Das Leben in der umzingelten Stadt wurde immer schwerer und gefährlicher. Strom floss nur noch zu ganz bestimmten Zeiten, und so gab es keinen Sirenenalarm mehr. Da die Luftwarnung nicht mehr funktionierte, existierte auch die Flugbeobachtung nicht mehr. Die Menschen waren in großer Gefahr, wenn sie nicht ständig achtsam waren. Die Russen flogen mit einmotorigen Flugzeugen, wegen ihres typischen Motorengeräuschs »Ratta« oder auch Nähmaschinen genannt, über das Stadtgebiet. Diese Rattas trugen nur eine einzelne, relativ kleine Bombe. Wenn man so ein Flugzeug näherkommen hörte, musste man sich schnell in der nächstbesten Ruine in Sicherheit bringen. Mit der Zeit lernte man das und tat es ganz automatisch. Wir Kinder waren dabei geschickter als mancher Erwachsene. Wenn man überleben wollte, musste man lernen, die Geräusche richtig zu deuten, um nichts falsch zu machen. Wir lernten es erstaunlich schnell. Es gab gefährliche und harmlose Geräusche. Gefährlich waren die heulenden und manchmal auch rauschenden Töne heranfliegender Artillerie- oder Stalinorgelgeschosse. Die kleinen Einzelbomben, welche die Rattas abwarfen, klangen ganz anders.
Die Russen flogen auch mit Maschinen, die sie von den Amerikanern bekommen hatten. Diese flogen höher und warfen mehr als nur eine Bombe ab. Wir spitzten ständig die Ohren. Schon ein Fluggeräusch ließ uns aufhorchen, wenn aber noch ein rauschendes Singen dazukam, wurde es höchste Zeit für den Sprung in die nächste Ruine. Mit der Zeit wurde man gelassener. Ich wusste bald, wie man das Ziel und die Entfernung einer Bombe ungefähr bestimmen konnte, und reagierte nicht mehr bei jedem Flugmotorlärm und singenden Rauschen.
Nur selten wurde ein Flugzeug über dem Stadtgebiet von der Flak abgeschossen. Das waren besonders aufregende Momente für uns Kinder, denn dann hatten wir neue interessante Untersuchungsobjekte. Stundenlang krochen wir in den Wracks herum, sahen uns alles genau an und bauten Fluginstrumente aus. Kein Mensch räumte die Wracks mehr beiseite, außer sie versperrten eine Straße. Bei einem Wrack demontierte ich eine eingenietete Herstellerplatte, damit meine Mutter mir endlich glaubte, dass die Russen auch mit amerikanischen Maschinen flogen. Sie las mir vor, was darauf stand. Ich war über solche Dinge wesentlich besser informiert als sie.
Überhaupt war meine Mutter schon durch die Schwangerschaft, dann aber auch durch die schwierige Lebenssituation, bei der jeder Tag ein kleiner Überlebenskampf war, stark in Mitleidenschaft gezogen. Sie brauchte mehr Unterstützung, als ich ihr geben konnte. So beschlossen wir, bis mein Geschwisterchen geboren wäre, zur Großmutter Bertha Will auf den Haberberg zu ziehen. Es fiel uns nicht leicht, unsere schöne moderne Wohnung zu verlassen. Leider musste ich auch meine Waffensammlung zurücklassen, und das behagte mir gar nicht. »Wir kommen doch bald wieder her, Bullerchen, und für mich und das Kleine ist es wirklich besser so«, sagt sie, und schon war ich getröstet.
Wir hatten auch bereits Pläne für die Rückkehr gemacht: Das Baby sollte in meinem Kinderbett schlafen und ich bei Mutter im Bett der Eltern, bis Vater zurückkam. Wir glaubten wirklich daran, dabei gab es täglich Angriffe und ein großer Teil der Stadt war bereits zerstört. Wir hofften es, obwohl die Front täglich näherrückte, man die Granateinschläge der russischen Artillerie deutlicher hörte als vorher und weitere Scharen von Flüchtlingen Richtung Westen unterwegs waren.