Sie kam plötzlich und unerwartet. Es war Ende April 1945. Die Russen hatten beschlossen, auch die Kaserne ganz in der Nähe unseres Gebäudes zu beziehen. Zu diesem Zweck ließen sie von deutschen Kriegsgefangenen alle Minen vor dem Gebäude entfernen und kontrollierten darauf das gesamte Gelände mit Minensuchgeräten. Für uns Jungen ein interessantes Schauspiel, das wir aus nächster Nähe betrachteten.
Ein paar Russen kamen zu uns ins Haus und wählten eine Schar von Frauen aus, unter ihnen auch meine Mutter. Unsere Mütter baten, uns mitnehmen zu dürfen, da sie sich vor Vergewaltigungen schützen wollten. Die Russen hatten jedoch etwas ganz anderes mit ihnen vor. Die Frauen sollten die im Keller gelagerten Kartoffeln in einen anderen, vorher auf Minen untersuchten Raum schaufeln, da die Russen unter den Kartoffeln versteckte Minen vermuteten. Ein Himmelfahrtskommando für Frauen mit Kindern, ganz sicher ein Verstoß gegen internationale Konventionen.
Unseren Müttern blieb nichts anderes übrig, als die verlangte Arbeit zu erledigen, und sie machten sich beherzt ans Werk. Ich muss sagen, dass ich meine Mutter dafür sehr bewunderte. Als alles überstanden war, gab es immerhin eine Belohnung, einen ganzen Sack Kartoffeln. So würden wir also noch nicht in den nächsten Tagen verhungern.
Wenig später hatte ich ein aufregendes Erlebnis, das unsere Lage noch weiter verbesserte. Eines Nachmittags ging ich auf der Suche nach Essbarem zu dem unweit der Kasernen verlaufenden Eisenbahndamm. Es war die Strecke Insterburg-Königsberg, und die Schienen führten von Osten kommend stadteinwärts. Drei Güterwagen lagen neben den Gleisen, beschädigt, aber nicht ausgebrannt. Ich kroch ohne jede Furcht hinein, aber leider konnte ich nichts zu essen finden und wollte mich schon auf den Nachhauseweg machen, als ich auf den Schienen von Königsberg her einen Mann herankommen sah, der schon von weitem auf den Fingern nach mir pfiff. Als er sich näherte, sah ich, dass er ein russischer Matrose war. Offenbar war er mit einem Kriegsschiff nach Königsberg gekommen und wollte dort Beute machen. Was das hieß, war mir nur allzu bekannt. Mit dem Ruf »Uri, Uri« stürzten sich die russischen Soldaten gern auf uns und durchsuchten die Erwachsenen nach Uhren. Ich hatte manche gesehen, die den ganzen Unterarm mit Uhren zugepflastert hatten. Deshalb rechnete ich damit, dass der Mann auch von mir etwas bekommen wollte, lief aber nicht weg. Ich hatte keine Angst, denn die Russen waren zu uns Kindern fast immer freundlich. Mal sehen, was er will, sagte ich mir. Ich hatte inzwischen durch den Umgang mit den Soldaten genug Russisch gelernt, um mich ganz gut zu verständigen. Ich war längst über die ersten zehn Worte hinausgekommen. Auch die Russen kannten ein paar deutsche Wörter, und der Rest wurde mit Zeichensprache erledigt.
Als der Matrose vor mir stand, wollte er zuerst von mir wissen, ob ich eine sistra oder matka, eine Schwester oder eine Mutter hätte. Ich verneinte die Frage, und er glaubte mir sofort. In der Gegend liefen viele Kinder allein herum, die ihre Eltern und Familien verloren hatten. Danach fragte er mich nach einer Uhr, zog aus der Uniformtasche eine Tafel Beuteschokolade und reichte sie mir.
Ich überlegte blitzschnell. Mutters kleine goldene Armbanduhr steckte in Großmutters Brustbeutel. Brauchten wir sie eigentlich? Im Grunde war sie von keinem großen Nutzen. Tragen konnte man sie sowieso nicht und Zeit zählte im Moment wenig, viel wichtiger war, dass man etwas zu essen bekam. Und Mutter würde bestimmt einverstanden sein.
Ich fing an, mit dem Russen um den Preis zu feilschen. Am Ende versprach er mir, vier ganze Brote, Butter, Schinken, Wurst und Zucker, lauter Kostbarkeiten mit allergrößtem Seltenheitswert. Besonders um den Zucker habe ich verhandelt. Man konnte ihn so gut auf das Brot streuen und musste es nicht trocken essen. Ich machte dem Mann auch klar, dass ich große Mengen haben wollte. Zwar kannte ich das Wort für Rucksack nicht, aber ich legte zwei Daumen an den eingewinkelten Armen seitlich vor die Brust, beugte mich leicht nach vorn und beschrieb mit den Armen eine große Kugel in der Luft. Der Matrose verstand, nickte und sagte: »Da, da«.
Wir verabredeten uns für den nächsten Nachmittag. »Wenn die Sonne an diesem Punkt am Himmel steht«, sagte ich, zeigte nach oben, und er nickte wieder.
Danach beobachtete ich, wie der Mann über die Gleise zurücklief, und blieb noch eine Weile am Bahndamm sitzen. So konnte ich sicher sein, dass er mir nicht folgte.
Zu Hause berichtete ich Mutter und Großmutter von meiner Begegnung. Meine Mutter dachte praktisch und erklärte sich sofort bereit, ihre Uhr herzugeben. Allerdings fürchtete sie, der Russe könnte mir die Uhr einfach mit Gewalt entreißen und mich danach umbringen. »Ein Toter mehr oder weniger in dieser Zeit, das fällt doch keinem auf. Kein Hahn wird danach krähen«, meinte sie zweifelnd. »Ich kenne den Mann doch«, sagte ich. »Er wird mir schon nichts tun. Außerdem bringt er Essen mit.« Mutter und Großmutter waren besorgt um mich. »Du bist zu klein, um solche Geschäfte zu machen«, erwiderte Mutter. »Aber wir brauchen doch was zu essen«, sagte ich immer wieder. »Wo wollt ihr sonst was hernehmen, und ich habe solchen Hunger!«
Am Ende gelang es mir, Mutter und Großmutter zu überzeugen, dass das Unternehmen nicht so gefährlich war, wie sie fürchteten. Am nächsten Tag war ich schon mittags, als die Sonne noch hoch am Himmel stand, am vereinbarten Ort auf den Schienen, lange vor der verabredeten Zeit. Ich wollte sicher sein, dass ich in dem weit einsehbaren Gelände von niemandem beobachtet wurde. Ich ließ mich auf den Gleisen nieder und steckte die Uhr in meinen Strumpf, seitlich unter dem Knöchel. Ich wollte verhindern, dass der Matrose mir den kostbaren Gegenstand einfach wegnehmen konnte. Dann zog ich meinen hohen Schnürschuh wieder an und stellte erfreut fest, dass ich darin ganz normal gehen konnte, ohne zu humpeln. Ich wollte nämlich auf keinen Fall sein Misstrauen erregen.
Schließlich entdeckte ich den Matrosen in der Ferne. Ich versuchte zu erkennen, ob er etwas bei sich hatte. Tatsächlich trug er einen Zich, den typischen russischen Rucksack. Das war ein großer Stoffbeutel, der an einer Schmalseite offenblieb, damit man Dinge hineinstecken konnte. An den beiden unteren Ecken war je ein Stein, und um die beiden Ecken wurden die beiden Enden eines Bandes geknotet. Mit der dadurch entstandenen Schaukel band man den zusammengerafften Beutel am oberen Ende zu, und schon hatte man einen Rucksack.
Der Matrose winkte mir von weitem zu und deutete auf den dicken Sack auf seinem Rücken. Jetzt könnte ich noch schnell weglaufen, dachte ich, doch das kam natürlich nicht infrage. Ich nahm all meinen Mut zusammen und wartete, bis er wieder vor mir stand.
»Zeig die Uhr«, sagte er.
»Ich habe sie mit, aber ich habe sie vergraben«, bedeutete ich ihm. »Zeig mir, was du mitgebracht hast.« Wir setzten uns einander gegenüber, jeder auf eine Schiene. Er packte alles aus und legte es auf eine der Eisenbahnschwellen. Ich sah Dinge, die ich seit Monaten nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte: Schinken, Wurst, Käse, Brot, Butter und Zucker. Es war unendlich viel, mehr als ich erwartet hatte. Woher er das wohl alles hatte? Von seinem Schiff? Hatten die Matrosen mehr zu essen als die Landtruppen? Offenbar gab es an Bord mehr als Brot und Kascha, den dicken Brei aus Graupen oder Buchweizen.
Als die Sachen vor uns lagen, sagte ich mir, dass der Russe sie bestimmt nicht hierhergetragen und ausgepackt hatte, um sie wieder mitzunehmen, und dass er es ehrlich meinte. »Charascho? Alles in Ordnung?«, sagte er und sah mich fragend an. Ich strahlte vor Freude. Dann meinte er: »Deutschland gut, Chitler kaput!«
Am liebsten wäre ich ihm um den Hals gefallen. Er erkannte, wie froh ich war, wartete einen Moment und sagte: »Nu, Charascho, gdje Uri?« Nun gut, wo ist die Uhr? Als ich meinen Schuh aufschnürte und sie aus dem Strumpf zog, sah er mich erstaunt an. Schließlich begriff er und grinste anerkennend. Dann fragte ich ihn: »Charascho?« Und er antwortete: »Da, da, otschin charascho.« Ja, ja, sehr gut. Er hielt die Uhr ans Ohr und als er das leise Ticken hörte, wiederholte er: »Da, da, otschin charascho.«
Es war für mich ein Riesengeschäft. Diese Lebensmittel waren in dieser Zeit viel mehr wert als eine kleine goldene Uhr. Und auch der Matrose war hochzufrieden, dass er das heißbegehrte Stück besaß.
Um die Sachen nach Hause zu transportieren, hatte ich zwei alte Eimer mitgebracht. Der Russe aber schenkte mir seinen Zich und packte alles für mich hinein. Wir verabschiedeten uns. »Doswidanja«, und als er gegangen war, blickte ich ihm wieder so lange nach, bis er in der Ferne verschwand.
Die Eimer ließ ich stehen, um sie später zu holen, und brachte erst einmal den Sack nach Hause, wobei ich mir Mühe gab, unterwegs von niemandem bemerkt zu werden. Dann nämlich wären die Sachen in Windeseile fort gewesen. Meine Mutter hatte schon geraume Zeit oben am Flurfenster besorgt nach mir Ausschau gehalten und war überglücklich, als sie mich unversehrt und vollbepackt zurückkommen sah. Ich rannte nach oben, und wir unterdrückten unsere laute Freude, um kein Aufsehen zu erregen. Für uns vier, Großmutter, Mutter, die Frau von der Heißmangel und mich, hatten wir nun eine ganze Weile etwas zu essen, wenn wir es vernünftig einteilten. Also hatten wir allen Grund, froh und erleichtert zu sein. Gedankt hat es mir die fremde Frau später nicht.
Wir hatten Glück im Unglück mit unseren Vorräten. Andere traf es sehr schlimm. Im Haus wohnten inzwischen lange nicht mehr so viele Menschen wie am Tag unserer Ankunft. Manche waren in der Hoffnung in die Stadt gezogen, dort besser überleben zu können, andere suchten ihr Glück weiter draußen auf dem Land, aber viele sind einfach verhungert. Was im Einzelnen mit unseren Nachbarn geschah, haben wir kaum mitbekommen. Jede Familie war zu sehr mit dem eigenen Schicksal beschäftigt. Manchmal merkte man erst nach ein paar Tagen, dass Leute, die man sonst immer gesehen hatte, nicht mehr da waren. Sie hatten sich wieder auf den Weg gemacht, einem ungewissen Schicksal entgegen. Es war eine Zeit, in der die Menschen in der Hoffnung zu überleben umherirrten und sich leicht aus den Augen verloren.