Mein Bruder stirbt

Wie ich diese Ereignisse überstand, ich weiß es nicht mehr. Ich ging einfach mit der Familie weiter vorwärts, Schritt für Schritt, trotz aller Müdigkeit, trotz meines Entsetzens. Ich konnte weder schreien noch weinen. Irgendwann kamen wir zu einem Gebäudekomplex. Ich las auf einem Straßenschild »Barbarastraße«. Wir passierten mehrere Häuser.

Auf einer Wiese vor einem Haus ließen wir uns erschöpft zu Boden fallen. Es wurde schon bald Morgen, wir waren am Ende unserer Kräfte. Den Bewachern gelang es nicht, uns weiterzutreiben. Sie hatten wohl eingesehen, dass es sinnlos wäre, und so ließen sie uns dort liegen. Das Gras war gefroren, es war eiskalt in dieser Nacht. Ich hielt das Steckkissen mit Siegbert im Arm. Aber er gab keinen Laut von sich.

Großmutter und Tante Christel betreuten meine Mutter, die in einem elenden Zustand war, die Frau von der Heißmangel ging los, um herauszufinden, was mit uns geschehen sollte. Ich sah mich um. Dort draußen vor der Stadt war es nicht ruhig, im Gegenteil, auch dort wurde noch immer gekämpft. Am Rand der Wiese, etwa einhundert Meter von uns entfernt, standen etwa zehn LKWs mit aufmontierten Stalinorgelbatterien, riesige Stapel Raketen waren daneben aufgeschichtet. Unablässig feuerten sie über unsere Köpfe hinweg in Richtung Innenstadt und erzeugten einen höllischen Lärm. Ich war trotz der späten Stunde hellwach und sah zu, wie die feuerspeienden rohrförmigen Geschosse mit hellem Feuerschweif auf die Stadt zuflogen.

Irgendwann forderten die Bewacher uns auf, aufzustehen und zu den großen Gebäuden in der Barbarastraße zurückzugehen. Viele Frauen versuchten, sich zu weigern, da sie fürchteten, wieder zum Friedhof gehen zu müssen. Doch die Russen führten uns in die halbausgebrannten Keller der Gebäude, wo wir den Rest der Nacht verbringen sollten. Es gab weder Betten noch Strohmatten noch sonst eine Unterlage. Wir ließen uns einfach auf dem nackten Betonfußboden nieder. Es gab auch nichts zu essen oder zu trinken. Ich hatte seit dem Morgen nichts mehr bekommen und nur aus dem Wasserhahn im Hausmeisterzimmer des Polizeigebäudes getrunken. Leider hatten wir Mutters Handtasche mit den Essensvorräten zwischenzeitlich verloren. Ich hatte schrecklichen Hunger und sagte es den anderen. »Wenn du noch Milch hast, kannst du doch Bullerchen welche geben«, meinte Großmutter. Doch Mutter erklärte, ihre Milch sei längst versiegt. Ich war viel zu müde, um darüber nachzudenken, was das für Siegbert bedeuten musste, und schlief vollkommen erschöpft und frierend ein.

Am nächsten Morgen sagte mir Mutter mit trauriger Stimme: »Bullerchen, ich muss dir etwas sagen: Unser kleiner Siegbert ist gestorben. Er ist heute Nacht ganz friedlich eingeschlafen.« Ich wusste genau, dass das nicht stimmte. Er war schon am Abend tot gewesen, hatte er doch weder geschrien noch gejammert, sondern war nur noch still gewesen.

Ich sagte kein Wort und weinte bitterlich um mein Brüderchen. »Es ist das Beste für ihn«, meinte Tante Christel, »Mutti hatte keine Milch mehr. Was hätte sie ihm zu essen geben sollen? Es wäre auch viel zu kalt für ihn. Jetzt ist er oben bei den Engeln, und da geht es ihm gut. Bestimmt passt er auch auf uns auf. Daran musst du immer denken.« Ihre Worte beruhigten mich kaum. Ich weinte und weinte, und bis heute kommen mir die Tränen, wenn ich an diesen Moment denke.

Dann mussten wir uns wieder aufmachen, die Russen führten uns weiter aus der Stadt ins freie Feld. Was sollte mit Siegbert geschehen? Wo konnten wir ihn begraben? Wir legten ihn in den Bezug des Steckkissens und trugen ihn, bis die Stadt hinter uns lag. Mutter wollte ihn gern schnell begraben, aber ich konnte mich nicht von ihm trennen und trug ihn wie einen Sack über der Schulter. Schließlich kamen wir zu einer Wiese, die noch vereist und teilweise mit Schnee bedeckt war. Ein kleiner, spatenbreiter Entwässerungsgraben führte vom Straßengraben in die Wiese. Tante Christel rief den nächsten Bewacher und bedeutete ihm mit verschiedenen Gesten, dass wir mein Brüderchen begraben wollten. »Charascho, dawai, bisträ, bisträ«, einverstanden, los schnell, schnell, sagte er nur, und so legten wir meinen toten Bruder ungefähr zehn Meter von der Straße entfernt in den kleinen Graben. Ich trat mit dem Stiefelabsatz ein paar Erdklumpen los, die wir über ihn legten. Darauf kehrten wir in den Treck zurück. Ich fürchte, die paar Erdklumpen waren wohl kein Hindernis für die vielen, damals herrenlos gewordenen, ausgehungerten Hunde.

Im Kriechtempo zogen wir weiter ins Ungewisse, während der Kampflärm in immer weiterer Ferne zu hören war. Wir waren voll Trauer über Siegberts Tod, zugleich kamen wir ein wenig zur Ruhe. Fürs Erste waren wir davongekommen. Selbst Hunger und Durst empfanden wir als nicht mehr so schlimm wie am Vorabend, und außer unseren Begleitsoldaten war von Russen weit und breit nichts zu sehen.

Wenn wir an einem Gehöft vorbeikamen, liefen wir hinein, um nach etwas Essbarem zu suchen, gegen den Protest unserer Bewacher. Leider hatten schon andere die Höfe geplündert. Die freigekommenen Fremd- und Zwangsarbeiter, die herumstreunten, waren genauso hungrig wie wir. Zudem waren sie aufs Plündern aus. Völlig heimatlos suchten sie überall nach etwas Brauchbarem, um zu überleben.

Da und dort fanden wir dennoch ein paar Lebensmittel. Einmal entdeckten wir eine ganze Karottenmiete und steckten uns die Taschen voll – ebenso wie unsere russischen Bewacher. Auch deren Brotbeutel waren inzwischen so gut wie leer. Plötzlich tauchten wieder wild aussehende Gestalten auf, zerlumpt, abgerissen und hungrig. Die Frauen erstarrten, ein erschrecktes Flüstern ging durch die Reihen. Drohte ihnen dasselbe Schicksal wie am Vorabend? Die Männer waren junge Polen, die als Fremdarbeiter nach Ostpreußen verschleppt worden waren. Die Rote Armee hatte sie befreit. Diese Männer stürzten sich auf die Frauen, nicht um sie zu vergewaltigen, sondern um sie ihrer Habe zu berauben. Taschen und Koffer wurden ihnen aus den Händen gerissen und am Straßenrand ausgeschüttet, der Inhalt mit den Füßen durchwühlt. Es entstand ein Riesengeschrei und -durcheinander. Ich war mittendrin im Geschehen und tat, was ich konnte, um die Räuber abzuwehren. Als ein Ring aus Tante Christels Tasche fiel, stellte ich schnell meinen Fuß darauf. Niemand bemerkte es, nicht einmal meine Tante. Als die Polen sich über die nächsten Frauen und ihre Habseligkeiten hermachten, hob ich den Ring schnell auf und ließ ihn in meiner Hosentasche verschwinden. Erst am Abend zeigte ich Tante Christel den Ring, und sie war sehr froh. Mutter meinte, es sei am besten, dass ich ihn bei mir behielt, da sei er am sichersten. So geschah es dann auch. Erst als Christel von uns getrennt werden sollte, nahm sie ihn zurück. Es war der einzige Gegenstand von Wert, der ihr geblieben war.

Bei allem, was passierte, dachte ich immer noch voll Trauer an Siegbert. Auch meine Mutter, Großmutter und Tante Christel waren tief betrübt. Zugleich waren wir dauernd damit beschäftigt, ums Überleben zu kämpfen. Abends erreichten wir eine Endmoränenlandschaft, Hügel und kleine Täler, so weit der Blick reichte, und die russischen Soldaten führten uns auf eine große Wiese. Dort und auf dem nächsten Hügel sahen wir eine Menge gefangener deutscher Soldaten, es müssen etwa tausend gewesen sein. Ihr Anblick stimmte uns froh, wir fühlten uns weniger allein. Die Gefangenen hatten von den Russen Brot und Wasser für ihre Feldflaschen bekommen und teilten mit uns. Dafür bekamen sie Mohrrüben aus der Miete.

Auf der nahen Straße schlängelte sich eine nicht enden wollende LKW-Karawane. Die Wagen fuhren mit hellen Scheinwerfern, deutsche Abfangjäger waren nicht mehr zu befürchten. Ich wollte meinen Augen nicht trauen, als ich bemerkte, dass auf die Motorhauben ein großer weißer Stern gesprüht war – ein amerikanischer, kein russischer roter Stern, den ich nur allzu genau kannte. Es waren nagelneue Fahrzeuge, nicht die üblichen russischen Klapperkisten, die wir bislang zu Gesicht bekommen hatten. Die Russen hatten Tausende von LKWs, die ihnen die Amerikaner geliefert hatten, so in Betrieb genommen, wie sie waren. GMC (General Motors Corporation) stand auf dem Kühler und an der Seite der Preis: This vehicle costs ... US-Dollar. Diesen Text prägte ich mir ein (die Zahl vergaß ich). Verstanden habe ich ihn erst viel später.

In der kommenden Nacht gab es keinen Keller zum Übernachten, sondern nur den kahlen, eiskalten Boden in freier Natur. Mutter hüllte sich und mich in ihren Pelzmantel, Großmutter legte sich vor mich und Tante Christel dicht neben Mutter. Dahinter lag die Frau von der Heißmangel. So aneinandergedrängt, überstanden wir die Nacht auf der gefrorenen Wiese. Das monotone Gebrumm Hunderter schwerer Transporter begleitete mich in den Schlaf.

Am nächsten Morgen ging unsere Odyssee weiter. Irgendwann erreichten wir einen kleinen Ort namens Löwenhagen, ostsüdöstlich von Königsberg, während man uns zuvor nach Südwesten getrieben hatte. Wir waren an die hundert Kilometer gelaufen, ein weiter Marsch für uns alle. Eigentlich waren wir am Ende unserer Kräfte, aber die Situation forderte mehr von uns, und offensichtlich hatten wir noch Reserven. Ich lernte in diesen zwei Tagen meine ersten elf russischen Wörter: charascho, dawai, bisträ, ruki, werch, woina (Krieg), kaputt, chleb (Brot), Ruski (Russe), matka (Mutter), woda (Wasser) und Njemjetzki (Deutsche).

In Löwenhagen forderten die Russen uns auf, uns an einer Kreuzung zu versammeln, in deren Mitte eine große alte Eiche stand, daneben ein Kriegerdenkmal von 1914/18. »Was haben die jetzt mit uns vor?«, fragte ich mich unruhig. Da stieg ein Dolmetscher auf einen Panjewagen, einen in dieser Gegend typischen Holzwagen der Bauern, und ordnete an: »Alle Männer dort drüben hin, die Frauen und Kinder hier rüber.« Dann fuhr er fort: »Alle Männer über fünfzehn und unter sechzig hierher, alle Frauen ohne Kinder über sechzehn und unter fünfzig ebenfalls.«

Diese beiden Gruppen waren für sowjetische Arbeitslager bestimmt. Das allerdings erfuhr ich erst Jahrzehnte später. Auch Tante Christel gehörte zu ihnen. Würden wir sie je wiedersehen? Wir verabschiedeten uns unter Tränen. Besonders Großmutter war untröstlich.

Wir anderen, Mütter mit Kindern, alte Frauen und Männer und ganz junge Mädchen und Jungen ohne Eltern wurden zu einem Treck zusammengetrieben und setzten uns wieder in Bewegung. Wir sahen uns nach Tante Christel um und versuchten, ihr zuzuwinken. Doch sie verschwand bald aus unserem Blickfeld. Wir waren alle sehr traurig. Nach zwei Stunden Marsch erreichten wir erneut eine Wiese und unsere Bewacher bedeuteten uns, dass wir dort übernachten dürften. Leider gab es keine deutschen Soldaten, mit denen wir das Brot hätten teilen können, und auch diese Nacht war wieder sehr kalt.