Die letzte Schlacht um Königsberg

Der harte, eiskalte Winter 1945 neigte sich dem Ende zu. Dass nun die Nächte weniger frostig waren und wir tagsüber ein bisschen weniger froren, machte das Leben etwas einfacher. Wir wären erleichtert und froh gewesen, wäre da nicht der ständige Geschützdonner gewesen, der von Tag zu Tag näherrückte. Wir waren inzwischen an einigen Kriegslärm gewöhnt, doch am frühen Morgen des 6. April nahm er bisher unbekannte Ausmaße an. Alles vorher war ganz offensichtlich nichts anderes als die Ruhe vor dem Sturm gewesen. Von Stunde zu Stunde hörte man mehr einschlagende Bomben, mehr Geschützdonner, immer häufiger das Jaulen von Katjuscha-Raketen.

Für mich gab es nur eins. Jetzt, wo es ernst wurde, musste ich zu meinen Soldaten bei der Artilleriebatterie, jetzt brauchten sie mich doch besonders! Ich musste lange bitten, bis mich meine Mutter endlich gehen ließ, wenigstens bis zu der wehrhaften Kirche, um dort »nach dem Rechten« zu sehen.

Von dort aus konnte man das Kampfgeschehen erahnen. Die Russen waren so weit vorgedrungen, dass ihre Geschütze und Stalinorgeln bis südlich des Hauptbahnhofs reichten. Nur einen halben Tag hatte es gedauert, und schon waren sie fast in der Stadt. Unsere Artillerie und auch die Geschütze der eingegrabenen Panzer schossen noch nicht. Sie hatten Anweisung, so lange zu warten, bis die Russen im Direktbeschuss zu erreichen waren. Zu meiner großen Enttäuschung waren die Soldaten über meinen Besuch nicht sonderlich erfreut, sondern schickten mich nach Hause. Sie meinten es ernst. »Lauf!«, sagten sie. »Geh in euren Keller. Mehr kannst du jetzt nicht tun. Pass gut auf deine Mutter und dein Brüderchen auf! Vielleicht kommt ihr durch. Uns wird der Russe wohl erwischen.«

Ich war erschrocken und bekümmert. Es fiel mir schwer, mich von diesen Freunden zu trennen, mit denen ich fast täglich zusammen gewesen war, die mir ans Herz gewachsen waren. Außerdem klangen ihre Worte mutlos, sie verbreiteten keine Zuversicht wie sonst immer. »Kann man denn wirklich gar nichts mehr tun?«, fragte ich. »Schnell nach Hause mit dir!«, war ihre Antwort, und so machte ich mich widerwillig auf den Weg. Der Kampflärm wurde inzwischen immer lauter. Ich fürchtete mich ein wenig, aber zugleich war ich traurig über den plötzlichen Abschied. Als ich zu Hause ankam, gab ich der Familie die Befehle weiter. »Schnell in den Keller«, rief ich, »das haben die Soldaten gesagt!«

Meine Großmutter und Mutter gehorchten sofort. Merkwürdigerweise war ich jetzt, in der Stunde der Gefahr, mit meinen acht Jahren das Oberhaupt der Familie, auf das die anderen hörten, ohne zu zögern. Wir machten uns auf den Weg nach unten mit unserem längst vorbereiteten Gepäck: zwei Koffer von Großmutter, eine große Handtasche von Mutter mit Essvorräten sowie der Kinderwagen mit Siegbert. Gut versteckt hatten wir Großmutters selbstgenähten Brustbeutel, in dem sich alle Familiendokumente, Schmuck und einige kleine Goldbarren in sechskantiger Stangenform befanden. Großmutter trug ihn um den Hals, denn als alte Frau war sie vor den Russen sicherer als meine Mutter, so glaubte sie.

Dann ließen wir uns im Luftschutzkeller nieder. Dort saßen außer uns noch der Hauswart und ein paar Frauen aus dem Haus, insgesamt zehn Personen. Keiner wusste, wie lange wir dort bleiben würden und wie es draußen aussehen würde, wenn wir wieder herauskommen konnten. Glaubte man dem ständigen Gefechtslärm, so hatten wir nicht viel Gutes zu erwarten. Die Stunden unten im Keller zogen sich hin. Wir erlebten sie in einer Mischung aus Müdigkeit, Angst, Langeweile, einem Gefühl von Bedrohung und Ungewissheit.