Inmitten all diesen Trubels, der fliegenden Bomben, der hektischen Abwehrmaßnahmen, der immer knapperen Lebensmittel und des immer näherkommenden Sturmangriffs der Russen brachte meine Mutter im Keller des Krankenhauses meinen Bruder Siegbert zur Welt. Er war ein gesunder kleiner Junge, winzig, aber sehr niedlich. Und wie schön wäre es gewesen, wenn man Zeit und Ruhe gehabt hätte, sich dem Neugeborenen zu widmen ohne die ständige Sorge ums Überleben. Tante Christel organisierte bei ihrer Dienststelle ein Auto mit Fahrer, und so holte Großmutter ihre Tochter Erika und das neue Enkelkind ab. Zwar war ein Militärauto nicht gerade das ideale Transportmittel für Mütter und Neugeborene, aber alle waren froh, dass sie den einstündigen Weg durch die Kälte nicht zu Fuß machen musste. Ich freute mich sehr, dass Mutter wieder da war, aber viel Zeit hatte sie leider nicht für mich. Sie war sehr angestrengt von der Geburt, man kann fast sagen, sie war etwas durcheinander, denn sie merkte anfangs nicht einmal, dass wir in einer anderen Wohnung waren. Vielleicht war es gut so, denn sonst hätten wir ihr am Ende doch die Geschichte von der Sprengbombe erzählen müssen. Vielleicht war sie auch einfach zu müde, um sich zu orientieren. Und außerdem war sie ganz damit beschäftigt, Siegbert zu versorgen, und das war extrem schwierig. Es gab kaum etwas zu essen. Wie sollte sich da Muttermilch entwickeln? Um die beiden einigermaßen sattzubekommen, versuchten wir, die Sonder-Lebensmarken für stillende Mütter einzutauschen, ein illusorisches Unterfangen. Die Marken konnten nirgendwo mehr eingelöst werden. Ich machte mich also auf den Weg, ging zu meinen Soldaten und erzählte ihnen, dass ich ein Brüderchen bekommen hätte. Sie gaben mir daraufhin einen ganzen Karton Dosenmilch. Sie hätten sie extra für mich »besorgt«, erklärten sie mir. Ich kam stolz damit nach Hause, und meine Mutter freute sich sehr. Längst waren Soldaten und Zivilbevölkerung eine Art Schicksalsgemeinschaft geworden. Sonst kümmerte sich ja auch niemand mehr um die Menschen in der Stadt. Die Männer von der Gau- und Kreisleitung hatten sich längst nach Westen davongemacht.
Ein anderes Problem neben der knappen Nahrung war die Kälte. Der alte Mann, der bei uns als Hauswart fungierte, heizte sehr sparsam. Niemand wusste, woher er Brennmaterial nehmen sollte, und der Kokshaufen im Keller schrumpfte bedrohlich zusammen. Zum Glück hatten wir noch Wasser, manchmal war es sogar lauwarm. In anderen Stadtteilen war das Wasser ganz abgesperrt, weil wichtige Rohre bei Bombenangriffen getroffen worden waren. Verglichen damit ging es uns noch gut. Nur für Siegbert war es bei weitem nicht warm genug. Er lag unter mehreren Decken und fror immer sehr, wenn er gewickelt wurde. Ihn beim Füttern warm zu halten war nicht einfach, auch wurde er nie richtig satt und schrie sehr viel. Er bekam mit Wasser verdünnte Dosenmilch. Ich fand den Gedanken, dass mein kleiner Bruder nicht genug zu essen bekam, schrecklich, und manchmal fragte ich mich, wie er überleben sollte, wenn es so weiterging.
Nachts hatten wir es warm, denn da mussten wir nun immer in den Luftschutzkeller, und dort hatte unser »Hauswart« einen gutwärmenden Kanonenofen aufgestellt. Zwar war so etwas streng verboten, aber von der Straße aus konnte man es nicht sehen. Das Ofenrohr ging nämlich auf den Innenhof hinaus und wurde durch die vor den Kellerfenstern als Splitterschutz liegenden Betonriegel geführt. Ich musste ab und zu nach draußen gehen, um neugefallenen Schnee vor dem Rohr wegzufegen. Viel schlafen konnten wir in diesem Keller nicht, meistens hatten wir zu große Angst vor einem Angriff. Wir horchten nach Detonationen, und nur wenn sie weit genug entfernt waren, fanden wir ein wenig Schlaf. Ab und zu benutzten Soldaten unseren Keller als Wärmestube, das erschien uns ganz normal.
Noch heute habe ich das Gefühl, dass diese Zeit, so schwer sie auch war, der schönste und aufregendste Teil meiner Kindheit war. Den ganzen Tag war ich trotz eisiger Kälte mit dem Schlitten unterwegs, immer geschahen neue spannende Dinge. Ich hatte auch nicht die Spur von Angst. Dass die Stadt von den Russen eingekesselt war, wusste ich mehr als genau, aber ich hätte nie geglaubt, dass die Rote Armee meine Vaterstadt einnehmen und besiegen könnte.
Dieses Gefühl teilte ich mit vielen Erwachsenen. Gründe, optimistisch zu sein, gab es durchaus. Dass die Wehrmacht den Russen den von ihnen eroberten Villenvorort Metgethen wieder entrissen hatte, war ein solcher Grund. Warum sollte es nicht andernorts ebenso gehen? Außerdem hatte man die Zivilbevölkerung völlig im Unwissen darüber gelassen, wie gering die Zahl der Soldaten in der Stadt im Vergleich zu den russischen Armeen war, von der unendlich großen Überzahl russischer Kriegswerkzeuge und Munition ganz abgesehen. Es gab keine Zeitungen mehr, keinerlei Aufklärung, nur ab und zu wurden Zettel mit praktischen Hinweisen und der üblichen Durchhaltepropaganda verteilt.
Ich habe hin und wieder mitbekommen, wie einzelne Soldaten an der Standfestigkeit der Festung Königsberg zweifelten. Sogleich wurden sie von ihren Kameraden zur Ordnung gerufen, mit der Begründung, sie dürften uns Kindern, aber auch ihren Kameraden nicht den Mut nehmen. Ich vergaß solche Erlebnisse sehr schnell. Denn immer wieder gab es neue Dinge, die mich voll in ihren Bann schlugen. Die Waffen-SS-Einheit, die in der Schule stationiert war, übte in den verlassenen Häusern in der Nähe mit Flammenwerfern den Häuserkampf. Zuerst erschreckten uns die fauchenden Flammenstöße, dann aber schauten wir begeistert zu.
In den Kellern lagerte überall Munition jeglicher Art. In der großen roten Polizeikaserne aus Backstein, in der auch Tante Christel arbeitete, waren inzwischen die Fenster bis zum zweiten Stock in Schießscharten umgewandelt worden. In der breiten Durchfahrt des Eingangstors hatte man riesige Würfel aus gepressten Akten aufgestapelt. Mit ihnen sollte, wenn der Russe kam, die Durchfahrt versperrt werden, indem man die Würfel mit Benzin übergoss und anzündete. Als es so weit war, behinderte diese Feuerbarriere nicht den Einmarsch der Russen, sondern den Fluchtweg der Bevölkerung.
Ab und zu ging ich, aber nur wenn es meine »Verteidigungsaufgaben« erlaubten, auf Bitten meiner Mutter zu unserer alten Wohnung, um nachzusehen, ob noch alles in Ordnung war. Sie wollte so schnell wie möglich dorthin zurückkehren. Sie sagte sich, dass sich selbst nach einem Sieg der Russen das Leben der Einwohner bald wieder normalisieren würde. Sie hoffte sogar, dass die Großeltern wieder nach Maraunenhof zurückkehren würden. Auch zu deren Haus ging ich ab und zu in Mutters Auftrag, um nachzusehen, ob es noch stand. Auf dem Weg dahin bekam ich an den stehengebliebenen Brandmauern Propagandasprüche jeder Art zu lesen, manchmal auch mit Kommentaren versehen: Neben dem bekannten »Räder rollen für den Sieg« stand »Naziköpfe nach dem Krieg«. Immer häufiger tauchte auch der »schwarze Mann mit Hut« auf, der vor Spionen warnen sollte, und das schon erwähnte »Panzerfaust und Panzerschreck, Volkssturmmann, wirf weg den Dreck.« Offenbar war tatsächlich im Untergrund eine Art Widerstand aktiv. Fest steht, dass es Überläufer gab, die für die Russen die Verteidigungsanlagen in Königsberg ausspioniert haben. Wir standen nicht auf der Seite der Widerständler, wir hielten auch nichts von Verrätern, die dem Feind berichteten, wie die Verteidigung der Stadt organisiert wurde. Mein Vater war Mitglied des von vielen als Alibi benutzten NSKK (Nationalsozialistisches Kraftfahrkorps, eine Art angebräunter ADAC), meine Mutter war weitgehend unpolitisch, wenngleich sie, wie gesagt, das Risiko einging, die BBC abzuhören und russischen Kriegsgefangenen Essen zusteckte. Die Soldaten, die alles tun wollten, um unsere Heimatstadt zu verteidigen, waren jedenfalls unsere Freunde, sie waren für uns da, und ganz selbstverständlich waren wir auf ihrer Seite. Was der Angriff auf Königsberg für uns, meine Familie und mich bedeuten würde, konnte sich keiner von uns vorstellen. Die Erstürmung der Stadt wurde für uns alle zum Alptraum.