Es war der 8. Mai 1945. Am Nachmittag schienen die Kämpfe in der Stadt wiederaufgelebt zu sein, denn von allen Seiten ertönten Schüsse, und Maschinenpistolensalven krachten unablässig. Vor unserem Haus ließ sich ein Trupp betrunkener russischer Soldaten nieder, die wild feierten und Kosakentänze aufführten. Sie schossen aus ihren Maschinenpistolen, die sie aftomat nannten, in die Luft, sodass wir uns oben an unserem Fensterchen besser nicht sehen ließen. Wir gingen nach unten, standen in der Haustür und sahen ihnen neugierig zu. Die Russen winkten, riefen uns zu, wir sollten kommen, luden uns ein, mitzufeiern. Wir waren verlegen und etwas ängstlich und gingen deshalb lieber nicht zu ihnen.
Sie sangen ihre eigentlich wunderschönen Volks- und Soldatenlieder, nun allerdings in grölendem, johlendem Ton und riefen dazwischen immer wieder. »Wojna kaputt, Chitler kaputt«, Krieg zu Ende, Hitler am Ende. Da begriffen wir, was geschehen war, das war der »Endsieg«, aber nicht der der Deutschen. Deutschland hatte kapituliert. Die Schüsse, die wir hörten, stammten von der Siegesfeier der Russen. Statt eines Feuerwerks verballerten sie ihre Artillerie-Munition. Es waren Freudenschüsse, denn der Kampf war vorüber. An diesem Abend und in dieser Nacht wurde keine der Frauen von russischen Soldaten belästigt.
Dass der Krieg vorbei war, ließ uns erleichtert aufatmen, dass unser Land besiegt worden war, bekümmerte uns sehr. Und doch freuten wir uns, am Leben zu sein. Nur Großmutter war schon seit Wochen in einem merkwürdigen Zustand, der sich in den letzten Tagen verschlimmert hatte. Den ganzen Tag jammerte und klagte sie, manchmal redete sie wirres Zeug. Niemand von uns ahnte, wie schlecht es ihr wirklich ging.
»Meine schöne Wohnung ist weg, meine schönen Möbel, und die Christel ist auch weg.« Das wiederholte sie ständig wie eine Litanei, und niemand konnte sie trösten. Mutter versuchte es unentwegt. Doch eigentlich kam man gar nicht mehr richtig an Großmutter heran. Die Erlebnisse der letzten Wochen hatten sie seelisch stark angegriffen, sie hatte die Kontrolle über sich verloren, und wir konnten nur hoffen, dass sie sich wieder fangen würde. Spätestens in der warmen Jahreszeit.
Doch auch als die Kälte nachließ und es endlich Frühling wurde, blieb Großmutter trübsinnig und untröstlich. Dabei ging es uns eigentlich gar nicht so schlecht. Wir mussten nicht mehr frieren, durch mein Tauschgeschäft mit dem russischen Matrosen waren wir erst mal vor Hunger geschützt. Und der furchtbare Leichengeruch, der so lange über der Gegend gelegen hatte, war verschwunden, weil alle Toten endlich unter der Erde lagen.
Eigentlich hätte es mit uns bergauf gehen können. Wir alle hatten das Schlimmste überstanden, das Leben ging weiter. Es gab Hoffnung, weil der Krieg zu Ende war. Vielleicht würden wir bald wieder ein normales Leben führen. Doch dann geschah etwas Furchtbares, das uns zur Verzweiflung trieb. Eines Tages war Großmutter verschwunden. Sie hatte niemandem gesagt, dass sie weggehen wollte. Nach ein paar Stunden wurden wir unruhig und suchten sie überall, konnten sie aber nicht finden. Schließlich erzählte uns unsere Mitbewohnerin, die bis dahin beharrlich geschwiegen hatte, dass Großmutter außer sich vor Erregung aus der Kammer gelaufen sei. Die Frau hatte sie nicht aufgehalten und uns nichts gesagt, vielleicht, weil sie Großmutters Zustand ungewollt mit herbeigeführt hatte. Sie hatte nämlich das Papierrollo an unserem Kammerfenster hochgezogen, während Großmutter draußen war. In diesem Rollo steckten die drei letzten Nähnadeln, die Großmutter noch besaß. Als sie wieder hereinkam und das geöffnete Rollo bemerkte, suchte sie erst vergeblich nach den Nadeln und begann schließlich zu schreien: »Erst meine Wohnung weg, dann Christel weg, dann Siegbertchen tot und jetzt auch noch meine Nähnadeln weg!« Darauf rannte sie nach draußen. Offenbar hatten die drei Nähnadeln das Fass zum Überlaufen gebracht.
Wir suchten und suchten immer weiter, und andere Mitbewohner halfen uns. Schließlich liefen wir die Treppe zum Dachboden hinauf. Die Tür war eingerastet, der eiserne Vierkantdrücker, mit dem sie sich öffnen ließ, fehlte. Ich schaute durch das Loch, konnte aber nichts entdecken. Wir riefen nach ihr, doch es kam keine Antwort.
Ich ging zusammen mit dem alten Mann, der in der Waschküche wohnte, los, um in einer der Lagerhallen der Kaserne einen Türdrücker zu suchen. Schließlich fanden wir einen Vierkant-Zimmermannsnagel, den wir um neunzig Grad bogen. Als wir ihn in die Tür steckten, war er zu dünn. Wir steckten noch einen Schraubenzieher mit hinein, und endlich ging die Tür auf. Alle drängten sich auf den Dachboden, dann ertönte ein vielstimmiger Aufschrei.
Mitten auf dem Fußboden lag Großmutter mit aufgeschnittener Kehle in einer Blutlache, die schon angetrocknet war. Sie hatte sich mit dem Rasiermesser, das ihr ausgerechnet Tante Christel geschenkt hatte und das sie immer zum Auftrennen von Nähten benutzt hatte, selbst die Kehle durchgeschnitten. Es lag noch in ihrer geöffneten Hand.
Großmutter so daliegen zu sehen, war ein furchtbarer Anblick. Mich packte das Grauen. Ich konnte nicht glauben, dass sie so dalag und wünschte mir nichts mehr, als dass das alles nur ein böser Traum war.
Der alte Mann drängte die Leute die Treppe hinunter, Mutter kniete weinend neben ihrer Mutter. Schließlich kam der Alte zurück und drückte Großmutter die Augen zu. Ich stand wie erstarrt daneben, war erschrocken, bekümmert und voller Angst. Wir verließen den Raum und verschlossen die Tür.
»Heute können wir sonst nichts mehr tun«, erklärte ich Mutter, »lass uns nach unten gehen.«
Ich versuchte sie zu trösten, so gut ich konnte. Ich nahm sie an der Hand, als wir die Treppe hinunterstiegen. In der Nacht weinten wir viel. Zugleich machte ich mir Sorgen um Mutter, die am Abend noch blasser und schmächtiger ausgesehen hatte als sonst. Nun hatte unsere Familie schon wieder ein Mitglied verloren, meine geliebte Großmutter, die uns lange Zeit eine so wichtige Hilfe gewesen war und an der wir sehr hingen.
Siegberts Tod war schnell aus meinen täglichen Gedanken verschwunden. Ich hatte ihn ja kaum gekannt. Mit Großmutter hatte ich mein bisheriges kurzes Leben geteilt. Sie so in ihrem Blut liegenzusehen, tat furchtbar weh. Aber Mutter und mir blieb nicht viel Zeit zu trauern. Uns trieb die Sorge um, wie wir Großmutter bestatten könnten. Großmutter musste beerdigt werden, und Mutter war viel zu schwach, sich darum zu kümmern. So war ich der Einzige, der für diese Rolle infrage kam. Ich bat zwei von den anderen Jungen, mir zu helfen. Wir nahmen unseren Handwagen, den wir gleich zu Anfang aus der Kaserne mitgenommen hatten, und eine der langen Kisten, in denen die Flakläufe aufbewahrt gewesen waren. Gemeinsam mit dem alten Mann aus der Waschküche trug ich Großmutter vom Dachboden herunter. Sie kam mir federleicht vor. Wir betteten sie in die schmale Kiste, und als sie darin lag, erinnerte sie mich an eine ihrer Sägemehlpuppen, so schmächtig war sie geworden.
Mutter, ein Freund und ich machten uns mit dem Handwagen und der Kiste auf den Weg zu einem der Massengräber, die noch immer jeden Tag mit neuaufgesammelten Leichen gefüllt wurden. Aber schon auf halbem Weg musste Mutter umkehren, so schwach war sie. Der Freund und ich zogen allein weiter, da sich die »Beerdigung« nicht aufschieben ließ.
Es konnte keine Bestattung auf einem Friedhof sein. Das gab es schon lange nicht mehr. So wurde auch Großmutter in einem Massengrab beerdigt, zusammen mit russischen und deutschen Soldaten, Zivilisten, alten Männern, Frauen und Kindern. Die meisten Toten wurden mit Panjewagen, auf die sie von deutschen Soldaten geladen worden waren, dorthin gefahren und dann in die Grube geworfen. Es war wie bei der Müllbeseitigung. Niemand fragte: Wer? Woher? Weshalb? Und so rutschte auch Großmutter in ihrer Kiste namenlos in die Tiefe.
Wir beiden Jungen blieben am Rand der Grube stehen und sahen neugierig und auch leicht zufrieden zu, wie Großmutters Kiste allmählich unter den nächsten Toten verschwand. Wir hatten es geschafft, ihren Leichnam unter die Erde zu bringen, was für viele deutsche Tote zu diesem Zeitpunkt nicht selbstverständlich war. Wer allein zwischen den Ruinen krepierte, wurde zum Futter für die herumstreunenden Hunde und Ratten. »Geht mal nach Hause, sonst rutscht ihr hier noch rein!«, riefen die Soldaten uns zu. Sie versuchten, uns mit ihrem Galgenhumor von diesem Ort des Schreckens zu entfernen. Sie fragten auch, warum wir allein wären, und nachdem wir es ihnen erklärt hatten, sagten sie: »Hier habt ihr noch ein Stück Brot für euch und eure Mutter.« Wir nahmen es aus ihren Händen, die gerade noch die vielen stinkenden, glitschigen Leichen berührt hatten. Es störte uns nicht, denn da wir immer Hunger hatten, nahmen wir es gern und aßen es bereits auf dem Rückweg.
Als ich zu Mutter zurückkam, lag sie auf dem Bett und weinte leise vor sich hin. Als sie mich sah, rief sie mich zu sich, nahm mich fest in die Arme und sagte: »Ach Gott, Bullerchen, jetzt bist nur du noch da.« Gemeinsam weinten und weinten wir. Ich glaube, meine Mutter hat sich von diesem Schmerz nie mehr richtig erholt. Ich hatte bei allem Kummer inzwischen gelernt, Schicksalsschläge hinzunehmen und trotzdem beharrlich am Leben festzuhalten und alles zu tun, damit wir auch am Leben bleiben konnten. Was ich schon vor dem Sturm auf Königsberg gewesen war, der »Mann im Haus«, der die Entscheidungen trifft und dafür sorgt, dass alles weitergeht, musste ich auch jetzt bleiben, vielleicht in stärkerem Maße, denn wir waren nun ganz auf uns selbst angewiesen und das in einem eher feindlichen Umfeld. Denn viele Russen blieben unsere Feinde, auch nach dem Ende des Krieges.
Einmal fuhr ein russischer Offizier mit einem erbeuteten deutschen Kübelwagen in den Innenhof, einem Mercedes 170V oder S oder dessen Vorläufermodell. Er hielt gleich vor dem Brunnen und fing an, den Wagen zu waschen. Der Alte aus der Waschküche ging zu ihm hin und bot ihm Hilfe an, in der Hoffnung, dass er als Lohn etwas zu essen bekomme. Wir Kinder standen in der Nähe herum und sahen zu. Der Russe war angetrunken und in schlechter Laune. Er behauptete, der Mann habe eine Taschenuhr. Doch der sagte: »Njet, Njet!«, worauf der Russe immer wütender wurde und lauter und lauter brüllte.
Der alte Mann bekam Angst, lief in die Waschküche und warf sich verzweifelt auf seine Pritsche. Der Russe rannte hinterher und zog noch im Laufen seinen Trommelrevolver. Wir liefen hinzu und sahen, wie der Russe den Mann ohne weitere Worte aus nächster Nähe erschoss. Dann griff er ihm in die Tasche, und was fand er? Eine goldene Taschenuhr an einer Kette. Der Alte hatte sie bei sich getragen, und anscheinend hatte der Russe sie hervorblitzen sehen. Hätte der Mann doch bloß aufgepasst!
Wir Kinder rannten entsetzt davon, in Richtung Straße, weil wir hofften, dort Hilfe zu finden. Es herrschte einiger Verkehr, seit die Russen die Kaserne bezogen hatten. Als wir uns umdrehten, sahen wir, wie der Russe, der geschossen hatte, in seinen Wagen stieg, um wegzufahren. Doch das Auto sprang nicht an. Er sah sich um, entdeckte uns und forderte uns auf, anschieben zu helfen.
Wir rannten davon und beobachteten aus größerer Entfernung, was nun geschah. Zu unserem Erstaunen kamen von der Kaserne zwei Milizsoldaten mit den typischen grünumrandeten Tellermützen auf Fahrrädern angefahren. Offenbar hatte sie jemand informiert oder sie hatten selbst den Schuss gehört. Wir winkten ihnen und zeigten in den Hof. Sie lehnten die Fahrräder gegen den Zaun und befahlen uns, darauf aufzupassen. Aus gutem Grund, alles wurde geklaut, ob es der Miliz gehörte oder nicht. Uns deutschen Kindern vertrauten sie.
Sie zückten die Revolver, riefen »Ruki werch!«, Hände hoch!, gingen auf den Betrunkenen zu, entwaffneten ihn und schleppten ihn mit vorgehaltener Waffe zum Kasernentor. Einer von ihnen kam zurück, um die Fahrräder zu holen. Er wollte wissen, was geschehen war, und wir sagten ihnen, der Mann habe zapzarap gemacht, die Uhr gestohlen und den Mann erschossen. Dann fuhr der Milizionär mit den beiden Rädern in die Kaserne zurück.
Der Alte tat uns leid, er war freundlich und hilfsbereit gewesen. Nun hatten wir wieder einen Toten, der begraben werden musste, wieder zog ich den Leiterwagen, diesmal zusammen mit ein paar anderen Jungen und der armen alten Frau des Ermordeten, die nun allein in ihrer Waschküche hausen musste. In eine Kiste hatte er nicht gepasst, deshalb hüllte sie ihn in seinen Mantel. Ich möchte wetten, dass ihm später jemand den Mantel ausgezogen hat. Genauso wenig feierlich wie Großmutter sank auch er in das Massengrab.
Ein paar Tage später fuhren die beiden Milizionäre in unserer Nähe vorbei. Wir liefen auf sie zu, um zu erfahren, ob der Mann bestraft worden war. Ihre Antwort war einfach und klar. Sie zogen mit dem Zeigefinger einen Strich über die Kehle. Der Mann war also erschossen worden. Es war ein wenig Ordnung eingekehrt, die russische Armee hatte ihre Truppen besser im Griff. Auf ein Raubdelikt stand selbstverständlich die Todesstrafe.