Militär in der Kirche

Auch wenn ich mich um meine Restfamilie kümmern musste, fand ich zwischendurch doch immer wieder Zeit, mich meiner Technikbegeisterung hinzugeben. Der Oberhaberberg wurde zu einem strategischen Zentrum ausgebaut. Oben auf der Anhöhe stand eine Kirche. Von dort hatte man einen weiten Blick nach Süden auf die näherkommenden russischen Truppen. Auf dem Kirchhof hatte deshalb eine Batterie Fünfzehn-Zentimeter-Artillerie Stellung bezogen. Die Geschütze standen unter den Bäumen und waren zusätzlich mit Tarnnetzen überzogen. Die Munition lag sinnigerweise in der Kirche.

Für die anderen Kinder und mich war der Artilleriebeobachter im Glockenstuhl nebst seiner Ausrüstung das Interessanteste an diesem Wehrmachtstützpunkt. Oben im Turm standen ein Scherenfernrohr sowie ein Feldtelefon. Wir durften nach oben klettern und durch das Fernrohr schauen. Ich war gespannt, wie die Russen aussahen. Genau erkennen konnte man sie von da oben noch nicht, dafür aber die aufblitzenden Abschüsse ihrer Artillerie und ihrer Stalinorgeln, wie die sowjetischen Mehrfachraketenwerfer von den Deutschen auch genannt wurden.

In den vorausgegangenen Wochen und Monaten hatte ich immer das Geschützgrollen gehört, erst nur in der Nacht, dann auch tagsüber. Es klang wie aus weiter Ferne, und so war ich deshalb nie wirklich beunruhigt. Aus dem allgemeinen Grollen heraus waren zwar immer mehr Einzelgeräusche zu hören, aber auch da hatte ich gedacht, das Kampfgeschehen spiele sich irgendwo weit weg ab. Ich begriff nun, wie nah die Russen schon an unsere Stadt herangekommen waren, und das erschreckte mich sehr. Ich ließ mir jedoch nichts anmerken, damit mich die Soldaten nicht für einen Feigling hielten. Was nützte es schon, Angst zu haben? Ich sagte mir, dass wir sehr wachsam sein und alles tun müssten, um die Russen aufzuhalten.

Am Südhang des Haberbergs gingen wir jeden Tag rodeln, seit der erste Schnee gefallen war. Das Schlittenfahren ließen wir Kinder uns nicht nehmen. Der Rodelhang lag etwa fünfhundert Meter von der Kirche entfernt. Eines Nachmittags entdeckten wir, dass ganz in der Nähe vier unter Tarnnetzen verdeckte Geschütze aufgestellt worden waren. Dies musste in der Nacht geschehen sein, denn tagsüber hätten wir es beim Rodeln gewiss bemerkt. Das Ganze sah aus wie eine Laube, unter der man aufrecht gehen konnte. Nur der vordere Teil der Geschützrohre schaute vorne heraus. Das Feuer dieser Batterie sollte ebenfalls vom Kirchturmbeobachter geleitet werden. Dies war aber über eine Entfernung von einem halben Kilometer schwierig, und eine Feldtelefonleitung konnte nicht installiert werden, weil zwischen Kirchturm und Rodelhang mehrere Straßen und Ruinen lagen. An dieser Stelle kamen wir Jungen zum Einsatz.

»Jungs, ihr könnt den Melder machen, da würdet ihr uns wirklich helfen«, sagte der Batterieführer auf dem Kirchhof zu uns. Der Mannschaft fehlten zwei Drittel ihrer Leute.

Man hätte uns keinen größeren Gefallen tun können. Der Soldat gab uns einen Zettel, auf dem er die Zielkoordinaten für die Batterie vermerkt hatte. Mehrere Male liefen wir hin und her. Der Soldat bat uns danach, jeden Vormittag wiederzukommen und zu helfen. Die Geschütze schossen momentan nur einmal am Tag, da Munition gespart werden musste. Sinn ihrer Aktion war es, die Russen bei ihren Angriffsvorbereitungen zu stören. Erst wenn der russische Sturmangriff erfolgte, wollte man die gesamte Munition verschießen.

In den darauffolgenden Tagen war unsere Mitarbeit noch mehr gefragt. Die Munition war in mehreren winzigen Verteidigungsbunkern untergebracht, die aus Sicherheitsgründen in einiger Entfernung lagen. Wir brachten mit unseren Schlitten die Granaten zu den Geschützen. Jetzt hatten wir so richtig das Gefühl, am Kampf gegen die Russen aktiv mitzuwirken. Und wir waren unendlich stolz.

Meine Großmutter machte abends, als ich ihr begeistert von meinen Aktivitäten berichtete, keinen Hehl daraus, dass sie solche Maßnahmen für sinnlos und meine Beteiligung daran für fragwürdig hielt. »Bullerchen, hoffentlich passiert dir dabei nichts.« Ich beruhigte sie und sagte ihr, dass ich schon aufpassen würde. Sie hatte mit ihren Bedenken bestimmt nicht Unrecht, aber im Grunde war die ganze Stadt doch sowieso das Ziel der Russen.

In den nächsten Tagen wurden in ganz Königsberg emsig weitere Vorbereitungen getroffen. Es war wie in einem Bienenschwarm. Ständig bewegten sich kleine Einheiten von einem Ort zum andern, unterwegs zu den jeweiligen Verteidigungspositionen. Es befanden sich nur wenige tausend Soldaten in der Festungsstadt. Sie wurden deshalb in winzige Kampfgruppen aufgeteilt. Alte Männer, die zum Volkssturm gehörten, gruben an Schützenlöchern und Deckungen. An Kreuzungen, Brücken und gutüberschaubaren Punkten wurden kleine primitive Bunker aus Bahnschwellen, angebrannten Holzbalken und herausgerissenen Bordsteinen gebaut.

In den kleinen Bunkern installierte man Panzerabwehrkanonen, von denen es aber nur wenige gab, oder MGs. In den meisten Minibunkern sollten Einzelkämpfer des Volkssturms und der Hitlerjugend, die mit der Panzerfaust kämpften, stehen. Die Bunker hatten nur halbe Mannshöhe, damit die Panzerfäuste eingesetzt werden konnten. Es war ein Himmelfahrtskommando, aber offenbar zweifelte niemand an der Richtigkeit dieser Maßnahmen.

Überall in der Stadt wurde der Ernstfall geprobt. An dem Abhang, in dem die drei Panzer eingegraben worden waren, die wir von unserer früheren Wohnung aus begleitet hatten, übten die Jungen von der HJ. Wir standen in einigem Abstand dabei und beneideten sie glühend. Sie waren doch nur wenige Jahre älter als wir und durften lernen, mit der Panzerfaust zu schießen, wir aber hatten das Nachsehen. Uns war nicht klar, dass viele von ihnen in dem bevorstehenden Kampf fallen würden und dass ihr Einsatz angesichts der Aussichtslosigkeit des Unterfangens, Königsberg zu verteidigen, ein einziger Wahnsinn war.

Tatsächlich ist es nicht einfach, eine Panzerfaust abzuschießen, da der Rückstoß weit nach hinten reicht. In der ersten Zeit gab es viele Unfälle beim Üben. Weit flogen die Gefechtsköpfe nicht, deshalb musste sich der Schütze immer nah an das Ziel heranwagen. Dafür waren Panzerfäuste allerdings ziemlich treffsicher.

Neben vielen anderen Spottversen, die in dieser Zeit aufkamen, gab es auch den: »Panzerfaust und Panzerschreck, Volkssturmmann, wirf weg den Dreck!« Uns beeinträchtigten solche Reime in unserer Begeisterung keineswegs. Wir hatten bei den Soldaten eine Panzerfaust gefunden, mit Gefechtskopf, aber ohne Treibsatz. Wir legten sie bei uns in den Hof ganz dicht an die Hausmauer, damit uns von oben niemand sehen konnte. Wir zerlegten sie und bauten sie mit Begeisterung wieder zusammen. Viele Male hintereinander. Auch wir wollten kampfbereit sein, wenn wir am Ende doch gebraucht würden. Man konnte nie wissen.

Schließlich versteckte ich die Panzerfaust im Keller. Meine Waffensammlung in der Kredenz der alten Wohnung hatte ich ja zu meinem Bedauern nicht mitnehmen können. Jetzt besaß ich wieder ein kostbares Sammelobjekt. Und meine Kenntnisse im Umgang mit Waffen und Munition aller Art hatten ihren letzten Schliff erhalten. Im Grunde war dieses tägliche Waffenputzen und -zerlegen so etwas wie eine Mechaniker- und Elektrikerlehre. Meine Spielkameraden und ich lernten mit unseren acht Jahren sehr schnell. Was nach dem Krieg vielen Kindern und auch Erwachsenen widerfuhr, als sie, oft in bester Absicht, unsachgemäß mit gefundenen Granaten und Geschossen aller Art umgingen, konnte uns nicht passieren.