Als Mutter und ich nach den zwei Wochen in der ländlichen Idylle ausgeruht und gutgenährt nach Hause kamen, fing für mich ein neuer Ferienabschnitt an. Ich spielte mit den Freunden aus der Nachbarschaft, und wir genossen die Freiheit, die uns die Abwesenheit unserer Väter schenkte. In den Familien ging es ohne die väterliche Strenge lockerer zu. Wir verbrachten viele Stunden draußen, ohne ständige Kontrolle. Noch waren unsere Spiele harmlos und ungefährlich. Wir fuhren mit dem Tretroller umher, liefen über die große, vor wenigen Jahren errichtete Schindekopfbrücke, eine moderne Stahlkonstruktion mit Bitumen-Fahrbahn und Fußweg, der über die Bahngleise führte, und versuchten in die Dampflokschornsteine zu spucken. Wir holten den hitzeweichen Teer aus den Asphaltfugen, formten Kugeln daraus und hatten dann natürlich pechschwarze Hände.
Bald jedoch war unsere unbeschwerte Ferienzeit zu Ende. Durch die oft im Flüsterton geführten Gespräche zu Hause und bei den Nachbarn erfuhr ich, dass der Krieg immer bedrohlicher wurde. Bisher war Königsberg weitgehend verschont geblieben, doch nun, so hieß es, rücke die russische Front näher. Schon seit Beginn des Jahres hatte meine Mutter aufmerksam den Frontverlauf verfolgt. Sie hatte mich auch in die Wochenschau mitgenommen, in der noch immer von der siegreichen deutschen Wehrmacht, der Wunderwaffe und dem Endsieg die Rede war und die Verluste der Armee und ihre Niederlagen vertuscht und als »Frontbegradigung« bezeichnet wurden. Die Leute wollten es nur zu gern glauben, denn alles andere war unvorstellbar und bedrohlich. Meine Mutter verließ sich nicht auf diese Informationsquelle. Jeden Tag hörte sie heimlich den verbotenen Sender BBC. Das musste sie vor den Nachbarn natürlich verbergen, um nicht angezeigt zu werden. Denn immer wieder kam es vor, dass jemand, der »Feindsender« gehört hatte, von der Gestapo abgeholt wurde. Dabei wussten eigentlich alle, dass man der Nazi-Propaganda schon lange nicht mehr trauen konnte. Und doch hofften alle im Stillen, dass sich das Kriegsgeschick noch wendete. Eine sinnlose Hoffnung, aber die Menschen klammerten sich regelrecht daran. Auch meine Mutter, meine Tante und die Großeltern. Mich interessierten die Meldungen der BBC nicht besonders, meine Frage an Mutter war, wie die Stimmen wohl in dieses Radiogerät kamen, so klein könnten Menschen doch nicht sein. Erklären konnte sie es mir nicht.
Ich spürte, dass die Erwachsenen ernster wurden und sich fürchteten, doch ich war, wie Kinder eben sind, sorglos und unbefangen und mit Spielen beschäftigt. Ich erfuhr zwar von allen möglichen Dingen, der vorrückenden Front, der Grausamkeit der Russen. Aber was machte das schon, solange ich mich jeden Tag draußen mit meinen Freunden vergnügen konnte? Zu spielen ist offenbar ein existenzielles Bedürfnis von Kindern, es schafft Distanz zur Wirklichkeit und lenkt ab von allem, was bedrohlich werden könnte. Ich kann nur sagen, Gott sei Dank ist das so. Vielleicht haben manche von uns durch die Fähigkeit, die Realität auszuklammern, weniger unter dem Krieg gelitten als viele Erwachsene.
Unmerklich wandelten sich unsere Spiele von Tag zu Tag, sie wurden zunehmend martialischer. Wir spielten Krieg auf alle möglichen Weisen. Uns war nicht im Geringsten bewusst, dass die von uns mit Feuereifer veranstalteten Kämpfe zwischen russischen und deutschen Truppen im Kunststoff-Miniaturformat von Soldatenfiguren, Panzern und Geschossen in der Wirklichkeit bitterer Ernst waren und bald unser Leben in größte Gefahr bringen würden.
Als wir erfuhren, dass unsere Schule schließen müsse, weil sie von der Wehrmacht gebraucht wurde und weil immer häufiger feindliche Flugzeuge den Unterricht stören würden, begriffen wir noch nicht, was das bedeutete. Zunächst freuten wir uns über verlängerte Ferien. Ich verbrachte viel Zeit bei meinen Großeltern väterlicherseits, Emil und Caroline Sumowski, in Maraunenhof, einem Villenvorort im Nordosten der Stadt. Dort hatte mein Großvater nach seiner Pensionierung 1939 ein hübsches Haus gebaut, das von einem großen Garten umgeben war. Großvater Emil aus Masuren hatte am Ersten Weltkrieg teilgenommen und das Eiserne Kreuz Zweiter Klasse bekommen. Viele Jahre war er als Universitätslaborant am Königsberger Lehrstuhl für Forensische Medizin der Albertina tätig gewesen. Nun hatte man ihn als Pförtner im Mercedes-Reparaturwerk Königsberg, das in der Nähe unserer Wohnung lag, kriegsdienstverpflichtet. Dieser Arbeit ging er täglich und oft auch nachts nach, ohne sich zu beklagen. Für ihn galt wie für die meisten anderen, dass man seine Pflicht für das Vaterland erfüllen muss. Er war Preuße mit Leib und Seele. Caroline, seine Frau, stammte aus dem Sauerland und war ihm nach der Heirat in den Osten gefolgt. Solange er an der Universität arbeitete, betrieb sie in ihrer Dienstwohnung einen Mittagstisch für Professoren.
Bei den Großeltern fühlte ich mich zu Hause. Mein Großvater erzählte mir in der weinberankten Pergola Märchen und Fabeln, ich sehe den Fuchs, dem die Trauben zu hoch hängen, noch heute bildhaft vor mir. Schön war auch, dass ganz in der Nähe mein Freund Gerhard Masuch wohnte, den ich nur in den Ferien sah, weil er das Internat besuchte. Ob er auf eine Eliteeinrichtung wie die Napola ging? Ich weiß es nicht. Wenn er da war, waren wir jedenfalls die besten Freunde. Was haben wir nicht alles erlebt in dieser schönen Gegend: Erkundungstouren, Radeln auf dem Fahrrad meiner Cousine Brigitte, Feuer machen und Geländespiele. Als Gerhard wieder in die Schule musste, kam der Abschied. »Also, bis zu den nächsten Ferien!« Wir würden nie wieder voneinander hören.
Allmählich wurde mir die Zeit lang und ich fragte mich, wann ich endlich wieder in die Schule gehen könnte. Es kam mir seltsam vor, dass die Ferien so gar kein Ende nahmen. Die Erwachsenen machten sich Sorgen, dass ich nichts lernte, und gaben sich Mühe, mich zu beschäftigen. So übernahm ich einige ihrer Aufgaben und half in Haus und Garten. Emil und Caroline hatten wegen des Kriegs ein Gemüsebeet angelegt und züchteten Hühner und Kaninchen. Damit versorgten sie die ganze Familie, und auf dem Weg nach Hause in der Straßenbahn nahm ich immer Kartoffeln, Gemüse, Eier, Äpfel, Birnen, Pflaumen und manchmal etwas Hühnerfleisch mit, zur großen Freude meiner Mutter, denn es war immer schwieriger geworden, für die zugeteilten Lebensmittelkarten etwas Vernünftiges zu bekommen. Wir aßen fast nur noch Gerichte wie Brotsuppe, Kartoffeln, Grieß oder Plinsen, nur bei den Großeltern gab es manchmal sonntags noch Rouladen. Die durch den Krieg verursachte Not wurde immer deutlicher spürbar. Doch die Erwachsenen planten noch immer für die Zukunft. Emil, der mich und meine Cousine besonders ins Herz geschlossen hatte, wollte, dass später aus mir etwas Besonderes würde: »Wenn du mit der Schule fertigwirst, Bullerchen, dann wirst du an der Albertina studieren und ein feiner Mann werden, Doktor und Professor«, sagte er immer wieder zu mir. Er gab mir auch Unterricht in Schreiben und Lesen, damit ich nicht zu viel versäumte. Oft saß ich bei ihm in der Pförtnerloge mit einem Stift in der Hand und schrieb oder rechnete. Dieser Einzelunterricht war viel effizienter als der in der Klasse.
Gerne gingen wir am Oberteich spazieren, dem bedeutendsten Königsberger Gewässer, groß wie ein See, von herrlichen Parks mit schönen Promenaden umgeben. In der Nähe des Hauses meiner Großeltern stand nah am Wasser inmitten dichten Gebüschs ein Trafohaus im Stil eines Knusperhäuschens. Um Großmutter ein bisschen zu ärgern, sagte mein Großvater immer, dort wohne der Boshebaubau, der gern unartige Kinder schnappe. Boshe, in der Mitte mit extra weichem »sch« gesprochen, ist das slawische Wort für »Gott«, und scheinbar bedeutete Großvaters Wortschöpfung Boshebaubau so etwas wie »böser Gott«. Ich habe immer einen großen Bogen um das kleine Gebäude gemacht, nicht ahnend, dass diese Gegend bald für mich und mein Überleben in größer Not eine wichtige Rolle spielen würde. Da sollte ich erfahren, dass der Boshebaubau kein allzu böser Gott sein konnte, jedenfalls was mich betraf.
Langsam, aber unaufhaltsam wurden auch wir Kinder ins Kriegsgeschehen mit hineingezogen. Zunächst erschien uns das als spannendes Spektakel. Unsere Neugier und Abenteuerlust kam dabei ganz auf ihre Kosten. Die Stadt und unser Viertel veränderten sich jeden Tag mehr. Wenige Straßen von unserer Wohnung entfernt lag das große Mercedes-Reparaturwerk, in dem Unmengen von defekten, zerschossenen Wehrmachts-LKWs und Panzern zur Reparatur abgestellt waren. Wir Jungen mit unserem technischen Interesse hatten dort viel zu bestaunen. Oft ging ich auch zu Großvater in seine Pförtnerloge, saß stundenlang bei ihm und ließ mir Geschichten erzählen und erklären, was in dem Werk passierte. Dort wurden die Lastwagen und Panzer wieder kriegstüchtig gemacht. Für die schweren Arbeiten zog man russische Kriegsgefangene heran, als Techniker wurden freiwillig nach Deutschland gekommene belgische und französische Fremdarbeiter eingesetzt, die in Baracken am Bahndamm wohnten. Ihnen ging es besser als den Russen, sie hatten eigene Gemüsebeete, konnten über ihre Freizeit verfügen, wie sie wollten, und waren bei so manchen Königsberger Frauen sehr begehrt. Die Russen hatten es bei weitem nicht so gut. Keine Frau hätte sich freiwillig mit einem von ihnen eingelassen. Sie erledigten niedrige Arbeiten, auch in der Stadt, wo sie als Müllmänner tätig waren. Manchmal schickte meine Mutter mich heimlich mit einem Kanten Brot zu ihnen, wenn sie die Mülltonnen leerten. Dann sahen sie mich dankbar und ungläubig an. Meine Mutter musste mir erklären, warum sie den Russen Brot gab. »Sie sind Menschen wie du und ich, und sie haben fast nichts zu essen. Ich möchte nicht, dass sie verhungern.« Als mein Großvater in seinem Garten einen Bunker anlegen ließ, lieh er sich für eine Woche fünf russische Kriegsgefangene aus und zog mit ihnen mitsamt Marschbefehl quer durch die Stadt. Sie schliefen im Wohnkeller und wurden von meiner Großmutter und einer Nachbarin verpflegt. Sie waren froh, dass sie sich endlich mal satt essen konnten.
Der Nachbarin, einer Frau von F., hatte Großvater angeboten, bei Fliegeralarm mit in den Bunker zu kommen. Deswegen bestand sie darauf, sich an der schwierigen Verpflegung der Russen mit Lebensmittelmarken zu beteiligen. Frau von F. mochte mich. Wenn Großvater mich mit ein oder zwei Eiern zu ihr schickte, musste ich mich jedes Mal zu ihr setzen und bekam, wenn die Erdbeeren reif waren, eine Schüssel voll mit gezuckerten Früchten. »Du kannst mich jederzeit besuchen kommen; ich würde mich freuen«, sagte sie zum Abschied immer zu mir. Sie war allein, und es hieß, ihr Mann sei ein Freiherr und in hohem Rang bei der Wehrmacht. Ich sah ihn nie.
Die Großeltern hatten großen Respekt vor ihr. Dann kam der Tag des Attentats auf Hitler, und die Nachbarn und Großvater raunten sich hinter vorgehaltener Hand zu, der Freiherr sei beteiligt gewesen und verhaftet worden. Großmutter war sehr aufgeregt und hoffte, dass der Nachbarin nichts passieren würde. Man hatte schon so oft von plötzlich Verschwundenen gehört. Ich erzählte es Frau von F. bei meinem nächsten Besuch, sie erwiderte, das alles in Ordnung sei, dass ich aber zunächst nicht mehr zu ihr kommen solle. Ich verstand nicht, dass sie mich und die Großeltern vor verdächtigen Kontakten mit ihr bewahren wollte. Nicht lange darauf war sie plötzlich fort, ohne dass sie sich hätte verabschieden können. Es hieß, die Gestapo habe sie geholt, und es fiel das Wort Sippenhaft. Wir hörten nie wieder etwas von ihr, und ich konnte auch später, als Erwachsener, nicht die Hintergründe ihres Verschwindens aufklären, da ich den Namen nicht genau erinnerte.
Der Bunker wurde aus alten Bahnschwellen hergerichtet und ähnelte sehr dem Unterstand in Frankreich, in dem Großvater als Stabsfeldwebel mit EK II, also dem Eisernen Kreuz Zweiter Klasse, auf einem Foto zu sehen ist. Sehr stabil war diese Konstruktion nicht. Durch Regen und Grundwasser soff sie immer wieder ab. Der Bunker wurde auch nie gebraucht, denn vor der Erstürmung Königsbergs flohen meine Großeltern. Für den Bunker hatte Großvater drei seiner geliebten selbstgepfropften Obstbäume geopfert.
Ich spürte die heraufziehende Gefahr kaum, auch wenn in der Familie und unter den Nachbarn immer mehr davon die Rede war. Meine Großmutter mütterlicherseits, Bertha Will, wohnte im südlichen Teil der Stadt. Auch sie war kriegsdienstverpflichtet und musste aus Fallschirmseide Munitionssäcke nähen. Sie war Witwe, ihr Mann, ein Eisenbahner, war im Dienst von einem Zug überfahren worden, gleich nach der Geburt meiner Mutter, Erika. Die ältere Tochter, Christel, war Friseuse, deren Mann arbeitete als Ingenieur in Peenemünde, wo die V2-Raketen entwickelt wurden.
Auch diese Großmutter mochte ich sehr, und je näher die Front kam, desto enger rückten wir zusammen. Noch war es in Königsberg selbst ruhig. Wenn ich nicht bei den Großeltern war, zog ich mit meinen Freunden Peter, Georg und Fritz zum Mercedes-Reparaturwerk. Wir hatten Werkzeug dabei, um von den Fahrzeugen Teile abzumontieren, die uns interessant erschienen: Vielfachrücklichter mit Abdeckklappe, Winker in den unterschiedlichsten Formen und Abblendscheinwerfer. Zu Hause legten wir Sammlungen an. Wir wurden mit der Zeit zu richtigen Experten. So erwarb ich im Spiel Fähigkeiten, die ich bald zum Überleben bitter nötig haben würde.
Besonders interessant waren für uns die angeschossenen Panzer, in die wir auf der Suche nach Granaten hineinkletterten. Aus den Sehschlitzen im Turm bauten wir die Glasprismen aus und konstruierten zu Hause Periskope mit einer Zigarrenkiste und zwei Prismen, mit denen man hinter dem Fensterbrett versteckt unbemerkt auf die Straße schauen konnte. Es war halb Spiel, halb Ernst. Wir hatten vor, wenn die Russen kommen sollten, den Preyler Weg, unsere Straße, zu verteidigen. Und dazu schien es uns gut, wenn wir alles von oben sehen konnten, ohne bemerkt zu werden. Seit die Front näherrückte, war immer häufiger von »den Russen« die Rede, und in unserer kindlichen Art waren wir ganz mit den Erwachsenen solidarisch, die in ihnen ihre Feinde sahen, und wollten auch unseren Beitrag zur Verteidigung leisten.
Inspiriert hat uns dazu vor allem die Hitler-Jugend, deren Mitglieder wir glühend beneideten, weil sie Uniform trugen, weil sie Lagerfeuer machten, weil sie ein Messer besaßen und Geländeübungen machten. Manchmal beobachteten wir sie im nahegelegenen Park und dachten im Stillen: Wären wir doch schon groß genug!
»Haut bloß ab!«, riefen sie, wenn sie merkten, dass wir sie beobachteten, während sie im Kreis um das Feuer saßen und ihre Lieder sangen. Wir fanden es bitter, nicht dabei sein zu dürfen. Ungeduldig fieberten wir dem Tag entgegen, an dem wir endlich zu den Pimpfen durften, zur paramilitärischen Ausbildung und zum Kampf gegen die Russen. Letzterer erschien uns als herrliches Abenteuer.
Wir taten, was wir konnten, um auf unsere Art am Krieg teilzunehmen. In den halbwegs funktionsfähigen Panzern im Reparaturwerk spielten wir tagelang Panzerkampf. Einer von uns war im Turm Kommandant, ein anderer war Fahrer, der Dritte Richtschütze an der Kanone und der Vierte MG-Schütze. Wir kämpften gegen den gefährlichen Feind und hatten dabei den größten Spaß. Mit der Zeit lernten wir, Ziele anzuvisieren und die Kurbelräder, mit denen der Turm gedreht und die Kanone geschwenkt wurde, ebenso schnell zu bedienen wie eine echte Panzerbesatzung.
Die Kanonen luden wir mit den abgeschossenen leeren Kartuschen, die beim Öffnen des Schlosses wieder ausgeworfen werden konnten. Gefunden hatten wir sie in den Panzerwannen und zwar in großer Menge. Ehrfürchtig nahmen wir sie in die Hand, überzeugt, dass sie russische Panzer abgeschossen hatten.
Im Laufe der Zeit legte ich mein eigenes Waffenarsenal an und zwar zu Hause in der Schublade der großen Kredenz. Es hatte eine Weile gedauert, bis ich meine Mutter davon überzeugen konnte, dass dies eine wichtige Sache war, die sie mir nicht verbieten durfte. Ich versprach ihr, nicht mehr als eine Schublade für meine Sammlung zu verwenden. Mein Vater bewahrte an diesem Ort immer seine private Pistole, eine Walther 7,65, mit 25 Schuss Munition auf. Das war sozusagen mein Grundstock. Ich ergänzte ihn durch MG-Gurtabschnitte, die ich selbst bestückte durch zwei Gewehrgranaten, aber ohne Gewehr, eine Leuchtkugelpistole ohne Munition und Großvaters Beute-Seitengewehr aus dem Ersten Weltkrieg. Die Gewehrgranaten stammten aus Kisten, die im Glacis, einem Park in unserer Nähe, aufgestapelt waren. Überall in unserer Umgebung ließen sich solche Dinge finden, in immer größerer Zahl.
Meine Faszination für Waffen kannte keine Grenzen. Wenn Vater auf Urlaub kam, trug er immer seine Neun-Millimeter-Dienstpistole am Koppel und den Karabiner über der Schulter. Schon auf dem Bahnhof, wo wir ihn abholten, durfte ich den Karabiner einmal kurz umhängen, ein Moment, auf den ich immer sehnsüchtig gewartet hatte. Kaum vorstellbar für ein Kind der pazifistischen Bundesrepublik.
Zu Hause zerlegte mein Vater seine Pistole. Ich durfte sie putzen, ölen und danach wieder zusammenbauen, was mir keinerlei Schwierigkeiten bereitete. Dann wurde der Schwierigkeitsgrad erhöht: Vater zerlegte alle drei Waffen, die Walther, die Dienstpistole und den Karabiner, und verstreute die Teile auf einer Decke. Ich baute sie mühelos richtig wieder zusammen. Nur das Spannen der Rückholfeder der Neun-Millimeter ging zunächst über meine kindlichen Kräfte.
In was für einer Welt lebten wir? Wie zwiespältig war das Leben auch für uns Kinder geworden: einerseits das Interesse an Waffen, andererseits morgens, wenn Mutter aufgestanden war, das Toben und Spielen mit Vater im Bett, das Schreien und Juchzen, wenn er immer wieder seine Arme um mich schloss und ich mich daraus zu befreien versuchte. »Fangarme« nannten wir das Spiel und gaben erst auf, wenn wir völlig erschöpft waren und Mutter uns zum Frühstück rief. Das waren kurze Momente von Familienglück. Wie selten sind wir alle drei zusammen gewesen.
Im Radio ertönten ständig »Sondermeldungen« über besiegte und vernichtete Gegner, gewonnene Schlachten mit tausenden feindlicher Toten, versenkten Schiffen, abgeschossenen Flugzeugen, zerstörten gegnerischen Panzern. Dann folgten immer wieder Durchhalteparolen, der Aufruf, alle Anstrengungen zur Verteidigung aufzubieten, der Appell an den Siegeswillen. Wir Kinder waren mittendrin.
Allmählich sehnten wir uns alle richtig danach, wieder in die Schule zu gehen. Wenn wir fragten, wann sie endlich wieder anfangen würde, bekamen wir zu hören, dass es gleich nach dem »Endsieg« weiterginge, es also nur noch kurze Zeit dauern würde, bis wir wieder Unterricht hätten. Wir glaubten es und spielten weiter Krieg. Meine Großmutter allerdings war um meine Zukunft besorgt: »Was wird nur aus Bullerchen werden?«, sagte sie immer wieder. »Er muss doch lernen!« Ich stellte mir solche Fragen nicht. Um uns herum passierten viele aufregende Dinge, die meine Aufmerksamkeit voll in Anspruch nahmen.