Gefährliche Spiele

Es war Ende März und immer noch bitterkalt. Es konnte nur noch wenige Wochen dauern, bis die Russen genügend Armeen, Waffen und Munition zum Angriff auf Königsberg in Stellung gebracht hatten. Zur Verteidigung der Stadt wurde von der Wehrmacht der Plan gefasst, die Brücken über den Pregel zu sprengen. So sollte der russische Vormarsch gestoppt werden. An diesem Unternehmen waren wir aktiv beteiligt. Eines Morgens kam ein Lastwagen in unsere Straße und der Fahrer fragte hastig, ob es irgendwo einen trockenen Kellerraum gäbe. Inzwischen kannte ich jedes Haus genau und zeigte ihm einen geeigneten Keller. Dann bat er uns Kinder, ihm beim Ausladen zu helfen. Zunächst konnten wir uns nicht erklären, warum der Soldat so nervös war. Dies begriffen wir erst, nachdem wir die gesamte Lastwagenladung von würfelförmigen, schön und sauber gearbeiteten Holzkästchen mit Deckel, Scharnier und Verschlussriegel in den Keller gebracht hatten. In jedem von ihnen lagen vier quadratische Päckchen, die aussahen wie in Ölpapier eingepackte Seife. Es war Dynamit.

Ein zweiter Lastwagen traf ein, der große Drahttrommeln brachte, die wie Telefon-Kabeltrommeln aussahen. Auch Zündkästen waren dabei. Auch diese wurden in den Keller getragen, und hinterher blieben ein paar Soldaten bei dem Material zurück. Wir fragten die Männer so lange aus, bis sie uns erklärten, dass das Dynamit für die Sprengung der Brücken vorgesehen sei. Dass wir darauf mit zum Fluss fahren durften, war schon deshalb klar, weil wir unsere Hilfe beim Ausräumen des Kellers angeboten hatten.

In welcher Gefahr wir allein beim Ausladen des Dynamits gewesen waren, mag ich mir heute gar nicht vorstellen. Was wäre passiert, wenn ein russischer Flieger, von denen es inzwischen immer mehr gab, den Lastwagen mit der Dynamitladung erkannt und beschossen hätte? Im Grunde handelten die Soldaten uns Kindern gegenüber vollkommen unverantwortlich. Aber wer weiß, was sie im Krieg bisher schon erlebt hatten, man kann sich leicht vorstellen, dass sie dabei allmählich abgestumpft waren.

Schon am nächsten Tag kamen ein VW-Kübelwagen und ein Opel Blitz mit Benzinantrieb, was angesichts der Holzvergaser, die wir meistens zu Gesicht bekamen, eine echte Seltenheit war. Sechs Pioniere waren mitgekommen. Mit ihnen und einem Teil des Sprengstoffs machten wir uns auf den Weg zum Pregel. Was für ein Hochgefühl, mit echten Soldaten in einem Benzinlastwagen und so explosiver Fracht unterwegs zu sein!

Das Dynamit reichte für die ersten beiden Brücken. Wir stiegen aus und sahen den Pionieren interessiert bei der Arbeit zu. Sie kletterten in den Brückenpfeilern herum und banden ganze Packungen der Dynamitriegel ringsherum daran fest. Wir sollten die Riegel aus den Holzkästen holen und anreichen. Die meisten der schönen Kästchen warfen wir in den Fluss. Die Zündleitungen sollten erst später gelegt werden, wie wir erfuhren. Wir kehrten im Lastwagen wieder zu dem Keller zurück, zwei der Soldaten blieben bei den Brücken, um das Dynamit zu bewachen.

Als ich nach Hause kam und für Großmutter ein paar der Holzkästchen mitbrachte – »da drin kannst du deine Nähsachen aufbewahren«, sagte ich freudig –, war sie entsetzt. Ihr kleiner Enkel hatte doch tatsächlich den ganzen Tag in nächster Nähe von Dynamit verbracht!

»Bullerchen, dazu bist du aber wirklich viel zu jung, du bist doch erst acht!«

Sie hatte wieder Recht mit ihren Bedenken, aber eines stimmte nicht: Ich war, geprägt von den Erlebnissen der vergangenen Monate, ganz gewiss kein gewöhnlicher Achtjähriger mehr. »Versprich mir, dass du morgen da nicht mehr mit hinfährst«, sagte sie. Ich versprach es. Beim Aufladen half ich aber doch noch mit. Später habe ich erfahren, wie es weiterging. Fünf Tage brauchten die Pioniere, um den Sprengstoff zu verteilen. Alle Pregelbrücken waren nun sprengbereit. Monate später konnte ich mich davon überzeugen, dass die Pioniere gute Arbeit geleistet hatten. Wenn ich in der Stadt unterwegs war, meistens auf der Suche nach Nahrung, und den Pregel überqueren wollte, kletterte ich über die hinuntergestürzten Brückenreste, in heimlicher, für mich aber selbstverständlicher Freude darüber, dass wir den Russen, dem Feind, eins ausgewischt hatten.