Eine Weile bei Großmutter Bertha auf dem Haberberg zu wohnen hatte für mich allerdings auch schöne Seiten. Ich wusste schließlich, dass es dort genug zu sehen und zu spielen gab, ich war ja selbst dabei gewesen, als die Panzer dorthin verlegt wurden.
Unsere neue Bleibe lag in der kleinen abschüssigen Haberberger Neuen Gasse, die zum Unterhaberberg und in Richtung Stadtzentrum führte. Dort lernte ich wieder eine andere Umgebung kennen. Großmutter war auch kriegsdienstverpflichtet und nähte täglich Dutzende von Pulversäcken aus Fallschirmseide. Da es keinen Munitionsnachschub mehr aus dem Reich gab, versuchte man in Königsberg selbst so viele Granaten wie möglich für die Abwehr des russischen Sturms zu produzieren. Um Schießpulver zu gewinnen, wurden im Hafengebiet lagernde Seeminen und Torpedos ausgeschlachtet. Großmutter sah zwar durchaus ein, dass sie etwas für die Verteidigung unserer Stadt tun musste. Das hinderte sie jedoch nicht daran, sich noch einen kleinen Nebenverdienst in Form von zusätzlichen Lebensmittelmarken zu sichern. Sie hatte eine kleine Manufaktur aufgemacht und stellte aus Resten der Fallschirmseide Puppen her. Tante Christel konnte ihren Friseurberuf nicht mehr ausüben und arbeitete ebenfalls kriegsverpflichtet im Verwaltungsbüro eines zur Kaserne gewordenen rot-gelben preußischen Ziegelbaus, in dem deutsche Polizeieinheiten und Hilfstruppen aus dem Balkan stationiert waren. Abends allerdings war sie oft privat mit Kamm und Brennschere unterwegs, um Kundinnen die Haare zu frisieren.
Wenn ich im Haus war, sah ich meistens auf einem Stuhl knieend aus dem Fenster. Dort bot sich mir eine interessante Aussicht. Der Hof des Polizeigebäudes, in dem meine Tante arbeitete, war nämlich zum Materiallager für Kriegsgerät geworden. Da gab es Artilleriegeschütze der unterschiedlichsten Kaliber, Mannschaftswagen und Zugmaschinen, Kübelwagen und Motorräder mit Beiwagen und Schützenpanzerwagen. Auch eine 8,8-Flak zur Fliegerabwehr war aufgestellt worden. Meine Kenntnisse in Kriegsführung nahmen täglich weiter zu.
Ich half Großmutter auch bei ihrer Puppenproduktion. Jeden Sonntag nach dem Mittagessen – sie hatte ihr Pulversackpensum in der Munitionsfabrik bereits erfüllt –, stellte sie einen Wäschekorb mitten ins Zimmer. Darin waren alte Damenstrümpfe, die Reste der Fallschirmseide aus der Fabrik und eine große Tüte Sägemehl. Sie nähte drei verschiedene Schlauchtypen und ein kreisrundes Säckchen zusammen. So entstanden Arme, Beine, Körper und Kopf.
Jetzt kam mein Einsatz: Ich stopfte mit einem hölzernen Kochlöffelstiel die Schläuche mit Sägemehl voll, bis sie prall waren, und reichte sie Mutter. Sie wiederum nähte die Würste am anderen Ende zu. Bei Armen und Beinen machte sie jeweils einen Abnäher, so entstanden Hände und Füße. Schließlich wurden die Teile zusammengefügt, und dann kam Tante Christels Aufgabe: Sie malte den Figuren mit Tusche Augen, Mund und Ohren, Finger- und Zehennägel auf. Am Ende bekamen die Puppen Haare, die Großmutter aus den alten, in Streifen geschnittenen und zu Zöpfen geflochtenen Strümpfen hergestellt hatte.
Bis kurz vor Kriegsende konnte Großmutter die Puppen gut verkaufen. Es wurde ja kein Spielzeug mehr in Königsberg produziert, und viele Mädchen waren über eine solche Puppe überglücklich. Schöner hätten in dieser Notlage nicht einmal Käthe-Kruse-Puppen sein können.
Während wir im Wohnzimmer arbeiteten, unterhielten wir uns oft. Dabei kamen wir natürlich auf die Kriegslage zu sprechen. Wenn die Frauen Zweifel äußerten, ob Königsberg wirklich gehalten werden könne, beruhigte ich sie und erzählte von den vielen Verteidigungsmaßnahmen, die ich fachmännisch zu schildern wusste. Ich glaube, das tat sogar seine Wirkung. Die letzte Hoffnung will eben niemand aufgeben. Und ich war sowieso fest davon überzeugt.
Als der Geburtstermin näherrückte, beschlossen die Frauen, Mutter schon vor dem Einsetzen der Wehen ins Krankenhaus zu bringen. Wer konnte wissen, was für Angriffe noch kamen und ob sie dann in der Lage wäre, den Weg zu gehen. Die Klinik lag am Rand der Innenstadt am nördlichen Schlossteich nahe beim Dohna-Turm und war von bisherigen Angriffen verschont geblieben. Man konnte davon ausgehen, dass Mutter und das Baby dort einigermaßen in Sicherheit wären.
Der Abschied von ihr fiel mir schwer. Wir beide waren, seit Vater im Krieg war, eine eingeschworene Gemeinschaft und hatten in den letzten Wochen so manche Schwierigkeit gemeinsam bewältigt. Obwohl ich bei Großmutter gut aufgehoben war, verspürte ich so etwas wie Heimweh: Ich war nicht in der vertrauten Wohnung, mein Vater war weg, die Mutter nicht da. Manchmal war ich schon sehr traurig und musste mich immer wieder aufmuntern: Bald kommt Vater zurück, bald wird Mutter das Brüderchen oder Schwesterchen haben, und dann ist sie wieder da. Ich erwartete sehnsüchtig ihre Rückkehr.
Von nun an war ich den halben Tag lang mir selbst überlassen, denn Großmutter arbeitete bis zum Mittag in der Fabrik und Tante Christel kam erst abends nach Hause. Die beste Ablenkung von meiner Lage fand ich wiederum bei den Soldaten. Der Haberberg war inzwischen mit den unterschiedlichsten Wehrmachteinheiten belegt. Ich verbrachte meine ganze Zeit bei ihnen, bis zum endgültigen Sturm der Russen auf Königsberg. Ich hatte eine Riesenauswahl, und es fiel mir oft schwer, mich zu entscheiden, wohin ich am jeweiligen Tag gehen sollte. Sicher war, dass sich die Soldaten freuten, wenn ich kam, und ich entschied mich schließlich für das, was mir am interessantesten erschien.
Auf dem Kamm des Haberbergs lag eine Einheit der SS-Panzerdivision Groß-Deutschland. Sie war in einer Art Schule und einem Feuerwehrkomplex untergebracht. Die Straßen drumherum standen voller Fahrzeuge. In der Turnhalle waren Feldbetten aufgestellt, in der Mitte ein paar Tische zum Essen. Auf dem Fußboden lagen Waffen. Zusammen mit ein paar andern Jungen aus der Nachbarschaft half ich, die Waffen zu putzen.
Drei Querstraßen von Großmutters Haus entfernt lag ein kleiner Platz, vollgestellt mit LKWs. Auf einem hohen Stativ stand ein MG 42, dessen Lauf gen Himmel zeigte. Die dazugehörige Mannschaft hielt sich in einem Lastwagen auf, einer der Soldaten stand ständig neben dem MG, beobachtete den Himmel und horchte in die Luft. Ich ließ mir von ihm erklären, was er genau machte und worauf er achten musste, wenn ein Flieger auftauchte. Bald erlebte ich das Geschehen selbst.
Wenn die russischen Rattas im Tiefflug nach Königsberg kamen, mussten sich die einzelnen Truppenteile selbst verteidigen, denn es gab ja keine organisierte Luftabwehr mehr. Wenn also eine Ratta einflog, gab der Wachtposten Alarm und die beiden anderen Soldaten stürzten zum MG. Dies schoss dann gleich los. Ich hockte währenddessen unter einem der LKWs und sah zu, wie die Leuchtspurgeschosse in Richtung Flugzeug flogen. Zu meinem Bedauern durfte ich nicht gleich neben dem MG stehen, das hatten mir die Soldaten strengstens verboten, und ich wollte es mir mit ihnen nicht verderben.
Einmal sah ich, wie sie eine russische Maschine trafen. Die leuchtende Garbe des MG landete mitten im Flugzeug. Dem Piloten gelang mit seiner Maschine die Flucht, zu meinem größten Bedauern. Wie schön wäre es gewesen, sagen zu können: »Den hat’s erwischt!« In meinem kindlichen Gemüt hatten sich martialische Gefühle breitgemacht. Ich wünschte mir, dass der Feind zu Schaden kam. Wenn Krieg herrscht und man bedroht ist, stellt man sich ganz darauf ein, den Feind zu vernichten oder vernichtet zu sehen – in dieser Logik waren wir gefangen.
Zwischen dieser Art Schauplätzen und dem Krankenhaus, in dem ich fast täglich mit Großmutter meine Mutter besuchen ging, lagen Welten. Ich war entsprechend zwiegespalten: einmal der patriotische, kämpferische Junge, der den Feind besiegen will, zum anderen ein Kind, das sich nach Normalität und Geborgenheit sehnt und so gern mal wieder etwas Gutes zu essen bekäme.
Im Krankenhaus herrschten schlimme Zustände. Der Betrieb fand hauptsächlich in den Kellerräumen statt. Die Flure waren dicht mit Betten vollgestellt, in denen zumeist Verwundete lagen, die am äußeren Verteidigungsring gekämpft hatten. Zivilisten waren deutlich in der Minderzahl, es gab nicht mehr sehr viele in der Stadt. Mühsam bahnten sich die Krankenschwestern ihren Weg durch die enggestellten Betten. Mutter lag mit Wöchnerinnen und Schwangeren in einem separaten Raum, der von einer einzigen Glühbirne matt erleuchtet wurde. Sie strahlte immer vor Freude, wenn wir zu ihr kamen. Dann wusste sie, dass wir noch lebten und dass es uns gut ging. Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen. Ich konnte die Luft da unten kaum atmen. Und überall hörte man stöhnende Frauen und schreiende Babys.
Mutter lag auf einer Art Trage auf Rollen. Wir standen daneben, Mutter hielt meine Hand und Großmutter streichelte ihr den Kopf. Sie sagte kein Wort und weinte leise vor sich hin. Das war für mich nahezu unerträglich. Deshalb sehnte ich den Moment herbei, an dem wir endlich dort wegkonnten. Zwar freute ich mich jedes Mal, Mutter wiederzusehen, aber ich hoffte doch, dass sie bald das Baby bekommen würde und ich nie mehr in diese Hölle müsste. Draußen auf den Fluren bewegten sich zwischen den Krankenschwestern Feldjäger hin und her, sogenannte »Kettenhunde«, die nach halbwegs kampffähigen Soldaten suchten und fast jeden verdächtigten, sich im Krankenhaus zu verstecken und vor dem Einsatz zu drücken. Es waren harte Männer, und ihre Gegenwart trug nicht dazu bei, die Atmosphäre angenehmer zu machen.
Trotzdem kam ich immer wieder, manchmal auch ohne Großmutter, wenn sie länger in der Fabrik aufgehalten wurde. Dann ging ich den Weg, der etwa eine Stunde dauerte, allein durch tiefen Schnee und bittere Kälte. Ich überquerte die beiden Pregelbrücken, den Kaiser-Wilhelm-Platz, ging um den Schlossberg herum am Schlossteich entlang. In der Stadt sah ich immer noch Flüchtlingstrecks. Sie hatten es nicht geschafft, den Ring um Königsberg zu durchbrechen und mussten nun dableiben. Sie zogen ziellos durch die Straßen, niemand kümmerte sich um ihr Elend.
Ich konnte mit eigenen Augen sehen, wie dramatisch sich die Lage Königsbergs zuspitzte. Dabei bekam ich schreckliche Dinge mit. Eines Tages nach dem traurigen Krankenhausbesuch bei Mutter ging ich hinter einer Reihe Pferdewagen mit Flüchtlingen die Vorstädtische Langgasse entlang, eine der Hauptadern der Stadt. Da sah ich, wie ein russischer Tiefflieger genau über diese Straße flog und den vor mir ziehenden Treck mit der Bordkanone unter Beschuss nahm. Furchtbares Geschrei ertönte. Ich rettete mich mit einem Sprung hinter die Brandmauer einer Ruine. Die Geschosssalven schlugen Sekunden später wie Perlen einer Kette genau vor mir in der Straßenmitte ein. Ein trockenes, platschendes Geräusch. Als ich wieder ins Freie kam, blieb mir nichts anderes übrig, als an dem Treck vorbeizugehen. Da lagen angeschossene oder tote Pferde in den Sielen, andere hatten sich losgerissen und galoppierten in wilder Panik durch die Straßen. Menschen versuchten, sich um die Verletzten zu kümmern. Sie schleppten sie von der Straße weg, denn der Tiefflieger hatte nur gewendet und kam schon zurück. Das wiederholte er mehrere Male.
Ich eilte nach Hause so schnell ich konnte, dabei richtete ich immer wieder den Blick zum Himmel, um mich beim nächsten Angriff schnell in Sicherheit zu bringen. Ich weiß nicht warum, aber ich behielt dieses Erlebnis für mich. Weder Großmutter noch Tante Christel erzählte ich davon und Mutter sowieso nicht. Der Grund ist wohl, dass ich sie nicht noch mehr beängstigen wollte. Vielleicht aber wollte ich es auch einfach nur schnell vergessen.
Wenige Tage später, als ich am frühen Nachmittag eines eiskalten, wolkenlosen, strahlend blauen Sonnentags mit Großmutter ins Krankenhaus gehen wollte, hörten wir in der Luft ein heulendes Rauschen, dessen Ton beim Näherkommen immer höher wurde. Ich wusste, was das war: eine herunterstürzende Bombe. Wir hatten gerade das Vorderhaus verlassen und waren die Haberberger Neue Gasse etwa zweihundert Meter Richtung Stadt gegangen. Ich zerrte Großmutter eiligst in das nächstbeste Haus, als auch schon mit berstendem Knall die Detonation erfolgte. Als es wieder ruhig geworden und kein weiteres verdächtiges Geräusch zu hören war, schlug ich vor, wieder auf die Straße zu gehen, um zu sehen, was geschehen war. Ich erinnere mich bis heute genau, wie ich in aller Ruhe zu Großmutter sagte: »Der große Staubpilz da oben steht genau über unserem Haus!« Wir hatten es nur wenige Minuten vorher verlassen und konnten von Glück sagen, dass uns die Bombe nicht erwischt hatte. Es war eine Sprengbombe, die das Dach und die Wohnung über der unseren regelrecht abgeräumt hatte. Der Innenhof lag voll Schutt, alle Frauen schrien wild durcheinander, voller Sorge, dass jemand verletzt oder getötet worden sein könnte. Als sie uns sahen, begrüßten sie uns freudig. Sie hatten schon befürchtet, dass uns etwas passiert sei. Unsere Nachbarn von oben, deren Wohnung nicht mehr existierte, waren glücklicherweise bereits vor Wochen geflohen. Großmutters Wohnzimmer hatte keine Decke mehr, es war im Raum plötzlich ungewohnt hell. Durch die Fenster war nämlich in den letzten Wochen nur noch spärlich Licht gedrungen, da die bei früheren Angriffen zersplitterten Fensterscheiben durch steife Gewebefolien ersetzt worden waren. In den Wänden der Wohnung waren tiefe Risse. Sehr lange würden wir dort nicht mehr hausen können. So beschlossen wir, uns eine neue Wohnung zu suchen.
Dies war unter den aktuellen Umständen kein großes Problem. Es gab mehr leer stehende Wohnungen als bewohnte, obwohl viele Häuser bereits zerstört waren. So viele Menschen hatten Königsberg verlassen, dass die Auswahl groß war. Wer seine Wohnung verließ, war angehalten, den Wohnungsschlüssel beim Block- oder Hauswart abzugeben. Dies war notwendig, um nach Bombenangriffen Brandherde schnell zu erkennen und zu löschen. Da es immer weniger Hauswarte gab, bekam meistens ein im Haus wohnender alter Mann die Schlüssel. Manche Leute vergaßen es oder weigerten sich, den Schlüssel abzugeben. Bei ihnen wurde die Tür vorsorglich gewaltsam geöffnet. Kam jemand auf die Idee, eine Wohnung zu plündern, musste er mit einer hohen Strafe rechnen. Normalerweise wurden Plünderer an der Laterne aufgehängt, um den Hals ein Schild mit der Aufschrift »Ich bin ein Plünderer«.
Dass alle leeren Wohnungen offen standen, kam uns zugute. Großmutter und ich zögerten nicht lange. Wir entschieden uns nach reiflicher Überlegung für eine Parterre-Wohnung im Haus gegenüber. Im Erdgeschoss konnte keine Sprengbombe direkt einschlagen. Der Luftschutzkeller war in der Nähe, und sollte das Haus brennen, hatte man genügend Zeit zu entkommen. Wenn Mutter mit Kriemhild oder Siegbert zurückkam, musste sie keine Treppen steigen.
Der Umzug nahm nicht viel Zeit in Anspruch. In der neuen Wohnung gab es alles, was man brauchte. Bei uns war das meiste vernichtet, also gab es nicht viel zu transportieren. Ich war begeistert, dass wir einen Flügel in der neuen Wohnung stehen hatten und betrachtete ihn voller Respekt. Seit Weihnachten 1944 hatte ich bei einer alten Dame auf dem Oberhaberberg Klavierunterricht bekommen. Mutter wollte, dass ich wenigstens das lernen würde, wenn es schon keine Schule mehr gab. Ich ging jeden Sonntag zu der Klavierlehrerin, wenn wir bei Großmutter zu Besuch waren, und tat es nicht ungern, allerdings hatte ich manchmal die Sorge, bei meinen Soldaten zu viel zu verpassen. Als es anfing, mir richtig Spaß zu machen, verschwand die Klavierlehrerin plötzlich. Sie war offensichtlich nach Westen geflohen, heimlich, weil die Parteileitung Flüchtlinge als »Defätisten, Kriegsverräter und Verbrecher am Deutschen Volk« bezeichnete und ihnen Strafen angedroht hatte, wenn sie die »Festung Königsberg« verließen.
Dass wir umgezogen waren, weil eine Bombe Großmutters Haus getroffen hatte, erzählten wir Mutter nicht. Wir erklärten ihr nur, dass wir in der neuen Wohnung seien, weil das Leben im Parterre für uns alle viel einfacher sei.