In der Nacht vom 26. auf den 27. August 1944 wurde der erste große Angriff auf Königsberg geflogen. Bisher waren die Bomber meist über die Stadt hinweggezogen. Jetzt heulten die Sirenen besonders heftig, und wir hörten im Drahtfunk des Reichssenders Königsberg, dass feindliche Bomber im Anflug seien. Gegen einen solchen Luftangriff waren wir nur miserabel geschützt. In den acht Wohnungen unseres Hauses lebten lediglich Frauen, abgesehen von mir und dem alten Mann, dem die Aufgabe des Hausmeisters und Luftschutzwarts übertragen worden war. Er hatte festzustellen, ob das Haus bei einem Angriff getroffen worden war, und musste im Fall des Falles löschen.
Sein Löschgerät war nichts als ein Eimer Wasser und ein Besenstiel mit daran festgebundenem Wischlappen, Feuerpatsche genannt, mit der er den Brandherd ausschlagen sollte. Ein nasser Wischlappen gegen ein brennendes Haus! Außerdem hatte er noch eine Wasserspritze mit der Wirkungskraft einer Wasserpistole, mit der Kinder spielen: ein luftpumpenähnliches Gebilde, das aus dem Wassereimer Wasser sog und am anderen Ende aus einem Schlauch rausspritzte, wenn man den Pumpenkolben mit einer Hand betätigte. Und es gab einen Eimer Sand und eine Schippe in jedem Stockwerk. Wenn es wirklich brennen würde, war diese Ausrüstung lächerlich.
An jenem Tag war die Zivilbevölkerung Ziel der angreifenden britischen Bomber. Es wurden weder die Werftanlagen von Schichau am Pregel im Südwesten der Stadt, noch die Zellulosefabrik, die Schießbaumwolle, also Sprengstoff herstellte, noch der Rundfunksender oder die Kasernen an der Peripherie der Stadt, noch der Flugplatz im Nordosten angegriffen. Im Visier waren die bewohnten Gebiete im Norden Königsbergs bis zur dichtbesiedelten Stadtmitte. Unsere Wohngegend, der Hufen, wurde nicht getroffen. Doch im Luftschutzkeller hörten wir das bei Angriffen übliche Grummeln, spürten die Erschütterung, vernahmen das furchterregende Dröhnen der vielen Bomber, die Detonationen hunderter einschlagender Bomben. Nach der Entwarnung liefen Mutter und ich zur Schindekopfbrücke, von der aus man einen freien Blick zur Stadtmitte hatte, und beobachteten von dort das riesige Feuer, das den Himmel über der Stadt einschließlich Maraunenhof, wo die Großeltern wohnten, hell erleuchtete. Es war ein faszinierender und zugleich schrecklicher Anblick, und Mutter und mir liefen die Tränen herunter.
Noch in der Nacht gingen wir beide zu Fuß – die Straßenbahn fuhr nicht mehr – den weiten Weg nach Maraunenhof, um herauszufinden, was mit den Großeltern geschehen war. Glücklicherweise war ihr Haus nicht getroffen worden, und sie waren unversehrt. Später erfuhr ich, dass in dem Viertel rund tausend Zivilisten, also alte Menschen, Frauen und Kinder, umgekommen waren.
Nachdem wir diesen ersten Fliegerangriff auf unsere Heimatstadt miterlebt hatten, begann auch ich, Angst zu bekommen. Noch heute denke ich, wenn ich Brandgeruch wahrnehme, an den Anblick des brennenden Königsbergs. Die Menschen damals waren zunächst erleichtert. »Jetzt wird es so schnell keine Bombardierungen mehr geben«, meinten sie. Doch da täuschten sie sich. Jener Großangriff war nur ein Vorgeschmack auf das, was noch kommen sollte.
Tatsächlich wurde unsere Stadt schon am 29. August, also nur zwei Tage später, erneut bombardiert. Diesmal mit der dreifachen Zahl von Flugzeugen und entsprechend stärkerer Wucht. Dabei wurden achtzig Prozent der Innenstadt zerstört, in dieser einzigen Nacht wurde sie zu einer riesigen Ruine. Wiederum liefen wir nach der Entwarnung zur Schindekopfbrücke und sahen den Himmel über der Stadt in grelles, flackerndes Rot getaucht. Manche Stellen loderten plötzlich hell auf, immer wenn ein Haus in sich zusammenfiel und ein gewaltiger Funkenregen emporstob. An unserem Platz war es unheimlich still. Wir hörten nicht das Prasseln des Feuers, nicht das Krachen der Einschläge, wir sahen nur eine gewaltige Feuerorgel, was umso beängstigender war.
Meine Großmutter Bertha und Tante Christel wohnten auf dem Haberberg, von uns aus gesehen in gerader Linie hinter dem Zentrum gelegen. Wie weit waren die Bomben wohl gefallen? Hatten sie ihr Haus erreicht? Wie stark hatte sich das Feuer ausgebreitet? Wir wussten es nicht. Uns war unheimlich zumute und wir sorgten uns um die beiden.
Bei ihnen hatten wir, als sich das Kriegsgeschehen in Königsberg noch nicht zugespitzt hatte, so manchen Sonntag verbracht. Ich spielte meist, während die drei Frauen in der Küche das Essen zubereiteten und sich angeregt unterhielten. Im Wohnzimmerradio lief das Wunschkonzert »Von der Heimat für die Front, von der Front in die Heimat«. Da wünschte zum Beispiel die Braut Frieda dem Obergefreiten Fritz im Kessel von Stalingrad alles Gute, darauf folgte eine Opernarie oder Lieder wie »Heimat, deine Sterne«, »Es steht ein Soldat am Wolgastrand« und manchmal das berühmte »Lili Marleen«. Ich hörte auch Nachrichten und markierte auf einem Atlas, den mir mein Vater bei einem Heimaturlaub mitgebracht hatte, die im Radio genannten Frontlinien. Unter uns Jungen war es Ehrensache, über den Frontverlauf immer bestens im Bilde zu sein, wir wetteiferten darin, wer am besten Bescheid wusste.
Ich war immer gern bei der Großmutter gewesen und machte mir große Sorgen um sie. Gleich am nächsten Tag gingen Mutter und ich zu Fuß zum Haberberg. Wir konnten die Innenstadt nicht durchqueren, das wäre zu gefährlich gewesen. Aber auch in den Randbezirken, durch die wir gingen, war der Anblick schrecklich genug. Überall roch es nach ausgebrannten Häusern und verkohltem Fleisch. Als wir Großmutters Haus erreichten, waren wir sehr erleichtert. Glücklicherweise hatte es nichts abbekommen. Als wir Großmutter und Tante Christel lebend antrafen, fiel uns ein Stein vom Herzen. Ich spürte, dass ich anfing, mich für meine Familie verantwortlich zu fühlen, und fragte mich, wie man sie vor weiteren Angriffen schützen könnte. Im August war ich acht Jahre alt geworden, und da mein Vater fort war, war ich der einzige »Mann« in der Familie.
Nach den beiden schweren Angriffen beschloss Mutter, Königsberg mit mir zu verlassen und zu Verwandten von Großmutter Caroline ins Sauerland zu fahren, nach Stemel bei Neheim-Hüsten nahe der Sorpetalsperre. Wir nahmen einige Kisten mit den wertvollsten Gegenständen von uns und den Großeltern mit. Diese Reise war zunächst eine schöne Abwechslung für mich. Die riesige Talsperre war ein wichtiges Wasserreservoir. Um es vor Fliegerangriffen der Engländer zu schützen, ließ die Wehrmacht sogenannte Sperrballons darüber aufsteigen. Auf mich machten diese Fesselballone großen Eindruck. Jeder Flieger würde sich in den Seilen verheddern, und das wäre fatal für ihn. So wurde die Talsperre nicht bombardiert und tausende Zivilisten wurden vor dem Ertrinken gerettet.
Zwei Wochen blieben wir im idyllischen Sauerland. Nach ein paar Tagen langweilte ich mich jedoch. In dieser strengkatholischen und äußerst friedlichen Gegend durften wir Kinder bei weitem nicht das, was uns in Königsberg selbstverständlich erlaubt war. Ich fühlte mich eingeengt, musste ständig die Hände waschen, die Schuhe abputzen und durfte ja keinen Fleck auf der Hose haben. Dazu vermisste ich die Spielkameraden und unsere Abenteuer und wollte nach Hause. Als sich herausstellte, dass es in Königsberg ruhig geblieben war, kehrten wir zu meiner großen Freude nach Hause zurück. Mutter und Großmutter ahnten nicht, dass sie damit unser Leben aufs Spiel setzten. Vielleicht wollten sie es einfach nicht wissen. Die Kisten mit den Wertsachen ließen wir bei den Verwandten.