Leben gerufen worden waren, wo die Kreuzzüge der Verteidigung von Missionsstationen gedient hatten. Zugleich verwies die Sache, für die sie ins Feld zogen – die Rettung entlaufener Sklaven und letztlich die Abschaffung der Sklaverei –, bereits auf die Art von säkular-humanitärem Rettungskrieg, wie er ein Jahrhundert später in Mode kommen sollte.

Der moderne islamische Gegenkreuzzug

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass eben zu der Zeit, als das Scheitern von Lavigeries Institut die Unanwendbarkeit der Kreuzzugsideologie in der Moderne hatte offenbar werden lassen, sich unter den traditionellen Feinden – den Muslimen – die Überzeugung breit machte, von den westlichen Kreuzfahrern gehe eine tatsächliche Bedrohung aus. Man liest oft, die Muslime hätten von ihren mittelalterlichen Vorfahren schlimme Erinnerungen an die Kreuzzüge und die Brutalität der Kreuzfahrer gleichsam geerbt, aber nichts ist falscher als das. Die Muslime hatten in der Zwischenzeit nur sehr wenig Interesse für die Zeit der Kreuzzüge gezeigt, auf die sie, wenn überhaupt, mit Gleichmut und sogar mit Zufriedenheit zurückblickten. Schließlich waren sie davon überzeugt, dass sie die Kreuzfahrer am Ende völlig geschlagen hatten. Sie hatten sie aus ihren Siedlungsgebieten in der Levante vertrieben! Sie hatten auf dem Balkan über sie triumphiert! Auf dem Balkan, wo, nebenbei bemerkt, die Osmanen ein sehr viel größeres Territorium erobert hatten, als es den Lateinern im Osten jemals gelungen war.

Erst in den 1890er-Jahren, in der Krise des Osmanischen Reiches, entstand in der islamischen Welt eine eigene Kreuzzugsgeschichtsschreibung. Angesichts einer drohenden Revolution, erster Auflösungserscheinungen auf dem Balkan sowie wachsenden internationalen Drucks durch Großbritannien, Frankreich und Russland war den Türken nichts anderes übriggeblieben, als die Unabhängigkeit Rumäniens, Serbiens und Montenegros sowie die Autonomie Bulgariens anzuerkennen und zudem Russen, Griechen, Franzosen und Briten Gebiete des Osmanischen Reiches zu überlassen. Die Reaktion Sultan Abdülhamids II. auf diese Kette von Verhängnissen war es, sich dem Panislamismus zu verschreiben, der die Vereinigung aller islamischen Völker unter einer Autorität anstrebte. Der Sultan war ein frommer Mann, der sein zusätzliches Amt als Kalif aller Gläubigen durchaus ernst nahm – vor allem, nachdem sein Anspruch auf das Kalifat in Frage gestellt worden war. Doch er ging noch weiter. Abdülhamid äußerte öffentlich die Überzeugung, die christlichen Mächte hätten sich auf einen neuen „Kreuzzug“ begeben. Indem er diesen Begriff gebrauchte, schlug er lediglich einen Tonfall an, der seit über einem halben Jahrhundert die westeuropäische Debatte über das Verhältnis zum Orient geprägt hatte, doch wurden seine Worte in der panislamischen Presse aufgegriffen und verbreitet, und der Verfasser der ersten Kreuzzugsgeschichte in der islamischen Welt, Sayyid ʿAli al-Hariri, schrieb 1899 in der Einleitung zu seinem Werk: „Unser allererhabenster Sultan, Abdülhamid II., hat zu Recht bemerkt, dass Europa nunmehr einen Kreuzzug gegen uns in Gestalt einer politischen Kampagne führt.“

Das Wiedererwachen des muslimischen Interesses an den Kreuzzügen wurde noch verstärkt durch das Verhalten des deutschen Kaisers Wilhelms II., der bei einem Besuch in Damaskus im November 1898 am verfallenen Grabmal Saladins eine seidene Flagge und einen Kranz mit einer Widmung an den „Helden Sultan Saladin“ niederlegte. Wilhelm finanzierte dann die Restaurierung des Mausoleums sowie den Bau eines neuen, nebenbei bemerkt ziemlich unislamischen Sarkophags aus Marmor, auf dem ein weiterer Kranz angebracht wurde, der diesmal aus vergoldeter Bronze gefertigt war und die Inschrift trug: „Von einem großen Kaiser für einen anderen“. Bei einem Bankett drückte der Wilhelm später seine Genugtuung darüber aus, auf demselben Boden wie Saladin geschritten zu sein, den er als „einen der ritterlichsten Herrscher in der Geschichte“ bezeichnete, der, wie der Kaiser hinzufügte, „ein Ritter ohne Furcht und Tadel [gewesen war], der seine Feinde nicht selten die wahre Natur der Ritterlichkeit lehren musste“. In dieser bombastischen Reprise von Sir Walter Scotts The Talisman wurden die Muslime der Levante überhaupt erst wieder mit der Figur Saladins bekannt gemacht, den sie größtenteils vergessen hatten. Im Jahr darauf stellte der ägyptische Dichter Ahmad Schauqi die entrüstete Frage, wie es denn sein könne, dass Saladins Größe den Muslimen verborgen geblieben war, bis sie der deutsche Kaiser daran erinnert habe. Binnen fünfzehn Jahren nach dem Besuch Wilhelms II. in Damaskus hatte ein arabisch schreibender Autor, der vor der großen Gefahr einer zionistischen Besiedlung Palästinas warnte, Saladins Namen als Pseudonym angenommen, und 1915 eröffnete man in Jerusalem eine Universität, die nach Saladin benannt war.

Die maßgebliche Feststellung des Kalifen, Kreuzzüge fänden noch immer statt, wurde in der islamischer Welt zur selben Zeit verbreitet, da im Westen zwei Denkansätze kursierten, die zwar gleichermaßen en vogue waren, einander jedoch deutlich widersprachen: In der kritisch-romantischen Sicht auf die Kreuzzugsgeschichte, wie sie Walter Scott in seinen Romanen populär gemacht hatte, standen barbarische und zerstörungswütige Kreuzfahrer zivilisierten und fortschrittlich gesinnten Muslimen gegenüber, die ihnen sowohl kulturell als auch moralisch klar überlegen waren. In der imperialistischromantischen Sicht hingegen, wie sie sich etwa in den Schriften Joseph François Michauds ausdrückt, waren es die Kreuzfahrer gewesen, die ihrerseits Licht in die dunkle, heidnische Welt hinausgetragen hatten; nun war es an ihren neuzeitlichen Erben, dieses Werk zu vollenden. Aus Sicht der islamischen Welt war es nur naheliegend, auf diese westlichen Geschichtsbilder mit einer eigenen Interpretation zu antworten, derzufolge Europa, nachdem es die erste Runde der Kreuzzüge verloren hatte, nun in einer zweiten auf Revanche sann. Das war eine Verschwörungstheorie, die in Zeiten des erwachenden arabischen Nationalismus auf fruchtbaren Boden fiel, zuerst anlässlich der britischen und französischen Landnahme in weiten Teilen Nordafrikas und der Levante, dann mit Blick auf die zunehmende Einwanderung jüdischer Siedler nach Palästina.

Von der ersten der beiden europäischen Sichtweisen auf die Kreuzzüge, der kritischromantischen, übernahmen muslimische Theoretiker die Vorstellung eines brutalen und destruktiven Westens, der, wiewohl Nutznießer der hochstehenden islamischen Zivilisation, im Zuge der Begegnung nichts als eine Spur der Verwüstung hinterlassen hatte.

Ist es überhaupt denkbar [fragt ein nordafrikanischer Historiker], dass die islamische Welt aus den Kreuzzügen auch nur den geringsten Nutzen gezogen hat? Wie hätte denn der Islam vom Kontakt mit einer unterlegenen, rückständigen Kultur profitieren sollen?

Der palästinensische Dichter Mahmud Darwisch beschreibt in seiner Darstellung des israelischen Einmarsches in den Libanon 1982 das Vorgehen der Israelis ganz ähnlich, wie Scott dasjenige der Kreuzfahrer beschrieben hatte, und stellt sogleich den unvorteilhaften Vergleich mit der Hochherzigkeit Saladins an: „Unser Wasser hat man uns auf Befehl dieser übriggebliebenen Kreuzritter abgestellt, wo doch Saladin seinen Feinden Eis und Früchte sandte!“

Von der imperialistisch-romantischen Sicht Europas auf die Kreuzzüge übernahmen muslimische Autoren die Vorstellung eines unablässigen westlichen Ansturms auf die islamische Welt. Schon 1920 pries ein Verfasser Saladin dafür, dass er den ersten Versuch des Westens abgeschmettert habe, den Orient zu unterwerfen. Unter dem Einfluss westlicher Wirtschaftshistoriker sahen arabische Nationalisten die Kreuzzüge als ein herausragendes Beispiel dafür an, wie in der Frühphase des europäischen Kolonialismus Frömmigkeit und Gottesfurcht zur Maskierung von Raub und Habgier herhalten mussten. Ein Autor gelangte 1934 zu der Einschätzung, der Westen führe „unter dem Deckmantel des politischen und ökonomischen Imperialismus noch immer Kreuzzüge gegen den Islam“. Andere arbeiteten die Vorstellung weiter aus, nach seiner Niederlage in der ersten Runde der Kreuzzüge verzehre sich der Westen nun geradezu in seinem Durst nach Rache. Tatsächlich sei, so diese Fraktion, die Gründung des Staates Israel auf ebendem Territorium, das einst das Königreich Jerusalem eingenommen habe, ein niederträchtiger Racheakt, der aus jener ersten Kränkung hervorgegangen sei. Der bereits zitierte Mahmud Darwisch schrieb 1982 über die israelische Besetzung von Beirut, diese sei „ein Akt der Vergeltung für die gesamte Geschichte des Mittelalters“.

In den Augen der arabischen Nationalisten war ihr Kampf um Unabhängigkeit die vorrangig arabische Entgegnung auf einen Kreuzzug, der noch immer gegen sie geführt wurde. Ab den 1970er-Jahren jedoch wurden sie durch einen erneuerten und wiedererstarkten, aggressiv-militanten Panislamismus herausgefordert. Dessen Anhänger sahen im Islam die eine, alle Rassen umfassende unteilbare Gemeinschaft zur Verehrung des einen Gottes. Damit mussten sie zwangsläufig auf Konfrontationskurs zu den Nationalisten geraten, die oft säkular eingestellt waren und überdies in den Augen der frommen Muslime der Nationalismus seinem Wesen nach den Islam spaltete. Das hielt die Religiösen nun aber nicht davon ab, sich die nationalistische Sicht auf die Geschichte der Kreuzzüge zu eigen zu machen, nur um sie anschließend zu globalisieren, das heißt zu verallgemeinern und weltweit als Erklärungsmuster anzuwenden. Während die nationalistische Interpretation der Kreuzzüge in Geschichte und Gegenwart ganz dem – räumlich und funktional klar begrenzten – arabischen Freiheitskampf gegen die Knechtschaft des Kolonialismus verpflichtet gewesen war, berechtigte in den Augen der Islamisten jedwede westliche Aggression und insbesondere jegliche Infiltration des Dar al-Islam, des „Hauses des Islam“, durch die „Ungläubigen“ rechtgläubige Muslime dazu, einen weltweiten dschihad anzustrengen. Im Anschluss an die Schriften von Sayyid Qutb, des vielleicht bedeutendsten Vordenkers des Islamismus, argumentierten sie, dass die Begriffe „Kreuzzug“ oder „Kreuzfahrer“ auf alle Arten von Angriff gegen den Islam weltweit angewandt werden könnten, die entweder von bekennenden Christen ausgeführt wurden oder von solchen, die in der jüdisch-christlichen Tradition standen oder auch nur einem ihrer Surrogate anhingen wie etwa dem Zionismus oder dem Marxismus. Tatsächlich seien nämlich der „internationale Zionismus“ und der „internationale Kommunismus“ nur zwei weitere ideologische Formen, hinter denen der westliche Imperialismus sein wahres Wesen verbarg. Dies nämlich sei das „Kreuzfahrertum“, eine Macht, weitaus älter als ihre zahlreichen Spielarten, die das große Ziel des alten christlichen Feindes – die endgültige Niederwerfung des Islam – immer wieder von Neuem zu erreichen suche. Neben militärischer Gewalt schloss die islamistische Definition des aggressiven westlichen „Kreuzfahrertums“ auch den Drang nach ökonomischer oder politischer Vormacht ein.

Sogenannte Salafisten und Dschihadisten – die den militanten Flügel der islamistischen Bewegung bilden – berufen sich zudem auf die Schriften des Theoretikers Ibn Taimiya, eines charismatischen Gelehrten aus dem Mittelalter, dessen Eintreten für die Einheit seiner Religion als notwendige Bedingung des Sieges gegen die Ungläubigen durchaus den Ansichten ähnelt, die viele seiner christlichen Kontrahenten mit Bezug auf das Christentum hegten. Für Ibn Taimiya lag die oberste Priorität des dschihad seiner Zeit nicht darin, den Krieg über die Grenzen des Islam zu den Ungläubigen zu tragen, sondern vielmehr darin, den sunnitischen Islam von Häretikern und Andersgläubigen zu säubern. Solcherart nach innen gewandt, sollte der dschihad mit Gewalt eine neue, geeinte und gereinigte, Gott allein verpflichtete Gesellschaft herbeiführen. Erst wenn dieses Ziel erreicht wäre, sollte sich die Aufmerksamkeit der Muslime auf die Welt jenseits ihrer Grenzen richten. Aus diesem Grund waren die Dschihadisten ganz besonders empfindlich, was die Infiltration, das von ihnen als provokant empfundene Eindringen von Ungläubigen in die islamische Welt anging; dies, so glaubten und glauben sie, beschmutzt den Islam.

Noch nie, seitdem Allah sie flach gemacht, ihre Wüste erschaffen und sie mit Meeren umgeben hat, ist die Arabische Halbinsel von solchen Feindesmächten heimgesucht worden, wie die Armeen der Kreuzfahrer [gemeint sind die Truppen der Amerikaner, Anm. d. Verf.] es sind – sie breiten sich auf ihr aus wie die Heuschrecken, verzehren ihre Reichtümer und vernichten alles, was da grünt.

Auch bei der sowjetischen und der amerikanischen Invasion Afghanistans handelte es sich, dieser Lesart zufolge, um Kreuzzüge:

Dies ist eine Schlacht der Muslime gegen das globale Kreuzfahrertum. … Gott, der uns seinen Schutz angedeihen ließ und uns bis zum endgültigen Sieg gegen die Sowjetunion hat unerschütterlich durchhalten lassen, wird uns auch nun wieder unterstützen, um Amerika auf demselben Boden und mit denselben Kämpfern zu schlagen.

In einem Krieg der Kulturen

muss unser Ziel darin bestehen, unsere Nation im Angesicht des christlichen Kreuzzuges zusammenzuschweißen. … Dies ist ein Krieg, der immer wiederkehrt. Der erste Kreuzzug brachte uns Richard aus Britannien, Ludwig aus Frankreich und Barbarossa aus Deutschland. Heute sind die Anführer der Kreuzfahrerstaaten wieder herbeigeeilt, sobald [George W.] Bush das Kreuz emporgehoben hatte. Sie haben sich der Herrschaft des Kreuzes unterworfen.

Diese radikalislamistische Version einer neo-imperialistischen Kreuzzugsgeschichte war es, die in einigen muslimischen Gesellschaften Wurzeln geschlagen hatte, bevor sie um die Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert so plötzlich und so gewaltig nach außen zuschlug. Es steht außer Frage, dass sie einiges der übertriebenen und oftmals schlichtweg falschen Übernahme der Kreuzzugsideologie durch die (vor allem europäischen) Imperialisten des 19. Jahrhunderts verdankt, deren Rhetorik in der islamischen Welt allzu oft für bare Münze genommen worden ist. Der Westen kann auf diese Anfeindungen nicht adäquat reagieren, weil er sie nicht begreift – und in der Regel noch nicht einmal erkennt, wo die Quellen jener Sprache liegen, der sich die Islamisten bedienen. Als Kardinal Lavigerie im Jahr 1892 seinen wehrhaften Ritterorden auflöste, waren drei meiner vier Großeltern bereits auf der Welt. Und doch hat unsere heutige Gesellschaft vollkommen vergessen, vor wie kurzer Zeit noch Kreuzzugsideen in manchen europäischen Kreisen als intellektuell durchaus respektabel gelten konnten.

Gedächtnisschwund

Die Geschichte der Kreuzzüge ist voller Überraschungen. Eine davon besteht in der überraschenden Schnelligkeit, mit der die letzten Überreste der Bewegung dem Vergessen zum Opfer gefallen sind. Zu keiner Zeit hatte sich jedermann für den Kreuzzugsgedanken erwärmen können, doch sein Niedergang erfolgte dennoch sehr langsam. Selbst die Reformation und Gegenreformation hatten ihn nicht töten können, und auch die im Großen und Ganzen erfolgreichen Einwände nicht, die – wie im ersten Kapitel dieses Buches dargestellt – gegen die Prämissen eines Heiligen Krieges kraft göttlicher Autorität und die angebliche moralische Neutralität der Gewaltanwendung vorgebracht worden sind. Als die Kreuzzugsbewegung dann von einigen Gelehrten des 17. und 18. Jahrhunderts neu definiert und gewissermaßen in die ferne Vergangenheit abgeschoben wurde, schien sie in das Endstadium ihrer Entwicklung eingetreten, obgleich es zur selben Zeit noch Beispiele von Kreuzzugsaktivität gegeben hat. Meist beschränkten sich diese – zugegebenermaßen – auf die Päpste, die unmittelbar mit den Türken konfrontierten Nationen sowie all jene Familien, aus deren Reihen der Malteser- und der Deutsche Orden ihre Mitglieder rekrutierten. Doch selbst in den 1890er-Jahren sind wir noch auf einige Persönlichkeiten gestoßen – darunter ein Papst, der zu seiner Zeit als ein Neuerer galt –, die offenbar nichts dabei fanden, freiwillige Kämpfer in einen Bußkrieg unter päpstlicher Führung ziehen zu lassen.

Und dann wurde die Ideologie des christlichen Heiligen Krieges innerhalb eines halben Jahrhunderts so vollständig verworfen, dass Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit dem Vergessen übergeben wurden. Zwei Weltkriege und menschliches Leiden in einer bis dahin nicht gekannten Größenordnung haben bestimmt ihren Anteil an dieser Entwicklung gehabt. Der intellektuelle Konsens beschränkte die Kreuzzüge auf das Mittelalter. Der Begriff „Kreuzzug“ freilich findet weiterhin Verwendung, wenn er auch in den meisten Fällen kaum mehr bezeichnet als eine mit Inbrunst geführte Kampagne für irgendein politisches oder religiöses Ziel. Und die westliche Zivilisation hat Ersatz gefunden, der auch nach dem Wegfall der Kreuzzugsideologie das Ausüben ideologisch motivierter Gewalt zur Erlangung religiöser, kultureller oder sogar (pseudo-)wissenschaftlicher Ideale ermöglicht. Man denke nur an Nationalismus, Marxismus, Faschismus und Humanitarismus, die ihren Anhängern von universaler Bedeutung zu sein schienen – oder scheinen. Es ist bezeichnend, dass die Verfechter der südamerikanischen Befreiungstheologie der 1960er-Jahre anscheinend nie bemerkt haben, wie nahe sie in ihrem Denken ihren iberischen Vorläufern aus der Zeit der Kreuzzüge gekommen waren, obwohl gewisse Aspekte ihrer Theologie – etwa die Gewaltanwendung im Namen Christi und der Nächstenliebe oder auch die Vorstellung von einem Märtyrertod im Kampf – sie als Para-Kreuzfahrer erscheinen lassen.

Die Männer, die sich in den Jahren 1890/1892 berufen fühlten, in das Institut des Frères Armés des Kardinals Lavigerie einzutreten, waren, soweit ich weiß, die letzten Kreuzfahrer. Im 20. Jahrhundert verschwand die Kreuzzugsbewegung nicht allein deshalb, weil sie untauglich geworden war – das gewiss auch –, sondern weil sie aus dem kollektiven Gedächtnis getilgt wurde.