Als wir am nächsten Morgen aufwachten, stellten wir fest, dass unsere Bewacher verschwunden und wir offenbar uns selbst überlassen waren. Was sollten wir tun? Wir beratschlagten eine Weile, bis sich herausstellte, dass alle den Wunsch hatten, nach Königsberg zurückzukehren. Wir wussten, was mit unserem Haus geschehen war, andere hofften vielleicht, ihre Wohnung vorzufinden. Nur zögernd setzte sich unser Zug in Bewegung, doch je mehr wir uns Königsberg näherten, desto schneller wurden wir. Bald würden wir zu Hause sein und das sinnlose Umherziehen sowie die Angst vor marodierenden Russen, das alles war erst einmal vorbei. Wie sah es in der Stadt wohl aus? Nachdem wir den Angriff erlebt hatten, war uns klar, dass wir nicht viel anderes vorfinden würden als zerstörte Häuser. Und doch hatten wir die Hoffnung, irgendwo eine Bleibe zu finden. Da wir von allen Nachrichten abgeschnitten waren, wussten wir nicht, ob der Krieg anderswo in Deutschland noch fortdauerte. Hin und wieder kam es mir so vor, als ob es unser Heimatland gar nicht mehr gäbe. Es war ein unheimliches Gefühl, so gar nicht zu wissen, was geschehen war.
An der Stadtgrenze angekommen, wurde deutlich, dass die Kämpfe beendet waren. Die von der NS-Propaganda vielbeschworene »Festung Königsberg« war gefallen. Am Rand der Stadt musste eine erste Frontlinie verlaufen sein. Überall auf den Straßen, in den Gräben, in den Vorgärten lagen tote Russen. Und ich sah auch zum ersten Mal tote Wehrmachtssoldaten. Sie lagen offenbar alle genau an der Stelle, an der sie getroffen worden waren, Russen wie Deutsche. Niemand hatte sich darum gekümmert, die Toten zu begraben. Wie lange würden sie da noch liegen?
Mutter jammerte, als sie die vielen Leichen sah, ihr liefen die Tränen herunter, und sie sagte: »Wenn Vater jetzt auch irgendwo so herumliegt, dort in Norwegen!« Ich tröstete sie, so gut ich konnte und sagte, Vater würde bestimmt noch am Leben sein. Ich glaubte wirklich daran. Großmutter schaute immer nur zur Seite. Mich berührten die vielen Toten auch, aber anders als Mutter und Großmutter. Ich achtete mehr auf die Umstände, wie sie gefallen waren, und versuchte mir anhand der sichtbaren Verletzungen vorzustellen, wie die Kämpfe abgelaufen waren. Zugleich fielen mir die großen Unterschiede in Uniform und Waffenausrüstung auf. Irgendwie war ich zu erschöpft und abgestumpft, um Mitleid oder Trauer zu empfinden. Es war wohl so, dass ich im Vergleich zu dem Schlimmsten, das ich bis dahin erlebt hatte – dem hilflosen, völlig nutzlosen Schreien der gepeinigten Frauen und ganz besonders meiner Mutter – die so friedlich und still daliegenden Gefallenen als nichts Bedrohliches oder Furchtbares empfand. Gleichwohl machte ich einen Unterschied zwischen toten Russen und Deutschen und war sehr befriedigt, als ich feststellte, dass offensichtlich sehr viel weniger unserer Soldaten umgekommen waren.
Ich registrierte alles, was ich sah, sehr genau. Mein Kopf funktionierte wie eine Kamera, und bis heute laufen all die gespeicherten Bilder wie ein Film vor mir ab. Als wir über die Hauptstraße Richtung Innenstadt gingen, stellte ich fest, dass auch dort unzählige Tote lagen. Man hatte sie zu beiden Seiten der Straße aufgehäuft. Die Russen brauchten offenbar Platz für ihren Nachschub.
Schließlich erreichten wir im Ortsteil Rosenau das Gelände der Bölke- und Immelmann-Kaserne, ungefähr einen Kilometer vom Ortskern entfernt. Dort begann unser Treck, sich aufzulösen. Die meisten Leute waren am Ende ihrer Kräfte. Wir entdeckten nahe bei der Kaserne eine Villa, vermutlich das Privathaus des Kommandanten der Kaserne. »Vielleicht können wir hier erst einmal bleiben«, meinte Mutter. Und so beschlossen wir, uns dort niederzulassen. Unser Haus am Preyler Weg war bestimmt niedergebrannt. Wo sollten wir sonst hin? Außerdem war Mutter so geschwächt, dass sie keinen Schritt mehr hätte gehen können. Andere Leute aus dem Treck zogen weiter in der Hoffnung, in der Stadt eine Bleibe zu finden.
Wir waren allerdings nicht die Einzigen, die die Idee hatten, in der Villa Zuflucht zu suchen. Die drei Zimmer im Parterre und die drei im ersten Stock waren bereits belegt. Doch oben war eine winzige Kammer frei, deren Fenster zerbrochen war. Nur ein schwarzes Luftschutzrollo, das sich noch herunterziehen ließ, schützte vor Kälte. Dort ließen wir uns nieder. In der Kammer standen zwei Bettgestelle, zwischen denen ein ganz schmaler Gang war. Bettwäsche und -decken gab es nicht, auch die Tür war herausgerissen und genau wie das Treppengeländer von den Russen verfeuert worden. Mutter und ich schliefen in dem einen, Großmutter in dem anderen Bett. Unsere Sachen brachten wir unter den Gestellen unter. Die Frau, die uns begleitete, legte sich auf den Fußboden. Wie glücklich waren wir, dass wir diese Bleibe gefunden hatten und nicht mehr unter freiem Himmel auf einer eiskalten Wiese übernachten mussten!
Doch damit waren nicht alle Probleme gelöst. Wir hatten schrecklichen Hunger. »Wo finden wir bloß etwas zu essen?«, fragte Mutter. Gemeinsam mit Großmutter ging sie zu anderen Bewohnern des Hauses, um zu überlegen, wie man Lebensmittel organisieren könnte. Es gab nur zwei Möglichkeiten, an Essbares heranzukommen, und beide hatten mit uns Kindern zu tun: betteln zu gehen oder umliegende Ruinen nach Essen zu durchsuchen. Die Frauen und Mädchen waren durch die Russen zu sehr gefährdet. Also wurde beschlossen, dass wir Jungen alles versuchen sollten, damit wir nicht verhungern mussten. Die Frage, wie man halbwegs satt werden konnte, bestimmte von nun an mein ganzes Denken und Tun. Nicht nur für ein paar Tage, Wochen oder Monate, sondern für Jahre.
In dem großen Hof bauten wir uns wie viele andere eine kleine Kochstelle. Dazu holte ich Ziegelsteine vom Kasernengelände und schichtete sie in zwei Reihen auf, jeweils drei übereinander. Darüber legte ich einen auch in der Kaserne gefundenen Fußabtrittsrost, den ich abends sicherheitshalber unter dem Bettgestell versteckte.
Wasser bekamen wir aus einem großen Ziehbrunnen im Hof. Ob das Wasser sauber war? Oder hatten es vielleicht die Wehrmachtssoldaten vor Aufgabe der Kaserne vergiftet? Wir zögerten eine Weile, aber bald siegte unser Durst, und wir trauten uns, das Wasser zu trinken.
Nach kurzer Zeit hatte ich mit den paar gleichaltrigen Jungen, die ebenfalls in der Villa wohnten, eine Art Horde gebildet. Neben dem Essen-Suchen gab es viel zu tun, damit wir und unsere Familien dort überleben konnten. Das Wichtigste war das Wegschaffen der Leichen, die allmählich verwesten und die Atmosphäre verpesteten. Gleich neben dem Brunnen lag ein zerschossener Wehrmachtspferdewagen. Die beiden toten Pferde hingen noch in den Sielen, ihre Leiber waren dick aufgedunsen, daneben lagen zwei deutsche Soldaten, von denen einer sein Fernglas an einem Lederriemen um den Hals trug. Auch ihre Körper verwesten bereits. In der Luft lag ein süßlicher Geruch, von dem einem ganz übel wurde. Da wir das Wasser aus dem Brunnen tranken, schien es uns wichtig, Wagen, Pferde und Soldaten möglichst schnell wegzuschaffen. Wir fanden in einem Gebäude eine Tür, legten den ersten Toten darauf, trugen ihn gemeinsam über die Straße und rollten ihn zu den anderen Leichen, die dort bereits lagen. Darauf folgte der zweite. Dessen Fernglas nahmen wir vorher ab. So ein kostbarer Gegenstand konnte ein wichtiges Tauschobjekt gegen Essbares sein.
Leider gelang es uns nicht, die riesigen Pferde wegzuschaffen. Sie waren einfach zu schwer. Und so blieb uns nichts anderes übrig, als uns an ihren üblen Gestank zu gewöhnen. Sie blieben noch etliche Tage liegen, bis sie nach etwa zwei Wochen von deutschen Kriegsgefangenen unter Aufsicht russischer Soldaten abtransportiert wurden. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite ließ man sie in einem Wiesenfeld halb eingraben, halb zuschütten.
Nicht nur der Hunger bedrohte uns. Auch die Russen machten uns wieder zu schaffen. Deshalb blieben die Frauen und jungen Mädchen tagsüber im Haus. Es herrschte dichtes Gedränge, denn es wohnten an die hundert Leute dort. In jedem der größeren Zimmer lebten mindestens fünf Mütter mit ihren Kindern, unten in der Waschküche hauste ein altes Ehepaar.
Die hygienischen Zustände waren furchtbar. Es gab kein fließendes Wasser und damit auch keine funktionierenden Toiletten. Den Frauen blieb nichts anderes übrig, als nachts hinter das Haus zu gehen, wo wir schon tagsüber gewesen waren. Die schlimmste Bedrohung für die Frauen waren nicht die Russen in der Kaserne, sondern die großen Horden betrunkener, grölend umherziehender Russen. Sehr bald hatte sich unter ihnen herumgesprochen, wie viele Frauen in unserem Haus lebten. Es gab keine Haustür, und so konnte jeder unbehelligt hinein. Die Frauen schützten sich, so gut sie konnten. Durch eines der oberen Zimmer gelangte man in einen Verschlag in der Dachschräge hinter einer Tapetentür. Dort oben versammelten sich die zwölf- bis fünfzehnjährigen Mädchen des ganzen Hauses jeden Abend, um die Nacht zu verbringen. Sie nahmen einen Eimer mit und verriegelten die Tür von innen. Die Mütter legten allerlei Gerümpel vor die Tür, die so in der Dunkelheit nicht mehr zu erkennen war. Dieses Versteck blieb die ganze Zeit, in der wir dort wohnten, unentdeckt. Allerdings fanden nur die Töchter Schutz. Die Mütter mussten jede Nacht schlimme Vergewaltigungen über sich ergehen lassen, während ihre Töchter hinter der Tür ihr Weinen, Schreien und Schluchzen hörten.
Auch wir in der Kammer blieben von diesen Gewalttaten nicht verschont. Eines Nachts wurde ich durch große Unruhe in unserem Bett wach und merkte erst langsam, dass gerade ein Russe dabei war, meine Mutter zu vergewaltigen. Die Frau von der Heißmangel zog mich vorsichtig aus dem Bett und ich legte mich zu Großmutter, während meine Mutter diesen Mann ertragen musste. Da wir auch in den nächsten Nächten mit solchen Übergriffen zu rechnen hatten und die Russen offenbar keine Rücksicht auf Kinder nahmen, schlief ich fortan bei Großmutter im Bett.
Nacht für Nacht fanden die Vergewaltigungen statt, in Gegenwart der vielen Kinder, und die Frauen, die zuerst versucht hatten, sich zu sträuben, gaben auf und ließen es schnell und still über sich ergehen, um uns zu schonen. Wir sollten möglichst wenig mitbekommen. Außerdem wäre es ganz sinnlos gewesen, sich zu wehren. Zu Mutter kam jede Nacht derselbe russische Offizier. Sie war noch froh, dass nicht immer verschiedene Männer kamen, und sie ertrug es, ohne zu klagen. Tagsüber hörte ich manchmal Gespräche der Frauen, in denen es darum ging, wie man es schaffen könnte, nicht schwanger zu werden. Irgendjemand sagte, dass man Tabletten nehmen könnte. Vielleicht habe ich das nur nicht richtig verstanden, vielleicht glaubten manche Frauen tatsächlich, dass es so etwas damals schon gab.
Tag für Tag fuhren stundenlang Nachschubkolonnen aus dem Osten über die Straße an unserem Haus vorbei, Panjewagen, gezogen von einem kleinen Panjepferd. Es waren niedliche, kleine struppige Tiere. Auf der Ladung saßen zwei Soldaten und hinter jedem Wagen liefen zwei oder drei Ersatzpferde mit. Während die Wagen vorbeizogen, standen wir an der Straße und bettelten bei den Kutschern um ein Stück Brot. Wir hatten gelernt zu sagen: »Ruskij, daj mnje chleb«, Russe, gib mir Brot, erst später lernten wir auch, bitte, pashalista, zu sagen. Inzwischen konnte ich also vier weitere russische Wörter.
Uns Kindern gegenüber waren die Russen meistens freundlich und gaben uns das gewünschte Brot, einer warf mir sogar ein Paket Leibnizkekse zu, die mit den Zähnchen ringsherum. Es war offensichtlich Beutegut. Überhaupt stammte vieles von dem, was die Russen auf ihren Wagen hatten, aus erbeuteten Magazinen. Nur zweimal habe ich erlebt, dass ein Russe mir nichts geben wollte. Ich sagte wie gewohnt mein Ruskij dia mnje chleb auf, und schon verspürte ich einen Peitschenschlag im Gesicht. »Chitler Chleb!«, soll dir Hitler doch Brot geben, brüllte der Mann und fuhr mit seinem Wagen weiter. Ähnliches sollte mir später noch einmal passieren.
Etwa eine Woche, nachdem wir in der Villa bei der Kaserne Unterschlupf gefunden hatten, ereignete sich etwas, worauf wir tagelang gehofft, worauf wir geradezu gelauert hatten: dass irgendwann eines der Panjepferde nicht weiterkonnte, möglichst hier bei uns in der Nähe. Eines der Pferdchen lahmte, der Kutscher spannte es aus, führte es zum Straßengraben, zog die Pistole und erschoss es. Dann kam ein Ersatzpferd vor den Wagen, und er fuhr weiter.
Wir warteten bis zum Ende der Kolonne, denn wir trauten uns erst an das Pferd heran, nachdem die Russen weg waren. Im Haus machte das Ereignis wie ein Lauffeuer die Runde. Der Mann, der in der Waschküche wohnte, zerlegte das Tier mit Axt und Messer. Daraufhin ging ein wahrer Ansturm auf das Fleisch los. Die Leute kamen mit Messern, Eimern und Schüsseln herbeigelaufen, schließlich hatten sie seit Wochen weder Fleisch noch sonst kaum etwas zu essen bekommen. Nach kurzer Zeit lagen nur noch das Fell, der Kopf und die Hufe im Straßengraben, und alle schleppten glücklich das ihnen zugeteilte Fleisch ins Haus. Jetzt lohnte es sich endlich wirklich, die Kochfeuer im Hof in Betrieb zu nehmen.
Wenn keine Nachschubkolonnen vorbeizogen, machten wir Jungen uns auf die Suche nach anderen Nahrungsmitteln. Wir hatten inzwischen die Gegend erkundet, die Kasernenanlage war uns bestens vertraut. Diese Gänge waren nicht ungefährlich; in den Vorgärten der Kasernenbauten entlang der Straße steckten zahlreiche oben angewinkelte rote Eisenstäbe, daran ein kleiner gelber Winkel mit einem schwarzen Totenkopf. Wie ich aus meiner bescheidenen »militärischen« Erfahrung wusste, waren daneben Minen vergraben. Offenbar hatten die deutschen Soldaten das Kasernengelände überstürzt verlassen und diese Markierungen nicht mehr entfernen können. Ein Glück für uns, aber auch für die Russen.
In einem der Keller fanden wir einen riesigen Berg Kartoffeln, in einem anderen Rote Beete. Damit hatte unser Hunger wenigstens vorübergehend ein Ende. Jeden Tag gab es Pellkartoffeln, gekochte Rote Beete und manchmal auch ein erbetteltes Stück Brot dazu. Wir aßen die Vorräte in verschiedenen Variationen: Brot mit kalten Pellkartoffelscheiben, Brot mit Rote Beete, warme Pellkartoffeln mit kalten Rote Beete. Das sorgte für Abwechslung. Es war ein herrliches Gefühl, einmal nicht mehr hungern zu müssen.
Unsere Feuerstelle im Hof konnten wir nun jeden Tag benutzen. Meistens kochten wir Jungen oder die jüngeren der Mädchen, die sich gefahrlos draußen zeigen konnten. Brennholz fanden wir Jungen zur Genüge in Gebäuden und Lagerhallen. Wir bauten Geländer ab, rissen Zäune aus und trugen Möbel nach draußen. Mit der Zeit wurden wir sehr geschickt im Umgang mit der Axt. Das Holz luden wir auf einen Handwagen und fuhren es zu den Kochstellen. Im Feuermachen wurden wir von Tag zu Tag geschickter. Der Geruch der blasenwerfenden Farbe auf dem angezündeten Holz liegt mir noch heute in der Nase. Nur die Augen tränen nicht mehr.
Waren Hunger und Durst unserer Familien gestillt, hatten wir endlich frei. In den Lagerhallen machten wir interessante Funde, die uns tagelang beschäftigten. In einem Schrank entdeckten wir Unmengen Ausschneidebögen, mit denen man sämtliche deutschen und russischen Panzerfahrzeuge zusammenkleben konnte. Wahrscheinlich war es Unterrichtsmaterial für die Soldaten gewesen, damit sie unsere und auch die feindlichen Panzer besser kennenlernten.
In einer großen Halle fanden wir, in Regalen sortiert, die Ausstattung von Kantinen und Feldküchen: Wasser- und Kaffeekannen, Schaumlöffel, Schöpfkellen, Kochgeschirre, Feldflaschen, Essbestecke, Kochtöpfe aller Größen, faltbare Aluminium-Essbestecke, Siebe und sogar Fliegenfänger, immer hundert Stück in einem Karton. Ganz wichtig waren die Streichholzpakete, denn diese waren mehr als rar und zum Kochen und Heizen unerlässlich. Wir nahmen uns von diesen Gegenständen, was zum Kochen gebraucht wurde, und brachten es auf dem Handwagen zu den Erwachsenen ins Haus.