Vorwort

Nach fast sechzig Jahren habe ich den Mut gefunden, meine Erlebnisse in meiner Geburtsstadt Königsberg in den letzten Kriegsmonaten und den Jahren danach niederzuschreiben. Vorher war ich nicht in der Lage dazu. Doch selbst nach so langer Zeit musste ich die Arbeit immer wieder für Tage unterbrechen, da mich die Erinnerung an die furchtbaren Ereignisse überwältigte.

Damals war ich ein Kind. Der Zweite Weltkrieg hat Millionen Menschen den Tod gebracht, viele ins Elend gestürzt. Die Überlebenden haben alle, jeder auf seine Weise, versucht, mit ihrem Schicksal fertigzuwerden. Ich war in den Nachkriegswirren auf mich allein gestellt und habe es geschafft, am Leben zu bleiben. Dafür bin ich bis heute dankbar. Wir Kinder wussten nur wenig über die Hintergründe des Krieges. Wir waren unschuldig daran und mussten die Folgen tragen. Jahrelang kämpften wir darum, dem Tod durch Hunger, Schwäche, Krankheiten zu entkommen. Dieser Kampf hatte manchmal etwas von einem Abenteuer. Dabei gab es auf allen Seiten der damaligen Fronten Menschen, deren Herz für Kinder schlug und deren Beistand uns geholfen hat, die schwierigen Zeiten zu überstehen. Ihnen allen gilt mein Dank.

Ich habe meine Geschichte aufgeschrieben, damit sie nicht vergessen wird, damit man sich erinnert, was in meiner Heimatstadt Königsberg am Ende des Krieges und in den Jahren danach geschehen ist. Nur ein Drittel der Bevölkerung war nach Kriegsende noch am Leben, und ich kann mich glücklich schätzen, dazuzugehören.

Und ich habe meine Geschichte in der Hoffnung aufgeschrieben, dass die Generation nach mir, die unbeschwert und im Frieden aufwachsen durfte, erkennt, dass dies nicht selbstverständlich ist. Ich wünsche mir sehr, dass den Menschen mehr als bisher bewusst wird, dass nichts, aber auch gar nichts einen Krieg rechtfertigt, denn Krieg richtet sich immer gegen die ganze Menschheit.

Noch heute sehe ich alles, was ich erlebte, mit den Augen von damals. Ich bin immer noch der Junge, der versucht, am Leben zu bleiben, ganz auf sich allein gestellt, ohne Familie. Überall auf der Welt gibt es auch heute solche Kinder, die sich in Kriegswirren allein durchschlagen müssen. Was dies für sie bedeutet, weiß ich aus eigener Erfahrung, und so wünschte ich, mein Bericht könnte auch dazu dienen, solche Schicksale in Zukunft zu verhindern.

Berlin, im Juni 2007

Hans-Burkhard Sumowski