Nun waren wir also im Keller des unversehrt gebliebenen, von der Polizeitruppe besetzten Gebäudes und atmeten erleichtert auf. Erst einmal waren wir in Sicherheit. Wir gingen weiter durch den Kellerflur. An dessen Ende lag das Zimmer des Hausmeisters. Darin brannte zu meinem großen Erstaunen sogar Licht. Offenbar gab es dort einen Notstromgenerator. Ich kannte mich in solchen Dingen aus, weil ich lange genug die Vorbereitungen der Soldaten beobachtet hatte.
Im Zimmer des Hausmeisters waren etwa zwanzig Frauen, Siegbert und ich. Mutter saß mit meinem Brüderchen auf dem Arm hinten im Raum auf einer Pritsche, neben sich drei andere Frauen. Großmutter hatte sich am Boden vor ihr niedergelassen, vier weitere Frauen saßen an einem kleinen Holztisch und die übrigen standen oder saßen am Boden. Wir waren alle froh, dem Feuer entronnen zu sein. Der Gefechtslärm war hinter den dicken Mauern dieses Verwaltungsgebäudes weniger laut. Alles klang gedämpfter. Allerdings ließen die ständigen Treffer auch dort unten die Wände erzittern.
Endlich sahen wir Tante Christel wieder. Sie hatte ebenfalls dort Zuflucht gefunden, denn sie hatte einen Freund unter den slowenischen Polizisten, die mit im Einsatz waren. Sie besuchte ihn regelmäßig nach der Arbeit, und beide trösteten sich gegenseitig. Die Not des Krieges war für eine junge Frau, die nie ihren eigenen Mann zu sehen bekam, schwer zu ertragen. Die Bedingungen in Peenemünde waren sehr restriktiv, er bekam kaum Urlaub. Die tägliche Angst vor dem Tod hatte Tante Christel wie viele andere in die Arme eines Mannes getrieben, der für sie da sein konnte und ihr Schutz und Hilfe bot – ein bisschen Glück vor dem sicheren Tod. Viele Menschen lebten jetzt so, um das alltägliche Elend besser zu überstehen.
Als Tante Christel in den Hausmeisterraum kam, war sie froh und erleichtert, uns lebend zu sehen. Wir umarmten uns. Sie erzählte, dass die Slowenen, die hinter den Schießscharten postiert waren, große Angst hätten und sich mit Alkohol volllaufen ließen. »Die glauben, sie kommen hier nicht mehr lebend raus, und wenn, dann werden sie von den Russen sofort als Verräter erschossen«, erklärte sie.
Auch unsere Situation schien aussichtslos. »Was werden die Russen wohl mit uns machen?«, fragten sich die Frauen. Ich hatte keine Ahnung davon, was mit ihnen geschehen könnte. Manche der Frauen waren so aufgeregt und voller Angst vor dem, was passieren könnte, dass sie rittlings in das emaillierte gusseiserne Waschbecken an der Wand pinkelten. Ein seltsamer Anblick für mich. Während die Frauen ihre Sorgen austauschten, versuchte ich mich abzulenken. Ich sah mir den Raum genau an. Besonders bestaunte ich das ungefähr einen Quadratmeter große Schlüsselbrett, an dem unendlich viele Schlüssel hingen. Es erinnerte mich an die vielen Schlüssel in der Pförtnerloge meines Großvaters im Mercedeswerk, in der ich Lesen und Schreiben geübt hatte.
Das Getöse des Angriffs hatte uns viele Stunden in Atem gehalten. Was aber nun einsetzte, erschreckte uns viel mehr: Plötzlich nämlich herrschte Stille, eine dramatische Stille. Manche der Frauen brachen in Weinen und Schreien aus, andere jammerten leise vor sich hin. Meine Mutter wiegte Siegbert im Arm. Selbst in so einer Situation gab es noch groteske Momente. Meine Großmutter klapperte vor Aufregung mit ihrem Gebiss. Es hatte ihr nie richtig gepasst, und ich hatte sie immer damit aufgezogen. Selbst jetzt kam es mir komisch vor.
In die Stille hinein ertönte das Krachen von Maschinengewehrsalven. Die Russen waren offenbar in das Gebäude eingedrungen. Bestimmt lieferten sie sich in den Gängen und Fluren Gefechte mit den Verteidigern des Gebäudes. Jetzt hatte die Stunde der Sturmtruppen begonnen. Die Frauen aus unserem Haus wurden von den anderen neidisch beäugt. Die Berieselung mit Ruß durch das abgerissene Ofenrohr ließ sie aussehen wie hässliche Hexen. Die anderen hätten auch gern so ausgesehen, um die Russen abzuschrecken. Sie begannen deshalb, ihre Hände anzufeuchten, ihre Gesichter mit Staub und Schmutz vom Boden zu beschmieren und brachten ihr ordentlich frisiertes Haar in Unordnung. Darüber trugen sie alle Kopftücher, nach damaliger Mode mit einem dicken Knoten über der Stirn. Gekleidet waren sie mit dunkelblauen Skihosen, die unten mit einem Schnürsenkel zusammengebunden waren. Manche trugen noch einen Rock darüber.
Mir war klar, dass die Frauen hofften, mit ihrem Aussehen die Russen vergraulen zu können. Viel mehr begriff ich nicht. Letztlich war die Mühe der Frauen umsonst. Mit Einbruch der Dunkelheit und im schwachen Schein der Lampe konnte man sie sowieso kaum sehen, und ob ihre Gesichter schön und sauber waren oder verschmiert und hässlich, machte da keinen Unterschied.
Schließlich öffnete sich die Tür und ein junger Soldat mit einem am Koppel festgebundenen Trommelrevolver betrat den Raum. Er sah sich schnell um, stellte fest, dass keine deutschen Soldaten im Zimmer waren und sagte in erstaunlich gutem Deutsch: »Haben Sie keine Angst, alles wird gut«, und fügte auf Russisch hinzu: »otschin charascho«, sehr gut. Das waren die ersten beiden russischen Worte, die ich hörte.
Bis heute habe ich dieses otschin charascho jenes freundlichen Soldaten im Ohr.
Dann ging er wieder hinaus und schloss die Tür hinter sich. Ich blickte nach der Uhr, die darüberhing: Es war genau 18 Uhr. Nie zuvor war ich so klar und gespannt wie in diesem Moment. Das war der erste Russe, den ich zu Gesicht bekam. Ich hatte gewusst, dass dieser Augenblick kommen würde. Wie oft hatte ich von den Erwachsenen gehört, die Russen würden über uns hereinbrechen wie eine brutale Horde von Hunnen, lauter schlitzäugige Mongolen, die uns alle umbringen würden. Und dann kam dieser Mann herein, der so ganz anders war. Sein Bild steht so deutlich vor mir, als wäre es gestern gewesen. Die Achselklappen mit einem Stern, der Revolver am Band, das Koppel über der Uniformbluse, seine schwarzen Stiefel mit dem langen Schaft, offenbar aus weichem Leder, weil sie in Falten leicht nach unten gerutscht waren. Das konnten nur Beutestiefel sein. Alles das habe ich noch genau vor Augen, und ich höre sein gutes Deutsch und seine freundliche, unaufgeregte Stimme, die uns beruhigen will. Erst später, als ich mich genau in den russischen Militärrängen und den entsprechenden Uniformen auskannte, schloss ich, dass er ein Unterleutnant gewesen sein muss.
Vielleicht hatte sein Erscheinen die Frauen beruhigt; wenn, dann nur für kurze Zeit. Wenig später tauchte wieder ein russischer Soldat auf, diesmal ein Mongole, kaum älter als sechzehn oder siebzehn. Er stand im Raum und richtete den Revolver auf uns. »Ruki werch dawai, dawai!« (Hände hoch, los, los!), rief er und bedeutete uns unmissverständlich, dass wir alle mit erhobenen Händen das Kellerzimmer zu verlassen hätten. Jetzt kannte ich schon fünf russische Wörter.
Wir gingen alle hintereinander nach draußen, Mutter mit Siegbert auf dem Arm und ich waren die Letzten, gleich hinter uns ging der Russe. Um sicher zu sein, dass auch niemand lebend in dem Zimmer zurückblieb, schoss er zweimal unter die Pritsche. Eigentlich hätte ich danach eine Weile taub sein müssen, aber meine Ohren waren durch den wahnsinnigen Lärm der zurückliegenden Tage und Wochen offenbar einiges gewöhnt. Wir verließen den Keller über eine Treppe und fanden uns im Innenhof des großen Gebäudes wieder. Dort hatten die Russen ein MG aufgestellt, dessen Mündung genau auf uns zeigte. Sie werden nicht auf uns feuern, schoss es mir durch den Kopf, sonst hätten sie schon auf die Leute vor uns geschossen. Ich war dennoch erleichtert, als wir unversehrt an dem MG vorbeigekommen waren.
Unter ständigen Dawai-dawai-Rufen der Russen wurden wir quer über den Hof getrieben, und ich wusste auch schon wohin: nach draußen durch ausgerechnet jene Toreinfahrt, die die deutschen Verteidiger mit den großen Papierwürfeln zugestellt hatten, um sie anzuzünden und die Russen abzuwehren. Den Schaden hatten jetzt wir. Die Papierwürfel brannten, und ich sah glutwabernde Asche knöchelhoch in der fünfzehn Meter langen Einfahrt liegen. Die genaue Länge weiß ich deshalb, weil ich sie fünfzig Jahre später bei meinem ersten Besuch in Königsberg mit meinem Sohn nachgemessen habe. Die Dawai-dawai-Rufe, die uns antreiben sollten, ertönten unaufhörlich. Dawai sollte in der nächsten Zeit das meistgehörte russische Wort werden, denn immerzu wurden wir irgendwo hingetrieben, immer weiter, ins Ungewisse, hilflos und ohne Orientierung.
Trotz dieser Rufe blieben wir vor der Durchfahrt stehen, niemand traute sich, durch die Glut zu laufen. Dann aber schossen die Russen hinter uns in die Luft. Es klang so bedrohlich, dass wir die Angst vor der Glut ganz vergaßen und losrannten. Wir hatten Glück und kamen durch, ohne uns zu verbrennen.
Vor allem waren wir froh, dass die Russen nur in die Luft und nicht auf uns geschossen hatten. Ich hatte von unseren Soldaten Geschichten gehört, denen zufolge sowjetische Politoffiziere auf ihre Mannschaften schossen, wenn diese nicht schnell genug vorwärts stürmten. So hatte ich das Schlimmste vor Augen gehabt.
Nachdem wir die Durchfahrt passiert hatten, mussten wir uns alle auf der Kreuzung versammeln, gleich bei der Kirche, in deren Umgebung die Artilleriebatterie aufgebaut war. Aus allen Richtungen strömten Gruppen von Frauen und Kindern herbei. Die Russen durchkämmten offenbar alle Luftschutzkeller. Eine der Frauen kannten wir. Sie hatte früher in unserer Straße eine Heißmangel betrieben und besaß keine Angehörigen. Sie schloss sich uns an – nicht unbedingt zu meinem Glück, wie sich später herausstellen sollte.
Eines hätte mich in diesem Moment eigentlich überwältigen müssen: der Anblick Hunderter gefallener Russen, von denen die Straßen um uns herum geradezu übersät waren. Durch das Feuer war es taghell, und sie waren nicht zu übersehen. Es waren die ersten Toten, die ich in meinem Leben sah. Wäre es ein einzelner Toter gewesen, es hätte mich ganz sicher tief beeindruckt, aber diese Riesenmenge von Soldatenleichen gaukelte mir so etwas wie Normalität vor, sie wirkten fast banal. Die russischen Soldaten waren in Wellen nahezu ungeschützt in deutsches Abwehrfeuer gelaufen und gefallen. Bei der Kirche war ja eine der wichtigsten Verteidigungsstellungen gewesen.
So also sieht es hier nach dem großen Sturm aus, sagte ich mir. Ich kannte diese Gegend wie meine Westentasche, und dennoch war nichts mehr wiederzuerkennen. Überall um uns herum brannte es, alles wurde von der riesigen Feuersbrunst vernichtet, selbst russische Panzer. Diese hatten offenbar alle Straßensperren mühelos beiseitegeschoben. Was manche von ihnen aufgehalten hatte, waren die überall versteckten Panzerfaustschützen. Doch auch diese waren vermutlich längst dem Kampfgeschehen zum Opfer gefallen.
Der Himmel sah aus wie ein leuchtender Fächer, unablässig schossen Stalinorgeln, die im großen Halbkreis am südlichen Stadtrand standen, ihre Raketen auf die Innenstadt, dazu hörte man das wilde Rattern der Maschinengewehre, dazwischen Abschüsse von kleineren Geschützen und Panzerfäusten, ein unheimliches Stakkato, das kein Ende nahm. Es war ein faszinierender Anblick, auch wenn es den Untergang meiner Heimatstadt bedeutete.
Seltsamerweise hatte alles, was ich dort draußen erlebte, eine eher beruhigende Wirkung auf mich. Die vielen Stunden zermürbenden Wartens im Keller, das dumpfe Dröhnen, das Zittern der Gebäude und die Ungewissheit waren schlimmer gewesen. Hier war wenigstens klar, dass der Sturm bereits über uns hinweggegangen war. Die Kampflinie hatte sich um etwa fünfhundert Meter Richtung Innenstadt bis zum Unterhaberberg verschoben. In dem hellen Licht sah ich, dass der Kirchturm stark beschädigt worden war und an Höhe verloren hatte. Wie es wohl meinen Freunden ergangen war, den Soldaten, die dort Stellung gehalten hatten, fragte ich mich besorgt und dachte an ihre letzten Worte beim Abschied.
Ich konnte trotz der Helligkeit nicht viel erkennen, denn die Kirchhofsmauer war zu hoch. Vermutlich waren sie gefallen, wenn sie sich nicht rechtzeitig mit der Infanterie zurückgezogen hatten.
Inmitten all diesen Geschehens trieb man uns immer weiter. Allmählich bildete sich ein Treck. Um nicht Ziel der vielen verirrten Kugeln zu werden, die ständig durch die Luft flogen, taten wir es den Russen gleich und bewegten uns nur in gebückter Haltung vorwärts.
Auf beiden Seiten unseres Zuges liefen Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett, es ging in südlicher Richtung stadtauswärts, zunächst über die Hauptstraße. Aber dort lagen Trümmer über Trümmer und so viele Tote, dass wir ständig über sie stolperten. Außerdem bildeten wir ein Hindernis für die Nachschubtransporte der Russen, die sich mühsam durch die Unmassen zerstörter Häuser und Kriegsgeräte einen Weg zu bahnen suchten. Die Toten überrollten sie dabei mühelos mit ihren Lastwagen. Also wurden wir über Seitenstraßen geführt. Wir liefen immer weiter, ohne Pause, begleitet von den drängenden Rufen der Russen. An Ausruhen war nicht zu denken.
Immerhin waren wir froh, dass wir bisher nicht misshandelt worden waren. Die ersten Soldaten, denen wir begegnet waren, alle Angehörige der kämpfenden Truppe, hatten einen disziplinierten Eindruck gemacht. Vermutlich waren sie viel zu sehr mit ihren Aufgaben beschäftigt, als dass sie Zeit für uns Zivilisten gehabt hätten. Je weiter wir liefen, desto dunkler wurden die Straßen. Wir erreichten schließlich nach ein paar Stunden mühsamen Wegs den Stadtteil Ponarth. Dort waren fast alle Häuser schon weitgehend niedergebrannt.
Wie aus heiterem Himmel änderte sich die Atmosphäre. Bisher hatten uns nur so viele Russen begleitet, wie zur Bewachung des Zuges nötig waren. Es hatte Ruhe geherrscht, wir waren mehr oder weniger schweigend vor uns hin getrottet. Doch nun wurden es mit einem Mal immer mehr Russen, zumeist Mongolen, die nicht im Kampfeinsatz waren, nichts zu tun hatten und herumstreunten. Sie kamen uns mit lautem Gejohle entgegen, dann begleiteten sie uns in wildem, ungestümen Schritt. Unter den Frauen kam Unruhe auf. Wer außen ging, wandte das Gesicht ab oder versuchte, sich ins Innere des Zuges zu drängen, während die Russen begannen, zudringlich zu werden. Das war der Moment, den wir alle gefürchtet hatten.
Mich packte entsetzliche Angst. Ich hielt mich am Ärmel meiner Mutter fest und war nichts als ein ganz normaler achtjähriger Junge. Als wir zu einem großen, langgestreckten Friedhof kamen, begannen die Russen ihr furchtbares Handwerk. Sie ergriffen Frauen aus dem Treck, zerrten sie über den niedergetretenen Friedhofszaun, warfen sie auf die Gräber, rissen ihnen die Kleider herunter und vergewaltigten sie vor aller Augen. Glücklicherweise schien nur fahles Licht. Die Angehörigen der Opfer blieben stehen, um sie in dem Zug nicht zu verlieren, trotz der drängenden Rufe unserer Begleitsoldaten, weiterzugehen. Der Zug geriet ins Stocken. Gegenüber der wilden Horde brutaler, misshandelnder Männer waren unsere Bewacher machtlos. Die Frauen wollten fliehen, kamen aber nicht vorwärts. Von hinten drängten die Nachkommenden, um möglichst schnell den Friedhof zu passieren.
Die Frauen schrien verzweifelt, die Russen brüllten drohend, die Angehörigen der Opfer jammerten laut, die Kinder zitterten vor Angst und weinten nach ihren Müttern – das Elend war unbeschreiblich. Die Älteren nahmen fremde Jungen und Mädchen in ihre Obhut, damit sie nicht sehen mussten, wie ihre Mütter vergewaltigt wurden. Dabei gingen die ersten Kinder verloren. Es war ein furchtbarer Jammer, ein Riesenunheil für uns alle, besonders aber für die armen, geplagten Frauen.
Auch meine Familie wurde nicht verschont. Zuerst wurde Tante Christel von einem Russen gepackt und auf den Friedhof gezerrt, es folgte die Frau von der Heißmangel. Meine Mutter versuchte, mich abzuschirmen, aber mit wenig Erfolg. Was dort passierte, ließ sich nicht verbergen. Meine Großmutter schrie laut und wollte Tante Christel nachlaufen, um sie zu retten. Doch einer der Bewacher schlug mit dem Gewehrkolben nach ihr. Ich nehme an, ihm verdankte sie, dass sie nicht auf der Stelle umgebracht wurde. Die Soldaten, die auf den Gräbern wüteten, hätten sie bestimmt erschossen.
Kaum war Tante Christel wieder zurück, verzweifelt und weinend, wurde sie erneut von einem Russen gepackt. Dies ging mehrere Male so, und Großmutter war völlig außer sich.
Es war für sie unerträglich, dass ihrer Tochter ein solches Leid geschah. Dann aber wurde auch sie selbst mehrmals Opfer der Brutalität der Russen. Nur meine Mutter blieb verschont, weil sie Siegbert auf dem Arm trug. Ich hatte ein Gefühl von größter Hilflosigkeit und grenzenloser Angst.
Als Tante Christel, wieder und wieder vergewaltigt, am Ende ihrer Kräfte, zu uns zurückkam und zusammenbrach, legte meine Mutter ihr zum Schutz Siegbert in die Arme. Das tat seine Wirkung. Die Männer ließen Tante Christel eine Weile in Ruhe, doch dafür war nun Mutter an der Reihe. Sie wurde grausam malträtiert, Blut lief ihr die Beine herunter, es war ja erst wenige Wochen her, dass sie Siegbert geboren hatte. Als wir endlich weitergehen konnten, öffnete Großmutter im Gehen einen Koffer und sagte mir, ich solle ein Tuch herausziehen. Meine Tante stopfte es Mutter zwischen die Beine. In dieser Situation war kein Raum für Scheu, Geniertheit oder Scham.