Die Soldaten in unserem Haus hatten auf ihrem Rückzug aus den verlassenen Bauernhöfen Ostpreußens alles Essbare mitgenommen, darunter auch einen Schinken. Da sie keine Eier hatten, kam es bald zu einem regen Austausch mit meinem Großvater, der ja Hühner besaß. Als Transporteur fungierte ich. Für einen Abend war ein großes Essen geplant. Dazu war ich einen halben Tag unterwegs. Mit einem Stück Schinken in der Tasche machte ich mich auf den Weg zu den Großeltern. Von dort brachte ich Eier zurück, in einer Tüte sicher verpackt. Als ich zurück war, holte ich noch ein großes Glas Gurken aus dem Keller.
Gekocht werden konnte nur, wenn es Strom gab, nicht immer eine Selbstverständlichkeit. Als der Herd endlich funktionierte, bereitete meine Mutter in allen zur Verfügung stehenden Pfannen Bratkartoffelomelett mit Schinken zu. Im Esszimmer hörte man währenddessen erwartungsvolles Raunen. Keiner dieser Männer hatte in letzter Zeit an einem richtig gedeckten Tisch gesessen, sie waren fast ein wenig verlegen. Wir genossen das üppige gemeinsame Essen. Die Soldaten erzählten Erlebnisse aus Russland und machten Scherze. Schon lange hatten wir nicht mehr eine so unterhaltsame Mahlzeit erlebt. Nach dem Essen gab es echten Kaffeeverschnitt von Großmutter. Mein Soldat bedankte sich im Namen der Kameraden bei meiner Mutter. Und ich bekam diesmal eine ganze Schachtel von der begehrten Wachhalteschokolade. Dies war für lange Zeit mein letztes Festessen. Für meine Mutter war es das letzte überhaupt.
Ein paar Tage später wurden die drei Panzer an einen strategisch wichtigeren Ort verlegt. Die letzten Kanister Benzin wurden eingefüllt und auf einen LKW schwere Abschleppseile geladen. Peter und ich hatten die Erlaubnis, mitzufahren, und nachdem wir ein wenig gebettelt hatten, durften wir beide vor dem Turm auf dem Geschützrohr eines Panzers sitzen. »Wehe, ihr fliegt da runter!«, riefen die Soldaten lachend. Es war wieder ein wunderbares Abenteuer für uns.
Ziel des Transports war der Haberberg, das Viertel, in dem meine Großmutter Bertha und Tante Christel wohnten. Der Haberberg ist eine eiszeitliche Endmoräne, die sich in ostwestlicher Richtung hinzieht. Auf dem Kamm führte eine große Straße entlang, der Oberhaberberg. Die Fahrt ging durch die gesamte Innenstadt. In den Straßen war nur notdürftig eine schmale Fahrspur freigeräumt worden, aber wir fuhren mit dem Panzer mühelos über alles hinweg, was im Weg stand. Es war ein echtes Vergnügen für uns Jungen. In manchen Straßen sahen wir Sperren gegen russische Panzer. Kurz bevor unsere Panzer ihre letzte Stellung erreichten, zerrten und schoben die Soldaten mit deren Hilfe Straßenbahnwagen, bis sie quer über der Straße lagen. Danach kippten sie die Waggons um und legten alte Autos, Betonschwellen und Schienenstränge darüber. Wochen später sollte ich diese Panzersperren wiedersehen. Die Russen hatten sich mit ihren T-34-Panzern locker eine Schneise hindurchgebahnt.
Der Haberberg lag strategisch günstig. Von dort fiel das Gelände in südlicher Richtung zum Hauptbahnhof und zum Stadtteil Ponarth ab und nach Norden in Richtung Innenstadt. Von dort erwarteten unsere Soldaten den südlichen Angriffskeil der russischen Armee. Am Hang hatte der Volkssturm schräg ins Erdreich führende Gruben gegraben, in die unsere drei Panzer gefahren wurden und zwar so, dass gerade noch der Turm mit dem Geschütz herausragte. So waren aus den mobilen Panzern mangels Benzin gepanzerte Geschütze geworden. Nach ihrer Installation fuhren wir alle gemeinsam im Lastwagen nach Hause zurück.
Immer mehr Soldaten der Einheit in unserem Wohnblock wurden verlegt, um anderswo in der Stadt Verteidigungsnester aufzubauen. Die Waffenmeisterei aber blieb zu unserer großen Freude noch da. Jeden Tag hielten wir uns dort auf und durften Hilfsarbeiten übernehmen wie zum Beispiel Waffenteile putzen und ölen und die Waffen wieder zusammensetzen. Wir träumten davon, wenn es losging, an der Verteidigung der Stadt mitzuwirken, natürlich ohne die geringste Ahnung, was das bedeuten würde. Am interessantesten waren die Tage, an denen die MG 42 repariert wurden, sie mussten nämlich hinterher eingeschossen werden. Zu diesem Zweck luden wir die Maschinengewehre auf einen Handwagen, dazu ein oder zwei Kästen Munitionsgurte und zogen damit in die Nähe der Schindekopfbrücke. Dort lag ein kleiner Park mit einem dreieckigen Grundriss, in dem ich oft als kleiner Junge gespielt hatte, während meine Mutter gemütlich in der Sonne saß und strickte. Jetzt sah es da nicht mehr so idyllisch aus. Eine Panzerabwehrkanone war ins Erdreich eingelassen worden, außerdem hatte man mehrere Einmann-Schützenlöcher zur Verteidigung der Brücke gegraben. Am Rand eines solchen Lochs wurde jedes MG mit seinem kleinen Zweibein aufgebaut, und dann schoss einer der Soldaten eine oder zwei Salven hinein. Wir durften den Gurt in das nächste MG einlegen und durchladen und waren ungeheuer stolz. Hatte alles richtig funktioniert, wurden die MGs wieder auf den Handwagen geladen, zurückgefahren und im Lagerregal in die Abteilung »verwendungsfähig« gelegt.