Nachdem wir ein paar Wochen bei der Kaserne gelebt hatten, war es mit unserer grenzenlosen Freiheit auf dem Gelände vorbei. Die Russen schufen eine Militärverwaltung und führten eine gewisse Ordnung ein. Das machte uns das Leben leichter. Die Vergewaltigungen ließen nach, denn die einfachen Soldaten streunten nicht mehr ungehindert durch die Gegend, unsere Mütter und die jungen Mädchen konnten nach Wochen endlich auch tagsüber das Haus verlassen. Leider sorgten die Russen aber nicht für Verpflegung, und da sie nun immer häufiger auf dem Kasernengelände zu sehen waren, wurde es schwerer für uns, an Essbares und Brennholz heranzukommen. Unsere Kartoffeln und Rote Beeten hatten sie nämlich inzwischen auch entdeckt, und so konnten wir uns keine mehr holen.
Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wie es uns gelungen ist, doch noch etwas zu essen zu finden. Wir bettelten weiter bei den Russen um Brot, suchten in den Ruinen nach Nahrungsmitteln. Wir weiteten unseren Radius aus und gingen immer öfter in die Ruinen von Rosenau, drangen in Häuser und Fabriken ein und nahmen alles mit, was irgendwie essbar schien. Unterwegs begegneten wir oft anderen Menschen, die auch nach Nahrung suchten, und wenn man etwas gefunden hatte, gab man sich gegenseitig Tipps. Diese allerdings waren nicht immer richtig, manchmal wurde man in die Irre geführt. Meistens erreichten uns solche Botschaften auch erst, wenn schon alles weggeholt worden war.
Die Russen wiesen endlich deutsche Kriegsgefangene an, die noch immer überall in unserer Gegend herumliegenden, stark verwesten Toten zu begraben. Diese wurden auf ein Feldstück geschleppt und dort in eine zuvor ausgehobene Grube geworfen. Von einem Panjewagen aus wurde Löschkalk darübergeschüttet, dann die Grube geschlossen. All das geschah vor unseren Augen, und wir verfolgten es eher mit Interesse als mit einem Gefühl des Grauens. Am Ende waren wir froh, dass endlich der unangenehme, Übelkeit erregende Verwesungsgeruch verschwand.
Doch damit waren noch lange nicht alle Toten begraben. Wir entdeckten immer neue Soldatenleichen und tote Zivilisten, wenn wir in Häusern und Fabriken nach Essbarem suchten. Einmal fanden wir in einem Schlachthof zwei deutsche Soldaten an ihrem Maschinengewehr. Wir schenkten ihnen kaum Beachtung, hatten wir doch gehört, dort gäbe es Pökelfleisch in Fässern. Leider fanden wir nichts mehr davon, dafür aber Fässer mit einem bräunlichen Fett. Da wir uns in einem Schlachthof befanden, nahmen wir an, dass man es essen konnte, und nahmen es mit. Mit Salz darauf schmeckte es gar nicht so schlecht. Ich habe nie erfahren, was es eigentlich war. Manche meinten, es sei Pferdefett, andere nannten es Knochenfett. Wie auch immer, wir hatten keine Wahl. Das Wichtigste war, dass man etwas bekam, das sattmachte. Im Grunde konnten wir von Glück sagen, dass wir das braune Fett entdeckt hatten. Etwas zu essen zu finden, war eine Frage von Leben und Tod. Es begann eine Zeit großer Hungersnot, viele Menschen kamen zu Tode. Vor allem bei den Älteren, die weniger kräftig und agil waren als wir, begann das große Sterben. Aber wir wussten, dass auch wir bald verhungern würden, wenn nicht endlich Hilfe kam.