Die Stadt Königsberg befand sich seit den Bombenangriffen in einem schlimmen Zustand. Viele Menschen waren obdachlos geworden, ihre Not war unsäglich. Doch hatte die Bevölkerung keine Hilfe zu erwarten. Sie wurde stattdessen mit Siegesparolen eingedeckt, mit Versprechungen, bald sei der verdiente »Endsieg« da. Die Menschen wurden zudem vor Spionen gewarnt: »Vorsicht, Feind hört mit!« Männer in schwarzen Mänteln waren auf Plakaten zu sehen. Spione, die den Russen verrieten, wo die Wehreinrichtungen in Königsberg waren. Zwar gab es solche Spione tatsächlich, aber die Russen würden es bei ihrem militärischen Übergewicht auch ohne sie schaffen. Die Leute hatten andere Sorgen, nämlich wie sie sich ernähren, wie sie sich kleiden sollten, wie sie den nächsten Luftangriff überleben könnten, ob ihre Männer im Feld überlebt hatten und was die Verwandten machten, zu denen man wegen des Krieges den Kontakt verloren hatte.
Inzwischen war es Herbst geworden. Draußen wurde es kühler. Bis zum Winter, bei dem es unter minus zwanzig Grad kalt werden würde, waren es nur noch wenige Wochen. Das Grollen des Krieges, ähnlich einem entfernten Gewitterdonnern, war nähergekommen, ein akustischer Teppich, der nicht mehr verschwand. Im Gegenteil, die Geschütze der Front waren immer deutlicher zu vernehmen. Man konnte sogar schon einzelne Abschüsse hören, und bald lernte ich auch den wichtigen Unterschied zwischen Abschuss und Einschlag erkennen. Dies alles wirkte sich sehr auf die Stimmung der Bevölkerung aus. Alle Siegeshoffnungen schwanden dahin, die Leute hatten immer mehr Angst vor dem unmittelbaren Angriff der Russen. Vielleicht waren sie gerade deshalb bereit, alles zu tun, um ihn vielleicht doch noch zu verhindern.
Wir Kinder verbrachten jeden Tag bei den Soldaten. Wir wurden dort auch mitverpflegt, und darüber waren unsere Mütter sehr froh. Für die Lebensmittelkarten bekamen sie fast nichts mehr. Nur Weißbrot hatten wir genug, weil meine Mutter immer ihre Tabakzuteilungen gegen die Weißbrotmarken ihrer Schwester tauschte, die wie ein Schlot rauchte. Die Soldaten waren in einer Halle untergebracht und schliefen in Doppelstockbetten. Sie hatten in dieser Halle auch ihre Gewehre, MGs, Militärdecken und Sonstiges gelagert. Sie redeten viel mit uns, beantworteten alle unsere neugierigen Fragen. So brachten sie uns zum Beispiel bei, die deutschen von den russischen Kalibern zu unterscheiden. Wir lebten mit ihnen geradezu symbiotisch. Wir waren ihre Ersatzkinder, sie unsere Ersatzväter. Wir beteiligten uns am Waffenputzen, wir transportieren Gegenstände, bekamen ein bisschen Fliegerschokolade, Schokakola genannt, ein bei uns Kindern heißbegehrtes Genussmittel. Wie lange hatten wir keine normale Schokolade und Süßigkeiten mehr gesehen?
Ich empfand mich immer mehr als Mitglied einer verschworenen Gemeinschaft mit den Soldaten der Wehrmacht. Mit ihren Waffen und Fahrzeugen waren sie mittlerweile in Königsberg allgegenwärtig. Mit ihnen begann mein Tag, mit ihnen endete er. Abends kam ich nur noch zum Schlafen nach Hause, um gleich am nächsten Morgen wieder loszugehen. Echte Kinderspiele kannten wir kaum noch. Wir waren Teil der Festung Königsberg, die sich gegen den Feind verteidigen musste und dies auch nach Kräften tun würde.
Immer mehr Flüchtlingstrecks zogen durch die Stadt. Sie waren im östlichen Ostpreußen aufgebrochen und bewegten sich Richtung Westen vorwärts, einem ungewissen Schicksal entgegen. Es waren Bauern mit zweispännigen Pferdewagen, manchmal ein oder zwei Reservepferde und eine Kuh hinten angebunden. Wo jetzt wohl die Bauernfamilie aus Lyck ist, bei der ich in den Ferien war, fragte ich mich, als ich die vielen Pferdewagen sah.
Peter und ich standen staunend am Straßenrand, winkten den Kindern auf den Wagen zu und versuchten herauszubekommen, woher sie kamen und wo die Front war. Sie antworten uns nicht, deshalb nannten wir sie »Blödmänner«. Wir wussten nicht, welche Strapazen diese Kinder bereits hinter sich hatten und dass sie viel zu erschöpft waren, um mit uns zu sprechen. Sie waren schon tagelang mit Müttern und Großeltern unterwegs, hatten kaum geschlafen und saßen steif und apathisch da. Manche Familien hatten über dem Wagen ein Verdeck aus einer Plane, die Habseligkeiten waren hinten auf dem Wagen aufgestapelt. Dazwischen saßen die Kinder, dick eingepackt und manchmal mit dem Hofhund im Arm. Außen an den Wagen baumelten die verschiedensten Geräte und Gefäße wie Kochtöpfe, Milchkannen mit Trinkwasser, Zinkblechwannen, Eimer und Säcke mit Pferdefutter. Zwischen den Wagen und um sie herum gingen die Erwachsenen, meist um die Pferde zu schonen und sich warm zu halten, die Zügel in der Hand. An das Geräusch dieser Flüchtlingszüge kann ich mich bis heute erinnern: das Scheppern der Metallgefäße, das Rattern der Räder, das Klappern der Hufe.
All diese Menschen waren Deutsche wie wir und waren auf der Flucht. Das war kein gutes Zeichen. Wann wird es uns erwischen, fragten sich die Erwachsenen. Werden wir auch fliehen müssen? Die Königsberger erkannten, dass sie besser dran waren als diese armen Menschen, die ihr Zuhause verloren hatten, und hofften, dass es ihnen nicht so schlimm ergehen würde. Dies sagten sie auch uns Kindern. Der Gedanke, auf die Flucht zu müssen, als Städter ohne Vorräte und Pferdewagen, erschreckte uns sehr. Dennoch machten sich weiter viele auf den Weg nach Westen. Die Zivilbevölkerung nahm ab, das Militär zu.
Inzwischen hörten wir auch immer mehr über die Russen. Deutsche Soldaten hatten kürzlich das von Russen eroberte Metgethen, einen Villenvorort westlich von Königsberg, zurückerobert. Sie hatten berichtet, dass dort Hunderte getöteter Frauen und Kinder gelegen hatten und die Frauen vorher vergewaltigt worden waren. Solche Schreckensberichte versetzten die Menschen in Panik. Immer häufiger hörte man Aussprüche wie: »Mich kriegen die Russen nicht lebendig!«
Wir Kinder ertrugen die Stimmung zunehmender Resignation und Verzweiflung erstaunlich gut. Wir hatten genug interessante Dinge zu beobachten und zu tun.
In unserer Straße war eine Einheit mit Panzern und LKWs stationiert worden. Es wurden Telefonkabel gespannt, in Kellerräume, zum zweiten Stockwerk und von dort auf die gegenüberliegende Seite. An den Fensterkreuzen des ersten Stocks brachte man Tarnnetze an, die schräg abfallend auf der Straße befestigt oder in Straßenbäume geworfen wurden. Darunter wurden die Panzer und LKWs gestellt.
Im Souterrain unseres Blocks befand sich eine Tischlerei, die man in eine Waffenmeisterei umwandelte. Das war für uns Kinder natürlich viel spannender als das Holzlager. Die überdachten Regale im Innenhof wurden mit Karabinern 98k, mit russischen Beutegewehren, verschiedenen MG 42 und Leuchtsignalpistolen gefüllt. Der frühere Tischler, ein überzeugter Parteigenosse, hatte längst die Flucht nach Westen angetreten. Natürlich war er über alles viel besser informiert gewesen als andere.
Wir Jungen hatten unter den Soldaten jeweils einen Mann gefunden, der uns besonders nahestand. Das war »unser Soldat«. Mein Soldat war Fahrer und erklärte mir alles über seinen LKW mit Holzvergaser. Ich durfte ihn morgens mit speziellen langen Streichhölzern anzünden und am Gasrohr mit einem solchen Streichholz prüfen, ob genügend Gas entstanden war, um loszufahren.
Das Militär war über die ganze Stadt verteilt. Verbände, die zur Verteidigung Königsbergs vorgesehen waren, darunter auch zurückflutende aufgeriebene Resteinheiten von der Ostfront, die erzählen konnten, wie der Krieg wirklich aussah, besonders wenn man auf dem Rückzug ist. Inzwischen waren alle öffentlichen Gebäude, die Post, die Gerichte, die Schulen, die Polizeistationen von Soldaten belegt. Diese zivilen Einrichtungen wurden nicht mehr benötigt. Die meisten von ihnen waren im Keller, im Parterre und im ersten Stock zu wahren Verteidigungsbollwerken ausgebaut worden. Es wurde ernst. Die viel zu geringen Bestände an Munition deponierte man an den strategisch wichtigen Stellen.
Die meisten Wohnungen der Menschen, die geflohen waren, bewohnten Soldaten, deren unterschiedliche Fahrzeuge die Straßen säumten, vom Panzer bis zum Motorradgespann. Sie waren möglichst dicht im Schatten der Gebäude geparkt, um zusätzliche Deckung zu bekommen. Bei uns an der Straße standen unter anderem drei Panzer. Wir hatten viele Soldaten als Nachbarn, die Frauen übernahmen Küchen-, Putz- und Flickarbeiten. Manche freuten sich darüber, dass mal wieder ein Mann im Haus war.
Wie eng das Zusammenleben zwischen Zivilbevölkerung und Militär war, zeigte sich auch daran, dass die Versorgung mit Lebensmitteln vom Militär übernommen wurde. Der Kommandant hatte alle Vorratslager der Stadt unter eigene Verwaltung gestellt – eine sinnvolle Maßnahme, da es sowieso kaum noch Läden gab, in denen man etwas kaufen konnte, und die von ihren Besitzern verlassenen Geschäfte längst ausgeräumt worden waren. Jeder Anwohner konnte zur Gulaschkanone kommen, wo er Suppe, Brot und manchmal sogar Margarine bekam. Andere Dinge gab es nicht mehr, es sei denn, man hatte im Frühjahr und Sommer eingemacht wie meine Großeltern in Maraunenhof. Sie hatten Marmelade, Kompott, Äpfel und eine große Kartoffelkiste für den ganzen Winter.