Im Winter 1944, Weihnachten lag gerade hinter uns und wir hatten es mit der ganzen Familie gefeiert, so gut es mitten im Krieg möglich war, beschlossen meine Großeltern in Maraunenhof, Königsberg zu verlassen, und wir sollten mitkommen. Dass sie ihr schönes Haus aufgeben mussten, fiel ihnen schwer, doch sie fürchteten sich vor der Erstürmung der Stadt durch die Russen, und eine Fahrt ins Ungewisse war ihnen lieber als der sichere Tod bei einem Angriff. Mein Onkel Emil, Vaters Bruder, war Schirrmeister bei der Wehrmacht. Er hatte für die Flucht ein originelles Gespann zusammengestellt. Es bestand aus drei mit kurzen Schleppseilen verbundenen Autos, Marke DKW Reichsklasse, mit halb demontierten Motoren, damit möglichst viel Stauraum entstand, um Dieselöl mitzunehmen. Für jede Familie und ihr Gepäck war ein Wagen vorgesehen, einer für meine Großeltern, einer für Onkel Emils Frau und meine Cousine Brigitte, einer für Mutter und mich. Am Steuer saß jeweils ein Soldat. Der Clou bei diesem Lindwurm war ein Lanz-Bulldog-Trecker, der als Zugmaschine diente.
Offenbar hatte Onkel Emil eine Art Marschbefehl an Land gezogen. Wie das möglich war, ist mir bis heute ein Rätsel. Aber um zu überleben, musste man erfinderisch sein. Als Reiseproviant hatten sie Früchte aus dem Garten und eingemachte Hühner und Kaninchen dabei. Die Abreise begann. Abends fuhr das Gespann bei uns im dick verschneiten Preyler Weg vor, um Mutter und mich einzuladen. Doch Mutter lehnte das Angebot plötzlich ab. Sie hatte in ihrem hochschwangeren Zustand nicht mehr den Mut, sich auf eine so weite Fahrt über die zugefrorene Ostsee zu begeben. In diesem Gefährt und bei dieser Kälte hielt sie es für zu riskant. Außerdem wollte sie nicht ihre Mutter und Schwester zurücklassen. Sie hatte deshalb den Plan gefasst, mit ihrer Mutter, Christel und mir mit einem Rotkreuzzug nach Westen zu fahren, der ihr weniger unsicher erschien. So mussten wir uns von den lieben Großeltern, Onkel, Tante und Cousine trennen, die es sehr bedauerten, dass wir nicht mitkamen. Wir alle hofften, einander bald wiederzusehen. Doch unser aller Schicksal war ungewiss, das wussten wir auch. Deswegen nahmen wir sehr bewusst Abschied voneinander. Einer der drei DKWs blieb also stehen, sein Fahrer fuhr auf dem Trecker weiter.
Königsberg war inzwischen von russischen Truppen umringt, der Sturm auf die Stadt nur noch eine Frage der Zeit. Gelegentlich brachen deutsche Truppen den Kessel auf, um den Menschen die Flucht Richtung Ostsee und der Halbinsel Hela zu ermöglichen. Auch unsere Verwandten nutzten eine solche Bresche, und tatsächlich gelangten sie nach Westen, im Unterschied zu vielen anderen, die durch Bombardements auf dem Eis umgekommen sind. Nach acht Wochen erreichten sie die Lüneburger Heide – wovon ich erst Jahre später erfahren sollte. Meine Großeltern ließen sich dort nieder, meine Tante und Brigitte gingen zu Verwandten nach Hamburg, und die vier Soldaten machten sich in Zivilkleidung aus dem Staub. Später, nach dem Krieg, zog Onkel Emil mit der Familie nach Backnang und arbeitete wieder als Drogist.
Auch Züge kamen noch hin und wieder durch die russischen Linien hindurch, manche allerdings sind den Russen direkt in die Arme gefahren und die Insassen haben ein schlimmes Schicksal erlitten.
Mutter und ich machten uns eines Tages auch auf den Weg zum Nordbahnhof. Ich hatte dabei ein komisches Gefühl. Es war gar nicht lange her, dass wir von dort aus in die Sommerferien an die Ostsee gefahren waren. Jetzt sah es da vollkommen anders aus. Es lag dicker Schnee, es war bitterkalt und eine Menge warm eingepackter Menschen, die hofften, mit dem Zug fliehen zu können, wartete in großen Trauben auf dem Bahnhofsvorplatz. Als wir ankamen, war unser Zug bereits fort. Es war eine der letzten Gelegenheiten gewesen, aus Königsberg herauszukommen.
Danach gab Mutter ihre Fluchtpläne auf, einmal wegen der Unzuverlässigkeit der Züge, zum anderen, weil sie sich eine weite Reise ins Ungewisse immer weniger zutraute. Damit stand fest, dass wir den Sturm der Roten Armee auf Königsberg miterleben würden. Wir hatten das Schlimmste noch vor uns und hofften, dass wenigstens unsere Verwandten den Russen entkommen waren.