Es war ein prächtiger ostpreußischer Sommer, der Sommer 1944, ebenso schön wie die anderen Sommer meiner Kindheit. Der Himmel war von dem besonderen strahlenden Blau, wie ich es nur dort erlebt habe. Ein weißer Wolkenkranz lag über dem Ostseehorizont, ab und zu brach ein erfrischendes Gewitter los, auf das schnell wieder warmer Sonnenschein folgte. Dampf stieg vom Boden auf, es roch intensiv nach Erde, und im Nu war alles wieder trocken. Dieses herrliche Wetter hielt an bis zum Herbst. Die Sommerferien waren lang.
Wenige Wochen vor meinem achten Geburtstag verbrachte ich mit meiner Mutter vierzehn Tage im Ostseebad Cranz, mit dem Zug in einer knappen halben Stunde zu erreichen, lag es doch nur rund dreißig Kilometer von Königsberg entfernt. Eine Reise, bei der mein Vater uns nicht begleiten konnte, aber daran waren wir längst gewöhnt: Seit Jahren herrschte Krieg, und Vater war wie die meisten anderen Väter bei der Wehrmacht. Er war in Norwegen stationiert. Drei Jahre alt war ich gewesen, als er ins Feld musste, und so kannte ich meinen Vater nur wenig. Er war mir dennoch vertraut durch die Geschichten, die mir meine Mutter und meine Großeltern von ihm erzählten. Außerdem hatte ich ihn vor kurzem für ein paar Tage gesehen, denn sein letzter Besuch zu Hause lag erst wenige Wochen zurück. In Narvik hatten Unbekannte die Wehrmachtsunterkünfte abgefackelt, wobei Vater eine Rauchvergiftung erlitt. Nach einem Kuraufenthalt in Bad Nauheim war er nach Hause gekommen. Doch er musste zurück nach Norwegen.
Immer wenn Vater auf Urlaub kam, stellte ich ihm Hunderte von Fragen, denn in meinen Augen führte er ein reizvolles Abenteuerleben. Er erzählte mir jede Menge Soldaten-Geschichten, die ich ungeheuer spannend fand. Er war Obergefreiter bei der Luftwaffe, und je mehr ich über die Soldaten der Wehrmacht wusste, desto mehr wünschte ich mir, dass Vater in einen höheren Rang befördert würde. Auf den roten Kragenspiegeln seiner Uniform sah ich immer nur die beiden einfachen Schwingen, während die Väter meiner Freunde meistens Offiziere waren. Deswegen habe ich Vater eines Tages vorsichtig gefragt, ob er nicht auch mal ein bisschen aufsteigen könne. Das sei ganz ausgeschlossen, antwortete er mir.
»Weißt du, ich habe eine ganz wichtige Aufgabe bei der Truppe. Wenn ich befördert würde, dann wäre ich diesen schönen Posten los.«
Vater war Fourier, das heißt, er versorgte seine Einheit in Narvik mit Lebensmitteln. Er fuhr mit einem Opel Blitz durchs Land und kaufte für die Truppe ein. Auf den Wagen hatten seine Kameraden geschrieben: »Erich Sumowski – Eier – Butter – Käse – Speck«. Durch diese Arbeit hatte er auch die Möglichkeit, hin und wieder etwas Essbares nach Hause zu schicken, und da er sich das nicht nehmen lassen wollte, blieb er beharrlich Obergefreiter und lehnte jede Beförderung ab. Es wäre doch schön dumm, erklärte er mir, wenn er keine Überraschungen für uns und die Familien von Kriegskameraden schicken könnte. Ich war erleichtert über dieses Argument und musste Vater Recht geben. Es war nämlich immer zu schön, wenn per Luftkurier Sendungen mit Sprottenkisten, Holzeimern mit gesalzener norwegischer Butter und Spielsachen ankamen. Dann herrschte zu Hause eitel Freude.
Mutter und ich machten uns nicht allzu große Sorgen um Vater, denn es ging ihm, wie es schien, einigermaßen gut. Es gab in Norwegen auch keine kämpfende Front. Wie man mir erzählte, hatten es andere Soldaten im Krieg sehr viel schlechter getroffen, vor allem die, die in Russland waren. Russland und die Russen, das waren zwei Wörter, hinter denen sich nichts Gutes zu verbergen schien. Im Lauf der dann kommenden Wochen und Monate hörten sie sich immer bedrohlicher an. Die Russen waren unsere Feinde, so viel wurde mir als Kind klargemacht, so viel wusste ich.
Die Frauen und Kinder in Königsberg hatten sich längst daran gewöhnt, ohne die Väter zu leben. Das war nicht immer einfach, aber es erschien uns allen ganz normal. Meine Mutter war lebensfroh und liebevoll, sie und meine Großeltern behüteten mich, wir hatten genug zu essen, und der Krieg hatte in Königsberg bisher kaum Spuren hinterlassen.
Meine Mutter war eine adrette und stattliche Frau von vierunddreißig Jahren, sie trug gern elegante Sachen, wenn wir in der Stadt bummelten oder in die Konditorei gingen. Bis zu meiner Geburt war sie Direktrice bei Defaka (Deutsches Familienkaufhaus) gewesen.
Jetzt in den Ferien in Cranz trug sie beim Spazierengehen auf der Uferpromenade Sommerkleider und einen Strohhut. Wir beide genossen die Ferien am Meer. Wir spielten am Strand, wir suchten nach Bernstein, und ich hoffte, dass meine Zigarrenkiste zu Hause bald voll sein würde. Auch wollte ich einen großen Klumpen finden, noch größer als das tischtennisballgroße Stück, das ich in meinem Kinderzimmer liegen hatte. Meine Mutter hegte den Wunsch, dass ich schwimmen lerne, aber all ihre Versuche, es mir beizubringen, scheiterten. Ich fürchtete mich vor dem tiefen Wasser. »Also dann eben im nächsten Sommer, wenn du größer bist«, sagte sie, nachdem ich mich schreiend und um mich schlagend gegen ihren Schwimmunterricht gewehrt hatte. Sie hatte mich ein wenig zu schnell ins tiefe Wasser getragen und erwartet, dass ich freudig zu schwimmen begann. Doch noch fehlte mir der Mut.
Meine Mutter würde mir nie das Schwimmen beibringen, aber das wussten wir beide nicht. Ich war nur froh, dass mir die Tortur erspart blieb und ich die Ferien am Strand forthin als Nichtschwimmer genießen konnte. Das tat ich auch bis zu dem Tag, an dem ich beim Spielen mit den anderen Kindern von der Strandpromenade nach unten auf den Sand sprang. Ich hatte dabei die Zunge zwischen den Zähnen, wie immer, wenn ich mich anstrengte, und beim Aufkommen schlug mir das Knie gegen das Kinn. Ich biss mir kräftig auf die Zunge und schrie laut auf vor Schmerz.
Meine Mutter erschrak, legte ihr Buch weg und kam angerannt. »Bullerchen! Was ist dir passiert?«, rief sie. Bullerchen – das war von Anfang an in der Familie mein Kosename. Meine verletzte Zunge blutete heftig. Sie nahm mich tröstend in die Arme und brachte mich schnell zum Arzt. Der erklärte ihr, dass meine Zunge schon bald wieder zusammenwachsen würde und sie sich keine Sorgen zu machen brauche. Die Wärme und Zuneigung meiner Mutter halfen mir schnell über das Unglück hinweg. Dieser Spielunfall war nur ein kleines Wehwehchen im Vergleich zu allem, was mich in den nächsten Monaten und Jahren erwartete. Und bald würde keine Mutter mehr da sein, um mich zu trösten.